Ludwig Ganghofer - Auf der
Wallfahrt
Wieder war ein Schächtelchen fertig. Der Loibacher löste das
kleine,
zierliche Ding aus der Drehbank, probierte noch einmal, ob sich der dünne
Deckel auch richtig auf den Untersatz füge, und gesellte es dann
zu den
ü
brigen, die schon zu Dutzenden auf der Drehbank übereinandergeschichtet
standen. Mit einer gewohnheitsmäßigen Bewegung wischte er
sich den
Holzstaub aus dem grauen Schnurrbart und von den furchigen Backen und
schüttelte die krausen Späne von der blauen Leinenschürze.
Aus einem vor
Alter morschen Weidenkorbe nahm er ein kurzes, roh behauenes Stück
weißen
Ahornholzes und musterte die Übergänge mit einem wägenden
Blick seiner
dunklen, langsamen Augen, die, von zahllosen Fältchen umzogen, unter
buschigen Brauen tief gebettet lagen. Achtsam spannte er das Holzstück
zwischen die Bolzen der Drehbank und griff nach dem Hohleisen, dessen
Schärfe er am Daumennagel prüfte.
Mit einem Stoß des Handballens brachte er das große, von
einem groben
Eisenreif umschlossene Schwungrad in Bewegung. Dabei seufzte er tief
auf,
wie unter schwerer Sorge, und neigte den Kopf zur Seite, um durch das
kleine, offene Stubenfenster besser nach der Hausbank sehen zu können.
Geraume Zeit verweilten seine Blicke da draußen, bevor er sie,
wieder
seufzend, zurückwandte zu seiner Arbeit. Wehmütig nickte er
vor sich hin,
schob den Fuß über die auf-- und niedersteigende Tretstange
und setzte mit
festgeschlossenen Händen das Eisen an das wirbelnde Holz. Die Späne
flogen
auf, und während die krausen Scheitchen dem Alten gegen die Brust
und über
die stämmigen Schultern flatterten, sprühte ihm der feinere
Drehstaub ins
Gesicht und in die grauen Haare. Dazu erfüllte ein Zittern und Schwanken
die kleine, ärmliche Stube.
Werkstätte, Schlafkammer und Wohnraum, das alles war diese Stube
in einem.
Die beiden Ecken an der längeren Fensterwand waren mit der Drehbank
und dem
Schnitzbock ausgefüllt; in der dritten Ecke stand das schmale Bett
des
Alten zwischen Wand und Ofen, in der letzten Ecke der Tisch und die
Winkelbank. Das mit Palmzweigen und verdorrten Feldblumen gezierte Kruzifix
war neben einem Bild der Muttergottes der einzige Schmuck der rissigen,
vom
Ofenrauch gebräunten Wände. Die Stube hatte zwei Türen,
die weit
offenstanden; die eine führte in eine enge Kammer, in der man einen
roh
gezimmerten Schrank, zwei Stühle und das Ende eines mit geblumten
Kissen
ü
berdeckten Bettgestells gewahrte; die andere Tür führte in
den Flur,
dessen tiefere Hälfte als Küche diente. Ein weiteres Gelaß enthielt
das
Haus des Loibachers nicht; doch gewahrte man im Fußboden des Flurs
eine
Bretterklappe, unter der die Kellergrube lag, während an der Decke
eine
Falltür den Zutritt zum Bodenraum gestattete, den man auf einer
Leiter
besteigen mußte. Dort hinauf wanderten allabendlich die Schachteln
und
Schächtelchen, die der Loibacher tagsüber fertigstellte; am
Ende der Woche
wurde dann der ganze Vorrat heruntergeholt, auf die Kraxe verladen und
zum
»
Verleger« ins Dorf geliefert.
Und wieder war ein Schächtelchen fertig. Wieder löste es der
Loibacher aus
der Drehbank, prüfte die Fügung des Deckels und stellte es
zu den übrigen.
Wieder schüttelte er die Späne von der Schürze und wischte
den Staub vom
Gesicht. Wieder seufzte er und warf dazu einen sorgenvollen Blick durchs
Fenster.
Da ließ sich von der Haustür her eine müdklingende weiche
Mädchenstimme
vernehmen: »Vaterl, kannst mir schon wieder eine bringen.«
»Ja, mein Schatzl«, fuhr der Loibacher auf und stellte die
Drehbank ab, die
er eben erst in Gang gebracht. »Gleich bring ich dir ein Einsatz
aussi!«
Hastig wählte er aus dem Vorrat zwölf Schächtelchen verschiedener
Größe,
von denen immer eines in das andere paßte, und die, so ineinander
gefügt,
einen »Einsatz« bildeten. Den zur Probe zusammengefügten
Einsatz
schachtelte er wieder auseinander, legte die einzelnen Stücke vorsichtig
in
seine Schürze und eilte ins Freie.
Hier auf der Hausbank saß ein ärmlich, aber sauber gekleidetes
Mädel, kaum
ä
lter als achtzehn Jahre. Welch eine Summe von Leiden aber mußte über
dieses junge Leben gekommen sein! Dieses Gesicht mußte damals,
als noch der
frische Duft gesunder Jugend auf diesen nun so schmalen Wangen gelegen,
von
lieblicher Schönheit gewesen sein. Denn auch jetzt noch, trotz seiner
durchsichtigen Blässe, trotz der tieftraurigen Wehmut, die aus den
großen
braunen Augen sprach -- auch jetzt noch übte dieses Gesicht einen
eigenartig sanften Zauber. Es war nichts Herbes an ihm. Leiden ohne Klage,
Duldung ohne Bitterkeit und Vorwurf. das war die Sprache dieser Züge,
der
Ausdruck dieser schwächlichen, müd gebrochenen Gestalt.
Eine Krücke lag zu ihren Füßen. Eine große Lodendecke
umhüllte ihren Schoß,
auf dem ein kurzes, mit grellen Farben kunterbunt getränktes Brettchen
lag.
Auch ihre weißen, mageren Hände zeigten solche Flecken. Ihr
zu Rechten
standen kleine Töpfe mit verschiedenen Farben auf der Bank, während
ihr zur
Linken die Schächtelchen in Reih und Glied gestellt waren, damit
die
frische Bemalung in der hellen, warmen Sonne trockne.
»Ja was is denn? Heut geht's aber gschwind bei dir! Ich muß ja
schier
zruckbleiben hinter deiner!« schmollte der Loibacher, während
er den Inhalt
seiner Schürze dem Mädel auf den Schoß gleiten ließ.
Doch wollten seine
scherzenden Worte nicht recht zu den sorgenvollen Blicken passen, mit
denen
er im Gesichte der Tochter zu lesen suchte.
»Schau, und ich bin so froh drum, daß ich dir doch ein bißl
was helfen
kann!« Sie seufzte und hob die traurigen Augen zum Vater auf. »Denn
weißt,
allweil bloß essen und brauchen allein ... und nix dafür schaffen
können,
das ... das ... «
»Aber geh! « unterbrach sie der Vater kurz und herb. Das
war nun wirklich
ein Vorwurf.
In den Augen der Kranken erschien ein flüchtiger Glanz, und ein
dünnes
Lächeln huschte um ihren Mund. Sie atmete auf, griff nach dem größten
der
neuen Schächtelchen, legte es auf dem Brettchen zurecht und begann
es von
innen und außen mit einer dunkelroten Beize zu tränken. Den
so gewonnenen
Grund bemalte sie mit blauen Ringen und weißen Sternen, von denen
sie dünne
Strahlen in Gold und Silber nach allen Richtungen auseinanderzucken ließ.
Dabei neigte sie das Gesicht tief über ihre Arbeit, und häufig
hob sie die
linke Hand, um mit dem Gelenk die kurze, immer wieder über die Stirne
schwankende Strähne ihres schwarzbraunen Haars in die Höhe
zu streichen.
Der Loibacher schwieg und drückte die linke Hand in den Nacken.
Seine
Lippen preßten sich herb zusammen, ein schroffer, fast zorniger
Ausdruck
erschien in seinen furchigen Zügen, und so ließ er über
das waldige
Gehänge, das im hellen Glanz der Mittagssonne lag, die Blicke niedergleiten
ins Tal, in dem die Dächer des Dorfes aus den dichten Bäumen
lugten.
jenseits des Tales stiegen die Berge empor in gewaltiger Masse; dunkle
Wälder umkleideten ihren vielgegliederten Sockel, während weitgedehnte,
lichtgrüne Almenmatten den Übergang zu den schütteren
Latschen-- und
Zirbelgehölzen bildeten, aus denen die grauen, nackten Felsen aufwärts
starrten, um wieder zu verschwinden unter ewigem Schnee.
In jener steilen Ferne verweilten die Augen des Alten mit so finsteren,
zornigen Blicken, als hätte er die stummen, regungslosen Berge zur
Rechenschaft ziehen mögen für das namenlose Leid, das zwischen
ihren
starren Mauern über sein armes Kind gekommen.
Dort oben war die ganze Hoffnung seines Vaterherzens zunichte geworden
--
in einer einzigen Nacht!
Als man ihm vor Jahren das kreischende Kindlein in die Arme legte, da
hätte
er im Glück dieser Stunde trotz all seiner drückenden Armut
nicht mit dem
Reichsten im Dorf da drunten tauschen mögen. In der Liebe zu diesem
Kinde
hatte er den Tod seines Weibes verschmerzt. Er hatte gearbeitet Tag für
Tag, vom grauen Morgen bis in die sinkende Nacht, und hatte gedarbt,
um nur
sein Dirnlein besser nähren und kleiden zu können. Und als
das Mädel
heranwuchs, so schmuck an Leib und Seele wie kein zweites im ganzen Tal,
da
trug der Loibacher den Kopf so stolz erhoben, als bärge die Hütte über
der
Loibachklamm von allen Gütern im weiten Lande das allerbeste. Wie
groß erst
hatte er getan, als Klara in das Alter kam, in dem die Mädchen auf
die
Almen fahren! Wie wählerisch war er gewesen, als die Almbauern sich
meldeten, um das »Loibachermadl« für ihren Dienst zu
werben. Charakter und
Stellung des Bauern, Bestand und Ansehen der Herde, Ergiebigkeit und
Lage
des Almengrundes, Bauart und Sicherheit der Sennhütte -- wie lang
und
reiflich hatte der Loibacher diese Dinge nach allen Richtungen hin erwogen,
bevor er sein Jawort in eine der vielen Hände schlug, die sich ihm
entgegen
streckten. Und als er dann die langen Sommertage einsam vor seiner
schnurrenden, rumpelnden Drehbank stand, da war sein ganzes Denken nur
ein
Träumen von seinem fernen Kinde, ein Träumen von dem Glück,
das seinem
Mädel unfehlbar erblühen mußte, wenn der liebe Herrgott
nur einigermaßen in
gerechter Ordnung seines Amtes waltete. Dabei dachte der Loibacher durchaus
nicht an ein bestimmtes »Glück«; er träumte eben
nur von irgendeinem, von
einem ganz besonderen, von einem besonders seltenen. Und das Glück
seines
Kindes wäre dann auch doppelt das seine gewesen.
Und nun!
Wie war sein Kind von ihm gegangen! Und wie war es ihm von jenen Bergen
heimgekehrt!
Als wär' es gestern erst gewesen, so deutlich stand die Erinnerung
an jenen
Morgen vor seinen Augen. Gleich unter dem ersten Blicke, den er damals
im
grauenden Frühlicht durch das Fenster geworfen, hatte ihn beim Anblick
dessen, was die stürmische Nacht gebracht, die Sorge seines Vaterherzens
mit banger Ahnung erfüllt. Wie weit aber war sein Bangen und Ahnen
noch
zurückgeblieben hinter der grausamen Wahrheit!
Ein jäher Schauer zog dem Alten den Kopf in den Nacken. Hastig
trat er an
Klaras Seite, setzte sich zu ihr und schlang wie schützend den Arm
um ihre
Schultern.
Mit dankbaren Augen schaute sie zu ihm auf und nickte ihm leise lächelnd
zu. »So, Vaterl, vergönn dir auch ein bißl Rast! Ich
mein, du kannst es
brauchen.«
Er schüttelte heftig den Kopf. »Ah na ... das grad net, aber
... « Da
verstummte er wieder und preßte, schwer atmend, die Lippen übereinander.
Klara beugte das Gesicht tief über die Arbeit, um dem Vater die
Tränen zu
verbergen, die ihr in die Augen schossen. Mit doppeltem Eifer fuhr sie
in
ihrer Beschäftigung fort. Da rückte der Loibacher ein wenig
zur Seite, um
ihren Arm nicht zu behindern; und um ihr die ohnehin geringe Mühe
noch zu
erleichtern, hielt er ihr auf den Knien abwechselnd das Farbentöpfchen
hin,
das sie benötigte.
So saßen sie schweigend; in den nahen Bäumen zwitscherten
die Vögel; ein
leises Flüstern ging durch alle Blätter; aus der Felsschlucht,
die sich nah
beim Hause durch den Berghang sprengte, quoll das eintönige Murmeln
und
Raunen der Loibach, und von der nicht sichtbaren Straße, die dort
unten
zwischen Wasser und Felsen bergwärts zog, tönte das wechselnde
Geräusch
eines ungewöhnlich regen Verkehrs; bald das Rasseln eines leichten
Wagens,
bald einsam hallende Schritte, bald das Pfeifen oder Singen eines
Wandernden, bald wieder der klappernde Taktschritt eines größeren
Trupps,
vermischt mit lautem Stimmengewirr, mit hellem Gelächter oder falsch
zusammenstimmendem Gesang.
»Heut geht's aber lebendig zu auf der Straßen drunt. Was
is denn los?«
fragte Klara nach einer Weile.
»Aber Schatzl, wie bist denn dran in der Zeit?« staunte
der Loibacher.
»
Weißt es denn net? Morgen ist ja 's Kirchenfest bei der heiligen
Mutter in
der Einöd! Freilich, wenn man d' Leut so hört, da möcht
man's keim net
anmerken, daß er auf der Wallfahrt is. Und wär doch manchem
's Beten
nötiger als wie 's Lachen und 's jodeln. Aber natürlich, da
geht's auch
mehr ums Essen und Trinken als wie um der heiligen Mutter ihr Fürbitt.«
Damit erhob sich der Loibacher, um zu seiner Drehbank zurückzukehren.
Und
während gleich darauf in der Stube drinnen das alte Rappeln und
Schnurren
begann, ließ sich wieder einmal aus der Tiefe der Straße
das Lärmen einer
vorüberziehenden Schar vernehmen. Lustig schnatterten die Stimmen
der
Burschen und Mädchen durcheinander. Nun zog die Schar dicht unter
dem Hause
vorüber, und als in der Stube gerade die Drehbank stockte, hörte
Klara aus
all dem wirren Geplauder deutlich eine heiser lachende Männerstimme
heraus:
»
Was ist denn eigentlich mit dir? Weswegen bist du denn auf einmal so
stad?
Machst ja ein Gsicht wie der Has, wann der Fuchs net weit ist? Geh, sag,
was hast denn, Alois?«
Beim Klang dieses Namens zuckte Klara zusammen, und fiebernde Röte
schoß in
ihre schmalen Wangen. Und während sie wie in bangem Lauschen langsam
den
Kopf erhob, erweiterten sich ihre Augen, und die Lippen fielen ihr
auseinander.
Drunten auf der Straße ließ sich, kaum noch verständlich,
beinahe völlig
erstickt von all dem wirren Geplauder, eine murrende Stimme zur Antwort
auf
jene andere vernehmen.
Da flog ein jähes Erblassen auf Klaras brennende Züge, und
mit gewaltsamer
Anstrengung versuchte sie sich aufzurichten. Kraftlos aber sank sie wieder
zurück, ihre Hände fuhren nach dem Herzen, und während
ihr die Lider
brachen, fiel ihr das Haupt schwer an die Mauer. Das Brettchen glitt
von
ihrem Schoß und stürzte klappernd auf die Steine; das frisch
bemalte
Schächtelchen, das darauf gestanden, hüpfte über das Master
hinweg und
rollte weit hinaus ins Wiesengras.
»Ja lieber Herrgott, Schatzl, was is denn?« klang es mit ängstlicher
Frage
aus dem Fenster. Und da stand der Loibacher auch schon vor Klara, zog
sie
in seine Arme und stammelte: »So red doch! Um Gotts willen, was
hast denn
schon wieder?«
Ein heftiges Zittern überrann den Körper der Kranken. Sie
schlug die Augen
auf, und ein schwerer, stockender Atemzug schwellte die Brust. Schmerzlich
und hilflos lächelnd, schaute sie den Vater an und sagte mit gebrochener
Stimme: »Mußt dich net sorgen ... na ... gwiß net!
Grad ein bißl gspürt hab
ich's halt wieder ... weißt, so in mir drin ... wie's halt diemal
kommt.
Aber es ist schon wieder gut! «
Der Alte schüttelte in stummer Verzweiflung den grauen Kopf, und
schwere
Kümmernis malte sich in seinen furchigen Zügen. Klara lehnte
den Kopf an
seine Schulter und starrte mit heißen Augen in ziellose Ferne.
Dann
plötzlich fuhr sie auf, streifte mit einem scheuen, flackernden
Blick das
Gesicht des Vaters und stammelte in leidenschaftlicher Erregung: »Vaterl,
mußt mir net harb sein ... aber seit ich weiß, daß morgen
... schau,
Vaterl, von Menschenhilf, da därf ich mir nix mehr hoffen... aber
die
heilig Mutter in der Einöd, sagen d' Leut, die soll so gut sein
und so
gnadenvoll! Vaterl, schau, grad bitten tu ich dich, laß mich morgen
Wallfahrt machen zu der heiligen Mutter auffi in d' Einöd! Nachher,
mein
ich, nachher könnt ich leicht noch gsunden! Vaterl, ich bitt dich,
mir
hängt die ganze Seel an der Wallfahrt! Laß mich, laß mich
morgen auffi in
d'Einöd!«
»Wie gern, mein Schatzl, wie gern! Und ich glaub dir's ja und
hätt auch
selber ein richtigs Zutrauen zu der heiligen Mutter«, stotterte
der Alte
und fuhr sich in ratlosem Kummer mit beiden Händen durch die Haare, »aber
schau, wie könnt denn so was möglich sein! Vermagst ja kaum
ein paar
Schritterln auf deine armen Füß ... und auffi in d' Einöd
is woltern ein
Weg von fünfthalb Stund! Und ein Wagen ... mein liebs, liebs Madl
... ein
Wagen, den vermag ich net!«
Er hatte nicht den Mut, seinem Kind in die angstvoll flehenden Augen
zu
sehen. Zögernd erhob er sich, nahm mit zitternden Händen das
Brettchen von
der Erde auf, holte das Schächtelchen aus dem Grase, legte beides
auf die
Bank und schlich, das Kinn auf die Brust gesenkt, mit müden Schritten
in
das Haus zu seiner Drehbank. Aber seinen zitternden Händen wollte
keine
Arbeit mehr geraten. Unter der Willkür des unsicher geführten
Eisens
verdarb ihm ein Holzstück um das andere. Brütendes Sinnen sprach
aus seinen
zerstreuten Augen, aus seinen gefurchten Brauen. Und plötzlich warf
er das
Eisen beiseite, riß die Schürze von den Lenden und stieß die
hölzernen
Pantoffel von den nackten Füßen. Lautlos eilte er in den Flur,
stieß an der
niederen Decke die Falltür auf, setzte die Leiter an und bestieg
den
Bodenraum. Eine Weile kramte er dort oben umeinander, und als er wieder
auf
der Leiter erschien, zog er eine hohe, schwer und plump gebaute Kraxe
hinter sich nach, die er mit seinem ganzen Vorrat an Schachteln und
Schächtelchen beladen hatte. Er nahm sich nicht einmal Zeit, die
Leiter
wieder umzulegen und die Falltür zu schließen. Hastig stellte
er die Kraxe
auf den Herd, eilte in die Stube, fuhr zugleich mit den Armen in den
abgetragenen Spenser, mit den Füßen in die knolligen Nagelschuhe
und riß
den mürben Filzhut von der Ofenstange. Beim Verlassen der Stube
tauchte er
die zitternden Finger in ein irdenes Kesselchen und besprengte sich das
Gesicht mit dem geweihten Wasser. Unter stockendem Seufzer trat er vor
den
Herd, legte das tellerförmige Kraxenkissen auf den Kopf, der sich
beim
Tragen der Kraxe mit dem Rücken in die Last zu teilen hat, bückte
sich, zog
die beiden Tragriemen über die Schultern und richtete sich auf.
Erst
verwahrte er noch den Hut auf dem Kopfgesims der Kraxe, dann trat er
ins
Freie. Da sah er, wie sich Klara hastig mit beiden Händen über
die Augen
fuhr.
Sie wollte nach ihrer Arbeit greifen, doch als sie den Vater so unerwartet
zum Ausgang gerüstet sah, fragte sie erschrocken: »Aber Vaterl,
was treibst
denn jetzt auf einmal? Heut is ja net Liefertag?«
»Macht nix, Schatzl, macht nix! D' Hauptsach ist, daß ich
was zum Liefern
hab ... und da kann ich ja liefern, wann ich mag. « Zärtlich
strich der
Alte die schwielige Hand über das weiche, dunkelglänzende Haar
des Mädels.
»
Drum bhüt dich Gott derweil! Gar z'Iang bleib ich net aus ... und
wer
weiß, leicht könnt's mir dengerst noch graten, daß ich
dir dein frommen
Wunsch erfüllen kann... wegen der Wallfahrt auffi in d'Einöd.«
jähe Freude leuchtete aus Klaras Augen, um rasch dem Ausdruck ängstlicher
Sorge zu weichen. »Jesus Maria, Vaterl! Na, na! Das will ich fein
gwiß net,
daß ... «
Der Loibacher aber hörte nicht mehr auf ihre Worte; mit einem ermutigenden
Lächeln nickte er ihr noch einmal zu, während er schon dem
schmalen,
talwärts führenden Fußpfad folgte.
Nach einem halbstündigen Marsch erreichte er das Dorf und lieferte
seine
Ware beim »Verleger« ab. Als er aus dem Ladenraum mit leerer
Kraxe auf die
Straße trat, hielt er den kargen Verdienst auf flacher Hand vor
sich hin
und murmelte trübselig: »O mein Gott, da fehlt's weit! Und
völlig auslassen
kann ich mich ja dengerst net!«
Im ganzen Dorfe wanderte er umher, um eine Fahrgelegenheit für
sich und
Klara zu erfragen. Aber alle, die zu Wagen das Kirchenfest in der Einöd
besuchten, hatten schon vor Stunden das Dorf verlassen. Ebensowenig gelang
es ihm, für sich und seine Tochter ein eigenes Gefährt zu mieten;
denn da
der ehrliche Alte jeder Anfrage gleich die Bemerkung beifügte, daß er
vorerst nur einen kleinen Teil des Fuhrlohns bezahlen könnte, wurde
er
ü
berall, wo er anklopfte, mit Ausreden abgespeist; da waren bald die Pferde
von schwerer Arbeit ermüdet, bald waren sie für den anderen
Tag schon
vergeben, bald hatte das Sattelpferd einen schwärenden Huf, bald
wieder das
Handpferd einen bösen Husten.
Mit kummervollem, finsterem Gesicht machte sich der Loibacher endlich
auf
den Heimweg. Doch seltsam -- als er sein Haus erreichte, sprach helle
Zufriedenheit aus seinen Zügen. Schmunzelnd nickte er seiner Tochter
zu,
die ihm bang entgegenschaute, und rief sie mit den fröhlich tröstenden
Worten an: »No, also, Schatzl, schau, jetzt geht's dir dengerst
naus! Alles
kostet grad ein Probierer! Bis morgen zur Kirchenzeit bist draußen
in der
Einöd ... und gelt, da heißt's nacher woltern ein Packl Vaterunser
beten zu
der heiligen Mutter! Leicht hat s' nacher doch einmal ein Einsehn mit
dir,
du Hascherl, du arms!« Da wollte ihm das Schmunzeln und Fröhlichsein
nicht
mehr recht gelingen. »Aber gelt, zeitig schlafen legen mußt
dich halt,
damit ums Tagwerden wieder munter bist! Denn bis um drei in der Fruh,
da
steht schon der Wagen vor der Tür, ja, ein ganz kamoder Wagen! «
Klara brachte kein Wort über die Lippen; aber ihre Augen brannten,
und
krampfhaft hielt sie im Schoß die Hände verschlungen, als
wollte sie mit
Gewalt das heftige Zittern überwinden, das ihr vom Nacken aus durch
alle
Glieder rann.
»Aber geh, Schatzl, was hast denn? Schau, da brauchst dich jetzt
wegen gar
nix zu sorgen! « tröstete der Alte und strich dem Mädel
mit beiden Händen
das dunkle Zaushaar aus der bleichen Stirn. »Denn daß ich
dir's nur sag ...
er tut mich gar nix kosten, der Wagen! Ah na, net ein bißl was
... auf Ehr
und Seligkeit! ja, schau, und jetzt richt ich dir gleich dein Süpperl
her,
daß bald zum Schlafen kommst ... gelt, ja?« Bei diesen Worten
zog er schon
die Arme aus den Riemen, eilte ins Haus, stellte im Flur die Kraxe nieder
und prüfte mit Händen und Augen von allen Seiten ihre Festigkeit.
Befriedigt nickte er vor sich hin, trat an den Herd und entfachte mit
dürrem Reisig ein loderndes Feuer.
Fern über den Bergen war die Sonne schon gesunken, und eben hallte
mit
schwebendem Klang das Abendläuten aus dem Tal herauf, als der Loibacher
mit
schlurfenden Schritten wieder ins Freie trat, eine dampfende Schüssel
zwischen den vorgestreckten Händen. Er setzte sich auf die Hausbank,
nahm
aus der Spensertasche zwei blecherne Löffel und legte sie in die
Schüssel,
die zwischen ihm und Klara stand. Erst beteten sie mit halblauter Stimme
den Abendsegen, dann aßen sie. Nach kurzer Weile legte Klara den
Löffel
wieder beiseite.
»Aber geh, so iß doch und laß dir's schmecken! Von
dene paar Schüberln
kannst freilich kein Kraft net kriegen! « mahnte der Alte.
Schwer atmend schüttelte Klara den Kopf. »Ich dank schön,
Vaterl, ich kann
nimmer!«
Der Loibacher aber ließ nicht nach mit Drängen und Bitten.
Klara mußte
wieder zum Löffel greifen und mithalten, bis der Boden aus der Schüssel
guckte. Wieder sprachen sie ein Gebet. Dann erhob sich der Alte. »So!
Und
jetzt komm, jetzt bring ich dich schlafen!« Er beugte sich über
Klara, die
ihre beiden Arme um seinen Nacken schlang, und hob sie mit zärtlicher
Sorgfalt empor an seine Brust. Er schien ihre Last kaum zu fühlen,
so rasch
und sicher trug er sie durch Flur und Stube in die Kammer. Dort ließ er
sie
auf einen Sessel gleiten, ordnete die Kissen des Lagers und brachte dann
das Mädchen zur Ruhe, gleich einem Kinde, das seine Glieder noch
nicht zu
brauchen weiß.
»No also! Morgen nacher, gelt? Und bet noch ein Vaterunser zum
Einstand bei
der heiligen Mutter! Und nacher schlafst mir! Und ordentlich! Ich weck
dich
schon zur richtigen Zeit. Und jetzt gut Nacht, mein Schatzl, gut Nacht!
Und
der liebe Herr Christus soll's uns graten lassen, daß du morgen
net umsonst
auf d'Wallfahrt gehst zu seiner heiligen Mutter! «
Seufzend bekreuzte der Loibacher das Gesicht seines Kindes und verließ die
Kammer.
Regungslos lag Klara in den Kissen, hielt die Hände über der
Decke gefaltet
und starrte in den matten Dämmerschein des kleinen Fensters. Sie
hörte, wie
der Vater draußen die schweren Schuhe von den Füßen
streifte; dann vernahm
sie wohl seine Schritte nicht mehr, doch hörte sie bald aus dem
Flur, bald
aus der Stube gedämpftes Geräusch, das ihr verriet, daß sich
der Vater da
draußen noch mit irgend etwas zu schaffen machte. Endlich nach
geraumer
Zeit vernahm sie jenes leise Ächzen, das sie allabendlich hörte,
wenn sich
der Vater auf sein hartes Lager streckte.
Stunde um Stunde verrann, doch über Klaras Augen senkte sich kein
Schlummer. Sie regte sich nicht, denn sie wußte, welch einen leisen
Schlaf
der Vater hatte; aber sie zitterte am ganzen Leib, als läge sie
in
brennendem Fieber. Unablässig bewegten sich ihre Lippen in lautlosem
Gebet.
Manchmal schloß sie für eine Weile die zuckenden Lider, um
die Glut ihrer
Augen zu fühlen; dann wieder starrte sie hinaus in die finstere
Nacht,
empor zu dem zitternden Schimmer eines einsamen Sternes, der im Fenster
aufgetaucht war, um nach stundenlangem Verweilen hinter dem anderen
Mauerrande wieder zu verschwinden. Noch hingen Klaras Augen an der Stelle,
an welcher der winkende Schimmer erloschen war, als ein Geräusch
in der
Stube sie aus ihrem starren Schauen weckte. Der Vater mußte erwacht
sein
und sich erhoben haben. Sie hörte seine leisen Schritte, und halb
auch
vernahm sie durch die Wand das Knistern des Herdfeuers.
Schon wandelte sich die Dunkelheit der Nacht zu grauem Zwielicht; da
hörte
Klara, wie der Vater zur Kammertür kam. Sie stellte sich schlafend
und ließ
sich von ihm wecken. In der einen Hand ein flackerndes Talglicht, in
der
anderen eine Schale mit heißer Suppe, so stand er vor ihrem Bett.
Er trug
sein bestes Gewand, das vor zwanzig Jahren neu gewesen, als er mit seinem
seligen Weib zur Kirche gegangen: die dunkel graue Joppe mit dem grünen
Umschlag, die hochrote Latzenweste, den breiten Ledergurt mit dem bunten
Zwirnzierat, die graue Kniehose aus grobem Leinenstoff, die weißen,
filzigen Halbstrümpfe und das Feiertagshemd mit dem umgelegten Kragen.
Er setzte sich zu Klara auf das Lager, hielt ihr die Schale mit dem
Löffel
hin. Und während sie aß, fragte er, wie sie geschlafen, und
wie sie sich
befände. Klara erwiderte, was der Vater in seiner Sorge zu hören
hoffte.
»
No schau, da rührt sich leicht die heilige Mutter schon, weil's
dir gar so
gut geht heut!« sagte er mit einem erleichternden Seufzer; dann
richtete er
Klara aus den Kissen empor und legte ihr das Gewand zurecht: den schwarzen
Faltenrock mit der schillernden Seidenschürze, das braune Leibchen,
das
geblumte Brusttuch mit den langen Fransen und das schwarzseidene Kopftuch.
»
So, da hast deine Sachen beinander, und wenn nacher fertig bist, kann's
gleich dahingehen. Der Wagen steht schon draußen. «
»Der Wagen ist schon da? Ich hab aber gar nix ghört, daß er
kommen ist! «
»Natürlich net, Dapperl, wann gschlafen hast! Aber gwiß wahr,
grad
gerumpelt hat er! « versicherte der Loibacher, wobei ein leises
Schmunzeln
um seine Lippen zuckte. Er trat an das Fenster, wischte mit der Hand über
die Scheiben und schaute forschend in den ergrauenden Morgen hinaus.
»Vaterl, jetzt bin ich grecht!« So rief ihn das Mädel
nach einer Weile mit
bebender Stimme an.
»Na also, so komm, mein Schatzl! Und die heilige Mutter soll dir
d'
Wallfahrt gsegnen!« Bei diesen Worten hob der Loibacher sein Kind
mit
beiden Armen empor und trug es durch Stube und Flur ins Freie.
»Vaterl? Ich sieh ja kein Wagen net?«
»Aber geh, und da steht er ja grad vor deiner! « lächelte
der Alte und ging
auf die Kraxe zu, die neben der Hausbank auf der Erde stand.
»Jesses, na, Vaterl, na, na! Das därf net sein! Das laß ich
net zu! «
schrie Klara erschrocken. Denn nun begriff sie, was der Vater meinte
und
wollte. »Na, na, das könnt ich mir in meim Leben net verzeihen! «
»Geh, was is denn jetzt da so bsonders dran? Wann ich im Fruhjahr
und
Herbst meine Zirbenblöck vom Berg abitrag, da geht's nie unter zwei
Zentner
ab. Und da soll mir nacher mein Buckel z'wehleidig sein, wann ich dir
ein
frommen Wunsch erfüllen kann, und wann's dein Gsundheit gilt? Ah
na, mein
Schatzl! Und schau, grad ein bißl wann mich lieb hast, nacher laßt
mir mein
Willen und bist mir auch weiter net harb drum, daß ich dir kein
kamodern
Wagen net schaffen kann.« Dem Loibacher schwankte die Stimme.
Unter Schluchzen und Stammeln wehrte sich Klara mit zitternden Händen;
der
Loibacher hörte aber nicht auf ihre Worte, sondern ließ sie
mit zärtlicher
Sorgfalt auf den Sockel der Kraxe niedergleiten, den er mit dem Kopfpolster
und der Decke seines Lagers überbunden und so in einen weichen bequemen
Sitz verwandelt hatte. Dann breitete er seinen Wettermantel über
Klaras
Schoß und schlang ein geschmeidiges Seil um ihre Füße
und Hüften. »So,
gelt, Schatzerl ... ich mein, so könnt's dir taugen? Ja, weißt,
und da
brauchst jetzt bloß noch dein Armerl herlegen übers obere
Brettl, nacher
kannst im schönsten Polsterstuhl net besser und sicherer sitzen! « Mit
einem ermunternden Lächeln nickte er dem Mädel zu und eilte
davon, um das
Haus zu sperren.
»Vaterl, Vaterl, laß mich daheim, ich bitt dich um Tausend
gottswillen!«
flehte Klara mit erstickter Stimme. »Ich gspür's in mir, daß ich
eine Sünd
tu, eine fürchtige Sünd, wann ich so was zulassen möcht!
Du weißt net,
Vaterl... du weißt net ... «
»Das, ja, das weiß ich, daß mich jetzt bald verzürnen
kannst! « unterbrach
sie der Alte. »Was is denn jetz da dran, an dem bißl Tragen?
Mein Buckl is
hart, und ich tät ja mein Herzblut geben, wenn's dir was taugen
könnt in
deiner Mühsal.« Mit zitternden Händen schob er Klaras
Krücke zwischen die
Kraxenstützen, legte den Filzhut über das Kopfgesims, und während
er sich
auf die Knie niederließ, zog er die Tragriemen über die Schultern
und
tauchte den Kopf mit dem Kraxenkissen gegen das harte Brett. Die Linke
preßte er auf die Hausbank und griff mit der Rechten nach dem
bereitliegenden derben Haxenstock. »No also, in Gottsnamen, packen
wir's
halt an! « sagte er und stemmte sich langsam in die Höhe.
Bei diesem schwankenden Steigen schien es wie ein Schwindel über
Klara zu
kommen, und während ihr das Haupt in den Nacken sank, bedeckte sie
mit
beiden Händen das Gesicht.
Schweren Schrittes stieg der Loibacher mit seiner Last zur Straße
hinunter,
folgte ihr eine Weile und lenkte dann auf einen schmalen Fußpfad
ein. Nun
ging es langsam bergan durch den steilen Bergwald, zwischen dessen Ästen
bei Vogelsang die ersten Strahlen der steigenden Sonne blitzten. In
rastlosem, gleichmäßigem Gange setzte der Alte Fuß vor
Fuß. Dunkle Röte
deckte sein Gesicht, an Stirn und Schläfen schwollen ihm die Adern
zu
dicken, bläulichen Striemen, in schweren Tropfen rann ihm der Schweiß über
Hals und Wangen -- doch keinen Seufzer, kaum einen tieferen Atemzug ließ er
vernehmen.
Ehe der Loibacher noch eine halbe Stunde Weges zurückgelegt hatte,
bat und
mahnte Klara schon: »Vaterl, aber geh, magst denn net ein bißl
rasten?«
»Jetzt schon? ja was fallt dir denn ein? Müßt mich
ja schamen!« lachte der
Alte. Aber die Lippen zuckten ihm bei diesem Lachen.
Klara schwieg; doch schon nach kurzer Weile fragte sie wieder: »Vaterl,
sag, bist denn net müd?«
»Na, mein Schatzl, gar net ein bißl!« versicherte
der Loibacher und stützte
sich schwerer auf seinen Haxenstock. Denn ihm begannen vor Erschöpfung
schon die Knie zu zittern.
So wiederholte sich Frage und Antwort immer aufs neue, bis nach
zweistündigem Anstieg eine von schütterem Lärchenwald
umgrenzte
Almenlichtung erreicht war. Hier endlich ließ sich der Loibacher
nieder und
setzte seine Last zur Erde. »Aber mußt net glauben, ich tu's,
weil ich müd
bin«, sagte er, »ah na ... bloß daß einmal zfrieden
bist und daß du ein
bißl rasten kannst. Aber schau, d' Hauptsach ist ja schon überstanden!
Ein
Stünderl noch und 's Steigen hat ein End! Die anderthalb Stünderl
bergab,
das ist ja nachers reine Kindergspiel.«
Bei diesen Worten löste er die Seilverschnürung, hob Klara
von der Kraxe in
das weiche, blumige Gras und setzte sich an ihre Seite.
Mit feuchten Augen schaute sie in sein erschöpftes Gesicht, und
während sie
ihm mit ihrem Tüchlein den Schweiß von Stirn und Wangen trocknete,
stammelte sie: »Jetzt, Vaterl, jetzt weiß ich's, daß die
heutige Wallfahrt
net umsonst sein kann. Dir z'lieb, Vaterl, schon dir z'lieb muß mich
die
heilig Mutter gsunden lassen.«
»Was redst denn jetzt da daher!« schmunzelte der Loibacher. »Meinst
leicht,
die heilig Mutter braucht lang auf so ein alten Schnackler z'denken,
wie
ich einer bin? Ah na! Aber dich wann s' erst einmal gsehen hat ... da
paß
auf! Da wird s' nacher gleich bei der Hand sein mit ihrer Gnad und Hilf
...
gschwinder, als dir's vermeinst.«
Klara seufzte tief und nickte unter trübem Lächeln vor sich
hin. Dann
begann sie die Blumen, die im Bereich ihrer Arme standen, in ihren Schoß zu
sammeln. Mit Hilfe einiger Fäden, die sie aus dem mürben Saum
des
Wettermantels zog, wand sie die Blumen zu einem kleinen Kranz, den sie über
die Gabel der Krücke hängte. Fragend schaute der Vater auf,
und da wandte
sie das matt errötende Gesicht zur Seite, unter den flüsternden
Worten:
»
Ganz leer kann ich ja dengerst net zur heiligen Mutter kommen.«
Der Loibacher nickte; auf seiner Stirn vertieften sich die Furchen,
unstet
blickten seine Augen, und um seine schmalen Lippen legte sich ein herber,
schmerzlicher Zug.
»Auf meine paar Groschen wird die heilig Mutter wohl kein Anspruch
machen?«
Nun saßen sie und sprachen kein Wort mehr, bis der Loibacher sich
erhob und
zum Aufbruch mahnte. »Weißt, er zieht sich halt doch noch
woltern, der
Weg«, sagte er, »und ich möcht dengerst mit dir ein
Zeitl vorm Hochamt in
der Kirchen sein, damit net grad mitten eini kommst in das Drucken und
Schieben von die Leut.«
Wieder hob er das Mädel auf die Kraxe, verschnürte das Seil,
ließ sich auf
die Knie nieder und stemmte sich mit seiner Last in die Höhe.
Langsamen Schrittes stieg er weiter bergan auf dem schmalen und steilen
Pfade.
Bald gelangte er aus dem Wald auf die offene Felsenhöhe.
Da tauchte vor Klaras Augen in leuchtender Herrlichkeit die weite Kette
der
Berge auf, die sich jenseits der von grauem Morgenschatten noch erfüllten
Täler emporbauten in die blauen Lüfte.
Ein Zittern überkam ihren Körper, während sie starr hinüberschaute
in jene
sonnige Weite. Der silberne Glanz der Ferner, durch deren weißen
Schnee an
manchen Stellen das Gletschereis seine bläulichen Buckeln schob,
blendete
fast ihre Augen. Scharf hoben sich die Konturen der einzelnen Felsgebilde
aus dem verschieden getönten Steingrund. Die langgestreckten, dunkelgrünen
Latschenfelder waren so grell beleuchtet, daß Klara jeden Busch
unterscheiden zu können meinte. Und dort, wo diese Felder über
einen schief
abfallenden Bergrücken sich in ein tiefes Felsental hineinkrümmten,
gewahrte sie deutlich eine dünne, weiße, halb verschwindende,
bald wieder
auftauchende Zickzacklinie. Das war ein Almensteig. Wie gut sie den kannte!
Es war ja der letzte Weg, den sie mit eigenen Füßen gegangen,
der Weg, auf
dem sie hineingeschritten war in jene grauenvolle Nacht.
Mit zögernden Augen verfolgte sie jene weiße Linie talwärts
und fand das
lichtgrüne Almenfeld, auf dem einst ihre Herde mit läutenden
Glocken
geweidet hatte. Die Sennhütte konnte sie nicht gewahren, aber sie
kannte
die Stelle so genau, daß sie das kleine trauliche Blockhaus wirklich
zu
sehen meinte. Und da war es ihr, als stünde sie wieder zwischen
den
rauchgebräunten Wänden, als flackerte vor ihr auf dem Herd
das lustige
Feuer, als klänge von draußen das Läuten und Brüllen
der Rinder -- und nun
mit einemmal jener rasche, kräftige Schritt, den sie niemals noch
gehört,
der sie unwillkürlich aufblicken machte von der Pfanne, in der ihr
bescheidenes Abendmahl brodelte. Wieder sah sie den Burschen auf der
Schwelle stehen, die Holzaxt über der Schulter; wieder wie damals
maß sie
mit den Augen die schlanke, stramme Gestalt, sah das wohlgefällige
Lächeln
in seinem hübschen, braunen Gesicht und sah die staunenden Blicke,
mit
denen er sie betrachtete. Sein keckes, lustiges Wesen, sein munter
scherzendes Geplauder, sein helles Lachen, seine fröhlichen Lieder,
das
alles hatte ihr so wohl gefallen, gleich am ersten Abend. Und immer wieder
war er gekommen. Er war aus einem Dorfe, das der mächtige Bergstock,
auf
dem ihr Almfeld lag, von dem ihren trennte. Sein Vater war ein reicher
Bauer, der ausgedehnte Waldungen besaß. In diesen Wäldern
war der Sohn auf
Arbeit, und dabei hauste er den ganzen Sommer über mit einem Knecht
in dem
Holzerhaus, das kaum eine Wegstunde von ihrer Sennhütte entfernt
lag. Eine
Wegstunde, das ist in den Bergen ein Katzensprung. Und was braucht es
dort
oben noch schmeichelnde Wort und heiße Blicke -- die mächtigste
Verführerin
ist jene stille, träumerische, Verlangen und Sehnsucht zeugende
Einsamkeit
zwischen starren Felsen und rauschenden Wäldern. Klara war schon
sein
eigen, noch ehe sie wußte, wie alles gekommen und geschehen. Nichts
anderem
fragte sie nach, als der abendlichen Stunde, die ihn zu ihrer Hütte
führte.
In heißer, dürstender Liebe hing sie an ihm, wie der Efeu
an dem Stamm, den
er mit all seinen Ranken umschlingt. Wie im Traum verging ihr Tag um
Tag,
der ganze Sommer, in heimlichem Glück und stillen Freuden. Dann
freilich
kam ihr das Erwachen, nicht in Reue, aber doch in Scham und Sorge. Aber
wenn er in die Hütte trat, zeigte sie ihm ein lächelndes, glückseliges
Gesicht. Sie vermochte es nicht über sich, seine sorglos genießende
Freude
zu stören. Von einem Tag auf den andern verschob sie das Geständnis,
das
ihr schwer und brennend auf der Seele lastete.
So kam die letzte Septemberwoche, die letzte Woche ihrer Almenzeit.
Stürmisches Regenwetter war eingefallen und hatte ihn zwei Tage
von ihrer
Hütte ferngehalten. Als er dann am vorletzten Abend vor ihrer Heimfahrt
trotz strömenden Regens wiederkam, klammerte sie sich in Freude
an seinen
Hals. Am anderen Morgen saßen sie bei der dampfenden Pfanne und
aßen
zusammen. Ihm schmeckte die Speise so gut, die sie ihm bereitet hatte;
sie
selbst aber brachte kaum einen Bissen über die Lippen. Lachend fragte
er
sie, weshalb sie nicht besser zugriffe. Da brach sie in Schluchzen aus
und
bekannte ihm, wie es um sie stünde. Sein verlegenes Gesicht und
sein
hilfloses Lächeln taten ihr in der Seele weh; aber sie schalt sich
selbst
um der Zweifel willen, die jählings in ihrem Herzen auftauchten;
lieben und
glauben, das waren für sie zwei Worte, die untrennbar zusammengehörten.
Sie
verlangte kein Versprechen, keinen Schwur von ihm. Aus freien Stücken
versprach er ihr alles, was er in solcher Stunde nur versprechen konnte.
Lange saßen sie schweigend. Dann hatte sie eine Bitte an ihn. Es
waren seit
dem vorletzten Tage zwei Kälber von der Herde abgängig. Am
verwichenen
Abend hatte sie die Glocken der beiden Tiere von einer steilen Felsenhöhe
gehört; sie mochten sich dort oben wohl verstiegen haben. Nun wollte
sie am
Nachmittag die Verlorenen suchen und bat ihn, ihr dabei behilflich zu
sein.
Er versprach es ihr und zeigte sich beleidigt, als sie schüchtern
die
Befürchtung äußerte, ob ihn nicht doch das üble
Wetter vom Kommen abhalten
würde. Mit zärtlichen Worten beruhigte sie den Gekränkten,
und er vergab
ihr auch, küßte sie noch einmal unter heiligen Schwüren
und verließ die
Hütte.
Klara hörte seinen Schritt verhallen, und da war es ihr plötzlich,
als
bräche ihr das Herz entzwei. Lange noch saß sie regungslos
auf dem Herd;
eintönig klatschte der Regen über das Dach, und pfeifend fuhr
der rauhe,
kalte Wind durch alle Fugen des Gebälkes. Endlich erhob sie sich
und ging
wie im Traum ihrer Arbeit nach. Gegen vier Uhr nachmittags versperrte
sie
die Hütte und machte sich auf den Weg.
Wohl eine Stunde hatte sie zu steigen, um die Stelle zu erreichen, wo
er
mit ihr zusammentreffen wollte. Sie fand ihn nicht, als sie den Platz
erreichte, und ihre Rufe blieben ohne Antwort. Um zu warten, kauerte
sie
sich auf einen nassen Felsblock. Der Regen hatte nachgelassen, aber der
Wind war noch ungestümer und kälter geworden. Blasse Nebel
flatterten in
wilder Eile über das triefende Gestein. Tiefer und tiefer senkte
sich das
höhere Gewölk, und während sich eine seltsame Dunkelheit über
alle Berge
lagerte, nahmen die bleischweren Wolken eine fahle gelbliche Färbung
an.
Klara wußte, was diese Wolken verkündeten: Schnee oder Hagel.
Dennoch blieb sie und harrte. Schon fielen die ersten Flocken, und immer
noch ließ sich kein Schritt, kein Ruf vernehmen. Eine beängstigende
Sorge
beschlich ihr Herz, nicht um des drohenden Wetters willen -- nur
seinetwegen. Weshalb nur kam er nicht, nachdem er es doch so fest
versprochen hatte? Vielleicht war er vom rechten Wege abgeraten, vielleicht
war ihm ein Unfall zugestoßen, oder er war erkrankt? Mit brennenden
Augen
starrte sie über den Berghang nieder, doch die wirbelnden Flocken
wehrten
ihr den Ausblick. Schon lag der Schnee in weißer Decke über
Moos und
Steinen, über ihrem Schoß und ihren Schultern. Fauchend umfuhr
sie der Wind
und trieb ihr die starrende Kälte durch das dünne Gewand in
alle Glieder.
Da plötzlich meinte sie von dem höheren Felsenhang die Glocken
der beiden
Kälber zu hören. Erschrocken dachte sie ihrer Pflicht und mühte
sich über
das beschneite Gestein empor. Mit gellender Stimme schrie sie die Namen
der
Tiere in den sausenden Wind, in das Wirbeln und Jagen der handgroß
fallenden Flocken. Gewaltsam kämpfte sie sich durch die dicht vernetzten
Latschenfelder, die ihr den Weg versperrten. Die schlagenden Zweige
ü
berschütteten sie mit schwerem Schnee und zerrissen ihr Hände
und Gesicht.
Das kalte Wasser rann ihr über Brust und Rücken, und in klatschender
Nässe
wirrten sich die triefenden Röcke um ihre Füße. Schauer
um Schauer rüttelte
ihren Leib, aber nun dachte sie nicht mehr an sich, nur noch an die beiden
bedrohten, verlassenen Tiere.
Höher und höher stieg sie, keuchend und frierend. Die Stimme
begann ihr zu
versagen, ihre Blicke durchdrangen kaum mehr das weiße Gewirbel
der
Flocken, und an manchen Stellen versank sie schon bis über die Knie
in dem
eiskalten, klebrigen Schnee. Oft glitt sie jählings über einen
niederen
Hang, dann wieder brach sie mit den Füßen in eine verschneite
Schrunde.
Mühsam und stöhnend raffte sie sich auf und mühte sich
weiter, bis sie
plötzlich gewahrte, wie das Gestöber und der liegende Schnee
das lichte
Weiß verloren, und wie das dunkle Braun der steilen Wände
und die Farbe der
Latschen in ein trübes Grau verschwammen, als hätte sich ein
dicker
Schleier darüber gebreitet.
Da zuckte in ihren wirren Sinnen die Erkenntnis der Gefahr auf, in der
sie
sich befand, und eisige Todesangst umschnürte ihr das Herz. »Jesus
Maria,
der Nebel ... und d' Nacht! « Mit verzweifelten Blicken starrte
sie um
sich, schlug die Hände an die Schläfe und stürzte in wahnsinniger
Eile
talwärts, während der Sturmwind ihre klatschenden Röcke
peitschte und ihre
gelösten Haare zauste. Eine mauerhohe Schneewehe versperrte ihr
den Weg.
Sie suchte sich hindurchzukämpfen -- vergebens. Bis an die Schultern
versank sie in der grauen, eisigen Masse. Kaum vermochte sie sich zu
befreien. Wieder mühte sie sich bergan, und fast bei jedem Schritte
stürzend, überquerte sie einen steilen Hang. Als sie sich aufs
neue
talwärts wandte, verirrte sie sich in wirres Latschengestrüpp.
Mit dem
Aufgebot all ihrer Kräfte schlug sie sich durch die zähen Zweige
und befand
sich am Rande steil abfallender Felsen. Es gebrach ihr an Kraft und Mut,
noch einmal den Rückweg anzutreten. Dazu verschleierte ihr die sinkende
Nacht und das Gestöber die Tiefe des Absturzes. So drückte
sie die Augen zu
und sprang.
Ein stechender Schmerz durchfuhr bei dem heftigen Aufprall ihre Glieder,
und die Sinne drohten ihr zu vergehen. Aber die Todesangst trieb sie
wieder
empor auf die zitternden Füße, und während sie mit Gleiten,
Stürzen und
Springen sich talwärts kämpfte, begann sie zu beten, die letzte
Reue, das
Gebet in der Todesstunde -- und zwischen den Iallenden Worten der Gebete
schrie sie mit gellender Stimme in Sturm und Nacht hinaus nur immer den
einen Namen: »Alois ... Alois ... Alois! « Bald aber versagten
ihr vor
Erschöpfung die Worte, und lähmend legte sich über ihre
letzten Kräfte die
bluterstarrende Ahnung, daß all ihre wahnsinnige Mühe vergebens,
daß die
nächste Stunde ihre letzte wäre. Erfrieren! Erstarren und ersticken
im
eisigen Schnee! Fern von ihm, der ihr alles war, fern vom Vater, ohne
Wegzehrung und Tröstung Gottes, mit der lebendig gewordenen Sünde
unter
ihrem Herzen!
Stöhnend brach sie zusammen, und in ihr grausiges Geschick sich
ergebend,
raffte sie das Gewand über das Haupt und preßte die Arme vor
das Gesicht.
Dann wieder sprang sie auf mit zitterndem Schrei. Es hatte der Sturmwind
dumpfe Laute an ihr Ohr getragen -- das wilde, zornige Gebrüll ihrer
Rinder, die wohl in dichtgedrängter Schar die versperrte Hütte
umstanden,
da sie auf dem hoch beschneiten Grunde weder Lager noch Äsung fanden.
Ein
Schimmer von Hoffnung blitzte in ihr auf: Ihre Hütte konnte nicht
mehr
allzu ferne sein. Zitternd richtete sie sich empor, aber nach wenigen
wankenden Schritten versagten ihr jählings wieder die Kräfte,
ein
schneidendes Weh durchfuhr ihren Leib, wimmernd stürzte sie in den
Schnee
und wand sich in Pein und Schmerzen. Das Grausen und die Schrecken der
durchlebten Stunden hatten das winzige Leben getötet, das unter
ihrem
Herzen keimte.
Erschauernd wandte Klara die starren, fieberglänzenden Augen von
den
sonnigen Bergen, als vermöchte sie, wenn sie den Anblick jener Ferne
floh,
auch den bösen Bildern zu entfliehen, die sie verfolgten. Aber sie
konnte
sich ihrer Gedanken nicht erwehren, und während sie das blasse Gesicht
mit
den schmerzdurchzitterten Zügen niederneigte auf die Brust, versank
sie
tiefer noch in die Erinnerung all des Vergangenen. Sie hörte den
müden,
stockenden Seufzer nicht, mit dem der Vater, als er die Paßhöhe
erreichte,
im Stehen für kurze Sekunden rastete. Sie merkte des Weges nicht,
auf dem
er sie mit achtsam tastenden Schritten talwärts trug. Und sie sah
nicht,
wie langsam steigendes Gewölk den blauen Himmel und die Sonne verschleierte
und graue Schatten über Tal und Höhen warf. Ihre Augen schauten
nur in ihr
Inneres und zurück in die vergangene Zeit. Auch daran dachte sie,
was sie
erst nach langen Tagen aus anderem Mund erfahren hatte: wie der Vater
und
die Knechte des Almbauern sie gefunden. Wochen und Wochen hindurch lag
sie
zwischen Tod und Leben. Mit aufopfernder Tätigkeit pflegte sie der
Vater,
und auch der alte Dorfarzt tat sein Möglichstes. Lange Stunden oft
saß der
alte Herr vor ihrem Lager, kopfschüttelnd und mit verdrießlichen
Mienen. Er
verstand die Krankheit des Mädels nicht, denn Klara hatte das bitterste
Weh
jener Unglücksnacht nicht nur dem Vater, auch dem Arzte verschwiegen.
Das
Fieber schwand, das klare Bewußtsein kehrte ihr wieder, aber der
Winter
verging, und statt der erhofften Genesung brachte ihr der Frühling
nur ein
immergleiches, schmerzvolles Siechtum. Ihr Körper blieb von einer
teilweisen Lähmung befallen, und in ihrer Brust hatte sich ein
schleichendes 1Dbel eingenistet. Mit stiller Geduld ertrug sie ihr Leiden.
Nie hörte der Vater von ihr eine Klage. Oft aber, wenn er von irgendeinem
Gange zurückkehrte, oder wenn sie tagsüber einige Stunden geschlafen
hatte,
schaute sie mit bangen, heißen Augen zu ihm auf und fragte leise: »Vaterl,
sag, hat niemand net gfragt nach mir?« Freilich, freilich, alle
Leute
fragten nach ihr, sie war ja wohlgelitten im ganzen Dorf. Solche Antwort
aber genügte ihr nicht. Namen um Namen mußte der Vater herzählen,
und wenn
er damit zu Ende war, ließ sie unter stockendem Seufzer das blasse
Haupt
zurücksinken in die Kissen und starrte mit irren Augen zur Decke
empor,
während tief schmerzliche Enttäuschung sich in ihren welken
Zügen malte.
Seltener und seltener stellte sie an den Vater diese Frage. Aber immer
noch
empfing sie ihn, wenn er von einem Dorfgang zurückkehrte, mit jenem
bangen,
stumm fragenden Blick. Und so oft er auch nach Hause kehren mochte, ohne
ihr die ersehnte Antwort auf diese wortlos flehende Frage zu bringen,
dennoch verließ sie die Hoffnung nicht, daß einst der Tag
noch kommen
müßte, der ihrem Glauben und ihrer Liebe recht geben würde
vor ihrem
martervollen Fürchten und Zweifeln.
Und nun, so wähnte sie, nun endlich war er gekommen, dieser lang
und heiß
ersehnte Tag.
Fernes Stimmengewirr und dumpfes Lärmen schreckten sie aus ihrem
Sinnen
auf. Das Ziel ihrer Wallfahrt, die Einöd, war erreicht. Jähe
Röte huschte
ü
ber Klaras Wangen, und ein heftiges Zittern befiel ihren Körper,
während
sie mit brennenden Augen niederschaute in das schmale Tal, darin inmitten
des dichten Waldes ein freier Plan sich zeigte, auf dem nur drei Gebäude
sich erhoben: die kleine Kirche mit der von Büschen und Bäumen
besetzten
Umfriedung, der Kaplanhof und das Wirtshaus. Rings um den Waldsaum aber
zog
sich die lange Reihe der Buden, die teils mit gelblich leuchtenden
Brettern, teils mit weiß schimmernden Blachen überdacht waren.
Zwischen
ihnen und jenen Gebäuden wimmelten Hunderte von Menschen durcheinander,
deren lautes, lebendiges Treiben eher vermuten ließ, als wären
sie zu einer
lustigen Kirchweih, nicht zu einem frommen Fest der heiligen Mutter
gekommen. Als der Loibacher den ebenen Waldgrund betrat, sah er überall
Gruppen von Burschen und Weibsleuten, die mit vollen Krügen und
Tellern
lachend und schwatzend unter den Bäumen lagen. Die Menschen, die
ihm
begegneten, wichen scheu zur Seite und betrachteten halb neugierig, halb
teilnahmsvoll den Alten und seine schwankende Last; Leute aus seinem
Dorfe
sprachen ihn freundlich an und boten auch wohl mit herzlichem Trost dem
blassen, kranken Mädel die Hand hinauf. So erreichte der Loibacher
den
offenen Platz; da blieb er stehen, schaute finster in das lustige Gewühl
und wandte sich kopfschüttelnd seitwärts zwischen die Bäume.
Von der
Waldseite betrat er den Kirchhof. Hier sah er auf den im Gebüsch
zerstreuten Stein-- und Rasenbänken manch einen Einsamen kauern,
dem ein
schweres Leiden aus den müden, traurigen Zügen sprach. Kam
er an solch
einem vorüber, so wechselten die beiden mit stummem Nicken einen
Blick, als
hätten sie sagen wollen: »Gelt, wir zwei, wir wissen, weswegen
wir da
sind?«
Vor einer Steinbank, die in die Kirchenmauer eingelassen und von dichtem
Buschwerk fast ganz umzogen war, stellte er die Kraxe zu Boden. Tief
atmete
er auf, reckte die Arme, drehte die Schultern und sagte mit einem Lächeln,
das ihm nicht recht gelingen wollte: »No also, schau, jetzt sind
wir ja da!
«
Und während er sich neigte, um die Seilverschnürung zu lösen,
fragte er
in zärtlicher Besorgnis: »Wie is dir denn? Ich mein, du mußt
es schon
gspüren, daß die heilig Mutter nimmer gar weit is! «
In wortloser Bewegung ergriff und drückte Klara seine zitternden
Hände.
»Sorg dich net, Schatzl, ah na, mußt dich net sorgen!« stammelte
er, wobei
ihm der Schweiß in dicken Tropfen über die vor Erschöpfung
blassen Wangen
rann. »Wirst es schon sehen, ich hab den Glauben zu der heiligen
Mutter,
die wird schon wissen, wie s' alles recht macht! «
Nun hob er Klara von der Kraxe auf die Steinbank, über die er den
Wettermantel gebreitet hatte. Die Krücke mit dem Kränzlein
lehnte er an die
Mauer und verbarg die Kraxe im Gebüsch. Dann setzte er sich an Klaras
Seite, brachte ein kleines Bündel aus der Joppentasche, und während
er das
weiße Tüchlein, welches Schwarzbrot und kaltes Fleisch enthielt,
aufknüpfte
und über den Schoß des Mädels breitete, sagte er: »Da
schau, da hab ich ein
bißl was mitgnommen von daheim, grad für'n ersten Hunger.
Nach der Kirchen,
weißt, da schau ich schon, daß du was Bessers kriegst. Geh,
komm, iß jetzt
ein bißl!«
Er brach das Brot, zerschnitt das Fleisch in kleine Stücke und
schob dem
Mädel die besten Bissen auf der Messerspitze zwischen die Lippen.
Als das Tüchlein leer war, faltete er es zusammen, schob es in
die Tasche
und erhob sich. »Jetzt schau ich mich einmal in der Kirchen um
ein gutes
Platzl um, gelt? Und weißt, mit der heiligen Mutter will ich schon
auch ein
bißl reden derweil! « Seufzend griff er nach der Krücke
und dem Kränzlein,
nickte seinem Kinde mit ermutigendem Lächeln zu und entfernte sich
zögernden Schrittes. Vor der Kirchentür nahm er den Hut vom
Kopf und strich
sich die grauen Haare glatt. Ein Zittern befiel ihn, als er aus dem hellen,
warmen Tag in die kühle Dämmerung der Kirche trat. Nur wenige
Beter saßen
und knieten in den braunen Stühlen. Die sonst so ärmliche Kirche
trug ein
festliches Gewand. Mit roten Tüchern waren die Altäre und die
Wände
verkleidet. Schwere Girlanden, aus deren dunkelgrünen Fichtenzweigen
weiße
und rote Papierblumen leuchteten, hingen von der Kuppel nieder und
durchzogen nach allen Richtungen das Schiff. Der Hauptaltar verschwand
fast
unter blühenden Oleanderbäumen. Ihm zur Rechten zeigte sich
eine
kapellenartige Nische, deren Eingang mit einem Bogenbau von Fuchsien--,
Nelken-- und Rosenstöcken geschmückt war; aus ihren Blättern
und Blüten
leuchtete ein Kranz buntfarbiger Kugellampen, deren flimmernder Schein
das
Innere der Nische mit einem geheimnisvollen Licht erfüllte. Bis
unter die
blaubemalte, mit goldenen Sternen besetzte Kuppel war hier die Mauer
bedeckt von Votivtäfelchen, deren grelle, kindliche Malereien mit
ihren
eckigen, steifen Inschriften eine seltsame Mosaik bildeten. Mit zahllosen
kleinen Füßen, Armen, Händen, Herzen, Kühen und
Pferden aus Wachs und
dünnem Silber war das tischhohe Postament behängt, auf dem
das wundertätige
Muttergottesbild thronte, in starrem Brokatgewand, eine glitzernde
Flitterkrone über dem vor Alter fast schwarzen Gesicht, das nackte
Jesukindlein auf den ausgestreckten Händen.
Drei Stufen führten zu dem Postament empor, und auf der untersten
dieser
Stufen kniete der Loibacher und hielt unter inbrünstigem Gebet die
Krücke
mit dem Kränzlein an seine Brust gedrückt. Nun erhob er sich,
trat mit
frommer Scheu auf die oberste der Stufen, und während er Kränzlein
und
Krücke dem Muttergottesbild zu Füßen legte, sprach er: »O
du gute, o du
heilige Mutter du, gelt, sei fein gscheit ... und daß d' mir an
mein Madl
denkst! Da schau, das schöne Kranzerl hat's dir selber gmacht! Und
den
Stecken da ... weißt, mußt halt schauen, daß 's Madl
kein andern nimmer
braucht! «
Dann fuhr er sich mit dem Ärmel über das von Schweißperlen
glitzernde
Gesicht, bekreuzigte sich im Rückwärtsschreiten und taumelte
aus der
Kirche. Als er ins Freie trat, reckte er sich tiefatmend auf und eilte
zu
seinem Kinde. »Komm, Schatzl, so komm halt!« stotterte er,
hob das Mädel
auf seine Arme und trug es in die Kirche, geraden Weges vor das
Muttergottesbild. Hier stand er und fühlte, wie Klaras Arm sich
fester und
fester um seinen Nacken schlang, während sie mit heißen, flehenden
Blicken
aufwärts starrte zu dem heiligen Bilde.
Da ging ein dumpfes Dröhnen durch den Kirchenraum -- es begannen
die
Glocken zu läuten, die zum Hochamt riefen.
Während der Loibacher für sich und Klara einen Platz im Seitenschiff
der
Kirche suchte, strömten schon die Wallfahrer in dicht gedrängten
Gruppen
durch das enge Tor. Bald war die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt.
Auf den Altären wurden die Kerzen entzündet, unter gellendem
Klingeln
traten die Priester aus der Sakristei, die Orgel rauschte, eine verworrene
Musik ertönte, und schwerer Weihrauchduft erfüllte den dämmerigen
Raum.
An der Seite ihres Vaters, der betend auf den Knien lag, saß Klara
regungslos im Stuhl. Sie hatte die Hände im Schoß gefaltet.
Ihr blasses
Gesicht war tief geneigt, mit halbgeschlossenen Augen, als hätte
sie nicht
den Mut, einen Blick auf die Menschen zu werfen, die sie umringten. Wie
Schauer ging es manchmal über ihr Haupt und über ihre Schultern,
und dann
hob und senkte sich unter schweren Atemzügen ihre Brust.
Das Hochamt war zu Ende, und eine drängende Bewegung kam in die
Menge. Die
Leute polterten aus den Stühlen, ihre Schritte klapperten über
die
Steinplatten, und ein summendes Flüstern ging durch den Kirchenraum.
Zögernd hob Klara das Gesicht. Ihre fahlen Züge bebten in
Erregung. Die
blassen Lippen standen offen, als wäre der Atem auf ihnen erstarrt.
Bang
irrten ihre Augen über die Gesichter der Menschen, die an ihr
vorüberdrängten. Plötzlich zuckte sie zusammen, und heftiges
Zittern befiel
ihre Hände. Dort ... dort kam er! Hart an ihrem Platze mußte
er vorüber.
Und wie leicht erkannte sie ihn ... wie wenig hatte er sich verändert!
Genau so wie damals, als er zum erstenmal ihre Hütte betreten hatte,
genau
so sah er aus. Das war der gleiche kecke Blick, die gleiche übermütige
Haltung des hübschen Kopfes. Und der grauhaarige Mann an seiner
linken
Seite, das mußte sein Vater sein; sie erkannte ihn an der Ähnlichkeit,
trotz der kalten Härte, zu der die weichen Züge des Sohnes
im Gesicht des
Vaters erstarrt schienen. Wer aber war die bunt aufgeputzte Dirn mit
den
strotzenden Formen und dem derben, roten Gesicht, die er an seiner Rechten
führte? Seine Schwester? Sie wußte, daß er eine Schwester
hatte. Wohl
entdeckte sie an diesen beiden keinen Schimmer von Ähnlichkeit.
Wer sonst
aber konnte dieses Mädel sein, wenn nicht seine Schwester? Und nun
neigte
er sich zu ihr nieder, flüsterte ihr lächelnd einige Worte
ins Ohr, und die
Dirn nickte ihm schmunzelnd eine stumme Antwort zu. Kichernd drückte
er den
Kopf in den Nacken ... und da kreuzten sich seine Blicke mit Klaras Augen.
Es war ein Blick von unsagbarem Ausdruck, mit dem sie zu ihm aufschaute.
Dieser einzige Blick mußte ihm alles bekennen, was sie gelitten
und
erduldet, was ihr Herz an Weh und Sehnsucht erfüllte. Bis in den
Hals
erblaßte er vor diesem Blick. Das aber konnte Klara nicht mehr
gewahren,
denn die nachdrängenden Menschen hatten ihn schon an ihr vorübergeschoben.
Ein träumerischer Glanz erwachte in ihren Augen, und ihren Mund
umkräuselte
ein leises, glückliches Lächeln, während sie die zitternden
Hände auf den
Busen preßte, als wollte sie das ungestüme Pochen ihres Herzens
beruhigen.
Nun hatte er sie gesehen ... und da wußte sie, daß er sie
suchen und finden
würde.
jetzt kehrte sich der Vater nach ihr um und sah ihr staunend ins Gesicht.
»
Wie is dir denn, Schatzl? Sag, wie is dir denn jetzt?«
»Besser, Vaterl, woltern schon besser!«
In den Zügen des Alten blitzte die helle Freude. »No, schau,
gelt, ich
hab's ja gsagt! ja, die heilig Mutter, das is halt eine! Die kennt's
fein
gleich, wos Helfen anbracht is. Aber komm, jetzt sag ihr nur gleich ein
richtigs Vergeltsgott!« Unter Stammeln und Tränen hob er Klara
auf seine
Arme und trug sie durch die verwundert vor ihm beiseite weichenden Leute
vor das wundertätige Marienbild.
Der Meßner kam, löschte mit einem langen, schwankenden Stab
die hundert
brennenden Kerzen und räumte die Altäre. Aus der Sakristei
hörte man
halblautes Geplauder, vom Chor hernieder das Klappern von Instrumenten
und
hallende Tritte. Dabei leerte sich allmählich die Kirche, die von
einer
schweren, schwülen, beklemmenden Luft erfüllt war.
Als letzter verließ sie der Loibacher. Fest waren Klaras Arme
um seinen
Hals geschlungen, und auf seiner Schulter ruhte ihr heißes Gesicht.
Achtsamen Ganges trug er sie zu jener Steinbank zurück. Die Sonne
hatte das
graue Gewölk durchbrochen und überströmte mit ihrem weißen,
warmen Lichte
das freundliche Plätzchen. »Da schau, da hast jetzt ein Bleiben,
daß dir's
net schöner wünschen kannst! « beteuerte der Alte unter
Schmunzeln und
Blinzeln, während er mit seelenvergnügter Geschäftigkeit
seinem Kinde den
Sitz auf der Steinbank so bequem als möglich zu richten suchte. »Ja,
und
jetzt spring ich gleich ins Wirtshaus ummi und schau, daß ich ein
bißl was
Warms für dich zum Essen krieg. Grad 's Beste müssen s' mir
geben, was da
is! Und da paß auf, wie dir das schmecken wird! Da wirst nacher
gleich in
dir ein ganz ein neuen Kraft verspüren. Denn weißt, wenn die
heilig Mutter
auch in der Hauptsach alles bsorgt ... nachhelfen muß man dengerst
noch ein
bißl. Das ist grad wie mit eim Ofen. Der Hafner macht ihn, aber
heizen mußt
ihn selber. ja, du, so ein Ofen, der braucht sein Holz ... und das gache
Gsundwerden, das macht ein Hunger! So, gelt, jetzt bleibst mir recht
schön
sitzen da! Und bhüt dich Gott derweil! « Und da eilte er schon
mit langen
Schritten davon.
Klara streckte ihm die Arme nach, als hätte sie ihn halten oder
bitten
mögen, sie mitzunehmen. Kein Wort aber kam über ihre Lippen.
Und als des
Vaters Tritte auf der Kirchhoftreppe verhallten, drückte sie die
zitternden
Hände auf die von Sturm erfüllte Brust, und kraftlos sank ihr
das blasse
Haupt an die weiße, sonnbeglänzte Mauer. Wie unter atemlosem
Lauschen waren
ihre brennenden Augen nach aufwärts gerichtet, und der Ausdruck
banger
Erwartung zeigte sich in ihren Zügen.
Leises Flattern und feine Vogelstimmen ließen sich aus den ringsum
stehenden Büschen hören. Ein sachtes Rauschen ging durch die
dunklen Wipfel
des nahen Waldes. Aus dem tieferen Tal tönte, gedämpft durch
die Ferne, das
Tosen und Brausen des wilden Bergbaches. Geschrei und Gelächter
ließen sich
vom Wirtshause her vernehmen, und von dem freien Platze, auf dem sich
Hunderte der Wallfahrer durcheinander drängten, klang ein wirres
Lärmen,
aus dem sich scharf und kreischend die Stimmen der Budenbesitzer hoben,
die
ihre Waren zum Verkaufe boten. Auch andere Stimmen schieden sich manchmal
deutlich aus dem allgemeinen Tumult, wenn plaudernde Gruppen oder Paare
dicht unter der Kirchhofmauer vorüberzogen oder, für Klaras
Augen durch die
Büsche verborgen, den Kirchhof quer durchschritten.
Nun wieder schlug über den brüchigen Bord der Kirchhofmauer
solch eine
Stimme an ihr Ohr ... und das war jene gleiche, heiser lachende
Männerstimme, die sie am verwichenen Nachmittag vor ihres Vaters
Haus von
der Straße herauf gehört hatte. Klara erkannte sie beim ersten
Wort, das
sie vernahm. »Schöne Sachen, das muß ich sagen. Schöne
Sachen hört man von
dir! Du bist mir ein Feiner! Aber no, meintwegen, ich tu dir den Gfallen.
Ein andere Frag ist freilich, ob ich 's Madl find ... ich hab's ja noch
nie
net gsehen.«
»Geh weiter! Wann ein bißl dran denkst, wie ich's dir bschrieben
hab, da
kennst es am ersten Blick. Und ich mein, wenn beim Wirtshaus in der Näh
umeinandersuchst, da gehst net weit fehl!« So erwiderte eine andere
Stimme,
die dem lauschenden Mädel jäh alles Blut zum Herzen trieb. »Und
gelt, da
tust mir halt den Gfallen und redst recht freundlich mit ihr. Weißt,
sagst
ihr halt, ich wär den Winter über selber krank gwesen, und
im Fruhjahr hätt
ich nie net abkommen können vor lauter Arbeit im Holz draußen.
Sagst ihr,
ich hätt die größte Freud ghabt, weil ich s' wieder einmal
gsehen hab ...
und ich hätt's heut schon selber aufgsucht, wenn ich mich traut
hätt vor
meim Vatern, der noch nix merken dürfet davon. Und sagst ihr; in
einer von
die nächsten Wochen tät ich mich schon einmal anschauen lassen
bei ihr
draußen.«
»Langsam, langsam!« lachte die andere Stimme. »Meinst
denn, ich kann mir
das alles grad auf einmal so merken?«
»Geh, so heikel iss ja net! D' Hauptsach is halt, daß 's
Madl glauben muß,
es wär heut alles noch grad so, wie's früher war. Viel Geduld
hat's
freilich ghabt. jetzt aber, wos mich wieder gsehen hat, und wenn ich
gar
nix dergleichen tät, da könnt's am End doch was laut werden
lassen. Und das
wär mir ein bißl unglegen ... acht Tag vor der Hochzeit. Denn
weißt, wenn
d' Leni auch verliebt is bis über d' Ohren, ihre gspaßigen
Mucken hat s'
dengerst. Z'naxt hat s' mir weiters kein Spitakl gmacht, wie unser Knecht
so dumm dahergredt hat, ja ... und wann ich ihr net alles so steif ins
Gsicht eini geleugnet hätt, leicht hätt s' mir am End gar wieder
aufgsagt.
No, die wann wissen tät, daß s' Madl mit uns auf der Wallfahrt
is! Ein bißl
ebbes hat s' sowieso schon gmerkt, daß mir was umgeht im Kopf.
Wenn s' mir
nur grad die acht Tag noch übersteht! Nach der Hochzeit kann s'
meinetwegen
erfahren, was s' mag ... da is mir alles einding. Also gelt, tust mir
halt
den Gfallen ... weißt ja, was ich dir versprochen hab! «
»No ja, ich will 's Madl schon suchen und will auch mit ihr reden,
wie's
dir taugt. Aber's Madl wird halt auch's Fragen anfangen.«
»Was solls denn lang fragen? Höchstens wird's dir vorjammern
von
derselbigen Nacht. No ja, und dann kann's dich am End schon fragen, warum
ich selbigsmal am Abend net kommen bin, wie ich's versprochen hab. Sagst
ihr halt, was dir einfallt, und kannst ja sagen, mein Vater wär
da gwesen,
wie ich selbigsmal in d'Holzerhütten heim kommen bin, und ich hätt
auf der
Stell mit ihm nunter müssen ins Ort.«
»Leicht reden tust dir schon, das muß ich sagen! Hast es
ihr ja dengerst
versprochen ghabt, daß kommst ... und du wenn dabei gwesen wärst,
da hätt
s' auch leicht wieder heim gfunden in d' Hütten und hätt die
schieche Nacht
net derleiden müssen.«
»So? Meinst? Ah na ... net ein bißl ein Gwissen mach ich
mir draus! Das
heißt, wie's am Abend so zum stöbern und winden angfangt hat
... und nacher
in der Nacht wie's mir allweil gwesen is, als höret ich 's Madl
schreien
droben im Gwänd, da sind mir freilich die Grausbirn aufstiegen über'n
Buckel. Hintnach aber hab ich mir gsagt, es hat ihr nix anders net ghört!
Denn ihr Reden am selbigen Morgen ist nix anders net gewesen als wie
Lug
und Trug ... der reiche Bauernsohn, weißt, der hätt ihr halt
taugt ... und
da hat 's wohl gmeint, sie fangt mich damit, daß ich Ernst mach.
Unser
Herrgott hat s' aber auch gstraft für die Lug, wo s' mir anghängt
hat. Denn
wann's keine Lug net gwesen wär, hätt ich ja lang in der Zeit
schon eine
Botschaft oder ein Zetterl kriegen müssen ... «
»Du, da schau, mir scheint, du bist der Leni schon wieder z'Iang
ausblieben! Die schaut ja umeinander wie ein Haftlmacher!«
»Na, jetzt so was! Aber ich weiß schon, net ein Augenblick
hat s' ein
Freid, wann ich ihr net allweil auf der Kittelfalten sitz. jetzt schau
nur
gleich, daß weiter kommst ... und daß mir fein alles gscheit
anstellst,
gelt? Ich druck mich herzeit hinter der Kirchen rum ... «
Da erlosch die flüsternde Stimme unter dem Klappern rasch enteilender
Schritte. Noch waren diese Schritte nicht verhallt, als andere, flüchtige
Tritte auf der steinernen Kirchhoftreppe sich vernehmen ließen. Über
den
Stufen erschien jene bunt aufgeputzte Dirn mit dem derben, roten Gesicht.
Sie eilte auf die offene Kirchtür zu und spähte in das Dämmerlicht
des
stillen, menschenleeren Raumes. Kopfschüttelnd wandte sie sich auf
den Weg
zurück und folgte suchend dem kiesigen Pfad, der sich zwischen Büschen
und
Bäumen um die Kirche schlängelte. Nun plötzlich stand
sie vor Klara. »Geh,
Madl, sag, hast net ein Burschen gsehen?« begann sie zu fragen.
Doch mitten
in ihrer Frage verstummte sie und schaute halb erschrocken, halb neugierig
das Mädel an, das ohne Leben auf der Steinbank saß, in sich
zusammengesunken, mit gläsernem Blick, mit offenen, blutigen Lippen,
mit
fahlen, schmerzverzerrten Zügen. »Ja mein ... was is dir denn?« fragte
die
Dirn, während sie zögernd näher trat. »Fehlt dir
leicht was?«
Klara schien nicht zu sehen, nicht zu hören. Regungslos starrte
sie an der
Dirn vorüber ins Leere, noch immer der Richtung zu, aus der sie
jene
wechselnden Stimmen vernommen hatte.
»Aber geh, so red doch, was is dir denn?« begann die andere
wieder, faßte
Klara beim Arm und rüttelte sie. »Mußt ja gar feindlich
krank sein! Schaust
ja aus wie 's leibhaftige Sterben! Wie kann man dich denn so allein lassen!
Kann ich dir denn gar nix helfen? Wer bist denn, sag, wer bist denn?«
Da ging ein Schauer über Klaras Gestalt. In zitternden Händen
führte sie
ein blutiges Tuch an die Lippen und sah mit flackernden Blicken auf.
Und
während ihr die Arme kraftlos niedersanken, umzog ein bitteres Lächeln
ihren zuckenden Mund. »Wer ... wer ich bin ... willst wissen? 's
Loibachermadl heißen mich d' Leut! «
Langsam trat die Dirn zurück. Alles Mitleid war aus ihren Zügen
geschwunden. Ihre Brauen furchten sich, ein lauernder feindseliger Blick
schoß aus ihren Augen, und von ihren aufgeworfenen Lippen klangen
scharf
und hart die Worte: »So ... du also ... du bist 's Loibachermadl?
No
freilich ... ich hätt dich ja bloß drum anschauen dürfen!
Und ich ...
willst wissen, wer ich bin? Leni heiß ich ... und über acht
Tag mach ich
Hochzeit mit dem Oberholzer--Alois. Kennst ihn leicht?«
»Ah ja ... ich mein' schon, daß ich ihn kenn ... vom Sehen
halt, ja ... vom
Sehen.«
»So? Grad vom Sehen? Und mir is doch, als hätt ich wen sagen
hören, du
hättst ihn gnauer auch noch kennt?«
»Hast wen sagen hören? No schau, der weiß nacher mehr
als ... als wie ich
selber weiß! « * erwiderte Klara mit gebrochener, kaum noch
vernehmlicher
Stimme. Schwer sank ihr bei diesen Worten das Kinn auf die Brust.
»Anschauen tu mich, sag ich ... anschaun!« fuhr Leni zornig
auf. »Denn wann
das wahr is, was da gsagt hast, mußt mich anschaun können!«
Langsam hob Klara das totenblasse Gesicht. Steinerne Ruhe war in ihren
Zügen. Das flackernde Feuer ihrer Augen war erloschen, und nur noch
der
Ausdruck staunender Frage lag in dem festen Blick, den sie über
die Gestalt
der anderen emporgleiten ließ bis zu dem derben, dunkelroten Gesicht.
Vor diesem Blick schlug Leni die Augen nieder; wortlos nagte sie an
der
dicken Lippe, um plötzlich scheu nach beiden Seiten über ihre
Schultern
zurückzusehen, als hätte sie das Gefühl, daß jemand
hinter ihr stände. Dann
streckte sie zögernd die Hand, und es schien ihr ein gutes, freundliches
Wort auf der Zunge zu liegen. Dennoch schwieg sie ... und als sie eine
kurze Weile vergebens gewartet hatte, daß Klara die dargebotene
Hand
ergreifen sollte, legte sie wie in trotzigem Hochmut den Kopf in den
Nacken, zuckte die Achseln und eilte mit raschen Schritten davon.
Da ging ein jähes Zittern über Klaras Gestalt; wie in Todesangst
und
Verzweiflung starrte sie nach der Stelle, an welcher die andere zwischen
den dichten Büschen verschwunden war; ein gurgelnder Wehlaut quoll
ihr über
die Lippen, die sich aufs neue von dunklem Blute röteten, und während
sie
die Arme streckte, raffte sie sich wankend in die Höhe. Doch einen
Schritt
nur tat sie, dann brachen ihr schon die Knie. Schwer schlug sie mit dem
ganzen Körper zu Boden, ihre Finger krampften sich in die Erde,
und unter
Stöhnen drückte sie das Gesicht in den Rasen, der sich netzte
mit ihrem
Blut und ihren Tränen.
Dann plötzlich wieder verstummte ihr Schluchzen, in Angst und Zittern
richtete sie sich halb empor, mit bebenden Händen trocknete sie
ihre
Lippen, verbarg das blutige Tuch in ihrem Gewand und zog sich mit
keuchender Mühe auf die Bank.
Sie hatte ihres Vaters gedacht.
Und da hörte sie auch schon seine näher eilenden Schritte
auf der
Kirchhoftreppe.
Noch einmal preßte sie die Hände auf die Brust, als wollte
sie mit Gewalt
ihren fliegenden, rasselnden Atem zur Ruhe bringen; dann saß sie
regungslos, das Haupt an die weiße, sonnige Mauer gelehnt, als
wären ihr
die Minuten, die der Vater fern gewesen, in stillem Harren vergangen.
Nun kam er, mit gerötetem Gesicht, in der linken Hand ein irdenes
Töpfchen
mit dampfender Suppe, in der rechten einen Teller mit rauchendem Fleisch.
Wohl fiel sein erster Blick auf Klaras Züge, aber bei all der guten
Hoffnung, die sein Vaterherz erfüllte, und in seiner plaudernden
Geschäftigkeit hatte er kein Auge für den starren, todmüden
Ausdruck im
Gesichte seines Kindes. Er erzählte von dem Gedränge, das da
drüben im
Wirtshaus herrschte, und von der Mühe, die es ihn gekostet hatte,
um das
Bißchen zu erkämpfen, was er in Händen hielt. So unter
Schwatzen und
Plaudern setzte er sich an Klaras Seite und bat und nötigte sie
so lange,
bis sie auch das letzte Tröpfchen Suppe genossen hatte. Doch als
er ihr den
ersten Bissen Fleisch an die Lippen führte, war es zu Ende mit ihrer
Ü
berwindung. Heftig schob sie seine Hand beiseite, und schaudernd fiel
ihr
das Haupt auf die Schulter.
»Ja mein Gott! Schatzl! Was hast denn?« stammelte er. »Schau,
ein bißl was
mußt ja essen ... oder sag, willst leicht was anders haben? So
red doch,
geh ... schau, grad alles schaff ich dir her, was dir lieb is. Geh,
Schatzerl, sag, was willst denn?«
»Heim will ich, Vater! Heim! Sonst gar nix als heim!« glitt
es in
klanglosen Worten von Klaras zuckenden Lippen.
Erblassend fuhr der Loibacher auf und stieß den Teller auf die
Steinbank.
»
Jesses ja! Mein Gott, schau ... «, und dabei zog er schon die Kraxe
aus
dem Gebüsche, »alles tu ich, was d' haben willst! Ich weiß schon:
daheim,
gelt, daheim is halt am besten. Komm, Schatzl, komm ... «
Da verstummte er und starrte erschrocken seinem Kind in das fahle Gesicht,
in die stumpfen, verschleierten Augen, auf den klaffenden, von Schmerz
verzerrten Mund. Er streckte die Hände und rührte wortlos die
Lippen, bis
er die Sprache fand: »Ja lieber Herrgott! Was is denn?«
Klara tastete nach ihm mit zitternden Armen. »Ich weiß net,
Vaterl ... aber
mir wird auf einmal so letz! Mir is ... ganz schwarz vor die Augen ...
und
... mein Gott, Vater, mir wird so angst ... so sterbensangst ... «
In einem stöhnenden Röcheln erstickten ihre Worte. Eine Ohnmacht
schien sie
zu überkommen, sie wankte, schon aber fing sie der Vater in seinen
Armen
auf, und lautlos sank sie ihm an die Brust. Unter Zittern und Tränen
hielt
er sie umschlungen. »O heilige Mutter! ja wo bist denn? ja hast
denn gar
keine Augen net? O du gütiger Herrgott ... was fang ich denn an! « Da
fühlte er, wie sich Klara in seinen Armen regte. »Jesse na!
Mein Kindl mein
liebs! Schau mußt dich net ängsten! Ah na, gwiß net!
Gelt, es is dir schon
besser?«
»Ja, Vater, ja ... besser ... ein bißl besser!« klang
es mit lispelnden
Worten.
»No also, schau, das is ja gwiß nix anders gwesen, als wie
so eine gache
Schwächen, wo dich angfallen hat, natürlich, der weite Weg,
und alles,
alles!« Und während Sorge und Hoffnung zugleich aus seinen
Augen sprachen,
richtete er das Mädel auf und streichelte ihm mit zitternden Händen
die
bleichen Wangen. »Aber laß nur grad den Mut net sinken! Die
heilige Mutter
hat noch kein verlassen, der ein richtigen Glauben ghabt hat auf ihr
Güt
und Gnad. Wirst es schon sehen, mein Kindl, mein liebs, wirst es schon
sehen, was dich jetzt auf einmal so anpackt hat, das is nix anders gwesen,
als wie der letzte Schnaufer von deiner Krankheit, und von jetzt an is
aus
und gar mit ihr, und 's Gsunden geht an! Und komm ... jetzt mach ich
mich
gleich auf'n Weg! Und bald wir daheim sind, da legst dich gleich nieder
und
tust mir schlafen und nix als schlafen ... und nacher Paß auf,
wann nacher
aufwachst! Du! Da wirst schauen! Komm, Schatzl, komm! «
Mit beiden Armen hob er Klara auf den Sockel der Kraxe. Unter tröstenden,
hoffnungsseligen Worten richtete er ihren Sitz und legte wieder das Seil
um
ihre Füße und Hüften. Sie lächelte ihn mit blassen
Lippen an und
verbrauchte ihre ganze Kraft, um sich aufrecht zu erhalten. Doch als
er vor
der Kraxe niederkniete, um die Riemen über die Schultern zu ziehen,
ging
ein schmerzvolles Zucken über ihr Gesicht. Wie dem Ersticken nahe,
so saß
sie mit klaffendem Mund und krampfte die Hände in ihre Brust. Jetzt
fühlte
sie, wie sich der Vater mühsam in die Höhe stemmte, wie sich
die Kraxe
langsam mit ihr hob, und da sank sie in sich zusammen, und kraftlos fiel
ihr das Haupt auf die Schulter.
Der Loibacher verließ den Kirchhof auf dem "gleichen Wege,
auf dem er ihn
betreten hatte, und suchte quer durch den Wald den heimwärtsführenden
Fußpfad zu gewinnen. Noch war er nicht hundert Schritte gegangen,
da fragte
er schon: »Geh, sag, wie is dir denn?«
»Besser, Vaterl, ein bißl besser! «
Und so oft er seine Frage auch wiederholen mochte, immer hörte
er die
gleiche Antwort. Nur einmal, als der steile Anstieg fast schon zur Hälfte
ü
berwunden war, erwiderte Klara auf des Vaters Frage mit müder, kaum
vernehmliche leiser Stimme: »Gwiß is mir besser, Vaterl,
aber so viel hart
schnaufen tu ich mich ... ich kann's schier nimmer derziehen!«
»Ja mein Gott, Kindl«, stammelte er, ohne den Schritt zu
verhalten, »schau,
mach dir's halt leichter ... weißt, im Gwand! Denn so beim Sitzen,
natürlich, da schiebt's dir halt's Mieder in d'Höh.«
Sie mochte seinen Rat wohl befolgt haben, so meinte er ... denn als
er nach
einer Weile wieder fragte, ob sie sich nun besser und leichter fühle,
hörte
er sie mit lispelnder Stimme sagen: »Ja, Vaterl, woltern schon
besser,
jetzt spür ich schier nimmer, daß ich noch schnauf«
Erleichtert atmete er auf und stieg mit rascheren Schritten bergan.
Gegen die zweite Nachmittagsstunde hatte er die Paßhöhe erreicht.
Dort oben
dachte er zu rasten. Und da fragte er wieder: »Wie is dir denn
jetzt, geh,
sag?«
Doch keine Antwort kam. Erschrocken stand er still, und da meinte er
leise,
gleichmäßige Atemzüge zu vernehmen. Ein glückliches
Lächeln spielte über
sein erschöpftes, schweißtriefendes Gesicht, und unter diesem
Lächeln
raunte er vor sich hin: »Gott sei Dank! Jetzt macht s' ihr Schlaferl!
Aber
das wird s' gespüren ... das muß ihr gut tun ... no, Gott
sei Dank!«
In dicken Tropfen rann ihm der Schweiß üb--er Hals und Wangen,
schwer ging
sein Atem, aber lächelnd schritt er weiter und dachte nicht mehr
ans
Rasten. Er hätte ja die Schlafende wecken müssen, wenn er hätte
rasten
wollen. Und wie sacht und behutsam setzte er Fuß vor Fuß!
Nun hatte er ja
keine Eile mehr -- und das langsame Gehen war ja auch ein halbes Rasten.
jedem Steinchen wich er aus und jedem Wurzelknorren. Kein Schwanken,
nicht
der leiseste Stoß erschütterte die Kraxe. Manchmal, ohne die
lautlosen
Schritte zu verhalten, fragte er, um den Schlaf seines Kindes zu prüfen,
mit flüsternder Stimme: »Schatzerl?« Und stets nach
solcher Frage, die
immer ohne Antwort blieb, überflog das gleiche, hoffende, glückliche
Lächeln sein erschöpftes Gesicht. Wie fest und ruhig mußte
sie schlafen!
Wie leise mußten ihre Atemzüge gehen, da er sie nicht einmal
bei
gespanntestem Lauschen zu hören vermochte. Nur einmal war es ihm,
als hätte
sie sich im Schlafe gestreckt; dabei hörte er ein leises, gleitendes
Rascheln -- und als er unwillkürlich aufschaute, sah er Klaras blasse
Hand
ü
ber das Kopfgesims der Kraxe niederschwanken.
Noch langsamer wurden seine Schritte; es mußten ja seine Füße
den Weg nun
blindlings finden, denn seine Blicke wichen nicht mehr von dieser blassen,
regungslosen, bei jedem Schritt nur sachte schwankenden Hand. Er spürte
kaum noch seine Müdigkeit und achtete der Zeit nicht, die ihm verging.
Wie
staunte er da, als er nahe bei seinem Hause aus dem Bergwald trat und
nun
mit einemmal gewahrte, daß schon die Dämmerung ihren ersten
Schleier über
Tal und Höhen senkte.
jetzt stand er vor seiner Tür, atmete tief auf und warf einen forschenden
Blick über Haus und Hof. Lange stand er still und lauschte in die
Höhe
»
Kindl? ... Schatzerl?« fragte er mit leiser Stimme. Und als ihm
keine
Antwort kam, seufzte er bekümmert. »Jetzt muß ich's
halt dengerst wecken,
aus dem guten, guten Schlaf! Aber no, da wird's nacher auch wieder ihr
Freud haben, wann's merkt, daß 's schon daheim ist! « Eine
Weile noch
zögerte er, dann rief er mit schüchternen Worten sein Kind
beim Namen,
erhob dazu den Arm und griff nach der bleichen Hand, die regungslos vom
Kopfgesims der Kraxe niederhing. Da goß ihm die starre Kälte
dieser Hand
einen eisigen Schauer durch alle Glieder, und tödlicher Schreck
verzerrte
sein Gesicht. »Jesus Maria! « kreischte er auf, ließ sich
wankend zur Erde
nieder, riß die Arme aus den Riemen, sprang vom Boden auf und stand
mit
gestreckten Händen wie versteinert. Glasigen Blickes stierte er
nieder auf
das wie im Schlummer seitwärts geneigte Haupt seines Kindes, mit
den
zerfallenen Zügen, mit den gebrochenen Augen, mit dem offenen,
blutbefleckten Munde. Nun kam ein Rühren und Zittern über seinen
Körper,
ein röchelnder Wehlaut quoll ihm aus der Kehle, noch einmal streckte
er die
Arme, dann stürzte er schwer zu Boden und lag bewußtlos --
seinem toten
Kind zu Füßen.
Drunten auf der Straße rasselte ein Wagen vorüber. In den
Hufschlag seiner
Pferde, in das Rollen seiner Räder mischte sich der Stimmenlärm
eines näher
kommenden Menschentrupps, der auf bequemer Wallfahrt heimwärts zog
vom
Kirchenfest der heiligen Mutter in der Einöd. Wirr klang das Lachen
und
Kreischen der Weibsleute mit dem Schreien und johlen der Burschen
durcheinander. Besonders deutlich hob sich aus dem übermütigen
Lärm eine
heiser lachende Männerstimme. Und diese Stimme war auch noch zu
hören, als
im Weiterziehen des Trupps die Ferne schon das Gewirr der übrigen
Stimmen
dämpfte und erstickte ...
Drei Tage waren vergangen.
Mit drückender Hitze lag die Sonne über des Loibachers kleinem
Hause. In
der Stube waren die Fenster weit geöffnet. Und vor der schnurrenden,
klappernden Drehbank stand der Alte, in Hemdsärmeln und mit der
blauen
Schürze. Ein starrer Zug war in dem langen, schmalen Gesicht. Auf
der
Stirne zogen sich enggereiht die Furchen bis unter das eisgraue Haar.
In
gebrochener Haltung stand er, mit gekrümmtem Rücken, und die
Hände
zitterten, mit denen er das Eisen führte.
Wieder war ein Schächtelchen fertig. Der Loibacher stellte die
Drehbank,
löste das kleine, zierliche Ding aus den Zwingen, prüfte den
Schluß des
Deckels und stellte es zu den übrigen. Er wischte sich den Holzstaub
vom
Gesicht und schüttelte die krausen Späne von der Schürze.
Dann nahm er aus
dem Weidenkorb ein neues Klötzchen und spannte es zwischen die Zwingen.
Und
während er mit einem Stoß des Handballens das Schwungrad in
Bewegung
setzte, neigte er seufzend den Kopf zur Seite und schaute durch das offene
Stubenfenster nach der Hausbank. Da schossen ihm jählings die Tränen
in die
Augen. »Ja wie bin ich denn ... wie bin ich denn! Kann ich mir's
denn gar
net denken!« Seine Augen glitten durch die noch von Wachsgeruch
und
Weihrauchgeruch erfüllte Stube. Da fielen sie auf das Marienbild,
das im
Herrgottswinkel neben dem Kruzifix an der rissigen Mauer hing. Mit bitterem
Lächeln nickte er dem Bildnis zu. »So also, Mutter, so hast
es gmeint?
jetzt freilich, ja, jetzt braucht mein Kindl gwiß kein Stecken
nimmer,
gelt? Und ich ... ah ja ... ich, meinst, ich kann's schon noch erwarten?«
Die Worte versagten ihm.
Dann plötzlich streckte er sich, wischte die Tränen aus den
Augen und
stotterte: »Na! Aber na! Wie bin ich denn! Hab ich denn Zeit zum
Weinen?
Arbeiten muß ich ja, arbeiten! Der Pfarrer wartet, und der Mesmer
wartet,
und keiner von die Ministranten hat was kriegt, und 's gmalte Kreuzl
is net
zahlt ... «
Mit zitternden Händen brachte er die Drehbank in Gang, griff nach
dem Eisen
und setzte es an das wirbelnde Holz. Die Späne flogen auf, der feine
Drehstaub sprühte dem Alten ins Gesicht, und die krausen Scheitchen
flatterten ihm gegen die Brust und über die Schultern. Dazu erfüllte
ein
Zittern und Schwanken, ein schnurrendes Rappeln und singendes Knirschen
die
ä
rmliche Stube.
Und wieder war ein Schächtelchen fertig.
Ludwig Ganghofer (1855 - 1920) 
Der Meister des sentimentalen Heimatromans.
Der Schriftsteller, als Sohn eines Försters am 7. Juli 1855 in Kaufbeuren
geboren, arbeitete zeitweise als Dramaturg und später als Journalist
in Wien. Ab 1895 lebte er als freier Schriftsteller in München und
wurde mit seinen in der liberalen Gesinnung des volkstümlichen Realismus
verfaßten Werken zum erfolgreichsten Heimat- und Bauerndichter.
Die Popularität seiner vielgespielten Volksstücke wie Der Herrgottschnitzer
von Ammergau (1880) und der zahlreichen Erzählungen und Heimatromane
aus der oberbayrischen Bergwelt, von denen die bekanntesten Schloß Hubertus
(1895) und Das Schweigen im Walde (1899) sind, hat sich vor allem späterer
Verfilmungen wegen bis heute erhalten.
Ihre klischeehaften Handlungen haben die triviale Unterhaltungsliteratur
maßgeblich geprägt. Ganghofer starb am 24. Juli 1920.
|