Prosaskizzen von Peter Altenberg


alphabetisch nach Titeln


Akolés Gesang, Akolés süßes Lied
An Lande
At Home
Beja Flor
Blumen-Korso
Café de L'Opéra (im Prater)
Der Abend
Der Besuch
Der Brand
Der Landungssteg
Der Schloßherr
Der Tag des Reichtums
Der Trommler Belín
Die Hütten (abends)
Die Kinderzeit
Die Maus
Die Natur
Ein Brief aus Akkra (Westküste, Goldküste)
Erinnerung
Es geht zu Ende
Fünfundzwanzig
Fleiß
Grammophonplatte
Große Prater-Schaukel
Herbstabend
Herrensitz in U.
Ich trinke Tee
Idylle
Im Jänner, auf dem Semmering
Im Stadtpark
Im Volksgarten
La Zarina
Landpartie
Lift
Meine Ideale
Mitzi von der Lamingson-Truppe
Musik
Onkel Emmerich
Onkel Max
Paradies
Parfüm
Quartett-Soireé
Reminiszenzen
Schubert
Siebzehn bis dreißig
Sonnenuntergang im Prater
Spätherbst-Abend
Spätsommer-Nachmittag
Vöslau
Vergnügungslokal
Verkehr zwischen Menschen
Wie einst im Mai
Zwölf

Siebzehn bis dreißig


Siebzehn bis dreißig
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Ich kam einmal zu dem ersten Friseur der Residenz.
Es roch nach Eau de Cologne, nach frisch gewaschenen Leinenmänteln und zartem
Zigarettenrauch Sultan flor, Cigarettes des Princesses égyptiennes.
An der Kassa saß ein junges Mädchen, mit hellblonden seidenen Haaren.
Ah, dachte ich, ein Graf wird dich verführen, du
Wunderschöne---!
Sie sah mich an, mit einem Blick, der sagte: Wer du auch seist, einer unter Tausenden,
ich sage dir, das Leben liegt vor mir, das Leben---! Weißt du das?!
Ich wußte es.
Ah, dachte ich, es kann aber auch ein Fürst
sein---!
Sie heiratete einen Cafetier, der in einem Jahr zugrunde ging.
Sie war gebaut wie eine Gazelle. Seide und Samt erhöhten nicht ihre Schönheit --
am schönsten war sie wahrscheinlich nackt.
Der Cafetier ging zugrunde.
Ich traf sie auf der Straße mit einem Kinde.
Sie sah mich an, mit einem Blick, der sagte: Ich habe das Leben dennoch vor mir, das
Leben, weißt du das--?!
Ich wußte es.
Ein Freund von mir hatte den Typhus. Er war Junggeselle, reich und bewohnte die See-Villa.
Als ich ihn besuchte, machte eine junge Dame, mit hellblonden seidenen Haaren, die
Eisumschläge. Ihre zarten Hände waren ganz aufgerissen vom Eiswasser. Sie blickte mich
an: Das ist das Leben--! Ich habe ihn lieb--! Weil das das Leben
ist--!
Als er genesen war, überließ er die Dame einem anderen reichen jungen
Manne---.
Er trat sie einfach ab, ganz einfach - - -.
Das war im Sommer.
Später überfiel ihn die Sehnsucht - - im Herbst.
Sie hatte ihn gepflegt, sich an ihn angeschmiegt mit ihrem süßen
Gazellenleib---.
Er schrieb ihr: Komm zu mir - - -
Eines Abends im Oktober sah ich sie mit ihm in den wunderschönen Hausflur treten, in dem
acht Säulen aus rotem Marmor schimmerten.
Ich grüßte sie.
Sie blickte mich an: Das Leben liegt hinter mir, das Leben--! Weißt du
das?!
Ich wußte es.
Ich kam zu dem ersten Friseur der Residenz.
Es roch noch immer nach Eau de Cologne, nach frisch gewaschenen Leinenmänteln und zartem
Zigarettenrauch Sultan flor, Cigarettes des Princesses--.
An der Kassa saß wieder ein junges Mädchen, mit braunen welligen Haaren.
Sie blickte mich an mit dem großen Triumphblick der Jugend --- profectio Divae
Augustae Victricis---: Wer du auch seist, einer unter Tausenden, ich sage
dir, das Leben liegt vor mir, das Leben---! Weißt du das?!
Ich wußte es.
Ah, dachte ich, ein Graf wird dich verführen --- es kann
aber auch ein Fürst sein!

Fünfundzwanzig


Fünfundzwanzig
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Jeden Nachmittag um fünf Uhr erschien sie auf der Esplanade.
Die Musik spielte in einem gelben Holz-Pavillon, und die Damen trugen wunderschöne Kleider
und Hüte.
An den meisten Tischen auf dem in den See rund vorspringenden Plateau schimmerte es weiß
und lila oder weiß und grün. Das waren die Modefarben. Aber es gab auf dieser weiten
Fläche von feinen Stoffen, gelbem Stroh, französischen Blumen, Eulen- und
Straußfedern auch rostrote und stahlblaue seidene Flecken und ganz hellbraune aus Rohseide,
wie Milchkaffee, mit matten schottischen Bändern---.
Die junge Frau, die täglich um fünf Uhr auf der Esplanade erschien, war wunderbar
schön und trug wunderbare Kleider. Zum Beispiel eines aus braunrosa Seide mit weißer und
hellgrüner Stickerei.
Aber ihr schönster Schmuck war das Kind, das mit der Bonne an ihrer Seite ging.
L'enfant russe, Katja.
Das ist Schönheit, Grazie, süße Heiterkeit und weißes leuchtendes
bezauberndes Licht. Das ist der Mensch, wie ihn die ideale träumende Natur ersehnt, das ist
die Dichtung der alten Mutter Erde---.
Reiche elegante Herren saßen bei der jungen Dame---, aber nie zusammen.
Zum Beispiel der Herr GrafT. und dann später der Herr vonA. und dann der
Rittmeister Baron; -- oder auch umgekehrt. Die Reihenfolge wurde nicht eingehalten.
Manche blickten auch nur hin, ohne zu grüßen, und lächelten. Andere
grüßten, wie wenn sie sagen würden: Ich grüße dich! Ho! Warum
denn nicht?! Es ist ja ein Kurort, ein Rendez-vous der Welt!
Katja saß da, mit ihren goldenen Haaren und den wunderbaren sanften
Augen-----.
Niemand kümmerte sich um sie.
Die Frau Mama, die schöne Frau Mama, stützte die Ellbogen auf den Tisch und schaute
auf die Bäume mit den breiten Blättern, auf den schimmernden See, in die Augen des Herrn
von---.
Um sieben Uhr schickte man Katja schlafen.
Sie sagte sanft: Adieu Mami---.
Die junge Dame antwortete nicht---. Sie stützte die Ellbogen auf den
Tisch und schaute auf die Bäume mit den breiten Blättern, auf den schimmernden See, in
die Augen des Herrn von---.
Die Esplanade wurde dunkel.
Die wunderschöne junge Dame ging langsam die Allee entlang---.
Niemand kümmerte sich um sie. Bis dahin Prinzessin des Lebens und jetzt, wenn der Abend
kommt, einsam---! Und in der Nacht vielleicht wieder Prinzessin, Königin,
Göttin---.
Abenddämmerung, Frieden---.
Eltern sitzen auf den Bänken, ein wenig ermüdet von den Landpartien; Kinder denken
ernst an das Souper, und junge Menschen, die sich lieb haben, führen leise Gespräche und
fühlen sich riesig glücklich---. Sie haben die Empfindung: Es
ist eine unvergeßliche Stunde in meinem Leben---. Immer haben sie
solche unvergeßliche Stunden, diese jungen Leute, die sich lieb haben.
Die jungen Mädchen denken. Vielleicht wird es so sein---. Ich
werde einst sagen: Weißt du noch, wie wir damals abends auf
der Esplanade saßen?!
Da sagte ich: Wie der See im Dunkel verschwimmt und dennoch
leuchtet--!
Und du sagtest: Wie du - - -! Damals warst du wie ein
Dichter!«
Und dann kommt die Mutter, dieses unselige Geschöpf, das vor der Seele Schildwache steht,
und sagt: Ellie oder Marion oder Riquetta, ich
glaube, es wird kühl, oder es ist spät, ich glaube, wir gehen nach
Hause---.
Und die jungen Männer sagen: Auf Wiedersehen, Fräulein, kommen Sie morgen
früh auf die Esplanade!?
Und die Fräulein sagen vielleicht - - -.
Die Fräulein sagen immer vielleicht, aber sie meinen
bestimmt---!
Die Esplanade wurde leer.
Die junge wunderschöne Dame setzte sich auf eine Bank.
Der See sang ein sanftes Lied - - -.
Da sang ihre müde stolze Seele mit, den einzigen Laut der Liebe, den sie hatte:
Adieu Mami---.

Der Abend


Der Abend
(in "Ashantee", Berlin 1897)
Acht Uhr abends. Regen, Regen - - -.
Es hört ein bißchen auf.
Es duftet nach nassen Kieselsteinen. Oder es scheint so zu sein.
Tíoko steht da, in lila Kattun eingehüllt. Wie ein dunkler Teichvogel, der friert.
Wie auf einem Fuße steht sie, geduckt in lila Gefieder.
Da gebe ich ihr den ersten Kuß.
Ruhig steht sie - - -.
Wie glücklich bin ich - -
Der Regen hat ein bißchen aufgehört.
Es duftet nach nassen Kieselsteinen.
Goodnight, Tíoko-------.
Tíoko---!? ----- Tíoko?!
Oh Sir - -

An Lande


An Lande
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Anita und Albert sitzen Nachmittag in der Veranda in ihrer See-Villa.
Die Veranda funkelt in rubinrotem Weinlaub. Albert raucht Henry Clay, Perfectos,
liest Zola Germinal.
Die Dame blickt in den See-Garten.
An den Büschen hingen rote durchschimmernde Beeren und schwarze undurchsichtige. Kleine
Vögel, Schwarzblattln verließen lautlos einen Zweig, verschwanden lautlos. Die Wiesen
waren lila getupft mit Herbstzeitlosen. Die Buchenzweige waren wie feine braune Netze, ausgespannt
auf hellblauem Untergrunde. Braune Blätter baumelten daran wie müde eingeschrumpfte
Schmetterlinge. Von den Nußbäumen regneten Blätter langsam
herab---. Die Dame fühlte: Das Adieu-sagen der
Natur---!
Die Dame blickt auf den See hinaus.
Der See:
5 Uhr: blinkend wie scharfgeschliffene Toledaner-Klingen im Gefecht. Das Höllengebirge ist
wie leuchtende Durchsichtigkeit.
6 Uhr: hellblaue Teiche und Streifen in bronzefarbigem Wasser. Das Höllengebirge wird wie
rosa Glas.
7: zitronen-gelber See vom Sonnen-Scheiden, ein Hauch von Lila, wie Heliotrope-Dunst.
Das Höllengebirge wird wie Amethyst.
7: kupferrote und flaschengrüne Streifen und Teiche in grauem Wasser. Das
Höllengebirge erbleicht---.
Der Bankdirektor schließt sein Buch, macht ein kleines Eck als Merkzeichen. Er denkt:
Germinal-! Das ist die erste Stufe, der Keller der Menschheit, Arbeit unter der Erde
und wenig Seele---. Wir sind die zweite, Arbeit über der Erde und etwas
Seele---. Anita ist die dritte Stufe, keine Arbeit, über der Erde und
ü berschüssige Seele---.
Er berührt sanft die Hand seiner Frau, sagt lächelnd: Komm
zurück---.
Dann geht er hinein, schließt leise die Glastür der Veranda.
8: der See ist wie Blei, wie eingedickt. Das Höllengebirge ist weißgrau, wie
eine ohnmächtige Jungfrau.
8: ein kleiner runder Teich fern am See flimmert wie Silber. Bonsoir des
Mondes---.
Tragen Sie das Souper noch nicht auf, Marianne--, sagt der Gatte
drinnen zu dem Stubenmädchen, wir warten---.

At Home


At Home
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Grillparzerstraße eine breite lichte Gasse, welche Oktobersonne trank und in die gelben
Flächen der Häuser einschlürfte, daß die Sonnentropfen auf den Spiegelfenstern
spritzten. Das Holzstöckelpflaster erinnerte den Fuß an feste braune Waldwege.
In dem dumpfigen Stiegenhause stampften müde Männer in milchblauen Blusen. Oben im
zweiten Stock waren die Türen weit geöffnet. Es roch nach Türanstrich und
Dienstbotenkaffee.
In den Débâcles der Hauswirtschaft sitzen die Dienstboten ruhig auf Sesseln aus
weichem Holz und trinken Punkt fünf den Jausenkaffee aus dicken weißen Schalen.
Und wenn einst alles in Trümmer sinkt und Asche, wird sich aus dem Schutt des Hauses noch
das hellbraune Rauchwölkchen des Dienstbotenkaffees friedlich emporschlängeln!
Die Dienstboten! Haßerfüllt verlassen sie im Frühjahr die Stadt und ziehen mit
stupider Hoffnung in die Wälder, in die Berge---.
So verlassen sie haßerfüllt das elende Land und ziehen mit stupider Hoffnung in den
Stadtkerker ein-.
Die Wohnung schläft, eingehüllt in graue Tücher und moosgrünen Organtin,
ungewaschen, unfrisiert, im dumpfen Schlaf des Naphthalin-Rausches.
Plötzlich rasseln im Oktober die weißen Jalousien hinauf.
Die Hausfrau betrachtet diese Schläferin mit feindlichen Blicken: Dich zu neuem
gemütlichem Leben, erwecken, dumpfe Sybaritin---?!
Jedenfalls bindet sie sich das rotseidene Tuch um den Kopf---.
Fräulein Margarethe sitzt in ihrem Zimmerchen mit der kühlen Oktoberluft, den
dunkelbraunen Tapeten mit den tausend gepreßten goldenen Chrysanthemen und dem staubigen
hellbraunen Tonofen mit den Goldlinien.
Auf ihrem Antlitz liegen die Farben des plein-air. Sie schält mit einem
goldenen Messerchen eine Isenbartbirne und reiht die feuchten saftigen Stückchen auf ein
weißes Tellerchen. Dann steckt sie eins nach dem anderen in den Mund, läßt sie
zerschmelzen, vergehen und feiert eine edle stille Orgie der Geschmacksnerven.
Um sie herum tobt die Schlacht.
Türen donnern, krachen, graue fetzige Standarten fliegen, das Regiment
Milchblau stampft todesmutig heran---.
Stoßen Sie nicht den Türanstrich ab - -, schreit der Feldherr mit dem
rotseidenen Helme und ist, wie man sich auszudrücken pflegt, überall und
nirgends ---.
In ungeheurer Ruhe sitzt das junge holde Geschöpf in seinem Zimmerchen mit der kühlen
Oktoberluft, den dunkelbraunen Tapeten mit den tausend gepreßten goldenen Chrysanthemen und
dem staubigen hellbraunen Tonofen mit den Goldlinien.
Die Birne auf dem weißen Tellerchen ist verschwunden---. Das junge
Mädchen erhebt sich langsam, geht zum Fenster, stützt die Ellbogen auf und den Kopf in
die Hände---.
Dämmerung.
Drüben, an der riesigen braunen Wand des Hauses schimmern hellerleuchtete Fenster.
Weißgrünes Leuchten vom Auerlicht, goldgelbes von den kleinen elektrischen
Glasbirnen, mattes flackerndes vom traurigen Gas, rosenrotes und flaschengrünes von den
riesigen seidenen Schirmen der englischen Stehlampen---.
Von den Stadtgärten und Wiesen zieht ein matter Duft in die Straße
herein--.
Wie Land-Melancholie, wie ein letzter Gruß vom Sommerfrieden---!
Wo ist mein Bett, meine Decke, mein Polster, mein
Plümeau---?! sagt das Fräulein und wendet sich nach dem
Stubenmädchen um.
Ich werde heute zeitig schlafen gehen, ich bin müde---.
Sie hat feucht schimmernde Augen - - -.
Allmählich verstummt der Donner der Geschütze, und das Regiment
Milchblau zieht ab.
Der Abend senkt den Frieden über das Schlachtfeld. Der siegreiche Feldherr nimmt das
rotseidene Kopftuch ab, und die Lagerfeuer der Lampen und Kerzen erglänzen durch die stille
Nacht---.
Das Fräulein träumte: Adieu Sommer---!

Beja Flor


Beja Flor
(Einer edlen Verstorbenen, Madame J. Brandeis, gewidmet)
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Sie war eine bleiche Dame von vierzig Jahren. Sie hatte eine Welt verloren. Sie besaß noch
eine Welt, Monsieur Fripp und Monsieur Frapp, ein Aquarium und zwei goldgrüne
Inséparables, mit einem Worte, die Menagerie. Fripp sagte immer. Gute
Frau--, aber nur mit den Augen. Dann lächelte sie so, gleich war es wieder
weg, husch---. Frapp, der Star, sagte: Arme Stefanie, Steff, Steff,
Steff---.
Das Aquarium enthielt Goldfische, einen kleinen Springbrunnen, schöne grüne
Wasserpflanzen und glänzende weiße Kieselsteine. Das hatte ihr der Herr Schwiegersohn
geschenkt.
Der Schwiegersohn kam jeden Abend, küßte die bleiche Dame. Das hieß:
Du weißt schon, wen ich da mitküsse--!?
So küßte er sie.
Sie sagte oft zu dem Neffen, der bei ihr wohnte und wie ein Sohn aufgehoben war und kein sehr
glücklicher Mensch war: Du, mit deinen Ideen, du bist ja wie Jesus
Christus---.
Aber die reine, die wahre Christin war sie, denn sie hatte die Leidensstationen durchgemacht und
hatte ihr Ich verloren und lebte in denen, die nicht mehr waren, und lebte für die, die waren,
und für die unschuldigen, intelligenten Tiere---.
Was kann ich Georg bieten?! dachte sie, ein bißchen Frieden und
Tafelspitz mit Paradeis-Sauce------
Der Hund sprang meterhoch an ihr empor, der Star sagte: arme Steff--,
und die Goldfische waren riesig dankbar, indem sie herumschwammen und glitzerten und schwiegen.
Einmal lag einer im Lavoir.
Was ist das - - - ?! sagte der Neffe, warum liegt er im
Lavoir--?!
Der arme Kerl ist krank - -, sagte die Dame, er muß im Salzwasser
liegen.
Woran erkennst du das, daß er krank ist-?! sagte der Neffe.
No weißt du - - - ! Er wird doch ganz traurig!?
Das war wirklich rührend. Der Neffe stand daher fünf Minuten über das Lavoir
gebeugt, wo das Goldfischlein die Kur gebrauchte und Solenbäder nahm.
Er wird schon kräftiger - -, sagte er.
Die Dame saß, ein bißchen fröstelnd, beim Ofen und sagte: Nein, er wird
sterben---. Georg, heute bekommst du wieder deine geliebten
gâteaux fourrés mit
Marillensaft.
Einmal sagte der Neffe: Da habe ich einen Freund, der Schiffbruch gelitten hat. Er war in
Brasilien, und nach einem Jahre ist er zurückgekehrt. Darf ich ihn heraufbringen?!
Nein - -, sagte die Dame.
Am nächsten Tage sagte sie: Bringe deinen Freund, welcher Schiffbruch gelitten
hat--.
Um acht Uhr abends erschien ein junger Mann, mit einem Antlitz wie Hölderlin.
Nach dem Souper sagte der Neffe: Was ißt man in Rio---?!
Er meinte: Erzähle überhaupt - - -.
Der Schiffbrüchige erzählte von Bananen und Ananas, von den schwer schälbaren,
honigsüßen Orangen, von den giftigen Schararakas, von den Onzas, die in der
Dämmerung brüllen, von den Königspalmen, palmeira reale, von den
breitblättrigen Musacéen, von den weißschimmernden Sternbildern, den feinen
Nationalgerichten, der Tramway, die in den Urwald führt und von den bleichen Frauen mit den
Mandolinen-Augen und der samtenen Haut und den Diamanten und Smaragden im braunen
Haar---.
Die Dame lag in einer Chaiselongue.
Haben Sie Kolibris gesehen - -?! sagte sie mechanisch. Sie dachte an ihre
Kindheit, wo man gelernt hatte: Die Honigvögelchen, auch Blumenvögelchen genannt,
sind die kleinsten Vögel von der Welt-.
Ich habe einen mit dem Schmetterlingsnetz gefangen. Er flimmerte und flirrte über
einer Blüte, wie ein Nachtschmetterling es tut, und senkte seinen langen Schnabel in den Kelch
der Blüte. Der Brasilianer sagt daher: Beja flor - der die
Blume küßt!«
Haben Sie ihn getötet - -?! fragte die Dame.
Nein, ich habe ihn wieder freigelassen - -, sagte Hölderlin.
Die Dame lächelte fast selig; sie dachte: Er ist gut--. Er muß
auch etwas verloren haben-.
Ah, Rio - -, sagte er, wie sehne ich mich nach dir!
Warum sind Sie zurückgekehrt sagte die Dame sanft.
Ich schrieb in einem Comptoir, und draußen küßten Vögelchen die
Blumen! Beja flor---!
Der Neffe sagte: Hier kann man arbeiten -- wer stört uns?!
Die Dame dachte an den Kolibri, der flimmerte und flirrte wie ein Nachtschmetterling und dem man
das Leben geschenkt hatte, obzwar er schon im Netze war. Die Uhr sang Elf, Frapp murmelte
träumend arme StStSt---, die goldgrünen
Inséparables schliefen eng aneinandergedrückt, Fripp sah die Dame an mit seinen Augen
voll Liebe, und die Goldfische standen unbeweglich unter einem Felsen von Tuff. Nur der, der
Solenbäder gebraucht hatte, schlief extra, unter einem grünen Blatt, gleichsam in freier
Mutter Natur, denn er war ein Abgehärteter---.
Kommen Sie bald wieder - - -! sagte die Dame beim Abschied zu dem Brasilianer.
Am nächsten Tage lehrte sie den Star: Beja flor -- der die Blume
küßt.
Besssa florrr - -, sagte der Star, arme Stefanie, arme Steff, Steff, Steff
-- florrr!
Die Dame saß beim Ofen und fröstelte---.
Dann kam der Schwiegersohn und küßte sie.
Das hieß: Du weißt schon, wen ich da
mitküsse---!?
So küßte er sie - - -.
Beja flor!

Der Besuch


Der Besuch
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Im Vorzimmer brannte die weiße Ampel, hoch aufgedreht. An den Messinghaken hingen einige
Kleidungsstücke.
Der junge Mann berührte sanft einen langen grauen Damenmantel.
Dann trat er ein.
Auf dem rostfarbigen seidenen Sofa saß die junge Frau des Hauses.
Sie hatte eine japanische Frisur mit drei goldenen Kugeln, schöne schmale Augenbrauen und
feine weiße Hände. Sie trug ein ganz weites schwarzes Seidenkleid mit einer breiten
offenen Halskrause aus weitem schimmerndem Tüll.
Hinter ihr, an der Wand, standen auf einem breiten hellbraunen matten Brett aus edlem Holz sechs
dicke bauchige Glaskrüge mit eingeschmolzenen dunkelroten und hellgrauen Flecken und
inkrustierten goldenen Blättern und Blüten.
Die junge Frau saß wie unter einem Dache, wie in einer Veranda.
Auf einem niedrigen Fauteuil aus grasgrünem Plüsche saß eine junge Dame in einem
gestreiften Samtkleid in der Farbe von Kastanienpüree.
Sie hatte braune wellige Haare und einen Teint wie einmal angerauchter Meerschaum.
Ich habe gewußt, daß Sie es sind! sagte die Hausfrau.
Oh, ich auch - -! sagte das junge Mädchen.
Er ging ruhig zum Samowar und betrachtete die Gingerbreads, welche auf der
silbernen Tasse aneinandergereiht waren wie die Schmetterlingsschuppen unter dem Mikroskope
-- dachziegelartig.
In einem weiten japanischen Strohkorbe lagen Marons glacés, feucht glänzend, in
kleinen Badewannen aus weißem genipptem Papier.
Die junge Hausfrau erhob sich und bereitete eine Tasse hellgoldenen Tee.
Der junge Mann betrachtete ihre wunderschönen Hände, welche die zartesten Bewegungen
ausführten.
Sie gab Zucker und Rum in den Tee. Sie kannte wahrscheinlich seinen Geschmack.
Dann setzte sie sich wieder in die Veranda mit den graurotgoldenen Glaskrügen.
Das junge Mädchen stand auf und brachte die silberne flache Tasse und den geflochtenen
Bambuskorb.
Der junge Mann trank langsam den Tee, aß Gingerbreads und fünfzehn Marons
glacés.
Die Damen lächelten.
Er sagte: Ein heller goldgelber Tee, meine Damen, mit feinem Rum, ist das anregendste
Getränk von der Welt. Er führt uns Wärme in seiner goldenen Flüssigkeit zu und
ü bt einen sanften Reiz auf unsere Geschmacksnerven aus, der sich über den
Gesamtorganismus verbreitet wie ein süßer Dunst. Es ist wie ein inneres, warmes,
parfümiertes Bad. Es erhöht die Energie des Lebens ganz einfach.
Gingerbreads sind die Fürsten der englischen Cakes. Spröde wie Glas, enthalten sie die
Seele der Staude Zingiber, eines
ziemlich anregenden Gewächses.
Dann sagte er. Marons glacés sind eine leicht verdauliche und
außerordentlich nahrhafte Speise--. Im Verlaufe ihrer weiteren Umwandlung erzeugt
sie direkt Geist!
Die Damen lächelten.
Ja, wir müssen immer trachten, meine Gnädige, die im Leben verlorengehenden
Kräfte auf geschickte, ja raffinierte Weise rasch und leicht wieder zu ersetzen, den Haushalt
im Gleichgewichte zu erhalten, zu vergrößern! So wachsen wir ins Unendliche und werden
unsterblich---!
Wie macht man Marons glacés? fragte das schöne Mädchen.
Ich weiß nicht, sagte die Hausfrau, man kauft sie bei Demel.
Der Herr sagte: Sie scheinen in Wasserdunst gekocht zu sein---. Zu
allen diesen schönen, guten und gesunden Dingen kommen noch zwei ideale Hände und ein
gestreiftes Samtkleid mit seinen Lichtern und seinen matten Ruheflächen. Tausend starke
Kräfte strömen uns da ins Auge und baden das Gehirn rein von allem Schweren,
Störenden.
Die junge Hausfrau errötete.
Das junge Mädchen blieb matt wie angerauchter Meerschaum.
Der junge Mann betrachtete diesen Jour als eine Anstalt für Diätetik und
Hygiene. Das heißt, alles überhaupt verwandelte sich bei ihm in Dinge, welche in der
Lage wären, die Spannkräfte des edlen Organismus Mann zu erhöhen.
Tee, Ginger, Kastanien, Frauenhände---!
Wir müssen wachsen - - -, dachte er, sogar bei der
Jause---.
Die Damen bekamen dafür ihrerseits das wohltuende Bild einer schönen, komplizierten,
feinen, gut geheizten und geölten Maschine, die man dann nur mit irgendeinem Treibriemen in
Verbindung zu bringen brauchte, um eine hohe, intensive und außerordentliche Tätigkeit
und Leistung auf irgendeinem Gebiete menschlicher Bewegung zu erzeugen.
Die feine geheizte und geölte Maschine begann zu rauchen.
Es war der Dampf von ägyptischen Zigaretten.
Auch das Fräulein rauchte. Es sah aus, wie wenn ein großer feingeschnittener
Meerschaumkopf sich selbst braun anrauchen würde---.
In dem warmen Zimmer lag der Duft von Tee, Rum und Zigarettendampf.
Der junge Mann setzte sich auf das kleine Sofa neben die junge Hausfrau und sah auf ihre feinen
weißen Hände.
Die junge Frau verbarg sie in den seidenen Falten ihres Kleides und beugte sich schüchtern
ein wenig vor.
Kennen Sie A. Tschechow? sagte er. Der ist außerordentlich, ein
Genie! Ich habe ein Bändchen für Sie mitgebracht,
Fräulein---.
Lesen Sie uns vor! sagte die angebräunte Meeresschaumprinzessin.
Er las la mort du matelot und les ennemis Was ging es ihn an,
daß es sehr traurig war und vielleicht nicht herpaßte?!
Aber alle waren begeistert.
Sie leben wie Coquelin, sagte das junge Mädchen.
Der junge Mann sagte: Begeisterung und Deklamation sind Mittel, unseren Stoffwechsel zu
beschleunigen, also unser Menschentum zu steigern. Man verjüngt sich dabei. Es ist wie ein
Turnen von innen.
Die weißen Hände der jungen Frau lagen auf dem Schoß von schwarzer Seide
ausgebreitet. Sie vergaß, sie zu verbergen---.
Der junge Mann sagte: Mein A. Tschechow! Mit wenigem viel sagen, das ist es! Die weiseste
Ö konomie bei tiefster Fülle, das ist auch beim Künstler alles -- wie beim
Menschen. Auch der Mensch ist ein Künstler, sollte es sein -- ein
Lebens-Künstler! Die Japaner
malen einen Blütenzweig, und es ist der ganze Frühling. Bei uns malen sie den ganzen
Frühling, und es ist kaum ein Blütenzweig. Weise Ökonomie ist alles! Und dann, sehen
Sie --- die feinste Empfänglichkeit haben für Formen, Farben, Düfte ist
schön. Dieses dem anderen so beibringen, daß er es ebenso spürt, ist eine Kunst.
Aber dieselbe Empfänglichkeit haben, denselben zarten Sinn für die Formen und Farben
der Seele, des Geistes -- ist mehr! Die wahre Kunst beginnt erst mit der Darstellung
geistiger, seelischer Ereignisse. Das Leben muß durch einen Geist, durch eine Seele
hindurchgehen und da sich mit Geist und Seele durchtränken wie ein Badeschwamm. Dann kommt es
heraus, größer, voller, lebendiger! Das ist Kunst!
Die feine Maschine hatte einen Treibriemen bekommen. Sie arbeitete präzise und mit Schwung.
Die junge Frau war blaß geworden. Sie verstand nicht alles, sie wußte nur, daß
es etwas sei, was ihren Horizont überflog und sich nach vorwärts und oben weit ausdehnte,
wie das Licht, die Luft---.
Wie sollte sie sich dazu stellen?! Das machte sie nervös. Sie blickte ernst auf ihre
weißen Hände herab---.
Aber die Meeresschaumprinzessin war rosig geworden. Sie flog mit. Sie empfand die Wahrheit. Sie
dachte: Das ist es! Kunst ist etwas, was das Leben lebendiger macht. Denn was wäre es
sonst, wenn es, aus Lebendigem entsprungen, nicht lebendiger wäre als dieses?!
Sie ahnte einen Zusammenhang zwischen Kunst und Liebe---. Man wird
lebendiger--, fühlte sie.
Es war acht Uhr geworden.
Der junge Mann empfahl sich. Er küßte die weißen Hände und die in teint
ambré.
Draußen im Vorzimmer berührte er wieder sanft den grauen Damenmantel, der an dem
Messinghaken hing.
Die Türe ins Stiegenhaus schnappte ins Schloß zurück.
Die Damen drin aber lächelten - -.
Sie fühlten vielleicht, daß ihre latenten Spannkräfte erhöht waren, ihr
Stoffwechsel beschleunigt war--.
Ja, sie waren ganz rosig und guter Dinge - -!

Blumen-Korso


Blumen-Korso
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Sechs Uhr früh. Es ist trocken, kühl, der Himmel weißlichblau,
bleu-lacté würden die französischen Schriftsteller
sagen---.
Eine Blumenhandlung von falschen Blumen schlägt ihre Lider auf, graue Holzläden.
In der staubigen Auslage blüht der Frühling, Schleedornröschen; der Sommer,
Kornblumen; der Herbst, rosa und lila Astern und die Federkugeln von Leontodon.
Ein blasses Ladenmädchen trägt weiße Rosen heraus, bekränzt einen Wagen,
der vor der Türe steht. Die Blumen riechen wie alte Mousseline-Kleider.
Blumenkorso - - - für Nachmittag vier Uhr! Logen-Sitze fünf Kronen! Es soll Geld unter
die Leute kommen, Tausende verdienen indirekt, hat man eine Idee?! Es geht herunter bis
zum---. Niemand kann es ausdenken.
Auf der Gasse steht ein junges Weib mit einem schlafenden Kinde, starrt das fliegende
Rosenbeet an, ein Stückchen einer feenhaften Welt, Rosen und Fiaker, das
Mysterium des schönen Überflüssigen!
Das Kind schläft tief in der reinen Morgenluft-.
Vom ersten Stocke herab blickt eine junge Dirne im Hemde zwischen weißen Stores hervor:
Soll ich den Wagen mieten, soll ich nicht, soll ich, soll ich nicht, soll
ich---?!
Das Ladenmädchen blickt hinauf: Du Mistvieh -!
Das Ladenmädchen gähnt, steckt dem Kutscher eine Rose ins Knopfloch.
Die junge Mutter mit dem Kinde geht weg. Das Kind schläft tief in der reinen Morgenluft.
Die Dirne läßt die Stores herab.
Der Rosen-Wagen fährt weg, die Rosen wiegen sich, verneigen sich, rauschen, schütteln
sieh, eine stürzt herab auf den Asphalt---.
Nachmittags mietet eine Dame und ein junges Mädchen den Wagen.
Les fleurs sont fausses - - -, sagt das junge Mädchen.
So---, sagt die Dame, merkt man es?!
Blumenkorso. Zufahrt durch die Praterstraße. Fliegende Blumenbeete. Tausende verdienen
indirekt!
Die junge Dirne liegt auf ihrem Bette, schläft. Die Nachmittagssonne wärmt die
weißen Stores. Sie träumt:
Rosen-Wagen------.
Das Ladenmädchen sitzt in dem dunklen, dunstigen Blumenzimmer auf einem Strohsesselchen,
schläft--. Sie träumt: Rosen-Wagen---.
Das junge Weib trägt das Kind durch die Straßen. Das Kind schläft tief in der
dunstigen Nachmittagsluft-.
Die Rose, die am Morgen aus dem Wagen gestürzt ist, steht in einem Glase in dem Zimmer
eines Gassenkehrers. Sein Töchterchen sagt: Pfui, sie stinkt--.
Der Gassenkehrer hätte antworten können: Das sind die Blumen, die auf dem
Asphalt einer Großstadt blühen---! Aber er sagte das nicht.
Dazu war er zu bescheiden---.
Er dachte: Es ist vom Blumenkorso - - -!

Der Brand


Der Brand
(in "Neues Altes", Berlin 1911)
Um zwei Uhr morgens kam die Nachricht in die American Bar, daß ein Palais nächst dem
Stadtpark in Flammen stehe. Wir ließen unsre wunderbaren Mischungen sofort stehen, fuhren im
Fiaker rasend hin.
Auf dem Dache des fünfstöckigen Palastes leuchteten die weißen Magnesiumfackeln
der Feuerwehr, und goldgelbe und rote Funken fielen zur Erde. Unten im Finstern der Straßen
leuchteten die Lampen der Feuerwehrautomobile wie getreue Wächterhundeaugen! So
besorgt-gutmütig!
Der Stadtpark war schwarz und einsam. Auf einer Bank saßen zwei, Hand in Hand. Sie
betrachteten den Brand des Palais, hörten die Feuerwehrsignale: Wasser! Wasser!
Wasser!, und sie waren und sie blieben versunken in ihrem eigenen unentrinnbaren Schicksal,
Hand in Hand.
Das Palais brannte, und man erließ für die obern Parteien bereits die Nachricht, sie
möchten delegieren und herabkommen---.
Der Stadtpark war einsam und im Dunkeln - -.

Ein Brief aus Akkra (Westküste, Goldküste)


Ein Brief aus Akkra (Westküste, Goldküste)
(in "Ashantee", Berlin 1897)
Ein Brief aus Afrika. Wann ist er aufgegeben?! Am 20.Juli. Wann ist er angekommen?! Am
26.August. Die Tränen der Absender sind bereits versiegt, während die der
Empfänger fließen. Monambôs Bruder ist gestorben, 14Jahre alt. Er war
so groß wie Tíoko---, sagt Monambô, und ebenso
schön.
The big Akolé sitzt bei ihrem Verkaufstische, zählt Geld. Die Tränen rinnen
ü ber ihr edles Gesicht.
Il me semble, qu'elle est encore plus noire aujourd'hui, sagt die
französische Sekretärstochter und küßt sie.
War er verwandt mit ihr?! frage ich den Häuptling auf englisch.
Wir weinen um alle, sagte der Häuptling, so sind die
Black-men. Wenn ich in Afrika sein
werde, werde ich um dich weinen, Sir.
Akóshia sitzt auf dem Tanzplatze, macht Musik mit eisernen Kastagnetten; die Tränen
rinnen über ihr edles Antlitz.
Tíoko sitzt vor ihrer Hütte, singt leise vor sich hin und weint. Wie
Harfenbegleitung zu Tränen. Wie Psalmen.
Monambô weint nicht.
Du bist nicht traurig, Monambô?!
Sir, ich bin in der Fremde. Ich werde weinen, bis ich in Afrika
bin---.
Diese allgemeine Trauer ist doch ein bißchen unverständlich, sagt die
junge Sekretärstochter zaghaft zu mir.
Glauben Sie es doch nicht, daß es dieser junge Mensch ist, um welchen sich diese
edlen sanften Geschöpfe grämen. Sie weinen um Afrika, c'est le mal du pays, diese
zarteste Krankheit unserer Seele, welche zum Vorschein kommt. Wie wenn ein kleines Mädchen
eine neue Bonne bekäme.
Merkwürdig, sagen die besorgten
Eltern, wirklich, niemand hätte es gedacht, unser Schatz ist
ganz freundlich mit ihr; wie alte Bekannte. Alles geht gut, sie vertragen sich, das Fräulein
ist aber auch so lieb mit ihr, sie hat keine leichte Position.
Plötzlich aber ein unscheinbares Wort der Bonne, eine Gebärde. Das Kind bricht in
heiße Tränen aus. Ist es das Wort, diese Gebärde?! Keineswegs. Sie schluchzt um
ihre alte Kinderfrau---.
Neun Uhr abends. Die Tränen sind versiegt. Der Mond macht die Birken im Garten glitzern.
Still sind die afrikanischen Hütten. Tíokos Hütte ist finster. Monambô ruft
mich. Ich trete in die Hütte. Auf dem Boden liegen Monambô, Akolé, die
Wunderbare, und Akóshia. Kein Polster, keine Decke. Die idealen Oberkörper sind nackt.
Es duftet nach edlen reinen jungen Leibern. Ich berühre leise die wunderbare Akolé.
Go to Tíoko, sagt sie sanft, du liebst sie.
Monambô, welche die Traurigkeit für Afrika aufspart, sagt: Sir, morgen bringst
du uns einen piss-pot; es ist zu kalt, um in der Nacht aus der Hütte zu treten. Er muß
außen blau und innen weiß sein. Was er kostet, werden wir drei zusammen bezahlen.
Freilich, Tíoko würdest du einen schenken! Was wird er kosten?!
Monambô, niemals habe ich noch einen piss-pot besorgt. Ich kenne die Preise nicht.
Zwischen 50Kreuzer und 500Gulden. Königinnen benützen goldene.
Sir, es war heute ein trauriger Tag. Gute Nacht. Du liebst Tíoko. Der piss-pot
muß außen blau und innen weiß sein. Bringe ihn bestimmt, to-morrow. Man kann in
diesen Nächten nicht aus der Hütte treten, verstehst du?!
Ich küßte den drei Mädchen auf ihren harten Lagern die Hände. Akolé
war zu schön! Ich kniete mich nieder, küßte sie auf die Stirn, die Augen, den
Mund--.
Go to Tíoko - - -, sagte sie sanft.
Monambô, Akóshia verkrochen sich in ihren Kattunen.
Als ich aus der Hütte trat, waren die Birken grau im Frühlichte und wie eins mit der
nebeligen Luft, welche nach feuchter Frische duftete---.

Café de L'Opéra (im Prater)


Café de L'Opéra (im Prater)
(in "Was der Tag mir zuträgt", Berlin 1901)
Jawohl, eine eigentümliche Beziehung ist zwischen diesen Dingen: Herr; Dame;
Mandolinengezirpe; Birke, Platane, Esche; weiße Bogenlampe; und kühler Auen Nachtduft.
Etwas abseits vom schweren Leben ist es. Es schleicht nicht dahin wie Brackwasser. Eine
wundervolle Mischung ist es, welche uns heiter macht und leicht. Man fühlt: Wie schön
wäre es, wenn ich immerwährend so sorgenlos, so leichten Sinnes wäre. So
unbedenklich sitze ich und lausche. Niemanden beneide ich. Eine Rose kaufe ich und schenke sie
Signorina Maria. Eine wundervolle Zigarette zünde ich mir an. Wie lieblich die Mandolinen
gebaut sind - wie hohle tönende Birnen! Wie die Birkenblätter glitzern!
Lorbeerbäume, Aristokraten und Café-Likör passen zusammen. Etwas Exzeptionelles
ist es. Wie herrlich sind die Antlitze Italiens! Zum Weinen geradezu. Wie frei, wie würdevoll
sitzen diese Menschen. Und wenn sie sich vornüber neigen, ist es, wie wenn sie lauschten,
irgendwohin. Immer sind sie anderswo, von sich weg. Wenn sie singen, bei ihren Liedern. Wenn sie
schweigen, bei ihrem Meere. O wie wundervoll ist das. Es zieht uns mit. Wir haben uns gleichsam von
uns empfohlen und sind fortgeschwommen. Addio---.
Im leichten Leben stehen wir, wie Aristokraten, welche von ihren Gütern leben, wie
Liebende, die sich verloren haben, wie Weise, welchen nichts mehr geschehen könnte, was sie
ü berraschte, überrumpelte.
So unbedenklich sitzen wir und lauschen. Niemanden beneiden wir. Eine wundervolle Zigarette
zünden wir uns an. Eine Rose kaufen wir und schenken sie Signorina Maria.
Wie die Birkenblätter glitzern. Wie ruhig die Platane steht. Und wie die Esche mit ihren
zarten Blätterfingern bebt! Ganz unbedenklich sitzen wir und schaun und lauschen.
Noch eine Rose kaufen wir und schenken sie Maria. Und noch eine Rose kaufen wir. Und einen
Strauß von Rosen.
Geld spielt keine Rolle.
Wie Aristokraten sind wir, die von ihren Gütern leben. Etwas abseits vom schweren Leben
sind wir. Wir schleichen nicht dahin wie Brackwasser. Über uns selbst erstaunen wir.
Signorina Maria - - -!

Onkel Emmerich


Onkel Emmerich
(aus "Fechsung", Berlin 1915)
Mein Onkel Emmerich hatte kein Herz. Er spekulierte und kaufte Kopien alter Bilder als echte,
die sich dann später teilweise sogar als echte herausstellten. Endlich hatte er
abgewirtschaftet. Wir Knaben saßen beim Nachtmahl am Abend des ökonomischen Sedan
im Hause Emmerich, und mein Onkel bewies uns an der Hand von Silberers Sportzeitung, seiner
Bibel, daß Quick Vier am Sonntag das Rennen gewinnen müsse. Außerdem
habe er private Tips erhalten aus dem Stall. Plötzlich sah er auf und bemerkte, daß Frau
und Tochter leise weinten. Wenn ich nur wüßte, weshalb jetzt diese Weiber
platzen?!? sagte er. Natürlich platzten sie wegen des verlorenen Geldes. Wegen was
platzen Weiber ernstlich?! Quick Vier gewann auch nicht, weder Quick noch Vier, sondern
ü berhaupt nicht, und mein Onkel fuhr auf dem hohen Dache des englischen eleganten Sportomnibus
(zehn Kronen der Sitz!) und mit demselben Rennglas bewaffnet, das auch Graf Niki Esterhazy hatte,
ganz nachdenklich nach Hause. Die Mitgift unserer armen Tochter! weinte
unaufhörlich meine Tante. Erziehe dein Kind so, daß sie keine Mitgift
braucht! sagte mein Onkel. Als er seine Gemäldesammlung, wegen der er sein Leben lang
von der Familie verhöhnt worden war, versteigert hatte, erwies es sich, daß sie
wertvoller gewesen war als das ganze Geld, das er sonst verspekuliert hatte. Einen
merkwürdigen Menschen nannte ihn von nun an die Familie, die ihn bisher einen Leichtsinnigen
genannt hatte. Meine Tante aber sagte: Emmerich, innerlich bist du ja doch ein guter
Mensch!

Erinnerung


Erinnerung
(in "Neues Altes", Berlin 1911)
Der Rathauspark duftet nun von edlen Bäumen und edlen Sträuchern. Es ist kühl und
schattig. Aber damals war es eine endlose graue Wiese mit eingetretenen staubigen oder kotigen
schmalen Fußwegen. Eines Tages stand eine grüne Bretterbude da, das erste Wandelpanorama
in Wien, genannt Der Rigi. Es roch nach Öllämpchen, und mein Hofmeister und
ich saßen in der ersten Reihe auf Strohsesselchen. Der Rigi und alle Seen und Bergesketten
zogen an uns vorüber, zu den Klängen eines italienischen Werkels. Dann wurde es
allmählich finster, und die Berghotelfenster beleuchteten sich, denn sie waren ausgeschnitten
und dahinter Licht. Das gefiel mir. Später machten wir eines Tages die erste
Pferdetramwayversuchsfahrt mit, vom Schottenring bis Dornbach. Es fiel mir auf, daß es
fortwährend klingelte, was bisher bei den Fuhrwerken nicht zu beobachten war. Man hielt das
Ganze für gefährlich und unsicher und glaubte nicht recht daran, daß es sich
einbürgern werde.
Die Sonntage wurden in Hietzing bei Domayer verbracht. Es fiel uns angenehm auf,
daß unser Vater dem Fiaker, der uns führte, du sagte und sich in leutselige
Gespräche mit ihm einließ. Er kam uns vor wie ein milder Potentat. Die Trinkgelder waren
enorm, gleichsam die Entschädigung für das vertrauliche Du. Die Rückfahrten vom
Lande abends sind das Schönste; da schläft man wie ein Toter. Man verflucht den Moment
der Ankunft, der Wagen ist das wunderbarste Bett gewesen. Aber jetzt kommt Stiegensteigen,
Ausziehen, eine unsäglich beschwerliche Arbeit.
Gebratene Äpfel spielten bei uns eine große Rolle. Alles duftete in den Zimmern
danach. Das ist ganz abgekommen. Auch gedünstete Kastanien, goldigglänzend, auf
schwarzgrünem Kohlpüree, waren eine Festspeise, die jetzt im Absterben begriffen ist. Die
neue Generation macht sich nichts daraus.
Wir vergötterten unsere Hofmeister und Gouvernanten, und sie uns. Die Eltern spielten nur
eine zweite diskretere Rolle, traten erst in Aktion bei außergewöhnlichen Ereignissen.
Sie waren einfach der Oberste Gerichtshof. Wir lebten romantische
Idyllen, deshalb fiel es uns später so schwer, dem realen Leben Genüge zu
leisten---.

Fleiß


Fleiß
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Sie saß auf der Esplanade, stickte an einer gelben Arbeit in haariger Perser-Wolle.
Der Himmel war blau, der Schönberg war wie leuchtende Durchsichtigkeit.
Sie stickte.
Kleine rundliche weiße Wolken schwammen daher, der Schönberg wurde wie weiße
Kreide.
Sie stickte.
Ein junger Dichter ging vorüber, grüßte - -
Alles war grau wie Blei, der Schönberg war verschwunden.
Sie nahm ihre gelbe Arbeit zusammen und ging.
Der Himmel war wieder blau, der Schönberg war wie leuchtende Durchsichtigkeit.
Sie saß auf der Esplanade und stickte an einer gelben Arbeit in haariger Perser-Wolle.
Ein junger Dichter ging vorüber, grüßte - - -.
Der Himmel war schwarz, mit einer Million weißer Sterne.
Sie saß in ihrem Zimmer und stickte an ihrer gelben Arbeit in haariger Perser-Wolle.
Der junge Dichter blickte in den schwarzen Himmel und in die Million weißer Sterne.

Akolés Gesang, Akolés süßes Lied


Akolés Gesang, Akolés süßes Lied
(aus "Ashantee", Berlin 1897)
Ein schrecklicher Sturm im Garten. Auf dem braunen Teiche liegen tausend grüne Blätter
und kleine schwarze Äste. Die hellbraunen Wildgänse bekommen schleißige Federn,
ö ffnen ihre roten Schnäbel.
Akolé hockt an dem Teiche, singt ihr süßes Lied:

andelaína andelaína andelaína
gbomolééééé--
andelaína gbomolé.
andelaína Akkrauma, andelaína gbomolé
andelaína andelaína - - -.
andelaína hé oblaino, andelaína gbomolé - - -
andelaína andelaína andelaína gbomolé.
andelaína Akkra-lédé andelaína hé oblaino,
andelaína andelaína - - -
andelaína Vienna-lédé andelaína bobandôôô - -
andelaína andelaína andelaína bobandôôô

Ein schrecklicher Sturm im Garten. Auf dem braunen Teiche liegen tausend grüne Blätter
und kleine schwarze Äste.
andelaína andelaína - - - - - -.

Grammophonplatte


Grammophonplatte
(Deutsche Grammophonaktiengesellschaft.)
C 2-42 531. Die Forelle von Schubert.
(in "Märchen des Lebens", Berlin 1908)
In Musik umgesetztes Gebirgswässerlein, kristallklar zwischen Felsen und Fichten murmelnd.
Die Forelle, ein entzückendes Raubtier, hellgrau, rot punktiert, auf Beute lauernd, stehend,
fließend, vorschießend, hinab, hinauf, verschwindend. Anmutige Mordgier!
Die Begleitung auf dem Klavier ist süßes sanftes eintöniges Wassergurgeln von
Berggewässer, tief und dunkelgrün. Das reale Leben ist nicht mehr vorhanden. Man
spürt das Märchen der Natur!
In Gmunden wußte ich es, daß täglich in den Nachmittagsstunden eine Dame in dem
Laden des Uhrmachers die Grammophonplatte C2-42531 zwei- bis dreimal spielen
ließ. Sie saß auf einem Taburett, ich stand ganz nahe beim Apparate.
Wir sprachen niemals miteinander.
Sie wartete dann später immer mit dem Konzerte, bis ich erschien.
Eines Tages bezahlte sie das Stück dreimal, wollte sich dann entfernen. Da bezahlte ich es
ein viertes Mal. Sie blieb an der Türe stehen, hörte es mit an bis zu Ende.
Grammophonplatte C 2-42 531, Schubert, Die Forelle.
Eines Tages kam sie nicht mehr.
Wie ein Geschenk von ihr blieb mir nun das Lied zurück.
Der Herbst kam, und die Esplanade wurde licht von gelben spärlichen Blättern.
Da wurde denn auch das Grammophon im Uhrmacherladen eingestellt, weil es sich nicht mehr
rentierte.

Herbstabend


Herbstabend
(in "Wie ich es sehe", 2. Aufl., Berlin 1898)
Die Wellen des Sees pritscheln leise an den Ufersteinen---.
Das wunderschöne Hotel am See-Ufer schläft den langen Herbstschlaf, den Winterschlaf.
Die weißen Fensterläden sind geschlossen. Der grüne Laubengang ist ein
bißchen gelb geworden und durchsichtig---.
Wo ist das Fräulein?! Wo der liebende Jüngling?! Wo ist der Grieche?! Wo
sind Margueritta und Rositta und der Herr von Bergmann mit den krummen Beinchen?!
Wo ist die braunblonde Fischerin?! Wo der Amerikaner und die Russin?! Wo ist die Dame und ihr
Familienglück?!
Der Herbst hat sie verweht wie die gelben Blätter im Parke der
Königin---!
Die Wellen des Sees pritscheln leise an den Ufersteinen--. Und die
achtunddreißig Schwäne ruhen im Kreise nebeneinander auf der glattgeschliffenen
schwarzen Onyxfläche
Sie schreien hie und da in die Nacht hinaus: irrrà
irrrà----.
Aber in den Sommernächten haben sie es sanft gesungen: irrrâ
irrrâ---.
Sie wissen eben auch, daß die Saison zu Ende ist --- irrà!

Herrensitz in U.


Herrensitz in U.
(in "Märchen des Lebens", Berlin 1908)
Er besaß ein riesiges Gut in U. Man fuhr drei Stunden lang mit der Bahn hin, dann noch
eine Stunde mit dem Wagen, respektive eine Viertelstunde mit dem Automobil, falls die Straßen
fest und sicher waren, was selten oder nie sich ereignete. Die Straßen waren gleichsam
angelegt wie Sümpfe vor der Festung Königgrätz. Das Gut war sehr ergiebig, aber
keineswegs für den Naturfreund. Auf diesem Gute erbaute sich der Besitzer in modernstem
einfachstem Stile - weiße gekörnte Mauern, breite viereckige Spiegelscheibenfenster,
rostrotes Dach - ein wunderschönes Herrenhaus mit zwölf Zimmern, alle eingerichtet in
schwedischem Birkenholz und mit niedrigen Messingbetten und riesigen Pendeluhren in
Kristallgehäusen. Nun wird es vielleicht zum Heiraten kommen, dachte er. Aber es
kam nicht dazu. Zu diesem Hause engagierte er eine erstklassige Köchin und einen jungen
Diener, der Französisch sprach, und eine alte Wirtschafterin, die die beiden beaufsichtigen
sollte in ihrer Arbeitslosigkeit. Denn da entstehen die meisten Ungehörigkeiten. Nun wurde es
aber das verzauberte Herrenhaus, und niemand wußte, wozu das alles eigentlich da sei. Am
wenigsten der Gutsherr selbst, der sich künstlich binden wollte an etwas, was nicht band.
Eines Tages brachte er eine freundliche junge Dame mit. Sie sollte den verzauberten Herrensitz
ein wenig beleben, und sei es nur, daß sie mit Köchin und Diener zankte oder sich
gütlich bespreche. Aber sie tat nichts dergleichen und fand alles fade und gleichgültig.
Man fuhr sie auf einem Dampfpfluge auf die Zuckerrübenfelder hinaus und auf die Kukuruzfelder,
man zeigte ihr den herrlichen Beschälhengst namens Vita und andererseits die
herrlichsten Mastochsen. Sie erwiderte: Wann könnte ein Brief ausD. hier
ankommen? Er ist ein Tepp, aber ich brauch das für meine Nerven. Er will sich wegen mir
umbringen. Man sagte ihr, daß ein Brief wahrscheinlich nie anlangen werde und
daß man sie deshalb jedenfalls nicht hierherbefördert habe. Daraufhin beruhigte sie sich
und meinte, sie habe sich nur erkundigt aus Langeweile. Es liege ihr nichts an dem
Teppen. Nur die Fini dürfe ihn nicht kriegen. Unter keiner Bedingung. Der
Besitzer des Gutes sah nun ein, daß er auch mit dieser Akquisition sein Herrenhaus nicht
besonders beleben könne und die zwölf Zimmer mit den zwölf Messingbetten und den
schwedischen Birkenholzkästen und den Pendeluhren in riesigen Kristallgehäusen.
Infolgedessen sagte er zu den drei Dienstboten, sie mögen nur alles in peinlichster Ordnung
erhalten, es könne jeden Augenblick etwas Unerwartetes sich ereignen. Aber er hatte keine
Ahnung, was.
Hie und da sagte irgendeine freundliche junge Dame: Du, ich möchte für vierzehn
Tage auf dein Gut. Aber er erwiderte: Es geht nicht. Es ist alles
besetzt---.
Und die Köchin begann zu stehlen wie ein Rabe, und der französisch parlierende Diener
machte ihr ein Kind und der Wirtschafterin ebenfalls, um sie zu beruhigen und aus Langeweile. Da
löste der Gutsherr seinen schönen Herrensitz wieder auf und verkaufte sogar die Uhren in
den riesigen Kristallgehäusen. Er dachte: Wenn erst so eine kalte hochnäsige
pünktliche gekommen wäre, bei der alles am Schnürchen hätte gehen müssen!
Oder so eine leichtsinnige verschwenderische Maitresse à la Pompadour--?! Sogar
die Uhren habe ich noch günstig angebracht!

Die Hütten (abends)


Die Hütten (abends)
(in "Ashantee", Berlin 1897)
Die Hütte des Häuptlings: An drei Haken der Wand hängen drei Taschenuhren, eine
goldene, eine silberne, eine aus Nickel. Der Häuptling sitzt auf einer Pritsche, spielt auf
einer Harmonika Moll-Akkorde. In einem kleinen offenen Koffer befindet sich eine weiße
Flanellhose. Madame Jaboley Domëi raucht ein Pfeifchen, hört ihrem Gatten zu.
Die Hütte des Goldschmiedes Nôthëi: Hier schläft Agô
( Jahre), Taywiah (4Jahre), Akuokó und bibiAkolé. Die
Hütte des Goldschmiedes Nôthëi --- Palast der Schönheit, Paradies
des Friedens. Vier Atemzüge, wie Akkorde der erlösten Welt.
Die Hütte der Jungfrauen: bigAkolé, Djôjô, Monàmbo, Aschon,
Tíoko, Akóschia. Da hocken sie abends wie Frösche, um ein Kerzchen herum,
welches am Boden steht, speisen, ruhen aus, rauchen eine feine Zigarette, singen leise und sanft,
salben sich mit Baumöl, betrachten sich in kleinen zerbrochenen Spiegelchen, machen zarte
Tanzbewegungen mit dem Oberleibe, welcher nackt ist, lachen mit ihren freien unbekümmerten
Seelen, ordnen ihre Perlenschnüre an den Haken der Wand, beneiden Tíoko um ihre
7Rivièren (2hellgrüne in Rauten-Schliff, 1rosenrote in
Rauten-Schliff, 2Granat-Rivièren, 1Bernstein-Schnur, 1Perlen-Kollier
französischer Imitation), schwärmen für hellgrün und granat, legen sich auf den
harten Boden, löschen das Kerzenstümpfchen aus, singen noch ein wenig, schlafen ein.
Das ist die Hütte der Jungfrauen.
Die Hütte der jungen Herren. Die Hütte ist leer. Die jungen Herren sind
abends in die Stadt gegangen. Wann kehren sie zurück?! Was werden sie erleben?! Niemand
weiß es. Die Hütte der jungen Herren ist leer.

Meine Ideale


Meine Ideale
(in "Nachfechsung", Berlin 1916)
Die Adagios in den Violin-Sonaten Beethovens.
Die Stimme und das Lachen der Klara und der Franzi Panhans.
Gesprenkelte Tulpen.
Franz Schubert.
Solo-Spargel, Spinat, Kipfelerdäpfel, Karolinen-Reis, Salz-Keks.
Knut Hamsun.
Die Intelligenz, die Seele der Paula Sch.
Die blaue Schreibfeder Kuhn 201.
Das Gewürz: Cat-sup.
Mein Zimmerchen Nr. 33: Wien I., Dorotheergasse, Grabenhotel.
Das Äußere der A. M.
Der Gmundener-See, Wolfgang-See.
Das Vöslauer Vollbad.
Die Schneeberg-Bahn.
Mondseer Schachtelkäse, topfig-jung.
Sole, Zander, junger Hecht, Reinanken.
Geld.
Hansy Klausecker, dreizehn Jahre alt.

Idylle


Idylle
(in "Pròdromos", Berlin 1906)
Ich besitze einen Stahlfeder-Schützer aus schwarzen langen Borsten-Bündeln in einem
hellblauschimmernden, opalisierenden matten Glastöpfchen. Feder-Schutz in idealer Hülle.
Ich denke an die Gesellschaft Kinderschutz. Etwas Zartes, Brauchbares wird sanft und
zärtlich erhalten. Ich bette die willig-elastische Kuhn-Feder ein wie ein Kindchen in eine
Wiege. Ich bin sicher, daß ihr nichts Böses geschieht. Sie trocknet und ruht. Und das
Glastöpfchen, der Borsten-Behälter, irisiert hellblau wie Wasserwellen im Sonnenlichte.
Und Stahlfeder und Feder-Trockner erwidern meine Liebe, meine Zärtlichkeit, denn sie lassen
sie sich ruhig gefallen!

Im Jänner, auf dem Semmering


Im Jänner, auf dem Semmering
(in "Semmering 1912", Berlin 1913)
25. Jänner. Die Sonne versucht es, den Schnee zu schmelzen. Da und dort wird er grau,
löst sich auf, bereitet den Frühling vor. In Gloggnitz wachsen Schneerosen, stoßen
sich durch den Schnee hindurch. Sonst ist alles, alles begraben, still. Auf das bereifte Glas eines
Auslagekastens schrieb ich mit der Stahlspitze meines Bergstockes einen Mädchennamen.
Welchen?! Was kümmert es euch?! Meine Seele leidet. Ich beherberge ein Marienkäferlein
seit vier Tagen. Es lebt an der Warmwasserheizung unter einem Glase. Es spannt sogar die
Flügel aus. Ich werde ihm einen Mimosenstrauß kaufen, gelbe, duftende Blüten mit
graugrünen Blättchen. Wie hat es bis jetzt überwintern können, alle
Schrecknisse durcherleben können?! Ich weiß es nicht. Es gab doch schon 18Grad
Kälte, ohne BeschützerP.A.?! Wie habe ich selbst alles durcherleben
können?! Ich weiß es nicht. Ich schreibe in das bereifte Glas eines Auslagekastens auf
dem Hochweg einen Mädchennamen ein. Welchen?! Was kümmert es euch?! Meine
Seele leidet, also sie lebt, sie lebt! Das Marienkäferlein unter dem Glase denkt: Ha,
ha, ha, hier ist es warm, aber wenig zu essen; nun, warten wir noch bis zum Februar; da dürfte
sich schon irgend etwas finden---. Für Tierchen findet sich immer
etwas.

Die Kinderzeit


Die Kinderzeit
(in "Märchen des Lebens", Berlin 1908)
Meine wunderschöne Mama trug ein weites Kleid aus dunkelbraunem Tüll mit hellbraunen
Samtbändchen durchzogen. Man sagte, der Hofmeister der FamilieW. mache ihr riesig den
Hof. Wir verstanden das Wort Hof nicht. Eines Vormittags wurden wir zu dem Viadukt
von vierzig Metern Höhe über dem Schwarzatal geführt, wo zwei Lastenzüge
aufeinander aufgefahren waren. Die eine Berglokomotive hatte die andere direkt bestiegen. Wir
nahmen zum Andenken sehr viel Zigarettenpapierschachteln mit, die einem Waggon entstürzt
waren. Wir waren erstaunt, keine Leichen zu sehen. Selbst der Lokomotivführer war mit
dem Schrecken davongekommen. Papa schenkte ihm einen Gulden. Als Belohnung, davongekommen zu
sein.
Eines Tages wurde berichtet, die Raupen der Kohlweißlinge fräßen alle Felder
ab. Infolgedessen fingen wir alle Kohlweißlinge an den Fenstern des schrecklich heißen
Speisesaales weg und zertraten sie, obzwar sie schon über die Schädlichkeit hinüber
waren und nur mehr die unschädlichen Ideale ihrer Art repräsentierten. Die Raupen waren
uns zu unappetitlich, sie zu vernichten. Um halb12Uhr vormittags kam der Bäcker
mit den warmen, duftenden, vierfach eingekerbten Wecken. Da aßen wir heißhungrig zwei,
worauf der Kellner vier auf die Rechnung stellte.
Kinder, Kinder, da könnt ihr ja keinen Appetit zum Mittagessen
haben---, sagte die Mama. Aber Pudding mit Himbeersaft fraßen wir
doch noch zweimal und dreimal. Auf der sonnigen sandigen Straße zwischen den Wiesen
interessierten uns die Sandläufer, die sprangen und flogen und nach Moschus dufteten und
mattgrün schimmerten. Ferner die Admirale, schwarzrot, und die Dukatenfalter. Alles saß
am liebsten an den trockenen Wagenrinnen der Lastwagen. Da konnte man ganz nahe hinschleichen. Wie
gebannt von der Hitze saßen sie. Aber im letzten Moment kam der Selbsterhaltungstrieb
ü ber sie, und sie flogen wieder auf. Der Hofmeister der FamilieW. ging immer öfter
und öfter mit uns. Aber wir machten uns nichts aus ihm. Eines Tages wurde der geliebte Hund
Wolf meiner Schwester in einem Bottich im Garten ertränkt gefunden. Die
Gouvernante meiner Schwester weinte noch viel mehr als meine Schwester. Denn sie weinte wegen
Wolf und zugleich wegen meiner Schwester. Während meine Schwester nur wegen
Wolf zu weinen hatte---.
Ich selbst sah nur den aufgedunsenen Kadaver und hatte keinerlei Mitgefühl.
So verteilt sich alles verschieden in derselben Angelegenheit. In einer Allee von gelben
Rispenstauden stachen die Bienen und die Wespen viele Vorübergehende. Da bat ich ein
wunderschönes Mäderl der FamilieK., dort ja nicht hindurchzugehen, und sie
mußte mir darauf einen heiligen Eid schwören. Das Mäderl erzählte es ihren
Eltern. Diese besprachen es mit meinen Eltern, und infolgedessen wurde uns der Verkehr verboten,
weil solche romantischen Beziehungen ungesund seien. Was geht es ihn an, wenn sie
zerstochen wird?!? Dazu ist die Gouvernante da. Der Hofmeister der FamilieB. kam für
vier Wochen zu uns als Aushilfe für unseren geliebten Hofmeister, der verreisen mußte.
Er sagte: Gnädige Frau, Ihre Kinder sind Prachtexemplare. Jedenfalls
betrachteten wir es als Ferialwochen. Im Walde nach dem Regen roch es immer wunderbar. Nach
Schwämmen, feuchter Erde, feuchtem Moos und Erdbeeren. Im Kuhstalle roch es auch wunderbar und
im Pferdestalle und in dem Schupfen, in dem Holz gesägt wurde, und in der Mehlmühle und
auf der Wiese am Bache, wenn die Sonne hinsengte. Dann der Duft aus der heißen eleganten
Hotelküche und der Duft der Zimmer nach den Kretonmöbeln und den Zirbelkieferkästen.
Alle diese Gerüche gehörten zu dem Ferienglück mit dazu. Ja, sie waren sogar ein
wesentlicher Bestandteil desselben. Von dem Geruche der Bahnhofshalle und des Waggons und dem
schneidig-frischen Duft der Gebirgsluft in Station Payerbach gar nicht zu reden. Mama trug oft das
braune Tüllkleid mit den hellbraunen Samtbändern. Der Aushilfshofmeister wollte uns immer
für sich gewinnen, aber es war gar nicht nötig, denn wir hatten ihn auch von selbst sehr
gern. Er sagte zum Beispiel: Siehst du, was mir gestern besonders an dir gefallen
hat--- Und dann kam eine Sache herausgestrichen, die gar nicht von
Bedeutung war. Oder er sagte: Gnädige Frau, ich muß Ihnen einen reizenden Zug
Ihres Söhnchens mitteilen, auf die Gefahr hin---
Die Gouvernante meiner Schwester sagte zu ihm: Monsieur, weshalb dienen?! Machen Sie doch
Ihre Prüfungen! - Ich stehe mich so bedeutend besser, erwiderte der
Aushilfshofmeister. Im Hirschpark senkte einmal plötzlich der Vierzehnender den Kopf, fegte
mit dem Geweih flach am Boden gegen mich her und hatte bereits stiere, glotzende Augen. Ich machte
im letzten Moment einen Sprung zur Tür, und er fuhr krachend gegen die Planken. Infolgedessen
wurde er erschossen, und ich bekam am nächsten Abend zum Souper ein Stückchen meines
Mörders zu essen. Der Hofmeister sagte: Hirsche sind gefährlicher als Tiger, weil
man sie eben bloß für Hirsche hält, während man beim Tiger immer weiß,
daß es ein Tiger ist! Ich hielt diesen Satz damals für vollkommen
unverständlich. Aber Mama sagte: Wunderbar. Ist es nicht auch so mit den
Menschen?!? Worauf der Aushilfshofmeister ein verzücktes Gesicht machte und Mama die
Hand küßte. Wir waren paff. Sehr beliebt war die Jagd auf die
Nußhäher, die zum Raubzeug zählen, zum Raubgetier. Es
war schwer, sich das von dem schönen Vogel mit den kleinen blauschwarzen Federchen
vorzustellen. Aber wenn er am Boden lag, sagten die Jäger oft: Du arger
Sünder! Abends, wenn es stark geregnet hatte, tappten Salamander über den
Waldboden. Man hatte die Empfindung von vorsintflutlichen Welten: der feuchtwarm stille Wald und
die schwarzgelben Molche---. Auch die Kreuzspinne war unheimlich, und man hoffte
es immer, daß Regen und Wind sie vom Netze treiben würden. Aber es war wie aus Tauen
gedreht, schaukelte und brach nicht im Sturm. Die ersten Herbstzeitlosen machten uns ganz
gedrückt. Wir hatten uns so riesig an das geliebte Reichenau wieder attachiert wie alle
herrlichen Sommer hindurch unserer Kindheit. Und an dem ersten Abend wieder in der Stadt waren wir
immer tief unglücklich, obzwar es große Nüsse, Isenbartbirnen, kaltes Poulard und
Sachertorte gab vor dem Schlafengehen Auch Mama war recht traurig und nachdenklich.

Landpartie


Landpartie
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Er überreichte ihr diese goldgelben Blumen, die aussehen wie kleine bronzierte
Lilien---.
Bei mir verwelken alle Blumen--, sagte sie und steckte das Bouquet in
das braunseidene Gürtelband.
Dann stiegen sie in den Wagen und fuhren in den frischen Morgen hinein---.
Frisch war der Morgen, frisch---.
Der junge Mann sang: Den Finken des Waldes die Nachtigall ruft--, von
Geigenstrich hallt es goldrein durch die Luft--.
Singen Sie nicht - - -, sagte sie.
Er schwieg - - -.
Singen Sie, wenn es Ihnen Vergnügen macht--, sagte sie,
Sie haben eine hübsche Stimme--. Singen Sie die letzte Strophe:
auf blumiger
Höh'---.
Er schwieg und blickte in dieses süße geliebte Antlitz---.
Sie lächelte - -. Dann sah sie gleichgültig in die Natur. Mit der konnte man nicht
spielen. Die war kalt, gelassen und lächelte selbst---.
Lärchen mit hellgrünem Flor standen da auf hellbraunem Boden. An sonnigen Stellen auf
kurzgrasigen Wiesen standen Blumen im Herbstkleid wie grauseidene Watte und dunkelgelbe Kompositen
auf graugrünen Stengeln.
Im marmorweißen Bachgerölle standen dunkle Weidengruppen und längs des Weges
hellrote Berberitzen---.
Es kam ein steiles Stück.
Der Kutscher stieg ab und ging neben dem Wagen.
Der junge Mann, das junge Mädchen stiegen aus---.
Sie pflückte heliotropfarbigen Enzian und band ihn zu den Blumen.
Er empfand das wie eine Auszeichnung. So wenig braucht man--. Er sagte: Wie
Sie das gestern abend gesagt haben---: Sie werden
morgen nicht mitfahren, Sie bleiben zu Hause, Monsieur, wenn Sie so
sind---. Dann wandten Sie den Kopf um, weil ich
zurückblieb, von Ihrer Seite wich. Sie lächelten---. Sie
lächelten, wie wenn man sagt: Nein, du darfst mitfahren, ich
bin wieder gut, aber sei nur nicht so dumm, bist du denn ein Mann oder ein ganz kleines Baby?!
Vielleicht möchtest du sogar
weinen---?!«
Diese Art sich auszudrücken, die Seele plastisch hinzustellen, verstand sie gar
nicht---.
Sie wurde nervös und sagte: Sie, lassen Sie mich in Ruhe mit Ihren überspannten
Sachen---.
Dann sagte sie, ein bißchen schüchtern, unsicher: Sie, Monsieur, wie
heißen diese roten Beeren--?! Sie wissen doch alles---.
Berberitzen, Weinscharl - -, sagte er und hatte ein Gefühl wie Blei-Schwere.
Und sie: Die sind hübsch--.
Das hieß: Siehst du, ich bin gar nicht so, ich führe mit dir
liebenswürdige Konversation---!
Dann sagte sie: Ich kann nicht mehr gehen, steigen wir ein zu den
anderen---.
Sie gab ihm den ecruseidenen Schirm zu halten und blickte ihn an, wie wenn man sagt. Bist
du böse-?!
Der müde Zug verschwand aus seinem Antlitz. Er sah aus wie ein Zwanzigjähriger, der
blonde Locken schüttelt und jauchzt---. Aber er war viel älter, und es
ging vorüber---.
Tannen in Trauer, Lärchen mit grünem Flor, Lärchen mit grünem Flor, Tannen
in Trauer, Lärchen, Tannen, Tannen, Lärchen--.
Der junge Mann summte das Cello-Motiv aus Manon. Dann sang er es sanft wie der Cellist in der
Hofoper---.
Auf sumpfigen, patschigen, leuchtenden Wiesen standen weiße Sternblumen und gelbe
Dotterblumen--.
Wiesen, Wiesen - - -. Irgendwo begann ein Zaun und grenzte Sumpf ab---.
Plötzlich lag der See da, milchblau, mare austriacum---.
Man stieg aus. Man badete im See und dinierte auf der Terrasse---. Spät
abends war die Rückfahrt. Alle nahmen Plaids.
Der junge Mann saß ihr gegenüber---.
Sie hatte nicht mehr den triumphierenden Lach-Blick. Sie war müde---.
Die Wagenlaternen beleuchteten hellbraune kerzengerade Stämme und gelblichgrüne
verwaschene Teppiche---.
Wie wenn man die Natur aus dem Schlafe weckte mit einem grellen Lichte---. Sie
hat nicht mehr den triumphierenden Lach-Blick---.
Der Wagen fuhr langsam, vorsichtig, durch den dunklen kalten Wald---.
Da dachte der Herr an die Stunden, in welchen die Dame sich mit ihm spielte wie mit einem
Püppchen, Hündchen und quasi in die Händchen klatschte und jauchzte über ihre
riesigen Ungezogenheiten---.
Es war wie eine Sehnsucht in ihm nach diesem goldenen Zeitalter--. Es war die
Jugend, das leichte launige Glück---.
Aber der Wagen fuhr langsam durch den kalten Wald, und sie hatte den triumphierenden Blick
verloren und war müde---.
Singen Sie das Cello-Motiv aus Manon---, sagte sie sanft. Er
schwieg.
Aber sie fühlte, daß er es innerlich sang, mit lauter, süßer Stimme, wie
wenn die erste Begegnung im Gasthofe darin läge zwischen DesGrieux und Manon und alles
andere und der Tod auf fremder Erde, wo er sie begrub---.
Der Wagen fuhr langsam durch den kalten dunklen Wald-.

Der Landungssteg


Der Landungssteg
(in "Wie ich es sehe", 4. Aufl., Berlin 1904)
Ich liebe die Landungsstege an den Salzkammergut-Seen, die alten grauschwarzen und die neueren
gelben. Sie riechen so gut wie von jahrelang eingezogenem Sonnenbrande. In dem Wasser um ihre
dicken Pfosten herum sind immer viele ganz kleine grausilberne Fische, die so rasch hin und her
huschen, sich plötzlich an einer Stelle zusammenhäufen, plötzlich sich zerstreuen
und entschwinden. Das Wasser riecht so angenehm unter den Landungsstegen wie die frische Haut von
Fischen. Wenn das Dampfschiff anlegt, erbeben alle Pfosten, und der Landungssteg nimmt seine ganze
Kraft zusammen, den Stoß auszuhalten. Die Maschine des Dampfschiffes mit den roten
Schaufelrädern kämpft einen hartnäckigen Kampf mit dem in renitenter Kraft
verharrenden Landungssteg. Er gibt nicht nach, wehrt sich nur, soweit es unbedingt nötig ist,
nach außen hin und erzittert vor innerem Widerstande.
Endlich siegt seine ruhige, in sich verharrende Kraft, und das Schiff läßt locker,
gibt nach, entfernt sich wieder.
Stunden und Stunden liegt der Landungssteg für Dampfschiffe, meistens im Sonnenbrand
dörrend, einsam, gemieden da.
Plötzlich kommen angeregte Menschen in lichten Kleidern, sammeln sich auf dem
Landungsstege. Geht nicht zu weit vor, sagen die Eltern und betrachten den
Landungssteg als eine imminente Gefahr. Ich könnte nun mit einiger Berechtigung sagen:
Irgendwo, abseits, lehnen zwei hart nebeneinander stumm am Geländer. Aber das
ist alte Schule, und infolgedessen unterdrückt man es. Ich kann jedoch nicht leugnen,
daß das beharrliche Hinabstarren am Geländer des Landungssteges in das Wasser, in der
Nähe einer jungen Dame, durch längere Zeit durchgeführt, oft seine laute
verständliche innere Sprache spricht. Auf den Landungsstegen werden meistens kleine
unbrauchbare Fische gemartert. Man fängt sie, schleudert sie zu Boden, weidet sich an ihrem
Totentanze. Freilich, zwischen den Zähnen eines Hechtleins ist es auch nicht angenehmer. Und
wer stirbt ruhig in seinem Bette?! Auf den Landungsstegen befinden sich ebenfalls zuzeiten die
Komitees und das Präsidium der Jachtwettfahrer. Segelregatta. Stundenlange starren sie mit
Operngläsern irgendwohin, auf einen mysteriösen Punkt im See, und niemand aus dem
Publikum hat eine Ahnung, was vorgeht. Trotzdem ist alles sehr aufgeregt. Hie und da fällt ein
technischer Ausdruck. Plötzlich wird Hurra geschrien und einiges emsig notiert. Der
Landungssteg ist da wie der Hügel eines Feldherrn. Man starrt mit Operngläsern auf den
Ausgang der Schlacht. Da ist der Landungssteg mitten im Leben drin. Dann liegt er wieder in
Mondnächten da wie ein dunkles Ungetüm, zieht sich, streckt sich schwarz hinaus in den
silbernen See.
Ich liebe die Landungsstege der Dampfschiffe an den Salzkammergut-Seen, die alten grauschwarzen
und die neueren gelben. Sie sind mir so ein Wahrzeichen von Sommerfreiheit, Sommerfrieden, und sie
duften wie von jahrelang eingesogenem Sonnenbrande---

La Zarina


La Zarina
(in "Was der Tag mir zuträgt", 2. Aufl. Berlin 1902)
A. L. und P. A. sahen sie zum ersten Male in dem Auslagekasten für Photographien am
Kohlmarkt. Sie starrten schweigend das Vollkommene an, begannen sogleich alle Frauen zu hassen, die
bisher in ihren Lebensweg getreten waren, und verachteten sich selbst, daß sie es hatten so
billig geben können. La Zarina!
Ganz befreit von dem bisherigen entsetzlichen Lügedasein schritten sie nun dahin. Sie
hatten das Vollkommene erblickt, wußten nun endlich, woran sie waren.
Eines Nachts saßen sie im Café R. und starrten La Zarina an, die mit drei Adeligen
Champagner trank und unbeschreiblich liebenswürdig sich gebärdete, direkt edelste
Menschenfreundlichkeit überallhin ausstrahlte. Als sie wegging, blieben sie wie berauscht
zurück, hinweggetragen über das Alltägliche, also in einer anderen Sphäre!
Dann sahen sie sie nicht mehr wieder und lasen nur in den Zeitungen die Klischees von
Reklamenotizen, da sie bei Ronacher Poses plastiques stellte. Sie gingen niemals hin. Sie
fühlten: In Kleidern, Süße, sahen wir dich bereits nackt, Vollkommene!
Konzessionierte, zensurierte Nacktheit jedoch von drapfarbiger Seide Gnaden?!? Kleider sind
Phantasie der Wahrheit. Doch seidenes Trikot ist Wahrheitsfälschung!
Dann sah P. A. sie einmal noch weiß in weiß in einer Proszeniumsloge in einem
Theater. Dies meldete er seinem Freunde. Dieser war ganz ergriffen und bewegt. Da saßen sie
denn, tief bekümmert, beim Souper, erfüllt von Träumen und Begeisterung. Sie gaben
infolge aller dieser Ereignisse ihren treuen süßen Freundinnen den Laufpaß,
schrieben kurzweg ab, infam, brutal: Das Unzulängliche mordet uns..., schrieben
sie, adieu...!
Dann kauften sie ein großes Glücksschwein aus grünem Ton mit einer Spalte,
warfen ein jeder eine Krone hinein, vorläufig.
Wenn La Zarina einst verarmen sollte und verkommen...!
Aber La Zarina verarmte und verkam nicht.
Immer jedoch sammelten die Freunde noch getrost. Drei grüne Glücksschweine aus Ton
waren bereits angefüllt mit silbernen Kronenstücken. Es war der heilige Schatz für
die sicher einst verlassene, enttäuschte und zerpflückte süße La Zarina. Es
waren 70Kronen vorhanden für Schicksals unberechenbare Wege!
Aber La Zarina erhielt einen Millionär, wurde nicht zerpflückt, stieg höher,
höher, wurde sogar geheiratet.
Da feierten denn endlich eines Nachts die beiden Freunde ganz in der Stille ein Fest zu Ehren
der Dame, die ihrer niemals bedurft hatte. Den ganzen silbernen Inhalt der drei Glücksschweine
vertranken sie in Veuve Clicquot. Bei jeder Flasche sagten sie nur sanft und leise: La
Zarina! und erhoben sich von ihren Sitzen.
Schließlich waren sie ganz betrunken und hielten es für einen ganz passenden
Abschluß dieses Liebesabenteuers, ja sogar in jeder Beziehung für den passendsten. Zum
Schlusse schrieben sie natürlich eine Ansichtskarte an La Zarina, mit einem Texte, den sie
bereits für die Chantant-Kaiserinnen Othérô, Cléo, Billie Burke, Elise de
Vère, Minnie Ashley und Mage Lorrison-Osborne verwendet hatten.
Der Text dieser Karte lautete: Es ist nicht wahr, daß Gott die Menschen nach seinem
Ebenbilde schuf! In dieser Weise schuf er einen einzigen Menschen... La Zarina!
Da sie die Adresse nicht kannten, schrieben sie in idealer Zuversicht:

An
La Zarina
in
Europa.

La Zarina in Europa..., sangen sie laut durch die stillen Straßen auf dem
Heimwege. Die Passanten blieben stehen und sagten: Halt's Maul!

Lift


Lift
(in "Pròdromos", Berlin 1906)
Mir ist der Lift noch immer ein Mysterium.
Ich bin nicht so blöde, durch leichte Gewöhnung an die Segnungen moderner Kultur mir
den Reiz derselben zu zerstören!
Ich fühle dieses geheimnisvolle Stiegenüberwinden, diese Kraftersparnis meiner
Kniegelenke, meines Herzens, meiner ach! keineswegs kostbaren Zeit noch immer als etwas Wunderbares.
Die Türe meines Lifts schiebt sich von selbst langsam zu, was für Leute mit Paketen
oder Körben direkt störend, für einen Schriftsteller jedoch ziemlich angenehm sich
gestaltet.
Ich weiß nicht, an welcher Art von Maschinerie mein Lift hängt. Ich erfahre nur hie
und da durch den Hausmeister, daß heute etwas nicht ganz in Ordnung sei oder daß der
Installateur da sei. Ich verstehe jedoch weder, was für eine Katastrophe im Entstehen war,
noch was ein Installateur ist. Beides jedoch scheint mit eventuellen Lebensgefahren vereinbarlich
zu sein.
Gräßlich ist es, mit einem fremden Menschen hinaufzufahren. Man glaubt die
Verpflichtung zu haben, ein Gespräch zu entrieren, und überlegt es sich krampfhaft von
einem Stockwerke zum anderen. Es ist eine verlegene Spannung wie bei der
Maturitätsprüfung. Das Gesicht nimmt einen starren glotzenden Ausdruck an. Endlich sagt
man: Ich empfehle mich!, mit einer Betonung, wie wenn man eine Freundschaft fürs
Leben geschlossen hätte. Deshalb, um allen diesen Unannehmlichkeiten auszuweichen, komme ich
immer erst um 6Uhr morgens nach Hause. Da darf der Lift noch nicht funktionieren.

Wie einst im Mai


Wie einst im Mai
(in "Was der Tag mir zuträgt", Berlin 1901)
Sie sahen sich wieder, nach einem Jahre.
Die Gesellschafterin erhob sich nach dem Souper.
Sie sagte leise zu dem Herren. Je vous laisse... Sie werden sich viel zu sagen
haben---
Madame errötete, pickte Bröserln vom Spanischen Winde auf.
Der Herr machte ein Gesicht wie ogewiß-, aber er hatte keine
Idee. Er dachte: Bleibe doch da, alte Schatulle...
Madame ging in den Salon, setzte sich ans Klavier, begann zu singen: Stell auf den Tisch
die duftenden Reseden... Wie einst im Mai.
Die Stimme war wie von einem Schulmädchen, frisch, dünn, ohne Timbre.
Sie blieb stecken, wurde ganz verlegen.
Der Herr fühlte die Worte der Gesellschafterin wie eine deutsche Schulaufgabe. Nun
arbeitet mir das aus, meine Lieben, bis ich zurückkomme: Sie
werden sich viel zu sagen haben.«
Einleitung: Wenn wir zurückblicken... Falsch. Sooft die ersten
Lerchen... Lasse die ersten Lerchen, mein Lieber. In Anbetracht dessen,
daß... Eine wundervolle Satzfügung! Wie gehacktes Holz. Hast du denn keinen
Schwung, mein Lieber?!
Madame wandte sich um, schaute ihn an wie ein Baby, das ein Schnauzerl macht: Du bist an
allem schuld, du, ich habe es so schön können heute vormittag...
Der Herr stand auf von seiner deutschen Schularbeit, ging zu ihr hin, streichelte ihre
schönen braunen Haare, strich dieselben aus der Stirne, strich die Schläfenlöckchen
hinter die rosigen Ohren, benahm sich wie ein sanfter Papa.
Sie saß ganz still da...
Ich bin dumm..., sagte sie. Dumm bin ich---.
Da kam die Gesellschafterin zurück. Eh bien?
Wirklich, sie hatten sich etwas zu sagen gehabt!

Sehen Sie, P. A., diese Studie verstehe selbst ich nicht mehr, sagte jeder zu mir.
Was hatten sie sich denn zu sagen?!?
Daß sie sich nichts zu sagen haben!

Die Maus


Die Maus
(in "Pròdromos", Berlin 1906)
Ich zog in das ruhige Zimmerchen, fünften Stock, gutes, altes Stadthotel, ein, mit zwei
Paar Socken und zwei riesigen Flaschen Slibowitz für unvorhergesehene Fälle.
Bitte, sagte der Zimmerkellner, soll ich das Gepäck holen
lassen?!?
Ich habe keines, sagte ich einfach.
Dann sagte er: Wünschen Sie elektrische Beleuchtung?!
Jawohl.
Es kostet fünfzig Heller per Nacht. Sie können aber auch bloß Kerze
haben, sagte er in Berücksichtigung der gegebenen Umstände.
Nein, ich wünsche elektrische Beleuchtung.
Um Mitternacht hörte ich Geräusche von zerrissenen und zerkratzten Papiertapeten. Dann
kam eine Maus, stieg meinen Waschtisch hinan und betrat das Lavoir, machte überhaupt
verschiedene artige Evolutionen, begab sich sodann wieder auf den Fußboden, da Porzellan
nicht zweckentsprechend war, hatte überhaupt keine festen weitausgreifenden Pläne und
hielt schließlich die Dunkelheit unter dem Kasten bei den gegebenen Umständen für
ziemlich vorteilhaft.
Morgens sagte ich zu dem Dienstmädchen: Sie, eine Maus war heute nacht in meinem
Zimmer. Eine schöne Wirtschaft!
Bei uns gibt's keine Mäuse, das wäre nicht schlecht. Woher sollte denn bei uns
eine Maus herkommen?! So was lassen wir uns überhaupt gar nicht nachsagen!
Ich sagte infolgedessen zu dem Zimmerkellner:
Ihr Stubenmädchen ist ein freches Geschöpf. Heute nacht war eine Maus im
Zimmer.
Bei uns gibt's keine Mäuse. Woher sollte denn bei uns eine Maus herkommen?! So was
lassen wir uns überhaupt gar nicht nachsagen!
Als ich in das Hotelvorhaus trat, betrachteten mich der Herr Portier, der Herr Hausknecht, die
anderen beiden Fräulein Stubenmädchen und der Herr Geschäftsführer, wie man
einen betrachtet, der mit zwei Paar Socken, zwei Slibowitzflaschen einzieht und bereits Mäuse
sieht, die nicht da sind.
Auch lag mein Buch Was der Tag mir zuträgt offen auf meinem Tische, und ich
ü berraschte einmal das Stubenmädchen bei der Lektüre desselben.
Unter diesen facheusen Umständen war meine Glaubwürdigkeit in bezug auf Mäuse
ziemlich untergraben. Dafür hatte ich immerhin einen gewissen Nimbus eingeheimst, und man
rechtete nicht mehr mit mir, ließ mir sogar kleine Schwächen passieren, drückte ein
Auge zu, benahm sich außerordentlich kulant wie mit einem Kranken oder anderweitig zu
Berücksichtigenden.
Die Maus jedoch erschien jede Nacht, kratzte an der Papiertapete, bestieg häufig den
Waschkasten.
Eines Abends kaufte ich eine Mausefalle samt Speck, ging mit dem Instrument ostentativ an dem
Portier, dem Hausknecht, dem Geschäftsführer, dem Zimmerkellner und den drei
Stubenmädchen vorbei, stellte die Falle im Zimmer auf. Am nächsten Morgen war die Maus
drin.
Ich gedachte nun, ganz nonchalant die Mausefalle hinabzutragen. Die Sache sollte für sich
selber sprechen!
Aber auf der Stiege fiel es mir ein, wie erbittert die Menschen werden, wenn man sie einer Sache
ü berführt, zumal eine Maus sich nicht in einem Passagierzimmer eines Hotels befinden
sollte, in dem es Mäuse einfach gar nicht gibt! Auch wäre mein Nimbus eines
Menschen ohne Gepäck, mit zwei Paar Socken, zwei Flaschen Slibowitz, einem Buche Was
der Tag mir zuträgt und der nachts bereits Mäuse sieht, dadurch beträchtlich
erschüttert worden, und ich wäre sofort in die peinliche Kategorie eines sekkanten und
höchst ordinären Passagiers herabgesunken. Infolge dieser Bedenken ließ ich die
Maus in einem für diese Zwecke ziemlich geeigneten Orte verschwinden und stellte meine
Mausefalle auf dem Fußboden meines Zimmerchens wieder leer auf.
Von nun an wurde ich mit noch zärtlicherer Rücksicht behandelt, man wünschte mich
unter keinen Umständen zu erregen, gab nach wie einem kranken Kindchen. Als ich endlich
abreiste, war bei allen freundschaftliches Mitgefühl und Attachement vorhanden, obzwar ich als
Gepäck nur zwei Paar Socken, zwei leere Slibowitzflaschen und eine Mausefalle mitnahm!

Onkel Max


Onkel Max
(in "Fechsung", Berlin 1915)
Dieser Max, mein Onkel, der seit sieben Jahren tot ist, war einmal sehr hübsch gewesen, ja,
sogar besonders hübsch, auch nach modernen Begriffen. Ganz schlank, ganz groß, und eine
Stumpfnase. Infolgedessen hatte er ein Liebesverhältnis mit der ganz jungen Näherin
seiner Mama, meiner Großmama. Er kaufte sich daher in Hietzing, Hauptstraße, ein
kleines Haus mit Gärtchen und ließ die junge Näherin darin wohnen. Sie legte eine
Rosenkultur an und Nelken und war froh, daß ihre zarten schönen Finger nicht mehr vom
Nähen leiden mußten. Sie pflegte sie sogar, gleichsam als Entschädigung für
schreckliche qualvolle Jahre, mit Malatine, Honigglyzerin. Eines Tages beschloß die Familie,
daß mein schöner, magerer, langer Onkel mit der Stumpfnase eine Partie
machen solle. Ja, sagte er, a la bonheur. Aber was soll mit Anna
geschehen?! Man verheiratete Anna mit einem Manne, der sie seit ihrer Kindheit schrecklich
gern gehabt hatte und dem es nur am Nervus rerum gefehlt hatte, um sie, pardon, um
sich glücklich zu machen! Anna war mit allem einverstanden, denn es ist besser, dort
einverstanden zu sein, wo nicht einverstanden zu sein einem auch wenig nützen könnte. Nun
heiratete mein Onkel und baute auf der Hietzinger Villa noch einen Stock auf. Ein Gärtner
wurde engagiert, um die Rosen- und Nelkenkultur Annas weiter zu pflegen. Eines Tages sagte meine
angeheiratete Tante zu meinem schönen, langen, mageren Onkel mit der Stumpfnase: Du,
wer war diese Anna eigentlich, nach der diese schönen gefleckten Nelken benannt sind?!
Mein Onkel schaute auf die gefleckten Nelken und verstand gar nicht, daß diese Anna
ü berhaupt noch irgendwie im Leben in Frage käme!
Nun ist mein Onkel schon seit sieben Jahren tot, und meine Tante ist schon Großmama.
Unverändert in herrlichem Beete sind nur die gesprenkelten Anna-Nelken geblieben in der
Hietzinger Villa.

Mitzi von der Lamingson-Truppe


Mitzi von der Lamingson-Truppe
(in "Bilderbögen des kleinen Lebens", Berlin 1909)
Ich sah dich tanzen in einer Dänischen Truppe;
Du warst 15 Jahre alt, lang, dünn, aristokratisch!
Du wurdest täglich blasser, blasser - - -.
Du trankst Champagner mit Kavalieren und sangst!
Dänische Lieder; das heißt, du sprachst Dänisch, aber es klang wie
Lieder---.
Und eines Tages wurdest du ersetzt durch ein neues rotwangiges dänisches Mädchen.
Mitzi von der Lamingson-Truppe, bist du zurückgekehrt in deine dänische Heimat?!?
Oder starbst du in Wien in deinem einsamen Hotelzimmer?!?
Ich schenkte dir einmal eine Rose; da wurdest du blühend rot momentan---.
Und später wurdest du blasser und blasser!
Falls du noch auf Erden weilst, Mitzi, segne ich dein mir unbekanntes geliebtes
Leben---.

Musik


Musik
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Die Kleine übte Klavier.
Sie war zwölf Jahre alt und hatte wundervolle sanfte Augen.
Er ging im Zimmer leise auf und ab, auf und ab.
Er blieb stehen - - und lauschte und wurde eigentümlich ergriffen.
Es waren ein paar wundervolle Takte, die immer wiederkehrten.
Und das kleine Mädchen brachte alles heraus, was darin lag. Wie wenn ein Kind
plötzlich ein Großer würde!
Was spielst du da?! sagte der Herr.
Warum fragst du?! Das ist meine
Albert-Etüde, Bertini
Nmr.18; wenn ich die spiele, muß ich immer an dich denken---.
Warum - -?!
Ich weiß nicht; es ist schon so.
Wie wenn ein Kind plötzlich ein Weib würde!
Er ging wieder leise auf und ab - - -.
Das kleine Mädchen übte weiter, Bertini Nmr.19, Bertini Nmr.20, Bertini
Nmr.21,22,23 ---- aber die Seele kam nicht wieder.

Die Natur


Die Natur
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Er trug auf dem Spaziergang ihre Jacke. Diese war außen hellbraun, innen aus lila Seide.
Der Duft der Seide berauschte ihn, wiegte ihn ein---.
Er atmete diesen Duft ein, der von ihrem süßen warmen ambrafarbigen Leib in die
weiche Seide geflossen war, extrait fleure d'Anita---.
Warum haben Sie die Jacke getragen?! fragte Frau v.E., macht Ihnen
das Vergnügen?! Wozu--?!
Aus Höflichkeit - -, sagte er, es ist eine Jacke wie eine andere, man
muß das tun---.
Bei dem kleinen Gasthofe am See-Ufer, auf der Wiese mit den Birnbäumen war eine Schaukel.
Schaukeln Sie mich - - -, sagte das Fräulein.
Wenn sie an ihn heranschwebte, hatte er die Empfindung einer ungeheuren Nähe, manchmal
berührte er ihr Kleid, einmal sogar---.
Warum haben Sie das Fräulein geschaukelt--?! fragte Frau
v.E., es ist kindisch, so etwas gibt es in den Bilderbüchern, ich habe es von
Erwachsenen nie gesehen---.
Er schwieg.
Er ist ein Gymnasiast - -, dachte Frau E.
Als er oben am Hügel mit dem jungen Mädchen auf dem kurzen warmen trockenen Grase lag,
in der Abendsonne, berührte er leise ihre Hand. Der Wind wehte lau. Ein Vogel machte hi
hi hi hi hia---. Dann versank die Sonne. Der Wind wehte kalt.
Wie war es - - -?! fragte Frau E. den Herrn.
O schön - - -. Erst ist es warm und trocken, dann sinkt das Thermometer, die
Abendsonne funkelt herüber, der See hat kupferrote und flaschengrüne Streifen,
plötzlich wird er bleigrau, das Thermometer sinkt und die Wiesen beginnen zu duften und feucht
zu werden---.
Poet - - -, sagte Frau E.
Am nächsten Abende ruderte Frau E. allein in einem kleinen Boote---.
Sie fuhr langsam das Ufer entlang---.
Da kam die dunkelgrüne dicke Linie der Kastanienbäume an den grauen zyklopischen
Kaimauern, dann eine kleine hölzerne Villa, in der ein sterbender Dichter lag, dann eine
große aus Stein mit schmiedeeisernen Kandelabern, in der eine sterbende Ehe lag und zwei
blühende Kinder, dann kam der Garten der Herzogin, die einen Sohn verloren hatte, den sie nie
besessen hatte. Da hingen schwarze Haselstauden ins Wasser. Dann kamen Wiesen mit feinen
Sumpfgräsern und goldenem Löwenzahn, dann kam Schilf mit hellbraunen Federbüschen,
das raschelte. Der Märchendichter würde sagen: Und es raunte sich Geschichten zu,
Geschichten---!
Dann kamen Wiesen, die ganz still dalagen---.
Frau v. E. saß, ein bißchen gebückt, in ihrem kleinen Boote und genoß den
Abendfrieden---.

Paradies


Paradies
(in "Ashantee", Berlin 1897)
Was möchtest du am liebsten von der Welt, Tíoko?!
Green bills cutted, Sir - - -. (Geschliffene grüne Glasperlen.)
Und?!
And lila bills cutted, Sir - - -.
Und?!
And nothing, Sir - -.

Parfüm


Parfüm
(in "Neues Altes", Berlin 1911)
Als Kind fand ich in dem Schreibtisch meiner geliebten wunderbar schönen Mama, der aus
Mahagoni war und geschliffenem Glase, in einer Lade einen leeren Flacon, der aber noch immer
intensiv nach einem bestimmten, mir unbekannten Parfüm duftete.
Oft schlich ich mich hin und roch daran.
Ich verband dieses Parfüm mit aller Liebe, Zärtlichkeit, Freundschaft, Sehnsucht,
Traurigkeit, die es überhaupt gibt.
Aber alles bezog sich auf meine Mama. Später überfiel uns das Schicksal wie eine
unvorhergesehene Hunnenhorde und bereitete uns allenthalben schwere Niederlagen.
Und eines Tages zog ich denn von Parfümeriehandlung zu Parfümeriehandlung, um in
kleinen Probefläschchen vielleicht das Parfüm zu entdecken aus der
Mahagonischreibtischlade meiner geliebten verstorbenen Mama. Und endlich, endlich entdeckte ich es:
Peau d'Espagne, Pinaud, Paris.
Da gedachte ich der Zeiten, da Mama das einzige weibliche Wesen war, das mir Freude und Schmerz,
Sehnsucht und Verzweiflung bereiten konnte, das mir immer, immer wieder aber alles verzieh und das
um mich sich sorgte und vielleicht sogar insgeheim abends vor dem Einschlafen für mein
künftiges Glück gebetet hatte...
Viele junge Damen sandten mir in kindlich-süßen Begeisterungen später ihre
Lieblingsparfüme, dankten mir herzlichst für ein von mir erfundenes Rezept, jedes
Parfüm nämlich unmittelbar nach dem Bade direkt auf die nackte Haut des ganzen Leibes
einzureiben, so daß es wie echte eigene Hautausdünstung wirke! Aber alle diese
Parfüme waren wie die Gerüche von wunderschönen, aber eher giftigen exotischen
Blumen. Nur Essence Peau d'Espagne, Pinaud, Paris, brachte mir melancholischen Frieden, obzwar
meine Mama nicht mehr vorhanden war und mir nichts mehr verzeihen konnte von meinen Sünden!

Sonnenuntergang im Prater


Sonnenuntergang im Prater
(in "Märchen des Lebens", Berlin 1908)
Sie waren stundenlang im Grabenkiosk gesessen, letzter Augusttag, hatten Fiaker betrachtet mit
Fremden, Automobile, wie Zugvögel von fernen Reisen, Damen auf dem Trottoire, die wunderbar
sicher dahinglitten, und andere, die trippelten und tänzelten, um etwas Besonderes aus sich zu
machen.
In dem Kiosk saß eine Französin, die man nur mit den Augen grüßte. Und ein
süßes, junges Geschöpf mit seiner Tante, das man auch nur mit den
Augen begrüßte. Und fremde Damen mit Schleierhüten, die man überhaupt nicht
grüßte. Und einige Männer, die schon vom Urlaube zurückgekehrt waren. Alle
diese Menschen kamen sich ein bißchen deklassiert vor, daß man sie im Grabenkiosk
ertappte in der Haute-Saison, während die anderen noch in Ostende oder
Biarritz---
Die beiden Freunde machten trotz alledem einige wichtige Beobachtungen, sammelten einige seltene
Exemplare von Menschlein für ihre innerliche Käfersammlung, spießten sie auf,
teilten sie ein in allgemeinere Klassen.
Um sechs Uhr kam das rote Automobil, Mercedes18-24, entführte sie in die Krieau. Dort
war ganz staubfreie Landluft und Stille. Ein Herr in schwarzem Anzug und schneeweißen
Handschuhen bestieg ein Pferd. Ein Fiaker brachte eine Tänzerin (die Hofoper war bereits
geöffnet), ein graues Automobil kam an, dumpf, Bariton singend, also über 30HP. Das
Gärtchen war voll gelber Blumen, die wie kleine Sonnenblumen aussahen, und die Kaninchen im
Käfig stellten die Ohren unregelmäßig schief. Die beiden Freunde rauchten Prinzesas
und glotzten auf die zumeist leeren weißen Tische und Bänke. Im Vorfrühling, im
Herbste entwickelt sieh hier ein Leben und Treiben. Aber man hatte den
31.August!
Infolgedessen fuhren die beiden Freunde weiter zum Winterhafen.
Donau, kleines Bahngeleise, große Lederfabrik, holperiges Granitpflaster, gut genug
für Schneckengang gehende breiträderige Lastwagen! Das Automobil aber sprang,
galoppierte, hüpfte, war wie deklassiert auf dieser gepflasterten Lastenstraße. Links
war der Winterhafen, rechts ein erhöhtes Plateau aus Donausand und Donaukieselsteinen
errichtet, bespickt mit jungen Birken. Da hatte man einen Rundblick auf bleigraue Hügel,
schwarze Fabrikschornsteine und die Glut des Sonnenunterganges. Man sah das düstere
Pulvermagazin, den Laaerberg, den Zentralfriedhof, den Kahlenberg---. Wie in
grauem, flüssigem Blei des Himmels und der Erde wogte die dunkelrote Glut der
Sonnenuntergangsstreifen. Die Lederfabrik war wie ein schwarzes Ungeheuer, und drei riesige
Schornsteine sandten schwarzen Rauch in die Glut, wie schmale Dampfspritzen, die ungeheure
Brände löschen möchten! Die dünnen, zarten Birken auf dem Donauschütte
bebten im Abendwind, und die beiden Freunde suchten schöne, glatte, hellbraune Kieselsteine
aus als Andenken an den friedvollen Abend. Auf der Landstraße wartete das rote Automobil,
Mercedes18-24, das ein kleiner Landstraßen-Orientexpreßzug werden konnte bei
Schnelligkeit vier.
Die rote Glut im Blei des Himmels wurde himbeerfarbig, dann dunkelgraurot. Die beiden Freunde
sagten: Nun gibt es nichts mehr zu schauen. Das Stück ist zu Ende. Sie bestiegen
daher das rote Automobil und sagten zu dem Chauffeur: Geschwindigkeit vier,
bitte---
Sie rasten in den Grabenkiosk zurück.
Dort saß noch die Französin, die man nur mit den Augen begrüßen durfte.
Aber in dieser Stunde durfte man bereits zu ihr sagen: Guten
Abend---
Und die beiden Herren sagten höflich: Bon soir---.

Quartett-Soireé


Quartett-Soireé
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Der Saal ist viereckig, schneeweiß, überhaupt wie eine riesige Pappendeckelschachtel.
Die durchscheinenden Kugeln aus dickem welligem Glas machen aus dem Bogenlicht im Inneren
goldgrüne und weißgrüne Flecken, die wie glänzendes Wasser schimmern oder
Ö l, wie Milch im Mondschein.
Rechts neben ihm saß sein goldblondes Schwesterchen, in Samt maron pürée und
einer Bluse aus gleichfarbiger Seide. Sie hatte zu Hause gebadet, sich getummelt, häusliche
Unannehmlichkeiten gehabt, suchte nun etwas, das entlastete, entfernte, blickte in die riesige
Pappendeckelschachtel mit den goldgrünen glänzenden Flecken---.
Man bleibt also der, der man ist, überall--?! fühlte sie.
Die Instrumente sagten: Husch aus dem Bade-! Marie, bitte, o
Marie. Aber Fräulein, machen die Brause zu--. Wie schön
Fräulein sind--. Wo ist mein Seidentuch?! Bitte um Geld für die
Garderobe--. So geh schon--. Gibt es einen
Frühling Was ist eigentlich Musik--?!
Links neben ihm saßen zwei Schwestern, junge Frauen, Bekannte. Die eine hatte eine
Pongis-Bluse mit Rubinschmuck und schwarze Augen, Augen wie Mitternacht. Diese Augen sagten:
Ich will brennen! Macht ein Feuer an! Ich will brennen---!
Die andere dachte: Das Leben hat schöne Einzelheiten wie das Quartett. Aber was ist
es?! Man zählt und zählt---. Anita ist müde, Zählen macht
müde, nicht?! Und wenn ich Zehntausend habe?! Dann lege ich es in ein goldenes Kästchen
und werfe das Schlüsselchen ins Meer---.
Die Violinen sangen.
Sie träumte: Helgoland --- o meine Sommertage --- ins
Meer---.
Das Fräulein in maron pürée dachte: Die vier Herren da oben sind schwarz
und zusammengeduckt, sie müssen sehr unbequem sitzen, und die Fräcke verdrücken
sich. Es ist Kammermusik, der edelste Kunstgenuß, ja wirklich. Die Oper hat mehr
Farben--.
Die Oper hat mehr Farben - - -, dachte sie jetzt endgültig, und ihre gebadete
Haut begann zu dunsten in der Konzert-Luft.
Habe ich das Eau de Cologne zugestöpselt, habe ich das frische Nachthemd
hergerichtet, habe ich Reis herausgegeben---?! dachte sie.
Die Dame sagte zu dem Herren: Sie müssen Helgoland sehen--. Ich habe den
Tanz getanzt mit den Matrosen--.
Es hieß: Jawohl, ob du es glaubst oder nicht, so eine bin ich ---
manchesmal.
Pst..., sagte man.
Süße Töne füllten die weiße Pappendeckelschachtel wie mit Bonbons.
Da stieg das Cello in ihr Herz---.
Was siehst du mich an, Herr?! Höre lieber zu---.
Pause.
Helgoland - - - ich tanzte mit Matrosen!
Zartes feines Geschöpf - -, denkt der Herr, haben sie dich nicht
zerdrückt?!
Woher bin ich - -?! fühlt sie plötzlich, wohin gehe ich?! Ich
wohne Ebendorferstraße17, 1.Stock, Tür5. Im Vorzimmer ist ein roter
Teppich und Spiegelglas. Wie ein kleiner Kerker ist es--.
Helgoland, ich tanzte mit Matrosen - - -!
Das Fräulein in maron pürée denkt: ich habe
niemand---.
Andante.
Wie Schatten - - -, sagt die junge Frau.
Du bist affektiert - -, denkt das Fräulein; wie
Schatten---?!
Die junge Frau wird rot, weil man es gehört hat. Sie senkt den Kopf, horcht auf die
huschenden Schatten ---.
Die Violinen machten ti - ti - tiiiii - - -, worauf das Cello noch ein
bißchen das alte Thema in Erinnerung brachte, aber nur so, husch---.
Wie Schatten - - -.
Alle sagten bravo. Wie wenn man sagt. Bravo, ein Kind ist gestorben.
Eigentlich hätte man schluchzen hören sollen.
Die junge Frau zieht an ihrem Opernguckersäckchen aus Seide, zu, auf, zu, auf,
zu---.
Das Fräulein denkt: War es fad oder bloß traurig?!
In der ersten Reihe sitzt Frau P. Sie bekommt alles im Leben aus erster Hand. Sogar die Jacke
ist Modellstück, hellgrüne Seide mit opalisierenden Glasperlen. Sie denkt: Wie
angenehm ist das Leben und so einfach, und wie schön diese Herren spielen! Wird Herr Max zum
Souper mitkommen?!
Die ganze erste Reihe hält sich für König Ludwig, dem man extra vorspielt.
Wirklich, die Töne fahren sonst in der Pappendeckelschachtel herum wie feine Schmetterlinge,
zerstoßen sich an den goldgrünen Flecken der Lampen---. Aber in der
ersten Reihe schweben sie über den Cercle-Sitzen wie über Blumen.
Der Musikkritiker sitzt ganz rückwärts. Er hat das Ohr mit seinen Labyrinthen. Ein
Ariadnefaden führt zum Welt-Geist!
Alle sagen: Bravo - - -.
Er fühlt: Ein Kind ist gestorben - - -.
Sie müssen Helgoland sehen - - -, sagt die junge Frau zu dem Herren,
das wünsche ich Ihnen--.
Sie sind wie eine Meermuschel, sagt er, in der das Meer noch singt, wenn
längst---.
Da begann ein neues Musikstück.
Das Klavier sagte: wenn längst, wenn längst---, und
tanzte einen Matrosentanz. Das Cello griff ins Herz hinein, eigentlich drückte es das Herz
zusammen und ließ es wieder los. Da wurde es weit, oder es schien so---.
Es ist ein Meerbad - -, fühlte die Dame, kurz, wie Helgoland und wie
der Sommer und wie eine Herde gelber Schafe, die durch ein sonniges Dorf getrieben wird, und wie
der Duft von Kartoffelfeldern am Abend, wie Hühner-Bouillon, wenn man krank war, wie
bittersüß und wie
da bist du
endlich ---.
Das Fräulein träumte: Habe ich jemand - -?!
Der Herr blickt die Helgoländerin an: Bitte, numeriere diesen Blick
nicht--.
Nein - -, antwortete sie sanft mit ihren Augen, ich lege ein eigenes Konto
an---.
Und wirf das Schlüsselchen nicht ins Meer--!
Und werfe das Schlüsselchen nicht ins Meer--.
Klavier, Violino primo, Violino secondo, Cello, Viola, sangen: Wirf es ins Meer, ins
Meer, ins Meer---.
Aber es war nur das Klavierquintett von G., zweiter Satz, Andante.
Das Fräulein in maron pürée dachte: Diese Stelle klingt wirklich wie:
Ich habe niemand, niemand,
niemand ---!

Der Tag des Reichtums


Der Tag des Reichtums
(in "Neues Altes", Berlin 1911)
Ich wollte einmal einen halben Tag lang das Leben eines Reichen erleben. Ich ließ mich von
einer reizenden Frau und ihrem Gatten in ihrem Mercedes vom Hause aus abholen. Ich fuhr zu meinem
Raseur, Teinfaltstraße, mich verjüngen zu lassen, besonders mit der
Menthol-Franzbranntwein-Spritze auf den Kopf. Ein Ersatz für jedes kalte Bad! Dann fuhren wir
nach Baden. Dort badeten wir in den Kurhauswannenbädern, vierundzwanzig Grad Celsius. Dann
ließen wir uns kühle Hotelzimmer aufsperren und schliefen eine halbe Stunde lang. Dann
aßen wir Solospargel, Hirn en fricassé. Dann fuhren wir weiter, nach Heiligenkreuz. In
kühler Halle tranken wir duftenden Tee mit Zitrone. Abends zurück, in eiliger Fahrt.
Die Wiesen dufteten, und die Wälder standen schwarz und unbeweglich-melancholisch unter dem
Abendhimmel, der leise leuchtete.
In Wien verabschiedete ich mich.
Im Café Ritz fand ich jene junge Dame, die schon lange meine Augen beglückte.
Braunes Haar, blauer Strohhut, Stumpfnase. Ich wollte den Tag feierlich beschließen. Ich
sandte ihr drei wunderbare ganz dunkle Rosen und einen Eierpunsch, dieses Lieblingsgetränk der
meisten solchen Damen. Sie nahm es huldvollst an, ausnahmsweise.
Sie kam an meinen Tisch und sagte:
Macht es Ihnen wirklich eine so große Freude, mir Aufmerksamkeiten zu
erweisen?!?
Ja, gewiß, sonst täte ich es ja nicht!
Also, dann brauche ich ja nicht dankbar dafür zu sein---!?
Nein, keineswegs. Sondern ich Ihnen!
Das war der Tag des Reichtums - - -.

Reminiszenzen


Reminiszenzen
(in "Semmering 1912", Berlin 1913)
Eine angenehme Abwechslung während des Lernens war das Anzünden der Öllampe am
Winternachmittage. Draußen sah man undeutlich graue Häuser wie fremde Welten. Da kam das
Stubenmädchen und zündete die Öllampe an. Vorsichtig nahm sie die Milchglaskugel ab,
den glänzenden Zylinder aus Glas. Sie drehte den bereits vormittags richtig abgeschnittenen
Docht hoch mit der Messingschraube, legte zwei fadendünne harzimprägnierte Hölzchen
(eine ganz neue Erfindung der Technik) im Kreuz über den gelben Docht und zündete diese
an den Enden an. Oft brannte der Docht, oft brannte er nicht. Endlich brannte er. Da stülpte
das Stubenmädchen vorsichtig den Glaszylinder auf und dann die Milchglaskugel. Nun wurde noch
ein wenig an der Messingschraube, auf welcher der Name Ditmar und zwei
Merkurflügel waren, hin und her gedreht, damit die Lampe nicht rauche. Endlich brannte sie mit
einem dottergelben matten Schein. Da saß man denn und schrieb die Einleitung zu dem Aufsatze
Charakter des Wallenstein: Wenn wir die großen Helden vergangener Zeiten
an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen---
Sie, Marie, der Docht raucht auf der linken Seite---
Aber junger Herr, das ist eine Sekkatur. Ich habe ihn heute vormittags ganz gerade
abgeschnitten.
Charakter des Wallenstein: Auf der Höhe seiner Macht angelangt, überfiel ihn
wie die meisten Sterblichen die Sehnsucht nach noch Höherem,
Unerreichbarem---
Die Lampe brannte mit dottergelbem, mattem Schein, und richtig, links rauchte sie ein wenig und
schwärzte sogar den Glaszylinder an.

Große Prater-Schaukel


Große Prater-Schaukel
(in "Was der Tag mir zuträgt", Berlin 1901)
Dies sind eure Absinth-Räusche des Lebens, Mädchen aus dem Volke! Alles wird zuunterst
zuoberst gekehrt, gestürzt! Und beim Tal-abwärts kreischt ihr vor Angst und Erregung!
Hier vergeßt ihr, daß der Zins vor der Türe ist und daß man in jedem
Augenblicke schwanger werden und verlassen werden könnte! Hier erlebt ihr eure
Meerfahrt-Emotionen, Seekrankheit für 10Kreuzer!
Und nachher in die Wiesen, in die dunklen weiten Wiesen!
Pfeife, Schurl, wenn Polizei kommt!

Der Schloßherr


Der Schloßherr
(in "Märchen des Lebens", Berlin 1908)
Es waren auf einer riesigen Wiese im Parke schneeweiße und hellrote kleine, fast
geschlossene Tulpen, unregelmäßig verstreut und dennoch gedrängt, wie
Herbstzeitlosen auf Obstbaumwiesen. Und um diese rot-weiß getupfte Wiese herum war zwischen
dünnen schwarzen Gitternetzen ein breiter Kiesweg aus feinstem rotgelbem Sande. Und auf diesem
Sande spazierten Hunderte von rosenroten Flamingos mit ihren fadendünnen eleganten Beinen und
aristokratisch-elastischer Gangart, mitten zwischen den Spaziergängern des Gartens. Und diese
mußten acht haben, die Flamingos nicht zu beschädigen beim Dahinwandeln. Das Ganze war
eine Kaprice des Parkbesitzers, der gelähmt am Fenster saß des Schlosses.
Haben Herr Baron eine bestimmte Absicht gehabt mit dieser merkwürdigen
Veranstaltung?
Vielleicht. Aber ich kann sie in mir selbst nicht ergründen. Vielleicht möchte
ich den Menschen ihren plumpen Gang vorhalten...

Schubert


Schubert
(in "Nachfechsung", Berlin 1916)
Ü ber meinem Bette hängt ein Kohledruck des Bildes von Gustav Klimt: Schubert. Schubert
singt mit drei Wiener Mädchen Lieder zum Klavier beim Kerzenschein. Darunter steht von mir
geschrieben: Einer meiner Götter! Die Menschen schufen sich die Götter, um ihre
eigenen, in ihnen versteckten und unerfüllbaren Ideale dennoch irgendwie zu lebendigerem
Dasein zu erwecken!
Ich lese oft in Nigglis Schubert-Biographie. Sie will nämlich Schuberts Leben bringen,
nicht Nigglis Gedanken darüber!
Aber hundertmal habe ich die Stelle gelesen, Seite37. Er war nämlich Musiklehrer auf
dem Gute des Grafen Esterhazy in Zelesz, bei den ganz jungen Gräfinnen Marie und Karoline. An
Karoline verlor er aber sein Herz. Es entstanden daher seine Schöpfungen für Klavier zu
vier Händen. Nie erfuhr die junge Gräfin von seiner tiefen Neigung. Nur einmal, als sie
ihn neckte, er hätte ihr noch keine seiner Kompositionen gewidmet, erwiderte er: Wozu
denn?! Es ist ja ohnedies alles für Sie!
Wie wenn ein Herz in seiner Fülle, in seinem Grame sich eröffnete, und wieder sich
verschlösse für ewig---. Deshalb schlage ich oft Seite37 auf in
Nigglis Schubert-Biographie.

Spätherbst-Abend


Spätherbst-Abend
(in "Ashantee", Berlin 1897)
Herr Direktor - - -, sagte der Wächter des Tiergartens,
heute abend war ein Herr da, welcher sich nach Ihnen erkundigte. Dann ist er in eine der
leeren Hütten im oberen Dorfe getreten. Nach einer Viertelstunde ist er herausgekommen und ist
langsam weggegangen aus dem Garten.
Schon gut, Josef. Übrigens, die Hütten werden morgen abgebrochen--.
Wir brauchen Platz für die Seiltänzergesellschaft und den Ballon captif.

Spätsommer-Nachmittag


Spätsommer-Nachmittag
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Ich kann nur anziehen, nicht fesseln---, sagte sie.
Sie trug ein hellblaues weites Kleid mit weißen winzigen Pünktchen, einen braunen
Strohhut mit weißen Nelken---.
Da oben ist ein schöner Waldweg---, sagte er,
& uuml;berall kleine Felder von Disteln und lila Blumen und Birken, man geht schnurgerade,
und unten schlägt der Fluß weißen Schaum--.
Sie sah ihn an, wie wenn man sagt: Da möchtest du mit mir sein und den Duft meines
Kleides atmen---!?
Aber sie gingen nicht den schnurgeraden Weg mit den kleinen Lichtungen von Disteln, lila Blumen
und Birken, sondern sie tranken Kaffee en grande societé auf der feuchten Wiese an einem
rotbraunen Tische und spielten dann Federball--.
Die Haare des jungen Mädchens wurden feucht, und zarte Ringellöckchen schwebten an den
Schläfen--.
Sie war sehr schön - - -.
Es begann zu regnen - - -.
Die ungemähten Wiesen rochen stark wie Waldmeister im Mai. Die braunen Wege begannen zu
glänzen wie Glaserkitt. Die Kieselhaufen an der Straße wurden reingewaschen, und die
Pappeln erzitterten und tranken Regen---.
Sie trug den schönen Strohhut mit den weißen Nelken in der Hand, und er hielt den
Schirm über ihre braunen Haare wie eine gute sorgsame Mama-.
Dann gingen sie in das Klavierzimmer des Casino.
Ein kahler dunkler Raum, der nach Keller roch---.
Der Bruder des Mädchens spielte Chopin, Etüde As-Dur.
Es war wie See-Wellen, die singen, herangleiten und zerrinnen---.
Es wurde ganz dunkel.
Draußen an dem Fenster verneigten sich die Kastanienblätter vor den
Windstößen, und der Sturm machte. schschsch--. In der Ferne
schimmerte eine Glaslaterne--.
Drinnen glitt die As-Dur-Etüde heran, legte sich an die Herzen und
zerrann---.
Der Herr und die Dame rauchten--.
Man sah nur die glühenden Spitzen der Zigaretten
Er saß ganz nah bei ihr und bebte---.
Tanzen wir - - -, sagte sie.
Draußen verneigten sich die Kastanienblätter vor den Windstößen, die
Zigaretten leuchteten auf dem Fensterbrett, der Bruder spielte, und die zwei tanzten im Dunkel
langsam, lautlos dahin---.
Später sagte sie: Wie heißt diese Etüde, die du da früher gespielt
hast---?!
Chopin As-Dur - -, sagte der Klavierspieler. Dann fügte er hinzu:
Robert Schumann sagt Wunderbares über dieselbe. Warum fragst du?!
Nur so - - -.
Der junge Mann aber war wie in einer andern Welt--. Er fühlte auch Wunderbares
ü ber die As-Dur-Etüde, aber er konnte es nicht ausdrücken wie
Schumann---. Er sagte nur leise zu dem Mädchen: Meine gütige
Königin------!

Im Stadtpark


Im Stadtpark
(in "Neues Altes", Berlin 1911)
Als Kinder saßen wir Abend für Abend mit unsern geliebten Eltern im Stadtpark, im
Kursalon. Wir bekamen Eis und Hohlhippen und hatten keinerlei Sorgen. Der Vater geht nun seit
Jahren nicht aus seinem bequemen Zimmer mehr heraus, und die Mutter nicht aus dem bequemen
Totenschrein. Ich, glatzköpfig und sorgenvoll, komme nun in den Stadtpark, Kursalon, auf die
Terrasse, an denselben Tisch, an welchem wir einst sorgenlos mit den geliebten Eltern saßen.
Ich bestelle dasselbe Eis, Himbeerschokolade, wie als Kind, mit recht vielen und knisternden, also
frischen Hohlhippen. Vor mir die Gartenbeete wie einst, ein bißchen bunter, origineller. Ich
sehe Eltern mit ihren Kindern. Sie zanken und schelten. Unsre Eltern zankten und schalten nie, nie.
Vielleicht war es schlecht, daß sie es nie taten, aber sie hatten Achtung vor ihren eigenen
Erzeugnissen und Zuversicht! Wir haben sie enttäuscht; aber sie haben es hingenommen als
Schicksal und Verhängnis. Wir haben ihre Tränen, die sie um uns weinten, nie
gespürt---. Nun sitze ich, Glatzköpfiger, Sorgenvoller, wieder im
Stadtpark, im Kursalon, auf der Terrasse, an demselben Tisch wie einst mit den geliebten Eltern,
esse dieselbe Portion Himbeerschokolade wie einst, mit vielen knisternden, also frischen
Hohlhippen---. Die Gartenbeete, auf die ich herabblicke, sind ein wenig bunter,
origineller. Aber sonst hat sich nichts verändert, in den Zeiten vom dummen Kind zum
müden Mann! Ich sehe Eltern, die ihre Kinder im Park schelten; unsre Eltern schalten uns nie;
sie erhofften es, daß wir sie einst belohnen würden für ihre Güte; aber wir
taten es nicht. Wir hatten eine schöne Kinderzeit; so tauchen wir denn hinab in Erinnerungen,
da wir vom seienden Tage nicht leben können. Wir hatten allzu sanftmütige,
hoffnungsfreudige, schicksalsergebene Eltern. Es war ein Fluch und ein Segen! Man kann nun an
Zeiten zurückdenken, die paradiesisch waren--. Nicht jeder, der vor sich das
Dunkel sieht, kann liebevollen Herzens der lichten Zeiten dankbar sich
erinnern---.

Ich trinke Tee


Ich trinke Tee
(in "Pròdromos", Berlin 1906)
Sechs Uhr abends rückt heran. Ich spüre es heranrücken. Nicht so intensiv, wie
die Kinder den Weihnachtsabend heranrücken spüren. Aber immerhin. Punkt sechs Uhr trinke
ich Tee, ein feierliches Genießen ohne Enttäuschungen in diesem belasteten Dasein.
Etwas, was man sicher hat, man hat seine friedevolle Glückseligkeit in seiner eigenen Macht.
Es ist direkt unabhängig vom Schicksale. Schon das Eingießen des guten Hochquellwassers
in mein schönes weites Halblitergefäß aus Nickel macht mir Freude. Dann warte ich
das Sieden ab, den Sang des Wassers. Ich habe eine riesige halbkugelige tiefe Schale aus
ziegelrotem Wedgwood. Der Tee ist aus dem Café Central, duftet wie Almwiese,
wie Kohlröserl und Gräser im Sonnenbrande.
Der Tee ist goldgelb-strohgelb, niemals bräunlich, leicht und unbedrückend. Dazu
rauche ich eine Zigarette Chelmis, Hyksos. Ich trinke sehr, sehr langsam. Der Tee ist
ein inneres anregendes Nervenbad. Man trägt die Dinge leichter dabei. Man fühlt es, eine
Frau sollte eine solche Wirkung ausüben. Aber sie tut es niemals. Sie hat noch nicht die
Kultur friedereicher Sanftmütigkeiten, um wie ein edler warmer goldgelber Tee zu wirken. Sie
glaubt, sie verlöre dann etwa ihre Macht. Aber mein Tee sechs Uhr abends verliert niemals
seine Macht über mich. Ich sehne mich ihm täglich in gleicher Weise entgegen, und
liebevoll vermähle ich ihn meinem Organismus.

Der Trommler Belín


Der Trommler Belín
(aus "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Er saß mit seinem jungen Weibe bei Ronacher, Vergnügungs-Etablissement.
Er sagte Leuten, welche darüber Bemerkungen machen: Warum nicht!? Mich interessieren
die Zwischenglieder der Kunst. Und dann, gibt es nicht auch Prater-Buden?! Nun also!?
Um acht Uhr beginnt die Vorstellung. Tausend Glühlampen werden aufgedreht.
The Pickwicks. Fette Männer in hellblauen Tricots springen übereinander,
schwitzen.
Man hört gleichsam diese Lungen schreien: Oh, genug, laß
mich---.
Alles applaudiert. Die junge Frau denkt: Mühselige ---
Müh-unselige!
Ein kleines Mädchen wie ein rosa Zwirn arbeitet auf dem weißen Telephon-Draht.
Ein Dünnes im Kampfe mit einem Dünneren!
Müh - unselige!, sagt die junge Frau.
Drei Bären aus dunklen Wäldern produzieren sich. Einer singt etwas in seinen
Heimatstönen. Niemand versteht es. Es heißt: Ich war wild, wild houuuuu ich war
wild---!
Alles applaudiert.
Wie müh - unselig!, denkt die junge Frau.
Eine Pantomime La Puce. Es ist die stummer Geist gewordene
Gemeinheit.
Eine junge Dame in einem hellgrünen Seidenkleide entkleidet sich, um
la puce zu suchen, versäumt die
Zeit zum Rendez-vous. La puce als
Ehrenretter. La puce bekommt die Medaille. Hó, la puce---!
Alles applaudiert.
Die junge Frau fühlt: Mühselige - - -!
Der Trommel-Virtuose Belín.
Ein passendes Stück, ein Trommler - -, sagt jemand, ist es
amüsant?! Was kann er?! Trommeln?!
Das Publikum ruft ihm gleichsam entgegen: Ah, bonjour Herr
Trommler---!
Auf einem kleinen Gestelle liegt schief eine kleine Trommel.
Er kommt herein, in Frack und weißer Krawatte. Er hat ergrauende Locken.
Die Schlacht!:
Rataplàn ra ra ra ra - - - von ferne ziehen unabsehbare Scharen in Eilschritt heran,
Millionen, immer noch, immer noch, noch, noch, noch. Noch--! Sie schleichen, gleiten,
huschen, fliegen---. Pause.
Geschütz-Salve - - - ratà! Pause. Salve, Salve, Salve ---
ratatatà!
Die Schlacht singt ihr Lied, jauchzt, kreischt, brüllt, stöhnt, atmet
aus-----. Pause. Plötzlich beginnt ein furchtbarer Wirbel
---- Rrrràtaplan rrrràta rrrràta rrratatatà tà
tà tà tà --- trrrrrrrrrà! Der Todeskampf dieses Lebens:
Schlacht!
Orkan-Wirbel!
Er notzüchtigt das Ohr, spannt es, treibt es auseinander, schüttelt es, bricht es,
dringt in die Seele ein und macht erschauern---! Ein fürchterlicher Wirbel,
ein entsetzlicher, nachsichtsloser, grausamer, blutohriger Wirbel! Wird er nicht aufhören?! Er
hört nicht auf, rrrratà, prasselt herum, zerfetzt die Nerven, rrràtatatà!
Wirbel! Wirbel---!! Rrrratà! Alles wird über den Boden geblasen,
gemäht, vertilgt!
Schuß - - Schuß - - - - - - Schuß!
Rrrrrrrrràt-----. Die Schlacht ist gestorben.
Stille.
Der Mann im schwarzen Frack steht da, verbeugt sich, geht---.
Niemand applaudiert.
Ein schrecklicher Trommler - -, denkt man, er zerreißt das
Trommelfell.
Ein Genie des Handgelenkes ganz einfach--, sagt ein Aristokrat in
einer Loge.
Die junge Frau sitzt da, bleich - - -.
Du bist ganz geschreckt - -, sagt der Gatte, legt seine Hand sanft auf ihre Hand.
Napoleon - - -! sagt sie.
Wie?! sagt der Gatte.
Er hat wenig Applaus gehabt - - -, sagt sie, er wird vielleicht entlassen
werden---.
Nein - - -, sagt der Gatte, sie sind fix engagiert---.
Wie bleich du bist--.
Die junge Frau fühlt: Napoleon - - -!

Vergnügungslokal


Vergnügungslokal
(in "Fechsung", Berlin 1915)
Im Tabarin gaben die Herren an Blumen aus für das Fräulein Paula:
Lila gefüllte Nelken: 20 Kronen.
Ceriserote Rosenknospen: 30 Kronen.
Mimosa pudica, Büsche: 10 Kronen.
Weiß-grüne Schneeballen, Büsche: 10 Kronen.
Der Diener soll mir s' ins Auto nachtragen, gib ihm 3Kronen! Aber vorn, daß
die Leut' es sehn!
Am nächsten Morgen sagte das aschblonde wunderbare siebzehnjährige
Küchenmädchen zu mir: Schneeglöckerln gibt's schon, Jessas, wie bei uns in
Steinhaus, beim Waldsumpf, aber teuer
sein s' noch, 30Heller das Büscherl!

Verkehr zwischen Menschen


Verkehr zwischen Menschen
(in "Wie ich es sehe", 4. Aufl., Berlin 1904
Die beiden wohlbestallten Künstler saßen im kleinen Nachtcafé und besprachen
es emsig, wie brutal der Ichismus der Nebenmenschen wäre! Das Wort Ichismus
sprachen sie so aus, wie wenn sie sagten: Die übrige Menschheit sagt nämlich
Egoismus!
Da sagte das junge Fräulein: Was redt's denn da für an Unsinn zusammen, hm?!
Hat das an Sinn?! Hört's zu, meine Frau hat mich heute gepfändet! Gibt's das, eine
eigenhändige Pfändung?! Das gibt's nicht! Was?!
Bitte, wir sind keine Advokaten - - -.
Keine Advokaten?! Da schau her! Ein jeder gebildete Mensch muß wissen, daß es
eine eigenhändige Pfändung niemals nicht gibt! Wie stellt's ihr euch das vor?! Da
möchte die ganze Welt nichts tun als pfänden! Nur ein bissel nachdenken, meine Herren,
ja?!
Die Künstler besprachen es nun, daß der aufgeblasene HerrB. so erfüllt sei
von sich selbst, daß er nichts höre und nichts sehe, wie der Auerhahn auf dem
Fichtenaste. Nur habe er nicht immer die Entschuldigung sexueller Erregung für sich wie das
Biest!
Das Mädchen begann zu weinen über die eigenhändige Pfändung von seiten der
Frau. Sie erklärte nochmals den Herren, daß es eine eigenhändige Pfändung
niemals nicht gebe.
Die Herren sagten nun, daß sie es auch für ausgeschlossen hielten, und begannen daher
das Mädchen ein wenig abzuküssen, da sie sie infolge ihrer Zustimmung für ziemlich
getröstet wähnten.
Dieselbige war aber noch nicht soweit. Die Herren sagten ihr nun, daß sie ihren Beruf
verfehlt habe, sie sei eine Trauer-Dirne. Damit werde sie keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken.
Das Mädchen starrte vor sich hin und sagte: Eine eigenhändige Pfändung
gibt's nicht!
Die Künstler nahmen nunmehr eine teilnehmende Haltung an und sagten: Wieviel bist du
ihr denn eigentlich schuldig? Was wird es denn weiter sein?!
Das Mädchen erwiderte hoffnungsvoll: 35 Gulden!
Die Künstler: Was?! So eine Bagatelle?! Und da plärrt sie! Das kannst du ihr ja
leicht in Raten abzahlen!
Das Mädchen fühlte: Bagage, hängt euch auf!
Die Künstler berechneten es nun, daß bei Wochenraten von nur 5Gulden sie in
sieben Wochen damit komplett fertig sein könne. Komplett. Oder sie solle Monatsraten à
20 Gulden zahlen. Oder, noch besser, täglich einen Gulden. Sie einigten sich auf täglich
einen Gulden.
Das Mädchen saß da und weinte bitterlich.
Die Künstler wurden böse und gingen weg.
Draußen sagten sie: Soll man sich für jemanden einsetzen?! Da rechnet man sich
den Kopf heraus für fremde Leute! Was hat man davon?! Undank!
Der arme Kellner trat nun zu dem Mädchen hin: Sie, Fräul'n, heute um 8Uhr
früh fahren wir beide zusammen zu Gericht! Eine eigenhändige Pfändung gibt es
niemals nicht! Wir leben in einem Rechtsstaate!
Sie gingen miteinander nach Hause, um die Details zu präzisieren.
Es waren noch drei Stunden bis acht Uhr früh, welche Zeit sie ziemlich ausnutzten.
Um acht Uhr früh sagte ihr Ritter: Weißt was, Mizerl, mit die Gerichte soll
man nix anfangen. Die Frau wird's nicht so bös gemeint haben. Weißt was, Mizerl, zahl's
in Raten ab!
Das Mädchen war schon ganz ermattet, und wieder einschlummernd, sagte sie sanft:
Eine eigenhändige Pfändung gibt es niemals nicht. Was Schurschl?!

Vöslau


Vöslau
(in "Neues Altes", Berlin 1911)
Vöslau, eigentümlicher Ort, einzige wirkliche Sentimentalität, die ich habe.
Deine grünbefranste Station ist geblieben wie eh und je. Nur meine wunderschöne Mama, die
mich im Damenbade sorgsam auf ihren Armen wiegte, ist längst nicht mehr. Die Lindenblüten
rochen wunderbar, und das sonnengedörrte Holz der Kabinen und die Wäsche der triefenden
Schwimmanzüge. Der Kies brannte die zarten Kinder- und Frauensohlen. Vom Wald kam
Tannenharzduft, und von den Hausgärten kamen Millefleursgerüche. Meine Mama hielt mich
zärtlichst mitten im Teiche, der für mich ein Ozean war! Sie verschwendete ihre
romantische Zärtlichkeit an ein egoistisches, verständnisloses Kindchen, das ihren Hals
in Angst umklammerte. Wunderbar ist der eingedämmte Bach, von der Station aus bis zum Bade.
Links ungeheure üppige Wiesen, die zu nichts zu dienen scheinen und herrliches, dichtes
Unkraut produzieren, für nichts und wieder nichts. Der Wind rauscht eigentümlich in den
Tannen. Man hält es für einen mysteriösen Aufenthalt für Rekonvaleszenten,
für kleine zarte Mäderln. Es ist so ein Sanatorium für müde Menschen. Die
graublaue Ursprungsquelle von vierundzwanzig Grad Celsius ist wie lebenspendend. Sie spricht nicht
viel, sie murmelt und gewährt! Viele Hausgärten sind voll von Frieden und Pracht. Im
Cafégarten hart beim Bade ist es kühl vor Baumschatten wie in einem Keller. Daneben ein
unbekannter Park wie ein Urwald. Niemand hat ihn vielleicht je betreten, ihn gestört in seinen
ü berschüssigen Kräftespendungen! Wozu braucht man Brasilien und Lianenverstrickungen
und Blütendunst und Geranke?!? Dieser Park ist Urwald. Vöslau, immer noch, seit
fünfundvierzig Jahren, ist deine Station grünbefranst, und in dem Bache plätschern
lustig die Enten, die unmittelbar darauf abgestochen werden, denn der murmelnde Bach ist nur ein
letztes Reinigungsbad, gleichsam eine Vorleichenwaschung. Beim Bade duftet es nach
Lindenblüten. Nichts hat sich verändert. Nur meine Mama ist nicht mehr.

Im Volksgarten


Im Volksgarten
(in "Wie ich es sehe", 4. Aufl., Berlin 1904)
Ich möchte einen blauen Ballon haben! Einen blauen Ballon möchte ich
haben!
Da hast du einen blauen Ballon, Rosamunde!
Man erklärte ihr nun, daß darinnen ein Gas sich befände, leichter als die
atmosphärische Luft, infolgedessen etc. etc.
Ich möchte ihn auslassen---, sagte sie einfach.
Willst du ihn nicht lieber diesem armen Mäderl dort schenken?!?
Nein, ich will ihn auslassen---!
Sie läßt den Ballon aus, sieht ihm nach, bis er verschwindet in den blauen Himmel.
Tut es dir nun nicht leid, daß du ihn nicht dem armen Mäderl geschenkt
hast?!?
Ja, ich hätte ihn lieber dem armen Mäderl geschenkt!
Da hast du einen andern blauen Ballon, schenke ihr diesen!
Nein, ich möchte den auch auslassen in den blauen Himmel! -
Sie tut es.
Man schenkt ihr einen dritten blauen Ballon.
Sie geht von selbst hin zu dem armen Mäderl, schenkt ihr diesen, sagt: Du lasse ihn
aus!
Nein, sagt das arme Mäderl, blickt den Ballon begeistert an.
Im Zimmer flog er an den Plafond, blieb drei Tage lang picken, wurde dunkler, schrumpfte ein,
fiel tot herab als ein schwarzes Säckchen.
Da dachte das arme Mäderl: Ich hätte ihn im Garten auslassen sollen, in den
blauen Himmel, ich hätte ihm nachgeschaut, nachgeschaut---!
Währenddessen erhielt das reiche Mäderl noch zehn Ballons, und einmal kaufte ihr der
Onkel Karl sogar alle dreißig Ballons auf einmal. Zwanzig ließ sie in den Himmel
fliegen und zehn verschenkte sie an arme Kinder. Von da an hatten Ballons für sie
überhaupt kein Interesse mehr.
Die dummen Ballons - - -, sagte sie.
Und Tante Ida fand infolgedessen, daß sie für ihr Alter ziemlich vorgeschritten sei!
Das arme Mäderl träumte: Ich hätte ihn auslassen sollen, in den blauen
Himmel, ich hätte ihm nachgeschaut und nachgeschaut---!

Es geht zu Ende


Es geht zu Ende
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Sonniger Herbsttag - - -. An sonnigen Stellen Wärme, Hitze -- an schattigen Stellen
Keller-Kälte. Es duftet nach welken Blättern und frischer feuchter Erde. Auf den
Uferwiesen stehen kurze dünne helliotropefarbige Striche, Colchicum autumnale.
Braune Libellen baden im Sonnenlicht---.
Auf der weißen Straße zwischen den dunkelbraunen Holzbirnbäumen fährt der
Herzog mit seinem Sohne in einer offenen Equipage. Ein Tigerfell liegt über ihre
Füße. Wie sie an dem kleinen sonnengebadeten Friedhofe vorbeikommen, ziehen sie tief die
Hüte ab.
Der Diener am Bock macht das Kreuz.
Nur der fette Kutscher sitzt unbeweglich -- er ist im Amte. Er starrt auf die weiße
sonnige Straße mit den Herbstblättern---.
Im Garten einer Villa blühen rote und gelbe Georginen.
Auf einer Bank, in der Herbstsonne, sitzt ein junges Mädchen.
Es träumt: Wird man heuer Ballkleider rund ausgeschnitten tragen?!
Die Georginen werden in allen Farben gezogen - das sind die Harmonien der Kultur.
Im herzoglichen Garten stehen sie in dicken Büschen, rot und gelb gesprenkelt, weiß
und lila, rosa und rostrot, wie Bordeaux-Wein und Safran, wie Alpenglühen und
Zimtfarbe---.
Die Equipage fährt ein durch das schmiedeeiserne Gittertor mit den goldenen Rosetten. Der
Diener springt vom Bock. Der alte Herzog und der junge Herzog steigen aus. Der Diener verbeugt sich
tief.
Nur der fette Kutscher sitzt unbeweglich. Er starrt auf die weiße sonnige Allee mit ihren
Herbstblättern---.
Die hellen Birken zittern. In den Lüften schreien die Krähen kraa --
kraa!
Die Georginen stehen da in allen Farben, die hellen glänzen wie Butter, die dunklen sind
matt wie Samt.
Hochadel und Villenbesitzer! Ihr sitzt noch in den Gärten in der Herbstsonne und fahrt auf
den Landstraßen in den Equipagen---! Ihr dürft noch die goldenen
Lichter der letzten Herbsttage trinken, ihr, die Georginen und die Krähen ---
krââ!

Zwölf


Zwölf
(in "Wie ich es sehe", Berlin 1896)
Das Fischen muß sehr langweilig sein, sagte ein Fräulein, welche davon
so viel verstand wie die meisten Fräulein.
Wenn es langweilig wäre, täte ich es ja nicht, sagte das Kind mit den
braunblonden Haaren und den Gazellenbeinen.
Sie stand da, mit dem großen unerschütterlichen Ernst des Fischers. Sie nahm das
Fischlein von der Angel und schleuderte es zu Boden.
Das Fischlein starb - - -.
Der See lag da, in Licht gebadet und flimmernd. Es roch nach Weiden und dampfenden verwesenden
Sumpfgräsern. Vom Hotel her hörte man das Geräusch von Messern, Gabeln und Tellern.
Das Fischlein tanzte am Boden einen kurzen originellen Tanz wie die wilden Völker
--- und starb.
Das Kind angelte weiter, mit dem großen unerschütterlichen Ernst des Fischers.
Je ne permettrais jamais, que ma fille s'adonnât à une occupation si
cruelle, sagte eine Dame, welche in der Nähe saß.
Das Kind nahm das Fischlein von der Angel und schleuderte es wieder zu Boden, in die Nähe
der Dame.
Das Fischlein starb - - -. Es schnellte empor und fiel tot nieder -- ein einfacher sanfter
Tod! Es vergaß sogar zu tanzen, es marschierte ohne weiteres ab---.
Oh - - -, sagte die Dame.
Und doch lag im Antlitz des grausamen braunblonden Kindes eine tiefe Schönheit und eine
künftige Seele---.
Das Antlitz der edlen Dame aber war verwittert und bleich---.
Sie wird niemandem mehr Freude geben, Licht und Wärme---.
Darum fühlte sie mit dem Fischlein.
Warum soll es sterben, wenn es noch Leben in sich hat---?!
Und doch schnellt es empor und fällt tot nieder --- ein einfacher sanfter Tod.
Das Kind angelt weiter, mit dem großen unerschütterlichen Ernst des Fischers. Es ist
wunderschön, mit seinen großen starren Augen, seinen braunblonden Haaren und seinen
Gazellenbeinen.
Vielleicht wird es auch einst das Fischlein bemitleiden und sagen: Je ne permettrais
jamais, que ma fille s'adonnât à une occupation si cruelle---!
Aber diese zarten Regungen der Seele erblühen erst auf dem Grabe aller zerstörten
Träume, aller getöteten Hoffnungen---.
Darum angle weiter, liebliches Mädchen!
Denn, nichts bedenkend, trägst du noch dein schönes Recht in dir---!
Töte das Fischlein und angle!

 

über Peter Altenberg

 

 

 

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