Prosaskizzen von Peter Altenberg
alphabetisch nach Titeln
Akolés Gesang, Akolés süßes Lied
An Lande
At Home
Beja Flor
Blumen-Korso
Café de L'Opéra (im Prater)
Der Abend
Der Besuch
Der Brand
Der Landungssteg
Der Schloßherr
Der Tag des Reichtums
Der Trommler Belín
Die Hütten (abends)
Die Kinderzeit
Die Maus
Die Natur
Ein Brief aus Akkra (Westküste, Goldküste)
Erinnerung
Es geht zu Ende
Fünfundzwanzig
Fleiß
Grammophonplatte
Große Prater-Schaukel
Herbstabend
Herrensitz in U.
Ich trinke Tee
Idylle
Im Jänner, auf dem Semmering
Im Stadtpark
Im Volksgarten
La Zarina
Landpartie
Lift
Meine Ideale
Mitzi von der Lamingson-Truppe
Musik
Onkel Emmerich
Onkel Max
Paradies
Parfüm
Quartett-Soireé
Reminiszenzen
Schubert
Siebzehn bis dreißig
Sonnenuntergang im Prater
Spätherbst-Abend
Spätsommer-Nachmittag
Vöslau
Vergnügungslokal
Verkehr zwischen Menschen
Wie einst im Mai
Zwölf
Siebzehn bis dreißig
Siebzehn bis dreißig
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Ich kam einmal zu dem ersten Friseur der Residenz.
Es roch nach Eau de Cologne, nach frisch gewaschenen Leinenmänteln
und zartem
Zigarettenrauch Sultan flor, Cigarettes des Princesses égyptiennes.
An der Kassa saß ein junges Mädchen, mit hellblonden seidenen
Haaren.
Ah, dachte ich, ein Graf wird dich verführen, du
Wunderschöne---!
Sie sah mich an, mit einem Blick, der sagte: Wer du auch seist, einer
unter Tausenden,
ich sage dir, das Leben liegt vor mir, das Leben---! Weißt du das?!
Ich wußte es.
Ah, dachte ich, es kann aber auch ein Fürst
sein---!
Sie heiratete einen Cafetier, der in einem Jahr zugrunde ging.
Sie war gebaut wie eine Gazelle. Seide und Samt erhöhten nicht ihre
Schönheit --
am schönsten war sie wahrscheinlich nackt.
Der Cafetier ging zugrunde.
Ich traf sie auf der Straße mit einem Kinde.
Sie sah mich an, mit einem Blick, der sagte: Ich habe das Leben dennoch
vor mir, das
Leben, weißt du das--?!
Ich wußte es.
Ein Freund von mir hatte den Typhus. Er war Junggeselle, reich und bewohnte
die See-Villa.
Als ich ihn besuchte, machte eine junge Dame, mit hellblonden seidenen
Haaren, die
Eisumschläge. Ihre zarten Hände waren ganz aufgerissen vom
Eiswasser. Sie blickte mich
an: Das ist das Leben--! Ich habe ihn lieb--! Weil das das Leben
ist--!
Als er genesen war, überließ er die Dame einem anderen reichen
jungen
Manne---.
Er trat sie einfach ab, ganz einfach - - -.
Das war im Sommer.
Später überfiel ihn die Sehnsucht - - im Herbst.
Sie hatte ihn gepflegt, sich an ihn angeschmiegt mit ihrem süßen
Gazellenleib---.
Er schrieb ihr: Komm zu mir - - -
Eines Abends im Oktober sah ich sie mit ihm in den wunderschönen
Hausflur treten, in dem
acht Säulen aus rotem Marmor schimmerten.
Ich grüßte sie.
Sie blickte mich an: Das Leben liegt hinter mir, das Leben--! Weißt
du
das?!
Ich wußte es.
Ich kam zu dem ersten Friseur der Residenz.
Es roch noch immer nach Eau de Cologne, nach frisch gewaschenen Leinenmänteln
und zartem
Zigarettenrauch Sultan flor, Cigarettes des Princesses--.
An der Kassa saß wieder ein junges Mädchen, mit braunen welligen
Haaren.
Sie blickte mich an mit dem großen Triumphblick der Jugend ---
profectio Divae
Augustae Victricis---: Wer du auch seist, einer unter Tausenden, ich
sage
dir, das Leben liegt vor mir, das Leben---! Weißt du das?!
Ich wußte es.
Ah, dachte ich, ein Graf wird dich verführen --- es kann
aber auch ein Fürst sein!
Fünfundzwanzig
Fünfundzwanzig
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Jeden Nachmittag um fünf Uhr erschien sie auf der Esplanade.
Die Musik spielte in einem gelben Holz-Pavillon, und die Damen trugen
wunderschöne Kleider
und Hüte.
An den meisten Tischen auf dem in den See rund vorspringenden Plateau
schimmerte es weiß
und lila oder weiß und grün. Das waren die Modefarben. Aber
es gab auf dieser weiten
Fläche von feinen Stoffen, gelbem Stroh, französischen Blumen,
Eulen- und
Straußfedern auch rostrote und stahlblaue seidene Flecken und ganz
hellbraune aus Rohseide,
wie Milchkaffee, mit matten schottischen Bändern---.
Die junge Frau, die täglich um fünf Uhr auf der Esplanade erschien,
war wunderbar
schön und trug wunderbare Kleider. Zum Beispiel eines aus braunrosa
Seide mit weißer und
hellgrüner Stickerei.
Aber ihr schönster Schmuck war das Kind, das mit der Bonne an ihrer
Seite ging.
L'enfant russe, Katja.
Das ist Schönheit, Grazie, süße Heiterkeit und weißes
leuchtendes
bezauberndes Licht. Das ist der Mensch, wie ihn die ideale träumende
Natur ersehnt, das ist
die Dichtung der alten Mutter Erde---.
Reiche elegante Herren saßen bei der jungen Dame---, aber nie zusammen.
Zum Beispiel der Herr GrafT. und dann später der Herr vonA. und
dann der
Rittmeister Baron; -- oder auch umgekehrt. Die Reihenfolge wurde nicht
eingehalten.
Manche blickten auch nur hin, ohne zu grüßen, und lächelten.
Andere
grüßten, wie wenn sie sagen würden: Ich grüße
dich! Ho! Warum
denn nicht?! Es ist ja ein Kurort, ein Rendez-vous der Welt!
Katja saß da, mit ihren goldenen Haaren und den wunderbaren sanften
Augen-----.
Niemand kümmerte sich um sie.
Die Frau Mama, die schöne Frau Mama, stützte die Ellbogen auf
den Tisch und schaute
auf die Bäume mit den breiten Blättern, auf den schimmernden
See, in die Augen des Herrn
von---.
Um sieben Uhr schickte man Katja schlafen.
Sie sagte sanft: Adieu Mami---.
Die junge Dame antwortete nicht---. Sie stützte die Ellbogen auf
den
Tisch und schaute auf die Bäume mit den breiten Blättern, auf
den schimmernden See, in
die Augen des Herrn von---.
Die Esplanade wurde dunkel.
Die wunderschöne junge Dame ging langsam die Allee entlang---.
Niemand kümmerte sich um sie. Bis dahin Prinzessin des Lebens und
jetzt, wenn der Abend
kommt, einsam---! Und in der Nacht vielleicht wieder Prinzessin, Königin,
Göttin---.
Abenddämmerung, Frieden---.
Eltern sitzen auf den Bänken, ein wenig ermüdet von den Landpartien;
Kinder denken
ernst an das Souper, und junge Menschen, die sich lieb haben, führen
leise Gespräche und
fühlen sich riesig glücklich---. Sie haben die Empfindung:
Es
ist eine unvergeßliche Stunde in meinem Leben---. Immer haben sie
solche unvergeßliche Stunden, diese jungen Leute, die sich lieb
haben.
Die jungen Mädchen denken. Vielleicht wird es so sein---. Ich
werde einst sagen: Weißt du noch, wie wir damals abends auf
der Esplanade saßen?!
Da sagte ich: Wie der See im Dunkel verschwimmt und dennoch
leuchtet--!
Und du sagtest: Wie du - - -! Damals warst du wie ein
Dichter!«
Und dann kommt die Mutter, dieses unselige Geschöpf, das vor der
Seele Schildwache steht,
und sagt: Ellie oder Marion oder Riquetta, ich
glaube, es wird kühl, oder es ist spät, ich glaube, wir gehen
nach
Hause---.
Und die jungen Männer sagen: Auf Wiedersehen, Fräulein, kommen
Sie morgen
früh auf die Esplanade!?
Und die Fräulein sagen vielleicht - - -.
Die Fräulein sagen immer vielleicht, aber sie meinen
bestimmt---!
Die Esplanade wurde leer.
Die junge wunderschöne Dame setzte sich auf eine Bank.
Der See sang ein sanftes Lied - - -.
Da sang ihre müde stolze Seele mit, den einzigen Laut der Liebe,
den sie hatte:
Adieu Mami---.
Der Abend
Der Abend
(in "Ashantee", Berlin 1897)
Acht Uhr abends. Regen, Regen - - -.
Es hört ein bißchen auf.
Es duftet nach nassen Kieselsteinen. Oder es scheint so zu sein.
Tíoko steht da, in lila Kattun eingehüllt. Wie ein dunkler
Teichvogel, der friert.
Wie auf einem Fuße steht sie, geduckt in lila Gefieder.
Da gebe ich ihr den ersten Kuß.
Ruhig steht sie - - -.
Wie glücklich bin ich - -
Der Regen hat ein bißchen aufgehört.
Es duftet nach nassen Kieselsteinen.
Goodnight, Tíoko-------.
Tíoko---!? ----- Tíoko?!
Oh Sir - -
An Lande
An Lande
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Anita und Albert sitzen Nachmittag in der Veranda in ihrer See-Villa.
Die Veranda funkelt in rubinrotem Weinlaub. Albert raucht Henry Clay,
Perfectos,
liest Zola Germinal.
Die Dame blickt in den See-Garten.
An den Büschen hingen rote durchschimmernde Beeren und schwarze
undurchsichtige. Kleine
Vögel, Schwarzblattln verließen lautlos einen Zweig, verschwanden
lautlos. Die Wiesen
waren lila getupft mit Herbstzeitlosen. Die Buchenzweige waren wie feine
braune Netze, ausgespannt
auf hellblauem Untergrunde. Braune Blätter baumelten daran wie müde
eingeschrumpfte
Schmetterlinge. Von den Nußbäumen regneten Blätter langsam
herab---. Die Dame fühlte: Das Adieu-sagen der
Natur---!
Die Dame blickt auf den See hinaus.
Der See:
5 Uhr: blinkend wie scharfgeschliffene Toledaner-Klingen im Gefecht.
Das Höllengebirge ist
wie leuchtende Durchsichtigkeit.
6 Uhr: hellblaue Teiche und Streifen in bronzefarbigem Wasser. Das Höllengebirge
wird wie
rosa Glas.
7: zitronen-gelber See vom Sonnen-Scheiden, ein Hauch von Lila, wie Heliotrope-Dunst.
Das Höllengebirge wird wie Amethyst.
7: kupferrote und flaschengrüne Streifen und Teiche in grauem Wasser.
Das
Höllengebirge erbleicht---.
Der Bankdirektor schließt sein Buch, macht ein kleines Eck als
Merkzeichen. Er denkt:
Germinal-! Das ist die erste Stufe, der Keller der Menschheit, Arbeit
unter der Erde
und wenig Seele---. Wir sind die zweite, Arbeit über der Erde und
etwas
Seele---. Anita ist die dritte Stufe, keine Arbeit, über der Erde
und
ü
berschüssige Seele---.
Er berührt sanft die Hand seiner Frau, sagt lächelnd: Komm
zurück---.
Dann geht er hinein, schließt leise die Glastür der Veranda.
8: der See ist wie Blei, wie eingedickt. Das Höllengebirge ist weißgrau,
wie
eine ohnmächtige Jungfrau.
8: ein kleiner runder Teich fern am See flimmert wie Silber. Bonsoir
des
Mondes---.
Tragen Sie das Souper noch nicht auf, Marianne--, sagt der Gatte
drinnen zu dem Stubenmädchen, wir warten---.
At Home
At Home
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Grillparzerstraße eine breite lichte Gasse, welche Oktobersonne
trank und in die gelben
Flächen der Häuser einschlürfte, daß die Sonnentropfen
auf den Spiegelfenstern
spritzten. Das Holzstöckelpflaster erinnerte den Fuß an feste
braune Waldwege.
In dem dumpfigen Stiegenhause stampften müde Männer in milchblauen
Blusen. Oben im
zweiten Stock waren die Türen weit geöffnet. Es roch nach Türanstrich
und
Dienstbotenkaffee.
In den Débâcles der Hauswirtschaft sitzen die Dienstboten
ruhig auf Sesseln aus
weichem Holz und trinken Punkt fünf den Jausenkaffee aus dicken
weißen Schalen.
Und wenn einst alles in Trümmer sinkt und Asche, wird sich aus dem
Schutt des Hauses noch
das hellbraune Rauchwölkchen des Dienstbotenkaffees friedlich emporschlängeln!
Die Dienstboten! Haßerfüllt verlassen sie im Frühjahr
die Stadt und ziehen mit
stupider Hoffnung in die Wälder, in die Berge---.
So verlassen sie haßerfüllt das elende Land und ziehen mit
stupider Hoffnung in den
Stadtkerker ein-.
Die Wohnung schläft, eingehüllt in graue Tücher und moosgrünen
Organtin,
ungewaschen, unfrisiert, im dumpfen Schlaf des Naphthalin-Rausches.
Plötzlich rasseln im Oktober die weißen Jalousien hinauf.
Die Hausfrau betrachtet diese Schläferin mit feindlichen Blicken:
Dich zu neuem
gemütlichem Leben, erwecken, dumpfe Sybaritin---?!
Jedenfalls bindet sie sich das rotseidene Tuch um den Kopf---.
Fräulein Margarethe sitzt in ihrem Zimmerchen mit der kühlen
Oktoberluft, den
dunkelbraunen Tapeten mit den tausend gepreßten goldenen Chrysanthemen
und dem staubigen
hellbraunen Tonofen mit den Goldlinien.
Auf ihrem Antlitz liegen die Farben des plein-air. Sie schält mit
einem
goldenen Messerchen eine Isenbartbirne und reiht die feuchten saftigen
Stückchen auf ein
weißes Tellerchen. Dann steckt sie eins nach dem anderen in den
Mund, läßt sie
zerschmelzen, vergehen und feiert eine edle stille Orgie der Geschmacksnerven.
Um sie herum tobt die Schlacht.
Türen donnern, krachen, graue fetzige Standarten fliegen, das Regiment
Milchblau stampft todesmutig heran---.
Stoßen Sie nicht den Türanstrich ab - -, schreit der Feldherr
mit dem
rotseidenen Helme und ist, wie man sich auszudrücken pflegt, überall
und
nirgends ---.
In ungeheurer Ruhe sitzt das junge holde Geschöpf in seinem Zimmerchen
mit der kühlen
Oktoberluft, den dunkelbraunen Tapeten mit den tausend gepreßten
goldenen Chrysanthemen und
dem staubigen hellbraunen Tonofen mit den Goldlinien.
Die Birne auf dem weißen Tellerchen ist verschwunden---. Das junge
Mädchen erhebt sich langsam, geht zum Fenster, stützt die Ellbogen
auf und den Kopf in
die Hände---.
Dämmerung.
Drüben, an der riesigen braunen Wand des Hauses schimmern hellerleuchtete
Fenster.
Weißgrünes Leuchten vom Auerlicht, goldgelbes von den kleinen
elektrischen
Glasbirnen, mattes flackerndes vom traurigen Gas, rosenrotes und flaschengrünes
von den
riesigen seidenen Schirmen der englischen Stehlampen---.
Von den Stadtgärten und Wiesen zieht ein matter Duft in die Straße
herein--.
Wie Land-Melancholie, wie ein letzter Gruß vom Sommerfrieden---!
Wo ist mein Bett, meine Decke, mein Polster, mein
Plümeau---?! sagt das Fräulein und wendet sich nach dem
Stubenmädchen um.
Ich werde heute zeitig schlafen gehen, ich bin müde---.
Sie hat feucht schimmernde Augen - - -.
Allmählich verstummt der Donner der Geschütze, und das Regiment
Milchblau zieht ab.
Der Abend senkt den Frieden über das Schlachtfeld. Der siegreiche
Feldherr nimmt das
rotseidene Kopftuch ab, und die Lagerfeuer der Lampen und Kerzen erglänzen
durch die stille
Nacht---.
Das Fräulein träumte: Adieu Sommer---!
Beja Flor
Beja Flor
(Einer edlen Verstorbenen, Madame J. Brandeis, gewidmet)
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Sie war eine bleiche Dame von vierzig Jahren. Sie hatte eine Welt verloren.
Sie besaß noch
eine Welt, Monsieur Fripp und Monsieur Frapp, ein Aquarium und zwei goldgrüne
Inséparables, mit einem Worte, die Menagerie. Fripp sagte immer.
Gute
Frau--, aber nur mit den Augen. Dann lächelte sie so, gleich war
es wieder
weg, husch---. Frapp, der Star, sagte: Arme Stefanie, Steff, Steff,
Steff---.
Das Aquarium enthielt Goldfische, einen kleinen Springbrunnen, schöne
grüne
Wasserpflanzen und glänzende weiße Kieselsteine. Das hatte
ihr der Herr Schwiegersohn
geschenkt.
Der Schwiegersohn kam jeden Abend, küßte die bleiche Dame.
Das hieß:
Du weißt schon, wen ich da mitküsse--!?
So küßte er sie.
Sie sagte oft zu dem Neffen, der bei ihr wohnte und wie ein Sohn aufgehoben
war und kein sehr
glücklicher Mensch war: Du, mit deinen Ideen, du bist ja wie Jesus
Christus---.
Aber die reine, die wahre Christin war sie, denn sie hatte die Leidensstationen
durchgemacht und
hatte ihr Ich verloren und lebte in denen, die nicht mehr waren, und
lebte für die, die waren,
und für die unschuldigen, intelligenten Tiere---.
Was kann ich Georg bieten?! dachte sie, ein bißchen Frieden und
Tafelspitz mit Paradeis-Sauce------
Der Hund sprang meterhoch an ihr empor, der Star sagte: arme Steff--,
und die Goldfische waren riesig dankbar, indem sie herumschwammen und
glitzerten und schwiegen.
Einmal lag einer im Lavoir.
Was ist das - - - ?! sagte der Neffe, warum liegt er im
Lavoir--?!
Der arme Kerl ist krank - -, sagte die Dame, er muß im Salzwasser
liegen.
Woran erkennst du das, daß er krank ist-?! sagte der Neffe.
No weißt du - - - ! Er wird doch ganz traurig!?
Das war wirklich rührend. Der Neffe stand daher fünf Minuten über
das Lavoir
gebeugt, wo das Goldfischlein die Kur gebrauchte und Solenbäder
nahm.
Er wird schon kräftiger - -, sagte er.
Die Dame saß, ein bißchen fröstelnd, beim Ofen und sagte:
Nein, er wird
sterben---. Georg, heute bekommst du wieder deine geliebten
gâteaux fourrés mit
Marillensaft.
Einmal sagte der Neffe: Da habe ich einen Freund, der Schiffbruch gelitten
hat. Er war in
Brasilien, und nach einem Jahre ist er zurückgekehrt. Darf ich ihn
heraufbringen?!
Nein - -, sagte die Dame.
Am nächsten Tage sagte sie: Bringe deinen Freund, welcher Schiffbruch
gelitten
hat--.
Um acht Uhr abends erschien ein junger Mann, mit einem Antlitz wie Hölderlin.
Nach dem Souper sagte der Neffe: Was ißt man in Rio---?!
Er meinte: Erzähle überhaupt - - -.
Der Schiffbrüchige erzählte von Bananen und Ananas, von den
schwer schälbaren,
honigsüßen Orangen, von den giftigen Schararakas, von den
Onzas, die in der
Dämmerung brüllen, von den Königspalmen, palmeira reale,
von den
breitblättrigen Musacéen, von den weißschimmernden
Sternbildern, den feinen
Nationalgerichten, der Tramway, die in den Urwald führt und von
den bleichen Frauen mit den
Mandolinen-Augen und der samtenen Haut und den Diamanten und Smaragden
im braunen
Haar---.
Die Dame lag in einer Chaiselongue.
Haben Sie Kolibris gesehen - -?! sagte sie mechanisch. Sie dachte an
ihre
Kindheit, wo man gelernt hatte: Die Honigvögelchen, auch Blumenvögelchen
genannt,
sind die kleinsten Vögel von der Welt-.
Ich habe einen mit dem Schmetterlingsnetz gefangen. Er flimmerte und
flirrte über
einer Blüte, wie ein Nachtschmetterling es tut, und senkte seinen
langen Schnabel in den Kelch
der Blüte. Der Brasilianer sagt daher: Beja flor - der die
Blume küßt!«
Haben Sie ihn getötet - -?! fragte die Dame.
Nein, ich habe ihn wieder freigelassen - -, sagte Hölderlin.
Die Dame lächelte fast selig; sie dachte: Er ist gut--. Er muß
auch etwas verloren haben-.
Ah, Rio - -, sagte er, wie sehne ich mich nach dir!
Warum sind Sie zurückgekehrt sagte die Dame sanft.
Ich schrieb in einem Comptoir, und draußen küßten Vögelchen
die
Blumen! Beja flor---!
Der Neffe sagte: Hier kann man arbeiten -- wer stört uns?!
Die Dame dachte an den Kolibri, der flimmerte und flirrte wie ein Nachtschmetterling
und dem man
das Leben geschenkt hatte, obzwar er schon im Netze war. Die Uhr sang
Elf, Frapp murmelte
träumend arme StStSt---, die goldgrünen
Inséparables schliefen eng aneinandergedrückt, Fripp sah
die Dame an mit seinen Augen
voll Liebe, und die Goldfische standen unbeweglich unter einem Felsen
von Tuff. Nur der, der
Solenbäder gebraucht hatte, schlief extra, unter einem grünen
Blatt, gleichsam in freier
Mutter Natur, denn er war ein Abgehärteter---.
Kommen Sie bald wieder - - -! sagte die Dame beim Abschied zu dem Brasilianer.
Am nächsten Tage lehrte sie den Star: Beja flor -- der die Blume
küßt.
Besssa florrr - -, sagte der Star, arme Stefanie, arme Steff, Steff,
Steff
-- florrr!
Die Dame saß beim Ofen und fröstelte---.
Dann kam der Schwiegersohn und küßte sie.
Das hieß: Du weißt schon, wen ich da
mitküsse---!?
So küßte er sie - - -.
Beja flor!
Der Besuch
Der Besuch
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Im Vorzimmer brannte die weiße Ampel, hoch aufgedreht. An den Messinghaken
hingen einige
Kleidungsstücke.
Der junge Mann berührte sanft einen langen grauen Damenmantel.
Dann trat er ein.
Auf dem rostfarbigen seidenen Sofa saß die junge Frau des Hauses.
Sie hatte eine japanische Frisur mit drei goldenen Kugeln, schöne
schmale Augenbrauen und
feine weiße Hände. Sie trug ein ganz weites schwarzes Seidenkleid
mit einer breiten
offenen Halskrause aus weitem schimmerndem Tüll.
Hinter ihr, an der Wand, standen auf einem breiten hellbraunen matten
Brett aus edlem Holz sechs
dicke bauchige Glaskrüge mit eingeschmolzenen dunkelroten und hellgrauen
Flecken und
inkrustierten goldenen Blättern und Blüten.
Die junge Frau saß wie unter einem Dache, wie in einer Veranda.
Auf einem niedrigen Fauteuil aus grasgrünem Plüsche saß eine
junge Dame in einem
gestreiften Samtkleid in der Farbe von Kastanienpüree.
Sie hatte braune wellige Haare und einen Teint wie einmal angerauchter
Meerschaum.
Ich habe gewußt, daß Sie es sind! sagte die Hausfrau.
Oh, ich auch - -! sagte das junge Mädchen.
Er ging ruhig zum Samowar und betrachtete die Gingerbreads, welche auf
der
silbernen Tasse aneinandergereiht waren wie die Schmetterlingsschuppen
unter dem Mikroskope
-- dachziegelartig.
In einem weiten japanischen Strohkorbe lagen Marons glacés, feucht
glänzend, in
kleinen Badewannen aus weißem genipptem Papier.
Die junge Hausfrau erhob sich und bereitete eine Tasse hellgoldenen Tee.
Der junge Mann betrachtete ihre wunderschönen Hände, welche
die zartesten Bewegungen
ausführten.
Sie gab Zucker und Rum in den Tee. Sie kannte wahrscheinlich seinen Geschmack.
Dann setzte sie sich wieder in die Veranda mit den graurotgoldenen Glaskrügen.
Das junge Mädchen stand auf und brachte die silberne flache Tasse
und den geflochtenen
Bambuskorb.
Der junge Mann trank langsam den Tee, aß Gingerbreads und fünfzehn
Marons
glacés.
Die Damen lächelten.
Er sagte: Ein heller goldgelber Tee, meine Damen, mit feinem Rum, ist
das anregendste
Getränk von der Welt. Er führt uns Wärme in seiner goldenen
Flüssigkeit zu und
ü
bt einen sanften Reiz auf unsere Geschmacksnerven aus, der sich über
den
Gesamtorganismus verbreitet wie ein süßer Dunst. Es ist wie
ein inneres, warmes,
parfümiertes Bad. Es erhöht die Energie des Lebens ganz einfach.
Gingerbreads sind die Fürsten der englischen Cakes. Spröde
wie Glas, enthalten sie die
Seele der Staude Zingiber, eines
ziemlich anregenden Gewächses.
Dann sagte er. Marons glacés sind eine leicht verdauliche und
außerordentlich nahrhafte Speise--. Im Verlaufe ihrer weiteren
Umwandlung erzeugt
sie direkt Geist!
Die Damen lächelten.
Ja, wir müssen immer trachten, meine Gnädige, die im Leben
verlorengehenden
Kräfte auf geschickte, ja raffinierte Weise rasch und leicht wieder
zu ersetzen, den Haushalt
im Gleichgewichte zu erhalten, zu vergrößern! So wachsen wir
ins Unendliche und werden
unsterblich---!
Wie macht man Marons glacés? fragte das schöne Mädchen.
Ich weiß nicht, sagte die Hausfrau, man kauft sie bei Demel.
Der Herr sagte: Sie scheinen in Wasserdunst gekocht zu sein---. Zu
allen diesen schönen, guten und gesunden Dingen kommen noch zwei
ideale Hände und ein
gestreiftes Samtkleid mit seinen Lichtern und seinen matten Ruheflächen.
Tausend starke
Kräfte strömen uns da ins Auge und baden das Gehirn rein von
allem Schweren,
Störenden.
Die junge Hausfrau errötete.
Das junge Mädchen blieb matt wie angerauchter Meerschaum.
Der junge Mann betrachtete diesen Jour als eine Anstalt für Diätetik
und
Hygiene. Das heißt, alles überhaupt verwandelte sich bei ihm
in Dinge, welche in der
Lage wären, die Spannkräfte des edlen Organismus Mann zu erhöhen.
Tee, Ginger, Kastanien, Frauenhände---!
Wir müssen wachsen - - -, dachte er, sogar bei der
Jause---.
Die Damen bekamen dafür ihrerseits das wohltuende Bild einer schönen,
komplizierten,
feinen, gut geheizten und geölten Maschine, die man dann nur mit
irgendeinem Treibriemen in
Verbindung zu bringen brauchte, um eine hohe, intensive und außerordentliche
Tätigkeit
und Leistung auf irgendeinem Gebiete menschlicher Bewegung zu erzeugen.
Die feine geheizte und geölte Maschine begann zu rauchen.
Es war der Dampf von ägyptischen Zigaretten.
Auch das Fräulein rauchte. Es sah aus, wie wenn ein großer
feingeschnittener
Meerschaumkopf sich selbst braun anrauchen würde---.
In dem warmen Zimmer lag der Duft von Tee, Rum und Zigarettendampf.
Der junge Mann setzte sich auf das kleine Sofa neben die junge Hausfrau
und sah auf ihre feinen
weißen Hände.
Die junge Frau verbarg sie in den seidenen Falten ihres Kleides und beugte
sich schüchtern
ein wenig vor.
Kennen Sie A. Tschechow? sagte er. Der ist außerordentlich, ein
Genie! Ich habe ein Bändchen für Sie mitgebracht,
Fräulein---.
Lesen Sie uns vor! sagte die angebräunte Meeresschaumprinzessin.
Er las la mort du matelot und les ennemis Was ging es ihn an,
daß es sehr traurig war und vielleicht nicht herpaßte?!
Aber alle waren begeistert.
Sie leben wie Coquelin, sagte das junge Mädchen.
Der junge Mann sagte: Begeisterung und Deklamation sind Mittel, unseren
Stoffwechsel zu
beschleunigen, also unser Menschentum zu steigern. Man verjüngt
sich dabei. Es ist wie ein
Turnen von innen.
Die weißen Hände der jungen Frau lagen auf dem Schoß von
schwarzer Seide
ausgebreitet. Sie vergaß, sie zu verbergen---.
Der junge Mann sagte: Mein A. Tschechow! Mit wenigem viel sagen, das
ist es! Die weiseste
Ö
konomie bei tiefster Fülle, das ist auch beim Künstler alles
-- wie beim
Menschen. Auch der Mensch ist ein Künstler, sollte es sein -- ein
Lebens-Künstler! Die Japaner
malen einen Blütenzweig, und es ist der ganze Frühling. Bei
uns malen sie den ganzen
Frühling, und es ist kaum ein Blütenzweig. Weise Ökonomie
ist alles! Und dann, sehen
Sie --- die feinste Empfänglichkeit haben für Formen, Farben,
Düfte ist
schön. Dieses dem anderen so beibringen, daß er es ebenso
spürt, ist eine Kunst.
Aber dieselbe Empfänglichkeit haben, denselben zarten Sinn für
die Formen und Farben
der Seele, des Geistes -- ist mehr! Die wahre Kunst beginnt erst mit
der Darstellung
geistiger, seelischer Ereignisse. Das Leben muß durch einen Geist,
durch eine Seele
hindurchgehen und da sich mit Geist und Seele durchtränken wie ein
Badeschwamm. Dann kommt es
heraus, größer, voller, lebendiger! Das ist Kunst!
Die feine Maschine hatte einen Treibriemen bekommen. Sie arbeitete präzise
und mit Schwung.
Die junge Frau war blaß geworden. Sie verstand nicht alles, sie
wußte nur, daß
es etwas sei, was ihren Horizont überflog und sich nach vorwärts
und oben weit ausdehnte,
wie das Licht, die Luft---.
Wie sollte sie sich dazu stellen?! Das machte sie nervös. Sie blickte
ernst auf ihre
weißen Hände herab---.
Aber die Meeresschaumprinzessin war rosig geworden. Sie flog mit. Sie
empfand die Wahrheit. Sie
dachte: Das ist es! Kunst ist etwas, was das Leben lebendiger macht.
Denn was wäre es
sonst, wenn es, aus Lebendigem entsprungen, nicht lebendiger wäre
als dieses?!
Sie ahnte einen Zusammenhang zwischen Kunst und Liebe---. Man wird
lebendiger--, fühlte sie.
Es war acht Uhr geworden.
Der junge Mann empfahl sich. Er küßte die weißen Hände
und die in teint
ambré.
Draußen im Vorzimmer berührte er wieder sanft den grauen Damenmantel,
der an dem
Messinghaken hing.
Die Türe ins Stiegenhaus schnappte ins Schloß zurück.
Die Damen drin aber lächelten - -.
Sie fühlten vielleicht, daß ihre latenten Spannkräfte
erhöht waren, ihr
Stoffwechsel beschleunigt war--.
Ja, sie waren ganz rosig und guter Dinge - -!
Blumen-Korso
Blumen-Korso
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Sechs Uhr früh. Es ist trocken, kühl, der Himmel weißlichblau,
bleu-lacté würden die französischen Schriftsteller
sagen---.
Eine Blumenhandlung von falschen Blumen schlägt ihre Lider auf,
graue Holzläden.
In der staubigen Auslage blüht der Frühling, Schleedornröschen;
der Sommer,
Kornblumen; der Herbst, rosa und lila Astern und die Federkugeln von
Leontodon.
Ein blasses Ladenmädchen trägt weiße Rosen heraus, bekränzt
einen Wagen,
der vor der Türe steht. Die Blumen riechen wie alte Mousseline-Kleider.
Blumenkorso - - - für Nachmittag vier Uhr! Logen-Sitze fünf
Kronen! Es soll Geld unter
die Leute kommen, Tausende verdienen indirekt, hat man eine Idee?! Es
geht herunter bis
zum---. Niemand kann es ausdenken.
Auf der Gasse steht ein junges Weib mit einem schlafenden Kinde, starrt
das fliegende
Rosenbeet an, ein Stückchen einer feenhaften Welt, Rosen und Fiaker,
das
Mysterium des schönen Überflüssigen!
Das Kind schläft tief in der reinen Morgenluft-.
Vom ersten Stocke herab blickt eine junge Dirne im Hemde zwischen weißen
Stores hervor:
Soll ich den Wagen mieten, soll ich nicht, soll ich, soll ich nicht,
soll
ich---?!
Das Ladenmädchen blickt hinauf: Du Mistvieh -!
Das Ladenmädchen gähnt, steckt dem Kutscher eine Rose ins Knopfloch.
Die junge Mutter mit dem Kinde geht weg. Das Kind schläft tief in
der reinen Morgenluft.
Die Dirne läßt die Stores herab.
Der Rosen-Wagen fährt weg, die Rosen wiegen sich, verneigen sich,
rauschen, schütteln
sieh, eine stürzt herab auf den Asphalt---.
Nachmittags mietet eine Dame und ein junges Mädchen den Wagen.
Les fleurs sont fausses - - -, sagt das junge Mädchen.
So---, sagt die Dame, merkt man es?!
Blumenkorso. Zufahrt durch die Praterstraße. Fliegende Blumenbeete.
Tausende verdienen
indirekt!
Die junge Dirne liegt auf ihrem Bette, schläft. Die Nachmittagssonne
wärmt die
weißen Stores. Sie träumt:
Rosen-Wagen------.
Das Ladenmädchen sitzt in dem dunklen, dunstigen Blumenzimmer auf
einem Strohsesselchen,
schläft--. Sie träumt: Rosen-Wagen---.
Das junge Weib trägt das Kind durch die Straßen. Das Kind
schläft tief in der
dunstigen Nachmittagsluft-.
Die Rose, die am Morgen aus dem Wagen gestürzt ist, steht in einem
Glase in dem Zimmer
eines Gassenkehrers. Sein Töchterchen sagt: Pfui, sie stinkt--.
Der Gassenkehrer hätte antworten können: Das sind die Blumen,
die auf dem
Asphalt einer Großstadt blühen---! Aber er sagte das nicht.
Dazu war er zu bescheiden---.
Er dachte: Es ist vom Blumenkorso - - -!
Der Brand
Der Brand
(in "Neues Altes", Berlin 1911)
Um zwei Uhr morgens kam die Nachricht in die American Bar, daß ein
Palais nächst dem
Stadtpark in Flammen stehe. Wir ließen unsre wunderbaren Mischungen
sofort stehen, fuhren im
Fiaker rasend hin.
Auf dem Dache des fünfstöckigen Palastes leuchteten die weißen
Magnesiumfackeln
der Feuerwehr, und goldgelbe und rote Funken fielen zur Erde. Unten im
Finstern der Straßen
leuchteten die Lampen der Feuerwehrautomobile wie getreue Wächterhundeaugen!
So
besorgt-gutmütig!
Der Stadtpark war schwarz und einsam. Auf einer Bank saßen zwei,
Hand in Hand. Sie
betrachteten den Brand des Palais, hörten die Feuerwehrsignale:
Wasser! Wasser!
Wasser!, und sie waren und sie blieben versunken in ihrem eigenen unentrinnbaren
Schicksal,
Hand in Hand.
Das Palais brannte, und man erließ für die obern Parteien
bereits die Nachricht, sie
möchten delegieren und herabkommen---.
Der Stadtpark war einsam und im Dunkeln - -.
Ein Brief aus Akkra (Westküste, Goldküste)
Ein Brief aus Akkra (Westküste, Goldküste)
(in "Ashantee", Berlin 1897)
Ein Brief aus Afrika. Wann ist er aufgegeben?! Am 20.Juli. Wann ist er
angekommen?! Am
26.August. Die Tränen der Absender sind bereits versiegt, während
die der
Empfänger fließen. Monambôs Bruder ist gestorben, 14Jahre
alt. Er war
so groß wie Tíoko---, sagt Monambô, und ebenso
schön.
The big Akolé sitzt bei ihrem Verkaufstische, zählt Geld.
Die Tränen rinnen
ü
ber ihr edles Gesicht.
Il me semble, qu'elle est encore plus noire aujourd'hui, sagt die
französische Sekretärstochter und küßt sie.
War er verwandt mit ihr?! frage ich den Häuptling auf englisch.
Wir weinen um alle, sagte der Häuptling, so sind die
Black-men. Wenn ich in Afrika sein
werde, werde ich um dich weinen, Sir.
Akóshia sitzt auf dem Tanzplatze, macht Musik mit eisernen Kastagnetten;
die Tränen
rinnen über ihr edles Antlitz.
Tíoko sitzt vor ihrer Hütte, singt leise vor sich hin und
weint. Wie
Harfenbegleitung zu Tränen. Wie Psalmen.
Monambô weint nicht.
Du bist nicht traurig, Monambô?!
Sir, ich bin in der Fremde. Ich werde weinen, bis ich in Afrika
bin---.
Diese allgemeine Trauer ist doch ein bißchen unverständlich,
sagt die
junge Sekretärstochter zaghaft zu mir.
Glauben Sie es doch nicht, daß es dieser junge Mensch ist, um welchen
sich diese
edlen sanften Geschöpfe grämen. Sie weinen um Afrika, c'est
le mal du pays, diese
zarteste Krankheit unserer Seele, welche zum Vorschein kommt. Wie wenn
ein kleines Mädchen
eine neue Bonne bekäme.
Merkwürdig, sagen die besorgten
Eltern, wirklich, niemand hätte es gedacht, unser Schatz ist
ganz freundlich mit ihr; wie alte Bekannte. Alles geht gut, sie vertragen
sich, das Fräulein
ist aber auch so lieb mit ihr, sie hat keine leichte Position.
Plötzlich aber ein unscheinbares Wort der Bonne, eine Gebärde.
Das Kind bricht in
heiße Tränen aus. Ist es das Wort, diese Gebärde?! Keineswegs.
Sie schluchzt um
ihre alte Kinderfrau---.
Neun Uhr abends. Die Tränen sind versiegt. Der Mond macht die Birken
im Garten glitzern.
Still sind die afrikanischen Hütten. Tíokos Hütte ist
finster. Monambô ruft
mich. Ich trete in die Hütte. Auf dem Boden liegen Monambô,
Akolé, die
Wunderbare, und Akóshia. Kein Polster, keine Decke. Die idealen
Oberkörper sind nackt.
Es duftet nach edlen reinen jungen Leibern. Ich berühre leise die
wunderbare Akolé.
Go to Tíoko, sagt sie sanft, du liebst sie.
Monambô, welche die Traurigkeit für Afrika aufspart, sagt:
Sir, morgen bringst
du uns einen piss-pot; es ist zu kalt, um in der Nacht aus der Hütte
zu treten. Er muß
außen blau und innen weiß sein. Was er kostet, werden wir
drei zusammen bezahlen.
Freilich, Tíoko würdest du einen schenken! Was wird er kosten?!
Monambô, niemals habe ich noch einen piss-pot besorgt. Ich kenne
die Preise nicht.
Zwischen 50Kreuzer und 500Gulden. Königinnen benützen goldene.
Sir, es war heute ein trauriger Tag. Gute Nacht. Du liebst Tíoko.
Der piss-pot
muß außen blau und innen weiß sein. Bringe ihn bestimmt,
to-morrow. Man kann in
diesen Nächten nicht aus der Hütte treten, verstehst du?!
Ich küßte den drei Mädchen auf ihren harten Lagern die
Hände. Akolé
war zu schön! Ich kniete mich nieder, küßte sie auf die
Stirn, die Augen, den
Mund--.
Go to Tíoko - - -, sagte sie sanft.
Monambô, Akóshia verkrochen sich in ihren Kattunen.
Als ich aus der Hütte trat, waren die Birken grau im Frühlichte
und wie eins mit der
nebeligen Luft, welche nach feuchter Frische duftete---.
Café de L'Opéra (im Prater)
Café de L'Opéra (im Prater)
(in "Was der Tag mir zuträgt", Berlin 1901)
Jawohl, eine eigentümliche Beziehung ist zwischen diesen Dingen:
Herr; Dame;
Mandolinengezirpe; Birke, Platane, Esche; weiße Bogenlampe; und
kühler Auen Nachtduft.
Etwas abseits vom schweren Leben ist es. Es schleicht nicht dahin wie
Brackwasser. Eine
wundervolle Mischung ist es, welche uns heiter macht und leicht. Man
fühlt: Wie schön
wäre es, wenn ich immerwährend so sorgenlos, so leichten Sinnes
wäre. So
unbedenklich sitze ich und lausche. Niemanden beneide ich. Eine Rose
kaufe ich und schenke sie
Signorina Maria. Eine wundervolle Zigarette zünde ich mir an. Wie
lieblich die Mandolinen
gebaut sind - wie hohle tönende Birnen! Wie die Birkenblätter
glitzern!
Lorbeerbäume, Aristokraten und Café-Likör passen zusammen.
Etwas Exzeptionelles
ist es. Wie herrlich sind die Antlitze Italiens! Zum Weinen geradezu.
Wie frei, wie würdevoll
sitzen diese Menschen. Und wenn sie sich vornüber neigen, ist es,
wie wenn sie lauschten,
irgendwohin. Immer sind sie anderswo, von sich weg. Wenn sie singen,
bei ihren Liedern. Wenn sie
schweigen, bei ihrem Meere. O wie wundervoll ist das. Es zieht uns mit.
Wir haben uns gleichsam von
uns empfohlen und sind fortgeschwommen. Addio---.
Im leichten Leben stehen wir, wie Aristokraten, welche von ihren Gütern
leben, wie
Liebende, die sich verloren haben, wie Weise, welchen nichts mehr geschehen
könnte, was sie
ü
berraschte, überrumpelte.
So unbedenklich sitzen wir und lauschen. Niemanden beneiden wir. Eine
wundervolle Zigarette
zünden wir uns an. Eine Rose kaufen wir und schenken sie Signorina
Maria.
Wie die Birkenblätter glitzern. Wie ruhig die Platane steht. Und
wie die Esche mit ihren
zarten Blätterfingern bebt! Ganz unbedenklich sitzen wir und schaun
und lauschen.
Noch eine Rose kaufen wir und schenken sie Maria. Und noch eine Rose
kaufen wir. Und einen
Strauß von Rosen.
Geld spielt keine Rolle.
Wie Aristokraten sind wir, die von ihren Gütern leben. Etwas abseits
vom schweren Leben
sind wir. Wir schleichen nicht dahin wie Brackwasser. Über uns selbst
erstaunen wir.
Signorina Maria - - -!
Onkel Emmerich
Onkel Emmerich
(aus "Fechsung", Berlin 1915)
Mein Onkel Emmerich hatte kein Herz. Er spekulierte und kaufte Kopien
alter Bilder als echte,
die sich dann später teilweise sogar als echte herausstellten. Endlich
hatte er
abgewirtschaftet. Wir Knaben saßen beim Nachtmahl am Abend des ökonomischen
Sedan
im Hause Emmerich, und mein Onkel bewies uns an der Hand von Silberers
Sportzeitung, seiner
Bibel, daß Quick Vier am Sonntag das Rennen gewinnen müsse.
Außerdem
habe er private Tips erhalten aus dem Stall. Plötzlich sah er auf
und bemerkte, daß Frau
und Tochter leise weinten. Wenn ich nur wüßte, weshalb jetzt
diese Weiber
platzen?!? sagte er. Natürlich platzten sie wegen des verlorenen
Geldes. Wegen was
platzen Weiber ernstlich?! Quick Vier gewann auch nicht, weder Quick
noch Vier, sondern
ü
berhaupt nicht, und mein Onkel fuhr auf dem hohen Dache des englischen
eleganten Sportomnibus
(zehn Kronen der Sitz!) und mit demselben Rennglas bewaffnet, das auch
Graf Niki Esterhazy hatte,
ganz nachdenklich nach Hause. Die Mitgift unserer armen Tochter! weinte
unaufhörlich meine Tante. Erziehe dein Kind so, daß sie keine
Mitgift
braucht! sagte mein Onkel. Als er seine Gemäldesammlung, wegen der
er sein Leben lang
von der Familie verhöhnt worden war, versteigert hatte, erwies es
sich, daß sie
wertvoller gewesen war als das ganze Geld, das er sonst verspekuliert
hatte. Einen
merkwürdigen Menschen nannte ihn von nun an die Familie, die ihn
bisher einen Leichtsinnigen
genannt hatte. Meine Tante aber sagte: Emmerich, innerlich bist du ja
doch ein guter
Mensch!
Erinnerung
Erinnerung
(in "Neues Altes", Berlin 1911)
Der Rathauspark duftet nun von edlen Bäumen und edlen Sträuchern.
Es ist kühl und
schattig. Aber damals war es eine endlose graue Wiese mit eingetretenen
staubigen oder kotigen
schmalen Fußwegen. Eines Tages stand eine grüne Bretterbude
da, das erste Wandelpanorama
in Wien, genannt Der Rigi. Es roch nach Öllämpchen, und mein
Hofmeister und
ich saßen in der ersten Reihe auf Strohsesselchen. Der Rigi und
alle Seen und Bergesketten
zogen an uns vorüber, zu den Klängen eines italienischen Werkels.
Dann wurde es
allmählich finster, und die Berghotelfenster beleuchteten sich,
denn sie waren ausgeschnitten
und dahinter Licht. Das gefiel mir. Später machten wir eines Tages
die erste
Pferdetramwayversuchsfahrt mit, vom Schottenring bis Dornbach. Es fiel
mir auf, daß es
fortwährend klingelte, was bisher bei den Fuhrwerken nicht zu beobachten
war. Man hielt das
Ganze für gefährlich und unsicher und glaubte nicht recht daran,
daß es sich
einbürgern werde.
Die Sonntage wurden in Hietzing bei Domayer verbracht. Es fiel uns angenehm
auf,
daß unser Vater dem Fiaker, der uns führte, du sagte und sich
in leutselige
Gespräche mit ihm einließ. Er kam uns vor wie ein milder Potentat.
Die Trinkgelder waren
enorm, gleichsam die Entschädigung für das vertrauliche Du.
Die Rückfahrten vom
Lande abends sind das Schönste; da schläft man wie ein Toter.
Man verflucht den Moment
der Ankunft, der Wagen ist das wunderbarste Bett gewesen. Aber jetzt
kommt Stiegensteigen,
Ausziehen, eine unsäglich beschwerliche Arbeit.
Gebratene Äpfel spielten bei uns eine große Rolle. Alles duftete
in den Zimmern
danach. Das ist ganz abgekommen. Auch gedünstete Kastanien, goldigglänzend,
auf
schwarzgrünem Kohlpüree, waren eine Festspeise, die jetzt im
Absterben begriffen ist. Die
neue Generation macht sich nichts daraus.
Wir vergötterten unsere Hofmeister und Gouvernanten, und sie uns.
Die Eltern spielten nur
eine zweite diskretere Rolle, traten erst in Aktion bei außergewöhnlichen
Ereignissen.
Sie waren einfach der Oberste Gerichtshof. Wir lebten romantische
Idyllen, deshalb fiel es uns später so schwer, dem realen Leben
Genüge zu
leisten---.
Fleiß
Fleiß
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Sie saß auf der Esplanade, stickte an einer gelben Arbeit in haariger
Perser-Wolle.
Der Himmel war blau, der Schönberg war wie leuchtende Durchsichtigkeit.
Sie stickte.
Kleine rundliche weiße Wolken schwammen daher, der Schönberg
wurde wie weiße
Kreide.
Sie stickte.
Ein junger Dichter ging vorüber, grüßte - -
Alles war grau wie Blei, der Schönberg war verschwunden.
Sie nahm ihre gelbe Arbeit zusammen und ging.
Der Himmel war wieder blau, der Schönberg war wie leuchtende Durchsichtigkeit.
Sie saß auf der Esplanade und stickte an einer gelben Arbeit in
haariger Perser-Wolle.
Ein junger Dichter ging vorüber, grüßte - - -.
Der Himmel war schwarz, mit einer Million weißer Sterne.
Sie saß in ihrem Zimmer und stickte an ihrer gelben Arbeit in haariger
Perser-Wolle.
Der junge Dichter blickte in den schwarzen Himmel und in die Million
weißer Sterne.
Akolés Gesang, Akolés süßes Lied
Akolés Gesang, Akolés süßes Lied
(aus "Ashantee", Berlin 1897)
Ein schrecklicher Sturm im Garten. Auf dem braunen Teiche liegen tausend
grüne Blätter
und kleine schwarze Äste. Die hellbraunen Wildgänse bekommen
schleißige Federn,
ö
ffnen ihre roten Schnäbel.
Akolé hockt an dem Teiche, singt ihr süßes Lied:
andelaína andelaína andelaína
gbomolééééé--
andelaína gbomolé.
andelaína Akkrauma, andelaína gbomolé
andelaína andelaína - - -.
andelaína hé oblaino, andelaína gbomolé -
- -
andelaína andelaína andelaína gbomolé.
andelaína Akkra-lédé andelaína hé oblaino,
andelaína andelaína - - -
andelaína Vienna-lédé andelaína bobandôôô -
-
andelaína andelaína andelaína bobandôôô
Ein schrecklicher Sturm im Garten. Auf dem braunen Teiche liegen tausend
grüne Blätter
und kleine schwarze Äste.
andelaína andelaína - - - - - -.
Grammophonplatte
Grammophonplatte
(Deutsche Grammophonaktiengesellschaft.)
C 2-42 531. Die Forelle von Schubert.
(in "Märchen des Lebens", Berlin 1908)
In Musik umgesetztes Gebirgswässerlein, kristallklar zwischen Felsen
und Fichten murmelnd.
Die Forelle, ein entzückendes Raubtier, hellgrau, rot punktiert,
auf Beute lauernd, stehend,
fließend, vorschießend, hinab, hinauf, verschwindend. Anmutige
Mordgier!
Die Begleitung auf dem Klavier ist süßes sanftes eintöniges
Wassergurgeln von
Berggewässer, tief und dunkelgrün. Das reale Leben ist nicht
mehr vorhanden. Man
spürt das Märchen der Natur!
In Gmunden wußte ich es, daß täglich in den Nachmittagsstunden
eine Dame in dem
Laden des Uhrmachers die Grammophonplatte C2-42531 zwei- bis dreimal
spielen
ließ. Sie saß auf einem Taburett, ich stand ganz nahe beim
Apparate.
Wir sprachen niemals miteinander.
Sie wartete dann später immer mit dem Konzerte, bis ich erschien.
Eines Tages bezahlte sie das Stück dreimal, wollte sich dann entfernen.
Da bezahlte ich es
ein viertes Mal. Sie blieb an der Türe stehen, hörte es mit
an bis zu Ende.
Grammophonplatte C 2-42 531, Schubert, Die Forelle.
Eines Tages kam sie nicht mehr.
Wie ein Geschenk von ihr blieb mir nun das Lied zurück.
Der Herbst kam, und die Esplanade wurde licht von gelben spärlichen
Blättern.
Da wurde denn auch das Grammophon im Uhrmacherladen eingestellt, weil
es sich nicht mehr
rentierte.
Herbstabend
Herbstabend
(in "Wie ich es sehe", 2. Aufl., Berlin 1898)
Die Wellen des Sees pritscheln leise an den Ufersteinen---.
Das wunderschöne Hotel am See-Ufer schläft den langen Herbstschlaf,
den Winterschlaf.
Die weißen Fensterläden sind geschlossen. Der grüne Laubengang
ist ein
bißchen gelb geworden und durchsichtig---.
Wo ist das Fräulein?! Wo der liebende Jüngling?! Wo ist der
Grieche?! Wo
sind Margueritta und Rositta und der Herr von Bergmann mit den krummen
Beinchen?!
Wo ist die braunblonde Fischerin?! Wo der Amerikaner und die Russin?!
Wo ist die Dame und ihr
Familienglück?!
Der Herbst hat sie verweht wie die gelben Blätter im Parke der
Königin---!
Die Wellen des Sees pritscheln leise an den Ufersteinen--. Und die
achtunddreißig Schwäne ruhen im Kreise nebeneinander auf der
glattgeschliffenen
schwarzen Onyxfläche
Sie schreien hie und da in die Nacht hinaus: irrrà
irrrà----.
Aber in den Sommernächten haben sie es sanft gesungen: irrrâ
irrrâ---.
Sie wissen eben auch, daß die Saison zu Ende ist --- irrà!
Herrensitz in U.
Herrensitz in U.
(in "Märchen des Lebens", Berlin 1908)
Er besaß ein riesiges Gut in U. Man fuhr drei Stunden lang mit
der Bahn hin, dann noch
eine Stunde mit dem Wagen, respektive eine Viertelstunde mit dem Automobil,
falls die Straßen
fest und sicher waren, was selten oder nie sich ereignete. Die Straßen
waren gleichsam
angelegt wie Sümpfe vor der Festung Königgrätz. Das Gut
war sehr ergiebig, aber
keineswegs für den Naturfreund. Auf diesem Gute erbaute sich der
Besitzer in modernstem
einfachstem Stile - weiße gekörnte Mauern, breite viereckige
Spiegelscheibenfenster,
rostrotes Dach - ein wunderschönes Herrenhaus mit zwölf Zimmern,
alle eingerichtet in
schwedischem Birkenholz und mit niedrigen Messingbetten und riesigen
Pendeluhren in
Kristallgehäusen. Nun wird es vielleicht zum Heiraten kommen, dachte
er. Aber es
kam nicht dazu. Zu diesem Hause engagierte er eine erstklassige Köchin
und einen jungen
Diener, der Französisch sprach, und eine alte Wirtschafterin, die
die beiden beaufsichtigen
sollte in ihrer Arbeitslosigkeit. Denn da entstehen die meisten Ungehörigkeiten.
Nun wurde es
aber das verzauberte Herrenhaus, und niemand wußte, wozu das alles
eigentlich da sei. Am
wenigsten der Gutsherr selbst, der sich künstlich binden wollte
an etwas, was nicht band.
Eines Tages brachte er eine freundliche junge Dame mit. Sie sollte den
verzauberten Herrensitz
ein wenig beleben, und sei es nur, daß sie mit Köchin und
Diener zankte oder sich
gütlich bespreche. Aber sie tat nichts dergleichen und fand alles
fade und gleichgültig.
Man fuhr sie auf einem Dampfpfluge auf die Zuckerrübenfelder hinaus
und auf die Kukuruzfelder,
man zeigte ihr den herrlichen Beschälhengst namens Vita und andererseits
die
herrlichsten Mastochsen. Sie erwiderte: Wann könnte ein Brief ausD.
hier
ankommen? Er ist ein Tepp, aber ich brauch das für meine Nerven.
Er will sich wegen mir
umbringen. Man sagte ihr, daß ein Brief wahrscheinlich nie anlangen
werde und
daß man sie deshalb jedenfalls nicht hierherbefördert habe.
Daraufhin beruhigte sie sich
und meinte, sie habe sich nur erkundigt aus Langeweile. Es liege ihr
nichts an dem
Teppen. Nur die Fini dürfe ihn nicht kriegen. Unter keiner Bedingung.
Der
Besitzer des Gutes sah nun ein, daß er auch mit dieser Akquisition
sein Herrenhaus nicht
besonders beleben könne und die zwölf Zimmer mit den zwölf
Messingbetten und den
schwedischen Birkenholzkästen und den Pendeluhren in riesigen Kristallgehäusen.
Infolgedessen sagte er zu den drei Dienstboten, sie mögen nur alles
in peinlichster Ordnung
erhalten, es könne jeden Augenblick etwas Unerwartetes sich ereignen.
Aber er hatte keine
Ahnung, was.
Hie und da sagte irgendeine freundliche junge Dame: Du, ich möchte
für vierzehn
Tage auf dein Gut. Aber er erwiderte: Es geht nicht. Es ist alles
besetzt---.
Und die Köchin begann zu stehlen wie ein Rabe, und der französisch
parlierende Diener
machte ihr ein Kind und der Wirtschafterin ebenfalls, um sie zu beruhigen
und aus Langeweile. Da
löste der Gutsherr seinen schönen Herrensitz wieder auf und
verkaufte sogar die Uhren in
den riesigen Kristallgehäusen. Er dachte: Wenn erst so eine kalte
hochnäsige
pünktliche gekommen wäre, bei der alles am Schnürchen
hätte gehen müssen!
Oder so eine leichtsinnige verschwenderische Maitresse à la Pompadour--?!
Sogar
die Uhren habe ich noch günstig angebracht!
Die Hütten (abends)
Die Hütten (abends)
(in "Ashantee", Berlin 1897)
Die Hütte des Häuptlings: An drei Haken der Wand hängen
drei Taschenuhren, eine
goldene, eine silberne, eine aus Nickel. Der Häuptling sitzt auf
einer Pritsche, spielt auf
einer Harmonika Moll-Akkorde. In einem kleinen offenen Koffer befindet
sich eine weiße
Flanellhose. Madame Jaboley Domëi raucht ein Pfeifchen, hört
ihrem Gatten zu.
Die Hütte des Goldschmiedes Nôthëi: Hier schläft
Agô
( Jahre), Taywiah (4Jahre), Akuokó und bibiAkolé.
Die
Hütte des Goldschmiedes Nôthëi --- Palast der Schönheit,
Paradies
des Friedens. Vier Atemzüge, wie Akkorde der erlösten Welt.
Die Hütte der Jungfrauen: bigAkolé, Djôjô, Monàmbo,
Aschon,
Tíoko, Akóschia. Da hocken sie abends wie Frösche,
um ein Kerzchen herum,
welches am Boden steht, speisen, ruhen aus, rauchen eine feine Zigarette,
singen leise und sanft,
salben sich mit Baumöl, betrachten sich in kleinen zerbrochenen
Spiegelchen, machen zarte
Tanzbewegungen mit dem Oberleibe, welcher nackt ist, lachen mit ihren
freien unbekümmerten
Seelen, ordnen ihre Perlenschnüre an den Haken der Wand, beneiden
Tíoko um ihre
7Rivièren (2hellgrüne in Rauten-Schliff, 1rosenrote in
Rauten-Schliff, 2Granat-Rivièren, 1Bernstein-Schnur, 1Perlen-Kollier
französischer Imitation), schwärmen für hellgrün
und granat, legen sich auf den
harten Boden, löschen das Kerzenstümpfchen aus, singen noch
ein wenig, schlafen ein.
Das ist die Hütte der Jungfrauen.
Die Hütte der jungen Herren. Die Hütte ist leer. Die jungen
Herren sind
abends in die Stadt gegangen. Wann kehren sie zurück?! Was werden
sie erleben?! Niemand
weiß es. Die Hütte der jungen Herren ist leer.
Meine Ideale
Meine Ideale
(in "Nachfechsung", Berlin 1916)
Die Adagios in den Violin-Sonaten Beethovens.
Die Stimme und das Lachen der Klara und der Franzi Panhans.
Gesprenkelte Tulpen.
Franz Schubert.
Solo-Spargel, Spinat, Kipfelerdäpfel, Karolinen-Reis, Salz-Keks.
Knut Hamsun.
Die Intelligenz, die Seele der Paula Sch.
Die blaue Schreibfeder Kuhn 201.
Das Gewürz: Cat-sup.
Mein Zimmerchen Nr. 33: Wien I., Dorotheergasse, Grabenhotel.
Das Äußere der A. M.
Der Gmundener-See, Wolfgang-See.
Das Vöslauer Vollbad.
Die Schneeberg-Bahn.
Mondseer Schachtelkäse, topfig-jung.
Sole, Zander, junger Hecht, Reinanken.
Geld.
Hansy Klausecker, dreizehn Jahre alt.
Idylle
Idylle
(in "Pròdromos", Berlin 1906)
Ich besitze einen Stahlfeder-Schützer aus schwarzen langen Borsten-Bündeln
in einem
hellblauschimmernden, opalisierenden matten Glastöpfchen. Feder-Schutz
in idealer Hülle.
Ich denke an die Gesellschaft Kinderschutz. Etwas Zartes, Brauchbares
wird sanft und
zärtlich erhalten. Ich bette die willig-elastische Kuhn-Feder ein
wie ein Kindchen in eine
Wiege. Ich bin sicher, daß ihr nichts Böses geschieht. Sie
trocknet und ruht. Und das
Glastöpfchen, der Borsten-Behälter, irisiert hellblau wie Wasserwellen
im Sonnenlichte.
Und Stahlfeder und Feder-Trockner erwidern meine Liebe, meine Zärtlichkeit,
denn sie lassen
sie sich ruhig gefallen!
Im Jänner, auf dem Semmering
Im Jänner, auf dem Semmering
(in "Semmering 1912", Berlin 1913)
25. Jänner. Die Sonne versucht es, den Schnee zu schmelzen. Da und
dort wird er grau,
löst sich auf, bereitet den Frühling vor. In Gloggnitz wachsen
Schneerosen, stoßen
sich durch den Schnee hindurch. Sonst ist alles, alles begraben, still.
Auf das bereifte Glas eines
Auslagekastens schrieb ich mit der Stahlspitze meines Bergstockes einen
Mädchennamen.
Welchen?! Was kümmert es euch?! Meine Seele leidet. Ich beherberge
ein Marienkäferlein
seit vier Tagen. Es lebt an der Warmwasserheizung unter einem Glase.
Es spannt sogar die
Flügel aus. Ich werde ihm einen Mimosenstrauß kaufen, gelbe,
duftende Blüten mit
graugrünen Blättchen. Wie hat es bis jetzt überwintern
können, alle
Schrecknisse durcherleben können?! Ich weiß es nicht. Es gab
doch schon 18Grad
Kälte, ohne BeschützerP.A.?! Wie habe ich selbst alles durcherleben
können?! Ich weiß es nicht. Ich schreibe in das bereifte Glas
eines Auslagekastens auf
dem Hochweg einen Mädchennamen ein. Welchen?! Was kümmert es
euch?! Meine
Seele leidet, also sie lebt, sie lebt! Das Marienkäferlein unter
dem Glase denkt: Ha,
ha, ha, hier ist es warm, aber wenig zu essen; nun, warten wir noch bis
zum Februar; da dürfte
sich schon irgend etwas finden---. Für Tierchen findet sich immer
etwas.
Die Kinderzeit
Die Kinderzeit
(in "Märchen des Lebens", Berlin 1908)
Meine wunderschöne Mama trug ein weites Kleid aus dunkelbraunem
Tüll mit hellbraunen
Samtbändchen durchzogen. Man sagte, der Hofmeister der FamilieW.
mache ihr riesig den
Hof. Wir verstanden das Wort Hof nicht. Eines Vormittags wurden wir zu
dem Viadukt
von vierzig Metern Höhe über dem Schwarzatal geführt,
wo zwei Lastenzüge
aufeinander aufgefahren waren. Die eine Berglokomotive hatte die andere
direkt bestiegen. Wir
nahmen zum Andenken sehr viel Zigarettenpapierschachteln mit, die einem
Waggon entstürzt
waren. Wir waren erstaunt, keine Leichen zu sehen. Selbst der Lokomotivführer
war mit
dem Schrecken davongekommen. Papa schenkte ihm einen Gulden. Als Belohnung,
davongekommen zu
sein.
Eines Tages wurde berichtet, die Raupen der Kohlweißlinge fräßen
alle Felder
ab. Infolgedessen fingen wir alle Kohlweißlinge an den Fenstern
des schrecklich heißen
Speisesaales weg und zertraten sie, obzwar sie schon über die Schädlichkeit
hinüber
waren und nur mehr die unschädlichen Ideale ihrer Art repräsentierten.
Die Raupen waren
uns zu unappetitlich, sie zu vernichten. Um halb12Uhr vormittags kam
der Bäcker
mit den warmen, duftenden, vierfach eingekerbten Wecken. Da aßen
wir heißhungrig zwei,
worauf der Kellner vier auf die Rechnung stellte.
Kinder, Kinder, da könnt ihr ja keinen Appetit zum Mittagessen
haben---, sagte die Mama. Aber Pudding mit Himbeersaft fraßen wir
doch noch zweimal und dreimal. Auf der sonnigen sandigen Straße
zwischen den Wiesen
interessierten uns die Sandläufer, die sprangen und flogen und nach
Moschus dufteten und
mattgrün schimmerten. Ferner die Admirale, schwarzrot, und die Dukatenfalter.
Alles saß
am liebsten an den trockenen Wagenrinnen der Lastwagen. Da konnte man
ganz nahe hinschleichen. Wie
gebannt von der Hitze saßen sie. Aber im letzten Moment kam der
Selbsterhaltungstrieb
ü
ber sie, und sie flogen wieder auf. Der Hofmeister der FamilieW. ging
immer öfter
und öfter mit uns. Aber wir machten uns nichts aus ihm. Eines Tages
wurde der geliebte Hund
Wolf meiner Schwester in einem Bottich im Garten ertränkt gefunden.
Die
Gouvernante meiner Schwester weinte noch viel mehr als meine Schwester.
Denn sie weinte wegen
Wolf und zugleich wegen meiner Schwester. Während meine Schwester
nur wegen
Wolf zu weinen hatte---.
Ich selbst sah nur den aufgedunsenen Kadaver und hatte keinerlei Mitgefühl.
So verteilt sich alles verschieden in derselben Angelegenheit. In einer
Allee von gelben
Rispenstauden stachen die Bienen und die Wespen viele Vorübergehende.
Da bat ich ein
wunderschönes Mäderl der FamilieK., dort ja nicht hindurchzugehen,
und sie
mußte mir darauf einen heiligen Eid schwören. Das Mäderl
erzählte es ihren
Eltern. Diese besprachen es mit meinen Eltern, und infolgedessen wurde
uns der Verkehr verboten,
weil solche romantischen Beziehungen ungesund seien. Was geht es ihn
an, wenn sie
zerstochen wird?!? Dazu ist die Gouvernante da. Der Hofmeister der FamilieB.
kam für
vier Wochen zu uns als Aushilfe für unseren geliebten Hofmeister,
der verreisen mußte.
Er sagte: Gnädige Frau, Ihre Kinder sind Prachtexemplare. Jedenfalls
betrachteten wir es als Ferialwochen. Im Walde nach dem Regen roch es
immer wunderbar. Nach
Schwämmen, feuchter Erde, feuchtem Moos und Erdbeeren. Im Kuhstalle
roch es auch wunderbar und
im Pferdestalle und in dem Schupfen, in dem Holz gesägt wurde, und
in der Mehlmühle und
auf der Wiese am Bache, wenn die Sonne hinsengte. Dann der Duft aus der
heißen eleganten
Hotelküche und der Duft der Zimmer nach den Kretonmöbeln und
den Zirbelkieferkästen.
Alle diese Gerüche gehörten zu dem Ferienglück mit dazu.
Ja, sie waren sogar ein
wesentlicher Bestandteil desselben. Von dem Geruche der Bahnhofshalle
und des Waggons und dem
schneidig-frischen Duft der Gebirgsluft in Station Payerbach gar nicht
zu reden. Mama trug oft das
braune Tüllkleid mit den hellbraunen Samtbändern. Der Aushilfshofmeister
wollte uns immer
für sich gewinnen, aber es war gar nicht nötig, denn wir hatten
ihn auch von selbst sehr
gern. Er sagte zum Beispiel: Siehst du, was mir gestern besonders an
dir gefallen
hat--- Und dann kam eine Sache herausgestrichen, die gar nicht von
Bedeutung war. Oder er sagte: Gnädige Frau, ich muß Ihnen
einen reizenden Zug
Ihres Söhnchens mitteilen, auf die Gefahr hin---
Die Gouvernante meiner Schwester sagte zu ihm: Monsieur, weshalb dienen?!
Machen Sie doch
Ihre Prüfungen! - Ich stehe mich so bedeutend besser, erwiderte
der
Aushilfshofmeister. Im Hirschpark senkte einmal plötzlich der Vierzehnender
den Kopf, fegte
mit dem Geweih flach am Boden gegen mich her und hatte bereits stiere,
glotzende Augen. Ich machte
im letzten Moment einen Sprung zur Tür, und er fuhr krachend gegen
die Planken. Infolgedessen
wurde er erschossen, und ich bekam am nächsten Abend zum Souper
ein Stückchen meines
Mörders zu essen. Der Hofmeister sagte: Hirsche sind gefährlicher
als Tiger, weil
man sie eben bloß für Hirsche hält, während man
beim Tiger immer weiß,
daß es ein Tiger ist! Ich hielt diesen Satz damals für vollkommen
unverständlich. Aber Mama sagte: Wunderbar. Ist es nicht auch so
mit den
Menschen?!? Worauf der Aushilfshofmeister ein verzücktes Gesicht
machte und Mama die
Hand küßte. Wir waren paff. Sehr beliebt war die Jagd auf
die
Nußhäher, die zum Raubzeug zählen, zum Raubgetier. Es
war schwer, sich das von dem schönen Vogel mit den kleinen blauschwarzen
Federchen
vorzustellen. Aber wenn er am Boden lag, sagten die Jäger oft: Du
arger
Sünder! Abends, wenn es stark geregnet hatte, tappten Salamander über
den
Waldboden. Man hatte die Empfindung von vorsintflutlichen Welten: der
feuchtwarm stille Wald und
die schwarzgelben Molche---. Auch die Kreuzspinne war unheimlich, und
man hoffte
es immer, daß Regen und Wind sie vom Netze treiben würden.
Aber es war wie aus Tauen
gedreht, schaukelte und brach nicht im Sturm. Die ersten Herbstzeitlosen
machten uns ganz
gedrückt. Wir hatten uns so riesig an das geliebte Reichenau wieder
attachiert wie alle
herrlichen Sommer hindurch unserer Kindheit. Und an dem ersten Abend
wieder in der Stadt waren wir
immer tief unglücklich, obzwar es große Nüsse, Isenbartbirnen,
kaltes Poulard und
Sachertorte gab vor dem Schlafengehen Auch Mama war recht traurig und
nachdenklich.
Landpartie
Landpartie
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Er überreichte ihr diese goldgelben Blumen, die aussehen wie kleine
bronzierte
Lilien---.
Bei mir verwelken alle Blumen--, sagte sie und steckte das Bouquet in
das braunseidene Gürtelband.
Dann stiegen sie in den Wagen und fuhren in den frischen Morgen hinein---.
Frisch war der Morgen, frisch---.
Der junge Mann sang: Den Finken des Waldes die Nachtigall ruft--, von
Geigenstrich hallt es goldrein durch die Luft--.
Singen Sie nicht - - -, sagte sie.
Er schwieg - - -.
Singen Sie, wenn es Ihnen Vergnügen macht--, sagte sie,
Sie haben eine hübsche Stimme--. Singen Sie die letzte Strophe:
auf blumiger
Höh'---.
Er schwieg und blickte in dieses süße geliebte Antlitz---.
Sie lächelte - -. Dann sah sie gleichgültig in die Natur. Mit
der konnte man nicht
spielen. Die war kalt, gelassen und lächelte selbst---.
Lärchen mit hellgrünem Flor standen da auf hellbraunem Boden.
An sonnigen Stellen auf
kurzgrasigen Wiesen standen Blumen im Herbstkleid wie grauseidene Watte
und dunkelgelbe Kompositen
auf graugrünen Stengeln.
Im marmorweißen Bachgerölle standen dunkle Weidengruppen und
längs des Weges
hellrote Berberitzen---.
Es kam ein steiles Stück.
Der Kutscher stieg ab und ging neben dem Wagen.
Der junge Mann, das junge Mädchen stiegen aus---.
Sie pflückte heliotropfarbigen Enzian und band ihn zu den Blumen.
Er empfand das wie eine Auszeichnung. So wenig braucht man--. Er sagte:
Wie
Sie das gestern abend gesagt haben---: Sie werden
morgen nicht mitfahren, Sie bleiben zu Hause, Monsieur, wenn Sie so
sind---. Dann wandten Sie den Kopf um, weil ich
zurückblieb, von Ihrer Seite wich. Sie lächelten---. Sie
lächelten, wie wenn man sagt: Nein, du darfst mitfahren, ich
bin wieder gut, aber sei nur nicht so dumm, bist du denn ein Mann oder
ein ganz kleines Baby?!
Vielleicht möchtest du sogar
weinen---?!«
Diese Art sich auszudrücken, die Seele plastisch hinzustellen, verstand
sie gar
nicht---.
Sie wurde nervös und sagte: Sie, lassen Sie mich in Ruhe mit Ihren überspannten
Sachen---.
Dann sagte sie, ein bißchen schüchtern, unsicher: Sie, Monsieur,
wie
heißen diese roten Beeren--?! Sie wissen doch alles---.
Berberitzen, Weinscharl - -, sagte er und hatte ein Gefühl wie Blei-Schwere.
Und sie: Die sind hübsch--.
Das hieß: Siehst du, ich bin gar nicht so, ich führe mit dir
liebenswürdige Konversation---!
Dann sagte sie: Ich kann nicht mehr gehen, steigen wir ein zu den
anderen---.
Sie gab ihm den ecruseidenen Schirm zu halten und blickte ihn an, wie
wenn man sagt. Bist
du böse-?!
Der müde Zug verschwand aus seinem Antlitz. Er sah aus wie ein Zwanzigjähriger,
der
blonde Locken schüttelt und jauchzt---. Aber er war viel älter,
und es
ging vorüber---.
Tannen in Trauer, Lärchen mit grünem Flor, Lärchen mit
grünem Flor, Tannen
in Trauer, Lärchen, Tannen, Tannen, Lärchen--.
Der junge Mann summte das Cello-Motiv aus Manon. Dann sang er es sanft
wie der Cellist in der
Hofoper---.
Auf sumpfigen, patschigen, leuchtenden Wiesen standen weiße Sternblumen
und gelbe
Dotterblumen--.
Wiesen, Wiesen - - -. Irgendwo begann ein Zaun und grenzte Sumpf ab---.
Plötzlich lag der See da, milchblau, mare austriacum---.
Man stieg aus. Man badete im See und dinierte auf der Terrasse---. Spät
abends war die Rückfahrt. Alle nahmen Plaids.
Der junge Mann saß ihr gegenüber---.
Sie hatte nicht mehr den triumphierenden Lach-Blick. Sie war müde---.
Die Wagenlaternen beleuchteten hellbraune kerzengerade Stämme und
gelblichgrüne
verwaschene Teppiche---.
Wie wenn man die Natur aus dem Schlafe weckte mit einem grellen Lichte---.
Sie
hat nicht mehr den triumphierenden Lach-Blick---.
Der Wagen fuhr langsam, vorsichtig, durch den dunklen kalten Wald---.
Da dachte der Herr an die Stunden, in welchen die Dame sich mit ihm spielte
wie mit einem
Püppchen, Hündchen und quasi in die Händchen klatschte
und jauchzte über ihre
riesigen Ungezogenheiten---.
Es war wie eine Sehnsucht in ihm nach diesem goldenen Zeitalter--. Es
war die
Jugend, das leichte launige Glück---.
Aber der Wagen fuhr langsam durch den kalten Wald, und sie hatte den
triumphierenden Blick
verloren und war müde---.
Singen Sie das Cello-Motiv aus Manon---, sagte sie sanft. Er
schwieg.
Aber sie fühlte, daß er es innerlich sang, mit lauter, süßer
Stimme, wie
wenn die erste Begegnung im Gasthofe darin läge zwischen DesGrieux
und Manon und alles
andere und der Tod auf fremder Erde, wo er sie begrub---.
Der Wagen fuhr langsam durch den kalten dunklen Wald-.
Der Landungssteg
Der Landungssteg
(in "Wie ich es sehe", 4. Aufl., Berlin 1904)
Ich liebe die Landungsstege an den Salzkammergut-Seen, die alten grauschwarzen
und die neueren
gelben. Sie riechen so gut wie von jahrelang eingezogenem Sonnenbrande.
In dem Wasser um ihre
dicken Pfosten herum sind immer viele ganz kleine grausilberne Fische,
die so rasch hin und her
huschen, sich plötzlich an einer Stelle zusammenhäufen, plötzlich
sich zerstreuen
und entschwinden. Das Wasser riecht so angenehm unter den Landungsstegen
wie die frische Haut von
Fischen. Wenn das Dampfschiff anlegt, erbeben alle Pfosten, und der Landungssteg
nimmt seine ganze
Kraft zusammen, den Stoß auszuhalten. Die Maschine des Dampfschiffes
mit den roten
Schaufelrädern kämpft einen hartnäckigen Kampf mit dem
in renitenter Kraft
verharrenden Landungssteg. Er gibt nicht nach, wehrt sich nur, soweit
es unbedingt nötig ist,
nach außen hin und erzittert vor innerem Widerstande.
Endlich siegt seine ruhige, in sich verharrende Kraft, und das Schiff
läßt locker,
gibt nach, entfernt sich wieder.
Stunden und Stunden liegt der Landungssteg für Dampfschiffe, meistens
im Sonnenbrand
dörrend, einsam, gemieden da.
Plötzlich kommen angeregte Menschen in lichten Kleidern, sammeln
sich auf dem
Landungsstege. Geht nicht zu weit vor, sagen die Eltern und betrachten
den
Landungssteg als eine imminente Gefahr. Ich könnte nun mit einiger
Berechtigung sagen:
Irgendwo, abseits, lehnen zwei hart nebeneinander stumm am Geländer.
Aber das
ist alte Schule, und infolgedessen unterdrückt man es. Ich kann
jedoch nicht leugnen,
daß das beharrliche Hinabstarren am Geländer des Landungssteges
in das Wasser, in der
Nähe einer jungen Dame, durch längere Zeit durchgeführt,
oft seine laute
verständliche innere Sprache spricht. Auf den Landungsstegen werden
meistens kleine
unbrauchbare Fische gemartert. Man fängt sie, schleudert sie zu
Boden, weidet sich an ihrem
Totentanze. Freilich, zwischen den Zähnen eines Hechtleins ist es
auch nicht angenehmer. Und
wer stirbt ruhig in seinem Bette?! Auf den Landungsstegen befinden sich
ebenfalls zuzeiten die
Komitees und das Präsidium der Jachtwettfahrer. Segelregatta. Stundenlange
starren sie mit
Operngläsern irgendwohin, auf einen mysteriösen Punkt im See,
und niemand aus dem
Publikum hat eine Ahnung, was vorgeht. Trotzdem ist alles sehr aufgeregt.
Hie und da fällt ein
technischer Ausdruck. Plötzlich wird Hurra geschrien und einiges
emsig notiert. Der
Landungssteg ist da wie der Hügel eines Feldherrn. Man starrt mit
Operngläsern auf den
Ausgang der Schlacht. Da ist der Landungssteg mitten im Leben drin. Dann
liegt er wieder in
Mondnächten da wie ein dunkles Ungetüm, zieht sich, streckt
sich schwarz hinaus in den
silbernen See.
Ich liebe die Landungsstege der Dampfschiffe an den Salzkammergut-Seen,
die alten grauschwarzen
und die neueren gelben. Sie sind mir so ein Wahrzeichen von Sommerfreiheit,
Sommerfrieden, und sie
duften wie von jahrelang eingesogenem Sonnenbrande---
La Zarina
La Zarina
(in "Was der Tag mir zuträgt", 2. Aufl. Berlin 1902)
A. L. und P. A. sahen sie zum ersten Male in dem Auslagekasten für
Photographien am
Kohlmarkt. Sie starrten schweigend das Vollkommene an, begannen sogleich
alle Frauen zu hassen, die
bisher in ihren Lebensweg getreten waren, und verachteten sich selbst,
daß sie es hatten so
billig geben können. La Zarina!
Ganz befreit von dem bisherigen entsetzlichen Lügedasein schritten
sie nun dahin. Sie
hatten das Vollkommene erblickt, wußten nun endlich, woran sie
waren.
Eines Nachts saßen sie im Café R. und starrten La Zarina
an, die mit drei Adeligen
Champagner trank und unbeschreiblich liebenswürdig sich gebärdete,
direkt edelste
Menschenfreundlichkeit überallhin ausstrahlte. Als sie wegging,
blieben sie wie berauscht
zurück, hinweggetragen über das Alltägliche, also in einer
anderen Sphäre!
Dann sahen sie sie nicht mehr wieder und lasen nur in den Zeitungen die
Klischees von
Reklamenotizen, da sie bei Ronacher Poses plastiques stellte. Sie gingen
niemals hin. Sie
fühlten: In Kleidern, Süße, sahen wir dich bereits nackt,
Vollkommene!
Konzessionierte, zensurierte Nacktheit jedoch von drapfarbiger Seide
Gnaden?!? Kleider sind
Phantasie der Wahrheit. Doch seidenes Trikot ist Wahrheitsfälschung!
Dann sah P. A. sie einmal noch weiß in weiß in einer Proszeniumsloge
in einem
Theater. Dies meldete er seinem Freunde. Dieser war ganz ergriffen und
bewegt. Da saßen sie
denn, tief bekümmert, beim Souper, erfüllt von Träumen
und Begeisterung. Sie gaben
infolge aller dieser Ereignisse ihren treuen süßen Freundinnen
den Laufpaß,
schrieben kurzweg ab, infam, brutal: Das Unzulängliche mordet uns...,
schrieben
sie, adieu...!
Dann kauften sie ein großes Glücksschwein aus grünem
Ton mit einer Spalte,
warfen ein jeder eine Krone hinein, vorläufig.
Wenn La Zarina einst verarmen sollte und verkommen...!
Aber La Zarina verarmte und verkam nicht.
Immer jedoch sammelten die Freunde noch getrost. Drei grüne Glücksschweine
aus Ton
waren bereits angefüllt mit silbernen Kronenstücken. Es war
der heilige Schatz für
die sicher einst verlassene, enttäuschte und zerpflückte süße
La Zarina. Es
waren 70Kronen vorhanden für Schicksals unberechenbare Wege!
Aber La Zarina erhielt einen Millionär, wurde nicht zerpflückt,
stieg höher,
höher, wurde sogar geheiratet.
Da feierten denn endlich eines Nachts die beiden Freunde ganz in der
Stille ein Fest zu Ehren
der Dame, die ihrer niemals bedurft hatte. Den ganzen silbernen Inhalt
der drei Glücksschweine
vertranken sie in Veuve Clicquot. Bei jeder Flasche sagten sie nur sanft
und leise: La
Zarina! und erhoben sich von ihren Sitzen.
Schließlich waren sie ganz betrunken und hielten es für einen
ganz passenden
Abschluß dieses Liebesabenteuers, ja sogar in jeder Beziehung für
den passendsten. Zum
Schlusse schrieben sie natürlich eine Ansichtskarte an La Zarina,
mit einem Texte, den sie
bereits für die Chantant-Kaiserinnen Othérô, Cléo,
Billie Burke, Elise de
Vère, Minnie Ashley und Mage Lorrison-Osborne verwendet hatten.
Der Text dieser Karte lautete: Es ist nicht wahr, daß Gott die
Menschen nach seinem
Ebenbilde schuf! In dieser Weise schuf er einen einzigen Menschen...
La Zarina!
Da sie die Adresse nicht kannten, schrieben sie in idealer Zuversicht:
An
La Zarina
in
Europa.
La Zarina in Europa..., sangen sie laut durch die stillen Straßen
auf dem
Heimwege. Die Passanten blieben stehen und sagten: Halt's Maul!
Lift
Lift
(in "Pròdromos", Berlin 1906)
Mir ist der Lift noch immer ein Mysterium.
Ich bin nicht so blöde, durch leichte Gewöhnung an die Segnungen
moderner Kultur mir
den Reiz derselben zu zerstören!
Ich fühle dieses geheimnisvolle Stiegenüberwinden, diese Kraftersparnis
meiner
Kniegelenke, meines Herzens, meiner ach! keineswegs kostbaren Zeit noch
immer als etwas Wunderbares.
Die Türe meines Lifts schiebt sich von selbst langsam zu, was für
Leute mit Paketen
oder Körben direkt störend, für einen Schriftsteller jedoch
ziemlich angenehm sich
gestaltet.
Ich weiß nicht, an welcher Art von Maschinerie mein Lift hängt.
Ich erfahre nur hie
und da durch den Hausmeister, daß heute etwas nicht ganz in Ordnung
sei oder daß der
Installateur da sei. Ich verstehe jedoch weder, was für eine Katastrophe
im Entstehen war,
noch was ein Installateur ist. Beides jedoch scheint mit eventuellen
Lebensgefahren vereinbarlich
zu sein.
Gräßlich ist es, mit einem fremden Menschen hinaufzufahren.
Man glaubt die
Verpflichtung zu haben, ein Gespräch zu entrieren, und überlegt
es sich krampfhaft von
einem Stockwerke zum anderen. Es ist eine verlegene Spannung wie bei
der
Maturitätsprüfung. Das Gesicht nimmt einen starren glotzenden
Ausdruck an. Endlich sagt
man: Ich empfehle mich!, mit einer Betonung, wie wenn man eine Freundschaft
fürs
Leben geschlossen hätte. Deshalb, um allen diesen Unannehmlichkeiten
auszuweichen, komme ich
immer erst um 6Uhr morgens nach Hause. Da darf der Lift noch nicht funktionieren.
Wie einst im Mai
Wie einst im Mai
(in "Was der Tag mir zuträgt", Berlin 1901)
Sie sahen sich wieder, nach einem Jahre.
Die Gesellschafterin erhob sich nach dem Souper.
Sie sagte leise zu dem Herren. Je vous laisse... Sie werden sich viel
zu sagen
haben---
Madame errötete, pickte Bröserln vom Spanischen Winde auf.
Der Herr machte ein Gesicht wie ogewiß-, aber er hatte keine
Idee. Er dachte: Bleibe doch da, alte Schatulle...
Madame ging in den Salon, setzte sich ans Klavier, begann zu singen:
Stell auf den Tisch
die duftenden Reseden... Wie einst im Mai.
Die Stimme war wie von einem Schulmädchen, frisch, dünn, ohne
Timbre.
Sie blieb stecken, wurde ganz verlegen.
Der Herr fühlte die Worte der Gesellschafterin wie eine deutsche
Schulaufgabe. Nun
arbeitet mir das aus, meine Lieben, bis ich zurückkomme: Sie
werden sich viel zu sagen haben.«
Einleitung: Wenn wir zurückblicken... Falsch. Sooft die ersten
Lerchen... Lasse die ersten Lerchen, mein Lieber. In Anbetracht dessen,
daß... Eine wundervolle Satzfügung! Wie gehacktes Holz. Hast
du denn keinen
Schwung, mein Lieber?!
Madame wandte sich um, schaute ihn an wie ein Baby, das ein Schnauzerl
macht: Du bist an
allem schuld, du, ich habe es so schön können heute vormittag...
Der Herr stand auf von seiner deutschen Schularbeit, ging zu ihr hin,
streichelte ihre
schönen braunen Haare, strich dieselben aus der Stirne, strich die
Schläfenlöckchen
hinter die rosigen Ohren, benahm sich wie ein sanfter Papa.
Sie saß ganz still da...
Ich bin dumm..., sagte sie. Dumm bin ich---.
Da kam die Gesellschafterin zurück. Eh bien?
Wirklich, sie hatten sich etwas zu sagen gehabt!
Sehen Sie, P. A., diese Studie verstehe selbst ich nicht mehr, sagte
jeder zu mir.
Was hatten sie sich denn zu sagen?!?
Daß sie sich nichts zu sagen haben!
Die Maus
Die Maus
(in "Pròdromos", Berlin 1906)
Ich zog in das ruhige Zimmerchen, fünften Stock, gutes, altes Stadthotel,
ein, mit zwei
Paar Socken und zwei riesigen Flaschen Slibowitz für unvorhergesehene
Fälle.
Bitte, sagte der Zimmerkellner, soll ich das Gepäck holen
lassen?!?
Ich habe keines, sagte ich einfach.
Dann sagte er: Wünschen Sie elektrische Beleuchtung?!
Jawohl.
Es kostet fünfzig Heller per Nacht. Sie können aber auch bloß Kerze
haben, sagte er in Berücksichtigung der gegebenen Umstände.
Nein, ich wünsche elektrische Beleuchtung.
Um Mitternacht hörte ich Geräusche von zerrissenen und zerkratzten
Papiertapeten. Dann
kam eine Maus, stieg meinen Waschtisch hinan und betrat das Lavoir, machte überhaupt
verschiedene artige Evolutionen, begab sich sodann wieder auf den Fußboden,
da Porzellan
nicht zweckentsprechend war, hatte überhaupt keine festen weitausgreifenden
Pläne und
hielt schließlich die Dunkelheit unter dem Kasten bei den gegebenen
Umständen für
ziemlich vorteilhaft.
Morgens sagte ich zu dem Dienstmädchen: Sie, eine Maus war heute
nacht in meinem
Zimmer. Eine schöne Wirtschaft!
Bei uns gibt's keine Mäuse, das wäre nicht schlecht. Woher
sollte denn bei uns
eine Maus herkommen?! So was lassen wir uns überhaupt gar nicht
nachsagen!
Ich sagte infolgedessen zu dem Zimmerkellner:
Ihr Stubenmädchen ist ein freches Geschöpf. Heute nacht war
eine Maus im
Zimmer.
Bei uns gibt's keine Mäuse. Woher sollte denn bei uns eine Maus
herkommen?! So was
lassen wir uns überhaupt gar nicht nachsagen!
Als ich in das Hotelvorhaus trat, betrachteten mich der Herr Portier,
der Herr Hausknecht, die
anderen beiden Fräulein Stubenmädchen und der Herr Geschäftsführer,
wie man
einen betrachtet, der mit zwei Paar Socken, zwei Slibowitzflaschen einzieht
und bereits Mäuse
sieht, die nicht da sind.
Auch lag mein Buch Was der Tag mir zuträgt offen auf meinem Tische,
und ich
ü
berraschte einmal das Stubenmädchen bei der Lektüre desselben.
Unter diesen facheusen Umständen war meine Glaubwürdigkeit
in bezug auf Mäuse
ziemlich untergraben. Dafür hatte ich immerhin einen gewissen Nimbus
eingeheimst, und man
rechtete nicht mehr mit mir, ließ mir sogar kleine Schwächen
passieren, drückte ein
Auge zu, benahm sich außerordentlich kulant wie mit einem Kranken
oder anderweitig zu
Berücksichtigenden.
Die Maus jedoch erschien jede Nacht, kratzte an der Papiertapete, bestieg
häufig den
Waschkasten.
Eines Abends kaufte ich eine Mausefalle samt Speck, ging mit dem Instrument
ostentativ an dem
Portier, dem Hausknecht, dem Geschäftsführer, dem Zimmerkellner
und den drei
Stubenmädchen vorbei, stellte die Falle im Zimmer auf. Am nächsten
Morgen war die Maus
drin.
Ich gedachte nun, ganz nonchalant die Mausefalle hinabzutragen. Die Sache
sollte für sich
selber sprechen!
Aber auf der Stiege fiel es mir ein, wie erbittert die Menschen werden,
wenn man sie einer Sache
ü
berführt, zumal eine Maus sich nicht in einem Passagierzimmer eines
Hotels befinden
sollte, in dem es Mäuse einfach gar nicht gibt! Auch wäre mein
Nimbus eines
Menschen ohne Gepäck, mit zwei Paar Socken, zwei Flaschen Slibowitz,
einem Buche Was
der Tag mir zuträgt und der nachts bereits Mäuse sieht, dadurch
beträchtlich
erschüttert worden, und ich wäre sofort in die peinliche Kategorie
eines sekkanten und
höchst ordinären Passagiers herabgesunken. Infolge dieser Bedenken
ließ ich die
Maus in einem für diese Zwecke ziemlich geeigneten Orte verschwinden
und stellte meine
Mausefalle auf dem Fußboden meines Zimmerchens wieder leer auf.
Von nun an wurde ich mit noch zärtlicherer Rücksicht behandelt,
man wünschte mich
unter keinen Umständen zu erregen, gab nach wie einem kranken Kindchen.
Als ich endlich
abreiste, war bei allen freundschaftliches Mitgefühl und Attachement
vorhanden, obzwar ich als
Gepäck nur zwei Paar Socken, zwei leere Slibowitzflaschen und eine
Mausefalle mitnahm!
Onkel Max
Onkel Max
(in "Fechsung", Berlin 1915)
Dieser Max, mein Onkel, der seit sieben Jahren tot ist, war einmal sehr
hübsch gewesen, ja,
sogar besonders hübsch, auch nach modernen Begriffen. Ganz schlank,
ganz groß, und eine
Stumpfnase. Infolgedessen hatte er ein Liebesverhältnis mit der
ganz jungen Näherin
seiner Mama, meiner Großmama. Er kaufte sich daher in Hietzing,
Hauptstraße, ein
kleines Haus mit Gärtchen und ließ die junge Näherin
darin wohnen. Sie legte eine
Rosenkultur an und Nelken und war froh, daß ihre zarten schönen
Finger nicht mehr vom
Nähen leiden mußten. Sie pflegte sie sogar, gleichsam als
Entschädigung für
schreckliche qualvolle Jahre, mit Malatine, Honigglyzerin. Eines Tages
beschloß die Familie,
daß mein schöner, magerer, langer Onkel mit der Stumpfnase
eine Partie
machen solle. Ja, sagte er, a la bonheur. Aber was soll mit Anna
geschehen?! Man verheiratete Anna mit einem Manne, der sie seit ihrer
Kindheit schrecklich
gern gehabt hatte und dem es nur am Nervus rerum gefehlt hatte, um sie,
pardon, um
sich glücklich zu machen! Anna war mit allem einverstanden, denn
es ist besser, dort
einverstanden zu sein, wo nicht einverstanden zu sein einem auch wenig
nützen könnte. Nun
heiratete mein Onkel und baute auf der Hietzinger Villa noch einen Stock
auf. Ein Gärtner
wurde engagiert, um die Rosen- und Nelkenkultur Annas weiter zu pflegen.
Eines Tages sagte meine
angeheiratete Tante zu meinem schönen, langen, mageren Onkel mit
der Stumpfnase: Du,
wer war diese Anna eigentlich, nach der diese schönen gefleckten
Nelken benannt sind?!
Mein Onkel schaute auf die gefleckten Nelken und verstand gar nicht,
daß diese Anna
ü
berhaupt noch irgendwie im Leben in Frage käme!
Nun ist mein Onkel schon seit sieben Jahren tot, und meine Tante ist
schon Großmama.
Unverändert in herrlichem Beete sind nur die gesprenkelten Anna-Nelken
geblieben in der
Hietzinger Villa.
Mitzi von der Lamingson-Truppe
Mitzi von der Lamingson-Truppe
(in "Bilderbögen des kleinen Lebens", Berlin 1909)
Ich sah dich tanzen in einer Dänischen Truppe;
Du warst 15 Jahre alt, lang, dünn, aristokratisch!
Du wurdest täglich blasser, blasser - - -.
Du trankst Champagner mit Kavalieren und sangst!
Dänische Lieder; das heißt, du sprachst Dänisch, aber
es klang wie
Lieder---.
Und eines Tages wurdest du ersetzt durch ein neues rotwangiges dänisches
Mädchen.
Mitzi von der Lamingson-Truppe, bist du zurückgekehrt in deine dänische
Heimat?!?
Oder starbst du in Wien in deinem einsamen Hotelzimmer?!?
Ich schenkte dir einmal eine Rose; da wurdest du blühend rot momentan---.
Und später wurdest du blasser und blasser!
Falls du noch auf Erden weilst, Mitzi, segne ich dein mir unbekanntes
geliebtes
Leben---.
Musik
Musik
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Die Kleine übte Klavier.
Sie war zwölf Jahre alt und hatte wundervolle sanfte Augen.
Er ging im Zimmer leise auf und ab, auf und ab.
Er blieb stehen - - und lauschte und wurde eigentümlich ergriffen.
Es waren ein paar wundervolle Takte, die immer wiederkehrten.
Und das kleine Mädchen brachte alles heraus, was darin lag. Wie
wenn ein Kind
plötzlich ein Großer würde!
Was spielst du da?! sagte der Herr.
Warum fragst du?! Das ist meine
Albert-Etüde, Bertini
Nmr.18; wenn ich die spiele, muß ich immer an dich denken---.
Warum - -?!
Ich weiß nicht; es ist schon so.
Wie wenn ein Kind plötzlich ein Weib würde!
Er ging wieder leise auf und ab - - -.
Das kleine Mädchen übte weiter, Bertini Nmr.19, Bertini Nmr.20,
Bertini
Nmr.21,22,23 ---- aber die Seele kam nicht wieder.
Die Natur
Die Natur
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Er trug auf dem Spaziergang ihre Jacke. Diese war außen hellbraun,
innen aus lila Seide.
Der Duft der Seide berauschte ihn, wiegte ihn ein---.
Er atmete diesen Duft ein, der von ihrem süßen warmen ambrafarbigen
Leib in die
weiche Seide geflossen war, extrait fleure d'Anita---.
Warum haben Sie die Jacke getragen?! fragte Frau v.E., macht Ihnen
das Vergnügen?! Wozu--?!
Aus Höflichkeit - -, sagte er, es ist eine Jacke wie eine andere,
man
muß das tun---.
Bei dem kleinen Gasthofe am See-Ufer, auf der Wiese mit den Birnbäumen
war eine Schaukel.
Schaukeln Sie mich - - -, sagte das Fräulein.
Wenn sie an ihn heranschwebte, hatte er die Empfindung einer ungeheuren
Nähe, manchmal
berührte er ihr Kleid, einmal sogar---.
Warum haben Sie das Fräulein geschaukelt--?! fragte Frau
v.E., es ist kindisch, so etwas gibt es in den Bilderbüchern, ich
habe es von
Erwachsenen nie gesehen---.
Er schwieg.
Er ist ein Gymnasiast - -, dachte Frau E.
Als er oben am Hügel mit dem jungen Mädchen auf dem kurzen
warmen trockenen Grase lag,
in der Abendsonne, berührte er leise ihre Hand. Der Wind wehte lau.
Ein Vogel machte hi
hi hi hi hia---. Dann versank die Sonne. Der Wind wehte kalt.
Wie war es - - -?! fragte Frau E. den Herrn.
O schön - - -. Erst ist es warm und trocken, dann sinkt das Thermometer,
die
Abendsonne funkelt herüber, der See hat kupferrote und flaschengrüne
Streifen,
plötzlich wird er bleigrau, das Thermometer sinkt und die Wiesen
beginnen zu duften und feucht
zu werden---.
Poet - - -, sagte Frau E.
Am nächsten Abende ruderte Frau E. allein in einem kleinen Boote---.
Sie fuhr langsam das Ufer entlang---.
Da kam die dunkelgrüne dicke Linie der Kastanienbäume an den
grauen zyklopischen
Kaimauern, dann eine kleine hölzerne Villa, in der ein sterbender
Dichter lag, dann eine
große aus Stein mit schmiedeeisernen Kandelabern, in der eine sterbende
Ehe lag und zwei
blühende Kinder, dann kam der Garten der Herzogin, die einen Sohn
verloren hatte, den sie nie
besessen hatte. Da hingen schwarze Haselstauden ins Wasser. Dann kamen
Wiesen mit feinen
Sumpfgräsern und goldenem Löwenzahn, dann kam Schilf mit hellbraunen
Federbüschen,
das raschelte. Der Märchendichter würde sagen: Und es raunte
sich Geschichten zu,
Geschichten---!
Dann kamen Wiesen, die ganz still dalagen---.
Frau v. E. saß, ein bißchen gebückt, in ihrem kleinen
Boote und genoß den
Abendfrieden---.
Paradies
Paradies
(in "Ashantee", Berlin 1897)
Was möchtest du am liebsten von der Welt, Tíoko?!
Green bills cutted, Sir - - -. (Geschliffene grüne Glasperlen.)
Und?!
And lila bills cutted, Sir - - -.
Und?!
And nothing, Sir - -.
Parfüm
Parfüm
(in "Neues Altes", Berlin 1911)
Als Kind fand ich in dem Schreibtisch meiner geliebten wunderbar schönen
Mama, der aus
Mahagoni war und geschliffenem Glase, in einer Lade einen leeren Flacon,
der aber noch immer
intensiv nach einem bestimmten, mir unbekannten Parfüm duftete.
Oft schlich ich mich hin und roch daran.
Ich verband dieses Parfüm mit aller Liebe, Zärtlichkeit, Freundschaft,
Sehnsucht,
Traurigkeit, die es überhaupt gibt.
Aber alles bezog sich auf meine Mama. Später überfiel uns das
Schicksal wie eine
unvorhergesehene Hunnenhorde und bereitete uns allenthalben schwere Niederlagen.
Und eines Tages zog ich denn von Parfümeriehandlung zu Parfümeriehandlung,
um in
kleinen Probefläschchen vielleicht das Parfüm zu entdecken
aus der
Mahagonischreibtischlade meiner geliebten verstorbenen Mama. Und endlich,
endlich entdeckte ich es:
Peau d'Espagne, Pinaud, Paris.
Da gedachte ich der Zeiten, da Mama das einzige weibliche Wesen war,
das mir Freude und Schmerz,
Sehnsucht und Verzweiflung bereiten konnte, das mir immer, immer wieder
aber alles verzieh und das
um mich sich sorgte und vielleicht sogar insgeheim abends vor dem Einschlafen
für mein
künftiges Glück gebetet hatte...
Viele junge Damen sandten mir in kindlich-süßen Begeisterungen
später ihre
Lieblingsparfüme, dankten mir herzlichst für ein von mir erfundenes
Rezept, jedes
Parfüm nämlich unmittelbar nach dem Bade direkt auf die nackte
Haut des ganzen Leibes
einzureiben, so daß es wie echte eigene Hautausdünstung wirke!
Aber alle diese
Parfüme waren wie die Gerüche von wunderschönen, aber
eher giftigen exotischen
Blumen. Nur Essence Peau d'Espagne, Pinaud, Paris, brachte mir melancholischen
Frieden, obzwar
meine Mama nicht mehr vorhanden war und mir nichts mehr verzeihen konnte
von meinen Sünden!
Sonnenuntergang im Prater
Sonnenuntergang im Prater
(in "Märchen des Lebens", Berlin 1908)
Sie waren stundenlang im Grabenkiosk gesessen, letzter Augusttag, hatten
Fiaker betrachtet mit
Fremden, Automobile, wie Zugvögel von fernen Reisen, Damen auf dem
Trottoire, die wunderbar
sicher dahinglitten, und andere, die trippelten und tänzelten, um
etwas Besonderes aus sich zu
machen.
In dem Kiosk saß eine Französin, die man nur mit den Augen
grüßte. Und ein
süßes, junges Geschöpf mit seiner Tante, das man auch
nur mit den
Augen begrüßte. Und fremde Damen mit Schleierhüten, die
man überhaupt nicht
grüßte. Und einige Männer, die schon vom Urlaube zurückgekehrt
waren. Alle
diese Menschen kamen sich ein bißchen deklassiert vor, daß man
sie im Grabenkiosk
ertappte in der Haute-Saison, während die anderen noch in Ostende
oder
Biarritz---
Die beiden Freunde machten trotz alledem einige wichtige Beobachtungen,
sammelten einige seltene
Exemplare von Menschlein für ihre innerliche Käfersammlung,
spießten sie auf,
teilten sie ein in allgemeinere Klassen.
Um sechs Uhr kam das rote Automobil, Mercedes18-24, entführte sie
in die Krieau. Dort
war ganz staubfreie Landluft und Stille. Ein Herr in schwarzem Anzug
und schneeweißen
Handschuhen bestieg ein Pferd. Ein Fiaker brachte eine Tänzerin
(die Hofoper war bereits
geöffnet), ein graues Automobil kam an, dumpf, Bariton singend,
also über 30HP. Das
Gärtchen war voll gelber Blumen, die wie kleine Sonnenblumen aussahen,
und die Kaninchen im
Käfig stellten die Ohren unregelmäßig schief. Die beiden
Freunde rauchten Prinzesas
und glotzten auf die zumeist leeren weißen Tische und Bänke.
Im Vorfrühling, im
Herbste entwickelt sieh hier ein Leben und Treiben. Aber man hatte den
31.August!
Infolgedessen fuhren die beiden Freunde weiter zum Winterhafen.
Donau, kleines Bahngeleise, große Lederfabrik, holperiges Granitpflaster,
gut genug
für Schneckengang gehende breiträderige Lastwagen! Das Automobil
aber sprang,
galoppierte, hüpfte, war wie deklassiert auf dieser gepflasterten
Lastenstraße. Links
war der Winterhafen, rechts ein erhöhtes Plateau aus Donausand und
Donaukieselsteinen
errichtet, bespickt mit jungen Birken. Da hatte man einen Rundblick auf
bleigraue Hügel,
schwarze Fabrikschornsteine und die Glut des Sonnenunterganges. Man sah
das düstere
Pulvermagazin, den Laaerberg, den Zentralfriedhof, den Kahlenberg---.
Wie in
grauem, flüssigem Blei des Himmels und der Erde wogte die dunkelrote
Glut der
Sonnenuntergangsstreifen. Die Lederfabrik war wie ein schwarzes Ungeheuer,
und drei riesige
Schornsteine sandten schwarzen Rauch in die Glut, wie schmale Dampfspritzen,
die ungeheure
Brände löschen möchten! Die dünnen, zarten Birken
auf dem Donauschütte
bebten im Abendwind, und die beiden Freunde suchten schöne, glatte,
hellbraune Kieselsteine
aus als Andenken an den friedvollen Abend. Auf der Landstraße wartete
das rote Automobil,
Mercedes18-24, das ein kleiner Landstraßen-Orientexpreßzug
werden konnte bei
Schnelligkeit vier.
Die rote Glut im Blei des Himmels wurde himbeerfarbig, dann dunkelgraurot.
Die beiden Freunde
sagten: Nun gibt es nichts mehr zu schauen. Das Stück ist zu Ende.
Sie bestiegen
daher das rote Automobil und sagten zu dem Chauffeur: Geschwindigkeit
vier,
bitte---
Sie rasten in den Grabenkiosk zurück.
Dort saß noch die Französin, die man nur mit den Augen begrüßen
durfte.
Aber in dieser Stunde durfte man bereits zu ihr sagen: Guten
Abend---
Und die beiden Herren sagten höflich: Bon soir---.
Quartett-Soireé
Quartett-Soireé
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Der Saal ist viereckig, schneeweiß, überhaupt wie eine riesige
Pappendeckelschachtel.
Die durchscheinenden Kugeln aus dickem welligem Glas machen aus dem Bogenlicht
im Inneren
goldgrüne und weißgrüne Flecken, die wie glänzendes
Wasser schimmern oder
Ö
l, wie Milch im Mondschein.
Rechts neben ihm saß sein goldblondes Schwesterchen, in Samt maron
pürée und
einer Bluse aus gleichfarbiger Seide. Sie hatte zu Hause gebadet, sich
getummelt, häusliche
Unannehmlichkeiten gehabt, suchte nun etwas, das entlastete, entfernte,
blickte in die riesige
Pappendeckelschachtel mit den goldgrünen glänzenden Flecken---.
Man bleibt also der, der man ist, überall--?! fühlte sie.
Die Instrumente sagten: Husch aus dem Bade-! Marie, bitte, o
Marie. Aber Fräulein, machen die Brause zu--. Wie schön
Fräulein sind--. Wo ist mein Seidentuch?! Bitte um Geld für
die
Garderobe--. So geh schon--. Gibt es einen
Frühling Was ist eigentlich Musik--?!
Links neben ihm saßen zwei Schwestern, junge Frauen, Bekannte.
Die eine hatte eine
Pongis-Bluse mit Rubinschmuck und schwarze Augen, Augen wie Mitternacht.
Diese Augen sagten:
Ich will brennen! Macht ein Feuer an! Ich will brennen---!
Die andere dachte: Das Leben hat schöne Einzelheiten wie das Quartett.
Aber was ist
es?! Man zählt und zählt---. Anita ist müde, Zählen
macht
müde, nicht?! Und wenn ich Zehntausend habe?! Dann lege ich es in
ein goldenes Kästchen
und werfe das Schlüsselchen ins Meer---.
Die Violinen sangen.
Sie träumte: Helgoland --- o meine Sommertage --- ins
Meer---.
Das Fräulein in maron pürée dachte: Die vier Herren
da oben sind schwarz
und zusammengeduckt, sie müssen sehr unbequem sitzen, und die Fräcke
verdrücken
sich. Es ist Kammermusik, der edelste Kunstgenuß, ja wirklich.
Die Oper hat mehr
Farben--.
Die Oper hat mehr Farben - - -, dachte sie jetzt endgültig, und
ihre gebadete
Haut begann zu dunsten in der Konzert-Luft.
Habe ich das Eau de Cologne zugestöpselt, habe ich das frische Nachthemd
hergerichtet, habe ich Reis herausgegeben---?! dachte sie.
Die Dame sagte zu dem Herren: Sie müssen Helgoland sehen--. Ich
habe den
Tanz getanzt mit den Matrosen--.
Es hieß: Jawohl, ob du es glaubst oder nicht, so eine bin ich ---
manchesmal.
Pst..., sagte man.
Süße Töne füllten die weiße Pappendeckelschachtel
wie mit Bonbons.
Da stieg das Cello in ihr Herz---.
Was siehst du mich an, Herr?! Höre lieber zu---.
Pause.
Helgoland - - - ich tanzte mit Matrosen!
Zartes feines Geschöpf - -, denkt der Herr, haben sie dich nicht
zerdrückt?!
Woher bin ich - -?! fühlt sie plötzlich, wohin gehe ich?! Ich
wohne Ebendorferstraße17, 1.Stock, Tür5. Im Vorzimmer ist
ein roter
Teppich und Spiegelglas. Wie ein kleiner Kerker ist es--.
Helgoland, ich tanzte mit Matrosen - - -!
Das Fräulein in maron pürée denkt: ich habe
niemand---.
Andante.
Wie Schatten - - -, sagt die junge Frau.
Du bist affektiert - -, denkt das Fräulein; wie
Schatten---?!
Die junge Frau wird rot, weil man es gehört hat. Sie senkt den Kopf,
horcht auf die
huschenden Schatten ---.
Die Violinen machten ti - ti - tiiiii - - -, worauf das Cello noch ein
bißchen das alte Thema in Erinnerung brachte, aber nur so, husch---.
Wie Schatten - - -.
Alle sagten bravo. Wie wenn man sagt. Bravo, ein Kind ist gestorben.
Eigentlich hätte man schluchzen hören sollen.
Die junge Frau zieht an ihrem Opernguckersäckchen aus Seide, zu,
auf, zu, auf,
zu---.
Das Fräulein denkt: War es fad oder bloß traurig?!
In der ersten Reihe sitzt Frau P. Sie bekommt alles im Leben aus erster
Hand. Sogar die Jacke
ist Modellstück, hellgrüne Seide mit opalisierenden Glasperlen.
Sie denkt: Wie
angenehm ist das Leben und so einfach, und wie schön diese Herren
spielen! Wird Herr Max zum
Souper mitkommen?!
Die ganze erste Reihe hält sich für König Ludwig, dem
man extra vorspielt.
Wirklich, die Töne fahren sonst in der Pappendeckelschachtel herum
wie feine Schmetterlinge,
zerstoßen sich an den goldgrünen Flecken der Lampen---. Aber
in der
ersten Reihe schweben sie über den Cercle-Sitzen wie über Blumen.
Der Musikkritiker sitzt ganz rückwärts. Er hat das Ohr mit
seinen Labyrinthen. Ein
Ariadnefaden führt zum Welt-Geist!
Alle sagen: Bravo - - -.
Er fühlt: Ein Kind ist gestorben - - -.
Sie müssen Helgoland sehen - - -, sagt die junge Frau zu dem Herren,
das wünsche ich Ihnen--.
Sie sind wie eine Meermuschel, sagt er, in der das Meer noch singt, wenn
längst---.
Da begann ein neues Musikstück.
Das Klavier sagte: wenn längst, wenn längst---, und
tanzte einen Matrosentanz. Das Cello griff ins Herz hinein, eigentlich
drückte es das Herz
zusammen und ließ es wieder los. Da wurde es weit, oder es schien
so---.
Es ist ein Meerbad - -, fühlte die Dame, kurz, wie Helgoland und
wie
der Sommer und wie eine Herde gelber Schafe, die durch ein sonniges Dorf
getrieben wird, und wie
der Duft von Kartoffelfeldern am Abend, wie Hühner-Bouillon, wenn
man krank war, wie
bittersüß und wie
da bist du
endlich ---.
Das Fräulein träumte: Habe ich jemand - -?!
Der Herr blickt die Helgoländerin an: Bitte, numeriere diesen Blick
nicht--.
Nein - -, antwortete sie sanft mit ihren Augen, ich lege ein eigenes
Konto
an---.
Und wirf das Schlüsselchen nicht ins Meer--!
Und werfe das Schlüsselchen nicht ins Meer--.
Klavier, Violino primo, Violino secondo, Cello, Viola, sangen: Wirf es
ins Meer, ins
Meer, ins Meer---.
Aber es war nur das Klavierquintett von G., zweiter Satz, Andante.
Das Fräulein in maron pürée dachte: Diese Stelle klingt
wirklich wie:
Ich habe niemand, niemand,
niemand ---!
Der Tag des Reichtums
Der Tag des Reichtums
(in "Neues Altes", Berlin 1911)
Ich wollte einmal einen halben Tag lang das Leben eines Reichen erleben.
Ich ließ mich von
einer reizenden Frau und ihrem Gatten in ihrem Mercedes vom Hause aus
abholen. Ich fuhr zu meinem
Raseur, Teinfaltstraße, mich verjüngen zu lassen, besonders
mit der
Menthol-Franzbranntwein-Spritze auf den Kopf. Ein Ersatz für jedes
kalte Bad! Dann fuhren wir
nach Baden. Dort badeten wir in den Kurhauswannenbädern, vierundzwanzig
Grad Celsius. Dann
ließen wir uns kühle Hotelzimmer aufsperren und schliefen
eine halbe Stunde lang. Dann
aßen wir Solospargel, Hirn en fricassé. Dann fuhren wir
weiter, nach Heiligenkreuz. In
kühler Halle tranken wir duftenden Tee mit Zitrone. Abends zurück,
in eiliger Fahrt.
Die Wiesen dufteten, und die Wälder standen schwarz und unbeweglich-melancholisch
unter dem
Abendhimmel, der leise leuchtete.
In Wien verabschiedete ich mich.
Im Café Ritz fand ich jene junge Dame, die schon lange meine Augen
beglückte.
Braunes Haar, blauer Strohhut, Stumpfnase. Ich wollte den Tag feierlich
beschließen. Ich
sandte ihr drei wunderbare ganz dunkle Rosen und einen Eierpunsch, dieses
Lieblingsgetränk der
meisten solchen Damen. Sie nahm es huldvollst an, ausnahmsweise.
Sie kam an meinen Tisch und sagte:
Macht es Ihnen wirklich eine so große Freude, mir Aufmerksamkeiten
zu
erweisen?!?
Ja, gewiß, sonst täte ich es ja nicht!
Also, dann brauche ich ja nicht dankbar dafür zu sein---!?
Nein, keineswegs. Sondern ich Ihnen!
Das war der Tag des Reichtums - - -.
Reminiszenzen
Reminiszenzen
(in "Semmering 1912", Berlin 1913)
Eine angenehme Abwechslung während des Lernens war das Anzünden
der Öllampe am
Winternachmittage. Draußen sah man undeutlich graue Häuser
wie fremde Welten. Da kam das
Stubenmädchen und zündete die Öllampe an. Vorsichtig nahm
sie die Milchglaskugel ab,
den glänzenden Zylinder aus Glas. Sie drehte den bereits vormittags
richtig abgeschnittenen
Docht hoch mit der Messingschraube, legte zwei fadendünne harzimprägnierte
Hölzchen
(eine ganz neue Erfindung der Technik) im Kreuz über den gelben
Docht und zündete diese
an den Enden an. Oft brannte der Docht, oft brannte er nicht. Endlich
brannte er. Da stülpte
das Stubenmädchen vorsichtig den Glaszylinder auf und dann die Milchglaskugel.
Nun wurde noch
ein wenig an der Messingschraube, auf welcher der Name Ditmar und zwei
Merkurflügel waren, hin und her gedreht, damit die Lampe nicht rauche.
Endlich brannte sie mit
einem dottergelben matten Schein. Da saß man denn und schrieb die
Einleitung zu dem Aufsatze
Charakter des Wallenstein: Wenn wir die großen Helden vergangener
Zeiten
an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen---
Sie, Marie, der Docht raucht auf der linken Seite---
Aber junger Herr, das ist eine Sekkatur. Ich habe ihn heute vormittags
ganz gerade
abgeschnitten.
Charakter des Wallenstein: Auf der Höhe seiner Macht angelangt, überfiel
ihn
wie die meisten Sterblichen die Sehnsucht nach noch Höherem,
Unerreichbarem---
Die Lampe brannte mit dottergelbem, mattem Schein, und richtig, links
rauchte sie ein wenig und
schwärzte sogar den Glaszylinder an.
Große Prater-Schaukel
Große Prater-Schaukel
(in "Was der Tag mir zuträgt", Berlin 1901)
Dies sind eure Absinth-Räusche des Lebens, Mädchen aus dem
Volke! Alles wird zuunterst
zuoberst gekehrt, gestürzt! Und beim Tal-abwärts kreischt ihr
vor Angst und Erregung!
Hier vergeßt ihr, daß der Zins vor der Türe ist und
daß man in jedem
Augenblicke schwanger werden und verlassen werden könnte! Hier erlebt
ihr eure
Meerfahrt-Emotionen, Seekrankheit für 10Kreuzer!
Und nachher in die Wiesen, in die dunklen weiten Wiesen!
Pfeife, Schurl, wenn Polizei kommt!
Der Schloßherr
Der Schloßherr
(in "Märchen des Lebens", Berlin 1908)
Es waren auf einer riesigen Wiese im Parke schneeweiße und hellrote
kleine, fast
geschlossene Tulpen, unregelmäßig verstreut und dennoch gedrängt,
wie
Herbstzeitlosen auf Obstbaumwiesen. Und um diese rot-weiß getupfte
Wiese herum war zwischen
dünnen schwarzen Gitternetzen ein breiter Kiesweg aus feinstem rotgelbem
Sande. Und auf diesem
Sande spazierten Hunderte von rosenroten Flamingos mit ihren fadendünnen
eleganten Beinen und
aristokratisch-elastischer Gangart, mitten zwischen den Spaziergängern
des Gartens. Und diese
mußten acht haben, die Flamingos nicht zu beschädigen beim
Dahinwandeln. Das Ganze war
eine Kaprice des Parkbesitzers, der gelähmt am Fenster saß des
Schlosses.
Haben Herr Baron eine bestimmte Absicht gehabt mit dieser merkwürdigen
Veranstaltung?
Vielleicht. Aber ich kann sie in mir selbst nicht ergründen. Vielleicht
möchte
ich den Menschen ihren plumpen Gang vorhalten...
Schubert
Schubert
(in "Nachfechsung", Berlin 1916)
Ü
ber meinem Bette hängt ein Kohledruck des Bildes von Gustav Klimt:
Schubert. Schubert
singt mit drei Wiener Mädchen Lieder zum Klavier beim Kerzenschein.
Darunter steht von mir
geschrieben: Einer meiner Götter! Die Menschen schufen sich die
Götter, um ihre
eigenen, in ihnen versteckten und unerfüllbaren Ideale dennoch irgendwie
zu lebendigerem
Dasein zu erwecken!
Ich lese oft in Nigglis Schubert-Biographie. Sie will nämlich Schuberts
Leben bringen,
nicht Nigglis Gedanken darüber!
Aber hundertmal habe ich die Stelle gelesen, Seite37. Er war nämlich
Musiklehrer auf
dem Gute des Grafen Esterhazy in Zelesz, bei den ganz jungen Gräfinnen
Marie und Karoline. An
Karoline verlor er aber sein Herz. Es entstanden daher seine Schöpfungen
für Klavier zu
vier Händen. Nie erfuhr die junge Gräfin von seiner tiefen
Neigung. Nur einmal, als sie
ihn neckte, er hätte ihr noch keine seiner Kompositionen gewidmet,
erwiderte er: Wozu
denn?! Es ist ja ohnedies alles für Sie!
Wie wenn ein Herz in seiner Fülle, in seinem Grame sich eröffnete,
und wieder sich
verschlösse für ewig---. Deshalb schlage ich oft Seite37 auf
in
Nigglis Schubert-Biographie.
Spätherbst-Abend
Spätherbst-Abend
(in "Ashantee", Berlin 1897)
Herr Direktor - - -, sagte der Wächter des Tiergartens,
heute abend war ein Herr da, welcher sich nach Ihnen erkundigte. Dann
ist er in eine der
leeren Hütten im oberen Dorfe getreten. Nach einer Viertelstunde
ist er herausgekommen und ist
langsam weggegangen aus dem Garten.
Schon gut, Josef. Übrigens, die Hütten werden morgen abgebrochen--.
Wir brauchen Platz für die Seiltänzergesellschaft und den Ballon
captif.
Spätsommer-Nachmittag
Spätsommer-Nachmittag
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Ich kann nur anziehen, nicht fesseln---, sagte sie.
Sie trug ein hellblaues weites Kleid mit weißen winzigen Pünktchen,
einen braunen
Strohhut mit weißen Nelken---.
Da oben ist ein schöner Waldweg---, sagte er,
&
uuml;berall kleine Felder von Disteln und lila Blumen und Birken, man
geht schnurgerade,
und unten schlägt der Fluß weißen Schaum--.
Sie sah ihn an, wie wenn man sagt: Da möchtest du mit mir sein und
den Duft meines
Kleides atmen---!?
Aber sie gingen nicht den schnurgeraden Weg mit den kleinen Lichtungen
von Disteln, lila Blumen
und Birken, sondern sie tranken Kaffee en grande societé auf der
feuchten Wiese an einem
rotbraunen Tische und spielten dann Federball--.
Die Haare des jungen Mädchens wurden feucht, und zarte Ringellöckchen
schwebten an den
Schläfen--.
Sie war sehr schön - - -.
Es begann zu regnen - - -.
Die ungemähten Wiesen rochen stark wie Waldmeister im Mai. Die braunen
Wege begannen zu
glänzen wie Glaserkitt. Die Kieselhaufen an der Straße wurden
reingewaschen, und die
Pappeln erzitterten und tranken Regen---.
Sie trug den schönen Strohhut mit den weißen Nelken in der
Hand, und er hielt den
Schirm über ihre braunen Haare wie eine gute sorgsame Mama-.
Dann gingen sie in das Klavierzimmer des Casino.
Ein kahler dunkler Raum, der nach Keller roch---.
Der Bruder des Mädchens spielte Chopin, Etüde As-Dur.
Es war wie See-Wellen, die singen, herangleiten und zerrinnen---.
Es wurde ganz dunkel.
Draußen an dem Fenster verneigten sich die Kastanienblätter
vor den
Windstößen, und der Sturm machte. schschsch--. In der Ferne
schimmerte eine Glaslaterne--.
Drinnen glitt die As-Dur-Etüde heran, legte sich an die Herzen und
zerrann---.
Der Herr und die Dame rauchten--.
Man sah nur die glühenden Spitzen der Zigaretten
Er saß ganz nah bei ihr und bebte---.
Tanzen wir - - -, sagte sie.
Draußen verneigten sich die Kastanienblätter vor den Windstößen,
die
Zigaretten leuchteten auf dem Fensterbrett, der Bruder spielte, und die
zwei tanzten im Dunkel
langsam, lautlos dahin---.
Später sagte sie: Wie heißt diese Etüde, die du da früher
gespielt
hast---?!
Chopin As-Dur - -, sagte der Klavierspieler. Dann fügte er hinzu:
Robert Schumann sagt Wunderbares über dieselbe. Warum fragst du?!
Nur so - - -.
Der junge Mann aber war wie in einer andern Welt--. Er fühlte auch
Wunderbares
ü
ber die As-Dur-Etüde, aber er konnte es nicht ausdrücken wie
Schumann---. Er sagte nur leise zu dem Mädchen: Meine gütige
Königin------!
Im Stadtpark
Im Stadtpark
(in "Neues Altes", Berlin 1911)
Als Kinder saßen wir Abend für Abend mit unsern geliebten
Eltern im Stadtpark, im
Kursalon. Wir bekamen Eis und Hohlhippen und hatten keinerlei Sorgen.
Der Vater geht nun seit
Jahren nicht aus seinem bequemen Zimmer mehr heraus, und die Mutter nicht
aus dem bequemen
Totenschrein. Ich, glatzköpfig und sorgenvoll, komme nun in den
Stadtpark, Kursalon, auf die
Terrasse, an denselben Tisch, an welchem wir einst sorgenlos mit den
geliebten Eltern saßen.
Ich bestelle dasselbe Eis, Himbeerschokolade, wie als Kind, mit recht
vielen und knisternden, also
frischen Hohlhippen. Vor mir die Gartenbeete wie einst, ein bißchen
bunter, origineller. Ich
sehe Eltern mit ihren Kindern. Sie zanken und schelten. Unsre Eltern
zankten und schalten nie, nie.
Vielleicht war es schlecht, daß sie es nie taten, aber sie hatten
Achtung vor ihren eigenen
Erzeugnissen und Zuversicht! Wir haben sie enttäuscht; aber sie
haben es hingenommen als
Schicksal und Verhängnis. Wir haben ihre Tränen, die sie um
uns weinten, nie
gespürt---. Nun sitze ich, Glatzköpfiger, Sorgenvoller, wieder
im
Stadtpark, im Kursalon, auf der Terrasse, an demselben Tisch wie einst
mit den geliebten Eltern,
esse dieselbe Portion Himbeerschokolade wie einst, mit vielen knisternden,
also frischen
Hohlhippen---. Die Gartenbeete, auf die ich herabblicke, sind ein wenig
bunter,
origineller. Aber sonst hat sich nichts verändert, in den Zeiten
vom dummen Kind zum
müden Mann! Ich sehe Eltern, die ihre Kinder im Park schelten; unsre
Eltern schalten uns nie;
sie erhofften es, daß wir sie einst belohnen würden für
ihre Güte; aber wir
taten es nicht. Wir hatten eine schöne Kinderzeit; so tauchen wir
denn hinab in Erinnerungen,
da wir vom seienden Tage nicht leben können. Wir hatten allzu sanftmütige,
hoffnungsfreudige, schicksalsergebene Eltern. Es war ein Fluch und ein
Segen! Man kann nun an
Zeiten zurückdenken, die paradiesisch waren--. Nicht jeder, der
vor sich das
Dunkel sieht, kann liebevollen Herzens der lichten Zeiten dankbar sich
erinnern---.
Ich trinke Tee
Ich trinke Tee
(in "Pròdromos", Berlin 1906)
Sechs Uhr abends rückt heran. Ich spüre es heranrücken.
Nicht so intensiv, wie
die Kinder den Weihnachtsabend heranrücken spüren. Aber immerhin.
Punkt sechs Uhr trinke
ich Tee, ein feierliches Genießen ohne Enttäuschungen in diesem
belasteten Dasein.
Etwas, was man sicher hat, man hat seine friedevolle Glückseligkeit
in seiner eigenen Macht.
Es ist direkt unabhängig vom Schicksale. Schon das Eingießen
des guten Hochquellwassers
in mein schönes weites Halblitergefäß aus Nickel macht
mir Freude. Dann warte ich
das Sieden ab, den Sang des Wassers. Ich habe eine riesige halbkugelige
tiefe Schale aus
ziegelrotem Wedgwood. Der Tee ist aus dem Café Central, duftet
wie Almwiese,
wie Kohlröserl und Gräser im Sonnenbrande.
Der Tee ist goldgelb-strohgelb, niemals bräunlich, leicht und unbedrückend.
Dazu
rauche ich eine Zigarette Chelmis, Hyksos. Ich trinke sehr, sehr langsam.
Der Tee ist
ein inneres anregendes Nervenbad. Man trägt die Dinge leichter dabei.
Man fühlt es, eine
Frau sollte eine solche Wirkung ausüben. Aber sie tut es niemals.
Sie hat noch nicht die
Kultur friedereicher Sanftmütigkeiten, um wie ein edler warmer goldgelber
Tee zu wirken. Sie
glaubt, sie verlöre dann etwa ihre Macht. Aber mein Tee sechs Uhr
abends verliert niemals
seine Macht über mich. Ich sehne mich ihm täglich in gleicher
Weise entgegen, und
liebevoll vermähle ich ihn meinem Organismus.
Der Trommler Belín
Der Trommler Belín
(aus "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Er saß mit seinem jungen Weibe bei Ronacher, Vergnügungs-Etablissement.
Er sagte Leuten, welche darüber Bemerkungen machen: Warum nicht!?
Mich interessieren
die Zwischenglieder der Kunst. Und dann, gibt es nicht auch Prater-Buden?!
Nun also!?
Um acht Uhr beginnt die Vorstellung. Tausend Glühlampen werden aufgedreht.
The Pickwicks. Fette Männer in hellblauen Tricots springen übereinander,
schwitzen.
Man hört gleichsam diese Lungen schreien: Oh, genug, laß
mich---.
Alles applaudiert. Die junge Frau denkt: Mühselige ---
Müh-unselige!
Ein kleines Mädchen wie ein rosa Zwirn arbeitet auf dem weißen
Telephon-Draht.
Ein Dünnes im Kampfe mit einem Dünneren!
Müh - unselige!, sagt die junge Frau.
Drei Bären aus dunklen Wäldern produzieren sich. Einer singt
etwas in seinen
Heimatstönen. Niemand versteht es. Es heißt: Ich war wild,
wild houuuuu ich war
wild---!
Alles applaudiert.
Wie müh - unselig!, denkt die junge Frau.
Eine Pantomime La Puce. Es ist die stummer Geist gewordene
Gemeinheit.
Eine junge Dame in einem hellgrünen Seidenkleide entkleidet sich,
um
la puce zu suchen, versäumt die
Zeit zum Rendez-vous. La puce als
Ehrenretter. La puce bekommt die Medaille. Hó, la puce---!
Alles applaudiert.
Die junge Frau fühlt: Mühselige - - -!
Der Trommel-Virtuose Belín.
Ein passendes Stück, ein Trommler - -, sagt jemand, ist es
amüsant?! Was kann er?! Trommeln?!
Das Publikum ruft ihm gleichsam entgegen: Ah, bonjour Herr
Trommler---!
Auf einem kleinen Gestelle liegt schief eine kleine Trommel.
Er kommt herein, in Frack und weißer Krawatte. Er hat ergrauende
Locken.
Die Schlacht!:
Rataplàn ra ra ra ra - - - von ferne ziehen unabsehbare Scharen
in Eilschritt heran,
Millionen, immer noch, immer noch, noch, noch, noch. Noch--! Sie schleichen,
gleiten,
huschen, fliegen---. Pause.
Geschütz-Salve - - - ratà! Pause. Salve, Salve, Salve ---
ratatatà!
Die Schlacht singt ihr Lied, jauchzt, kreischt, brüllt, stöhnt,
atmet
aus-----. Pause. Plötzlich beginnt ein furchtbarer Wirbel
---- Rrrràtaplan rrrràta rrrràta rrratatatà tà
tà tà tà --- trrrrrrrrrà! Der Todeskampf
dieses Lebens:
Schlacht!
Orkan-Wirbel!
Er notzüchtigt das Ohr, spannt es, treibt es auseinander, schüttelt
es, bricht es,
dringt in die Seele ein und macht erschauern---! Ein fürchterlicher
Wirbel,
ein entsetzlicher, nachsichtsloser, grausamer, blutohriger Wirbel! Wird
er nicht aufhören?! Er
hört nicht auf, rrrratà, prasselt herum, zerfetzt die Nerven,
rrràtatatà!
Wirbel! Wirbel---!! Rrrratà! Alles wird über den Boden geblasen,
gemäht, vertilgt!
Schuß - - Schuß - - - - - - Schuß!
Rrrrrrrrràt-----. Die Schlacht ist gestorben.
Stille.
Der Mann im schwarzen Frack steht da, verbeugt sich, geht---.
Niemand applaudiert.
Ein schrecklicher Trommler - -, denkt man, er zerreißt das
Trommelfell.
Ein Genie des Handgelenkes ganz einfach--, sagt ein Aristokrat in
einer Loge.
Die junge Frau sitzt da, bleich - - -.
Du bist ganz geschreckt - -, sagt der Gatte, legt seine Hand sanft auf
ihre Hand.
Napoleon - - -! sagt sie.
Wie?! sagt der Gatte.
Er hat wenig Applaus gehabt - - -, sagt sie, er wird vielleicht entlassen
werden---.
Nein - - -, sagt der Gatte, sie sind fix engagiert---.
Wie bleich du bist--.
Die junge Frau fühlt: Napoleon - - -!
Vergnügungslokal
Vergnügungslokal
(in "Fechsung", Berlin 1915)
Im Tabarin gaben die Herren an Blumen aus für das Fräulein
Paula:
Lila gefüllte Nelken: 20 Kronen.
Ceriserote Rosenknospen: 30 Kronen.
Mimosa pudica, Büsche: 10 Kronen.
Weiß-grüne Schneeballen, Büsche: 10 Kronen.
Der Diener soll mir s' ins Auto nachtragen, gib ihm 3Kronen! Aber vorn,
daß
die Leut' es sehn!
Am nächsten Morgen sagte das aschblonde wunderbare siebzehnjährige
Küchenmädchen zu mir: Schneeglöckerln gibt's schon, Jessas,
wie bei uns in
Steinhaus, beim Waldsumpf, aber teuer
sein s' noch, 30Heller das Büscherl!
Verkehr zwischen Menschen
Verkehr zwischen Menschen
(in "Wie ich es sehe", 4. Aufl., Berlin 1904
Die beiden wohlbestallten Künstler saßen im kleinen Nachtcafé und
besprachen
es emsig, wie brutal der Ichismus der Nebenmenschen wäre! Das Wort
Ichismus
sprachen sie so aus, wie wenn sie sagten: Die übrige Menschheit
sagt nämlich
Egoismus!
Da sagte das junge Fräulein: Was redt's denn da für an Unsinn
zusammen, hm?!
Hat das an Sinn?! Hört's zu, meine Frau hat mich heute gepfändet!
Gibt's das, eine
eigenhändige Pfändung?! Das gibt's nicht! Was?!
Bitte, wir sind keine Advokaten - - -.
Keine Advokaten?! Da schau her! Ein jeder gebildete Mensch muß wissen,
daß es
eine eigenhändige Pfändung niemals nicht gibt! Wie stellt's
ihr euch das vor?! Da
möchte die ganze Welt nichts tun als pfänden! Nur ein bissel
nachdenken, meine Herren,
ja?!
Die Künstler besprachen es nun, daß der aufgeblasene HerrB.
so erfüllt sei
von sich selbst, daß er nichts höre und nichts sehe, wie der
Auerhahn auf dem
Fichtenaste. Nur habe er nicht immer die Entschuldigung sexueller Erregung
für sich wie das
Biest!
Das Mädchen begann zu weinen über die eigenhändige Pfändung
von seiten der
Frau. Sie erklärte nochmals den Herren, daß es eine eigenhändige
Pfändung
niemals nicht gebe.
Die Herren sagten nun, daß sie es auch für ausgeschlossen
hielten, und begannen daher
das Mädchen ein wenig abzuküssen, da sie sie infolge ihrer
Zustimmung für ziemlich
getröstet wähnten.
Dieselbige war aber noch nicht soweit. Die Herren sagten ihr nun, daß sie
ihren Beruf
verfehlt habe, sie sei eine Trauer-Dirne. Damit werde sie keinen Hund
hinterm Ofen hervorlocken.
Das Mädchen starrte vor sich hin und sagte: Eine eigenhändige
Pfändung
gibt's nicht!
Die Künstler nahmen nunmehr eine teilnehmende Haltung an und sagten:
Wieviel bist du
ihr denn eigentlich schuldig? Was wird es denn weiter sein?!
Das Mädchen erwiderte hoffnungsvoll: 35 Gulden!
Die Künstler: Was?! So eine Bagatelle?! Und da plärrt sie!
Das kannst du ihr ja
leicht in Raten abzahlen!
Das Mädchen fühlte: Bagage, hängt euch auf!
Die Künstler berechneten es nun, daß bei Wochenraten von nur
5Gulden sie in
sieben Wochen damit komplett fertig sein könne. Komplett. Oder sie
solle Monatsraten à
20 Gulden zahlen. Oder, noch besser, täglich einen Gulden. Sie einigten
sich auf täglich
einen Gulden.
Das Mädchen saß da und weinte bitterlich.
Die Künstler wurden böse und gingen weg.
Draußen sagten sie: Soll man sich für jemanden einsetzen?!
Da rechnet man sich
den Kopf heraus für fremde Leute! Was hat man davon?! Undank!
Der arme Kellner trat nun zu dem Mädchen hin: Sie, Fräul'n,
heute um 8Uhr
früh fahren wir beide zusammen zu Gericht! Eine eigenhändige
Pfändung gibt es
niemals nicht! Wir leben in einem Rechtsstaate!
Sie gingen miteinander nach Hause, um die Details zu präzisieren.
Es waren noch drei Stunden bis acht Uhr früh, welche Zeit sie ziemlich
ausnutzten.
Um acht Uhr früh sagte ihr Ritter: Weißt was, Mizerl, mit
die Gerichte soll
man nix anfangen. Die Frau wird's nicht so bös gemeint haben. Weißt
was, Mizerl, zahl's
in Raten ab!
Das Mädchen war schon ganz ermattet, und wieder einschlummernd,
sagte sie sanft:
Eine eigenhändige Pfändung gibt es niemals nicht. Was Schurschl?!
Vöslau
Vöslau
(in "Neues Altes", Berlin 1911)
Vöslau, eigentümlicher Ort, einzige wirkliche Sentimentalität,
die ich habe.
Deine grünbefranste Station ist geblieben wie eh und je. Nur meine
wunderschöne Mama, die
mich im Damenbade sorgsam auf ihren Armen wiegte, ist längst nicht
mehr. Die Lindenblüten
rochen wunderbar, und das sonnengedörrte Holz der Kabinen und die
Wäsche der triefenden
Schwimmanzüge. Der Kies brannte die zarten Kinder- und Frauensohlen.
Vom Wald kam
Tannenharzduft, und von den Hausgärten kamen Millefleursgerüche.
Meine Mama hielt mich
zärtlichst mitten im Teiche, der für mich ein Ozean war! Sie
verschwendete ihre
romantische Zärtlichkeit an ein egoistisches, verständnisloses
Kindchen, das ihren Hals
in Angst umklammerte. Wunderbar ist der eingedämmte Bach, von der
Station aus bis zum Bade.
Links ungeheure üppige Wiesen, die zu nichts zu dienen scheinen
und herrliches, dichtes
Unkraut produzieren, für nichts und wieder nichts. Der Wind rauscht
eigentümlich in den
Tannen. Man hält es für einen mysteriösen Aufenthalt für
Rekonvaleszenten,
für kleine zarte Mäderln. Es ist so ein Sanatorium für
müde Menschen. Die
graublaue Ursprungsquelle von vierundzwanzig Grad Celsius ist wie lebenspendend.
Sie spricht nicht
viel, sie murmelt und gewährt! Viele Hausgärten sind voll von
Frieden und Pracht. Im
Cafégarten hart beim Bade ist es kühl vor Baumschatten wie
in einem Keller. Daneben ein
unbekannter Park wie ein Urwald. Niemand hat ihn vielleicht je betreten,
ihn gestört in seinen
ü
berschüssigen Kräftespendungen! Wozu braucht man Brasilien
und Lianenverstrickungen
und Blütendunst und Geranke?!? Dieser Park ist Urwald. Vöslau,
immer noch, seit
fünfundvierzig Jahren, ist deine Station grünbefranst, und
in dem Bache plätschern
lustig die Enten, die unmittelbar darauf abgestochen werden, denn der
murmelnde Bach ist nur ein
letztes Reinigungsbad, gleichsam eine Vorleichenwaschung. Beim Bade duftet
es nach
Lindenblüten. Nichts hat sich verändert. Nur meine Mama ist
nicht mehr.
Im Volksgarten
Im Volksgarten
(in "Wie ich es sehe", 4. Aufl., Berlin 1904)
Ich möchte einen blauen Ballon haben! Einen blauen Ballon möchte
ich
haben!
Da hast du einen blauen Ballon, Rosamunde!
Man erklärte ihr nun, daß darinnen ein Gas sich befände,
leichter als die
atmosphärische Luft, infolgedessen etc. etc.
Ich möchte ihn auslassen---, sagte sie einfach.
Willst du ihn nicht lieber diesem armen Mäderl dort schenken?!?
Nein, ich will ihn auslassen---!
Sie läßt den Ballon aus, sieht ihm nach, bis er verschwindet
in den blauen Himmel.
Tut es dir nun nicht leid, daß du ihn nicht dem armen Mäderl
geschenkt
hast?!?
Ja, ich hätte ihn lieber dem armen Mäderl geschenkt!
Da hast du einen andern blauen Ballon, schenke ihr diesen!
Nein, ich möchte den auch auslassen in den blauen Himmel! -
Sie tut es.
Man schenkt ihr einen dritten blauen Ballon.
Sie geht von selbst hin zu dem armen Mäderl, schenkt ihr diesen,
sagt: Du lasse ihn
aus!
Nein, sagt das arme Mäderl, blickt den Ballon begeistert an.
Im Zimmer flog er an den Plafond, blieb drei Tage lang picken, wurde
dunkler, schrumpfte ein,
fiel tot herab als ein schwarzes Säckchen.
Da dachte das arme Mäderl: Ich hätte ihn im Garten auslassen
sollen, in den
blauen Himmel, ich hätte ihm nachgeschaut, nachgeschaut---!
Währenddessen erhielt das reiche Mäderl noch zehn Ballons,
und einmal kaufte ihr der
Onkel Karl sogar alle dreißig Ballons auf einmal. Zwanzig ließ sie
in den Himmel
fliegen und zehn verschenkte sie an arme Kinder. Von da an hatten Ballons
für sie
überhaupt kein Interesse mehr.
Die dummen Ballons - - -, sagte sie.
Und Tante Ida fand infolgedessen, daß sie für ihr Alter ziemlich
vorgeschritten sei!
Das arme Mäderl träumte: Ich hätte ihn auslassen sollen,
in den blauen
Himmel, ich hätte ihm nachgeschaut und nachgeschaut---!
Es geht zu Ende
Es geht zu Ende
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Sonniger Herbsttag - - -. An sonnigen Stellen Wärme, Hitze -- an
schattigen Stellen
Keller-Kälte. Es duftet nach welken Blättern und frischer feuchter
Erde. Auf den
Uferwiesen stehen kurze dünne helliotropefarbige Striche, Colchicum
autumnale.
Braune Libellen baden im Sonnenlicht---.
Auf der weißen Straße zwischen den dunkelbraunen Holzbirnbäumen
fährt der
Herzog mit seinem Sohne in einer offenen Equipage. Ein Tigerfell liegt über
ihre
Füße. Wie sie an dem kleinen sonnengebadeten Friedhofe vorbeikommen,
ziehen sie tief die
Hüte ab.
Der Diener am Bock macht das Kreuz.
Nur der fette Kutscher sitzt unbeweglich -- er ist im Amte. Er starrt
auf die weiße
sonnige Straße mit den Herbstblättern---.
Im Garten einer Villa blühen rote und gelbe Georginen.
Auf einer Bank, in der Herbstsonne, sitzt ein junges Mädchen.
Es träumt: Wird man heuer Ballkleider rund ausgeschnitten tragen?!
Die Georginen werden in allen Farben gezogen - das sind die Harmonien
der Kultur.
Im herzoglichen Garten stehen sie in dicken Büschen, rot und gelb
gesprenkelt, weiß
und lila, rosa und rostrot, wie Bordeaux-Wein und Safran, wie Alpenglühen
und
Zimtfarbe---.
Die Equipage fährt ein durch das schmiedeeiserne Gittertor mit den
goldenen Rosetten. Der
Diener springt vom Bock. Der alte Herzog und der junge Herzog steigen
aus. Der Diener verbeugt sich
tief.
Nur der fette Kutscher sitzt unbeweglich. Er starrt auf die weiße
sonnige Allee mit ihren
Herbstblättern---.
Die hellen Birken zittern. In den Lüften schreien die Krähen
kraa --
kraa!
Die Georginen stehen da in allen Farben, die hellen glänzen wie
Butter, die dunklen sind
matt wie Samt.
Hochadel und Villenbesitzer! Ihr sitzt noch in den Gärten in der
Herbstsonne und fahrt auf
den Landstraßen in den Equipagen---! Ihr dürft noch die goldenen
Lichter der letzten Herbsttage trinken, ihr, die Georginen und die Krähen
---
krââ!
Zwölf
Zwölf
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Das Fischen muß sehr langweilig sein, sagte ein Fräulein,
welche davon
so viel verstand wie die meisten Fräulein.
Wenn es langweilig wäre, täte ich es ja nicht, sagte das Kind
mit den
braunblonden Haaren und den Gazellenbeinen.
Sie stand da, mit dem großen unerschütterlichen Ernst des
Fischers. Sie nahm das
Fischlein von der Angel und schleuderte es zu Boden.
Das Fischlein starb - - -.
Der See lag da, in Licht gebadet und flimmernd. Es roch nach Weiden und
dampfenden verwesenden
Sumpfgräsern. Vom Hotel her hörte man das Geräusch von
Messern, Gabeln und Tellern.
Das Fischlein tanzte am Boden einen kurzen originellen Tanz wie die wilden
Völker
--- und starb.
Das Kind angelte weiter, mit dem großen unerschütterlichen
Ernst des Fischers.
Je ne permettrais jamais, que ma fille s'adonnât à une occupation
si
cruelle, sagte eine Dame, welche in der Nähe saß.
Das Kind nahm das Fischlein von der Angel und schleuderte es wieder zu
Boden, in die Nähe
der Dame.
Das Fischlein starb - - -. Es schnellte empor und fiel tot nieder --
ein einfacher sanfter
Tod! Es vergaß sogar zu tanzen, es marschierte ohne weiteres ab---.
Oh - - -, sagte die Dame.
Und doch lag im Antlitz des grausamen braunblonden Kindes eine tiefe
Schönheit und eine
künftige Seele---.
Das Antlitz der edlen Dame aber war verwittert und bleich---.
Sie wird niemandem mehr Freude geben, Licht und Wärme---.
Darum fühlte sie mit dem Fischlein.
Warum soll es sterben, wenn es noch Leben in sich hat---?!
Und doch schnellt es empor und fällt tot nieder --- ein einfacher
sanfter Tod.
Das Kind angelt weiter, mit dem großen unerschütterlichen
Ernst des Fischers. Es ist
wunderschön, mit seinen großen starren Augen, seinen braunblonden
Haaren und seinen
Gazellenbeinen.
Vielleicht wird es auch einst das Fischlein bemitleiden und sagen: Je
ne permettrais
jamais, que ma fille s'adonnât à une occupation si cruelle---!
Aber diese zarten Regungen der Seele erblühen erst auf dem Grabe
aller zerstörten
Träume, aller getöteten Hoffnungen---.
Darum angle weiter, liebliches Mädchen!
Denn, nichts bedenkend, trägst du noch dein schönes Recht in
dir---!
Töte das Fischlein und angle!
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