Charles Dickens - Die Geschichte des Schuljungen
Da ich jetzt noch ziemlich jung bin – ich nehme zwar zu an Jahren,
aber
jetzt bin ich immerhin noch ziemlich jung –, so weiß ich
keine eigenen
Abenteuer, die ich vorbringen könnte. Es würde, glaube ich,
niemand unter
den Anwesenden besonders interessieren, zu erfahren, was für ein
Geizkragen
der Reverend oder was für ein Drache sie ist, oder was sie alles
den Eltern
auf die Rechnung setzen – besonders für Haarschneiden und
für ärztlichen
Beistand. Einem unserer Jungen wurden auf seiner Halbjahresrechnung zwölf
Schilling und sechs Pence für zwei Pillen berechnet – bei
sechs Schilling
und drei Pence das Stück müssen sie ziemlich einträglich
sein, sollte ich
meinen –, und er nahm sie nicht einmal, sondern steckte sie in
seinen
Rockärmel.
Was den Rinderbraten angeht, so ist es eine Schande. Das ist kein
Rinderbraten. Richtiger Rinderbraten besteht nicht aus Adern. Richtigen
Rinderbraten kann man kauen. Außerdem gibt es zu richtigem Rinderbraten
Sauce, und bei unserem ist niemals ein Tropfen zu sehen. Einer unserer
Jungen fuhr krank nach Hause, und er hörte den Hausarzt zu seinem
Vater
sagen, daß er keinen Grund für seine Krankheit finden könne,
wenn es nicht
das Bier wäre. Natürlich war es das Bier, und das ist ganz
begreiflich!
Jedoch Rinderbraten und der alte Cheeseman sind zwei verschiedene Dinge.
Ebenso das Bier. Von dem alten Cheeseman wollte ich erzählen, nicht
davon,
wie unsere Jungen des Gewinns wegen um ihre Gesundheit gebracht werden.
Man braucht sich da bloß die Pastetenkruste anzusehen. Sie ist
nicht
locker, sondern fest wie feuchtes Blei. Dann bekommen unsere Jungen
Alpdrücke und werden mit Kissen beworfen, weil sie im Schlaf schreien
und
andere Jungen aufwecken. Ist das etwa ein Wunder?
Der alte Cheeseman schlafwandelte eines Nachts. Er stülpte sich
den Hut
ü
ber die Nachtmütze, ergriff eine Angelrute und ein Kricketschlagholz
und
ging ins Wohnzimmer hinunter, wo man ihn begreiflicherweise nach seinem
Aussehen für ein Gespenst hielt. Er hätte das bestimmt nicht
getan, wenn
sein Essen bekömmlich gewesen wäre. Wenn wir erst alle anfangen,
im Schlaf
zu wandeln, wird ihnen endlich das Gewissen schlagen, denke ich.
Der alte Cheeseman war damals noch nicht zweiter Lateinlehrer; er war
bloß
einer von den Jungen. Er wurde als ganz kleines Kind in einer Postkutsche
dorthin gebracht von einer Frau, die ständig Tabak schnupfte und
ihn
schüttelte – das war alles, woran er sich erinnern konnte.
Er ging niemals
in den Ferien nach Hause. Seine Rechnungen (er nahm niemals an
Sonderfächern teil) wurden an eine Bank geschickt, und die Bank
bezahlte
sie. Zweimal im Jahr bekam er einen braunen Anzug, und mit zwölf
Jahren zog
er schon Stiefel an. Sie waren ihm außerdem stets zu groß.
In den Sommerferien pflegten einige von unseren Jungen, die so nahe
wohnten, daß sie zu Fuß gehen konnten, zurückzukommen
und an den Bäumen vor
der Spielplatzmauer hochzuklettern, um den alten Cheeseman allein beim
Lesen zu sehen. Er war immer so mild wie der Tee – und ich denke,
der ist
mild genug! –, und wenn sie ihm pfiffen, so blickte er auf und
nickte. Und
wenn sie ihn fragten: »Hallo, alter Cheeseman, was hat's zu essen
gegeben?«
so sagte er: »Gesottenes Hammelfleisch«; und wenn sie fragten: »Ist
es
nicht recht einsam, alter Cheeseman?« so sagte er: »Es ist
manchmal ein
bißchen langweilig. « Und dann sagten sie: »Also auf
Wiedersehen, alter
Cheeseman! « und kletterten wieder hinunter. Natürlich war
es ein Betrug an
dem alten Cheeseman, ihm die ganzen Ferien hindurch nichts als gesottenes
Hammelfleisch vorzusetzen; aber so war das System. Wenn sie ihm kein
gesottenes Hammelfleisch gaben, verabreichten sie ihm Reispudding und
behaupteten, das wäre ein besonderer Leckerbissen. Und sparten auf
diese
Weise den Fleischer.
So ging das Leben des alten Cheeseman. Die Ferien brachten für
ihn noch
andere Beschwerden mit sich, außer der Einsamkeit. Denn wenn die
Jungen
widerwillig zurückkamen, freute er sich stets, sie zu sehen. Das
war
ä
rgerlich für sie, da sie sich durchaus nicht freuten, ihn zu sehen,
und
infolgedessen schlug man ihn mit dem Kopf gegen die Wände, und er
bekam
Nasenbluten. Aber im allgemeinen war er doch beliebt. Einmal wurde eine
Sammlung für ihn veranstaltet, und um ihn bei guter Laune zu halten,
bekam
er vor den Ferien zwei weiße Mäuse, ein Kaninchen, eine Taube
und ein
hübsches Hündchen geschenkt. Der alte Cheesernan weinte darüber – besonders
nachher, als sie alle einander aufgefressen hatten. Übrigens war
der alte
Cheeseman nicht alt an Jahren, sondern er hatte bloß von Anfang
an den
Spitznamen ›alter Cheeseman‹ erhalten.
Schließlich wurde der alte Cheeseinan zweiter Lateinlehrer. Eines
Morgens
zu Beginn eines neuen Halbjahrs wurde er ins Zimmer geleitet und in dieser
Eigenschaft als »Mr. Cheeseman« der Schule vorgestellt. Daraufhin
waren
unsere Jungen einstimmig der Ansicht, daß der alte Cheeseman ein
Spion und
Verräter war, der ins feindliche Lager übergegangen war und
sich für Gold
verkauft hatte. Es entlastete ihn nicht, daß er sich um sehr wenig
Gold
verkauft hatte – zwei Pfund zehn Schilling im Vierteljahr und die
Wäsche,
wie berichtet wurde. Ein Parlament, das darüber tagte, entschied,
daß bei
dem alten Cheeseman nur von Geldrücksichten die Rede sein konnte
und daß er
»
unser Blut für Drachmen gemünzt« hätte. Das Parlament
entlehnte diesen
Ausdruck der Streitszene zwischen Brutus und Cassius.
Nachdem es mit diesen starken Worten ein für allemal ausgemacht
war, daß
der alte Cheeseman ein fürchterlicher Verräter war, der sich
in die
Geheimnisse unserer Jungen absichtlich eingeschlichen hatte, um sich
durch
Angeberei in Gunst zu setzen, wurden alle mutigen Jungen aufgefordert,
sich
zu einem Bund gegen ihn zusammenzuschließen. Die Präsidentschaft
des Bundes
ü
bernahm der Primus namens Bob Tarter. Sein Vater war in Westindien, und
er
sagte selbst, daß sein Vater millionenreich wäre. Er besaß großen
Einfluß
unter unseren Jungen, und er schrieb ein Spottlied, das folgendermaßen
begann:
»Wer stellte sich so sanft und zahm,
Daß man kaum seine Stimm' vernahm,
Und war doch ein Verräter?
Der Cheeseman-Missetäter.«
So ging es durch mehr als ein Dutzend Strophen weiter, die er jeden
Morgen
dicht am Pult des neuen Lehrers zu singen pflegte. Auch richtete er einen
der kleinen Jungen, einen rotbackigen Frechdachs, der zu allem imstande
war, ab, eines Morgens mit seiner lateinischen Grammatik zu ihm hinzugehen
und seine Lektion folgendermaßen aufzusagen:
»Nominativus pronominum – der alte Cheeseman, raro exprimitur – wurde
niemals beargwöhnt, nisi distinctionis – ein Verräter
zu sein, aut emphasis
gratia – bis er sich als ein solcher herausstellte. Ut – zum
Beispiel, vos
damnastis – als er die Jungen verklatschte. Quasi – gleich
als ob, dicat –
er sagte, praeterea nemo – ich bin ein Judas! «
Das alles machte auf den alten Cheeseman tiefen Eindruck. Er hatte niemals
viel Haare gehabt; aber die wenigen, die er besaß, wurden mit jedem
Tag
dünner. Er wurde blasser und magerer, und bisweilen sah man ihn
abends an
seinem Pult sitzen, wie er die Hände vors Gesicht geschlagen hielt
und
weinte, während seine Kerze eine anständig lange Lichtschnuppe
aufwies.
Aber kein Teilnehmer des Bundes konnte ihn bemitleiden, selbst wenn er
dazu
Neigung verspürte, weil der Präsident sagte, es wäre des
alten Cheesemans
Gewissen.
So ging es mit dem alten Cheeseman weiter, und er führte wahrlich
ein
trauriges Leben! Natürlich behandelte ihn der Reverend von oben
herab und
natürlich tat sie das gleiche – weil sie sich beide allen
Lehrern gegenüber
stets so verhalten –, aber von den Jungen hatte er am meisten auszustehen,
und zwar in einem fort. Der Bund konnte nicht herausfinden, daß er
es
angegeben hätte; aber man dachte deshalb nicht besser von ihm, weil
der
Präsident sagte, es wäre des alten Cheesemans Feigheit.
Er hatte nur ein Wesen in der Welt, mit dem er auf freundschaftlichem
Fuße
stand, aber dieses war fast ebenso machtlos wie er, denn es war nur Jane.
Sie war eine Art Garderobenmädchen für unsere Jungen und hatte
die Koffer
in ihrer Obhut. Sie war zuerst als eine Art Lernende ins Haus gekommen –
einige von unseren Jungen behaupteten, aus einem Findelhaus, aber darüber
weiß ich nichts –, und nachdem ihre Zeit um war, war sie
für so und so viel
jährlich dageblieben. So wenig jährlich, sollte ich eher sagen,
denn das
ist viel wahrscheinlicher. Doch hatte sie ein paar Pfund auf der Sparkasse
und war ein sehr nettes Mädchen. Sie war nicht gerade hübsch,
aber sie
hatte ein sehr offenes, ehrliches, freundliches Gesicht, und alle unsere
Jungen hatten sie gern. Sie war ungewöhnlich sauber und fröhlich
und
ungewöhnlich freundlich und gutmütig. Und wenn einem Jungen
die Mutter
krank wurde, so ging er stets zu Jane und zeigte ihr den Brief.
Jane war die Freundin des alten Cheeseman. Je mehr der Bund gegen ihn
vorging, desto treuer hielt sie zu ihm. Manchmal warf sie ihm von dem
Fenster ihrer Vorratskammer aus einen freundlichen Blick zu, der ihm
für
den ganzen Tag Mut zu geben schien. Sie pflegte aus dem Obst- und
Gemüsegarten (dessen Tür immer verschlossen ist, das könnt
ihr mir
glauben!) über den Spielplatz zu gehen, obwohl sie einen anderen
Weg hätte
wählen können, bloß um sich nach dem alten Cheeseman
umzuwenden, als wollte
sie ihm sagen: »Bleib guten Mutes! « Sein Kämmerchen
war so sauber und
ordentlich, daß jeder wissen konnte, wer danach sah, während
er an seinem
Platz saß; und wenn unsere Jungen beim Essen einen dampfenden Kloß auf
seinem Teller sahen, dann war es ihnen zu ihrer Entrüstung klar,
wer ihn
heraufgeschickt hatte.
Unter diesen Umständen beschloß der Bund nach vielen Sitzungen
und
Beratungen, daß Jane aufgefordert werden sollte, den alten Cheeseman
zu
schneiden. Wenn sie sich aber weigerte, sollte sie selbst in Verruf
gebracht werden. So wurde eine Deputation unter Führung des Präsidenten
an
Jane abgesandt, um ihr den Beschluß mitzuteilen, den der Bund zu
seinem
schmerzlichen Bedauern hätte fassen müssen. Sie war wegen ihrer
vielen
guten Eigenschaften sehr geachtet, und es gab eine Geschichte von ihr,
daß
sie einst dem Reverend in seinem eigenen Studierzimmer aufgelauert und
aus
ihrem guten Herzen heraus eine schwere Strafe von einem Jungen abgewendet
hatte. So war der Deputation bei der Sache nicht besonders wohl zumute.
Doch ging sie nach oben, und der Präsident teilte Jane alles mit.
Diese
bekam einen roten Kopf und brach in Tränen aus. Dann sagte sie dem
Präsidenten und der Deputation in einer Art, die von ihrer sonstigen
Weise
ganz und gar abwich, sie wären eine Gesellschaft von boshaften jungen
Wilden, und wies die ganze ehrenwerte Körperschaft aus dem Zimmer.
Infolgedessen wurde in das Buch des Bundes (das aus Furcht vor Entdeckung
in einer Geheimschrift geführt wurde) eingetragen, daß jeder
Umgang mit
Jane verboten wäre. Der Präsident aber richtete eine Ansprache
an die
Mitglieder, in der er sie auf dieses überzeugende Beispiel der Wühlarbeit
des alten Cheeseman hinwies.
Aber Jane war dem alten Cheeseman ebenso treu, wie der alte Cheeseman
gegen
unsere Jungen treulos war – wenigstens ihrer Meinung nach. So hielt
sie
standhaft zu ihm und blieb seine einzige Freundin. Das ärgerte die
Mitglieder des Bundes sehr, denn Jane war für sie ein ebenso großer
Verlust
wie für ihn ein Gewinn. Sie waren erbitterter gegen ihn und behandelten
ihn
schlechter denn je. Schließlich war eines Morgens sein Pult verlassen,
und
als man in sein Zimmer blickte, war es leer. Da bekamen unsere Jungen
blasse Gesichter und ein Flüstern ging unter ihnen, daß der
alte Cheeseman,
außerstande, es noch länger auszuhalten, früh aufgestanden
wäre und sich
ins Wasser gestürzt hätte.
Die geheimnisvollen Mienen der übrigen Lehrer beim Frühstück
und die
Tatsache, daß der alte Cheeseman offenbar nicht erwartet wurde,
bekräftigten den Bund in dieser Ansicht. Einige begannen zu disputieren,
ob
der Präsident den Galgen oder bloß lebenslängliche Deportation
verwirkt
hätte, und im Gesicht des Präsidenten war die angstvolle Frage
zu lesen,
welches von beiden es sein würde. Jedoch äußerte er sich,
daß er einer Jury
seines Vaterlandes mutig gegenübertreten würde. In seiner Ansprache
an die
Geschworenen würde er sie auffordern, die Hand aufs Herz zu legen
und zu
bekennen, ob sie als Briten mit Angeberei einverstanden wären und
wie sie
selbst etwas Derartiges aufgenommen haben würden. Einige Mitglieder
des
Bundes meinten, daß er lieber davonlaufen und in einem Wald mit
einem
Holzhauer die Kleider tauschen und sein Gesicht mit Heidelbeeren schwärzen
sollte. Die Majorität aber glaubte, wenn er tapfer standhielte,
dann könnte
ihn sein Vater – da er doch in Westindien lebte und millionenreich
war –
loskaufen.
Alle unsere Jungen hatten Herzklopfen, als der Reverend hereinkam und
mit
dem Lineal eine Art Römer oder Feldmarschall aus sich machte. Das
tat er
stets, bevor er eine Ansprache hielt. Aber ihre Furcht war nichts gegen
ihr
Erstaunen, als er mit der Geschichte herausrückte, daß der
alte Cheeseman,
»
so lange unser geehrter Freund und Wandergenosse in den angenehmen
Gefilden der Wissenschaft«, wie er ihn nannte – jawohl! da
war viel davon
zu spüren gewesen! –, das verwaiste :Kind einer enterbten
jungen Dame war,
die gegen ihres Vaters Willen geheiratet hatte und deren Gatte jung
gestorben war und die selbst vor Kummer gestorben war und deren
unglückliches Kind (eben der alte Cheeseman) auf Kosten eines Großvaters
erzogen worden war, der es niemals sehen wollte, als Kind, als Knaben
oder
als Mann. Dieser Großvater war nun tot, und das geschieht ihm recht – das
füge ich hinzu –, und sein großes Vermögen, über
das es kein Testament gab,
gehörte nun plötzlich und für immer dem alten Cheeseman!
Der Reverend
schloß eine Menge langweiliger Zitate mit der Mitteilung, daß unser
so
lange geehrter Freund und Wandergenosse in den angenehmen Gefilden der
Wissenschaft heute in vierzehn Tagen »noch einmal unter uns weilen« würde.
Er wolle dann noch einmal Abschied von uns nehmen. Mit diesen Worten
blickte er unsere Jungen streng an und ging aus dem Zimmer.
Das gab eine nette Verblüffung unter den Mitgliedern des Bundes.
Viele
wollten austreten, und viele andere versuchten nachzuweisen, daß sie
niemals dazu gehört hätten. Jedoch setzte sich der Präsident
aufs hohe Roß
und sagte, daß sie zusammenstehen oder fallen müßten.
Wenn ein Bruch im
Bund entstehen sollte, so ginge der Weg dazu nur über seine Leiche.
Damit
glaubte er den Mitgliedern Mut einzuflößen, aber es nützte
nichts. Er fügte
noch hinzu, daß er sich ihre Lage überlegen und ihnen in einigen
Tagen nach
bestem Wissen und Gewissen raten wolle. Alle waren darauf begierig, denn
er
hatte schon allerhand von der Welt zu sehen bekommen, da sein Vater in
Westindien lebte.
Nach tagelangem eifrigem Nachdenken, während dessen er ganze Armeen
auf
seine Schreibtafel gezeichnet hatte, rief der Präsident unsere Jungen
zusammen und setzte ihnen die ganze Sache auseinander. Wenn der alte
Cheeseman an dem bestimmten Tage käme, meinte er, so würde
seine erste
Rache sicherlich sein, den Bund anzuzeigen und dafür zu sorgen,
daß sie
alle tüchtige Prügel bekämen. Er würde sich an den
Qualen seiner Feinde
weiden und sein Herz an den Schreien erfreuen, die der Schmerz ihnen
erpressen würde. Dann aber würde er aller Wahrscheinlichkeit
nach den
Reverend angeblich zu einer freundschaftlichen Unterhaltung in ein
Privatzimmer einladen – etwa das Sprechzimmer, wo die Eltern empfangen
wurden und wo die beiden großen Globusse standen, die nie benutzt
wurden –
und ihm dann die vielen Betrügereien und Qualen, die er von ihm
hatte
erdulden müssen, vorwerfen. Am Schluß seiner Bemerkungen würde
er einem im
Korridor versteckten Preisboxer ein Zeichen geben. Dieser würde
daraufhin
erscheinen und den Reverend bearbeiten, bis er besinnungslos liegenbleiben
würde. Dann würde der alte Cheeseman Jane ein Geschenk von
etwa fünf bis
zehn Pfund machen und in teuflischem Triumph das Haus verlassen.
Der Präsident erklärte, daß er gegen den Teil dieser
Anordnungen, der das
Sprechzimmer oder Jane betraf, nichts einzuwenden hätte. Soweit
aber der
Bund in Frage käme, riete er zum Widerstand bis in den Tod. Zu diesem
Zweck
empfahl er, daß alle verfügbaren Pulte mit Steinen gefüllt
werden sollten
und daß das erste Wort einer Klage das Signal für jedes Mitglied
sein
sollte, dem alten Cheeseman einen an den Kopf zu schleudern. Der kühne
Rat
versetzte den Bund in bessere Stimmung und wurde einstimmig angenommen.
Ein
Pfahl, annähernd von der Größe des alten Cheeseman, wurde
auf dem
Spielplatz aufgepflanzt, und alle unsere Jungen übten sich daran,
bis er
ganz mit Abdrücken bedeckt war.
Als der Tag kam und die Jungen aufgerufen wurden, setzte sich jeder
zitternd auf seinen Platz. Es hatte viele Debatten darüber gegeben,
wie der
alte Cheeseman erscheinen würde. Die vorherrschende Ansicht war,
daß er in
einer Art Triumphwagen mit vier Pferden ankommen würde, vorn zwei
Diener in
Livree und der Preisboxer in Verkleidung hintendrauf. So saßen
alle unsere
Jungen da und lauschten auf das Rasseln von Wagenrädern. Aber es
ließen
sich keine Räder vernehmen, denn der alte Cheeseman kam schließlich
zu Fuß
und betrat ohne jede Vorbereitung die Schule. Er sah so ziemlich aus
wie
immer, nur daß er schwarz gekleidet war.
»Gentlernen«, sagte der Reverend, ihn vorstellend, »unser
so lange geehrter
Freund und Wandergenosse in den angenehmen Gefilden der Wissenschaft
wünscht ein paar Worte zu sprechen. Aufgepaßt, Gentlemen,
alle!«
Jeder Junge fuhr verstohlen mit der Hand in sein Pult und blickte auf
den
Präsidenten. Der Präsident war vollkommen bereit und zielte
bereits mit
seinen Augen nach dem alten Cheeseman.
Was aber tat der alte Cheeseman? Ging er nicht an sein altes Pult und
sah
sich mit einem sonderbaren Lächeln in der Runde um, als hätte
er eine Träne
im Auge? Und dann begann er mit milder, zitternder Stimme: »Meine
lieben
Kameraden und alten Freunde! «
Jeder Junge zog seine Hand aus dem Pult und der Präsident begann
plötzlich
zu weinen.
»Meine lieben Kameraden und alten Freunde«, sagte der alte
Cheeseman, »ihr
habt von meinem Glück gehört. Ich habe so viele Jahre unter
diesem Dach
zugebracht – ich darf sagen, mein ganzes bisheriges Leben –,
daß ich hoffe,
ihr habt euch um meinetwillen darüber gefreut. Es könnte mich
niemals
glücklich machen, wenn ihr mir nicht Glück gewünscht hättet.
Wenn es jemals
ü
berhaupt ein Mißverständnis zwischen uns gegeben hat, dann
bitte ich,
meine lieben Jungen, wir wollen es vergeben und vergessen. Ich habe eine
große Zuneigung zu euch und bin sicher, daß ihr sie erwidert.
Ich möchte
aus dankerfülltem Herzen jedem einzelnen von euch die Hand schütteln.
Ich
bin zu diesem Zweck zurückgekommen, wenn es euch recht ist, meine
lieben
Jungen.«
Als der Präsident zu weinen begonnen hatte, hatten verschiedene
andere
Jungen hier und dort ebenfalls losgeheult. Jetzt aber begann der alte
Cheeseman bei ihm als dem Primus, legte ihm die Linke liebevoll auf die
Schulter und gab ihm die Rechte; und als der Präsident da sprach: »Ich
verdiene das wirklich nicht, Sir; bei meiner Ehre, ich verdiene das nicht«,
da schluchzte und heulte die ganze Schule. Jeder einzelne von den übrigen
Jungen sagte in fast derselben Weise, er verdiene es nicht. Aber der
alte
Cheeseman kehrte sich nicht im mindesten daran; er trat fröhlich
auf jeden
Jungen zu und schloß mit den Lehrern – wobei der Reverend
als letzter
drankam.
Darauf ließ ein schnüffelnder kleiner Bengel in einer Ecke,
der immer
irgendeine Strafe abzubüßen hatte, einen schrillen Schrei
laut werden:
»
Viel Glück dem alten Cheeseman! Hurra!« Der Reverend starrte
nach ihm hin
und sagte: »Mr. Cheeseman, Sir.« Da jedoch der alte Cheeseman
beteuerte,
daß ihm sein alter Name viel mehr zusage als sein neuer, so nahmen
alle
unsere Jungen den Ruf auf, und ein paar Minuten lang gab es ein solch
donnerndes Händeklatschen und Getrampel und ein solches Gebrüll »alter
Cheeseman«, wie es noch nie vernommen worden war.
Im Speisezimmer stand eine prachtvoll gedeckte Tafel bereit. Geflügel,
Räucherzungen, Konserven, Obst, Zuckerzeug, Gelees, Punsch, Tempel
aus
Gerstenzucker, Knallbonbons – eßt, soviel ihr könnt,
und steckt ein, soviel
ihr mögt –, alles auf Kosten des alten Cheeseman. Darauf Trinksprüche,
den
ganzen Tag frei, alle möglichen Dinge für alle möglichen
Spiele in
doppelter und dreifacher Anzahl, Eselreiten, Ponywagen zum
Selbstkutschieren und ein Diner für sämtliche Lehrer in den »Sieben
Glocken«, zwanzig Pfund das Gedeck, schätzten unsere Jungen.
Außerdem wurde
ein jährlicher freier Tag und Festschmaus für dieses Datum
festgesetzt und
ein zweiter an dem Geburtstag des alten Cheeseman. Der Reverend wurde
vor
den versammelten Jungen dazu verpflichtet, so daß er sich niemals
darum
drücken kann. Und alles auf Kosten des alten Cheeseman.
Und gingen unsere Jungen nicht alle zusammen nach den »Sieben
Glocken« und
brachen draußen Hochrufe aus?
Aber außerdem gab es noch etwas. Seht noch nicht nach dem nächsten
Erzähler, denn es kommt noch etwas. Am nächsten Tag wurde der
Entschluß
gefaßt, daß der Bund sich mit Jane aussöhnen und dann
aufgelöst werden
sollte. Was sagt ihr aber dazu, daß Jane fort war? »Was?
Fort für immer?«
fragten unsere Jungen mit langen Gesichtern. »Ja, allerdings«,
war die
ganze Antwort, die sie bekamen. Niemand von den Leuten im Haus wollte
mehr
sagen. Schließlich unternahm es der Primus, den Reverend zu fragen,
ob
unsere alte Freundin Jane wirklich fort war. Der Reverend (er hat eine
Tochter zu Hause – rotes Gesicht und Stülpnase) erwiderte
streng: »Ja, Sir,
Miß Pitt ist fort. « So ein Einfall, Jane Miß Pitt
zu nennen! Einige
sagten, sie wäre in Schande davongejagt worden, weil sie von dem
alten
Cheeseman Geld angenommen hätte. Andere meinten, sie wäre für
zehn Pfund im
Jahr mehr bei dem alten Cheeseman in Dienst getreten. Aber jedenfalls
wußten unsere Jungen nur das eine mit Bestimmtheit, daß sie
fort war.
Es war zwei oder drei Monate später, als eines Nachmittags ein
offner Wagen
an dem Kricketfeld gerade an den Grenzlinien haltmachte. Darin waren
eine
Dame und ein Gentleman, die dem Spiel lange Zeit zuschauten und sogar
aufstanden, um besser sehen zu können. Niemand kümmerte sich
viel um sie,
bis derselbe schnüffelnde kleine Bengel gegen alle Regeln von dem
Pfahl, wo
er Ballfänger war, ins Feld gelaufen kam und sagte: »Es ist
Jane. « Beide
Elfermannschaften hatten im selben Augenblick das Spiel vergessen, liefen
herzu und drängten sich um den Wagen. Es war auch wirklich Jane!
Und in was
für einem Hut! Und wenn ihr mir glauben wollt – Jane war mit
dem alten
Cheeseman verheiratet!
Es wurde bald ein gewohnter Anblick, wenn unsere Jungen gerade mitten
im
Spiel waren, daß ein Wagen an der Ecke der Mauer, wo der niedrige
Teil in
den höheren übergeht, hielt und eine Dame und ein Gentleman
darin standen
und hinüberblickten. Der Gentleman war stets der alte Cheeseman
und die
Dame war stets Jane.
Das erstemal, daß ich sie zu Gesicht bekam, sah ich sie so: Es
hatte damals
häufige Wechsel unter unseren Jungen gegeben, und es hatte sich
herausgestellt, daß Bob Tarters Vater durchaus keine Millionen
besaß! Er
besaß überhaupt nichts. Bob war Soldat geworden und der alte
Cheeseman
hatte seine Schulrechnung bezahlt. Aber ich wollte von dem Wagen erzählen.
Der Wagen hielt, und alle unsere Jungen hielten im Spielen inne, sobald
sie
seiner ansichtig wurden.
»So habt ihr mich also doch nicht in Verruf gebracht! « sagte
die Dame
lachend, als unsere Jungen die Mauer hinaufkletterten, um ihr die Hand
zu
schütteln. »Wollt ihr das niemals tun? «
»Niemals! Niemals! Niemals! « von allen Seiten.
Ich verstand damals nicht, was sie damit meinte, aber jetzt verstehe
ich es
natürlich. Jedoch gefiel mir ihr Gesicht und ihre freundliche Art
sehr, und
ich mußte sie immer angucken – und auch ihn –, während
alle unsere Jungen
sich so fröhlich um sie drängten.
Sie fragten bald nach mir als einem neuen Jungen; so dachte ich, ich
könnte
ebensogut die Mauer hinaufklettern und ihnen die Hände schütteln
wie die
ü
brigen. Ich freute mich ebensosehr wie die übrigen, sie zu sehen,
und war
im Augenblick ebenso vertraut mit ihnen.
»Bloß noch vierzehn Tage bis zu den Ferien«, sagte
der alte Cheeseman. »Wer
bleibt da? Gibt es jemand?«
Viele Finger wiesen auf mich und viele Stimmen riefen: »Der! « Denn
es war
das Jahr, als ihr alle verreist wart, und mir war ziemlich traurig zumute,
das kann ich euch sagen.
» Oh! « sagte der alte Cheeseman. »Aber es ist einsam
hier in den Ferien.
Er soll lieber mit zu uns kommen.«
So ging ich in ihr schönes Haus und war so glücklich, wie
ich nur sein
konnte. Sie wissen, wie sie sich gegen Jungen zu verhalten haben,
wahrhaftig. Wenn sie zum Beispiel einen Jungen ins Theater führen,
dann tun
sie es auf die richtige Weise. Sie kommen nicht nach dem Anfang und gehen
nicht vor dem Ende. Auch verstehen sie sich darauf, einen Jungen zu
erziehen. Man braucht da bloß ihren eigenen anzugucken! Obwohl
er noch ganz
klein ist, ist er doch schon ein Prachtjunge! Ja, nach Mrs. Cheeseman
und
dem alten Cheeseman kann ich den kleinen Cheeseman am besten leiden.
So, damit habe ich euch alles erzählt, was ich von dem alten Cheeseman
weiß. Und ich fürchte, es ist am Ende nicht viel. Meint ihr
nicht auch?
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