Ancallon Literatur - Der Narrenzyklus
Aus dem Narrenzyklus:
Wie der König lernte, auf seinen Narren zu hören
Von Kyamesraal, dem ersten König Ancallons, ist bekannt, daß er
oftmals kühn voranging, selbst wenn es besser gewesen wäre, zurückzubleiben.
Zu diesem Zwecke nämlich, ihn zurückzuhalten, hatte der Herr
des Lichts ihm einen Narren an die Seite gestellt, das war Lúry:
der trug die Schelle der Weisheit, wie Kyamesraal das Schwert der Kraft
führte. Doch allzu oft wollte der König nicht auf die Weisheit
hören, und hätte nicht eines Tages Saighneás selbst seine
Hand im Spiel gehabt, Kyamesraal wäre sicher blind in sein Verderben
gerannt.
Denn es waren die Drachen, die Kyamesraal fürchtete ob ihrer schwarzen
Gestalt und ihrer Macht zu fliegen. Und Drachen wollte er mit seinem Schwerte
schlagen.
"
Haltet ein", sprach Lúry, als der König sich bereit machte,
zu den Drachen zu gehen. "Sie sind doch nicht Feinde, die wir fürchten
müssen. Wohl sind sie Geschöpfe der Nacht, aber sie sind dem
Lichte nicht abgekehrt."
"
Wohl denn, so sind sie doch Drachen", entgegnete Kyamesraal in seinem Übermut, "und
es ist kein Raum hier für Drachen und Menschen. Gleichfalls höre
ich sie lachen in ihrer Sicherheit, daß sie uns so leicht besiegen
könnten."
"
Das könnten sie wohl, mein König, so haltet ein, sind die Drachen
doch viel stärker als Ihr! Schwingt Ihr Euch über sie auf, so
werdet Ihr doch nur tiefer enden!"
Doch Kyamesraal hörte nicht auf seinen Narren und machte sich auf
den Weg in die Nacht, wo er die Drachen zu finden glaubte. Und da fand
er sie, die Avvardrák, wohl die mächtigsten Geschöpfe
unter dem Lichte, denn sie waren Wesen der dritten Nacht.
Groß waren sie, mächtig wie die Nacht selbst, und Kyamesraal
mit seinem Schwerte zwischen ihnen weniger als das Licht eines einzelnen
Sterns am gewaltigen Himmel der Finsternis. Jedoch wagte der König,
sie anzugreifen.
Leuchtend im Lichte waren die brennenden Flammen, die sie ihm schickten;
gewaltig allein ihr heißer Strahl, der seine Klinge brannte und ihm
die Kraft nahm. Da lag er nun, hilflos als ein verloschener Stern; zwischen
die Drachen aber trat Saighneás selbst und sah auf ihn herab.
"
Nun höre, Kyamesraal, der du dich mächtig dünktest und doch
so erbärmlich bist unter den Drachen!" sprach der Herr des Lichtes. "Du
maßest dich an, über Drachen zu richten: ach glaubst du denn,
nur weil du als König eine Krone trägst, seist du gleich die
Krone aller Schöpfung? Magst du auch des Tags dich als Herr über
Land und Pflanzen und Tiere fühlen, gleichwie die Katze den Mäusen
ein mächtiger Herrscher sein muß; über dir sind die Drachen,
unter denen bist du doch nicht mehr wie eine Katze unter Löwen. Nein!
auf deinen Narren solltest du hören, denn er trägt die Schelle
der Weisheit und weiß wohl, daß auf Licht stets Dunkelheit
folgt; nun steh auf aus dem Staube und nimm dein Schwert und sei dort König,
wo du zu richten genannt wurdest!"
So kehrte Kyamesraal zurück in das Licht, und von nun an folgte er
der Weisheit seines Narren. Seinen Hochmut aber hatte er an die Nacht verloren,
denn er hatte wohl gelernt, daß selbst der strahlendste Stern bei
Tag verblaßt gegen das allmächtige Licht der Sonne.
Aus dem Narrenzyklus:
Der Narr und das Labyrinth
oder: Wie der Narr zu seinen Schellen kam
Von Lúry erzählt man sich, daß er einmal in arge Bedrängnis
kam, nämlich als er einmal vor dem Volke prahlte, er sei weitaus
klüger als der König und würde in Wahrheit das Land regieren,
während der König nichts anderes tat, als den Ratschlägen
des Narren zu folgen. Zu jener Zeit, so muß man wissen, war dem
Narren das Lügen noch erlaubt. Außerdem trug er noch keine
Schellen außer der einen als Zeichen der Weisheit, so wie Kyamesraal
das Schwert trug und Malescaron den Stein.
Der König aber hatte Lúrys Prahlerei wohl gehört, denn
ein guter König mischt sich bisweilen unerkannt unter sein Volk,
um zu erfahren, wie es im Lande steht. Lúry hatte ihn nicht erkannt;
erst als sich einer aus der Menge löste und auf ihn zu trat, erkannte
er Kyamesraal, seinen König.
Der König, der für das Volk in jenem Moment nichts weiter war
als ein Fremder in einem dunklen Mantel, faßte Lúry am Arm
und zog ihn von der Menge fort in eine dunkle Gasse.
"
Würde Er nun wiederholen, was Er vor der Menge zu behaupten wagte",
verlangte der König.
Lúry aber schwieg. Nicht einmal den König anzusehen wagte
er.
"
Nun", sagte der König, "so wird Er bald Gelegenheit erhalten,
seine Klugheit unter Beweis zu stellen."
Und was der König sprach, geschah.
Am nächsten Morgen ließ der König den Narren zu sich
kommen und teilte ihm mit, was geschehen sollte.
"
Er wird den heutigen Tag frei bekommen", erklärte der König. "Am
Abend wird Ihm eine Aufgabe gestellt werden, wo Er zeigen kann, was seine
Klugheit ihm nützt. Dazu darf Er mitnehmen, was Er für brauchbar
erachtet: nur muß Er sich entscheiden, bevor Er die Aufgabe kennt.
So soll Er den Tag nutzen, es wohl zu bedenken, denn Er darf nichts mitnehmen
als das, womit Er heute zur letzten Stunde hier erscheint."
Aber Lúry mußte nicht überlegen, er war ein Narr, und
wie ein Narr wollte er handeln.
Am Abend also, zur Stunde nach Sonnenuntergang, erschien der Narr vor
dem König und hatte nichts dabei als seine Narrenkleidung, doch
hatte er den ganzen Tag darauf verwandt, sie über und über
mit kupfernen Schellen zu besetzen. Neunundneunzig Stück zierten
nun seine Kleidung, dazu trug er die eine, die große, an einem
Lederband um den Hals. Schellen als Symbol der Weisheit, war es das,
was der Narr unter Klugheit verstand?
So trat der Narr vor seinen König, und der König konnte nicht
anders als ihn zu belächeln.
"
Hat Er sich wohl überlegt, was Er mitnehmen möchte? Würde
Er mir seine Entscheidung erläutern?"
"
Ich bin ein Narr, oder nicht?" erwiderte Lúry, und die neunundneunzig
kleinen Schellen klingelten leise. "So wählte ich als Narr
das Symbol der Weisheit, über und über; ich sollte Klugheit
beweisen, oder nicht?"
"
Klugheit ist nicht dasselbe wie Weisheit", stellte der König
fest. "Ein Narr, der das nicht wüßte."
"
Und ich bin ein Narr", sagte Lúry.
"
Würde ich Ihn schicken, einen Vogel zu fangen, die Schellen würden
Ihn verraten", bemerkte der König. "Ein Narr, der die
Stille verschenkte."
"
Und ich bin ein Narr", sagte Lúry.
"
Würde ich Ihn schicken, eine weite Strecke zu reisen, das Gewicht
der Schellen würde Ihn alle Kraft kosten", erklärte der
König. "Ein Narr, der diese Last tragen wollte."
"
Und ich bin ein Narr", sagte Lúry.
"
Also gut, Narr", sprach der König, "so höre Er nun
seine Aufgabe: Nicht weit von hier wurde aus mächtigem Felsgestein
ein gewaltiges Labyrinth erbaut, in dessen Zentrum es eine steinerne
Pyramide zu finden gibt, die etwa mannshoch ist: in dieser Pyramide ist
eine Öffnung, und darinnen liegt nun eine Kugel aus weißem
Glas; die bringe Er uns, wenn Er kann! Wir wollen sehen, ob seine Klugheit
Ihm weiterhilft, und all die Schellen. So Er die Kugel bringt, mag Er
sie behalten; so Er aber scheitert - und Er wisse, die Frist ist morgen
früh - wird sein Leben nicht mehr wert sein als diese Feder."
Er hob eine der goldverzierten Schreibfedern vom Tisch auf und zerbrach
sie. Mehr mußte er dazu nicht sagen, denn Lúry hatte den
König beleidigt in einer Weise, die selbst einem Narren nicht gut
ansteht, und so war es des Königs Recht, ihn mit dem Tode zu bestrafen.
"
Andere haben sich zuvor daran versucht, Lúry, die es wagten, wider
den König zu sprechen. Starke Krieger waren unter ihnen, mächtige
Männer. Nicht einer kehrte zurück."
Lúry wurde also in das Labyrinth gebracht, das Gitter, das den
Eingang versperrte, hinter ihm geschlossen: erst am nächsten Morgen
sollte es wieder geöffnet werden. Da stand er nun im Dunkeln, der
Narr; vor ihm das Labyrinth, irgendwo dort sein Ziel, eine kleine Kugel
aus weißem Glas. Und mit ihm nichts als die Nacht, ein Mond, so
kupfern wie die Schellen, und wie diese Sterne, unzählige.
Aber Lúry wußte sehr wohl, daß sie ihm nutzen würden.
Die große, die Schelle der Weisheit, von der er sich sonst niemals
trennte, die hängte er an das Gitter, das den Ausgang zeigte: dort
hing sie dann und schaukelte und klingelte sacht im leisen Nachtwind.
Dann machte er sich auf den Weg, und von der ersten Abzweigung an markierte
er seinen Weg mit den Schellen, die er von seiner Kleidung riß;
führte ihn der Weg nun auf einen toten Gang, so kehrte er um und
sammelte die Schellen wieder ein, bis er einen Gang fand, den er noch
nicht gegangen war. Irgendwann führten sie ihn in die Mitte des
Labyrinths.
Dort stand sie, eine mannshohe Pyramide aus hellem Stein, der beinahe
weiß war gegen den dunklen Fels der Mauern. In ihr verborgen lag
die weiße Kugel, sie war kalt wie Eis, doch sie erwärmte sich
schnell, als Lúry sie in die Hand nahm. Die weiße Kugel,
sein Leben; er war verloren, wenn er sie nicht brachte. Doch er würde
sie bringen, denn die Schellen wiesen ihm den Weg zurück. Und als
die Sonne aufging, konnte er sie hören, die eine, die große,
die den Ausgang zeigte. So war er zurück, als das Gitter geöffnet
wurde, und in der Hand hielt er die Kugel aus weißem Glas, die
im Licht der neuen Sonne strahlte, als sei sie die Sonne selbst.
So sprach der König zu Lúry:
"
Wir sehen, Er hat die Prüfung bestanden; mag Er also die Kugel behalten.
So darf ein Narr wohl wider seinen König reden, aber eines wisse
Er, Lúry. Er wird all diese Schellen wieder annähen und sie
immer tragen, selten soll Er sich von manchen, niemals von allen trennen:
denn jeder soll einen Narren erkennen, wenn er einen sieht, und wohl
gewarnt sein, nicht auf ihn zu hören."
Lúry wußte, daß es eine milde Strafe war, und er machte
sich gleich daran, die Schellen wieder dort aufzunähen, wo er sie
zuvor herabgerissen hatte. Die weiße Kugel trug er gleichfalls
von da an stets bei sich, und manchmal holte er sie hervor und erzählte
ihre Geschichte. Sie war ein Leben, eine Sonne; und wie dazu die kupfernen
Schellen Sterne und Mond vereinen, so tanzt der Narr durch Tage und Nächte
und singt weise Worte, die niemand hören will.
So kommt es, daß ein Narr Schellen trägt, Weisheit über
und über; und doch wird niemand einem Narren glauben, gleich welch
kluge Worte er sprechen mag. Denn nur weise Männer sind weise Männer,
und Narren sind eben Narren. So war es seither; so ist es bis heute geblieben.
Aus dem Narrenzyklus:
Warum der Narr nicht lügen darf
oder: Licht ist Licht und Nacht ist Nacht
Wenn man den Beruf des Narren ein Handwerk nennt, so war Lúry
sicher ein Meister darin. Und wie ein rechter Meister fand er sich eines
Tages einen Lehrling, das war Lyeljan. Der aber war ein rechter Schelm.
Lyeljan nämlich konnte das Lügen nicht lassen. Er machte sich
einen Spaß daraus, den Bauern zu berichten, er habe den Rascón
im Hühnerstall gesehen, und den Wachen des Königs erzählte
er, des Nachts schlichen fremde Gestalten um den Palast. Und wenn die
Bauern oder die Wachsoldaten hastig nach draußen liefen, um nachzusehen,
stand Lyeljan da und lachte.
"
Wart', dir werd' ich helfen!" riefen sie dann meistens und schwangen
drohend ihre Fäuste nach ihm.
Bald kam der Tag, da glaubten sie ihm nicht mehr. Was immer er versuchte,
niemand fiel mehr darauf herein, ja sie hörten ihn einfach nicht
und gingen ungestört weiter ihrer Arbeit nach.
So konnte es geschehen, daß Mylo ihn überraschte.
"
Wo willst du hin, kleiner Narr?" fragte der Dämon und trat
ihm in den Weg.
Lyeljan erkannte ihn wohl, ein Geschöpf der zweiten Nacht, und laut
rief er, daß jemand ihm zum Beistand käme, denn er wollte
nicht allein sein mit einem Dämonen.
"
Zwecklos, kleiner Narr", sprach Mylo lachend und hob eine Hand. "Sie
hören dich nicht. Sie wollen dich nicht hören, also können
sie dich nicht hören!"
"
Was willst du von mir?" fragte Lyeljan, dessen schelmische Neugier
die Angst bald besiegt hatte.
"
Weißt du das denn nicht? Ich will dir die Nacht zeigen!"
"
Die Nacht?" lachte Lyeljan. "Aber sieh nur, da geht doch schon
die Sonne auf!" Und er zeigte auf eine dunkle Stelle am Horizont.
Und der Dämon glaubte ihm und wandte sich nach der Sonne um, aber
natürlich war da nichts als Finsternis.
"
So!" sprach er aufgebracht zu Lyeljan, "also wagst du es, ein
Geschöpf der zweiten Nacht zu belügen? Verflucht sein sollst
du von nun an, höre gut, was ich dir zu sagen habe:
Die Nacht sollst du sehen und nichts als die Nacht;
Das Licht sollst du suchen und finden doch nicht;
So hast du dich selbst um die Wahrheit gebracht;
Sei die Lüge dein Leben, und die Nacht sei dein Licht.
So sei es von nun an, als Narr seist du blind,
Verflucht bis zu dem Tag, da Narren Wahrsprecher sind."
Lyeljan verstand es nicht, doch als Mylo verschwunden war, sah er -
nichts.
So fand Lúry ihn am nächsten Morgen, den Jungen, er lag am
Boden und schien zu schlafen. Er hob ihn auf und trug ihn in Kyamesraals
Palast, wo er ihn in seinem Zimmer niederlegte und wartete, daß er
erwachte.
"
Was ist geschehen, Lyeljan", fragte er ihn und ahnte es da längst, "du
siehst mir aus, als habest du einen Dämonen gesehen."
"
Nein", sagte Lyeljan und hatte es doch bejahen wollen, aber die
Wahrheit kam nicht länger über seine Lippen.
Doch Lúry verstand ihn schon.
"
Sicher hast du auch ihn belogen", vermutete er und kannte ohnehin
die Antwort.
"
Nein", erwiderte Lyeljan, obschon er nun nichts lieber gewollt hätte
als wahr zu sprechen.
"
Ist es denn Tag oder Nacht nun?" fragte Lúry weiter, denn
er kannte die Geschöpfe der zweiten Nacht und wußte, was zu
tun sie imstande waren.
"
Nacht", antwortete Lyeljan.
"
Und, Lyeljan", wollte Lúry noch wissen, "siehst du denn
das Licht?"
"
Ja", log Lyeljan; da wußte Kyamesraals Narr, daß die
Dämonen ihm das Licht genommen hatten.
Also machte sich Lúry auf den Weg in die Nacht, denn er wollte
die Dämonen selber sprechen. Er mußte nicht lange suchen,
bevor er sie finden konnte, fanden sie ihn.
"
Nacht ist Licht und Licht ist Nacht", spotteten sie, "bis der
Narr die Wahrheit sagt!"
"
Hört mich an", bat Lúry sie, "ich bitte Euch -"
"
Licht ist Nacht und Nacht ist Licht", fuhren sie fort, "bis
der Narr die Wahrheit spricht!"
"
Nein, hört mir zu", versuchte Lúry es erneut, und endlich
waren sie still. "Seht mich an", sprach er alsdann, "seht
mich, und sagt mir nur, was Ihr seht."
"
Einen Narren", lachten sie, "wir sehen einen Narren."
"
Einen Narren, der seine Lektion längst lernte", sagte Lúry, "habe
ich doch selbst einmal unseren König verspottet. Und einen Narren,
den man unter Handwerkern wohl einen Meister nennen würde. Lyeljan
aber ist kein Narr, er ist nichts als mein Lehrling."
"
Lüge!" riefen die Dämonen, "er ist ein kleiner Narr,
haben wir doch selbst gesehen!"
"
Dann seid Ihr blind", widersprach Lúry, "denn ein Narr
ist nicht eher ein Narr, als bis sein Lehrmeister es sagt. Der aber bin
ich; und als Kyamesraals Narr der einzige Narr am Hofe. Und ich spreche
die Wahrheit."
"
Schwöre es", riefen die Dämonen, sicher, daß der
Narr nicht wagen würde, die Macht der Lüge zu vergeben.
Lúry aber sah sie mit festem Blick an und schwor, als erster Narr
band er sich an die Wahrheit.
"
Die Wahrheit will ich sprechen von nun an", sagte er, "die
Macht der Lüge niemals mehr nutzen. Im Licht will ich sprechen von
nun an, den Schutz der Dunkelheit niemals mehr suchen. Die Nacht will
ich zu erhellen suchen, die Schatten finden, doch der Wahrheit und dem
Lichte dienen und sie in Ehren halten."
Also trat Mylo vor und sprach:
"
So hast du als einziger Narr dich nun an die Wahrheit gebunden, Lúry.
Kyamesraals Narr hat die Kraft der Lüge verschenkt! So will ich
nun, wie es versprochen war, Lyeljan die Blindheit nehmen; mehr noch,
von all euch Narren will ich die Blindheit nehmen, sie sollen Wahrheit
und Lüge sehen, Licht und Nacht wohl zu unterscheiden wissen! Aber
eines erkenne, Narr, in Wahrheit und Lüge sind wir nun Feinde; denn
du bandest dich auf immer an das Licht, unser aber ist die Nacht."
Also erkannte der Narr, und er kehrte zurück in den Tag, um Lyeljan
zu suchen.
"
Willst du nun ein Narr sein, Lyeljan", fragte er ihn, "auch
wenn es bedeutet, der Lüge zu entsagen und sich der Wahrheit zu
verpflichten?"
Und Lyeljan bejahte das, denn längst hatte er sich selbst geschworen,
niemals mehr zu lügen.
Da ließ Kyamesraals Narr ihn den ersten Schwur der Narren schwören,
und da Lyeljan nun gleichfalls ein Narr war, riß Lúry eine
seiner Schellen herab und gab sie ihm als Zeichen der Weisheit.
"
Vergiß nie, was du geschworen hast", mahnte er ihn, "denn
so du Narr bist, mußt du Narr bleiben; allein wenn du den Schwur
brichst, wirst du zurückkehren in die Blindheit, und Licht wird
ewig Nacht sein für dich. Das aber wisse, wenn auch du die Macht
der Lüge vergeben hast, daß die Macht der Wahrheit sehr viel
größer ist; und allein größer noch als die Macht
der Worte ist das Schweigen selbst."
So haben viele Narren seitdem das Licht gesehen, und alle schworen der
Lüge ab; so es aber nicht immer rechte Wahrheiten gibt, bleibt ihnen
die Macht zu schweigen. Und von daher kommt, daß man noch heute
oftmals sagt: »Schweigen bricht die Macht der Worte«, wenn
man erkennt, daß wohl die Wahrheit falsch sein könnte.
Aus dem Narrenzyklus:
Der Tanz des Narren
oder: Die Fesseln der Finsternis
Der Narr ist ein Traumtänzer unter Sternen, Mond und Sonne. Er trägt
Kugeln, die sind eine hell wie der Tag und drei schwarz wie die Nacht,
und Schellen, die sind kupferne Sterne und singen die Lieder der Welt.
Ein Narr aber weiß Lieder zu singen, die sind mehr als das, und
sein Tanz zeigt den Menschen all ihre Träume; und wer den Narrentanz
einmal gehört hat, wird ihn nie vergessen.
Lúry war es, der ihn als erster hörte. Lúry, der
es wagte zu schweigen. Es ist wohl eine lange Geschichte, die aber kurz
erzählt werden kann, so wie ein Narr manche lange Geschichte in
wenigen Worten zu erzählen weiß.
Es war zu einer Zeit, die sehr lange vorbei ist, lange noch, bevor das
Erdbeben die Zweite Stadt zerstörte. Zu einer Zeit, da die Menschen
Seite an Seite mit den Drachen kämpften, für den Frieden, für
das Licht, und gegen die Dunkelheit. Denn die Dämonen, Geschöpfe
der zweiten Nacht und Wächter der Götter, wollten den Tag;
wollten auch Wächter der Menschen sein und Wächter des Lebens
und Wächter der Lande und der Wasser, so Wächter des Lichts.
Das aber wollten die Menschen nicht, noch konnten die Drachen es dulden.
So war es, daß unter der Führung Kyamesraals gekämpft
wurde für die Gleichheit, den Frieden zwischen allen sechs Dimensionen,
denn wenn auch die Götter Götter waren und die Steine Steine,
so sollte doch niemand Herr über einen anderen sein.
Es geschah, daß Lúry, der Narr des Königs, zwischen
die Dämonen geriet, da seine Schellen Mond und Sterne waren, und
die waren Geschöpfe der zweiten Nacht, gleich den Dämonen:
so konnte es denen gelingen, den Narren zu fangen. Das war zu einer Zeit,
da sie den Kampf fast verloren hatten; nur mit dem Narren zwischen ihnen
konnten sie die Klinge noch abwenden. Denn er war der Schlüssel
zum dritten Tag und zur dritten Nacht, zu denen, die dort kämpften,
die Herrschaft der Dämonen zu brechen.
Also stellte Moto Lúry ein Rätsel.
"Wann sieht die Welt die Sonne nicht, träumen die Menschen?
Wenn Lieder Träume sind, wann singen die Drachen?"
Nun war es an Lúry zu antworten. Um ihn herum standen die neun
Dämonen und warteten, und der Narr wußte die Antwort wohl,
es war Nacht, wenn die Menschen träumten, und der Tag die Zeit der
Drachenlieder; so lautete die Antwort 'Nacht', und sie lautete 'Tag'.
Doch Miki trat vor und hielt eine schwarze Kugel und sprach:
"
Sieh her, sie ist schwarz, so schwarz wie die Nacht. Lautet aber die
Antwort 'Nacht', so werden wir wissen, die Menschen zu töten."
Und Myne trat vor und hielt eine schwarze Kugel und sprach:
"
Sieh her, sie ist schwarz, so schwarz wie die Drachen. Lautet aber die
Antwort 'Tag', so werden wir wissen, die Drachen zu töten."
So konnte Lúry weder die eine noch die andere Antwort geben, und
da er nicht lügen durfte, blieb er stumm.
Aber Mora trat vor und hielt eine schwarze Kugel und sprach:
"
Sieh her, sie ist schwarz, so schwarz wie die Schatten, die Dunkelheit
selbst. Wage es nicht zu schweigen, Lúry, oder du wirst die Fesseln
der Finsternis niemals wieder brechen."
Lúry aber sah sie an und schwieg. Er sprach nicht, auch nicht,
als sie ihre Warnungen wiederholten. Er sprach nicht, als sie ihren Kreis
enger zogen, und nicht, als sie begannen zu singen. Ihre Gesänge
aber waren keine Lieder, nichts als Schreie: sie zerbrachen die Stille
in Lúry und ließen doch Stille zurück.
Sie ließen den Narren gehen, da sie nicht die Macht besaßen,
ihn zu halten. Die drei schwarzen Kugeln gaben sie ihm mit, daß er
nicht vergessen möge, warum er nun schweigen mußte.
Es war die blaue Stunde, in der die Menschen und die Drachen sich trafen.
Zwischen sie trat Lúry und konnte doch nicht sagen, was geschehen
war.
Malescaron war es, der den Narren sah, und er hielt ihn und sagte:
"
Drei schwarze Kugeln, Lúry. Ihr wart bei den Geschöpfen der
zweiten Nacht."
Lúry hörte ihn nicht, er hörte nichts als die Schreie
in sich. Er öffnete den Mund, um selbst zu schreien, aber er blieb
doch stumm. Sogar die Schellen klangen nicht mehr.
So brach der Narr zwischen ihnen zusammen und blieb dort am Boden liegen.
Sie wollten ihm helfen, sie hoben ihn auf und brachten ihn fort und blieben
bei ihm, selbst die Drachen blieben, obschon es Tag wurde. Lúry
aber versuchte zu sprechen und brachte doch kein Wort hervor.
Sie wachten bei ihm den ganzen Tag, Menschen und Drachen vereint, aber
es blieb, wie es war, Lúry blieb gefangen in diesem Käfig
aus dämonischen Schreien und blieb selbst doch stumm.
Es wurde Nacht, und Lúry schwieg, so sehr er auch sprechen wollte.
Sie sahen den Wahnsinn in seinen
Aus dem Narrenzyklus:
Als Fárinan für einen Tag König war
Zur Zeit des Königs Rorard -- das war eine Zeit, da gab es noch
Síor Callÿn, und die Pferde, die man ritt, wurden noch wild
gefangen - gab es einen Narren am Hofe, das war Fárinan. Von diesem
lustigen Burschen erzählt man sich so manche Geschichte. Die bekannteste
ist sicher die von dem Tag, an dem Fárinan König war. Das
kam so:
Es war eines Abends nach der alltäglichen Konferenz, die wie gewohnt
zur grauen Stunde stattfand. An diesem Abend hatte der König viele
schwere Entscheidungen zu treffen, denn es waren die Jahre des Windes,
und die Leute hatten Angst. Wie es üblich war, stand Fárinan,
der trotz seiner Jugend manchen an Weisheit übertraf, ihm dabei
zur Seite, doch der König war ein guter König, und selten nur
mußte Fárinan ihn von einer Entscheidung abbringen.
Als dann die Minister den Saal verlassen hatten und der König mit
seinem Narren allein war, stand der König auf und begann, in weiten
Kreisen um den Tisch zu laufen. Die Arme hielt er dabei auf dem Rücken
verschränkt, und er blickte zu Boden; es schien, als denke er angestrengt
nach.
Vor dem Tisch, auf dem Fárinan saß, blieb der König
schließlich stehen, hob den Kopf und sah den Narren an.
"
Ach, Fárinan", seufzte er, "wie schön wäre
es doch, ein Narr zu sein! Den ganzen Tag kann Er fröhlich sein
und Musik machen und Geschichten erzählen oder auch einfach nichts
tun, während sein König sich quält, die Entscheidungen
für ein ganzes Volk zu treffen! Wie schön wäre es, singend
durch die Felder zu laufen, niemand, der einen beachtet! Wie schön,
ein Narr zu sein!"
Fárinan sah den König einen Augenblick lächelnd an,
dann aber wurde seine Miene ernst, und er erwiderte leise:
"
So einfach ist das nicht, mein König."
Dann glitt er vom Tisch herab und begann, wie der König zuvor, in
weiten Kreisen darum herum zu laufen. Mit auf dem Rücken verschränkten
Armen und finsterer Leidensmiene sprach er:
"
Ach, Majestät, wie schön wäre es doch, ein König
zu sein! Den ganzen Tag könnt Ihr fröhlich sein, müßt
Ihr doch nicht arbeiten und habt doch immer genug Geld! Nur dem Volke
sich präsentieren und ab und zu ein bißchen das Land regieren,
wie schön wäre das! Auf dem Balkon des Palastes würde
man stehen und auf die Bauern herab sehen, und jeder, jeder beachtet
einen! Wie schön, ein König zu sein!"
Der König lachte, denn eigentlich war er ein sehr fröhlicher
König.
"
So meint Er wohl, es sei leichter, König zu sein als Hofnarr?" fragte
er dann.
Der Narr grinste und nahm seinen Platz auf dem Tisch wieder ein.
"
So meint Ihr wohl, es sei leichter, Hofnarr zu sein als König?" gab
er zurück, wobei er sich bemühte, die Stimme des Königs
so gut wie möglich nachzuahmen.
Lächelnd wandte der König sich ab und trat ans Fenster. Eine
Weile sah er hinaus in die Dunkelheit, denn längst hatte die Sonne
ihren Platz mit dem Mond getauscht und würde ihn erst am Morgen
zurückerhalten.
"
Nun gut", sagte der König schließlich und trat erneut
an Fárinan heran, der immer noch auf dem Tisch saß. "Wir
werden es herausfinden. Von morgen früh an bis zur grauen Stunde
sei Er König, und sein König wird den Platz eines Narren einnehmen."
"
Abgemacht", erwiderte der Narr kichernd, "mit einem Unterschied.
Nicht von morgen früh an werden wir die Rollen tauschen, sondern
von jetzt an!"
Rasch griff er nach der Krone des Königs und setzte sie sich selbst
auf. Dann stellte er sich auf den Tisch, sah von dort auf den König
herab und wies schließlich mit ausgestrecktem Arm in herrischer
Geste auf die Tür.
"
Nun geh' Er schlafen, die Konferenz ist längst beendet!" rief
er.
Der König zögerte nicht lange, da er Spaß verstand; so
machte er sich auf zum Zimmer des Narren. Fárinan aber hüpfte
fröhlich vom Tisch und schritt dann mit würdevollen Schritten
davon, denn heute nacht würde er im königlichen Bette schlafen.
Zufrieden machte der König es sich im Zimmer des Narren gemütlich.
Er zog den mit Stroh gefüllten Sack unter das Fenster, legte sich
darauf und deckte sich mit der bunten Decke zu, glücklich, endlich
einmal wie ein einfacher Mann schlafen zu dürfen.
Bald aber mußte er feststellen, daß er nicht schlafen konnte.
Das Stroh in dem Sack piekste und zwickte ihn, und durch das undichte
Fenster zog es so sehr, daß die dünne Decke ihn kaum wärmen
konnte. Zudem war der Sack zu kurz, um ganz darauf zu liegen, und so
drehte der König sich viele Male hin und her, bevor er endlich schlafen
konnte.
"
Aber was soll's", dachte er sich, "die eine Nacht nur, morgen
werde ich wieder in meinem weichen Bette liegen."
Fárinan indes hatte einige Mühe gehabt, den Dienern des
Königs zu erklären, was vorging. Schließlich aber glaubten
sie ihm, denn er war nun mal ein Narr, und diese hatten mitunter etwas
wunderliche Einfälle. Und da sie wußten, daß ihr König
einen solchen Scherz mitmachen würde, hatten sie keinen Grund, ihm
nicht zu glauben.
Dann endlich lag der Narr im großen, weichen Bett des Königs.
Es war ein weiter Weg gewesen bis dahin; ständig hatten die Diener
ihn gefragt, ob er noch irgend etwas brauchte, nichts hatten sie ihn
selbst tun lassen. Selbst beim Auskleiden hatten sie ihm geholfen.
Und nun, da er schlafen wollte, waren sie immer noch da!
"
Was wollt ihr denn noch, kann ich jetzt nicht endlich schlafen?"
Die Diener kicherten, als Fárinan ihnen aber einen warnenden Blick
zuwarf, waren sie still.
"
Wenn Seine Majestät es wünscht, werden wir nun gehen",
sagte einer, nicht ganz ohne Spott.
"
Ich wünsche nicht, ich befehle", erwiderte Fárinan gefährlich
leise, und da mußten sie ihm gehorchen.
Endlich also war der Narr allein. Wie eine Katze rollte er sich im großen
Bett des Königs zusammen und wollte schlafen. Doch auf der weichen
Matratze wußte er gar nicht, wie er sich legen sollte; zudem waren
da Geräusche von draußen, die ihn störten. So stand er
schließlich wieder auf und ging zur Tür, um nachzusehen.
Vor der Tür standen zwei Wachsoldaten, die sofort Haltung annahmen,
als sie den König sahen.
"
Warum steht ihr hier?" fragte Fárinan, denn er hatte geglaubt,
endlich allein zu sein. Dann aber kam ihm in den Sinn, daß sie
ihn wohl des Nachts bewachen wollten, denn Wachsoldaten sind dazu da,
das Leben des Königs zu schützen. Noch bevor sie antworten
konnten, hatte er die Tür wieder geschlossen und sich wieder auf
das große, weiche Bett gelegt.
Da er aber glaubte, nicht schlafen zu können, so lang er sie vor
seiner Tür wußte, ging er abermals hinaus, denn er hatte eine
Idee, sie fortzuschicken.
"
Geht, bewacht den Narren", befahl er ihnen. "Los, tut, was
ich euch sage! Und wehe, er bemerkt etwas davon!"
Sie sahen sich kurz an, und achselzuckend, bemüht, nicht zu lachen,
machten sie sich davon.
Nun, da er seinen König sicher wußte, konnte Fárinan
endlich schlafen.
Der König erwachte früh am nächsten Morgen, da er fror,
denn in der Nacht war es bitter kalt geworden. Er fühlte sich müde,
und sein Rücken tat ihm weh von dem harten Stroh: da erinnerte er
sich, daß er mit seinem Narren die Rollen getauscht hatte.
"
Nun", so sagte er sich, "dann wollen wir sehen, was wir zum
Anziehen finden."
Er wollte schon aus Gewohnheit nach seinen Dienern rufen, besann sich
aber und ging selbst zu der einzigen Truhe hinüber, die in dem kleinen
Zimmer stand.
Darin fand er ein Narrenhemd aus grünem Leinenstoff, welches über
und über mit kleinen Schellen besetzt war; außerdem lag dort
ein Glockenspiel. Das Hemd zog er an und versuchte sich dann darin, den
Glöckchen ein Lied zu entlocken. Doch brachte er nur solch schreckliche
Klänge hervor, daß die Magd vom Hof herauf rief:
"
Sei still, du Narr! Kannst nicht einmal an einem so schönen Tag
ein schönes Lied spielen?"
Der König ließ die Glöckchen sinken und trat ans Fenster.
Da unten stand die Magd und hob drohend die Faust nach ihm, denn sie
wußte ja nicht, daß er der König war.
Der Narr wiederum ärgerte sich, daß er schon im Morgengrauen
aufstehen mußte. Sogleich war sein Zimmer wieder voller Diener,
die ihm halfen, sich anzukleiden und zurecht zu machen. Fárinan
wäre es ja recht gewesen, hätte er sein eigenes Hemd anziehen
können und nur die Krone dazu aufsetzen, aber nein: es war der erste
Tag des Monats, und so mußte der König sich zur zweiten Stunde
auf dem Balkon des Palastes zeigen und die Wünsche und Beschwerden
des Volkes entgegennehmen.
So mußte Fárinan die ganze Garderobe des Königs anziehen;
das Hemd und die Hose aus teurer Seide, so daß er gleich Angst
hatte, einen Fleck hinein zu machen; dazu eine Weste aus dunklem Samt
und schließlich den schweren pelzbesetzten samtenen Umhang. Und
das, wo draußen die Sonne schien und es sicher ein warmer Tag werden
würde! Ein Gutes aber hatte das: unter all der schweren Kleidung
würde das Volk ihn, den Narren, sicher nicht erkennen, und für
einen Tag lang wäre er wirklich König.
Der wahre König indes war hungrig, und da ihm einfiel, daß der
Narr selbst für sein Frühstück sorgte, machte er sich
auf den Weg in die Stadt. Zwar hatte er das Glockenspiel dabei, doch
wußte er, daß er es nicht würde spielen können.
So machte er sich zunächst auf zum Brunnen, wo er sich niederließ und
das Treiben auf dem Marktplatz beobachtete.
Niemand beachtete ihn. Das gefiel ihm zunächst, doch mit der Zeit
fragte er sich immer mehr, woher er etwas zu essen bekäme. Da lud
direkt neben ihm ein Bauer Kisten voller Äpfel von seinem Wagen.
Rot und glänzend waren die Früchte, und mit leuchtenden Augen,
wie ein hungriger Wolf, sah der König zu.
"
Ich könnte Euch helfen", sagte er schließlich.
Der Bauer sah kurz auf, dann lachte er.
"
Du?" fragte er spöttisch. "Mir helfen? Die Äpfel
willst Du vielleicht stehlen, oder was!"
"
Nein, ich --" wollte der König widersprechen, doch der Bauer
unterbrach ihn.
"
Ach, sei still!" schrie er, trat vor ihn, faßte ihn am Arm
und wollte ihn schon von dem Brunnen ziehen. Doch einer der anderen hielt
ihn zurück.
"
Hey, laß ihn doch!" rief dieser, "soll er zeigen, was
er kann! Wenn er mit den Äpfeln jongliert, will ich ihm gerne einen
kaufen!"
Der Bauer ließ den König los und grunzte irgend etwas zwischen
Zustimmung und Gleichgültigkeit. Dann warf er dem König drei Äpfel
zu, die dieser zu fangen versuchte, doch zwei davon ließ er sogleich
fallen, und als er sich nach ihnen bücken wollte, fiel ihm auch
der dritte hinunter.
"
Die schönen Äpfel", stöhnte der Bauer. "Welch
dummer Einfall, Jaron!"
Jaron aber lachte über den vermeintlichen Narren, der verzweifelt
versuchte, alle drei Äpfel aufzuheben und sie dann auch noch geschickt
in die Luft zu werfen. Als er sie wieder fangen wollte, fielen sie erneut
alle zu Boden. Hätte er nicht Narrenkleidung getragen, es wäre
ein jämmerlicher Anblick gewesen. So aber war es, daß die
Menge bald aufmerksam wurde, und belustigt standen bald wohl zwanzig
Bauern um den Brunnen herum und lachten und schlugen sich vor Vergnügen
auf die Schenkel.
"
Du wirst mir die Äpfel bezahlen, Narr!" tobte der Bauer.
"
Nun ruhig, Orjen", sagte Jaron, "ich zahl sie schon, jetzt
sieh doch, wie lustig er ist! Nun aber, Narr", fuhr er fort und
wandte sich an den König, "zeig uns, daß du richtig jonglieren
kannst!"
Aber das konnte der König ja nicht, so legte er rasch die Äpfel
auf den Brunnenrand, murmelte eine Entschuldigung und verließ hastig,
und immer noch hungrig, den Marktplatz.
Fárinan war derweil in Begleitung der Minister, die nicht schlecht
gestaunt hatten, als sie den Narren in der Kleidung des Königs erkannten,
auf den Balkon hinaus getreten. Dort stand er nun und sah herab auf die
Menge, die sich unten auf dem Hof versammelte.
"
Was soll ich ihnen sagen?" fragte er leise den Minister, der ihm
am nächsten stand.
"
Nun", erwiderte dieser grinsend, "was Ihr ihnen immer sagt,
Majestät."
Fárinan wollte ihn schon zurechtweisen, doch die Menge wurde bereits
unruhig.
"
Bürger von Ancallon", rief er deshalb und hob in geradezu königlicher
Geste die Arme, "meine Freunde! Sagt, was kann ich heute für
Euch tun?"
Einen Augenblick lang war es unten still, und man sah überall verblüffte
Gesichter. Dann aber ergriff einer von denen das Wort.
"
Wir haben kein Geld, König! Unsere Kinder haben Hunger!"
"
Ich werde mich darum kümmern", versprach Fárinan.
"
Wir haben Angst, König!" rief ein anderer. "Was ist mit
den Schiffen, die wir sehen?"
"
Da ist nichts, was uns beunruhigen müßte", sagte Fárinan.
"
Was ist mit den Steuern, König? Wir zahlen zuviel, der Winter war
hart!"
"
Ich werde mich darum kümmern", versprach der Narr wieder. Was
sonst hätte er sagen sollen?
Viele von denen dort unten ballten drohend die Fäuste.
"
Aber das sagt Ihr immer, König! Wann endlich geschieht etwas?!"
Hilfesuchend schaute Fárinan zu den Ministern, die aber wichen
seinem Blick aus und sahen in der Gegend umher.
"
Also gut"; sagte er schließlich, "also gut! Fünf
von euch sollen heute abend bei der Konferenz anwesend sein, nun geht
und schaut, daß ihr die fünf richtigen auswählt! Später
dann sehen wir weiter."
Elegant warf er sich dann herum und verließ erhobenen Hauptes den
Balkon. Die Minister, die verwirrt und empört auf ihn einredeten,
ignorierte er.
Des Mittags kehrte der König in den Narrenkleidern auf den Marktplatz
zurück. Noch immer quälte ihn Hunger, zwar hatte er den Vormittag
damit zugebracht, im nahen Wald Beeren und Früchte zu sammeln, doch
angesichts des vorangegangenen kalten Winters kaum etwas gefunden. Nun
war er zurück in der Stadt, doch kaum daß er den Marktplatz
betrat, hatte der Bauer Orjen ihn schon entdeckt.
"
Da ist er ja!", rief er laut und zeigte mit dem Finger auf den Narren,
so daß alle sich nach ihm umdrehten. "Hey, habt ihr schon
mal einen Narren gesehen, der nicht einmal zu jonglieren weiß?"
Einer der anderen entdeckte das Glockenspiel am Gürtel des Narren
und rief:
"
Spiel uns ein Lied, Kleiner!" --- "Ja, spiel uns ein Lied!" riefen
auch die anderen.
So mußte der König das Glockenspiel hervorziehen und ein Lied
anstimmen. Doch wie schon am Morgen vermochte er auch jetzt den Glöckchen
nur Mißklänge zu entlocken.
"
Hör auf, Narr, hör auf!"
Doch der König hörte die Rufe nicht, so sehr war er damit beschäftigt,
doch endlich Musik hervorzubringen. Schließlich griff der Bauer
Orjen in eine seiner Kisten und warf einen Apfel nach ihm.
Der König steckte das Glockenspiel weg und hob den Apfel auf. Er
war alt und wurmstichig, nicht so schön wie die, mit denen er am
Morgen hatte jonglieren sollen. Doch dem König erschien er verlockend
und saftig, und da Orjen ihn anscheinend nicht mehr haben wollte, schien
er doch ein gutes Mittagessen. Aber gerade als der König hineinbeißen
wollte, sprang der Bauer Orjen mit einem Satz auf den Brunnenrand und
schrie:
"
Da, seht, der Narr! Er hat meinen Apfel gestohlen, haltet den Dieb!"
So war es wohl besser für den König, sich rasch davonzumachen,
doch zwei kräftige Männer traten ihm in den Weg und hielten
ihn fest.
"
Was also hast du dazu zu sagen, Narr?" fragte Orjen wütend.
Hastig sah der König sich um, doch Jaron, der Orjen am Morgen beruhigt
hatte, war nicht da.
"
Ich wollte nicht stehlen", versuchte er also, sich zu verteidigen.
Doch die Bauern lachten nur.
"
Weißt du, was wir mit Dieben machen?" riefen sie und stellten
sich drohend um ihn auf. "Weißt du das? Wir werden zum König
gehen und deine Freigabe fordern, und dann --"
"
Aber ich bin doch der König", unterbrach der König sie
kleinlaut.
Da lachten sie nur noch lauter und riefen:
"
Du lügst, Narr! Wir werden dich zum König bringen und Strafe
fordern!"
So brachten sie ihn fort, zum Palast, wo ein Narr an jenem Tag regierte.
Und der wunderte sich sehr, als sie den König brachten. Aber er
ließ sie vor, so daß sie ihre Beschwerde persönlich
vorbringen konnten.
"
Was also hat dieser euch getan?" fragte er und zeigte auf den König
in den Narrenkleidern, der nicht wagte, Fárinan anzusehen.
"
Eure Majestät, der Narr behauptete, er sei der König",
antwortete Bauer Orjen, sichtlich nervös, da er nicht im Traume
geglaubt hatte, einmal mit dem König persönlich zu sprechen.
"
So", sagte Fárinan und konnte ein Schmunzeln nicht ganz unterdrücken. "Hat
Er das, Narr?"
Der König antwortete nicht, aber Fárinan konnte sich schon
vorstellen, was geschehen war; zu gut kannte er selbst den Bauern Orjen
und seine Freunde.
"
Es ist gut, Bauer Orjen", sagte er deshalb. "Ein Narrenkönig
ist er. Ich werde ihn bestrafen."
Und als die Bauern den Saal verlassen hatten, wandte er sich an den König
und sprach:
"
Nun, geh Er auf sein Zimmer und denke Er über das nach, was Er gestern
abend sagte! Zur Konferenz werde ich Ihn rufen lassen, doch soll Er nicht
glauben, daß Ihm bis dahin ein Essen serviert wird!"
Denn er ahnte schon, daß der König hungrig war; und zu oft
hatte der König selbst ihn auf sein Zimmer geschickt und hungern
lassen. Ein wenig tat ihm der König schon leid, doch er wollte nicht
nachgeben; nein, er schickte ihm sogar zwei Wachsoldaten nach, daß sie
darauf achteten, daß er sein Zimmer nicht verließ.
Am Nachmittag dann kam die Stunde, zu der die Minister vorgelassen wurden
und ihre Anliegen vorbringen konnten. Da sie ja von dem Rollentausch
wußten, machten sie sich einen rechten Spaß daraus und stellten
dem Narren Fragen, die sie ihrem König niemals stellen würden.
Dennoch war Fárinan bemüht, auf alles eine angemessene und
freundliche Antwort zu geben, auch dann noch, wenn der König seine
Minister längst vor die Tür gesetzt hätte.
Der König verbrachte seine Zeit derweil allein im Zimmer des Narren
und wußte nun, daß es nicht so leicht war, ein Narr zu sein,
zumindest nicht für einen König.
So kam die Zeit der allabendlichen Konferenz. Der König an der
Seite des Narren staunte nicht schlecht, als fünf Bürger vorgelassen
wurden, unter ihnen Orjen, den die Bauern zu ihrem Sprecher gewählt
hatten.
"
Nun", begann Fárinan, "so sagt mir, was Ihr wünscht,
und was Euch beunruhigt."
"
Was ist mit den Schiffen?" fragte der Kaufmann Soenas. "Es
kommen Fremde von Westen, was wird geschehen?"
"
Wir werden mit ihnen verhandeln", versprach Fárinan. "Sicher
wollen sie nichts anderes. Noch gibt es nichts, wovor Ihr Angst haben
müßtet. Es gibt keinen Grund anzunehmen, es würde einen
Krieg geben; eher denken wir, sie sind Flüchtlinge einer fremden
Welt."
"
Wir zahlen zu viele Steuern", sagte der Bauer Orjen. "Der Winter
war hart, und die Kornspeicher sind leer. Uns bleibt kaum mehr Geld,
unsere Familien zu ernähren."
"
Dann sollen Euch die Steuern erlassen werden bis zur nächsten Ernte",
erklärte Fárinan.
Er bemühte sich, den König zu ignorieren, wie auch dieser es
manchmal mit ihm getan hatte, wenn er von der Richtigkeit seiner Entscheidungen überzeugt
war.
Doch war es nun mehr als das, denn was Fárinan jetzt versprach,
würde der König halten müssen.
So ging es weiter: was immer die Bürger forderten, versprach der
Narr, und die Einwände des Königs hörte er nicht. Jedoch
der König mußte sich eingestehen, daß all diese Forderungen
berechtigt waren, daß er zum Teil einfach nichts davon gewußt,
zum anderen sich nicht die Mühe gemacht hatte, etwas daran zu ändern.
Jetzt aber würde er all die Versprechen halten müssen, die
der Narr in seinem Namen gab, und er konnte ihm nicht einmal böse
sein deshalb.
Nach der Konferenz waren der König und der Narr allein im großen
Saal, wie am Abend zuvor. Die graue Stunde war angebrochen und die Zeit
der vertauschten Rollen nun vorbei. Also gab Fárinan die Krone
zurück.
"
Hat Euch der Tag gefallen, Narrenkönig?" fragte er mit der
Dreistigkeit eines Narren.
"
Hat Er keine Angst vor Strafe, nach allem, was Er getan hat?" fragte
der König zurück.
Fárinan aber kletterte auf den Tisch, blickte auf den König
herab und lachte.
"
Ihr müßt hungrig sein, mein König", sagte er, fast
klang es spöttisch.
"
Es ist gut, Fárinan", gab der König zurück. "Ich
habe begriffen, daß es keinesfalls leicht ist, ein Narr zu sein."
"
Nein", erwiderte der Narr. "Vielmehr ist es so, daß einem
stets das Schicksal anderer leichter erscheint als das eigene."
Und der König wußte, daß der Narr recht hatte.
Viel bleibt nicht zu sagen. Der König hielt selbstverständlich,
was der Narr in seinem Namen versprochen hatte, und das Volk war glücklich
und zufrieden. Fárinan ging ohne Strafe aus, im Gegenteil: er
erhielt einen eigenen Schlüssel zur königlichen Speisekammer,
so daß er nie mehr zu hungern brauchte. Doch zog er es meist vor,
sich wie zuvor sein Brot auf dem Marktplatz zu verdienen.
Ja, so sind sie, die Narren; bescheiden und glücklich in ihrer Einfachheit,
und wann immer sie die Gelegenheit erhalten, halten sie anderen den Spiegel
vor und zeigen ihnen ihre Fehler.
Aus dem Narrenzyklus:
Die Legende vom Kupfertag
oder: Das Leben eines Narren
Eine Kupfermünze ist eine Kupfermünze. Niemand würde das
bestreiten wollen, ja viele würden sich nicht einmal die Mühe
machen, ein zu Boden gefallenes Kupferstück wieder aufzuheben. Was
ist ein Kupferstück schon wert in einer Zeit, in der selbst das
Brot Silber kostet.
In dieser Geschichte aber geht es um eine Kupfermünze, deren Wert
mit Gold nicht aufzuwiegen war, denn ohne diese Kupfermünze hätte
Jeshka sein Leben verloren.
Es waren die Jahre des Frostes, selbst zur Erntezeit war es nicht warm
geworden. König Rasmuel führte das Land, und bald jeden Tag
standen Scharen von Bauern vor den Toren des Palastes und verlangten
Einlaß, denn sie wollten den König bitten, daß er ihnen
die Abgaben erließe, so sie doch kaum genug zum Leben hatten. König
Rasmuel erhörte sie nicht, er wies seine Wachen an, die Tore geschlossen
zu halten und die Bauern zu vertreiben. Der König aber hatte einen
Narren am Hofe: Jeshka.
Jeshka war einer von denen, die die Schatten kannten. In seinen grünen
Augen blitzte das Wissen der Katzen, und gleich einer Katze wußte
er unbemerkt den Palast zu verlassen und ebenso unbemerkt zurückzukehren,
selbst wenn es bedeutete, im Schutz der hohen Nadelbäume an den
steilen Mauern des südlichen Turmes emporzuklettern. Oft schon hatte
Jeshka sich so davonstehlen können. In den ersten Stunden des Abends
war er stets zurück gewesen: denn am Abend pflegte der König
im großen Saal die Pläne für den neuen Tag zu fassen,
und nie tat er das ohne seinen Narren. So ahnte niemand, was Jeshka tagsüber
trieb, und kein Geräusch verriet ihn, wenn er wieder einmal während
der morgendlichen Parade an den Wachsoldaten vorbeischlich, wie nie eine
Katze zu hören sein wird, gleich wie viele Glöckchen sie um
ihren Hals tragen mag.
Es geschah am zweiten Tag des Erntemonds. Wieder einmal hatten die Bauern
vergeblich seit dem Morgengrauen vor den Mauern des Palastes ausgeharrt,
nur um wiederum fortgejagt zu werden, kaum daß die Sonne den Horizont überstiegen
hatte. Doch diesmal folgte ihnen ein grauer Schatten mit grünen
Katzenaugen, und die kupfernen Schellen an seinem Umhang schwiegen stille.
Auf dem Marktplatz dann, wo die Bauern sich versammelten, sprang er mitten
unter sie und stieg auf den Rand des Brunnens, der in der Mitte des Platzes
stand. Aus einer seiner vielen Taschen zog er eine Münze, kupfern
wie die Narrenschellen, hielt sie hoch und rief:
"
Seht her, Bauern dieses Landes, die ihr fürchtet, bald Hunger zu
leiden!" Rot wie die aufgehende Sonne leuchtete die Münze in
der Hand des Narren. "Sagt mir, was seht ihr hier?"
Sie sahen zu ihm auf und lachten.
"
Bist du nicht Jeshka, der Narr?" fragte einer. "Willst du mit
dem Kupferstück da unsere Steuern zahlen? Verspotte uns nicht, oder
willst du hungrige Wölfe aufhetzen!"
Jeshka verbarg die Münze in seiner linken Hand, warf den Kopf in
den Nacken und heulte wie ein hungriger Wolf. Es war seine Pflicht, sie
zu verlachen, wenn sie ihm doch sonst nicht zuhörten.
"
Wage es nicht!" brüllte der Bauer und hob drohend die Faust,
aber einer der anderen hielt ihn zurück.
"
Laß ihn, Hanuz. Er ist ein Narr, siehst du es nicht?" Und
wieder lachten sie, aber es war das Lachen der Verzweiflung, denn nicht
einem von ihnen stand der Sinn nach Späßen.
"
Nein, hört mir zu", flüsterte Jeshka, und mit einem Mal
waren sie alle still. "Einer von euch soll diese Münze haben.
Wer sie aufhebt, soll nie mehr Hunger leiden müssen, in diesem Jahr
nicht, und nicht in den folgenden. Im Gegenteil, Reichtum soll die Schwelle
seines Hauses überschreiten und dort Einzug halten, wo nun das letzte
trockene Stück Brot die hungrigen Mäuler nicht mehr ernähren
kann."
Er hielt die Münze wieder hoch, und das Sonnenlicht fing sich auf
dem blanken Kupfer und warf rote Lichter über den dunklen Stein
des Brunnens.
"
Denn eines will ich euch sagen", fügte er hinzu, leiser noch. "Dieses
ist Kupfer, aber nicht Gold noch Silber können euch ernähren,
so es nicht das Gold des Weizens und das Silber des Hafers ist. Dieses
ist Kupfer, aber ---"
"
Was willst du, Narr?" unterbrach ihn Hanuz mit lauter Stimme. "Sollen
wir denn Kupfer fressen?"
Sie lachten nicht, denn sie wollten hören, was der Narr zu sagen
hatte. Aber Jeshka sprach nicht weiter.
"
Ja, meinetwegen freßt Kupfer!" rief er statt dessen. "Ihr
werdet nicht daran ersticken!"
Mit elegantem Schwung warf er die Münze in den Himmel, so hoch,
daß die meisten der Bauern ihm längst den Rücken zugekehrt
hatten, als sie den kalten Boden traf. Dann wandte der Narr sich um und
wollte den Platz verlassen, aber jemand trat ihm in den Weg.
Ein langer dunkler Mantel verhüllte seine Gestalt, aber Jeshka erkannte
den König wohl.
"
Was höre ich da, Narr?" fragte er zornig. "Warum verspricht
Er, was niemand halten kann?"
"
Ihr könntet schon, mein König", gab der Narr zurück,
denn ein Narr darf wider seinen König sprechen. "Ihr könntet,
wenn Ihr wolltet."
Aber was kümmert es den König, was der Narr darf. "Schweig
Er still!" befahl der Herrscher, und Jeshka schwieg. Mit gesenktem
Kopf folgte er dem König zurück in den Palast. Er wußte,
die Bauern waren die wahren Narren, der König selbst war ein Narr.
Denn auf dem Marktplatz lag unbeachtet die kleine Kupfermünze, die
bald so viel wert sein sollte wie das Leben eines Narren.
Traurig klangen die Schellen, als die Wachen des Königs den Narren
fortbrachten, denn der König hatte befohlen, Jeshka in den südlichen
Turm zu sperren. Auch wies er sie an, das Fenster mit Brettern zu vernageln,
daß nicht einmal eine Katze den Weg ins Freie finden konnte. Im
Dunkeln sollte er sitzen, der Narr, und darüber nachdenken, ob es
rechtens war, etwas zu versprechen, das der König nicht halten wollte.
Denn wenn ein Narr etwas verspricht, so spricht er stets im Namen des
Königs. Am Himmel stieg die Sonne hoch und höher, aber nirgends
vermochten ihre Strahlen den kalten Boden zu erwärmen. Nur dort,
wo die Münze lag, erreichte die Wärme den dunklen Stein.
Derweil wartete Jeshka in der Finsternis, daß der Tag zu Ende ging,
denn er hoffte, daß der König ihn zur abendlichen Konferenz
holen ließe. Damit ihm die Zeit nicht zu lang wurde, zog er unter
dem Umhang sein Glockenspiel hervor, aber er vermochte den Glöckchen
keine fröhlichen Lieder zu entlocken. Seine Gedanken nämlich
waren bei der Kupfermünze, und er fragte sich, was er wohl tun würde,
wenn sie jemand fand. Denn dann galt das Versprechen, das er gegeben
hatte, und er mußte dafür sorgen, daß es erfüllt
wurde.
Doch bei Sonnenuntergang lag die Münze noch immer dort, wohin sie
gefallen war. Ihr leuchtendes Rot stand der Pracht der untergehenden
Sonne in nichts nach, und doch befand sie keiner derer, die sie sahen,
für wertvoll genug, um sich danach zu bücken. Und bei Sonnenuntergang
wartete der Narr noch immer im finsteren südlichen Turm, aber niemand
kam, ihn zu holen.
So brach die Nacht herein, und die Katze war gefangen.
In der abendlichen Konferenz ward beschlossen, daß der Narr gefangen
bleiben solle, bis sich jemand fand, der ihn freikaufte: diesem dann
sollte er gehören und dienen. Auch den Preis setzte der König
fest, und zwar benannte er eben jene Kupfermünze; und als Frist
setzte er die letzte Stunde des folgenden Tages. Fand sich bis dahin
niemand, der den geforderten Preis zahlen mochte, so mußte der
Narr sterben. Und wer dann die Münze sein eigen nennen konnte, sollte
nie mehr Hunger leiden, vielmehr sollte Reichtum in dessen Hause Einzug
halten, so wie es versprochen war. So wurde es festgeschrieben und erstmals
verkündet zur blauen Stunde des nächsten Morgens.
So herrschte bald ein reges Treiben auf dem Marktplatz, denn ein jeder
wollte dort die Münze finden. Diese aber war längst fort, geholt
schon in der Nacht und gebracht in das Haus des Bauern Hanuz.
Jeshka erwachte im südlichen Turm mit der aufgehenden Sonne. Ein
Diener des Königs verlas ihm durch die geschlossene Tür das
Urteil, und mit geschlossenen Augen hörte der Narr zu, ohnmächtig
in seiner Finsternis. Das Glockenspiel blieb still an jenem Tag, wenngleich
niemand es vermißte, nicht einmal der König selbst, den der
fröhliche Klang der Glöckchen sonst täglich erfreut hatte.
Denn welch eine Hoffnung sollte Jeshka haben? Wer immer die Münze
haben mochte, wohl niemand würde sie hergeben, wenn ihr Besitz ihm
Reichtum versprach. Und so es doch jemanden gab, der die Münze geben
würde für das Leben eines Narren, was wäre Jeshkas Leben
wert? Wie sollte ein Narr Diener sein?
Nein, gleichwie: der Narr würde sterben. Vielleicht mochte Jeshka
am Leben bleiben, doch der Narr würde sterben.
Auf dem Hof des Bauern Hanuz stand eine alte Bank aus schwerem Holz;
dort saß Hakan, des Bauern Hanuz Sohn, und drehte die kupferne
Münze in seinen Händen, so daß sie das Licht der Sonne
fing. Er hatte sie gefunden in der Nacht, als er im Licht des Mondes über
den Marktplatz ging, wie er es oft tat, denn er war gern allein. Das
Mondlicht hatte auf dem dunklen Stein die Münze rot schimmern lassen,
und so hatte er sich gebückt, um sie aufzuheben; hatte sie dann
so vorsichtig gehalten, als sei sie zart und zerbrechlich und nicht aus
hartem Kupfer. Schließlich hatte er sie in seine Tasche gesteckt
und mit nach Hause genommen, und als er am nächsten Morgen erwachte,
hatte er sie vergessen. Bis dann der Bote des Königs verkündet
hatte, was geschehen sollte.
Nun also besaß Hakan die Münze, und er wußte nicht,
was er tun sollte. Die Jahre des Frostes waren hart, und seine Familie
war arm: und hieß es nicht, wer die Münze hatte, sollte nie
mehr Hunger leiden? Aber Hakan kannte Jeshka, und er mochte den Narren:
wie könnte er ihn sterben lassen, war doch der Preis für sein
Leben nicht mehr als ein Kupferstück? Es war bald Mittag; so blieben
nicht mehr allzu viele Stunden bis Sonnenuntergang. Niemals Zeit genug,
um eine solche Entscheidung zu fällen.
Auf dem Marktplatz versammelten sich die Bauern, denn ein jeder wollte
wissen, wer die Münze gefunden hatte. Viele boten große Teile
ihres Besitzes für die kleine Münze, und wie am Markttag schrien
sie wild durcheinander, ein jeder bemüht, das beste Gebot zu nennen,
doch wollten sie heute kaufen und nicht verkaufen. So hätte man
an jenem Tag für ein Kupferstück mehr bekommen als für
Gold und Silber.
In lauten Rufen überboten sie sich gegenseitig, doch niemand wußte
ja, wer die Münze hatte. Am lautesten schrie der Bauer Hanuz, dessen
Sohn das Leben des Narren gerade in seinen Händen hielt.
Es wurde Nachmittag, und noch immer schwieg das Glockenspiel. Jeshka
hatte es aufgegeben, einen Ausweg zu finden; er würde sein Schicksal
ruhig ertragen. Eine Katze in der Falle, nie würde sie ihren Stolz
verlieren.
Hakan stand vor dem südlichen Turm und sah nachdenklich hinauf,
derweil die Schatten länger wurden. Dort oben also hielten sie den
Narren gefangen, würden ihn nicht freigeben, so sich nicht jemand
fand, der Reichtum verschenken wollte für ihn. Doch Hakan, er wollte
schon, aber er begriff, daß Jeshka auch dann nicht frei sein würde.
Sollte der Narr denn niemals wieder frei sein?
So verstrich die Zeit, während Hakan, die kleine Kupfermünze
fest in der Hand, verzweifelt eine Antwort auf diese so schwierige Frage
suchte. Die Münze machte ihn zum Richter über etwas, über
das er niemals richten wollte: die Freiheit, das Leben eines anderen.
Sicher, er hätte die Münze einem anderen überlassen können,
die Münze und somit die Entscheidung, nur wußte er zu gut,
wie jeder andere entscheiden würde. Also ging der Tag zu Ende, ohne
daß eine Lösung gefunden war.
Doch dann, als die letzten Strahlen der Sonne die Erde erreichten, wußte
der Sohn des Bauern Hanuz, was er tun würde.
Jeshka im Turm sah nicht, daß es langsam dunkler wurde. Das vernagelte
Fenster schenkte ihm weder Licht noch Hoffnung. Aber es war egal nun,
und er wußte, daß es richtig war: er hatte einem der Bauern
Reichtum versprochen, und das Versprechen würde sich erfüllen,
die Worte würden nicht zu einer Lüge werden. So war es gleich,
was geschah, und ruhig, wie nur die wissende Katze ruhig sein kann, zog
er abermals sein Glockenspiel hervor und ließ die Glöckchen
klingen. Sie spielten den Narrentanz, und so zerbrach die Dunkelheit
in ihm; und als Hakan unten das bekannte Lied hörte, wußte
er, daß seine Entscheidung richtig war.
Die letzte Stunde des Tages brach an, die Sonne war bereits untergegangen
und der Himmel von tiefem Grau, weshalb man jene Stunde die Graue Stunde
heißt. Der König wartete im großen Saal, daß jemand
kam, den Narren freizukaufen: doch glaubte er nicht, daß sich jemand
finden würde. Wer würde dumm genug sein, Reichtum zu verschenken
für das Leben eines Narren?
Doch die schwere Tür wurde geöffnet, und zwei Diener führten
einen jungen Mann herein und stellten ihn als den Sohn des Bauern Hanuz
vor. Dann ließen sie ihn mit dem König allein.
"
Wie ist dein Name, Junge?" fragte der König, aber es interessierte
ihn nicht wirklich; vielmehr suchte er zu verstehen, warum dieser junge
Mann --- so er denn die Münze hatte --- den Narren wollte und nicht
all das Geld, das ihm geboten war.
Hakan nannte seinen Namen, und er wagte es, den König anzusehen.
"
So", sagte der König, "Hakan. Und weshalb nun bist du
hier?"
"
Ich habe die Münze", erklärte Hakan und zog das kleine
Kupferstück hervor.
Der König lachte. "Du bist der Sohn des Bauern Hanuz, der kaum
das Geld hat, seine Familie zu ernähren. Willst du also den Narren
freikaufen?"
Hakan sah den König unverwandt und forderte mit fester Stimme: "Ich
will den Narren sehen, bevor ich ihn kaufe. Unter uns Bauern ist es üblich,
die Ware vorher zu begutachten, oder glaubt Ihr, ich wollte die Katze
im Sack kaufen?"
Einen Moment lang war es still, dann erwiderte der König ruhig: "Das
sind gewagte Worte wider deinen König, Hakan. Du sprichst fast wie
ein Narr. Aber gut, du sollst ihn sehen: und überlege dir wohl,
was du dann tust. Kaufst du ihn frei, so stürzt du deine ganze Familie
ins Unglück. Den Preis ist sein Leben nicht wert."
"
Das weiß ich erst, wenn ich ihn gesehen habe", widersprach
Hakan.
So rief der König seine Diener und ließ den Sohn des Bauern
Hanuz in den südlichen Turm bringen, vor die verschlossene Tür
zum Käfig der Katze.
Jeshka erhob sich, als er die Schritte hörte, und sah durch das
winzige vergitterte Fenster in der hölzernen Tür, daß sie
Hakan brachten, den Sohn des übellaunigen Bauern Hanuz. Hakan, der
--- so schien es --- hier war, um die Kupfermünze einzutauschen
gegen ihn, den Narren.
"
Laßt mich einen Augenblick zu ihm hinein", verlangte Hakan,
und da es nichts gab, was dem widersprach, folgten die Diener und öffneten
die schwere Tür.
"
Was willst du", fragte Jeshka mit leiser Stimme. "Du solltest
gehen, Hakan, wenn du morgen früh die Münze noch hast, müßt
ihr niemals mehr Hunger leiden."
Aber Hakan trat an ihm vorbei in den Raum, während die Diener die
Tür hinter ihm schlossen und so von neuem Finsternis den Raum erfüllte.
Er trat an das vernagelte Fenster und fuhr in Gedanken mit den Fingern über
das rauhe Holz, bevor er sich zu Jeshka umwandte und ihm antwortete.
"
Ich will das Lied von Euch hören, Narr", sagte Hakan. "Laßt
die Glöckchen klingen und tanzt dazu, vielleicht weiß ich
dann, was zu tun ist."
So erklang in der Finsternis einmal mehr der Tanz des Narren, und die
kupfernen Schellen klangen im Tanze wie die Glöckchen des Glockenspiels,
wie eine kupferne Münze, die im Dunkeln zu Boden fällt.
Als die graue Stunde vorüber war und die Nacht begann, waren viele
der Bauern vor den Toren des Palastes versammelt, denn sie wollten wissen,
ob jemand Jeshka das Leben schenkte; auch Hanuz war unter ihnen. Der
König ließ sie hereinrufen, und so betraten sie alle den großen
Saal und bildeten dort einen Kreis. In dessen Mitte standen der König
und Hakan, und als es still geworden war und alle aufmerksam warteten,
was geschehen würde, ergriff der König das Wort.
"
Wir sind hier, um zu sehen, ob es jemanden gibt, der ein Kupferstück,
das Reichtum hält, verschenken will. --- Bringt den Narren!"
Zwei der Diener verließen den Saal und kehrten kurze Zeit später
zurück, Jeshka, der nicht einmal den Kopf hob, zwischen ihnen.
"
Hier bei uns steht Hakan, der Sohn des Bauern Hanuz", fuhr der König
fort, "vielleicht will er den Narren kaufen!"
Hakan aber kam nicht dazu, etwas zu sagen, denn die Menge wurde laut,
da sie nun sahen, wer das Kupferstück wohl hatte. Am lautesten wiederum
war der Bauer Hanuz.
"
Wenn du die Münze hast, Hakan", schrie er, "wenn du dieses
verfluchte Kupferstück hast und dafür diesen Narren kaufst,
dann bist du nicht länger mein Sohn!"
"
Ich habe die Münze nicht", flüsterte Hakan, und doch hörte
es ein jeder.
Sofort war es still.
"
So wagst du es, wider deinen König zu reden, doch nicht wider deinen
Vater?" fragte der König gefährlich leise.
Da war nicht einer im Saal, der auch nur wagte, laut zu atmen. Selbst
Hanuz schwieg, was niemand von ihm kannte.
Schließlich war es Jeshka, der die Stille brach.
"
Er spricht die Wahrheit, er hat die Münze nicht. Er hat sie nicht,
so wird er mich nicht kaufen."
"
Wer hat sie denn?" fragte der König spitz, obwohl er es längst
wußte. "Ist nun jemand hier", rief er dann, "der
den Narren kaufen will? Er hebe die rechte Hand und halte die Münze
hoch!"
Die Bauern standen schweigend und schauten, wie der König und seine
Diener, wer die Münze heben würde. Hakan aber sah zu Boden,
denn er ahnte, was geschehen würde.
Leise klingelten die Schellen, als Jeshka die Hand hob, und die Lichter
des Palastes fingen sich auf dem blanken Kupfer und ließen die
Münze rot funkeln.
Mit geschlossenen Augen vernahm Hakan nun, was der König zu sagen
hatte. Jedes Wort davon drang zu ihm wie aus weiter Ferne, denn er war
nicht länger er selbst, nicht länger der Sohn eines Bauern,
hatte er doch Reichtum und alles verschenkt, als er dem Narren die Münze
gab.
"
Wie wir versprachen", sagte der König, "daß der
Narr dem, der für ihn die Münze gibt, gehören und dienen
muß, so soll es geschehen. Da du, Jeshka, selbst den Preis zahltest,
seist du nun frei und sollst niemandem gehören als dir selbst." So
war es gesprochen, so würde es geschehen, denn ein König bricht
sein Wort nicht, noch das seines Narren.
"
Die Familie des Bauern Hanuz aber", sprach der König weiter, "dessen
Sohn Hakan ist, der die Münze fand, muß weiter Hunger leiden.
Es sei denn ---", er machte eine wohlüberlegte Pause, "---
es sei denn, Hakan, der gezeigt hat, daß er ein wahrer Narr ist,
verläßt den Hof seines Vaters und wird Narr am Hofe des Königs.
Wir würden für ihn zahlen, was wir für die Münze
versprachen: so würde der Bauer Hanuz wohl einen Sohn verlieren,
doch auf immer Geld genug haben, seine Familie zu ernähren, und
mehr als das."
Ja, Hakan hatte es gewußt, und er verstand es, so wie er verstand,
daß sein Vater keinen Moment zögerte, ihn an den König
zu verkaufen. So wurde Hakan der Narr am Hofe des Königs, und er
war dem König ein guter Narr. Stets wagte er, dem König zu
widersprechen, da ein Hofnarr wider seinen König sprechen darf,
ja sogar muß, und nicht selten hörte der König auf ihn
und folgte seinem Rat.
Jeshka aber, die Katze, war von Stund an frei und blieb doch Narr. Mit
seinen Glöckchen zog er durch die Länder und erzählte
die Legende vom Tag, an dem er mit nichts als einem Kupferstück
seine Freiheit erkaufen konnte: diesen Tag hieß man von da an Kupfertag
und feiert ihn heute noch am dritten Tag des Erntemonds als Fest der
Narren und Spielleute.
So erklärt es sich auch, daß ein freier Narr stets eine Kupfermünze
bei sich trägt, wie auch Jeshka stets die Münze trug, die sein
Leben kaufte und die der König ihm schenkte, wie er ihm auch die
Freiheit schenkte. Denn diese Kupfermünze der Narren ist Zeichen
der Freiheit, und wenn für manchen eine Kupfermünze nur eine
Kupfermünze ist, so sollte er doch stets daran denken, daß sie
für einen Narren ein Leben bedeuten kann.
Aus dem Narrenzyklus:
Der Narr und der Silberreif
Von einem Narren namens Lusvin kennt man ein Märchen, das zeigt,
wie ein Mensch auf der Suche nach seinem Glück manchmal das Licht
nicht findet, weil er von der Sonne so geblendet ist. So erging es auch
Lusvin, der als freier Narr durch die Länder zog, den Menschen Geschichten
sang und niemals lang an einem Ort verweilte. Eines Tages geschah es,
daß ihn nach seinem Spiel jemand beiseite nahm, ihn in eine dunkle
Gasse zog und sagte:
"
Es gibt etwas, was ich dir geben will, Narr."
Dann zog der Fremde aus einer Tasche einen kunstvoll gearbeiteten Silberreif
hervor und warf ihn dem Narren zu. Lusvin war zu überrascht, als
daß er ihn hätte fangen können, und so mußte er
sich in der dunklen Gasse danach bücken und ihn suchen. Nun, er
wollte ein so kostbares Geschenk nicht annehmen, doch als er den Reif
endlich gefunden und aufgehoben hatte, war der Fremde längst fort.
So steckte Lusvin den Reif ein und sagte sich:
"
So will es das Schicksal wohl, daß ich den Reif behalte; mag sein,
er ist mir einmal von großem Nutzen, doch will ich von nun an seinen
Besitzer suchen und ihm den Reif zum Schluß zurückgeben."
Wie für jeden Narren, so kamen auch für Lusvin Zeiten, in denen
es ihm schlecht erging. Viel wollten und konnten die Menschen ihm nicht
geben für seine Lieder, und oftmals war es so wenig, daß es
zum Leben nicht reichte. So hätte Lusvin nun den kostbaren Silberreif
verkaufen können, aber er hielt an ihm fest, denn er wollte ihn
ja eines Tages seinem Besitzer zurückgeben.
Hungernd und frierend zog er darum weiter durch die Welt, auf der Suche
nach seinem Glück, und auf der Suche nach dem rechten Besitzer des
kostbaren Schmuckstücks. Schließlich führte ihn seine
Reise in die Stadt Ferrnow. Dort, wie überall, zeigte er auf dem
Marktplatz, wo er sang und die Glöckchen spielte, den Silberreif
vor und erzählte, wie er an ihn gekommen war. Hier aber gab es einen
Jungen, das war Conja; der glaubte, den Reif zu kennen.
"
Es ist ein Wappen darauf", stellte er fest, "und es mag sein,
daß es das Wappen des Lord ad Cariljar ist. Nun, Lusvin, wir sollten
zu ihm gehen; vielleicht hat der Mann, der ihn dir gab, ihn gestohlen."
So machten der Narr und der Junge sich auf den Weg zum Lord ad Cariljar.
Die Wachen aber, die bei dem Narren den Silberreif fanden, hielten ihn
für den Dieb, denn tatsächlich war das Schmuckstück einmal
gestohlen worden. Sie glaubten ihm seine Geschichte nicht, sondern warfen
ihn in den Kerker, und den Jungen noch dazu.
"
Das hat man nun davon", schimpfte Conja, "da ziehst du schon
seit Jahren durch die Lande, ungeachtet Hunger und Frost, nur um den
Reif seinem rechtmäßigen Besitzer zu bringen; und kaum hast
du den gefunden, sperren sie dich zum Dank dafür ein!"
"
Schlimmer noch", erwiderte der Narr, aber seine Stimme blieb ruhig, "sie
werden uns hängen dafür, denn der Lord ad Cariljar wird sich
gewiß nicht die Mühe machen, uns anzuhören. Selbst wenn,
so wird er uns sicher nicht glauben."
Dann zog er seine Glöckchen hervor und begann zu spielen, wie er
es gelernt hatte. Conja aber lief rastlos in dem kleinen Raum umher,
da er um sein junges Leben fürchtete.
Am nächsten Morgen aber ließ der Lord den Narren zu sich rufen,
und als er da sah, daß er einen Narren vor sich hatte, fragte er
ihn:
"
Nun also, Narr, sage mir, wer von euch den Reif gestohlen hat. Wenn du
es warst, so soll der Junge frei gehen, und du wirst als Dieb an den
Galgen kommen. Wenn du es aber nicht warst, gleich wer es war, dann soll
der Junge sterben. Sage mir, was wird ein Narr in dieser Lage antworten?"
"
Ein Narr wird schweigen", erwiderte Lusvin, "denn lügen
darf er nicht, und doch muß er alles tun, um zu verhindern, daß einem
Unschuldigen ein Leid zugefügt wird."
"
So ist das", sagte der Lord, und in seinen Augen blitzte es, denn
er wußte schon eine weitere Frage, um den Narren in die Enge zu
treiben: denn immer schon war es ihm seltsam vorgekommen, wie manche
der Kraft der Lüge so entschlossen entsagen konnten. "Was aber
sagst du, wenn ich dir verspreche, wenn du schweigst, so kommt der Junge
gleichfalls an den Galgen?"
Lusvin überlegte lange, denn er zweifelte nicht daran, daß der
Lord seine Worte wahr machen würde.
"
Das Gebot, das mir als oberstes erscheint", antwortete er schließlich, "fordert
mich, meinem Gewissen stets zu folgen. Mein Gewissen aber sagt mir, daß der
Junge, so er unschuldig ist, nicht sterben darf."
"
So weißt du nicht einmal, ob der Junge unschuldig ist?" fragte
der Lord verwundert.
"
Recht ist's, das weiß ich nicht", bestätigte der Narr. "Und
so werd' ich lügen und Euch sagen, ich hätt' den Reif genommen,
allein daß ihr den Jungen gehen laßt, wenn es denn keinen
anderen Weg gibt."
Da aber ließ der Lord den Narren zurück in den Kerker bringen
und sagte ihm, daß er ihn erst am Abend fragen werde.
"
Was nun hat der Lord von dir gewollt?" fragte Conja, der sichtlich
erleichtert war, daß man den Narren wohlbehalten zurückgebracht
hatte.
Lusvin wollte erst gar nicht antworten, aber da ihn Conja ein zweites
Mal fragte, mußte er ihm schließlich doch die Wahrheit sagen.
"
Ach, Conja", erklärte er also, "der Lord will dich töten,
wenn ich nicht sage, daß ich den Reif gestohlen hab'. So aber müßt'
ich lügen, und dann die Strafe des Narren tragen."
"
Was also willst du tun?" fragte der Junge.
"
Ich werde lügen", antwortete der Narr, und dann schwiegen sie
beide, bis des Abends die Diener kamen, Lusvin erneut vor den Lord zu
führen.
"
Nun", so sprach der Lord, "wie hast du dich entschieden, Narr?"
"
Fragt mich", erwiderte Lusvin, "so werd' ich Euch antworten."
Und so fragte der Lord: "Hast du den Silberreif gestohlen, Narr?"
Da wollte Lusvin gerade antworten, da rief eine Stimme hinter ihm laut "Halt!",
und er wandte sich nach ihr um. Hinter ihm stand Liesliann, die Tochter
des Lords, und sprach: "Ich, Vater, habe den Silberreif gestohlen."
"
Du lügst, Tochter, warum willst du ihn schützen?" rief
der Lord. "Wohl kaum würdest du dein eigenes Schmuckstück
stehlen!"
Doch Lusvin erkannte wohl, daß sie die Wahrheit sprach.
"
Ich ließ den silbernen Reif dem Narren bringen, Vater", erklärte
sie, "denn ich sah ihn einst auf dem Markte einer fernen Stadt,
er aber wollte meine Liebe nicht erhören! Nun aber hat er den Reif
zurückgebracht, und, Vater, Ihr solltet ihn dafür belohnen;
wenn Ihr nun ihm mich zur Frau gebt, so kann er es nicht verweigern!"
Der Lord verstand wohl, was seine Tochter wollte, und er nickte bedächtig.
Lusvin aber glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. "Eher schon sterb'
ich!" dachte er sich, aber er wußte schon, es besser nicht
zu sagen. Statt dessen erklärte er, so ruhig er konnte, daß es
ihm als Narren verwehrt war, eine Frau zu nehmen.
Das wollte Liesliann wohl nicht hören, der Lord aber hatte es gehört
und bot dem Narren wohl Reichtum und Macht, wenn er sie zur Frau nähme;
sollte er sich aber noch länger weigern, wären sie dort wieder
angelangt wie zuvor, und der Narr würde hängen.
So bat sich Lusvin eine Nacht Bedenkzeit aus; die aber nutzte er wohl,
denn er erzählte dem Jungen, was vorgefallen war.
"
Es ist wohl schade für dich, daß du sie als Narr nicht lieben
darfst", meinte Conja, denn Liesliann war hübsch und reich
und wohl ein großes Glück für jeden, der sie haben durfte. "Wie
gern wollte ich sie zur Frau haben! Aber mich würde sie nie beachten;
bin ja nichts als ein Sohn armer Eltern."
"
Du würdest sie wollen, Conja?" fragte Lusvin nach, denn er
gönnte dem Jungen die Tochter des Lords wohl, und er hatte einen
Plan.
Als Conja bejahte, wußte der Narr, daß es die beste Lösung
war.
So trat er vor den Lord ad Cariljar und ließ auch all dessen Diener
herbeirufen.
"
So habe ich entschieden", begann er, "und ich wünsche,
daß ein Vertrag darüber aufgesetzt wird: derjenige, der den
Silberreif zurückbrachte, soll die Lady Liesliann zur Frau bekommen
und obendrein Reichtum und Macht!"
Und die glückliche Liesliann drängte darauf, daß der
Vertrag geschrieben wurde, und unterzeichnete ihn sogar als erste.
"
Nun hört mich an, den Narren, der nicht lügen darf", fuhr
Lusvin fort. "Ich habe den Silberreif besessen und durch die Lande
getragen auf der Suche nach dem rechten Besitzer; zurückgebracht
aber hat ihn Conja, der als einziger das Wappen erkannte! Und da es hier
geschrieben steht, soll Conja nun der Mann der Lady werden, und all den
Reichtum des Lords einmal erben; es ist die Wahrheit, der Narr hat nicht
gelogen!"
Da gab es natürlich ein großes Geschrei, und die Lady fühlte
sich gar übel getäuscht und belogen. Doch ihrem Vater war es
schon recht, daß sie den jungen Conja zum Manne nehmen mußte,
denn der schien ihm ein ehrlicher Junge zu sein, wohingegen er dem Narr
noch immer nicht trauen wollte; denn wie konnte einer, der der Lüge
entsagte, Weisheit sprechen?
Nun, so waren sie alle glücklich, bis auf die Lady vielleicht: doch
Verlierer wird es immer geben. Schließlich war sie es gewesen,
die das falsche Spiel begonnen hatte, und Lüge zahlt sich niemals
aus; allein in ihrem eigenen Spiel hatte Lusvin sie geschlagen.
Der Narr also wanderte weiterhin durch die Lande, und vielerorts erzählte
er die merkwürdige Geschichte von dem Silberreif. Sein Glück
aber mußte er nicht mehr suchen, das hatte er jetzt gefunden und
endlich erkannt, wo er es doch so lange schon besessen hatte: das war
die Narrenfreiheit.
Aus dem Narrenzyklus:
Warum die Stadt Tonar keine Glocken hat
So wie die kleine Stadt Tonar bekannt ist für ihre einfältigen
Bürger, kennt man den Narren Nonja für seine schelmischen Streiche.
Die Stadt Tonar besitzt einen der größten Glockentürme
des Landes, doch keine Glocke. Daran ist Nonja nicht ganz unschuldig,
doch wahrhaft schuld daran sind die Bürger von Tonar, die so dumm
waren, auf den Narren zu hören.
Denn Nonja kam eines Tages zum Bürgermeister, da hatte man Tonar
gerade die Stadtrechte zugesprochen, und nun wollte man einen Glockenturm
bauen.
"
Wir sollten den größten und schönsten Glockenturm des
Landes haben", sagte Nonja, und die Bürger stimmten ihm zu.
Da ließ der Bürgermeister den bekanntesten Baumeister des
Landes kommen und trug ihm auf, den schönsten und größten
Glockenturm des Landes zu bauen.
Das tat der Baumeister, doch als der Bürgermeister ihn bezahlt hatte,
war da kein Geld mehr im Stadtsäckel für die Glocke.
"
Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt
haben wir den schönsten und größten Glockenturm des Landes,
und doch keine Glocke!"
"
Nun", erwiderte Nonja, "wir sollten die schönste und größte
Glocke des Landes haben. Also sammelt alles Gold, Silber und Kupfer,
was in der Stadt zu finden ist, und laßt eine große Glocke
gießen!"
Die Bürger waren begeistert von Nonjas Vorschlag, und gerne gaben
sie all ihren Schmuck, ihre letzten Kupfermünzen und selbst ihre
Waffen. Aus all dem Metall wurde dann eine wunderschöne große
Glocke gegossen.
Doch als die Glocke fertig war, war da nicht einmal mehr das Geld für
den Schlegel.
"
Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt
haben wir den schönsten und größten Glockenturm des Landes,
und wir haben die größte und schönste Glocke des Landes,
und doch bleibt sie stumm, haben wir doch kein Geld für den Schlegel!"
"
Nun", erwiderte Nonja, "so müssen wir den Glockenturm
wieder einreißen und einen kleineren bauen lassen. Die Steine verkaufen
wir und kaufen von dem Geld einen Schlegel. Dann haben wir zwar nicht
mehr den größten und schönsten Glockenturm des Landes,
doch immer noch die schönste und größte Glocke."
Also wurde der schöne große Glockenturm wieder abgerissen
und durch einen kleineren ersetzt. Die überzähligen Steine
wurden verkauft, und von dem Geld ließ der Bürgermeister für
die Glocke einen Schlegel anfertigen.
Doch als der Schlegel fertig war und man die Glocke anbringen wollte,
da war der neue Glockenturm zu klein für solch eine große
Glocke.
"
Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt
haben wir die schönste und größte Glocke des Landes,
aber sie paßt nicht in unseren kleinen Glockenturm!"
"
Nun", erwiderte Nonja, "so müssen wir die Glocke wieder
einschmelzen und eine kleinere gießen lassen. Dann haben wir zwar
nicht mehr die schönste und größte Glocke, aber wenigstens
paßt sie in unseren kleinen Glockenturm."
Also wurde die schöne große Glocke wieder eingeschmolzen und
eine kleinere Glocke gegossen. Die paßte jetzt in den Glockenturm,
doch paßte der Schlegel nicht mehr in die Glocke, und so war die
Glocke wieder stumm.
"
Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt
haben wir nur einen kleinen Glockenturm, und nur eine kleine Glocke,
aber sie kann nicht einmal läuten, denn wir haben keinen kleinen
Schlegel!"
"
Nun", erwiderte Nonja, "so müssen wir wohl den großen
Schlegel verkaufen und einen kleineren Schlegel anfertigen lassen."
Doch niemand wollte einen Glockenschlegel ohne eine passende Glocke kaufen.
Also wurde das übrige Metall eingeschmolzen und daraus ein kleiner
Schlegel angefertigt, der in die Glocke paßte.
So hätte die Stadt Tonar jetzt eigentlich einen hübschen kleinen
Glockenturm gehabt, mit einer hübschen kleinen Glocke, die wohl
läuten konnte, und dazu einen großen Glockenschlegel.
Aber ach, die Bürger Tonars waren nicht zufrieden. Sie hatten den
schönsten und größten Glockenturm des Landes haben wollen,
und jetzt stand da nur ein mickriges Türmchen mit einem Glöckchen,
dessen Schlag man nicht einmal bis zum Stadtrand hören konnte!
"
Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt
haben wir nur einen winzigen Glockenturm und eine winzige Glocke, das
ist doch nichts! Aber wir haben nicht das Geld, einen großen Glockenturm
bauen zu lassen."
"
Nun", erwiderte Nonja, "so müssen wir wohl das Glöckchen
verkaufen. Von dem Geld kaufen wir Steine, und damit bauen wir einen
großen Glockenturm."
Also wurde das Glöckchen verkauft, und mit dem Geld wurden Steine
gekauft, und mit denen wurde ein größerer Glockenturm gebaut.
Jetzt endlich merkten die Bürger von Tonar, daß sie wieder
dort waren, wo sie begonnen hatten, nur daß sie statt ihres Geldes
und ihres Schmuckes jetzt einen großen Glockenschlegel besaßen,
den niemand gebrauchen konnte. Der Narr aber stieg lachend auf den leeren
Glockenturm hinauf und rief von dort herunter:
"
Hört mir zu, Bürger Tonars, ihr Narren! Wißt ihr nun,
was geschieht, wenn man blind den Worten eines Narren folgt? Seht ihr
nun, wohin es führt, wenn man mehr erreichen will, als man sich
leisten kann?"
Da jagten sie ihn aus der Stadt, weil sie nicht sehen wollten, daß sie
selbst so dumm gewesen waren. Der Glockenturm aber ist heute noch ohne
Glocken, und der große Schlegel liegt im Keller des Rathauses und
wartet darauf, daß irgendwann vielleicht doch eine große
Glocke gekauft werden kann.
So kommt es, daß man heute noch von einer Sache, die überhaupt
nicht zu gebrauchen ist, sagt, sie sei so nutzlos wie der Glockenschlegel
von Tonar. Und von einem, der nie genug bekommen kann, sagt man, er würde
für einen Glockenturm selbst seine Glocke verkaufen.
Als Reljakin mit den Wölfen heulte
Es gab einmal einen Narren, das war Reljakin, der verstand die Sprache
der Tiere und war gut Freund mit ihnen. Eines Tages ließ der
Bürgermeister Reljakin zu sich rufen und sagte:
"
Die Bauern sind sehr aufgebracht, Reljakin, sie haben in den letzten
Tagen Schafe und Ziegen verloren. Sie beschuldigen deine Freunde, die
Wölfe, und du sollst dafür sorgen, daß das Rauben ein
Ende nimmt."
"
Dann will ich zu ihnen gehen", erwiderte der Narr und machte sich
gleich auf den Weg.
Im Wald traf er die alte Wölfin, die das Rudel führte.
"
Die Bauern beschuldigen euch, ihr hättet Schafe und Ziegen gestohlen",
sprach Reljakin in der Sprache der Wölfe.
"
Ich werde sie fragen", gab die Wölfin zurück und rief
das Rudel. Fünfzehn Wölfe erschienen und bildeten einen Kreis
um sie und den Narren. "Hat einer von euch eine Ziege, ein Schaf
geholt?" fragte sie dann.
"
Keiner von uns", antworteten die Wölfe, "keiner von uns.
Wir sind keine Räuber."
Reljakin wußte, daß sie nicht logen. So kehrte er zurück
ins Dorf und teilte dem Bürgermeister mit, daß die Wölfe
keine Schuld traf.
"
Ich werde es den Bauern berichten", sagte der Bürgermeister.
Doch am Mittag ließ er den Narren erneut zu sich rufen.
"
Keine guten Neuigkeiten, Reljakin", bemerkte er. "Die Bauern
sagen, sie hätten die Wölfe gesehen, und für jedes Schaf,
jede Ziege, die fehlt, wollen sie einen von ihnen töten."
"
Die Wölfe lügen nicht", entgegnete Reljakin. "Sie
sind nicht die Räuber."
"
Das mußt du schon den Bauern selber sagen", erwiderte der
Bürgermeister.
Also ging Reljakin auf die Felder zu den Bauern.
"
Was willst du, Narr?" riefen sie, als sie ihn sahen.
"
Ihr sagt, die Wölfe hätten euch Schafe und Ziegen gestohlen",
erklärte Reljakin. "Aber das haben sie nicht. Ihr solltet den
Räuber besser unter euresgleichen suchen."
"
Was sagst du, Narr? Du beleidigst uns! Wir haben die Wölfe mit unseren
eigenen Augen gesehen!"
Aber Reljakin wußte, daß die Bauern logen.
"
Ich habe gehört, ihr wollt einen Wolf töten für jedes
Tier, das euch fehlt", sagte der Narr leise.
"
Das werden wir", sagten die Bauern, "das werden wir."
"
Das wollt ihr tun?" fragte Reljakin noch einmal. "Obschon ich
euch sage, daß es nicht die Wölfe waren?"
"
Wer sonst sollte es gewesen sein, Narr? Glaubst du, wir würden unsere
eigenen Schafe stehlen?"
"
Dann will ich von nun an ein Wolf sein", sagte Reljakin, leiser
noch, "und mit den Wölfen heulen. Und wenn ihr sie alle töten
wollt, so müßt ihr auch mich töten: dieses eine Mal noch
sage ich euch, sie waren es nicht."
Die Bauern sahen sich an, dann aber lachten sie nur und wandten sich
wieder ihrer Arbeit zu. Keiner beachtete mehr den Narren, der schweigend
auf alle viere niederging und behende wie ein Wolf davonlief in den nahen
Wald.
Der Bürgermeister rief die Bauern zu sich, da er hörte, was
geschehen war, und stellte sie zur Rede.
"
Er heult mit den Wölfen, weil er Angst vor ihnen hat", verteidigten
sich die Bauern.
"
Er heult mit den Wölfen, weil er ihre Gesellschaft der euren vorzieht",
widersprach der Bürgermeister. "Ihr habt ihn zu den Wölfen
getrieben, so solltet ihr sehen, daß er zurückkehrt. Diesmal
ist es wohl an euch, sich zu entschuldigen."
Doch die Bauern stellten sich taub, sie kehrten zurück auf ihre
Höfe und machten sich bereit zur Jagd.
Des Nachts dann schlichen sie auf die kleine Lichtung zu; dort saß das
Rudel von sechzehn Wölfen, mitten unter ihnen der Narr, und sie
heulten den vollen Mond an. Sie sahen die Bauern zu spät, und zahllose
Pfeile stoben unter sie und töteten fünfe.
"
Es tut mir leid", sagte Reljakin zu der alten Wölfin, als sie
die Bauern vertrieben hatten. "So sind sie, sie glauben den Wolf
zu kennen und geben ihm alle Schuld, ungeachtet der Tatsachen."
"
Sie werden dich zurückholen wollen, Narr", meinte die Wölfin,
denn sie war alt und weise und kannte die Menschen wohl. "Du gehörst
zu ihnen, bist du doch ein Mensch."
"
So will ich kein Mensch mehr sein", erwiderte Reljakin. "Wolf
will ich sein von nun an und bleiben."
"
Du bist ein Narr, Reljakin", bemerkte die Wölfin, doch sie
lächelte dabei, wie nur ein Wolf lächeln kann.
Ein weiteres Mal rief der Bürgermeister die Bauern zu sich.
"
Nun habt ihr Wölfe getötet", stellte er fest. "Sind
denn weitere Schafe verschwunden?"
"
Drei Schafe, fünf Ziegen", sagten die Bauern. "Wir werden
alle Wölfe töten, dann wird es ein Ende haben."
"
Alle Wölfe?" fragte der Bürgermeister nach.
"
Alle Wölfe", bestätigten die Bauern.
"
Auch den Narren?" fragte der Bürgermeister, aber er erhielt
keine Antwort.
Wiederum gingen die Bauern des Nachts in den Wald, die Wölfe zu
jagen. Wiederum töteten sie fünf von ihnen, bevor die Wölfe
sie vertreiben konnten.
"
Du solltest zurück zu den Menschen gehen, Reljakin", sagte
die alte Wölfin. "Hier gibt es nichts, was du tun kannst."
"
Ich gehöre nicht zu ihnen, Wölfin", wiederholte Reljakin, "ich
bin ein Wolf."
"
So fürchte ich, wirst du als Wolf sterben", erwiderte die Wölfin. "Und
sag mir, wem hat es dann genutzt?"
Darauf konnte der Narr nichts antworten.
Auch am nächsten Tag wurden die Bauern ins Rathaus gerufen.
"
Wie soll es weitergehen", fragte der Bürgermeister bekümmert. "Habt
ihr nun nicht genug angerichtet?"
"
Es fehlen weitere vier Schafe und drei Ziegen", sagten die Bauern. "Wir
werden nicht aufhören, bevor alle Wölfe zur Strecke gebracht
sind."
"
Auch der Narr?" fragte der Bürgermeister wieder.
"
Auch der Narr", antworteten die Bauern diesmal.
Ein weiteres Mal töteten die Bauern in der Nacht fünf Wölfe.
Allein der Narr und die alte Wölfin blieben zurück.
"
Nun müssen sie doch erkennen, daß nicht die Wölfe die
Räuber waren", sagte Reljakin, doch es klang mutlos.
"
Du weißt, daß sie nicht erkennen wollen", meinte die
Wölfin. "Geh fort von hier, Narr, mehr kannst du nicht tun."
"
Ich werde nicht gehen", entgegnete Reljakin. "Ich bin ein Wolf.
Ich bleibe ein Wolf."
"
Warum willst du sterben, Reljakin?" fragte die Wölfin, doch
was sollte der Narr darauf antworten.
Ein letztes Mal rief der Bürgermeister die Bauern im Rathaus zusammen.
"
Er heult noch immer mit den Wölfen", sagten die Bauern.
"
Da sind keine Wölfe mehr", erwiderte der Bürgermeister. "Seht
ihr denn nicht, daß der Narr recht hatte?"
"
Es fehlen weitere Schafe", gaben die Bauern zurück. "So
lange der Narr dort draußen ist, gibt es noch Wölfe."
In der nächsten Nacht töteten sie die alte Wölfin und
fingen den Narren. Sie banden ihn mit Stricken und zerrten ihn vor den
Bürgermeister.
"
Wir bitten um Erlaubnis", sagten die Bauern spöttisch, "diesen
Wolf töten zu dürfen."
"
Ich kann euch nicht verbieten, einen Wolf zu töten", erwiderte
der Bürgermeister leise. "Dieser da aber ist ein Narr."
"
Er ist ein Wolf", beharrten die Bauern. "Er ist ein Wolf, seht
doch."
Ja, wie ein Wolf lag der Narr gebunden am Boden und schnappte nach ihnen,
als sie ihn berühren wollten.
"
Es ist genug, Reljakin", sagte der Bürgermeister zum Narren. "Steh
auf, du bist doch ein Mensch."
Doch der Narr sah ihn nur an, knurrend wie ein gefangener Wolf, ansonsten
stumm.
"
Er ist ein Wolf!" riefen die Bauern und schwangen ihre Knüppel,
doch der Bürgermeister hob die Hand, und sie hielten inne.
"
Reljakin", versuchte er es ein zweites Mal. "Du bist ein Mensch,
so sprich zu uns. Sie werden dich totschlagen sonst, und ich kann sie
nicht daran hindern."
Der Narr hob den Kopf und sah ihn an, aber er blieb stumm.
"
Er ist ein Wolf!" riefen die Bauern wieder, und nur mit Mühe
konnte der Bürgermeister sie noch zurückhalten.
"
Du bist ein Narr, Reljakin", sagte er leise und ging vor ihm in
die Hocke. "Beende es jetzt, lang genug hast du gespielt. Du erreichst
doch nichts damit."
Aber nein, der Narr sprach nicht. So erhob sich der Bürgermeister
und sah auf ihn herab, und dann rief er:
"
Nun gut, Narr, du wolltest es so! Zerstöre doch, was du zerstören
willst, zerstöre dich selbst! Ich werde dich nicht zurückhalten."
Der Narr warf den Kopf in den Nacken und heulte wie ein Wolf, ein letztes
Mal. Der Bürgermeister aber wandte sich ab und sah nicht zu, wie
sie ihn erschlugen.
Natürlich nahm das Rauben kein Ende. Viele weitere Tiere verschwanden,
bevor sich endlich herausstellte, wer die Diebe waren: eine Bande von
Bauernlümmeln aus dem Nachbardorf. Die Bauern mußten ihren
Fehler nun erkennen, doch das brachte sie nicht zurück, nicht Reljakin
noch die Wölfe.
Bald plagten Scharen von Rasconte die Gegend, jetzt, da die Wölfe,
ihre natürlichen Feinde, verschwunden waren. Sie stahlen Hühner
und Gänse, und bald selbst Zicklein und Lämmer; und es gab
niemanden mehr, der mit ihnen reden und sie überzeugen konnte, die
Gegend zu verlassen. Die Verluste der Bauern waren weit größer
nun als zuvor; und doch verlor niemand mehr ein Wort über das, was
geschehen war, denn nicht einer hatte das Gefühl, falsch gehandelt
zu haben.
So hatte Reljakin es gesagt: sie glaubten den Wolf zu kennen, so war
es klar, daß immer den Wolf die Schuld traf. Denn so lange es Fremde
gibt, wird niemand den Feind im eigenen Volk vermuten.
Ein Narrenmärchen
Vor vielen Jahren lebte in der Gegend der Sternenstadt ein junger Mann
namens Danallya, der war der Sohn eines Grafen und bekannt für
seinen Edelmut. Manchem schon hatte er selbstlos und großherzig
geholfen, doch als er selbst einmal in Bedrängnis geriet, fand
sich da niemand, der Gleiches an ihm tun mochte.
Es geschah nämlich, daß Danallya eines Pferdediebstahls bezichtigt
wurde, den er gar nicht begangen hatte. Ein anderer hatte das Pferd des
Nachts aus den Stallungen eines bekannten Kaufmannes am Orte geführt,
doch meinte der Stallbursche, ganz sicher den jungen Grafen erkannt zu
haben. Zwar glaubte der alte Graf seinem einzigen Sohn, doch wußte
der reiche Kaufmann wohl, das Volk auf seine Seite zu bringen: und so
sah der Graf bald die ganze Stadt gegen sich. Bei Nacht und Nebel schickte
er den jungen Danallya fort, daß er in der Fremde ein Handwerk
lerne und als einfacher Mensch lebe, denn das war besser, als in der
Heimat als Sohn eines Grafen gehängt zu werden. So floh Danallya
aus der Sternenstadt, und in der Ferne lernte er den Beruf des Narren.
Ja, Danallya wurde ein Narr, er entsagte der Lüge und verschrieb
sich der Freiheit. Denn so sollen die Narren sein, frei in all ihrem
Tun und gebunden an die Wahrheit auf ewig. Und als Narr kehrte er zurück
in die Sternenstadt, denn er hatte gehört, daß sein Vater
im Sterben lag.
Doch die Wachen des Grafen wollten ihn nicht in die Burg lassen.
"
Was will Er, Narr, auf der Burg des Grafen? Verschwinde Er, nichts hat
Er hier verloren!"
"
Wenn aber ich Euch sage", sprach Danallya mit ruhiger Stimme, "daß der
Graf mein Vater ist und ich sein Sohn?"
So hätten sie ihm eigentlich glauben müssen, wußten sie
doch, daß ein Narr nicht lügen darf. Aber nein, mochten sie
sich wundern, daß er log, doch sie wußten es besser.
"
Der Graf hat keinen Sohn", erklärten sie, "er hatte wohl
einen, doch der wurde vor neun Jahren als Dieb gehängt, droben auf
dem Rabenberg; wir haben es selbst gesehen. Fort nun, Narr, oder will
Er eingesperrt werden?"
"
Nein, ich geh' fort", erwiderte Danallya betrübt, "doch
ich komm' wieder, wenn ich Euch beweisen kann, was ich bin."
Da ließen sie ihn gehen und vergaßen ihn bald, und dem Grafen
erzählten sie nichts davon, denn sie wollten ihn in seinen letzten
Stunden nicht beunruhigen.
Danallya aber verließ abermals die Stadt, und traurig ließ er
sich auf einem Stein am Waldrand nieder, zog seine Flöte hervor
und begann zu spielen. Wie er so spielte, kamen die Tiere des Waldes
und ließen sich um ihn herum nieder, und schließlich ließ der
Narr die Flöte sinken.
"
Ach, was soll ich nur tun", sagte er. "So liegt mein armer
Vater im Sterben, und ich kann nicht einmal zu ihm. Wissen möcht'
ich, wen sie damals an meiner Statt gehängt haben. Und herausfinden
auch, wer nun das Pferd stahl, da ich es doch nicht war! Aber wie, wie
nur soll ich das machen; und wie sonst ihnen zeigen, daß ich Danallya
bin, der Sohn des Grafen!"
Da sprach der schlaue Fuchs, der seine Worte wohl gehört hatte:
"
Nun, Danallya, ich weiß schon, wer von dem Pferdedieb weiß,
und auch, wie du herausfindest, wen sie auf dem Rabenberg hängten.
Wenn auch du mir einen Gefallen tust, will ich es dir verraten."
"
Das will ich gern", erwiderte Danallya. "Sag mir nur, was ich
für dich tun kann, und so ich es vermag, will ich es tun."
"
Es gibt etwas, was ich gerne hätte", sagte also der listige
Fuchs, "das sind ein paar Beeren des Goldstrauches. Die sollen eine
rechte Leckerei sein, doch weiß ich selbst nicht, wo ich sie finden
kann."
"
Dann will ich sehen, was ich tun kann", entgegnete der Narr.
So machte Danallya sich auf in die Welt, die Beeren des Goldstrauches
zu finden. Unterwegs spielte er die Flöte, doch da er selbst traurig
war, vermochte er ihr kein fröhliches Lied zu entlocken. Dabei achtete
er auf alles, was auf Feld und Wiese wuchs, aber goldene Sträucher
sah er nicht, nur silberne manchmal zwischen all den grünen.
Am Wegrand schließlich traf er einen alten Schneck, der saß auf
einem rotschimmernden Stein.
"
Sei gegrüßt, Meister Schneck", begrüßte Danallya
ihn, "sag, was schimmert dein Stein so rot?"
"
Ach", jammerte der Schneck, "man hat mich einst verzaubert,
und nun schimmert der Stein so rot, weil ich nicht herunter kann von
ihm; er hält mich fest und ich kann nicht fort, die Blätter
des Liekenkrauts zu holen, die mich erlösen könnten."
Der Narr aber hatte Mitleid mit dem Schneck, und obgleich er nicht viel
Zeit hatte, versprach er, ihm zu helfen.
"
Sag an, Meister Schneck, weißt du denn, wo ich das Kräutlein
finden kann?" fragte er dann.
Das wußte der Schneck wohl, und er beschrieb Danallya den Weg zu
einer wunderschönen Waldlichtung. Dort wuchs das Liekenkraut über
und über, und rasch pflückte der Narr eine Handvoll Blätter
davon. Doch goldene Sträucher wuchsen dort nicht, nur silberne manchmal
zwischen all den grünen.
Mit den Blättern kehrte er zurück zu dem Schneck und erlöste
ihn alsbald von dem Stein.
"
So wollte ich dir zum Dank gern helfen, wenn ich kann, junger Graf",
sagte der Schneck, der sehr wohl wußte, daß der Narr, den
er sah, nicht nur ein Narr war.
"
Wenn du es weißt", so bat der Narr, "dann sage mir, wo
ich den Goldstrauch finden kann."
"
Das weiß ich nicht", erklärte der Schneck, "doch
frage die Lerche, sie kennt Wiesen und Felder; vielleicht hat sie einmal
einen goldenen Strauch gesehen."
Also machte Danallya sich auf die Suche nach der Lerche, und als er sich
am Feldrand niederließ und auf seiner Flöte spielte, kam sie
herbeigeflogen.
"
Sei gegrüßt, holde Sängerin", begrüßte
er sie, "sag an, hast du einmal einen goldenen Strauch gesehen?
Ich bin nämlich auf der Suche nach den Beeren des Goldstrauches,
die will ich dem Fuchse geben, daß er mir sagt, wer den Pferdedieb
kennt, so daß ich meine Unschuld beweisen und meinen alten Vater
noch einmal sehen kann."
"
Nie sah ich einen goldenen Strauch, junger Graf", antwortete die
Lerche, die sehr wohl wußte, daß der Narr, den sie sah, nicht
nur ein Narr war. "Doch wenn du mir einen Gefallen tust, so will
ich ausfliegen und danach Ausschau halten."
"
Das will ich gern", erwiderte Danallya. "Sag mir nur, was ich
für dich tun kann, und so ich es vermag, will ich es tun."
"
Nun", sagte die Lerche, "seit einigen Tagen klingt meine Stimme
nicht mehr so schön wie früher. Ich hörte wohl, ein Tee
aus den Blättern des Liekenkrauts könnte mir helfen, doch weiß ich
nicht, wo das zu finden ist; es ist so klein und unscheinbar, daß ich
es aus der Luft nicht erkennen kann."
Aber der Narr wußte es ja zu finden, und obwohl es ein recht weiter
Weg war zurück zu der Lichtung, versprach er der Lerche, es für
sie zu holen.
So trafen sie sich nach einer ganzen Weile am Feldrand wieder.
"
Ich habe das Liekenkraut für dich gefunden", sagte der Narr.
"
So habe ich für dich auf allen Feldern und Wiesen nach einem goldenen
Strauch gesucht", erwiderte die Lerche, "aber, Danallya, ich
sah nur silberne manchmal zwischen all den grünen."
"
Ach, was soll ich nun tun", klagte der Narr, "in den Wäldern
wächst der Goldstrauch nicht, und auch auf den Wiesen und Feldern
ist er wohl nicht zu finden. Wo soll ich noch suchen?"
"
Frag einmal die Möwe", riet ihm die Lerche. "So wie ich
die Felder kenne, kennt sie die Meere. Vielleicht wächst der Goldstrauch
dort."
Also machte Danallya sich auf die Suche nach der Möwe, und als er
sich am Strand niederließ und auf seiner Flöte spielte, kam
sie herbeigeflogen.
"
Sei gegrüßt, kühne Seglerin", begrüßte
er sie, "sag an, hast du einmal einen goldenen Strauch gesehen?
Ich bin nämlich auf der Suche nach den Beeren des Goldstrauches,
die will ich dem Fuchse geben, daß er mir sagt, wer den Pferdedieb
kennt, so daß ich meine Unschuld beweisen und meinen alten Vater
noch einmal sehen kann."
"
Nie sah ich einen goldenen Strauch, junger Graf", antwortete die
Möwe, die sehr wohl wußte, daß der Narr, den sie sah,
nicht nur ein Narr war. "Doch wenn du mir einen Gefallen tust, so
will ich ausfliegen und danach Ausschau halten."
"
Das will ich gern", erwiderte Danallya. "Sag mir nur, was ich
für dich tun kann, und so ich es vermag, will ich es tun."
"
Nun", sagte die Möwe, "in der letzten Zeit fehlte mir
oft die Kraft, lange Strecken zu fliegen. Man sagt aber, ein Sud aus
den Blättern des Liekenkrautes könnte mir helfen, doch weiß ich
nicht, wo das zu finden ist; es ist so klein und unscheinbar, daß ich
es aus der Luft nicht erkennen kann."
Aber der Narr kannte ja die Stelle, wo es zu finden war; und obwohl es
ein sehr weiter Weg war zurück zu der Lichtung, versprach er der
Möwe, es zu holen.
So trafen sie sich nach einer ganzen Weile am Strand wieder.
"
Ich habe das Liekenkraut für dich gefunden", sagte der Narr.
"
So habe ich für dich auf allen Inseln der Meere nach einem goldenen
Strauch gesucht", erwiderte die Möwe, "aber, Danallya,
ich sah nur silberne manchmal zwischen all den grünen."
"
Ach, was soll ich nun tun", klagte der Narr, "in den Wäldern
wächst der Goldstrauch nicht, und auch auf den Wiesen und Feldern
nicht, und auch auf den Meeren ist er wohl nicht zu finden. Wo soll ich
noch suchen?"
"
Frag den weisen Goldadler, der auf der Spitze des höchsten Berges
wohnt", riet die Möwe. "Wenn einer weiß, wo der
Goldstrauch zu finden ist, dann er, und er wird es dir gewiß sagen;
denn ich wüßte neben dir keinen, der es so sehr verdiente."
Also machte Danallya sich auf die Suche nach dem Goldadler, und als er
den höchsten Berg bestiegen hatte und auf seiner Flöte spielte,
kam er herbeigeflogen.
"
Sei gegrüßt, weiser Adler", begrüßte er ihn, "sag
an, hast du einmal einen goldenen Strauch gesehen? Ich bin nämlich
auf der Suche nach den Beeren des Goldstrauches, die will ich dem Fuchse
geben, daß er mir sagt, wer den Pferdedieb kennt, so daß ich
meine Unschuld beweisen und meinen alten Vater noch einmal sehen kann."
"
Nun, junger Graf", erwiderte der Goldadler, denn er wußte
sehr wohl, daß der Narr, den er sah, nicht nur ein Narr war, "ich
weiß, wo die Goldsträucher wachsen, und ich will es dir sagen;
doch eine Aufgabe mußt du noch erfüllen, denn du weißt,
nichts ist umsonst außer dem Tod."
"
Das weiß ich wohl", entgegnete Danallya, "so sage mir,
was ich tun soll, und so ich kann, will ich es tun."
Der Goldadler neigte den Kopf, als wolle er überlegen; schließlich
aber sah er den Narren wieder an und sprach:
"
Drei Ringe gibt es, die einst verlorengingen: einer trägt einen
blauen Stein, einer einen grünen und einer einen roten. Bringst
du mir alle drei, will ich dir sagen, wie die Goldsträucher zu finden
sind."
Also machte der Narr sich auf den Weg, die drei Ringe zu suchen, doch
er wußte nicht, wie er es anstellen wollte. So kehrte er zurück
zum Strand und traf dort die Möwe.
"
Ach, Möwe", sagte er betrübt, "nun soll ich drei
verlorene Ringe finden, und weiß doch nicht, wo ich suchen soll."
"
Nun, Danallya", entgegnete die Möwe, "du hast mir geholfen,
so will ich dir jetzt helfen. Auf dem Grunde des Meeres liegt ein Ring
mit einem blauen Stein, den will ich dir holen. Schließe du nur
die Augen und spiele die Flöte, noch bevor dein Lied vorüber
ist, will den Ring ich gebracht haben."
Und der Narr tat, wie die Möwe sagte, und als die Flöte verstummte,
lag vor ihm im Sand der Ring mit dem blauen Stein.
Aber es fehlten ihm noch zwei Ringe, und so machte er sich auf den Weg,
diese zu suchen. So kehrte er zurück zum Feldrand und traf dort
die Lerche.
"
Ach, Lerche", sagte er betrübt, "nun soll ich noch zwei
verlorene Ringe finden, und weiß doch nicht, wo ich suchen soll."
"
Nun, Danallya", entgegnete die Lerche, "du hast mir geholfen,
so will ich dir jetzt helfen. Inmitten aller Wiesen der Welt liegt ein
Ring mit einem grünen Stein, den will ich dir holen. Schließe
du nur die Augen und spiele die Flöte, noch bevor dein Lied vorüber
ist, will den Ring ich gebracht haben."
Und der Narr tat, wie die Lerche sagte, und als die Flöte verstummte,
lag vor ihm auf der Erde der Ring mit dem grünen Stein.
Aber es fehlte ihm noch ein Ring, und so machte er sich auf den Weg,
diesen zu suchen. So kehrte er zurück zu dem roten Stein und traf
dort den Schneck.
"
Ach, Meister Schneck", sagte er betrübt, "nun soll ich
noch einen verlorenen Ring finden, und weiß doch nicht, wo ich
suchen soll."
"
Nun, Danallya", entgegnete der Schneck, "du hast mir geholfen,
so will ich dir jetzt helfen. Dieser rotschimmernde Fels birgt einen
Ring mit einem roten Stein, den will ich dir holen. Schließe du
nur die Augen und spiele die Flöte, noch bevor dein Lied vorüber
ist, will den Ring ich gebracht haben."
Und der Narr tat, wie der Schneck sagte, und als die Flöte verstummte,
lag vor ihm im Gras der Ring mit dem grünen Stein.
So kehrte der Narr zurück zum weisen Goldadler, der auf dem Gipfel
des höchsten Berges wohnte.
"
Hier bringe ich, was du verlangtest, weiser Adler", sagte Danallya
und schaute besorgt in den Himmel, wo die Sonne bald schon unterging.
"
Nun", sprach der Adler, "so will ich dir sagen, wie du den
Goldstrauch finden kannst. Es mag einfacher sein, als du denkst. - Hör
zu, Narr, selten ist etwas so, wie es auf den ersten Blick scheint. So
wie du, ein Schellennarr, der Sohn des Grafen bist, so wie das unscheinbare
Liekenkräutlein in Wahrheit große Kräfte birgt, so mag
wohl ein Strauch mit silbernen Blättern in Wahrheit ein Goldstrauch
sein. Wie so vieles ist er nicht schwer zu finden, nur schwer zu erkennen,
denn nichts an ihm ist golden."
Hastig bedankte sich der Narr und machte sich auf den Weg zurück,
jetzt, da er wußte, den Goldstrauch zu finden. Auf der Lichtung
des Liekenkrauts hielt er an und machte eine letzte Rast, und das Lied,
das er nun auf seiner Flöte spielte, klang längst nicht mehr
traurig. Die Möwe, die Lerche und der Schneck kamen herbei, als
sie seine Melodie hörten, und halfen ihm, die Beeren der silbernen
Goldsträucher zu pflücken. Mit einer Handvoll Beeren kehrte
Danallya dann schließlich zum Wald nahe der Sternenstadt zurück.
"
Meister Fuchs", rief er, "ich habe hier etwas für dich!"
Und sogleich lief der Fuchs herbei und labte sich an den köstlichen
Beeren.
"
Nun will ich dir wohl sagen, was ich weiß", sprach der Fuchs, "denn,
junger Graf, du hast gelernt, daß das, was man sieht, nicht immer
die Wahrheit ist. Also sage ich dir, die Schwalbe, hat gesehen, wer einst
des Nachts das Pferd des Kaufmanns stahl, und der Rabe hat gesehen, wen
man dafür auf dem Rabenberg hängte. Viel Glück wünsche
ich dir, Graf des Sternenlands, hoffentlich kommst du nicht zu spät,
es wäre nicht recht; hast du doch so viel Zeit darauf verbraucht,
anderen in ihrer Not zu helfen."
So kehrte Danallya zurück in die Sternenstadt, ließ sich dort
auf dem Marktplatz nieder und spielte ein Lied, so daß alsbald
die Schwalbe und der Rabe dahergeflogen kamen.
"
Seid gegrüßt, teure Schwalbe und Meister Rabe", begrüßte
er sie. "Man sagte mir, Schwalbe, ihr kenntet den Pferdedieb; und
ihr, Meister Rabe, wüßtet, wen sie damals gehängt haben
oben auf dem Rabenberg. Beides aber muß ich wissen, daß ich
meine Unschuld beweisen und als der Sohn des Grafen meinen alten Vater
noch einmal sehen kann."
"
Nun, Danallya", sprach der Rabe, "dein Vater schickte dich
vor neun Jahren fort von hier, an deiner Statt aber ließ er einen
jungen Burschen hängen, der dir recht ähnlich sah; daß das
Volk glaubte, du seist tot, und man nicht nach dir suchte."
"
Das ist nicht recht", sagte Danallya, "so hat ein anderer Unschuldiger
sterben müssen, wo ich Unschuldiger hätte hängen müssen,
und nur, weil ich der Sohn eines Grafen bin! Nein, Sohn eines Grafen
will ich nicht länger sein und kann es auch nicht; dieser da war
wohl der Sohn des Grafen und ich bin nur ein einfacher Bursch', der nichts
gelernt hat als das Narrenhandwerk!"
"
Nun, Danallya", sprach die Schwalbe, "der Junge, der das Pferd
gestohlen hat, hat das Tier am nächsten Tage verkauft auf dem Markt
in der Nachbarstadt, um von dem Geld Kräuter zu kaufen für
seine kranke Mutter; da hat er ja keinen anderen Ausweg mehr gewußt,
hat ihm doch sonst niemand helfen wollen. Er ist ein Pferdebursche des
Kaufmanns, wenn du ihn nun den Männern des Grafen nennst, sollst
du sicher frei gehen."
"
Aber nein", sagte Danallya, "wie könnte ich das? Hat er
doch recht gehandelt in meinen Augen; und ist längst ein anderer
dafür gestorben, das kann er nun auch nicht wieder gut machen! Nein,
so will ich schweigen darüber; und frei gehen will ich als Narr
und nicht als Sohn des Grafen. --- Und doch will ich ein weiteres Mal
versuchen, in die Burg vorgelassen zu werden."
Also kehrte Danallya zurück zu der Burg seines Vaters, und dort
standen die selbigen Wachsoldaten und versperrten ihm den Weg.
"
Sieh an, der Narr!" sagte der eine. "Will Er noch immer behaupten,
Er sei der Sohn des Grafen?"
"
Oder will Er gar erzählen, Er sei der Graf vom Sternenland selbst?" spottete
der zweite.
"
Es ist gleich nun", bemerkte der dritte mit leiser Stimme, "Er
kommt zu spät, der Graf ist nicht mehr unter uns."
Da warf der Narr wütend seine Flöte zu Boden, so daß sie
zerbrach.
"
Wie könnt ihr da noch spotten!" schrie er, "so ist der
Graf vom Sternenland tot, und mit ihm sein Sohn, den ihr wohl vor neun
Jahren unschuldig gerichtet habt! Nichts, niemand ist da mehr als ein
armseliger Schellennarr!"
Und er riß sich die Schellen herab und warf sie gleichfalls zu
Boden. Da endlich erkannten sie ihn, und auf den Knien baten sie ihn
um Vergebung.
"
Nun", sprach der Sohn des Grafen, ruhig alsdann, "so habt ihr
jetzt wohl gelernt, daß das, was man sieht, nicht immer die Wahrheit
ist, so wie ein Goldstrauch vielleicht keine goldenen Blätter trägt.
Ich vergebe euch; denn ihr seid Narren und wißt es nicht besser.
Und doch gehe ich fort, denn ich will der Sohn des Grafen nicht sein;
an meiner Stelle mag der Stallbursch' des Kaufmanns der Graf vom Sternenlande
werden. Ich, wie ihr seht, bin nur ein Narr und bleibe ein Narr; denn
die Narrenfreiheit ist mehr als alles, das ich je besitzen könnte."
So sank er jetzt selbst vor den Wachen auf die Knie herab und las sorgfältig
die Schellen vom Boden auf; auch die zerbrochene Flöte hob er auf,
obschon sie wohl niemand reparieren mochte. Dann verließ er mit
der Würde eines Narren die Sternenstadt und blickte nicht einmal
mehr zurück.
Der neue Graf der Sternenlande aber wurde, wie Danallya gesagt hatte,
der Stallbursche des Kaufmanns, der Pferdedieb, der doch ein guter Mensch
war und die Sternenlande mit Anstand führte; denn nicht immer ist
das, was man sieht, die Wahrheit: manchmal trägt auch ein Goldstrauch
nur silberne Blätter.
Die Narrenzunft
Wie schon Lúry der erste Meister der Narren war und Lyeljan sein
erster Schüler, so ist bis heute der Beruf des Narren geblieben,
wenngleich er sich gewandelt hat vom Berater des Königs bis hin
zum freien Musikanten und Geschichtenerzähler.
Dieses ist der Eid, den ein Narr leisten muß, bevor er die Schellen
der Weisheit tragen darf:
»Die Wahrheit will ich sprechen von nun an, die Macht der Lüge
niemals mehr nutzen. Im Licht will ich sprechen von nun an, den Schutz
der Dunkelheit niemals mehr suchen. Die Nacht will ich zu erhellen suchen,
die Schatten finden, doch der Wahrheit und dem Lichte dienen und sie
in Ehren halten.
Musik und Tanz des Narren will ich erlernen im Kampf gegen die Fesseln
der Finsternis; sie allein sollen meine Waffen sein gegen die dunklen
Mächte. Mit Liedern will ich sie vertreiben und das Licht besingen,
und mein Leben sei gerichtet auf das Ziel, die Dunkelheit zu brechen.
So will mit drei Kugeln ich den Tanz des Narren tanzen, und sie sollen
brechen, Nacht und Drachen und Schweigen; die vierte Kugel aber, das
Licht, will ich schützen.
Als Kämpfer soll ich nicht dienen, so es nicht ein Kampf um die
Freiheit ist. So soll ich Waffen nicht andere tragen als das Rapier der
edlen Männer, und Rüstung nicht andere als die Kleidung eines
Narren. Das Ansehen der Narren soll Schutz genug mir sein, daß ich
vor der Nacht mich nicht fürchten muß.
Meine Pflicht sei es zu helfen, wann immer meine Hilfe vonnöten
ist. Nicht achtlos vorübergehen darf ich an Wesen in Not, ungeachtet
ihrer Herkunft, ihrer Rasse. Ungeachtet auch ihrer Taten, muß ich
doch ihnen helfen, denn Großmut soll mein Meister sein und Vergebung
mein Beispiel.
Verboten sei mir zu töten, so es nicht in Not geschieht oder um
Leiden zu ersparen. Auch will ich niemandem handgemein werden noch ihn
für meinen Vorteil peinigen oder ihm die innere Ruhe nehmen. Versprechen
will ich, desgleichen von anderen nicht zu dulden und den mit meinem
Leben zu schützen, der Folter erleiden soll, gleich seiner Taten.
Freiheit will ich finden selbst in den Ketten der Tyrannen, frei sein
im Geiste, welche Strafe immer sie mir auferlegen. Nicht klagen will
ich, was immer mein Herz zerfrißt, sondern allein Glück und
Zuversicht finden in der Freiheit der Narren. Doch will ich Hilfe annehmen,
wenn sie aus Freundschaft mir geboten wird, denn mein Leben ist verschrieben
dem Lichte und soll nicht in Dunkelheit untergehen.
Freund will ich sein jedem, selbst meinen Feinden. Doch will ich einsam
bleiben im Herzen, der Liebe selbst entsagen, daß nicht die Zuneigung
zu einem mich blind macht gegen die Nöte der anderen. Denn unterscheiden
will ich nicht zwischen den Menschen, sollen Könige mir nicht edler
sein als Mörder.
Nicht blenden lassen will ich mich von dem Glanz des Geldes, noch will
ich handeln für Ruhm und Ehre. Allein das Wissen um Wahrheit sei
mein Antrieb, und die Freiheit des Narren sei mein Lohn. Was immer ich
vollführe, soll geschehen für das Licht, und tun will ich es
nur, wenn mein Gewissen es mir gebietet.
Als Narr will ich die Freiheit anderer Narren achten, ihnen Raum gewähren
und mich nicht niederlassen, wo es schon Narren hat. Denn ihre Lieder
will ich nicht übertönen und ihre Geschichten nicht vorwegnehmen,
daß ich sie des Lebens nicht beraube. So will ich leben von dem,
was man mir zum Geschenk macht, und es nur annehmen entgegen der Lieder
und Geschichten, die ich zu bieten habe.
Einen Beruf außer dem des Narren will ich nicht erlernen, denn
als Narr bin ich berufen, und Narr werde ich bleiben. So kann ich der
Zunft der Narren von nun an niemals mehr den Rücken kehren, und
ich sei gehalten, stets ihre Regeln zu befolgen. Blindheit aber soll
mich schlagen, wenn ich es wage, ihre Regeln zu brechen; blind sein vor
dem Lichte will ich und schutzlos sein im Banne der Nacht.
Die Schellen, die ich nun erhalte, will ich tragen als Zeichen der Weisheit.
Selten willl ich mich von manchen, niemals von allen trennen: denn jeder
soll einen Narren erkennen, wenn er einen sieht. Und Wahrheit will ich
sprechen, wann immer ich weiß, was Wahrheit ist, denn als Narr
bin ich Diener im Lichte.«
So also schwören die Narren, und sind Diener des Lichtes von da
an.
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