Ludwig Ganghofer
Bergheimat Teil 1
Der Schuß in der Nacht
Die Seeleitnersleut
Pirsch auf den Feisthirsch
Der rote Komiker
Stutzi, der Pechvogel
Künstlerfahrt an den Königssee
Wenn sich die Blätter färben
Adlerjagd
Die Hauserin
Herzmannski, der Getreue
Der Graben-TeufelAdlerjagd
Adlerjagd
Mein erster Adler! Bei diesem Worte macht mir die Erinnerung
das Blut wieder heiß. Und wieviel harte Mühsal mußte
ich überstehen, wie viele Jahre mußte ich geduldig
warten, bis das grüne Glück mir diesen heiß ersehnten
Schuß bescherte.
Wohl hatte mir die Huld Dianas bereits vor vielen Jahren diese
seltene Jägerfreude zugedacht. Aber der erste Vorgeschmack
jener fast unbeschreiblichen Strapazen, die der Adlerjäger
zu überwinden hat, machte mich ungeduldig und betrog mich
um den Erfolg.
Es war im Sommer 1887, zu Anfang August. Ich jagte damals im
Gebiet der Zugspitze auf Hirsche und Gemsen. Eines Abends hatte
ich auf dem freien Grat einer Waldkappe meinen Ansitz genommen,
um den Auszug des Zwölfenders abzuwarten. Es war Jagdwetter,
wie es sich schöner nicht denken läßt. Alle Felszinnen
vom Glanz des Abends übergossen, die Baumwipfel umzittert
von goldigen Lichtern, der Himmel klar und in allen Farben leuchtend
und die linde Luft erfüllt vom würzigen Geruch der Blumen.
Die gespannte Büchse über dem Knie, saß ich regungslos
und ließ die spähenden Blicke in die Runde gehen.
Da gewahrte ich, daß sich - etwa zweihundert Schritte auf
dem Hang unter mir - in den hohen und dichten Heidelbeerbüschen
etwas bewegte. Ein Fuchs? Aber nein! Jetzt erkannte ich deutlich
einen schwärzlichen Vogelkopf, der sich aus den Büschen
hob und wieder untertauchte. Vielleicht ein Auerhahn, der die
reifen Beeren äst? Ich nahm das Fernrohr auf, hatte aber
mit dem Glas ein hartes Sehen, denn am Himmel erloschen schon
die Farben, und es begann zu dämmern. Undeutlich, wie durch
trüben Nebel, sah ich einen großen Vogel, der sich
mit schwerfälligem Hüpfen durch die wirren Büsche
schob. Ein Auerhahn? Nein! Denn der Auerhahn hüpft nicht
wie ein Raubvogel, sondern schreitet. Wieder spähte ich
durch das Glas, als mich der Jäger, der hinter mir in einem
Felsloch kauerte, mit zischelnder Stimme anrief:
"Aber Herr Dokter! Sakradi! Wo schauen S' denn umeinander?
Da drüben steht ja der Hirsch! Wannenbreit! So schießen
S' doch! Er äugt schon rüber."
In Erregung sah ich auf - und richtig, kaum hundert Schritte vor
mir, klar abgehoben vom rötlichen Himmel, stand der Zwölfender
frei auf dem Grat. Jetzt war der komische Vogel dort unten im
Nu vergessen. Mein Schuß krachte. Mit einer hohen Flucht
zeichnete der Hirsch den Blattschuß und brach nach wenigen
Sätzen verendet zusammen. Mit fröhlichem Jauchzer sprang
ich auf. Aber da hörte ich einen schwer klatschenden Flügelschlag.
Und als ich über den Hang hinunterblickte, sah ich meinen
'Auerhahn', in einen ausgewachsenen Adler verwandelt, über
die Büsche gegen den \Waldsaum streichen. Wohl riß
ich die Büchse an die Wange. Aber wo war der Adler? Mir
standen Herz und Atem still, und der Jäger lachte über
mein verdutztes Gesicht. Die Freude an dem erbeuteten Hirsch
war mir gründlich verdorben. Ich fluchte in meinem Ärger.
"Gengen S', Herr Dokter", tröstete mich der Jäger,
"
so ein Zufallsschuß hätt Ihnen gar net die richtige
Freud gmacht! Ein Adler muß hart verdient sein, nacher
erst freut er ein'!"
Während der Jäger noch sprach, sah ich den Adler außer
Schußweite über die Baumwipfel emporsteigen, und ruhigen
Fluges schwebte der königliche Vogel über ein tiefes
Waldtal hinweg und den kahlen Felsen zu. Trotz der sinkenden
Dämmerung konnten wir noch gewahren, daß sich der Adler
ü
ber der 'Aschenwand' auf eine dürre Zirbe niederließ.
Und der Jäger sprach die Vermutung aus, daß der Adler
dort oben wohl ein Stück Beute liegen hätte. Da war
auch mein Entschluß gefaßt: jetzt haben die Gemsen
und Hirsche Ruhe vor mir, jetzt gilt es dem Adler!
Die Nacht verging mir in schlafloser Ungeduld. Früh am Morgen,
ehe der Tag noch graute, stiegen wir von der Jagdhütte zur
Aschenwand hinauf, und nach vierstündigem Suchen und Umherklettern
fanden wir auf einem Vorsprung der Felswand ein abgestürztes
Schaf, das der Adler schon zur Hälfte verspeist hatte. Die
Stelle war für den Ansitz so ungünstig wie nur möglich
- auf sichere Schußweite weder ein bequemer Ruheplatz, noch
eine Deckung. Mühsam schleppten wir ein paar buschige Latschenzweige
in die Wand hinauf, klemmten sie in die Steinschrunden, und während
mir der Jäger "Weidmannsheil!" wünschte und
den Heimweg antrat, ließ ich mich, gedeckt von den Zweigen,
auf einem Felsband nieder, so schmal und unbequem, daß mir
das regungslose Sitzen schon nach der ersten Stunde zur Qual wurde.
Der Himmel hatte sich bewölkt, ein nasser Guß um den
andern ging über mich nieder. Dann wieder stach die Sonne
wie mit Nadeln. Dazu dieses martervolle Sitzen mit baumelnden
Füßen, der unbehagliche Blick in die Tiefe und der
abscheuliche Geruch des verwesenden Schafes! Trotz dieser üblen
Pein harrte ich in brennendem Jagdeifer bis zum Abend aus. Alle
Glieder waren mir mürbe geworden, und auf dem langsamen Heimweg
schmerzte mich jeder Schritt.
Ein Schlaf von wenigen Stunden, dann ging's wieder hinauf in die
Aschenwand. Erfolglos vergingen mir so zwei weitere Tage. Ein
paarmal sah ich wohl den Adler gemächlichen Fluges über
die Felswand hinstreichen, doch außer Schußweite.
Hatte mich sein Falkenauge in meinem Schlupf entdeckt? Oder
hatte er an anderem Ort frische Beute gefunden, die ihm besser
mundete als dieses übelduftende Schäflein? Meine Ausdauer
ermüdete mit jeder Stunde, und ich begann am Erfolg zu zweifeln.
Der vierte Morgen brachte wieder klares Wetter. Doch als ich
bei erlöschendem Sternenschein mühselig zu meinem Versteck
hinaufkrabbelte, wußte ich schon im voraus, daß ich
bei der Erschöpfung meiner Knochen diesen vierten Tag nicht
mehr überstehen würde. Solange der kühle Morgen
währte und der Schatten über der Felswand lag, ging
es noch leidlich an. Als aber die Sonne zu brennen begann, kamen
Stunden, deren Folter ich nicht zu schildern vermag. Wie krabbelnde
Ameisen lief es mir durch die toten Glieder, und die Düfte
des nahen Kadavers wurden unerträglich. Schließlich
stumpfte wohl die Erschlaffung meine Geruchsnerven ab. Aber da
begann nun der Kampf gegen den Schlaf. An solcher Stelle einzunicken,
das ist eine bedenkliche Sache. Um mich wach zu halten, malte
ich mir immer wieder mit allem Aufgebot meiner Phantasie das herrliche
Bild aus, wie der Adler einherschwebt über die Felswand,
wie er einen Augenblick mit ausgebreiteten Schwingen über
seiner Beute verharrt, wie mein Schuß kracht und der mächtige
Vogel mit gebrochenen Flügeln rauschend in die Tiefe stürzt!
Diese Vorstellung brachte immer wieder mein Blut in Fluß,
doch auf die Dauer konnte sie mir nicht helfen. Immer schwerer
wurden meine Lider, und von der sengenden Hitze schwollen mir
die Hände an wie gebratene Apfel. Noch dazu mußte
ich unter mir im Latschental bei jedem Blick den kleinen 'Stuibensee'
gewahren, dessen kühle, kristallene Flut so verlockend winkte,
daß mir vor Sehnsucht nach einem erfrischenden Bad das Wasser
im Munde zusammenlief. Bis elf Uhr mittags hielt ich noch aus.
Dann mußte ich hinunter, wenn ich nicht einschlafen und
purzeln wollte.
Als ich am Fuß der Felswand anlangte, vermochte ich nicht
mehr aufrecht zu gehen und konnte es kaum erwarten, bis ich den
See erreichte. Am Ufer legte ich die Büchse nieder, schälte
mich mit zitternden Händen aus meinen Kleidern und watete
in das kalte Wasser. Wie das wohl tat! Diese erquickende Frische!
Neues Leben rieselte mir durch die lahmgewordenen Glieder. Ich
konnte das Plätschern und Tauchen gar nicht satt bekommen.
Da als ich wieder einmal mit triefendem Kopf aus dem Wasser tauchte
- vernahm ich über mir einen wehenden Flügelschlag.
Erschrocken blickte ich auf. So nahe, daß ein Steinwurf
ihn hätte erreichen können, sah ich den Adler über
meine felsige Badewanne hinweg gegen die Aschenwand hinstreichen.
Durch das aufspritzende Wasser sprang ich zu meiner Büchse
- und schoß ein Loch ins Blaue. Pfeilschnell, mit einer
eleganten Wendung, sauste der Adler über das Latschental
hinunter, hob sich außer Schußweite wieder in die
Lüfte, zog immer höhere Kreise und verschwand im sonnigen
Blau auf Nimmerwiedersehen. 'Wie ich dastand, ein triefender
Adam, mit der rauchenden Büchse in den Händen, und wie
ich ratlos und trauernd dem verschwindenden Vogel nachblickte
- das sollte man auf eine Scheibe malen! Ich müßte
wohl selbst darüber lachen.
Aber allem Mißerfolg zum Trotz habe ich von jener viertägigen
Adlerjagd doch eines mit nach Hause getragen, einen heiligen Respekt
vor der zähen Ausdauer, dem tollkühnen Mut und der eisernen,
alle Strapazen überwindenden Gesundheit jener Hochgebirgsschützen,
die sich den Ehrennamen 'Adlerjäger' erwarben. Es gibt nicht
viele, die diesen Namen mit Recht verdienen. Wem ein glücklicher
Zufall bei der Gemspirsche den Schuß auf einen Adler bescherte
oder wer ein paar Adler im Eisen fing, der ist noch lange kein
Adlerjäger. In früheren Jahren verdiente man sich diesen
Namen leichter als heutzutage, wo diese gefederten Räuber
zum Glück für den aufblühenden Wildstand in unsern
deutschen Bergen eine große Seltenheit geworden sind. Wenn
man die Wirtschaftsrechnungen der Klöster Berchtesgaden,
Tegernsee, Benediktbeuren und Ettal nachliest, findet man in den
Schußlisten des 17. und 18. Jahrhunderts mehr Gemsgeier
und Steinadler verzeichnet als Gemsen und Hirsche. Hans Duxner,
von 1640 bis 1670 Klosterjäger in St. Bartholomä am
Königssee, erlegte 127 Gemsgeier und eine noch größere
Zahl von Steinadlern. Sein Nachfolger Urban Fürstmüller
brachte neben 25 Bären in Gemeinschaft mit seinen beiden
Söhnen 74 Geier zur Strecke.
Während der Gems- oder Lämmergeier, Gypaëtos
barbatus, aus unseren Bergen vollständig verschwunden
ist - der letzte wurde 1855 zu Königssee geschossen -, ist
der Steinadler, Aquila chrysaëtos, im ganzen bayerischen
Alpenzug ein jährlich wiederkehrender Gast, wenn er auch
nur ausnahmsweise noch in unseren Bergen horstet. Bei der Seltenheit
dieses geflügelten Raubwildes muß der Jagderfolg, den
der berühmteste Adlerjäger des bayerischen Hochlandes,
Leo Dorn von Hindelang, mit unermüdlicher Ausdauer errang,
als ein ganz beispielloser bezeichnet werden. Er hat schon vor
vielen Jahren das Jubiläum seines fünfzigsten Adlers
gefeiert.
Um als Adlerjäger solchen Erfolg zu erzielen, dazu gehört
aber auch eine so glühende Liebe zum Weidwerk, eine so reiche
Erfahrung als Jäger und eine so eiserne, allem Sturm und
Wetter trotzende Gesundheit, wie sie Leo Dorn besitzt, der als
Oberjäger das Allgäuer Jagdrevier des Prinzregenten
von Bayern verwaltete. Dorn ist ein Mustertypus des prächtigen
Menschenschlages unserer Berge: eine hohe, breitschultrige Gestalt,
Glieder wie aus Stein geschnitten, sonnverbrannte Fäuste,
die beim Handschlag die Finger des Grüßenden wie mit
stählernen Schrauben umspannen, ein in gesunder Röte
lachendes Gesicht mit schneeweißem Vollbart, mit scharf
gekrümmter Hakennase und blitzenden Augen, deren jugendhellem
Blick man die 70 Jahre nicht anmerkt, die Leo Dorn auf seinem
breiten, ungebeugten Rücken trägt. Keck und lustig
sitzt ihm auf dem weißen Zaushaar der kleine, verwitterte
Filzhut, dessen aufgebogene Krempe von einer langen Adlerfeder
durchstochen ist. Jahraus und jahrein, bei Schnee oder Hitze geht
Leo Dorn in der gleichen leichten Lodenjoppe in der kurzen Lederhose
mit entblößtem Knien. Und die Füße stecken
nackt in den schweren Nagelschuhen. "Denn weißt, i
bin so viel zartli(*verzärtelt, empfindlich*) an die Füß",
versicherte er mir, "wollene Söckeln vertrag i nit,
die beißen mi allweil gar so viel!" Wenn Leo Dorn von
seinen Adlerjagden und ihren Strapazen erzählt - die meisten
Adler erlegte er im strengen Winter, wenn metertiefer Schnee die
Berge deckte -, dann mischt sich in sein Geplauder kein einziges
Wort, das nach Latein und Übertreibung klingt. Knapp und
ehrlich bleibt er bei der Wahrheit und lächelt vergnügt
zu dem Bericht der überstandenen Beschwerden, die auch in
so schlichter, schmuckloser Schilderung dem Hörer ein kaltes
Gruseln über den Rücken jagen. Man schaudert, aber
man lacht auch oft und herzlich. Denn das ernsteste Abenteuer
in den Bergen hat immer auch seine lustige Seite. Und der Allgäuer
Dialekt, der die Diminutivform liebt, verleiht den Schilderungen
Dorns zuweilen einen originellen Gegensatz zwischen Form und Inhalt,
einen Anhauch von unwillkürlicher Komik. Es hört sich
drollig an, wenn er die Erzählungen einer seiner gefährlichsten
Adlerjagden mit den Worten beginnt: "Woltern o fests Schneele
hat's gschniebe ghatt im selle Winter, und bis ans Brüstle
rauf bin i allweil drin umeinandergstapfet. Aber wie i den Adler
amal hon gsehe ghatt, hon i nimmer auslasse. Fleißi hon
i umeinandergucket mit'm Spektivle, und wie i seine Weg amal hon
ausspekuliert ghatt, hon i a Lämmle aufs Wändle naufgschleppet,
und da hon i mir denkt: 'Wart, du Luedersvögele, jetz hock
i mi aber eini in Schnee und bleib sitze, wenn mir au glei alle
Knöchele wegfriere von die Händ!'"
Ein Adler mit fingerlangen, dolchscharfen Waffen und mit dritthalb
Meter Spannweite in den Flügeln, deren Schlag einen Menschenarm
zerbricht wie Glas - das heißt bei Leo Dorn ein 'Vögele'.
Da soll man nicht lachen, während einem das Gruseln durch
alle 'Knöchele' rieselt!
Aber nicht nur heiteren Gewinn, auch weidmännischen Nutzen
brachten mir die Plauderstunden mit dem Adlerjäger von Hindelang.
Seine Erfahrung und der Bericht seiner Erlebnisse wurden mir
eine nützliche Schule für jenen Tag, an dem ich mir
selber den ersten Adler holte.
Als ich eines Tages auf dem Südhang des Wettersteins mit
einem Arbeiter durch die Latschen kroch, um einen neu zu bebauenden
Jagdsteig auszustecken, hört ich es plötzlich rauschen
ü
ber mir, und als ich aufblickte, sah ich aus einer schattigen
Kluft einen mächtigen Adler steigen und majestätisch
hinsegeln über das Almfeld. Noch eh' ich nach der Büchse
greifen konnte, war er längst schon außer Schußweite.
Ich konnte nur mit dem Fernrohr noch erkennen, daß der
Adler ein Männchen war, braunschwarz mit silberweißer
Haube.
Von dieser Stunde an waren alle anderen jagdlichen Sorgen und
Wünsche in mir erloschen, und nur diesem Adler galt mein
ganzes Jägerdenken. jeden Morgen, vor dem Grauen des Tages,
stieg ich zu den Wänden des Wettersteins hinauf und setzte
mich in guter Deckung bis zum Abend auf die Lauer. Manchmal wurde
mir das Ausharren bitterschwer. Es war im Mai, und Sonnenschein
wechselte mit Sturm und grimmiger Kälte, klarer Himmel mit
Regenschauer und Schneefall. Eine Woche hindurch sah ich täglich,
bald in den Vormittagsstunden und bald gegen Abend, den Adler
aus der Ferne einherschweben, über die Wände streichen
und in der Ferne wieder verschwinden. Manchmal stieß er
auf ein Rudel Gemsen nieder, die in scheuer Flucht auseinanderstoben,
ein andermal holte er sich ein Schneehuhn oder ein Häslein
aus den Latschen. Er jagte wie im Spiel. Aber ich wollte ihm
die Sache noch leichter machen. Die Methode Leo Dorns befolgend,
ließ ich dem Adler auf der Höhe eines Joches ein 'Lämmle'
als Köder auslegen. Ein paarmal sah ich den Adler hoch über
der Kirrung in den Lüften kreisen, doch bevor er vertraut
wurde, hatten die Kolkraben das Lamm bis auf die Knochen verspeist.
Eines Tages hatte der Adler Gesellschaft gefunden - ein Weibchen,
wie mir mein Fernrohr zeigte. In zärtlichem Getändel
kreisend, stiegen sie auf und nieder im Blau, bis sie in ziehenden
Wolken meinem Blick entschwunden.
'Sie horsten!' Das war mein erster hoffnungsfreudiger Gedanke.
Während der folgenden Tage sah ich das Männchen immer
allein - also hatte das Weibchen, das schon beim Brutgeschäft
war, nur einen Erholungsflug gemacht!
Nun wurde mit zähem Eifer die Suche nach dem Horst begonnen.
Während ich bei diesem rastlosen Wandern und Spähen
eines Nachmittags mit dem Fernrohr eine stelle Felswand absuchte,
hörte ich das erregte Gekrächze einer Rabenschar, welche
die noch vom Schnee bedeckte Höhe eines Almbuckels umflatterte.
Als ich mein Glas nach der Stelle richtete, sah ich das Adlermännchen
auf dem Schnee sitzen. Ohne sich viel um das Gezänk der
Raben zu kümmern, putzte der Adler gemächlich seine
Schwingen. Jetzt flog er auf, stieß in eine Grube nieder
und versuchte eine Last zu heben. Aber das gelang ihm nicht.
Immer von neuem wiederholte er den Versuch und schleifte seine
Beute, die ich mit dem Fernrohr als ein totes Gemskitz erkannt
hatte, auf die Kuppe eines kleinen Hügels. Nun ein zorniger
Griff, ein gewaltsamer, Flügelschlag - und mit dem Kitz in
den Fängen, ruderte der Adler senkrecht in die Lüfte.
Turmhoch war er schon emporgestiegen, als er die Beute wieder
fallen ließ. Es hatte den ganzen Vormittag schwer geregnet,
und die durchnäßten Schwingen hatten wohl nicht die
Kraft, eine Last zu bewältigen, die sie sonst ohne Mühe
tragen. Während die Raben dem fallenden Kitz bis auf die
Erde nachsausten, ließ sich der Adler, ohne sich weiter
um die entronnene Beute zu kümmern, zur Rast auf eine dürre
Zirbe nieder und begann wieder sein Federkleid zu putzen. Wenige
Minuten später fing es dick zu regnen an.
'Jetzt hält er aus! Im Regen streicht er nicht ab!' Mit
diesem Gedanken machte ich mich flink auf die Beine, um durch
die triefenden Latschen gegen die Höhe des Joches hinaufzuklettern.
Der Weg nahm eine halbe Stunde in Anspruch. Es war ein abscheuliches
Gekraxel. Und dazu immer die bange Sorge: 'Wird er aushalten?'
So war ich dem Adler auf etwa dreihundert Schritte nahegekommen,
als der Regen versiegte und roter Sonnenschein durch die Wolken
brach. Da begann ich zu klettern, daß mir der Atem ausging.
Denn ich wußte, ein paar Minuten Sonne, und der Adler streicht
davon. Nur hundert Schritte noch, nur fünfzig - dann erreicht
ihn die Kugel!
Da steht vor mir ein Spielhahn aus den Latschen auf. Durch das
wirre Netzwerk der Zweige seh ich, wie der Adler sausend von der
Zirbe wegstreicht und im Flug den Spielhahn greift. Atemlos und
erschöpft, von den dichten Latschen gefesselt, kann ich die
Büchse nicht heben und muß es mit ohnmächtigem
Grimm mit ansehen, wie der Adler mit der Beute, die ich ihm zugetrieben,
ü
ber das Tal hinwegschwebt und hinter dem Grat der jenseitigen
Felswände verschwindet.
Als ich bei sinkender Nacht todmüde und naß bis auf
die Haut in das Jagdhaus zurückkehrte, erwartete mich die
tröstende Botschaft eines Jägers: Der Horst ist gefunden!
Meine erste Freude wurde aber bald wieder gedämpft. Denn
der Horst lag in einer überhängenden Felswand, die ein
Beikommen auf Schußweite nicht gestattete. Da blieb nur
eines übrig: Die beiden Jungen, die aus dem weißen
Flaum schon das braune Gefieder zu schieben begannen, mußten
delogiert werden!
Das war eine harte Arbeit, aber sie gelang. An einem starken
Glockenseil ging's vom Kamm der Felswand hinunter zum Horst, die
beiden Jungen wurden ausgehoben und dann in der Nähe einer
Stelle, zu der ein Zugang möglich war, in einem Felsloch
untergebracht und mit guten Stricken angebunden, so daß
sie bis zum Rand des Felsloches vorhüpfen, aber nicht über
die Wand abstürzen konnten.
Während der Horst ausgenommen wurde, hatte sich keiner der
alten Adler blicken lassen. Erst gegen Abend, als alle Arbeit
schon getan und auf einer vorspringenden Felsplatte das dichte
Versteck, das mich aufnehmen sollte, aus Latschenzweigen schon
geflochten war, kam das alte Weibchen durch das Tal einhergeflogen.
Als die Jungen beim Anblick der Mutter in ihrem neuen Quartier
zu rufen begannen, machte der Adler im Flug eine jähe Schwenkung,
stand ein paar Sekunden regungslos in der Luft, und dann strich
er hastig davon.
Am nächsten Tage wurde die Horstwand vom gegenüberliegenden
Berg aus beobachtet. Zweimal kam das alte Weibchen über
die Wand entlanggestrichen, doch ohne sich dem geleerten Horst
oder der neuen Behausung der schreienden Jungen zu nähern.
Aber schon am folgenden Morgen ließen sich die beiden Alten
gleichzeitig vor dem Felsloch auf eine Steinkante nieder, und
am Abend brachte das Weibchen frischen Fraß für die
Brut - einen jungen Dachs. Jetzt war es Zeit für die Jagd!
In der Nacht um zwei Uhr brach ich auf. Heller Sternenschein
beleuchtete zur Genüge meinen Weg, und als der schöne
Junimorgen zu grauen begann, lag ich schon in meinem Versteck,
dessen kleiner Ausguck nach dem Felsloch gerichtet war. Einen
sonderlich bequemen Aufenthalt bot das winzige Hüttlein auf
der schmalen Felsplatte freilich nicht. Man konnte nur auf allen
vieren kriechend zu dem Versteck gelangen, das ein aufrechtes
Sitzen nicht erlaubte, nur ein ausgestrecktes Liegen auf dem Bauche.
Von der unbequemen, durch keinen Wechsel gemilderten Lage wurden
mir schon nach einer Stunde alle Knochen lahm. Dazu marterte
mich, als die Sonne aufging, eine bratende Hitze, und Hunderte
von Ameisen krochen emsig über meinen Körper auf und
nieder, um sich in alle Schlupfwinkel meines Gewandes zu verirren.
Trotz dieser fast unerträglichen Pein hielt ich geduldig
und erwartungsheiß sechs volle Stunden aus, immer mit dem
schußbereiten Gewehr im Anschlag.
Schon wollten meine schwachgewordenen Kräfte zu Ende gehen,
als plötzlich, ein Viertel nach zehn Uhr, die angebundenen
Jungen zu rufen begannen, die Ankunft eines Alten verkündend.
Wie elektrisiert hob ich die Büchse an die Wange. Der Schatten
des Adlers huschte über die Felswand, und ich hörte
den Vogel über meinem Versteck auf einem Baum aufhacken.
Qualvolle Minuten vergingen, infolge der ausgestandenen Marter
und der beginnenden Erschöpfung befiel ein heftiges Zittern
meinen ganzen Körper, und ich glaubte schon, nicht länger
mehr aushalten zu können. Aber da hörte ich das Rauschen
der mächtigen Fittiche, abermals glitt der Schatten des gewaltigen
Vogels über die Wand, und einige Sekunden später erschien
der Adler, fast bewegungslos in der Luft schwebend, vor meinem
Ausguck. Es war ein herrlicher Anblick, wie er die Schwingen
hochstreckte und die Fänge vorschob, um sich lautlos auf
die Steinkante vor dem Felsloch niederzulassen. In dem Augenblick,
in dem er die Schwingen schloß und auch schon einen scharfen,
mißtrauischen Blick gegen mein Versteck sandte, krachte
mein Schuß. Und der Adler rollte von der Felskante in die
Wand hinunter.
Man konnte nur angeseilt zu der Stelle gelangen, wo der Adler
zwischen Gestein und Latschen in eine Scharte gefallen war. Die
linke Schwinge war ihm zerschmettert, doch er lebte noch und mußte
einen Fangschuß erhalten. Es war das Weibchen - ein Adler
von seltener Stärke und Größe, mit Schwingen,
deren Spannung weit über zwei Meter maß.
Selten hab ich mir einen grünen Bruch mit solcher Weidmannsfreude
auf den Hut gesteckt wie den Latschenbruch für diesen meinen
ersten Adler.
Wenn sich die Blätter färben
Wenn sich die Blätter färben
Wer lernt ihn aus, wer dürfte sagen, daß er ihn ganz
ergründet hat und ganz verstanden, den dunklen rauschenden
Wald mit seinem geheimnisvollen Leben und Weben oder den offenen,
laubreichen Hag, durch dessen Blättergewirr in zaubervollem
Wechsel von Licht und Schatten die Sonne ihre Strahlen spinnt.
Der Wald ist kein verschlossenes Buch, wohl aber ein Buch ohne
Ende. Seine Sprache ist leicht verständlich, sie redet schlicht
und warm zu unserm Herzen, wir brauchen ihr nur zu lauschen und
das Herz nur offenzuhalten.
Und was er mit dieser Sprache alles zu erzählen weiß!
Und niemals wiederholt er sich! Für jede Stunde hat er
sein eigenes Märchen. Der Wald, über dem der Himmel
sich dehnt in reiner sonniger Bläue, redet anders als der
Wald, über dessen Wipfel die finsteren Wolken jagen, mit
strömendem Regen, mit zuckenden Blitzen und rollendem Donner.
Er spricht in andern Lauten, wenn beim Erwachen des Morgens seine
Zweige und Gräser funkeln im weißgeperlten Tau, wenn
die Mittagssonne auf die dürstenden Bäume niederbrennt,
wenn über die müde Natur der Abend sich senkt auf rötlichen
Schwingen und wenn die Nacht über Busch und Baum ihre dunklen
Schleier zieht und das Wild zur Asung ruft, das scheue Wild, das
den hellen Tag fürchtet, weil er die erwachende Zeit des
Menschen ist. Immer anders weiß der Wald zu reden, ob nun
der kalte weiße Schnee seine geduldigen Zweige drückt,
ob der laue Frühlingssturm ihn erlöst von seiner Last
und seine schlafenden Kräfte weckt zu neuem Leben, ob er
sich dehnt in sommerlicher Pracht oder ob ihn der Herbst überhaucht
mit leuchtenden Farben.
Zu welcher Zeit er am tiefsten zum Herzen redet? Zu welcher Zeit
er am schönsten ist? Ich sinne und weiß es nicht zu
sagen. Doch wenn ich lange überlege und Schönheit mit
Schönheit vergleiche, scheint es mir fast, als könnte
der Wald nie schöner sein als in der Zeit, in der sich die
Blätter färben und der grelle Glanz des Sommers sich
dämpft zu milderen Tönen. Da macht es die Natur wie
eine schöne Frau, die nicht altern will, ihre schwindende
Schönheit festzuhalten sucht und sich putzt mit blitzendem
Geschmeide und leuchtenden Farben.
Ein Herbsttag im sterbenden Wald! Da liegt es wie zitternder
Feuerschein über allen Wipfeln in der Luft. Über das
fahle Grün des moosigen Grundes webt die Sonne eine wundersame
Mosaik von goldigen Lichtern und zuckenden Schatten. Wo sie ihren
Weg durch das gelbe und rote Laub der welkenden Buchen und Ahornbäume
nimmt, scheinen alle Zweige in hellem Brand zu stehen. Und wenn
von den Bäumen, durch die ein seufzendes Rauschen gleich
dem schweren Atmen eines Sterbenden geht, zuweilen ein welkes
Blatt gemächlich zur Erde niederflattert, so ist das anzusehen,
als hätte sich von den brennenden Zweigen ein Flämmlein
losgelöst, um auf den seidendünnen Fäden zu tanzen,
die blitzend und gleißend durch den ganzen Wald gesponnen
sind. Die kleinen Vögel huschen mit erregtem Gezwitscher
durch die Wipfel, als gält es ein hastiges Abschiednehmen
oder ein Sammeln für die kommende Zeit der Not. Käfer
schwirren auf und surren wieder hinab in das Versteck der gefallenen
Blätter, und zahllose Ameisen kribbeln eilig über Stöcke
und Steine, als wüßten sie, daß sie den schönsten
Tag mit doppeltem Fleiß zu nützen haben, da schon der
nächste Morgen den Winter bringen kann.
Und sinkt an solchem Tag die Sonne - welch wundersamen Zauber
bringt dann der Abend mit der bunten Dämmerung, mit der sanft
verschwimmenden Glut aller Farben, mit der kühlen, lautlosen
Schlummerstille des todmüden Waldes. Und steht der neue
Tag wieder auf, so sind die Farben noch milder getönt, und
ü
ber Zweigen und Gräsern schimmert mit Perlenglanz der
weiße Reif, der in der kalten Nacht gefallen.
Der Wald kann nie schöner sein als in solcher Zeit! Oder
urteilt so nur der Jäger in mir? Weil der sterbende Wald
auch dem Weidmann gesteigerte Freuden bietet? Weil die Zeit des
Herbstes die lärmende, lustige Hochsaison des Weidwerkes
ist?
Wie im Frühjahr das Jägerjahr eröffnet wird durch
die von jedem Weidmann heißersehnte Heimkehr der Schnepfen,
so eröffnet die Südlandreise des Langschnabels und seiner
jungen Brut das fröhliche Jagdgetriebe des Herbstes. Die
Freude, die ein Jäger an der Buschierjagd auf Schnepfen findet,
ist eine Probe für seine weidmännische Tüchtigkeit
und Ausdauer. Vom frühen Morgen bis zum Abend durch wirrverwachsene
Gräben auf und nieder zu klettern, sich unermüdlich
durch Dorngestrüpp und stachlige Brombeerstauden zu winden,
den gutgeschulten Hund mit erfahrenem Geschick zu führen
und bei dieser Mühe immer bereit zu sein für den schwierigen
Schuß - das ist nicht die Sache des Sonntagsjägers,
der von der Buschierjagd auf Schnepfen zu reden pflegt wie das
Füchslein von den sauren Trauben. Schon auf dem Abendanstand
verlangt der Schuß auf die hastig und lautlos ziehende Herbstschnepfe
einen geübten Schützen. Aber ein fermer Meister in
der Handhabung seiner Waffe muß der Jäger sein, der
gute Schußerfolge beim Buschieren erzielen will mitten in
zäher Dickung, deren Gezweig den Ausblick verschleiert und
jede Bewegung stört. Wohl kündet sich die von der feinen
Nase des Hundes aufgestöberte Schnepfe durch lautes 'Wuchteln'
an, aber klug jede Deckung nützend, huscht sie mit flinkem
Zickzack und niedrigen Fluges davon. Da gilt es schnell wie der
Blitz das Feuer zu werfen. Ein Augenblick in ratlosem Zögern
- und wo ist die Schnepfe? Verschwunden auf Nimmerwiedersehen!
Die Schwierigkeit solch eines Schusses macht auch das Erlegen
einer Schnepfe zu einer Pikanterie der herbstlichen Treibjagden.
Wenn da im Bogen das "Tiro, tiro!" der Treiber erschallt,
zuckt auf den Ständen heiße Erregung durch alle Jägerherzen,
jede Hand schließt sich energisch um die Flinte, und alle
Augen suchen in den Lüften. Holt einer den Langschnabel
glücklich herunter, so fühlt er sich den ganzen Tag
als Heros der gesamten Jagdgesellschaft. Fehlt er aber die Schnepfe,
so möchte er vor den schadenfrohen Blicken, die ihn von der
Seite messen, am liebsten in den Waldboden versinken.
Eine ähnliche Rolle - himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt
- spielt der Jäger, der auf der Treibjagd einen Fuchs zur
Strecke brachte oder den roten Schleicher 'ungekränkt' passieren
ließ. Das letztere ist nun allerdings ein weidmännisches
Kapitalverbrechen, das die Verachtung, mit der es bestraft wird,
vollauf verdient. Deshalb wird der Verbrecher auch immer zum
verstockten Leugner. Ein Fuchs wird im Treiben nie gefehlt -
er ist immer 'angeschossen', und darauf schwört der verdächtige
Schütze die heiligsten Eide. 'Ganz unbegreiflich, daß
er nicht liegenblieb! Er roulierte im Feuer wie ein Hase. Aber
na, seinen Treff hat er. Die Bestie muß eingehen!' Das
ist so das Schema für die übliche Ausrede. Und es ist
wie ein Schicksal: Der Fuchs, der schon beim ersten Laut der Treiber
rege wird und pfeilschnell das Weite sucht oder sich vorsichtig
drückt bis zum letzten Augenblick vor dem Schluß des
Treibens, weiß im Bogen mit Sicherheit immer jenen Stand
zu finden, auf dem ein grüner Neuling im Weidwerk just mit
seiner verstopften Zigarre, mit der Kognakflasche oder mit seinem
knurrenden Hund beschäftigt ist.
Um bei den herbstlichen Treibjagden das pikante Kleeblatt voll
zu machen, gesellt sich zu Fuchs und Schnepfe noch der Rehbock,
der sein Gehörn schon abgeworfen hat. An seiner Stelle muß
da häufig eine arme, brave 'Mutter' ihr Leben lassen, die
nach 'Sprung und Gestalt' von einem unglückseligen Schützen
als Bock 'angesprochen' wurde. Gegen solche 'Versehen' hilft
leider kein Jagdgesetz und kein Pönale - dagegen hilft nur
die weidmännische Bestimmung, daß beim Treiben auf
den Rehbock, der sein Gehörn schon abgeworfen hat, nicht
mehr geschossen wird. Solch freiwillige Schonung sollte man dem
schönen Liebling des Waldes in allen Revieren gönnen.
Wildbret zu liefern das ist doch nicht die einzige Aufgabe der
Jagd. Und ganz abgesehen davon, daß auf der Treibjagd mehr
Böcke zu Holz geschossen als zur Strecke gebracht werden
- es ist doch nur halbe Freude, mit einem Schrotschuß den
Rehbock niederzuknallen, der die Schneuse überfällt
oder am Saum des Bogens windend verhofft. Dem Rehbock gebührt
die Kugel, und sie gebührt ihm auf der Pirsch.
Wie schön, im Vorsommer einsam hinauszuziehen in den jung
ergrünten Wald! Wie schön, wenn der stattliche Sechserbock
aus der dunklen Schonung auf die dämmernde Wiese tritt, bald
ruhig äsend durch die hohen Gräser zieht, bald wieder
sichernd aufwirft und dabei so recht den zierlich schönen
Bau seines roten Körpers zeigt! Jetzt, Jäger, nimm die
Büchse zur Wange und setz ihm die Kugel aufs Blatt, und wenn
er im Feuer stürzt, dann jauchze aus frohem Jägerherzen,
während der Widerhall deines Schusses hinrollt über
die stillen Wälder!
Und wie schön, wenn du im Hochsommer zur Blattzeit dein Revier
betrittst und mit lautloser Vorsicht jener Dickung zusteuerst,
darin sich der alte, schlaue Herr verborgen hält, der dich
auf der Pirsch zu dutzenden Malen foppte und dem du so manch einen
Morgen und Abend nutzlos geopfert hast! Jetzt hat sein Stündlein
geschlagen, jetzt führt ihn der Zug des Herzens vor dein
Rohr! Leise atmend, in kühler Morgenstille oder in der schwülen
Glut des Mittags, umgibt dich der schweigende Wald! Erst harrest
du noch ein Viertelstündlein in lautloser Ruhe, dann beginnst
du mit dem Blatt zu locken, recht schmachtend und liebevoll.
Da rauscht es in der Dickung. Und der Stolze, Langgesuchte steht
vor dir, verkörperte Leidenschaft und Sehnsucht! Deine Kugel
fliegt, und das heiße Herz des schönen Wildes hat ausgeschlagen.
Denke nicht, daß es grausam war, den Verliebten und Betörten
gerade in dem Augenblick zu fällen, in dem er süße
Freuden erhoffte - ihm hat der ungeahnte Tod keinen Schmerz gebracht,
denn es stirbt sich in keiner Stunde leichter als im Vollgenuß
des Lebens, im Rausche zärtlichen Gefühls! Und dein
Schuß war schön! Schmücke in Weidmannsfreude dein
Hütl mit dem grünen Bruch!
Solcher Stunden und ihres Genusses sollst du gedenken, wenn beim
herbstlichen Treiben ein seines stolzen Hauptschmuckes beraubtet
Bock an deinem Stand vorüberwechselt. Winke ihm lächelnd
zu und laß ihn passieren, um nicht dir oder einem andern
die schöne Sommerfreude zu schmälern! Ein Treiben in
gut besetzten Revier bietet ja, auch wenn der Rehbock geschont
wird, noch jagdliche Freuden in Hülle und Fülle. Ein
Häslein um das andere huscht mit flinkem Lauf über die
Schneuse. Hole die Ausreißer ein mit noch flinkerem Feuer!
Ein Kaninchen saust vorüber wie eine graue Pelzkugel, die
ins Fliegen kam und da gilt's einen blitzschnellen Schuß,
oder die Schrote kommen zu kurz. Ein 'Bouquet' Fasanen rauscht
aus dem Dickicht auf und flattert nach allen Seiten auseinander.
Doch bevor sie sich noch aufgeschwungen haben über die Wipfel,
stürzen im Feuer zwei prächtige Hähne, umwirbelt
von staubenden Federn. Und ist dir die grüne Göttin
besonders günstig, so führt sie einen schleichenden
Marder zu deinem Stand, einen wackelnden Dachs oder einen verstrichenen
Birkhahn. Stehst du aber gerade in Ungnade bei Hubertus, dann
kannst du freilich auch im besten Revier vom Morgen bis zum Abend
ein Treiben um das andere mit ablaufen, ohne eine einzige Patrone
loszuwerden. Aber laß dir durch solches 'Pech' das frohe
Jägerherz nicht betrüben!
Der Stolz, eine stattliche Strecke erzielt zu haben, ist nicht
die einzige Freude, die das fröhliche Leben einer Treibjagd
bietet. Welche Erquickung ist nach den dumpfen Stubentagen der
Stadt dieses Wandern im herbstlich schönen Wald, das Atmen
in seiner frischen, gesunden, alle Glieder stehlenden Luft! Dazu
noch der reiche Humor des Tages, vom ersten lachenden Weidmannsgruß
beim Stelldichein bis zum lustigen, mit fliegenden Scherzen gewürzten
Jägermahl, das mitten im Walde gehalten wird, zwischen den
letzten Blättern des Herbstes und dem ersten Schnee des Winters!
Und welche Summe von Genuß bietet dem rechten Jäger
für sich allein schon die Teilnahme an einer Waldjagd, die
mit tüchtigem Personal und gut geschulten Treibern in streng
weidmännischer Weise geführt wird und in musterhafter
Ordnung wie am Schnürchen verläuft! Kehrst du heim
von solcher Jagd, dann drücke zum Abschied dem Jagdherrn,
der dich als einen der Auserlesenen gerufen, mit festem Jägerdanke
die Hand! 'Auf Wiedersehen im nächsten Jahr!' Wirst du aber
in ein Revier geladen, aus dem du von der letzten Treibjagd nach
Hause kamst, beinahe taub vom Mark und Bein durchdringenden Geschrei
der Treiber, mit einem Halbdutzend Schroten in den Ledergamaschen,
die dein Nachbarschütze für einen 'Fuchs oder Fasan'
angesprochen - dann setze dich flink zum Schreibtisch und erwidere
die nächste Einladung mit den höflichen Worten: 'Sehr
geehrter Herr! Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie wieder
an mich gedacht haben! Die Aussicht, in Ihrem schönen Revier
die mannigfachen Freuden einer Treibjagd mitgenießen zu
können, hat viel Verlockendes für mich. Doch leider
verhindern mich ernste Berufsgeschäfte, Ihrer liebenswürdigen
Einladung Folge zu leisten. Mit Weidmannsheil, Ihr ergebenster
N. N. - PS. In der letzten Nummer der Jagdzeitung fand ich neu
erfundene, völlig schrotdichte Gamaschen annonciert. Ich
möchte Ihnen raten, mit dieser herrlichen Erfindung einen
Versuch zu machen.' -
Während im Wald der Ebene die roten Blätter fallen und
bei fröhlichem Jagdgetriebe Schuß um Schuß durch
die bunten Hallen kracht, wird hoch in den Bergen, über deren
Gipfel und Almgehänge ein früher Winter schon das weiße
Schimmerkleid geworfen, stille und mühsame Jagd gehalten.
Wenn zu Ende des Novembers die Flocken in dichter Menge um die
Latschenfelder wirbeln, wenn die grimmig kalten Nächte schon
alle Bäche zu Eis gerinnen machen und ein schneidender Wind
mit Pfeifen um alle Grate und Schroffen saust - diese harte Zeit
ist im verschobenen Liebeskalender der Natur der 'wunderschöne
Monat Mai' des scheuen Krickelwildes. Je kälter da der Bergwind
durch die Latschen fährt, um so heißere Gefühle
erwachen in dem braven Gemsbock, der die schöne Zeit des
Sommers in einsiedlerischem Behagen verbrachte und bei fleißigem
Ä
sen nur der einen Aufgabe lebte, tüchtig Feist unter
seine Decke zu bringen. Sein fahles Sommerkleid hat sich in glänzendes
Schwarz verwandelt, drall und stattlich ist er anzusehen in der
zottigen Fülle seines Winterpelzes, und schon beginnt sich
der 'Bart' auf seinem Rücken zum Wachler auszuwachsen und
weiß zu bereifen. Da hebt er nun ein ruheloses Suchen und
Wandern an, und aus den Latschenfeldern der schattigen Klüfte,
in deren kühlem und dichtem Versteck er seinen Sommerstand
gehalten, steigt er zu den sonnseitigen Almgehängen empor,
auf denen Rudel sich zu sammeln beginnen.
Treibt es der frühe Bergwinter gar zu schlimm, wirft er Schnee
ü
ber Schnee und hüllt er durch lange Wochen alle Gipfel
in Gewirbel und Nebel, dann freilich wird dem Hochlandsjäger
die schöne Zeit der Gemsbrunft, die er das ganze Jahr hindurch
mit Sehnsucht erwartete, gründlich verstöbert und verdorben.
Wohl scheut er keine Unbill der Witterung, um für seinen
Hut den stolzen Schmuck eines 'wachelnden' Gemsbartes zu gewinnen.
Aber bei 'grobem' Wetter, bei dem der Wind in jeder Minute aus
einem andern Winkel bläst, ist die Jagd auf das scharf 'windende'
Gemswild eine nutzlose Mühe. Gemspirsch, die Aussicht auf
Erfolg verspricht, verlangt blauen Himmel und gleichmäßig
ziehenden Wind.
In solch trüber Novemberzeit steht der Hochlandsjäger
wohl ein dutzendmal des Tages mit heißer Ungeduld vor dem
Barometer und klopft an die Röhre, ob denn das gottsvermaledeite
Quecksilber noch immer nicht steigen will. Endlich eines Morgens
atmet er hoffnungsfreudig auf: 'Gott sei Lob und Dank, jetzt hat's
a Ruckerl gmacht!' Gegen Mittag fällt ruhiger Nordostwind
ein, Sonnenglanz durchbricht die ziehenden Nebel, und noch ehe
der Abend kommt, tauchen die zuckerweißen Berge aus dem
steigenden Gewölk hervor. Eine kalte Nacht sinkt über
die Täler, und einzelne Sterne blitzen aus dem dunklen Schleier
des Himmels.
Und nun wollen wir aufsteigen zu einer 'Gamspirsch' in die verschneiten
Berge!
Eine Stunde, ehe der Morgen graut, sind wir parat zum Abmarsch,
nicht allzu warm gekleidet, denn das Stapfen und Steigen im frischen
Schnee wird uns heißer machen, als uns lieb ist. Einen
bescheidenen Imbiß und einen guten Tropfen im Rucksack,
den Stutzen und die Patronen, Fernrohr, Wettermantel und Bergstock
- mehr brauchen wir nicht. Und jetzt hinaus in die Nacht! Der
Himmel ist völlig klar geworden, und mit zitterndem Gefunkel
leuchten die tausend Sterne. In schweren Klumpen fällt der
Schnee von den Bäumen, deren Wipfel in leichtem Winde sich
bewegen.
"Dös Winderl wär net ohne!" meint der Jäger,
der uns begleitet. "Fein ziahgt's abi über'n Berg!
Heut kunnt's krachen! Und an Tag kriagn mer, grad nobel!"
Schon der halbstündige Weg durch das langsam steigende Waldtal
macht die Stirnen gehörig warm. Dann erst das Aufwärtsstapfen
ü
ber den hoch verschneiten Jägersteig! Das ist wie
ein Dampfbad, und alle paar hundert Schritte verhält man
sich eine Minute, um den verlorenen 'Schnaufer' wiederzufinden.
Der Wald geht zu Ende, und die steilen Latschenfelder beginnen.
Allmählich hat sich der Schein der Sterne gedämpft,
farbiges Zwielicht gleitet Über den Himmel hin, alle Konturen
der weißen Berge werden klar und rein, und ein letztes verirrtes
Wölklein löst sich auf in blauen Duft. Langsam und
vorsichtig steigen wir höher und höher, jede Blöße
zwischen den Felsen und Latschen mit spähenden Blicken musternd.
"Denn in der Brunft, da fahrt a Gamsbock her über'n
Weg, du woaßt net wie!"
Fast haben wir schon den Saum des Almfeldes erreicht, das sich
zwischen zerklüfteten Felswänden breit bergan dehnt,
schimmernd wie milchblaue Seide. Da brennt es auf dem höchsten
der weißen Gipfel auf gleich einer roten Flamme.
"Sakra! Jetzt dürfen mer uns aber tummeln! D' Sunn
fliegt an."
"Sich tummeln?" Nein! Da heißt es stehen und
schauen und staunen! Von einem Gipfel zum andern fliegt die rote
Morgenflamme, tiefer und tiefer brennt sie herunter über
Gewänd und Schnee, das ganze Almfeld überhaucht sich
mit rosigem Glanz, sogar die Schatten tauchen sich in zarten Purpur.
Und über allem der reine Himmel, tief und blau wie ein südliches
Meer, und zwischen seinem Blau und dem rosigen Schneeglanz blitzt
im Kontrast der Farben die silberweiße Linie des Grates.
"Herr Gott! Wie schön ist das!"
Da pfeift es in den Latschen, die Büsche rauschen, und Schnee
stäubt auf.
"Mar' und Joseph!" zischelt der Jäger. "Richten
S' Eahna! A Gamsbock! Und was für oaner!"
Doch ehe die Büchse noch an der Wange ist, fährt der
schwarze Gesell, der uns auf lautloser Suche in den Weg geraten,
mit sausender Flucht schon durch die Latschen hinunter in den
Wald.
"Natürli! D' Natur antratschen! Dös is 's Richtige
in der Gamsbrunft!" brummte der Jäger. "D' Sonn
können S' alle Tag sehgn, aber so an Gamsbock net! No also,
machen wir halt weiter! Der is jetzt schon beim Teifi!"
Ein Viertelstündlein steilen Marsches, und ein Hügel
des Almfeldes ist erreicht. Gedeckt von einer Latschenstaude,
lassen wir uns nieder. Obwohl wir bis an die Hüften im Schnee
hocken, haben wir doch ein ganz behagliches Weilen, denn kaum
merklich zieht der Wind, und die steigende Sonne beginnt sich
lind zu fühlen. Während eine gute Zigarre den Ärger
des Jägers besänftigt, halten wir mit dem Fernrohr Ausschau
nach allen Seiten. Manch ein schwarzes Pünktlein auf dem
sonnigen Schnee, das wir mit freiem Auge für eine Gemse halten,
entpuppt sich durch das Glas als ein schattiger Felsbrocken oder
als ein Latschenstäudlein, das sich aus der Schneedecke hervordrängt.
Aber dort oben, wo die beschneiten Schuttfelder steil aufsteigen
zu den kahlen Wänden, dort oben bewegen sich ein paar schwarze
Punkte. Das Fernrohr wird gerichtet.
Ein Rudel! Und wir zählen gegen dreißig Stück,
brave Mütter mit ihren Kitzen und einige Geltgeißen.
Bei genauer Beobachtung zeigt es sich, daß beim Rudel ein
dreijähriger Bock steht, der nicht als schußbar anzusprechen
ist. Wäre es um die Zeit der Sommerpirsche, so würden
wir ruhig weiterziehen und anderswo unser Heil versuchen. Aber
jetzt, in der Brunft, da heißt es geduldig ausharren. Denn
wo ein Rudel steht, wird ein guter Bock nicht lange auf sich warten
lassen.
Ruhig sitzen wir im Schnee, der uns nun doch seine Kälte
langsam in alle Knochen bohrt. Dazu beginnt der Wind immer schärfer
zu ziehen. Die Ohren beginnen zu brennen, und die Finger werden
steif. Aber die Beobachtung des Rudels kürzt uns die bittere
Zeit. Einige der Gemsen ruhen im sonnigen Lager, andere ziehen
langsam über den Hang und schlagen mit den Läufen den
Schnee von der Erde, um Äsung zu finden. Zwischen den ruhig
ziehenden Müttern tummeln sich die Kitzlein umher und treiben
ihre munteren Spiele wie ausgelassene Schulkinder; sie jagen sich,
versuchen harmlose Kämpfe und machen kleine Schlittenpartien
ü
ber den stellen Schnee. In dem Dreijährigen erwachen
sehnsüchtige Gefühle, und er beginnt bei den Schönen
ein Werben, das an alle Eigenschaften eines Verliebten erinnert,
nur nicht an scheue Zärtlichkeit. Eine alte Kokette drängt
sich zutraulich an ihn heran. Aber der junge Galan scheint für
die Reize des 'gefährlichen Alters' nicht das rechte Verständnis
zu haben. Mit einem derben Krickelstoß jagt er die Schmeichlerin
von seiner Seite und kehrt zu den jüngeren Schönen zurück,
deren Sprödigkeit ihn noch feuriger macht und in groben Zorn
versetzt. Just hat er ein schlankes Geißlein ein paar hundert
Schritte über das Schneefeld hingesprengt. Da verhofft er
plötzlich, äugt gegen die höheren Wände hinauf
und stampft mit den Läufen.
"Passen S' auf jetzt", flüstert der Jäger,
"
da is der Alte nimmer weit!"
Wir suchen die Wand mit dem Fernrohr ab. Und dort oben steigt
er über den Grat heraus, "aber scho a höllischer
Teifi", stolz und kraftvoll, scharf abgehoben vom blauen
Himmel, so daß sich mit dem Glas die hohen Krickeln und
die wehenden Zotten des Bartes deutlich erkennen lassen.
"Sakra, sakra", meint der Jäger, "den wann
S' kriegen, da können S' Eahna gratulieren!"
Alle Kälte in Blut und Gliedern ist jäh verflogen, und
mit heiß erregten Schlägen hämmert das Herz.
Ein paar Minuten äugt der Alte regungslos auf das Rudel nieder.
Dann plötzlich kommt er über die Wand herabgefahren,
daß die Steine prasseln, sprengt auf die Geißen ein
und fordert mit brutaler Gewalt seine Rechte als Herr des Harems.
Inzwischen hält sich der Dreijährige eine Weile in
scheuer Ferne, dann beginnt er das Rudel in Unruh zu umkreisen
und schlängelt sich immer näher heran. Aber ein paar
zornige Sprünge des Alten jagen ihn wieder in die Flucht.
Einsam steht nun der Verscheuchte auf einem Schneegrat. Die
Sache scheint ihm offenbar nicht zu gefallen. Er stampft mit
den Läufen, schüttelt die Luser, und dann entscheidet
er sich für das bessere Teil der Tapferkeit, fährt über
den Schneegrat nieder und verschwindet in einem Graben des Almfeldes.
Wir kümmern uns nicht weiter um die Richtung seiner Flucht
und lassen den Alten und sein Rudel nicht aus den Augen. Doch
jählings pfeift es ein paar Dutzend Schritte neben uns, und
als wir aufblicken, steht der Dreijährige zwischen den niederen
Latschen. Er scheint von unserem Anblick ebenso betroffen wie
wir von seinem unerwarteten Auftauchen. Einige Minuten währt
diese gegenseitige regungslose Musterung, bis ihm der Jäger
mit einer scheuchenden Handbewegung zumurmelt: "Geh, du Springerl,
fahr ab!" Das läßt sich der Bock nicht zweimal
sagen. Erschrocken schlägt er um, saust durch die Latschen
talwärts und pfeift noch ein paarmal, da er schon verschwunden
ist.
Obwohl die Entfernung zwischen uns und dem Rudel fast tausend
Schritte beträgt, sind doch die Pfiffe des Flüchtlings
bis zu ihm hinaufgedrungen. Ein paar Geißen, die sich schon
zur Ruhe niedergetan, springen wieder auf, der Alte klettert auf
einen Felsblock, und so äugt das ganze Rudel zu uns nieder.
Ein Glück, daß uns die Sonne im Rücken steht
- ihr blendender Glanz macht den Gemsen ein deutliches Gewahren
unmöglich. Dennoch scheinen sie die Gefahr zu wittern, denn
eine Kitzgeiß beginnt über das Schuttfeld emporzuziehen,
als wollte sie in die Felswand einsteigen.
"Auweh zwick! jetzt is gfeit!" brummt der Jäger
und schließt mit einem derben Fluch die Vermutung, daß
wir heute leer nach Hause gehen würden.
Seine böse Ahnung scheint sich zu bestätigen. Denn
langsam zieht das ganze Rudel der führenden Kitzgeiß
nach. Gemächlichen Schrittes und zuweilen den schwarzen
Pelz schüttelnd, steigt der Alte hinter dem Rudel her, und
wir folgen ihm seufzend mit den Blicken. Da verhofft er plötzlich,
jagt über den steilen Schnee hinauf und sprengt die Geißen
von der Wand zurück auf den Lahner. Das ganze Rudel steht
dicht gedrängt und äugt über das Almfeld hinaus.
"Himmel Saxen!" zischelt der Jäger in heißem
Eifer. "Da schaugn S' ummi! Da steigt oaner her über
d' Schneid. Und gar koa schlechter net! Sakra, sakra, jetzt
geht a Gschäft!"
Ein guter Bock, schwarz wie Kohle, ist am Saum des Almfeldes erschienen.
Er hat das ganze Rudel gewahrt und trollt über den Schnee
einher, seinen Weg durch spielende Sprünge kürzend.
Der Alte zieht ihm entgegen, zögernd, als wollte er vorerst
mit Bedacht die Kraft des nahenden Gegners prüfen.
"Geben S' acht, dö packen anander!" flüstert
der Jäger. "Von deine zwoa, da woaß i net, was
für oaner der besser is. Von dene zwoa gibt koaner so leicht
riet nach!"
In wachsender Erregung sehen wir durch das Fernrohr dem Drama
der Eifersucht zu, das sich dort oben auf dem steilen Schneefeld
abspielen will. Deutlich gewahren wir durch das Glas, wie der
Alte zornig die Oberlippe aufzieht, und trotz der Entfernung glauben
wir seinen blökenden Kampf ruf zu vernehmen. Schon sind
sich die beiden Gegner bis auf wenige Schritte nahgekommen. Sie
stehen regungslos voreinander, mit gesenkten Krickeln - es scheint,
als hätte jeder Respekt vor der Kraft des anderen und keiner
so recht den Mut, um den unsicheren Kampf zu beginnen. Langsam
und neugierig zieht das Rudel näher. Und als hätte
die Gegenwart seiner Huldinnen die Kampflust des Platzbockes befeuert
und seine Eifersucht gesteigert, so rennt er mit kraftvollem Sprung
auf seinen Gegner los. Wir hören, wie die Krickeln aneinanderschlagen.
Aber schon ist der Angreifer mit blitzschnellem Sprung wieder
zurückgefahren und steht erwartend. Da holt der Gegner zum
Angriff aus, beim Stoß verfangen sich die beiden Kämpen
mit den Krickeln, und so zerren sie sich hin und her, daß
es sich ansieht wie ein drolliges Spiel, nicht wie ein ernster
Kampf.
Endlich kommen sie los voneinander, und der Alte retiriert, als
wäre ihm schon halb der Mut gesunken. Das befeuert den Rivalen,
und mit derben, immer hitziger werdenden Stößen bedrängt
er den Platzbock, der sich aufs Parieren verlegt und dessen Kräfte
immer mehr zu erlahmen scheinen. Aber diese scheinbare Schwäche
ist nur schlaue Taktik des alten, geriebenen Burschen. Als sich
der Gegner, der in heißem Ungestüm den Kampf mit einem
Gewaltstreich beenden will, auf die Hinterläufe hebt, um
mit gesenkten Krickeln den Rivalen am Nacken oder auf dem Rücken
zu fassen, fährt ihm der Alte mit wuchtigem Stoß in
die Weichen. Der Getroffene überschlägt sich und kugelt
ü
ber den steilen Hang hinunter, umwirbelt von staubendem
Schnee. Mühsam erhebt er sich, aber da rennt der Alte schon
wieder mit wütendem Sprung auf ihn los, und in wilder Jagd
sprengt er den Besiegten gegen die Tiefe des Almfeldes.
"Teifi no amal! jetzt aber gschwind! jetzt gilt's!"
Wir gleiten durch die Latschen hinunter in eine Mulde, und drüben
geht's mit Keuchen wieder hinauf über Schnee und Geröll.
Kaum haben wir, noch atemlos, die Höhe des Almgrates erklommen,
da saust auch schon mit hängendem Lecker und stöhnend
der gejagte Bock an uns vorüber. Einen tiefen Atemzug, den
Hahn gespannt und die Büchse an die Wange - jetzt taucht
mit rasenden Sprüngen der Sieger vor uns auf, doch bei dem
Pfiff des Jägers verhofft der Bock, halb verschleiert vom
aufwirbelnden Schnee. Dröhnend hallt der Schuß über
das Almfeld hin. Im Feuer schlägt der Gemsbock um und verschwindet
in einer Mulde. Auf dem jenseitigen Hang erscheint er wieder
und flüchtet gegen das Rudel hin - eine zweite Kugel soll
ihn einholen, aber da bricht er zusammen und rollt verendet über
den Schnee. Ein Jauchzer schwingt sich auf in das sonnige Blau,
während von den steilen Wänden die Steine niederprasseln,
die das flüchtige Rudel löste.
Ein Stündlein später treten wir, der Jäger mit
dem geschränkten Bock über den Schultern und der glückliche
Schütze mit dem frischen Latschenbruch auf dem Hut, in die
einsame und halbverschneite Sennhütte, deren Stube einen
ö
den und unwirtlichen Anblick bietet. Alle Glieder zittern
uns vor Kälte und Erschöpfung, die Augen sind rot gerändert
und brennen vom blendenden Schneeglanz, den wir durch lange Stunden
ausgehalten. Aber wir lachen, als kämen wir von lustiger
Maipartie, und mit sprudelndem Eifer wird die ganze Jagd noch
einmal durchgeplaudert. An dem Maßstab, der in den Bergstock
eingeschnitten ist, wird die Höhe des selten starken Krickels
und die Länge des sorgsam ausgerupften Gemsbartes gemessen
- wobei der Jäger mit heiligen Eiden schwört, daß
'a söllener Bock in hundert Jahr nimmer gschossen weard'!
In der Aschengrube wird ein flackerndes Feuer angeschürt,
dessen Schein die verwahrloste Almstube freundlich überglänzt.
Von der aufsteigenden Hitze des Feuers beginnt auf dem Hüttendach
der Schnee zu schmelzen, und die Tropfen fallen und plätschern,
als möcht es draußen schon Frühling werden.
Pirsch auf den Feisthirsch
Pirsch auf den Feisthirsch
Der Juli geht seinem Ende zu, und mit feurigem Rot verblüht
auf den Bergen der Almrausch.
Das Hochwild trägt seit Wochen schon sein lichtbraunes Sommerkleid,
die Geweihbildung ist der Vollendung nahe, und allabendlich halten
die guten Hirsche mit Einbruch der Dämmerung ihren regelmäßigen
Auszug auf die weiten, lichten Schläge, um durch die reiche,
kräftige Asung, die sie hier finden, tüchtig 'Feist'
unter die 'Decke' zu bringen. Ein paar Wochen noch, dann sind
die Enden des Geweihes ausgeschoben, und stattlich prangt die
zackige Krone. Aber je mehr das Geweih sich verhärtet und
der die Stangen umkleidende 'Bast' ins Trocknen und Welken gerät,
desto scheuer und vorsichtiger werden die Hirsche, desto mehr
verspätet sich mit jedem Abend ihr Auszug, desto früher
ziehen sie bei grauendem Morgen wieder zu Holz - als wüßten
sie, daß die Vollendung ihres Hauptschmuckes den Beginn
der ihnen drohenden Gefahr bezeichnet.
Wenn dann der Jäger am frühen Morgen sein Revier begeht,
findet er nur noch die frischen, alle Wege kreuzenden Fährten.
Lauschend und spähend zieht er weiter; da gerät es ihm
wohl manchmal, daß er aus dem nahen Dickicht ein gedämpftes
Rascheln und Klappern vernimmt, das er leicht zu deuten weiß,
und einmal steht er plötzlich stille, ein vergnügliches
Schmunzeln auf dem sonngebräunten Gesicht. Er steht vor dem
ersten, frischen 'Bschlachter', vor einem jungen Fichten- oder
Lärchenstämmchen, an dem in der Nacht ein Hirsch 'geschlagen'
- und dazu noch 'a ganz a guter' - das deuten die hochgebrochenen
Zweige an, das verrät an dem Stämmchen die Höhe
und Länge der Stelle, von der in Fetzen die zerfegte Rinde
niederhängt, während Schweiß und Basthaar an dem
kahlen Holze kleben.
Die Fegezeit ist im Gange - mit dieser Meldung steigt der Jäger
ins Tal. Und nun beginnt die Jagd auf den Sommerhirsch, auf den
richtigen Feisthirsch.
Diese Jagd wird selten mit Treibern geübt, da der Hirsch
in der Feistzeit leicht 'vergrämt' ist und durch jede allzu
laute Beunruhigung veranlaßt wird, seinen Standort zu verlassen
und auf lange Wochen zu verschwinden, der Kuckuck weiß,
wohin. Nur ausnahmsweise, wenn etwa der Jagdherr selbst oder ein
hoher, mit besonderen Privilegien ausgestatteter Jagdgast im Bezirke
weilt, werden kleine, isoliert liegende Bestände 'geriegelt'.
Während der Jäger zumeist allein oder in Begleitung
nur weniger Treiber, mit schlechtem Winde, d. h. bei solchem Winde,
der vom Jäger gegen den Stand des Wildes zieht, den Bogen'
unter Vermeidung jedes lauten Geräusches 'angeht', indem
er langsam den ihm wohlbekannten Wildwegen folgt, die in der Jägersprache
'Riegel' oder 'Wechsel' heißen - währenddessen hat
der Schütze seinen Stand in der Nähe der Stelle, an
welcher der unter bestem Winde liegende 'Hauptwechsel' aus der
Dickung mündet. Da mag es dann wohl geschehen, daß
der im Bogen 'bestätigte' Hirsch, nachdem er vor dem nahenden
Jäger munter geworden, ziemlich vertraut dem Schützen
vor die Büchse trollt, um den Schuß zu empfangen und
nach kurzer Flucht verendet hinzustürzen in das vom quellenden
Schweiß sich rot färbende Gras. Aber nur selten ist
der Erfolg ein so günstiger wie bequemer. Gar häufig
schlägt solch ein schlauer gewitzter Recke dem Schützen
ein Schnippchen, indem er hart am Saume des Dickichts 'umschlägt'
oder gleich von Anfang an den Jäger unbekümmert an sich
vorüberläßt, um lautlos auf den Rückwechsel
auszukneifen. Oder es ist der Hirsch vor dem Jäger allzu
'munter' geworden; dann geht's mit Brechen und Rauschen durch
die Büsche, wie ein Husch über die schmale Lichtung
- und während der Hirsch in rasender Flucht, das Geweih tief
in den Nacken drückend, zwischen schützendem Gezweig
verschwindet, bohrt die nachgeschickte Kugel ein schnell vernarbendes
Loch ins Blaue. Ist aber die Kugel dennoch flüchtiger gewesen
als die Flucht des Hirsches, dann trägt er zumeist einen
schlechten Schuß davon, einen Weidwund- oder Schlegelschuß,
und da setzt es nun eine langstündige mühevolle Suche
mit dem angeriemten Schweißhund oder eine den ganzen Bezirk
beunruhigende Hetze, bis der Hirsch gefunden oder gestellt ist
- wenn er überhaupt zur Strecke gebracht wird und nicht ungefunden
in einem verlorenen Winkel des weiten Bergwaldes verendet. Doch
wenn auch der Erfolg ein günstiger ist, so mag bei solcher
Jagd doch nie die rechte Weidmannsfreude sein.
Die weidgerechteste Jagdart zur Feistzeit ist jene, die den ruhigsten,
sichersten Schuß ermöglicht: der Ansitz vor dem abendlichen
Auszug, der Ansitz und die Pirsche vor dem Einzug bei grauendem
Morgen und die 'Trapfhirsch' nach einem starken Gewitterregen,
nach dem sich alles Haarwild von den 'trapfenden' Büschen
und Bäumen aus dem Dickicht auf die Schläge treiben
läßt, um sich draußen 'abzubeuteln' und in der
warmen, hell durch die Wolken brechenden Sonne das nasse Fell
zu trocknen.
Der ruhigste, sicherste Schuß - das war vorerst nur vom
Standpunkt des praktischen Jägers gesprochen. Aber auch der
Naturfreund findet bei dieser Jagdart seine beste Rechnung. Ein
solcher steckt ja schließlich in jedem richtigen Jäger,
und so kommt es - man mag die Grammatik der Jägerei von Anfang
bis zu Ende durchblättern -, daß jedem edleren Wilde
gegenüber jene Jagdart als die weidgerechteste gilt, die
mit der sichersten Erlegung den reichsten, mannigfaltigsten Genuß
der Natur und ihres Tierlebens vereinigt.
Und welch ein Hochgenuß, so hinauszuziehen in Berg und Wald,
wenn nach Sturm und Wetter sich der Himmel klärt, wenn in
der Ferne dumpf die Donner verrollen, wenn der letzte Entscheidungskampf
der Wolken um die Zinnen der Berge wogt, wenn ein kräftiger
Erdgeruch, vermischt mit süßem Blumenduft, die Lüfte
füllt und die ganze Natur so recht von Herzen aufzuatmen
scheint in Erquickung und Frische! Oder vor Anbruch des Tages
die gemütliche Hütte zu verlassen und hineinzuschreiten
in die stille Dämmerung, wenn fern über den westlichen
Bergen die letzten Sterne erlöschen, wenn im Osten das wachsende
Frühlicht in farbigen Bändern emporschwimmt über
den Himmel, wenn der Tau wie ein grauer, seidenartig schimmernder
Schleier über allem Grunde liegt, wenn die steigende Helle
in den zahllosen Tropfen, unter denen sich die schlanken Gräser
tief zur Erde neigen, ein buntes Glühen und Blitzen weckt,
wenn aus Bäumen und Büschen sich die ersten schüchternen
Vogelstimmen hören lassen und wenn der volle Tag erwacht
in seiner leuchtenden Glorie! Und welchen Reichtum an stillen
Reizen bietet am Abend das stundenlange Verweilen an einer Stelle,
wo dem Jäger zu Häupten sich die wild zerrissenen Felsen
ü
ber den Bergwald türmen, während ihm zu Füßen
das tiefe Tal gebettet liegt in sanfter Schönheit! Dieser
Reichtum erschöpft sich nicht und wird nicht ausgenossen,
da er mit jedem Abend sich neu erzeugt in neuer Form. jeder einzelne
Abend hat seinen eigenen Reiz, jeder andere ein anderes Gesicht.
Da wär' es auch ein vergebliches Unterfangen, den wechselnden
Reiz solcher Abende in ein typisches Gemälde fassen zu wollen.
Ich muß an einen bestimmten Abend denken, den ich droben
in den Bergen verbrachte.
Ich weilte damals seit einer Woche auf der Herrenrointhütte,
die auf einem weit in das Königsseer Tal hinausgebauten Vorberg
des Watzmann gelegen ist. Abend für Abend hatte ich vergeblich
des guten Hirsches gewartet, der über dem Kaltenkellerschlag
in einer steilen Dickung seinen Standort hatte. Nun war's am zehnten
August. Während des Vormittags war ein Gewitter über
die Berge hingegangen, ohne recht zum Ausbruch zu kommen. Aus
den im Kreise treibenden Wolken rieselte den ganzen Tag hindurch
ein dünner Regen nieder. Schon gab ich den Abend verloren;
doch unerwartet, gegen sechs Uhr, ließ der Regen nach, die
Wolken klüfteten sich, und mit goldigen Strahlen spielte
die sinkende Sonne über den Berghang. In rosigster Laune
und in der sicheren Erwartung, daß solch ein Abend den Hirsch
zu zeitlicherem Auszug veranlassen würde, suchte ich gegen
sieben Uhr auf dem nur wenige Minuten von der Jagdhütte entfernten
Schlag mein altes Plätzchen auf. Das lag auf dem Abhang eines
kleinen, den weiten Schlag beherrschenden Hügels. Eine weiche
Moosplatte diente mir zum Sitz, während ein schräger
Felsblock eine bequeme Lehne bot. Hoch emporgeschossene Gräser,
ein junges Fichtenbüschlein und niedere, schwach belaubte
Ahornstämmchen, die mir zu Füßen aus dem steinigen
Grund stiegen, gaben mir gute Deckung, ohne den Ausblick zu hemmen.
Auch der Wind ließ nichts zu wünschen übrig; scharf
zog er über die steile Dickung nieder. Mit sachten Bewegungen
richtete ich mich in jägermäßigem Sinne häuslich
ein. Ich zog das Fernrohr auf und lehnte es an den Felsblock;
den Bergstock schob ich senkrecht vor mir in die Steine, um ihn
als Stütze des Fernrohrs gleich parat zu haben; das kleine
Doppelglas, das in der Dämmerung, wenn dem Fernrohr das Licht
schon ausgegangen, noch gute Dienste tut, steckte ich lose in
die rechte Joppentasche und legte die Büchse in Bereitschaft
ü
ber das Knie. Dann kreuzte ich die Arme und schickte die
Augen auf die Reise.
Tiefer Schatten lag schon auf dem weiten Schlag und der steilen
Dickung, über deren höchste Wipfel der schroffe Riesenzacken
des Watzmann, noch sonnbeschienen, majestätisch herunterblickte.
Graue, vielgestaltige Schattenbilder überhuschten seine Wände,
wenn die leichten Nebel oder die schweren, von goldenen Tönen
behauchten Wolken im Winde über seine Zinne trieben. In jagender
Eile überflog das zerrissene Gewölk den mir zur Linken
in unsichtbarer Tiefe liegenden Königssee und mischte sich
in die wogenden Nebelmassen, die alle Kuppen der jenseitigen Berge
noch verschleiert hielten. Aber mehr und mehr mit jeder Sekunde
hob sich da drüben der Nebel, weiter und weiter wuchs am
Himmel das Blau, und bald lag wolkenlos und in sonniger Pracht
die ganze herrliche Felsenkette vor meinen Augen gebreitet, von
dem gezahnten Grat des Hohen Göhl bis zu den plumpen Felskolossen
der Fundenseetauern, hinter denen in hoher Ferne die scharfen
Spitzen der Teufelshörner aufwärts stachen über
das blendend weiße Schneemeer der übergossenen Alm.
Nur ungern trennte sich mein Blick von dem leuchtenden Bilde,
um zurückzukehren auf den schattendunklen Grund zu meinen
Füßen. Und da bekam ich gleich eine Mahnung, daß
es an der Zeit wäre, die Augen bei der Sache zu halten. Kaum
hundert Schritte unter mir war eine Rehgeiß mit ihrem Kitz
auf den schmalen Wiesenfleck getreten, mit dem sich der Schlag
zu meiner Rechten in die Dickung spitzte. Fleißig äsend
zog das Kitzlein über das Gras; die Geiß aber hielt
die großen dunklen Lichter auf mich gerichtet. Halb die
Augen schließend, saß ich regungslos - und da schüttelte
sie endlich die 'Lauscher' und begann zu äsen. Die Sache
mochte ihr aber doch nicht ganz geheuer dünken, denn wieder
'sicherte' sie windend, um dann plötzlich mit kurzen Fluchten
in das Dickicht zu verschwinden, wohin ihr das Kitzlein nach einigem
Zögern in sichtlicher Verwunderung folgte.
Lächelnd atmete ich auf und ließ die Blicke nach allen
Winkeln des weiten Schlages streifen, über dessen üppigen
dunkelgrünen Kräuterwuchs in wirrem Wechsel die braunen
Baumstöcke und Wurzelknorren, die moosigen Felsblöcke
und die weißen Steine ragten. Weit drüben senkte sich
der Schlag über einen langgezogenen Rücken einem Dickicht
zu, von dem ich nur die höchsten Gipfel gewahren konnte.
Kleine Fichtengebüsche hielten diesen Rücken besetzt,
und zuoberst auf ihm erhob sich ein riesiger Felsblock, auf dessen
Platte einzelne halbwüchsige, meist dürre Bäumchen
durcheinanderhingen. In der Mulde, welche die Höhe da drüben
von meinem Sitze trennte, rann mit Murmeln und Gurgeln ein unter
Kräutern und Farnen verstecktes Bächlein. Zu dem melancholischen
Geplauder dieses Wassers gesellten sich die pipsernden Stimmen
der Meisen, die zwischen Büschen und Steinen so eilfertig
hin- und herflatterten, als hätten sie allerlei wichtige
Dinge noch schnell zu besorgen, bevor der Tag zu Ende ging. Aus
dem höheren Dickicht ließ sich der weiche Schlag einer
Bergamsel hören, während vom tieferen Gehänge herauf
der krächzende Schrei eines Tannenhähers und ab und
zu das hastige Pochen eines Spechtes klangen. Weit über den
See einher scholl manchmal, durch die Ferne gedämpft, das
Brüllen der auf den Almen weidenden Rinder und das matt vernehmbare
Läuten ihrer tieftönenden Glocken.
Einmal auch hörte ich fauchende Flügelschläge über
mir, und als ich zur Höhe blickte, gewahrte ich einen der
großen Bergraben, der durch die gelbleuchtende Abendluft
seinem Horst entgegenstrich. Während ich dem Zug des Raben
folgte, trafen meine Augen auf den steilen Lahnstreif, der hoch
ü
ber mir das Dickicht auseinanderteilte. Da meinte ich Rot'
zu sehen. Langsam richtete ich das Fernrohr. Ein Gabelhirsch und
zwei 'Kälberstücke' mit ihren Kälbern erschienen
mir im Glase. Befriedigt legte ich das Fernrohr beiseite; der
frühe Auszug dieses Rudels weckte gute Hoffnung in mir.
Rasch warf ich noch einen Blick auf die Uhr. Ein Viertel vor acht,
der Beginn der 'besten' Zeit. Dann ließ ich meine Augen
rastlos über den Saum der Dickung auf- und niedergleiten.
Im scharfen Spähen mußte ich schon die Brauen furchen,
denn die Schatten begannen sich bereits zu vertiefen, und allmählich
dämpfte sich der helle Schein des Himmels. Es wurde stiller
und stiller um mich her, in der Ferne verstummte das Brüllen
und Läuten der Rinder, die Vogelstimmen klangen sanfter und
seltener, und bald vernahm ich nur noch das Murmeln des kleinen
Baches. Aber auch das Wasser schien mit jeder Sekunde leiser und
leiser zu werden. Einmal noch, kurz vor Einbruch der eigentlichen
Dämmerung, ließen sich mehrere Vogelstimmen zugleich
vernehmen. Dann schien der Bergwald wie ausgestorben. Und nun
begann es in meinen Ohren allmählich anzuklingen, jenes seltsame,
unbeschreibliche Geräusch, das jeder Weidmann kennen wird,
der zur Sommerszeit auf dem abendlichen Ansitz auch noch auf andere
Dinge merkt als nur auf das Brechen des Wildes im Dickicht. Das
ist wie ein Singen und Zirpen zahlloser Tierchen, wie ein Zwitschern
von vielen Vögelchen, wie ein Brummen und Summen von Hummeln
und Bienen, aber ganz leise, nur eben noch vernehmbar. Bald scheint
es in der Luft zu liegen, bald wieder aus der Erde zu quellen
- und man fragt sich, ob man es wirklich hört oder ob es
nur eine akustische Täuschung ist, eine Folge des stundenlangen
angestrengten Lauschens.
Wieder einmal, wie schon so häufig, legte ich mir im stillen
diese Frage vor, als mich ein fiebernder Laut aus meinem Sinnen
weckte. Tief aus dem Dickicht scholl das 'Blatten' einer Rehgeiß.
Kaum hatte ich den Laut vernommen, da hörte ich vom Schlag
herüber das Brechen dürrer Zweige, und als ich hastig
die Augen wandte, sah ich ein Reh mit rasender Flucht im Dickicht
verschwinden. Das mußte ein Rehbock gewesen sein, der in
brünstigem Eifer den lockenden Liebeslauten folgte. Woher
war er gekommen? Hatte er auf dem Schlage gestanden, ohne daß
ich ihn bemerkt hatte?
Unter der ärgerlichen Befürchtung, daß mir der
liebestolle Bursch durch seinen lauten Eifer den Hirsch vergrämt
haben könnte, der, wenn er überhaupt ans Kommen dachte,
schon im Auszug begriffen war - unter solcher Befürchtung
blickte ich unwillkürlich nach den tieferen Gehängen
des Schlages, von denen der Störenfried gekommen sein mußte.
Doch unerwartet zog ein wundervolles Schauspiel meine Augen über
das Seetal nach den fernen Bergen. Dort waren die grauen Schatten
schon emporgestiegen über Wald und Almen bis zu den kahlen
Felsen; doch über diesen Schatten glühten alle Wände
und Schrofen in dunkelrotem Feuer, und gleich den erstarrten Flammen
einer riesigen Lohe hoben sich die Zacken und Spitzen von dem
tiefblauen Himmel ab, über den die nahende Nacht schon ihre
ersten Schleier spann.
Selten hatte ich dieses Schauspiel in solcher Schönheit genossen,
und immer hingen meine Augen an dem herrlichen Bilde, bis plötzlich
der Jäger wieder in mir rege wurde, so daß ich fast
erschrocken die vergessene Nähe suchte. Doch bei dem raschen
Wechsel zwischen Licht und Schatten erschien mir alles schwarz
vor dem Blick. Um die Augen zu beruhigen, schloß ich für
einige Sekunden die Lider. Und als ich sie wieder öffnete,
schoß mir das Blut zum Herzen. Mitten auf dem Schlage stand
der sehnsüchtig Erwartete. Ich hatte sein Kommen überhört,
seinen Auszug übersehen. In stolzer Schönheit stand
er da drüben und warf wie spielend mit dem 'Äser' ein
großes Lattichblatt in die Höhe. Trotz der Dämmerung
gewahrte ich deutlich das schwankende Geweih und meinte sogar
die weißen Spitzen der dreizackigen Krone zu erkennen. Ein
Zittern befiel meine Hände, während ich das Doppelglas
an die Augen hob, um meiner Sache noch sicherer zu werden. Das
Unerwartete des Anblicks hatte mich um meine Jägerruhe gebracht.
In Unruh und Sorge begann ich die Entfernung zu schätzen.
Zweihundert Schritt! Zu weit -nicht für die Kugel -, aber
zu weit für einen guten, sicheren Schuß! Mich überkam
eine fiebernde Spannung. 'Wird er näher ziehen? Während
der wenigen Minuten, solang noch Büchsenlicht herrscht? Oder
wird er aufwärts ziehen gegen den Rücken des Schlages?
Da schwellt mir ein erleichternder Seufzer die Brust. Ich sehe
den Hirsch mit vertrauten Schritten talwärts trollen. Er
kommt mir näher, immer näher, wenn auch langsam. Und
nun verhält er sich äsend vor einem Fichtenbusch, und
da steht er mir auf etwa hundertvierzig Schritt. Tiefer und tiefer
sinkt die Dämmerung, schon verschwindet mir das Geweih. Aber
noch immer warte ich. Nur zwanzig Schritt noch, denke ich, dann
-
Doch während ich denke, seh ich, daß der Hirsch das
Haupt erhebt, wie überlegend aufwärts windend gegen
den Waldrücken, und während ich mir diese Bewegung noch
zu deuten suche, zieht er bereits äsend der Höhe zu.
Nun ist's aber höchste Zeit! Ein Schauer rinnt mir über
die Schultern. Kaum aber halt ich die Büchse an die Wange,
da hab ich meine Ruhe wieder gefunden, und fest wie Schrauben
schließen sich meine Hände um Schaft und Rohr. Ein
paar Sekunden brauche ich, um vor einem weiß durch die Dämmerung
leuchtenden Steine die richtige Stellung des Visiers zu fassen.
Dann fahr ich langsam auf. Nun sitz ich mittendrin im roten 'Blatt'
des Hirsches, der wannenbreit vor der Büchse steht. Und da
bricht der Schuß.
Dumpfhallend rollt das Echo über den Bergwald, während
ich durch den verwehenden Pulverdampf den Hirsch mit langen, prächtig
anzuschauenden Fluchten die Höhe gewinnen sah. Dort oben
hielt er plötzlich inne, drehte das Haupt nach allen Seiten
und verschwand dann langsam hinter dem Hügel. Was war das
nun für ein 'Zeichen'? Es konnte das beste sein, aber auch
das schlimmste. Entweder saß ihm die Kugel in der 'Kammer'
- oder der Hirsch war 'wurzweg' gefehlt. Das letztere konnt ich
nicht glauben. Der Schuß hätte mir besser und ruhiger
nicht brechen können. Das sagte ich mir ein um das andere
Mal vor, und dennoch stieg mir die Erregung heiß unter die
Haare, während ich mein Zeug von der Erde raffte. Ein paar
Minuten - und ich hatte mich durch den Storren- und Kräuterwust
bis zum Schußplatz durchgekämpft.
Der tiefe 'Fluchtriß' in dem moosigen Grund bezeichnete
die Stelle. Nach Schnitthaaren zu suchen, wäre bei der herrschenden
Dämmerung vergebliche Mühe gewesen. Doch wenige Schritte
nur brauchte ich der Fährte zu folgen, da fand ich schon
den ersten Schweiß. Wie auf dem Präsentierteller bot
er sich meinen suchenden Blicken, lag in großen Flocken
auf einer weißen Felsplatte. Ich bückte mich und fand
ihn durchsetzt mit schaumigen Bläschen. Ein Lungenschuß
also, ein Schuß, mit dem der Hirsch gewiß keine hundert
Gänge weit gekommen war. In Hast überstieg ich den Rücken
des Hügels - und da flog mein Hut in die Höhe, während
ich einen Jubelschrei in die dämmerigen Lüfte schickte.
Kaum zwanzig Schritte vor meinen Füßen lag der kapitale
Herr verendet im dunklen Kraut. Und welch ein Geweih! Die Zwölferstangen
weit gespannt, von lichtem Braun und übersät mit dicken
Perlen.
Während ich vor dem Hirsch kniete, um die 'Granen' aus seinem
Ä
ser zu schneiden, kam der Jagdgehilfe, den mein Schuß
aus der Hütte gerufen. Und an mein Weidwerk schloß
sich nun das Handwerk des Jägers. Bis der Hirsch aufgebrochen,
ins nahe Dickicht geschleift und mit Fichtenzweigen überdeckt
war, hatte sich die Dämmerung zur Nacht gewandelt. Und während
wir plaudernd heimwärts schritten zur Hütte, blitzten
am stahlblauen Himmel schon die Sterne in zahlloser Schar.
Der Graben-Teufel
Der Graben-Teufel
Jeder Weidmann ist abergläubisch. Es ist das ein Satz, den
man gern belächelt. Aber es hat damit seine Richtigkeit,
und sollt' es nur insoweit der Fall sein, daß jeder Weidmann
sich ärgert, wenn ihm des Morgens beim Auszuge zur Jagd ein
altes Weib begegnet.
Der Jäger aus Passion ist abergläubisch, weil der Aberglaube
nun einmal zum richtigen Sport gehört. Der Berufsjäger
des Flachlandes ist abergläubisch aus Erziehung, denn neben
der Kunst des Weidwerks lernte er den Aberglauben von seinem Lehrmeister,
der wieder von einem älteren diese Sprüche und Munkeleien
ü
bernahm, die in eine Zeit zurückdatieren, in welcher
der Aberglaube noch Glaube war.
Ganz anders verhält sich die Sache beim Hochlandsjäger.
Die Majestät der Berge wirkt einen unsichtbaren Zauber um
Herz und Sinne und zwingt selbst in den klügsten Kopf Gedanken,
wie sie der friedsame und aufgeklärte Stadtbewohner nur aus
den Märchenbüchern seiner Jugend kennt. Solch ein Empfinden
läßt sich nicht mit Worten sagen. Nur jener weiß
es zu fassen, der diese stumme und doch so beredte Einsamkeit
der Berge kennt, nur jener, der durch lange Stunden dem geheimnisvollen
Rauschen der Hochlandsföhren lauschte und dem donnernden
Liede der Regenstürze und horchend stand, wenn durch die
dunklen Schluchten das Echo des Schusses hallte, dumpf und grollend,
daß es sich anhört wie ein drohendes Zürnen des
Alpengeistes, dem man wieder eines seiner Kinder stahl.
Der kluge und gebildete Tourist, den der Zufall in einem Bergwirtshause
mit einem Jagdgehilfen zusammenführt, schüttelt wohl
mit ungläubigem Lächeln den Kopf, wenn er da die eine
oder die andere seltsame und ungeheuerliche Geschichte hören
muß. Es ist auch wirklich nur ein Zufall, wenn er solche
Dinge zu Gehör bekommt. Und er hat es dann weniger dem Zauber
seiner Gesellschaft als der zungenlösenden Wirkung des Weines
zuzuschreiben. Der Jäger des Hochlandes ist schweigsam;
er entwöhnt sich des Redens in der wochenlangen Einsamkeit.
Und dennoch ist er nicht einsam dort oben. Die ganze Natur spricht
mit ihm, durch das Rauschen der Bäume, durch das mahnende
Poltern der abrollenden Steine, durch den Vogelruf, durch das
Pfeifen der Gemsen wie durch das Sdireien der brünstigen
Hirsche. Er versteht diese Sprache, wenn auch auf seine eigene
Weise. Wirkt doch der Zauber der Natur auch auf das Herz des
Ungebildeten, wenn er dann auch nicht imstande ist, über
die eigene Empfindung zu klarem Verständnis zu kommen. Und
so wird für ihn die Naturpoesie zum Aberglauben. Er personifiziert
das ganze ihn umgebende stille Leben, die Tiere werden ihm zu
gleichfühlenden und gleichdenkenden Wesen. Alles, was er
sieht und hört, erklärt er sich nach bestem Wissen und
Können. Steht er aber plötzlich vor einem gewissen
Etwas, das ihm gegen alle Gewohnheit und Vernunft geht, so hilft
ihm nur sein Gespenster- und Teufelsglaube zu einer befriedigenden
Erklärung.
Aber nicht nur der Ungebildete erliegt diesem Banne. Ich kenne
Forstleute in unseren Bergen, die in der einen Stunde von ihren
Universitätsjahren plauderten, in der anderen mit Kopfschütteln
und Achselzucken erzählen, wie sie an einem Freitag ein Stück
im Schnall niedergeschossen, am Schußplatz aber weder Stück,
noch Schweiß, noch Fährte gefunden hätten. Oder
wie gruselig es wäre, wenn man einen weidwunden Bock trotz
des kunstgerechtesten Knickens nicht zum Verenden bringen könnte.
Wer immer mit der Büchse hoch oben hinzieht über schwindelnde
Steige auf einsamer Pirsch - sie alle, alle sind abergläubisch.
Auch ich bin es geworden, wenn ich es im eigentlichen Sinn des
Wortes auch nur eine einzige Sekunde war.
Die Liebe zur Jagd und zu den Bergen meiner Heimat hatte mich
wieder einmal zur Sommerszeit nach dem schönen und wildreichen
Oberisartal geführt. Ein paar Wegstunden hinter Lenggries
in einem kleinen, von massigen Bergzügen umschränkten
Talkessel dicht hinter dem Zusammenflusse der Walchen, Dürrach
und Isar liegt der kleine Weiler Fall, ein herrlicher Fleck Erde,
den ich mir für diesmal zum Standquartier erkoren hatte,
um von hier aus meine Jagdausflüge nach den umliegenden Bergen
und nach den hochstämmigen Forsten der Jachenau zu unternehmen.
Der schöne Sommer wanderte schon in den September hinein,
und die Birkenblätter begannen zu vergilben. Da stieg ich
eines Tages lange vor dem Morgengrauen bergauf zu einer Gemspirsche,
deren Verlauf mich für die Dauer einer Sekunde zum krassesten
Aberglauben verführen sollte.
Dicht und schwer lag der Nebel noch auf Wasser und Flur, als ich
um vier Uhr die Dürrachbrücke überschritt. Außer
dem Klappern meiner genagelten Bergschuhe störte kein Laut
die tiefe Morgenstille; nur späterhin, als ich die ersten
dampfenden Waldwiesen betrat, hörte ich den leichten Fußschlag
des flüchtenden Wildbrets. Ich schritt bergan, empor über
den Nebel des Tales, der mich aber bald wieder überholte.
Zerrissen und zerteilt durch die massigen Stämme, flatterten
die wandelsüchtigen Nebelgestalten vor mir die Höhe
hinan, legten sich da und dort für einen Augenblick wie ein
leichter duftiger Schleier über Stein und Busch und huschten
empor durch die stillen Aste, um vereint über den Wipfeln
aufzuschweben in den blauenden Himmel.
Durch einzelne Lücken der Bäume winkten die felsigen
Bergspitzen zu mir herunter, erglühend unter dem Morgenkuß
der aufgehenden Sonne. Da klang der erste Drosselschlag, dann
das schüchterne Zwitschern der erwachenden Meisen.
Bedächtig, wie es einem richtigen Steiger geziemt, war ich
drei Stunden emporgestiegen, als ich mich niederließ, um
auszurasten, meine Büchse nachzusehen und den Tau davon zu
wischen, den das hohe Berggras an Schloß und Schaftung abgestreift
hatte. Es gehört zum Verständnis des Nachfolgenden,
wenn ich über dieses Gewehr ein paar Worte des Lobes einflechte.
Es war eine Doppelbüchse; die beiden kurzen Gußstahlläufe
waren von feiner Arbeit, und bis auf zweihundert Gänge schossen
sie die beiden Kugeln in gleicher Höhe auf Doppelzollweite
nebeneinander. Manch schönen Schuß hatte ich mit dieser
Büchse schon getan, auf eine Distanz, daß der besorgte
Jagdgehilf mir während des Zielens abmahnend zuflüsterte:
"
Es reicht net, und es reicht net hin!" Meine Hand und
mein Auge ließen mich auch nicht leicht im Stich, und so
war ich mit dieser Büchse meines Schusses sicher - wenn ich
nur zu Schuß kam.
Nach weiterem halbstündigen Steigen befand ich mich in Wildhöhe,
an jener Stelle, wo von dem zur Bergschneide emporführenden
Pfad sich der eigentliche Jagdsteig abzweigte, um in gleichbleibender
Höhe den ganzen Bergstock zu umkreisen, aus- und einbiegend
ü
ber Felsrücken und Klüfte.
Mit dem Betreten dieses Pfades beginnt die bestrickende Aufregung
eines solchen Pirschganges. Langsam, Schritt für Schritt,
mit den Augen überall, geht es dahin über den schmalen,
oft gefahrvollen Steig. Mit immer gleicher Vorsicht setzt der
Jäger Fuß und Bergstock an, nicht etwa um sicher zu
stehen, denn des Gedankens an die Gefahr hat er sich längst
entwöhnt - nein, er scheut nur ängstlich selbst das
geringste Geräusch. 'So a Ludersgams hört dich ja schon,
wann d' schnaufst!' Nähert sich der Steig einer Felskrümmung,
so schärft sich Aug' und Ohr, lautlos schiebt der Jäger
das halbe Gesicht über die Ecke und späht hinein in
die dunkle, schattenvolle Schlucht, um dann blitzschnell die Büchse
vom Rücken zu reißen oder mit mühsam unterdrücktem
Unmut weiter zu steigen auf dem beschwerlichen Wege.
Das letztere schien für diesen Pirschgang mein Schicksal
zu sein. Unter einem ständigen Wechsel von Enttäuschung
und neuer Hoffnung war ich umhergestiegen an die fünf Stunden.
Die besten Gemsbestände hatte ich aufgesucht, und wo ich
früher oft 'ein' Bock schier mit dem Bergstecken hätt
derschlagen können', sah ich jetzt nur eine Gemsgeiß,
die mit ihrem Kitz gemütlich über das Steingeröll
trollte und unbekümmert um meine Nähe die salzigen Felswände
beleckte.
Einem vierjährigen Schwächling war ich bis auf Schußweite
nahegekommen; aber ich hatte ihn wieder laufen lassen, um mir
nicht die Möglichkeit eines besseren Schusses zu verderben.
jetzt freilich ärgerte ich mich, daß ich dem Burschen
nicht eins aufs Fell gebrannt hatte, um wenigstens nicht mit leerem
Rucksack heimwandern zu müssen.
Aber mir blieb eine einzige, wenn auch sehr vage Hoffnung. Ungefähr
eine halbe Stunde tiefer auf dem Berghang lag der Teufelsgraben,
eine schwer wegsame, wildzerrissene Schlucht, die auf der Revierkarte
unter dem Namen'Hochgraben' verzeichnet steht. Aber der Förster
und die drei Jagdgehilfen nannten sie den Teufelsgraben, und das
aus einem ganz bestimmten Grunde.
Gleich während der ersten Zeit meiner Anwesenheit in Fall
war ich eines Abends mit einem der Jagdgehilfen hinter dem Maßkruge
gesessen, als ein anderer Gehilf in die Stube trat und meinem
Gesellschafter schon von der Türe zurief:
"Du! Heut hab ich den Grabenteufel wieder gsehen."
Natürlich fragte ich sofort nach dem Sinn dieser rätselhaften
Mitteilung. Und so erfuhr ich, daß der 'Grabenteufel' ein
alter Gemsbock wäre, mit dem es seine eigene Bewandtnis hätte.
Seit Jahren hielte er seinen immer gleichen Stand im Teufelsgraben.
Aber weder einem der Jagdgehilfen, noch dem Förster, 'der
doch gwiß a richtiger Gamsjager is', wäre es trotz
aller Mühe, List und Ausdauer gelungen, diesen Bock zu erlegen.
"A Kerl, zottlet wie a Bär!" So lautete die Schilderung
des Jagdgehilfen. "Und mit a Paar Krucken wie nochmal a
Teufelskrönl! Und wann auf ihn gehst: Hören tust ihn
jedsmal, sehen diemal, derschießen niemal! Denn wann auch
zum Schießen kommst, so fehlst ihn."
Ein paar Tage nach diesem Vorfall ließ ich mich von dem
Jagdgehilfen der Neugier halber nach dem Teufelsgraben führen.
Und wirklich - lautlos waren wir schon auf stundenlanger Paß
gesessen, da prasselte es plötzlich von abfallenden Steinen,
und jenseits des Grabens sah ich einen dunklen Schatten durch
die Latschen huschen.
"Ich sag's halt allweil", meinte mein Führer, als
er sich erhob, "mit dem Bock is was net richtig!"
Und dieser Bock war jetzt meine letzte Hoffnung. Ach, Herr Jerum!
Aber probieren kostet ja nichts.
Ich hatte noch eine gute Stunde Zeit, bis ich für eine Pirsch
am Teufelsgraben guten Wind bekommen mußte. Allerdings
hatte ich auch noch einen kleinen Umweg zu machen, um den Wind
abzufangen. Als ich am Teufelsgraben angelangt war, murmelte
ich spaßeshalber ein 'Weizsprüchl', oder, um mich verständlich
auszudrücken, einen weidmännischen Gespenstersegen,
den ich von einem der Jagdgehilfen gelernt hatte:
"Was ich versündigt, büß ich!
Was ich dersieh, derschieß ich!
Ich will auch einmal selig wern -
Alle guten Geister loben Gott den Herrn!"
Nun ging es am Rande des Grabens talwärts, langsam und lautlos.
Von fünfzig zu fünfzig Schritt pirschte ich mich vor
an den Absturz, so daß ich immer einen Teil der Schlucht
ü
bersehen konnte. Keinen Winkel und keinen Latschenbusch
ließ ich unbeschaut. Aber nicht ein Haar bekam ich zu Gesicht.
Endlich war ich in der Nähe des Platzes, wo ich bei meinem
ersten Besuche den Grabenteufel mehr gehört als gesehen hatte.
Etwa dreißig Fuß unter mir sprang eine grasige Platte
in die Schlucht hinein, von wo aus ich ein gutes Teil der tiefen
Felsrinne hinauf und hinunter übersehen konnte. In aller
Vorsicht und Stille stieg ich nieder und machte mir's bequem.
Ich hatte noch ein paar Stunden vor mir, denn wenn ich um sechs
Uhr mich zum Heimweg richtete, konnte ich immer noch vor Einbruch
der Nacht nach Hause kommen.
So paßte ich und paßte. Aber nichts regte und rührte
sich.
Die Sonne war schon hinuntergezogen über den Rücken
eines Berges, lang und dunkel schlichen die Schatten über
die Höhen herauf, und leise begann es in den Büschen
und Bäumen zu rauschen von dem immer stärker ziehenden
Abendwind. Ich war müde und hungrig, und mich begann zu
schläfern. Um mich munter zu erhalten, nahm ich meine Patronen
aus der Tasche, sah die Kugeln nach; und um mich zu vergewissern,
daß sich die Ladung nicht gelockert, rüttelte ich die
Patronen vor meinem Ohr, eine nach der anderen, alle sieben, die
ich bei mir trug.
Dann wieder studierte ich die Konturen der Wandrisse und Abstürze
und bohrte den Blick in jeden Schattenwinkel und in alle Felslöcher
und Wandnischen. Dabei summten mir die Bergschnaken mit ihrem
eintönigen Lied um die Ohren und zerstachen mir Hände
und Knie.
Mein Jagdeifer begann nachzulassen, und recht unweidmännische
Träume gaukelten vor meinen Augen auf und nieder, Träume
von Teufeln, Zwergen und Berggeistern. Manchmal klang es , aus
diesen Bildern wie ein geltendes Hui-hö! - und meine Phantasie
sah unter Dampf und Nebel den leibhaftigen Gottseibeiuns mit einem
Paar der herrlichsten Gamskrickeln auf dem pechrabenschwarzen
Krauskopf emporsteigen aus der Tiefe der Schlucht.
Besonders jenes dunkle Felsloch mir schräg gegenüber
hielt ich in meinen lustigen Teufelsphantasien für nicht
ganz geheuer. Da drin war es schwarz wie die Nacht. Ein eigentümliches
Verlangen regte sich in mir, hinüberzusteigen und dort hineinzugucken.
Von meinem Platze hinunter in die Schlucht, das ging. Ob ich
aber drüben wieder hinaufkam, das war zweifelhaft. Ich nahm
mein Glas zur Hand und musterte das Terrain des genaueren. Nein,
es war wirklich unmöglich, von unten aus da emporzusteigen.
Aber vom jenseitigen Rande der Schlucht führte ein leicht
erkenntlicher Gemswechsel bis zur Felsplatte, von der aus die
Höhlung sich in den Berg senkte.
Heiliger Gott! Wahrhaftig! Im Dunkel der Höhle unterschied
ich deutlich durch mein Glas die Umrisse eines ruhenden Tieres.
Aber unmöglich vermochte ich zu erkennen, was es war. Lautlos
stand ich auf, legte das Gewehr in Anschlag, ein kurzer scharfer
Pfiff gellte von meinen Lippen, das Tier sprang auf, und mit der
Brust gegen mich, in der Luftlinie höchstens auf sechzig
Gänge, stand ein Gemsbock da, wie ich keinen zweiten mehr
gesehen habe. Der Grabenteufel!
Im gleichen Augenblick krachte es auch. Und noch einmal. Der
Pulverdampf verzieht sich. Und auf dem gleichen Platze steht
der Bock mit gespreizten Läufen, die großen funkelnden
'Lichter' regungslos nach mir gewandt.
Gefehlt? Nein, das war nicht möglich! Mit diesem Gewehr
und auf diese Distanz! Entladen und laden, das war ein Augenblick.
Ich schoß. Und wieder. Das Tier stand unbeweglich. Mein
Herz schlug wie ein Hammer, und siedheiß stürmte mir
das Blut in die Schläfe. Wieder lud ich. Und schoß
-, und schoß -, der Grabenteufel rührte sich nicht.
Da lief ein Schauer über meinen Leib. Ich fühlte,
wie mir das Blut aus Kopf und Gliedern floh und sich zusammendrängte
im Herzen. Und während ich mit zitternder Hast nach der
letzten Patrone suchte, glitt es von meinen Lippen: "Alle
guten Geister loben Gott den Herrn!" Ich lud. Mit dem letzten
Aufgebot meiner Willenskraft riß ich das Gewehr an die Wange.
Und schoß. Das Tier stand wie aus Stein geformt. "Der
Teufel! Der leibhaftige Teufel!" Und mir graute.
Da stieß ich einen heiseren Schrei aus der Kehle - denn
das Tier neigte sich vornüber, fiel nieder, fiel mit dem
halben Leib hinaus über die Felsplatte, und zwei-, dreimal
an Steinvorsprüngen aufschlagend, stürzte es hinunter
in die Tiefe der Schlucht. Aufatmend schüttelte ich den
Kopf, trocknete meine Stirn, auf welcher der Schweiß in
kalten Tropfen stand, versuchte zu lächeln - und schämte
mich.
Der Abstieg zu dem verendeten Gemsbock war ein schweres Stück
Arbeit. Als ich ihn aufbrach, sah ich, daß alle sieben
Schuß getroffen hatten. Schon der erste, sicher aber der
zweite, mußte tödlich gewesen sein.
Alte Jäger erzählen, es käme zuweilen vor, daß
ein Stück Wild nach einem Kernschuß in Starrkrampf
verfiele. War das hier der Fall gewesen? Ich weiß nicht
- vielleicht!
Als ich mit dem Bock auf dem Rückcn zu Hause anlangte, wollte
der Förster kaum seinen Augen trauen. Immer und immer wieder
mußte ich die dunkle Geschichte berichten, die er kopfschüttelnd
mit anhörte. Und am folgenden Tage erzählte ich sie
auch dem Jagdgehilfen, der mich zum erstenmal nach dem Teufelsgraben
geführt hatte.
"So, so! Erst mit dem siebenten Schuß?" Der Jäger
zog die Brauen in die Höhe."Ja, ja! Da glaub ich's
schon. Der Siebener is für so was a heikle Zahl!"
Der Bock wog aufgebrochen vierundsiebzig Pfund, und seine Prachtkrickeln
zeigten deutlich dreizehn Jahresringe.
"Ja, ja! Der Dreizehner halt!"
Die Hauserin
Die Hauserin
Eine scheltende Männerstimme klang aus dem Hausflur. Unter
dem Werkstatt-Tor, das durch zwei Fenster von der Haustür
getrennt war, erschienen die beiden Wagnergesellen, im Schurzfell,
der eine mit dem Hammer, der andere mit dem zweihändigen
Schnitzer unter dem Arm; und während der jüngere aufmerksam
der scheltenden Stimme lauschte, brummte der ältere: "Es
scheint, die Alte hat wieder ebbes angstellt! "
Die Stimme im Hausflur klang immer zorniger und wurde verständlich:
"
So was! Dös wär doch aus der Weis! Wann d' meinst,
mein Haus wär a Herberg für so a Bagasch, da hast mit'm
Falschen grechnet! Und daß wir der Gschicht gleich an End
machen - marsch da!"
Man vernahm einen kreischenden Schrei. über die Türschwelle
stolperte ein altes Weib, fuchtelte mit den Armen und plumpste
der Länge nach in den voreiligen Oktoberschnee, daß
Rock und Unterrock emporflogen bis über die blaubestrumpften
Kniekehlen.
Während die Haustür zugeschlagen wurde, verschwanden
die Gesellen lachend in der Werkstätte, und zwei Buben, die
auf der Straße schlitterten, rannten so erschrocken davon,
daß die Schlipsenden flatterten und ihr Bockschlitten hohe
Sprünge machte. In sicherer Entfernung hielten sie an, guckten
nach der kostenfrei über die Schwelle beförderten Alten,
machten lange Nasen und spotteten: "Ätsch! Ätsch!
Aussigschmissen! Aussigschrnissen!"
Unter Verwünschungen erhob sich die Alte, schüttelte
den Schnee vom Rock und streifte mit scheuem Blick die Fenster
und Türen der Nachbarhäuser; außer den Buben und
den beiden Gesellen, deren lachende Gesichter aus dem Werkstattfenster
grinsten, schien niemand ihre Luftreise beobachtet zu haben.
Sie humpelte auf die Haustür zu, merkte, daß drinnen
der Riegel vorgeschoben war, und verzog das breite, zahnlose Maul.
Ein paar Augenblicke stand sie unentschlossen auf der Schwelle;
dann trat sie auf ein Fenster zu und schielte in die Stube.
Drinnen sah sie den jungen, seit einem Jahr verwitweten Wagnermeister
Jörg Hohrmiller, ihren Vetter und Spediteur, sehr mißmutig
auf und nieder schreiten. In Sorge streifte sein Blick die neben
dem Ofen postierte Wiege, in der sein pausbäckiges Büberl
lag. Den Schnuller im Munde, guckte das Kind mit großen
Augen hinauf zur weißgetünchten Stubendecke.
Der Wagner oder, wie man im Dorfe sagt, der Wanger blieb vor dem
Tische stehen und durchstöberte die Röcke, Mieder, Strümpfe
und Halstücher, die da lagen. Das alles hatte der Wangerin
gehört, die nach kurzer und nicht sehr glücklicher Ehe
eines raschen Todes verstorben war, Und die Alte, die der Wanger
nach dem Tod seines Weibes als Hauserin und Kindsfrau zu sich
genommen, hatte diese Erbstücke in unbelauschten Stunden
so sicher in ihrer Truhe versteckt, daß es ihr wie ein schreiendes
Unrecht erschien, als der Wanger sie vor einer halben Stunde bei
einer Vermehrung ihrer schön angewachsenen Sammlung ertappte
und ihre Truhe umstülpte - ein Vorgang, der in der kostenfreien
Beförderung über die Hausschwelle einen dramatischen
Abschluß fand.
Die Alte vor dem Fenster begann zu frieren. Sie stand mit den
Strümpfen im kalten Schnee, weil sie bei dem Widerstand,
den sie der kräftigen Faust des Wangers entgegengesetzt,
im Hausflur ihre beiden Pantoffeln verloren hatte.
Schüchtern klopfte sie mit dem Knöchel an die Scheibe,
und als sie merkte, daß der Fensterflügel nachgab,
drückte sie ihn vollends auf, faßte die eisernen Stäbe
und schob den grauen Kopf durch das Gitter. "Wanger, seids
doch gscheid!" klagte sie weinerlich. Machts die Tür
wieder auf! Der Schnee is so viel kalt. Mir gfriert schon die
ganze Ruckseiten."
Jörg schenkte ihren Worten nicht das geringste Gehör.
Immer eindringlicher mahnte die Alte, pochte auf ihre Verwandtschaft,
auf ihre Sorge für das Kind und machte geltend, daß
es für den Wanger eine gesalzene Doktor- und Apothekerrechnung
absetzen könnte, wenn sie sich im Schnee einen Rheumatisi
holen würde. Keine Bitte, keine Drohung wollte fruchten.
Da wurde die Alte, die bald den einen, bald den anderen Fuß
unter die Röcke hinaufzog, sehr verdrießlich und kreischte:
"
So? Wann's schon so sein soll, daß wir ausanand kommen,
so laßts mich wenigstens den Kufer holen und zahlts mir
den schuldigen Lohn aus!"
"Ah ja!" sagte der Wanger. "Dös kann gschehen!"
Gleich darauf klirrte der Riegel, und die Haustür öffnete
sich.
Die Alte trat in den Flur. Während sie ihre Pantoffeln suchte,
ließ sie, um das harte Herz ihres Vetters zu rühren,
die Zähne klappern und schüttelte sich ein paarmal wie
eine Ente, die aus dem kalten Wasser stieg. Dann fing sie sanft
und schüchtern zu reden an: "Schauts, Vetter, dös
is doch net recht -"
"Sei stad, Zenz! Mach, daß d' auffikommst, und räum
deine Zwetschgen zamm!"
Seufzend kletterte Zenz über die steile Treppe hinauf, und
der Wanger folgte. Als die beiden im Stübchen der Alten anlangten,
blieb Jörg unter der Türe stehen, während Zenz
die auf dem Boden liegende Wäsche zusammenlas und aus dem
Kasten ihre Gewandstücke herbeitrug, um Stück für
Stück in die blau und weiß bemalte Truhe zu packen.
"
Gewiß, Vetter, ös tuts an Unrecht an mir! Was
wär jetzt da dranglegen, an dem bißl Gwand von der
Wangerin selig? Ös könnts es ja doch net anziehn! Und
eh dös Zuig im Kasten vergrabelt, müßts doch a
bißl bedenken, daß ich an arme, verlassene Wittib
bin?"
"Dein Madl is im Dienst, dein Bub hat sein schöns Auskommen
als Schreinergsell, und du selbst hast 's Geld von deim verkauften
Häusl am Zins liegen. Da wird's net so weit her sein mit
der verlassenen Arrnut."
"Aber Vetter?"
"Nix Vetter! Einpacken! Hättst a Wörtl gsagt, ich
wär auf dös bißl Zuig net angstanden. Aber daß
man eim 's Sach aus'm Kasten forttragt, dös geht doch net
an. Freilich, du bist allweil so gwesen."
"Ah na!"
"Ah ja! Und was amal a Dacherl (*Dohle*) is, dös wird
kein Stieglitz nimmer. Ich kann kein' Menschen im Haus haben,
vor dem man Kisten und Kasten versperren muß." Der
Wanger warf mit dem Fuß den Deckel der gepackten Truhe zu
und rief über die Treppe hinunter: "Veit! Wastl! Tragts
den Kufer in d' Werkstatt abi!"
Die zwei Gesellen kamen, und Wastl, der jüngere, sagte lachend:
"
Heut kauf ich mir an Extramaß, weil dö alte Bißgurn
endlich aus'm Haus kommt!"
In der Stube drunten holte Jörg aus dem Wandschrank einen
Lederbeutel hervor und zählte der Alten den Lohn in Markstücken
auf den Tisch.
"Vetter! Überlegts es enk! Denkts an dös arme Würmerl,
dös kein' Menschen hat, wann ich mich net drum annimm. Bin
ich amal draußen bei der Tür, so komm ich nimmer zruck!"
Warnend hob sie den Zeigefinger. "Gwiß net!"
,Gott sei Lob und Dank. Dös Versprechen mußt halten.
Da schnaufen wir auf im Haus."
"So! Is schon gut!" Ohne Gruß und Abschied klapperte
die Alte in ihren Pantoffeln der Türe zu, die sie zornig
hinter sich ins Schloß warf.
Der Krach schien das Kind erschreckt zu haben. Leise begann es
zu weinen. Jörg sprang zur Wiege, suchte unter zärtlichen
Worten den Schnuller, tauchte ihn in ein Schälchen mit Zuckerwasser,
das neben der Wiege auf der Ofenbank stand, und schob ihn wieder
in das Mäulchen, das begierig schnappte.
Obwohl das Kind beruhigt war, blieb Jörg bei der Wiege sitzen
und schaukelte.
Das braune, von einem kurzen, gekräuselten Backenbart umrahmte
Gesicht des Meisters war noch jugendlich. Jörg hatte noch
nicht das dreißigste Lebensjahr überschritten; aber
ein männlicher Ernst lag in den stillen Augen. Schwere, unermüdliche
Arbeit hatte den jungen Wanger frühzeitig gereift.
Wenige Wochen nach Jörgs achtzehntem Geburtstag war sein
Vater einer Krankheit erlegen und hatte dem einzigen Sohn ein
stattliches Haus und das einträgliche Geschäft hinterlassen.
Als der Schmerz überwunden war, hatte Jörg sich mit
einer Rastlosigkeit, die man von dem jungen Burschen nicht erwartet
hätte, in sein Geschäft hineingearbeitet. Das war vonnöten
gewesen. Kurz nach dem Tod des alten Wangers hatte ein früherer
Gesell im Dorf eine zweite Wagnerei aufgetan, der viele Kunden
zuliefen. Alle kehrten wieder zu Jörg zurück, der besser
und billiger arbeitete. Der andere mußte seine Werkstatt
wieder zusperren. Vom Morgen bis in die Nacht hatte Jörg
mit seinen zwei Gesellen zu tun. So verging ihm Jahr um Jahr.
Am Abend nach der Arbeit saß er mit der Mutter beisammen,
rechnend oder schwatzend, und am Sonntag machte ihm ein Spaziergang
im Wald und über die Acker größeres Vergnügen
als der Spektakel in der dunstigen 'Virtsstube. Auch zu keiner
richtigen Liebschaft hatte er's bringen können, obwohl im
Dorf manches Mädel herumging, das den schmucken, fleißigen
Burschen gerne genommen hätte.
Jörg war fünfundzwanzig Jahre alt geworden, als seine
Mutter zu kränkeln begann. Es wurde immer schlimmer mit ihr.
So wenig diese Erkenntnis sie betrübte, so sehr war sie von
Sorge um den Sohn erfüllt, den sie gerne geborgen bei einer
braven Frau gesehen hätte. Als sie das erstemal davon sprach,
hatte Jörg ihr mit fröhlichem Trost die Sorge auszureden
gesucht. Immer wieder, erst von Woche zu Woche, dann Tag für
Tag begann sie zu drängen. Schließlich sagte er ja.
Und nur der Mutter zuliebe geschah es, wenn Jörg eine Wahl
traf, die übereilter war als überlegt. Da diente im
Dorf bei einem Bauern ein junges Mädel, Franzi mit Namen,
ein Geschwisterkind der alten Zenz, deren Mann das früh verwaiste
Geschöpf aus seiner Heimat ins Dorf gebracht hatte. Man wußte,
daß Franzi fleißig ihre Arbeit tat. Auch hübsch
war sie, gut gewachsen. Aber aus dem wohlgeformten Gesichte blickten
zwei Augen heraus, die Glanz hatten und doch ohne Sprache waren.
Rascher, als Jörg erwartete, stimmte Franzi seiner Werbung
zu. Nach einem Brautstand von drei Wochen war die Hochzeit in
Freude gefeiert worden, wobei den jungen Meister nur der Umstand
betrübte, daß die kranke Mutter nicht an der Ehrentafel
sitzen konnte.
Franzi, wie sie ging und stand, zog in das stattliche Haus. Ein
paar Wochen verflossen, wenn nicht in Glück, doch in Ruhe.
Den ersten Streit setzte es, als Franzi die alte Wangerin, die
ihr einen auf die Wirtschaft bezüglichen Rat mit freundlichen
Worten erteilt hatte, scheltend abfertigte. Jörg verwies
ihr das, und Franzi spielte die Gekränkte. Als Jörg
nach ein paar Tagen die Verstimmung gutmütig auszugleichen
suchte, traktierte sie ihn mit Ungezogenheiten. Das Befehlen und
Schelten wurde ihre Angewohnheit, der Putz ihre einzige Sorge.
Ihr Hochmut brachte sie mit allen Nachbarsfrauen in Zwist, bis
schließlich die alte Zenz, die immer im Wagnerhause hockte
und die junge Frau mit Schmeicheleien überschüttete,
Franzis einzige Freundin blieb. Ihrem Manne ging dieses Leben
hart ans Herz. Am bittersten litt darunter seine Mutter, die,
was sie für das Glück ihres Sohnes gehalten, in ein
unkurables Elend ausarten sah. Und als sie bei ihrer Altersschwäche
den Kränkungen erlag, die sie von der jungen Meisterin täglich
erdulden mußte, erkaltete in Jörg der letzte Rest von
Zuneigung zu seinem Weib. Von nun an ließ er Franzi tun
und treiben, was sie wollte, sah nur darauf, daß ihr Geldverbrauch
seinen Verdienst nicht überschritt; und selten lächelnd,
lebte er ganz in seiner Arbeit.
Erst als sein Weib nach Ablauf des zweiten Jahres einen Buben
gebar, wachte auch Jörg wieder aus seiner Schwermut auf und
wandte zärtlich sein Herz dem Kinde zu. Und als die Franzi,
die nach der Geburt in launenhaftem Eigensinn jede Schonung ihres
Körpers außer acht ließ, in eine schwere Krankheit
verfiel, von der sie nicht mehr aufstand, betrauerte er sie ehrlicher,
als sie es um ihn verdient hatte.
Diesen vergangenen Dingen sann der junge Wanger nach, während
er die Wiege des Kindes schaukelte, das eingeschlafen war. Seufzend
erhob er sich und räumte die Gewandstücke vom Tische
fort. Der Kuckuck in der Wanduhr rief die dritte Nachmittagsstunde.
Das war die Brotzeit. Nun mußte Jörg dafür sorgen,
daß die Gesellen ihr Bier und später ihr warmes Abendessen
bekamen.
Er vertauschte den Hausrock gegen eine Joppe, stülpte das
Filzhütl aufs Haar, entnahm der Mischlade einen Laib Brot
und verließ nach einem Sorgenblick auf das schlummernde
Kind die Stube. In der Werkstätte, in der noch die Truhe
der verabschiedeten Alten stand, übergab er das Brot dem
ä
lteren Gesellen.
"Grad spring ich ins Wirtshäusl, daß man enk's
Bier ummischickt. Und bis siebne laß ich enk drüben's
Essen richten. Schau mir halt derweil fleißig nach'm Kind!
Wann's aufwacht und grantig wird, bleibst a bißl sitzen
dabei. Gelt ja?"
Als Jörg die Wirtsstube betrat, fand er, dem Werktag angemessen,
nur wenige Gäste. Im Herrgottswinkel sah er den Wirt bei
einigen Dorffaulenzern sitzen, die sich die Zeit mit Zwicken vertrieben,
einem Kartenspiel, das, wie der Volksmund sagt, gleich nach dem
Stehlen kommt.
Das war keine Gesellschaft, wie Jörg sie liebte. Er schritt
einem Tische zu, an dem ein vereinsamter Gast saß, ein alter
Mann, der sich durch blaue Mütze und Ledertasche als Briefbote
des Dorfes kennzeichnete und dem jungen Meister mit freundlichem
Gruß den Krug zum Willkommstrunke geboten hatte.
"Vergelt's Gott!" dankte Jörg, als er nach kräftigem
Zuge den Krug auf den Tisch stellte. "Sag, Ürle (*Ulrich*),
wie geht's denn allweil bei dir?"
"Allweil auf zwei Füß, acht Stund lang im Tag.
Mir schlafen d' Waden net ein."
Die Kellnerin brachte dem jungen Meister das Bier. Er ersuchte
sie, seinen Gesellen zwei Maß hinüberzuschicken, und
gab ihr den Auftrag wegen des Abendessens.
"Seit wann schickst denn du deine Gesellen zum Essen ins
Wirtshaus?" fragte der alte Ürle.
"Seit heut. D' Hauserin is mir ausgstanden."
"Was? Dein Basl? Warum denn?"
Jörg zuckte die Achseln. "Sie is an alts Leut. Da wird
ihr halt d' Arbeit z'viel worden sein! Und jetzt sitz ich da mit'm
Kind und wär froh, wann ich wieder a verlässige Hauserin
hätt."
"Kreuzsaxen!" Der Alte schlug mit der Faust auf den
Tisch. "Allweil bin ich beim Glück um an Zipfel z' kurz
kommen. jetzt paßt mir amal ebbes auf der Welt! Mein Madl,
d' Vroni - die kennst ja, sie is um drei, vier Jahrln jünger
als du -"
Jörg nickte. "Sie is ja mit mir in d' Feiertagsschul
gangen."
"No also! Und die Zeit her war 's Madl beim Einödbauer
am Dings droben im Dienst, zwei Jahr lang. A paar Wochen nach
deiner Hochzet hat sie sich eindingt. Und gestern auf d' Nacht,
was sagst, kommt 's Madl daher, is droben auf und davon gangen,
weil ihr der Bauernsohn kei' Ruh mehr lassen hat. So a bravs Madl!
Arbeiten tut s' wie a Roß. Und zu die Kinder hat s' a damische
Freud. Magst es net haben als Hauserin?" Ürle streckte
die Hand über den Tisch hinüber. "Schlag ein! Mir
nimmst a Sorg von der Seel. Daß 's Madl bei dir gut ghalten
is, dös weiß ich. Und du hast a brauchbare Hilf im
Haus."
Einen Augenblick besann sich Jörg, dann schlug er in die
Hand des Alten ein. "Meinetwegen! Sie kriegt, was ihr der
Einödbauer zahlt hat. Und daß dö Sach a Sicherheit
hat -" Er zog den Lederbeutel und schob dem Alten ein Talerstück
zu. "Da nimm! Kannst ihr als Vater 's Drangeld geben."
"Jessas, dö Freud, dö mei' Alte haben wird!"
lachte Ürle. "Die ganz Nacht hat s' gflennt vor lauter
Kümmernis. ja, Mensch, da muß ich machen, daß
ich heim komm!"
"Grüß mir d' Vroni derweil. Morgen in der Fruh
kann s' einstehn."
"Wohl! Pfüet dich, Jörg! Und Vergelt's Gott!"
"Braucht's net. Ich zahl, und 's Madl schafft."
Als Jörg nach Hause kam, fand er sein Kind noch schlafend.
Während seiner Abwesenheit war die Zenz dagewesen, um ihre
Truhe auf dem Schubkarren zur Schmiedin hinüberzuradeln.
Sie hätte da ein Stübl gemietet, ließ sie dem
Wanger sagen, und wäre jederzeit zu finden.
"Da kann ihr's Warten lang werden!" meinte Jörg.
"
Der wachst a Hühneraug auf der Geduld."
Als es Feierabend wurde, zündete er in der Stube die von
der Decke auf den Tisch herunterhängende Petroleumlampe an,
schob ein paar buchene Holzklötze in den Ofen und stellte
für den Fall, daß das Kind in der Nacht hungrig erwachen
könnte, ein mit Milch gefülltes Blechschüsselchen
in das Bratrohr. Dann setzte er sich an den Tisch und überließ
sich den sanften Aufregungen des Bezirkstageblattes für die
christliche Landbevölkerung.
Nach gründlicher Beendigung der Lektüre ging er in den
Flur hinaus, um nachzusehen, ob Schloß und Riegel in Ordnung
wären. Aufs Kochen für sich selber verzichtete er, tauchte
die Finger in das Weihwasserkesselchen und besprengte zuerst das
schlummernde Kind, dann das eigene Gesicht. Achtsam trug er die
Wiege in seine Schlafkammer.
Viel Ruhe fand er nicht. Ein dutzendmal erwachte er und lauschte
zur Wiege hinüber. Sooft er einduselte, hatte er einen flinken,
dummen Traum. Einmal träumte er, daß er um Wagendeichseln
in den Birkenwald gegangen wäre. Und da hörte er, über
eine halbe Stunde weit, sein Bübl schreien, rannte heim wie
verrückt und öffnete die Stubentür. Überrascht
blieb er stehen, die Klinke in der Hand. Auf der Ofenbank, neben
der Wege, saß die Vroni, genau so, wie er sie vor zwei Jahren
gekannt hatte, mit dem schmächtigen Figürl, mit den
großen Augen und den schmalen Wangen, deren Blässe
durch das tiefe Braun der Haare noch gehoben wurde. Mißmutig
nickte sie ihm zu, ganz wie die alte Zenz, und wollte augenscheinlich
etwas sehr Feindseliges sagen, wandte sich aber zur Wiege zurück,
weil das Bübl zu Weinen anfing.
Das letztere war nimmer Traum, schon Wirklichkeit. Jörg sprang
aus dem Bett, fuhr in die Hose und machte Licht. Tröstend
hob er den Kleinen aus der Wiege und suchte ihn durch Schaukeln
auf den Armen zu beruhigen. Als dieses Mittel nicht fruchten wollte,
nahm er den Leuchter und ging in die Stube hinaus, die besser
durchwärmt war als die Schlafkammer. Eben verkündete
der Kuckuck die sechste Morgenstunde. Der etwas hilflose Vater
holte das Milchschüsselchen aus dem Bratrohr, versuchte den
kleinen Schreihals durch ein ausgiebiges Frühstück zu
besänftigen und war herzlich froh, als er die schwierige
Arbeit vom besten Erfolge belohnt sah. Dabei überhörte
er, daß jemand ans Fenster pochte. Erst als er die Wiege
aus der Schlafkammer herausgezogen und seinen friedlich gewordenen
Sprößling zu neuem Schlafe gebettet hatte, hörte
er das Klopfen. Er trat ans Fenster und öffnete. "Wis
is denn?"
"Ich bin's, der Ürle!"
"Was willst denn schon in aller Fruh?"
"Bei der Hausmutterei hab ich dir a bißl zugschaut.
A sorgsamers Kindsmadl, als d' selber bist, kannst net kriegen!"
Jörg lachte. "Wann d' Wiegen pumpert, lernt einer viel.
Aber was willst denn?"
"Sagen hab ich dir wollen, daß d' Vroni kommt, wie's
Tag wird. Und was ich fragen will - hast du 's Madl amal betrübt?
"
"Ich? Na! Warum denn?" fragte Jörg erstaunt.
"Sie hat mir's schier verübelt, daß ich 's Drangeld
gnommen hab. Und es is mir fürkommen, als ob s' dir wegen
ebbes bös wär."
"Ich kunnt mir net denken, warum. Wir waren allweil gut Freund
mitanand. Aber halt, ja - in der Feiertagsschul, da hab ich ihr
amal im Spaß a Bussel geben. Da hat s' a bißl trutzt
mit mir."
"No, dös wär noch lang net's Gfahrlichste!"
lachte Orle. "Und ich hab mir schon fürgstellt, Gott
weiß was! Daß aber d' Weibsbilder allweil übertreiben
müssen mit söllene Sachen. A bißl Spaß muß
der Mensch verstehn. Sonst lauft der allweil umanand wie 's wehleidige
Katzl." Der Alte wanderte durch die weiße Morgenfrühe
davon.
Jörg schloß das Fenster, heizte den Ofen, trat in den
Flur hinaus und rief über die Treppe: "Veit! Wastl!
Siebne hat's gschlagen! Heut müssen wir uns selber d' Suppen
kochen!" Er machte Feuer auf dem offenen Küchenherd,
setzte in einer Pfanne das Wasser für die Suppe zu und kam
dabei zu der Einsicht, wieviel schwierige Arbeit eine Hauserin
zu leisten hatte. Er schätzte deshalb die alte Zenz nicht
höher ein, beschloß aber in gerechter Erwägung,
die neue Hauserin gut und freundlich zu behandeln.
Wastl bot sich als Koch an, und während er auf einem kleinen
Brett eine dicke Zwiebel in dünne Scheiben schnitt, standen
Jörg und Veit daneben und guckten zu. Auf den Gesichtern
der drei Männer lag der rote Schein der Herdflamme, und durch
das kleine Fenster stahl sich schon das Zwielicht des werdenden
Tages.
Als Wastls Kochkunst ihr Meisterstück zur Vollendung brachte,
gingen die zwei andern in die Stube, wo Veit den Tisch zu decken
begann und die Weisheit aussprach: "Es ist schon wahr, ohne
Weiberleut schaut 's Leben a bißl zahnlucket aus."
Jörg verschwand in seiner Schlafkammer, um sich vollends
anzukleiden. Als er wieder in die Stube trat, trug Wastl die Schüssel
mit der dampfenden Suppe auf, und Veit holte den Knecht, der in
der Scheune für die drei Milchkühe und die zwei Rosse
das Frühfutter schnitt. Als die beiden kamen, sprachen alle
vier zusammen den Morgensegen und rutschten in die Bänke.
Wastl teilte die Suppe aus und begann unter Zeichen höchster
Befriedigung zu essen. Die andern, als sie den ersten Löffel
gekostet hatten, schoben schleunigst den Teller fort. Die Suppe
war bis zur Ungenießbarkeit verpfeffert. Wastl wollte das
nicht glauben und aß immer zu, bis auch ihm ein Hustenreiz
das Wasser aus den Augen trieb, daß er ärgerlich den
Löffel in die Schüssel werfen mußte.
Während er von seinen Tischgenossen ausgelacht wurde, öffnete
sich die Tür, und in die Stube trat ein hochgewachsenes Mädel
mit einem von Gesundheit blühenden Gesicht. "Grüß
Gott, Wanger. Da bin ich!"
Jörg erhob sich und betrachtete mit zweifelndem Verwundern
das Mädel, das in dem braunen Rock, in dem knappen Mieder
mit dem Seidentuch und in dem grünen, mit einem kleinen Buchszweig
gezierten Hütl eine so wohlgefällige wie stattliche
Erscheinung bildete.
"Kennst mich am End gar nimmer?" fragte das Mädel
in einem Ton, dem man eine leichte Verstimmung anmerkte.
"Wann ich net wüßt, du mußt d' Vroni sein,
möcht ich fast denken, du bist es net."
Sie zuckte die Achseln. "D' Leut wachsen sich aus mit die
Jahr."
Jörg, ein bißchen befangen, trat auf Vroni zu, um ihr
die Hand zu reichen. "Sag ich dir halt Grüßgott
im Haus. Unser Herrgott soll dein' Einstand segnen. Mich kennst.
Dö zwei sind meine Gesellen, der Veit und der Wastl. Und
dös is der Knecht. Da hast alle beinand, mit denen du hausen
mußt."
"Alle? Da hast dich verrechnet, Wanger!" Vroni ging
zur Wiege und strich mit sanfter Hand über das Köpfl
des schlafenden Kindes.
Ein Strahl der Freude leuchtete in Jörgs Augen. Madl, jetzt
hast es gwonnen bei mir. Daß wir gut auskommen mitanand,
an mir soll's net fehlen."
Vroni hob das Gesicht. "Mußt mich halt einweisen ins
Haus und in d' Arbeit." Lächelnd sah sie die Suppenschüssel
an. "Mir scheint, es pressiert a bißl."
"Magst net a Schlückl kosten?" fragte Veit und
hielt dem Mädel den gefüllten Löffel hin.
"Na, ich dank schön, ich hab schon vom Anschaun gnug."
"Mußt mich halt bei der Kocherei in d' Schul nehmen",
lachte Wastl; "du schaust so aus, als ob einer ebbes lernen
kunnt bei dir."
Der junge Meister mahnte etwas ärgerlich. "Es is Zeit
in d' Werkstatt!" Er wandte sich an Vroni. "Komm! Ich
zeig dir dein Stüberl." Er öffnete die Tür
und ließ das Mädel in den Flur treten. "Was is
denn mit deim Sach?"
"Draußen im Hof steht schon der Kufer. Ich hab ihn
selber herzogen auf'm Schlitten."
Jörg führte die Hauserin über die Treppe hinauf
und zeigte ihr die Kammer der alten Zenz. Es war ihm leid, daß
der kleine Raum so unfreundlich aussah. "Mußt dir halt
alls a bißl zammrichten. Wann ebbes haben willst dazu, brauchst
es nur zu sagen."
Er öffnete die Türen zu den Gesindekammern, die Vroni
in Ordnung zu halten hatte. Über den dichtgefüllten
Heuboden führte er sie zu der Leiter, die in die Scheune
hinunterging, zeigte ihr das Holzrohr, durch das man Heu und Häcksel
in den Stall befördern konnte, und den kleinen Bretterverschlag,
in dem die Sensen, Rechen, Sicheln, Heugabeln und Grabscheite
verwahrt wurden. Dabei redeten die beiden immer von der Arbeit,
ernst und ruhig.
Nun stiegen sie wieder über den Flur hinunter, besichtigten
die Küche und den Milchkeller, gingen durch die Wohnstube
in Jörgs Schlafkammer und traten ins Freie, um das ganze
Haus zu umwandern. Eine Zeitlang standen sie im Gemüsegarten,
der vor der Giebelwand gelegen war. Jörg zeigte der Hauserin
die mit Schnee bedeckten Beete und nannte die Gemüsesorten,
die er anzubauen pflegte. Dann betraten sie durch ein Türchen
des Staketenzaunes den Wiesengrund. Einige Tagwerke umfassend,
zog er sich eben gegen die sanft ansteigenden Vorberge hin und
war mit zahlreichen Obstbäumen durchsetzt, die ihre schneeumfrorenen
Aste still emporstreckten gegen den grauen Himmel.
"Da kann's Äpfel geben!" sagte Vroni.
"Gelt, ja! Wo guter Boden is, wachst allweil ebbes."
Und wieder betrachtete der Wanger die Gestalt des Mädels,
als wäre das eine ganz unbegreifliche Sache, wie in der kurzen
Zeit von zwei Jahren aus solch einem schmalwangigen, schmächtigen
Ding eine so kernfeste Person sich herauswachsen konnte.
Sie bemerkte diesen Blick, wurde ein bißchen rot und fragte:
"
Was schaust mich denn allweil so an?"
"Net gnug verwundern kann ich mich." Er dachte an seinen
Traum. "Erst heut in der Nacht -" Nun war es an Jörg,
verlegen zu werden, während er sich verbesserte: "will
sagen, gestern am Nachmittag, wie ich mit deim Vater gredt hab
von dir, ja, da hab ich mir allweil fürgstellt, wie d' amal
ausgschaut hast-" Er sprach nicht weiter.
Sie waren an der anderen Glebelseite des Hauses angelangt, und
der Wanger musterte aufmerksam die schlanken, in Spiralen geschälten
Birkenstämme, die zu Dutzenden an der Wand lehnten, um zu
Wagendeichseln und Leiterbäumen verarbeitet zu werden. "Ja,
Madl, arg hast dich vermodelt. Net bloß auswendig. Früher
amal bist allweil kameradschäftlich gwesen zu mir. jetzt
aber-"
"Was?" fragte sie und sah ihn ruhig an.
"Dös muß sich doch a bißl umdraht haben?"
entgegnete Jörg, während er mit dem Fuß den Schnee
vom Boden scharrte wie ein Dackl, der sich niederlegen möchte.
"
Sonst kunnt ich mir riet denken, warum dich so gwehrt hast
dagegen, wie dir dein Vater gsagt hat, du sollst zu mir als Hauserin
kommen?"
Dem Mädel stieg das Blut in die Stirne. "Wer sagt denn
dös?"
"Dein Vater selber hat mir's gsagt, heut in der Fruh."
"Mein Vater kunnt dein Basl sein, weil er gar so gern tratscht!"
platzte Vroni heraus.
,Wär's ebba riet wahr?"
"Lügen tut der Vater net."
"No also!"
"Dös brauchst mir net verübeln. So einfach is dös
net: über Nacht an Dienst kriegen, wo man net weiß,
wie man sich stellen muß, was für Arbeit verlangt wird
und ob man die richtigen Händ dafür hat. Gwissenhäftigkeit
is kein Unrecht net. Dös därfst mir net nachtragen."
"Ah, na, na, na, na, Madl!" Jörg reichte ihr lächelnd
die Hand. Von nachtragen is kei' Red net. Ich hab mir halt denkt,
es is besser bei so was, wenn man's beredt."
"Freilich, ja!" nickte Vroni aufatmend und folgte dem
Meister durch die Wagenremise in den Stall.
Hier schirrte eben der Knecht die beiden Rosse an, um in den Wald
zu fahren. Während Jörg mit Vroni am gemauerten Futterbarren
entlang ging, lobte sie die Sauberkeit und Ordnung im Stall, was
der Knecht unter vergnügtem Schmunzeln mit anhörte;
auch dem schönen Schlag seiner drei Milchkühe machte
sie ein wohlverdientes Kompliment und faßte eine Blässin
bei der Schnauze, um ihr sanft die Nüstern zu reiben. Als
die beiden andern Tiere das sahen, drängten sie brüllend
ihre dicken Köpfe gegen Vronis Hand.
"Da schau", sagte Jörg, "was dös für
a paar eifersüchtige Trutscheln sind."
"Da hab ich droben beim Einödbauer mein Kreuz ghabt!"
antwortete sie lachend. "Ihrer neune waren im Stall. Wann
ich futtern kommen bin, hab ich grad Arbeit ghabt, daß ich
jeder gschwind Grüßgott sag. Sonst hätten s' anand
umbracht. Is schon wahr."
"Ja, ja", meinte Jörg, "die Behandlung macht's
aus, beim Viech net anders als wie beim Menschen. Aber komm, jetzt
schaffen wir dein' Kufer ins Stübl auffi. Bis alles in Ordnung
hast, dauert's allweil a Stündl, und nacher mußt dich
ums Bier für die Gsellen sorgen."
Sie traten ins Freie und gingen zur Haustür, wo Vronis Koffer
stand. Da blieb der Meister horchend stehen.
"Sauber, ja, und gut gwachsen", klang die Stimme des
ä
lteren Gesellen durch das Fenster der Werkstatt, "da
hat er den richtigen Griff gmacht."
"Ja, ganz mein' Gusto hat er troffen!" lachte Wastl.
"Da wird dir der Schnabel trucken bleiben! Dös Madl
scheint mir so stolz wie sauber."
"Die Stolzen sind net allwell die Brävsten."
Wastl hatte noch nicht ausgesprochen, als Jörg das Tor aufstieß.
"
Du! Laß dir ebbes sagen! Noch an einzigs solches Wörtl,
und du warst am längsten in meim Haus!" Er wandte sich
von dem Verdutzten ab und verließ die Werkstätte.
Die Hauserin hatte ein bißchen von ihrer gesunden Farbe
verloren. "Vergelt's Gott, Wanger! Aber du mußt dich
net alterieren!" sagte sie ruhig. "D' Welt hat allweil
den gleichen Buckel. So reden s' überall. Man gwöhnt's.
Und geht's eim über d' Schnur, so kann man Schluß machen
und marschieren." Sie bückte sich, um den Henkel des
Koffers zu fassen.
"Laß gut sein, Madl! Den lupf ich schon allein."
Als der Koffer droben im Stübchen stand und Vroni aus ihrer
Tasche den Schlüssel hervorsuchte, sagte Jörg: "Drunt
in der Stuben leg ich dir's Biergeld auf'n Tisch. Wir müssen
heut a bißl früher Brotzeit halten. Vom Wastl seiner
Pfeffersuppen hat keiner an Löffel voll essen können.
Schaust halt nacher bald dazu!" Er nickte einen stummen Gruß.
Die Tage vergingen. Bald war es allen merklich, welch ein frischer
Lebensgeist mit Vroni in das Haus des Wangers eingezogen war.
In allem und überall zeigte sich ihre Hand. Und dieser Umschlag
zum Freundlichen, der das ganze Hauswesen umfaßte, spiegelte
sich im kleinen in der Umgestaltung, die Vronis Stübchen
erfahren hatte. Als Jörg acht Tage nach ihrer Ankunft den
kleinen Raum betrat, blieb er überrascht auf der Schwelle
stehen. Wie nett und schmuck und wohnlich sah es hier aus! Die
Fenster hatten weiße Vorhänge; die Wände waren
geziert mit Photographien in gepreßten Papierrähmchen,
mit Heiligenbildern und mit verholzten Schwämmen, auf denen
hübsche Holzfiguren standen: die Heiligen Drei Könige
und die schwarze Muttergottes von Altötting; aus der Ecke
ü
ber dem Bett neigte sich ein kleines Kruzifix mit Palmzweigen
und Schilfkolben; auf dem Kleiderschranke standen drei Scherben
mit künstlichen Rosen, und über der Kommode erhob sich
ein Hausaltar, auf dem ein wächsernes Jesuskind zwischen
Spitzen und bunten Bändern schlummerte, geschützt durch
einen blanken Glassturz.
Velt und Wastl, besonders der letztere, predigten im Dorf das
Lob der neuen Hauserin. Wenn Vroni bei der Arbeit einer Hilfeleistung
bedurfte, brauchte sie nur zu winken. Da sprangen die Gesellen
und der Knecht mit langen Beinen. jeder wollte es dem andern zuvortun,
und wieder war es Wastl, der sich bemühte, durch Aufmerksamkeiten
aller Art seine leichtfertigen Worte bei Vroni vergessen zu machen.
Bald kam es so weit, daß den dreien Vronis Wort im Hause
höher galt als die Stimme des Meisters. Und fast schien es,
als fände Jörg das selbstverständlich. Auch er
gewöhnte sich daran, bei allem, was er begann, den Rat der
Hauserin einzuholen. "Vroni, was meinst?" Oder: "Vroni,
wie glaubst?" So pflegte er seine Fragen einzuleiten. Sie
sagte: "Ich glaub halt -" Oder: "Ich mein' halt
-" Und gab dann ihre kurze, klare Antwort.
Am meisten gewann durch Vronis Eintritt in des Wangers Haus das
kleine Bürschl in der Wiege. Jörg hatte sich bei seiner
vielen Arbeit wenig mit dem Kinde beschäftigen können,
und die alte Zenz hatte es mit ihrer Sorge nie sehr genau genommen.
Schrie das Kind, so hatte sie ihm mit einem dicken Schnuller das
Mäulchen gestopft oder hatte es durch heftiges Wiegen eingeschläfert.
Das Kind lag die längste Zeit des Tages in seiner Schaukelkiste
und hatte sich dabei an überlanges Schlafen gewöhnt.
Nun war in kurzer Zeit aus ihm ein lustiges, munteres Kerlchen
geworden. Vroni widmete ihm jede freie Minute, verrichtete jede
kleinere Arbeit in der Nähe des Kindes und nahm es bei jedem
Ausgang mit ins Freie. Als der voreiligen Oktoberhälfte gegen
Ende des Monats eine Reihe linder Tage folgte, konnte Vroni die
Wiege des Kindes während der Nacht in ihrem Stübchen
haben. Keine Mutter hätte aufmerksamer und fürsorglicher
sein können.
Mit Freude sah Jörg diesen freundlichen Wandel an und ärgerte
sich dabei ein bißchen, weil es ihm vorkam, als würde
er selbst am spärlichsten bedacht. Vroni verhielt sich ihm
gegenüber wunderlich still und zurückhaltend, fast scheu.
In den ersten Tagen, als sie noch nicht Bescheid wußte im
ganzen Haus und sich mit häufigen Fragen an den Meister wenden
mußte, war's nicht so fühlbar gewesen. Später
trat es immer deutlicher hervor. Und manchmal wollte es dem jungen
Meister scheinen, als möchte Vroni geflissentlich ein Alleinsein
mit ihm vermeiden.
Wenn sie mit einem der Gesellen im Gespräche stand und Jörg
trat unerwartet hinzu, mußte er mit Erstaunen gewahren,
daß Vroni leicht erschrak, in der Rede stockte oder sich
rasch entfernte. Wie es der Zufall wollte, merkte Jörg das
mehrmals hintereinander, wenn die Hauserin mit dem Wastl sprach.
Es stieg der Verdacht in ihm auf, daß zwischen den beiden
sich was anzuspinnen begänne, und darüber erwachte in
ihm eine Art von Eifersucht, die er nicht begriff. ihm konnte
es doch völlig gleichgültig sein, mit wem und was seine
Hauserin schwatzte. Trotzdem fing er an, die zwei jungen Leute
schärfer zu beobachten. Daß Wastl bis über die
Ohren in das Mädel verliebt war, schien ihm begreiflich.
Aber er konnte bei aller Aufmerksamkeit keinen Beweis dafür
finden, daß Vroni gegen den Burschen freundlicher wäre
als gegen sonst jemanden - freilich noch immer freundlicher als
gegen ihn selbst.
Nun ging es seit Vronis Ankunft in die dritte Woche, auf deren
Donnerstag das Fest Allerheiligen fiel. Am Vorabend war Jörg
zum Friedhof gegangen, um die Erdhügel auf den Gräbern
seiner Eltern und seines Weibes zu lockern und mit schwarzem,
feingesiebtem Sand zu überstreuen. Bis spät in die Nacht
saß er mit Vroni und den Gesellen in der Werkstatt, um für
den Allerseelentag die Trauerkränze aus Immergrün zu
winden, da es nach dem frühgefallenen Schnee mit den Blumen
mager aussah.
Als er unter Beihilfe seiner Gesellen am Allerseelenmorgen diese
Kränze zum Friedhof trug, war er nicht wenig überrascht,
die Gräber schon geschmückt zu finden; auf jedem Hügel
lag ein dicker Kranz von Buchszweigen, in deren dunkles Grün
zierliche Papierrosen eingebunden waren, und ein kleines Kränzl
hing an jedem der drei schmiedeeisernen Grabkreuze. Der Meister
glaubte zu wissen, von wem diese Kränze wären - hatte
er doch am vergangenen Abend die Buchsbäumchen in Ürles
Garten bis zur Kahlheit geplündert gesehen.
Jörg wäre am liebsten gleich nach Hause gelaufen, um
der Vroni ein Vergelt's Gott zu sagen; doch bis zum Beginn der
Trauermesse wäre er nicht mehr zurückgekommen.
Eine Stunde später, als der Gottesdienst zu Ende war und
die Leute durch den Friedhof wanderten, wollte auch Jörg
noch für ein Gebet seine Gottseligen aufsuchen und fand da
die alte Zenz. Sie kniete vor dem Grab der Franzi, zwischen den
spinnigen Fingern den Rosenkranz, dessen braune Perlen sie unter
Gemurmel gleiten ließ.
Jörg nickte in Mißbehagen einen Gruß, nahm den
Hut herunter und sprach ein stilles Vaterunser. Als er aus dem
Friedhof auf die Straße trat, haschte ihn die Alte beim
Ä
rmel.
"Vetter! Schauts! Heut wär der richtige Tag, wo wir
uns aussöhnen kunnten? Oder net?"
"Wegen was denn aussöhnen? Ich bin dir net feind. Du
bist mein Basl, ich bin dein Vetter wie von eh. Und somit pfüet
dich Gott!"
Die Alte humpelte ihm nach. "Wir haben ja den gleichen Weg
mitanand."
"Von mir aus, geh halt mit."
Nun ging's los bei der Alten, klipper und klapper. Jörg hörte
das eine Weile stumm mit an, bis es ihm zu dick wurde. "Jetzt
hör amal auf mit deim gottssträflichen Gschnader. Du
bist ja zum Fürchten! Dem gnad unser Herrgott, der bei dir
zwischen die Beißzang kommt."
"Aber Vetter! So was! Ich red doch kein Wörtl, dös
ich net beeidigen kann. Ich bin überhaupts kei' Freundin
vom vielen Reden. Es is bloß, daß der Vetter weiß,
vor wem er sich hüten muß."
"Fahr ab, du scheinheilige Ratschen! Meinst, ich weiß
net, daß d' mich in deiner bösen Gosch umanand tragst
im ganzen Ort und bei alle Leut?"
"Ah! Ah! Mar' und Josef!" klagte die Alte. "Ich?
So an Ungerechtigkeit! Wo ich allweil rumlauf bei die Leut und
gut red und beschwichtig, weil 's Tratschen über'n Vetter
kein End nimmer nimmt!"
"Wer tratscht?" fuhr der Meister zornig auf. "Raus
mit der Sprach! Wer redt was über mich?"
"Jöises, Jöises, wie kann man dann sagen: Der hat
ebbes gredt oder der und der! Wo alles redt und a jeder."
"So? Und was denn? Kann einer von mir ebbes Schlechts behaupten?"
Die Alte zwinkerte mit dem linken Auge und zeigte ein schmalziges
Lächeln. "Ebbes Schlechts? Mei', wie man's halt nimmt.
A bißl was Guts kunnt schon dabei sein. Jaaa, d' Leut reden
halt so - wann ich's schon sagen muß: wegen der Vroni!"
Jetzt lachte der Jörg. Verdutzt blinzelte Zenz zu ihm auf
und fand den Warnungsklang einer Wahrsagerin: "Vetter, Vetter!
Net lachen! So ebbes zahlt sich aus. Dös hätt der Vetter
bedenken sollen, daß d' Leut sich a Verslein drauf machen
müssen, wann a junger Wittiber so a bildsaubers Madl ins
Haus nimmt. Wer is denn da? Wer paßt denn auf, ob alls in
der Ordnung bleibt? No ja, es gibt Leut, dö sagen: 's Madl
is brav und rechtschaffen, aber -"
"Alte!" Jörg wurde heiter. "Jetzt hast a wahrs
Wörtl derwischt. 's erstmal im Leben. Und ich dank dir schön.
Recht hast! Da muß ich bald dazuschaun, daß dös
Gred an End nimmt."
"Ja, Vetter, ja!" nickte die Alte glückselig. "Brauchst
net weit suchen um an andre -"
"So mein' ich's net! Ich denk mir, daß d' Leut mit'm
Tratsch von selber aufhören, wann s' erfahren, daß
d' Vroni mein Weib wird."
Zenz erblaßte und schob die Augäpfel heraus, als möchten
sie Schneckenhörner werden. " So, so?" Ihre Hände
begannen zu zittern. "Hat s' dich schon am Zuckerstangerl?
Und so eine därf schnaufen im Haus von meiner gottseligen
Franzi! So eine! Dö man droben im Einödhof mit Schand
und Spott davonjagen hat müssen, weil sie's mit alle Knecht
ghalten hat und den Bauernsohn hätt einfädeln mögen
-"
"Zenz! Die Red nimm z'ruck! Auf der Stell!"
"Ah na! Ah na!" keifte die Alte. "Da beiß
ich mir lieber 's Züngl ab. Jetzt freut's mich erst, daß
ich alle Nachbarsleut schon lang hab wissen lassen, was für
a sündhafte Natter umanandkriecht in dem Haus, wo nach Verwandtschaft
und Gottsrecht ich und meine Kinder am Tisch sitzen müßten.
Ganz recht so! Nur zu! Ich wünsch dir guten Appetit zu dem,
was andre überlassen haben. Pfui Teufel!" Sie spuckte
aus und wollte hurtig davonzappeln.
"Wie, halt a bißl!" sagte Jörg und umklammerte
ihren Arm, daß Zenz unter dem Schmerz dieses Druckes wimmernd
einen Fuß unter den Rock hinaufzog. "Gwußt hab
ich schon lang, was ich an dir für a Verwandtschaft hab.
Aber mit deine eigenen Wort hab ich's hören wollen. Drum
hab ich dir fürplantscht, was mir bis heutigentags noch nie
net eingfallen is, net amal im Traum! Du bist a Saubere! Jesus
Maria! Unser Herrgott muß an Widersacher haben, der ihm
beim Menschenmachen allweil ins Haferl greift. Aber Vergelt's
Gott sag ich dir noch allweil. Heut hast mich auf an guten Einfall
bracht. jetzt will ich mir d' Vroni erst richtig anschaun. Eine,
dö dir net gfallt, dö muß a Freud für alle
zehntausend Jungfern im Himmel sein! Wer weiß, ob aus'm
Spaß net bald a richtiger Ernst wird! Zu deiner Erbauung,
weißt!"
Schritt um Schritt hatte Jörg die Alte neben sich hergezogen;
nun ließ er ihren Arm fahren, und Zenz, die in sprachloser
Erstarrung immer am jungen Wanger hinaufgeguckt hatte, stolperte
ü
ber eine Wegschrunde und plumpste in die dicke Weißdornhecke,
die den Fußweg begleitete.
Als Jörg, ein bißchen erhitzt von dem flinken Heimweg,
sein Haus erreichte und in die Stube trat, deckte Vroni gerade
den Tisch. "Grüß Gott, Madl! Gelt, ja? Die schönen
Buchskränz auf meine Gräber sind von dir?"
Sie nickte. "Ich hab mir denkt, es is schon noch a Platzl
neben die deinigen."
Jörg faßte ihre Hand. "Ich dank dir schön.
Dös hat mich gfreut."
Vroni befreite die Hand, und während sie die Bestecke aus
der Tischlade nahm, fragte sie: "Waren viel Leut am Gottsacker?"
"Grad gwimmelt hat's!" Er vertauschte den langenKittel
gegen die Hausjoppe. Dann ging er zu seinem Buben, der in der
Wiege saß.
"Datti! Tau! Tau!" rief der Kleine, während er
dem Vater ein abenteuerlich geformtes Spielzeug entgegenhielt.
"Schauen soll ich? Was denn schauen?" lachte Jörg
und zog einen Stuhl zur Wiege. "Aaaah, aber dös is ebbes
Schöns!" Den Verwunderten spielend, bestaunte er das
kleine hölzerne Roß, dessen Mähne durch lange
Schweinsborsten versinnbildlicht wurde und dem an Stelle des Schweifes
eine Pfeife eingesetzt war. "Görgele, wo hast denn dös
her?"
"Oni, Oni!" jubelte das Kind.
"So? Von der Vroni hast es?"
"Ah na!" fiel das Mädel ein. "Mei' Mutter
hat's ihm bracht."
"So, so?" Da laß ich halt Vergelt's Gott sagen."
Forschend betrachtete er Vronis Gesicht, das sich klar vom hellen
Fenster abzeichnete. Und ein Lächeln zuckte um seine Mundwinkel,
während sein Blick die wohlgeformte, schmiegsame Gestalt
ü
berflog. "Du, was ich sagen will - weißt, wen
ich troffen hab nach der Kirchen?"
"Wie soll ich dös wissen?"
"Den Sohn vom Einödbauern."
Verwundert hob sie das Gesicht. "Wie kommt denn der heut
da runter? Der Einödhof ghört doch net in unser Pfarrei."
Der Meister wurde ein bißchen hilflos. "Ja, ja, dös
hab ich mir auch gleich denkt. Kann auch sein, daß ich mich
verschaut hab. Z'reden bin ich net kommen mit ihm. Was is denn
da Wahres dran? D' Leut verzählen, er hätt dich heiraten
mögen?"
Vroni zuckte die Achseln. "Gsagt hat er's."
"Und du hast riet mögen?"
"Na!"
"Warum denn net?"
"Weil zum Heiraten noch ebbes anders ghört als a Bursch
und a Bauernhof."
"Aber sag -"
"Jetzt muß ich nach der Suppen schauen." Vroni
verließ die Stube. Draußen in der Küche trat
sie ans Fenster und preßte die Stirn an die sonnige Scheibe.
Da hörte sie einen Schritt, wandte sich erschrocken und sah
den Wastl auf der Schwelle stehen. "Du?"
Es war ein Ton willkommener Enttäuschung.
Er trat in die Küche und drückte hinter sich die Tür
ins Schloß.
"Wastl? Was willst?"
"Reden mit dir!" Er stieß die leisen Worte zwischen
den Zähnen hervor. "Ich halt's nimmer aus und muß
an End machen, so oder so."
Schweigend wich sie vor ihm zurück.
"Madl!" Er ging ihr nach. "Ich bin bei lebendigem
Leib a gstorbener Mensch, wann mir net sagst, daß d' mir
a bißl gut bist. Viel müßt's net sein. Bloß
daß man denken kunnt, es wird mit der Zeit." Mühsam
atmend schwieg er und hing mit dürstendem Blick an Vronis
Gesicht, dessen Blässe sich verschleierte unter dem Glanz
des Herdfeuers.
"Wastl!" Vroni vermochte kaum zu reden. "Sei gscheid!
Ich bin dir gut als Kamerad. Mehr därfst net verlangen von
mir. Dös hat sein' Grund."
"Versteh schon, ja!" Das Gesicht des Burschen verzerrte
sich. "Und wie heißt er denn mit'm Für- und Zunam
- der Grund?"
"Dös geht kein' andem was an."
"Wahr is's! Es hat a jeder dös Seinige." Er preßte
die Faust an den Hinterkopf. "Muß ich dir halt wünschen,
daß d' mit'm Glückshaferl net auch wo hinrumpelst,
wo dir d' Haustür versperrt is. Wie mir. So ebbes is hart.
Und Leut soll's geben, die's net vertragen." Er wandte sich
und verschwand mit schwerem Schritt im Dunkel des Flurs.
Vroni legte den Arm über die Stirn und flüsterte vor
sich hin: "Schad, daß er schon lang z'spät kommt,
der gute Wunsch!"
Eine Viertelstunde später saßen die fünf Hauskameraden
um den Mittagstisch. Das Essen verlief stiller als gewöhnlich.
Vroni, die das Kind auf dem Schoße hatte, gab sich alle
Mühe, ein Gespräch in Gang zu bringen. Schließlich
verstummte auch sie. Sooft sie aufblickte, sah sie Jörgs
forschende Augen auf sich gerichtet. Nach der Mahlzeit reichte
Vroni, um abräumen zu können, dem Wanger das Kind. Während
sie die Bestecke zusammenlas, fragte sie, ob sie am Nachmittag
die Eltern besuchen und den Kleinen mitnehmen dürfe.
"Gern, Madl! Warum denn net? Bei dir is 's Bübl allweil
gut aufghoben."
Als der Tisch in Ordnung war und Vroni das Geschirr in die Küche
trug, zahlte Jörg dem Knecht und den zwei Gesellen den Monatslohn
aus. Veit und der Knecht sackten ihr Geld ein und gingen. Wastl
blieb wie ein hölzerner Stock neben dem Tische stehen.
"Willst noch ebbes?" fragte Jörg.
"Kündigen will ich!" stieß der Geselle heraus
und starrte am Meister vorbei aufs Fenster.
"Wis? Kündigen? Warum denn? Taugt dir die Kost net,
oder is dir d' Arbeit z'viel oder der Lohn z'gring? Oder kannst
dich beklagen, daß net ghalten wirst wie a richtiger Gsell?"
Wastl schüttelte den Kopf. "Alles taugt mir. Aber fort
muß ich halt."
"Geh, mach keine Narreteien! Dös weißt, daß
ich an bessern Gsellen net Zfinden weiß. Überleg dir's!
Und wann ebbes zwischen uns is, was dir net recht is -"
"Ich selber bin mir nimmer recht!" murrte der Wastl.
"
Der Grund bleibt besser ungsagt. A Verlegenheit will ich
enk net machen. Muß ich halt bleiben, bis der ander Gsell
kommt."
Jörg wurde ärgerlich. "Mit Gwalt kann ich dich
net halten. Acht Tag is Kündigungszeit. Du kannst gehn, wann
d' meinst, es muß sein." Er lehnte sich in die Fensternische,
wischte die Scheiben ab und sah auf die Straße hinaus.
"Seids mir jetzt bös?"
"Ah na!"
Eine Zeitlang guckte Wastl hilflos vor sich hin. Dann drehte er
sich um und verließ ohne weiteres Wort die Stube.
Am Nachmittag mußte Jörg das Haus hüten. Er saß
am Tisch, um die Verrechnung des letzten Monats ins reine zu bringen.
Manchmal legte er die Feder nieder. Den Kopf zwischen die Hände
fassend, blickte er nachdenklich umher in der stillen Stube. Ein
unbehagliches Gefühl der Verlassenheit überkam ihn.
Er schrieb es auf Rechnung des Allerseelentags.
Die folgende Nacht brachte einen starken Frost, und der Morgen
kämpfte mit einem Himmel, der schwer von bleigrauen Wolken
war. Auf den Bergen war schon in den Frühstunden Schnee gefallen.
Nach Mittag, als Jörg das Haus verließ, um einen Geschäftsgang
zu machen, wirbelten auch im Tal die weißen Flocken.
Jörg, den Hut ins Gesicht gedrückt, die Hände in
den Joppentaschen, wanderte die menschenleere Dorfstraße
hinunter. Als er beim Schreiner vorüberkam, sah er am Fenster
das Gesicht der alten Zenz, die hurtig zurückfuhr, als sie
seiner ansichtig wurde. Jörg schmunzelte.
Am Schreinerhaus öffnete sich die Flurtür. Vorsichtig
spähte Zenz dem Wanger nach. Als er im Gewirbel der Flocken
verschwand, huschte sie am Haus entlang, band ihr blaues Taschentuch
ü
ber die dünnen Zöpfe und sprang in den Garten.
Den Rock schürzend, tappte sie durch den Schnee, dem Haus
des Wangers entgegen.
Vor der Schwelle schüttelte sie die Kleider, trat in den
Flur und öffnete die Stubentür.
"Grüß Gott, Vronerl! Is der Vetter daheim?"
fragte sie überfreundlich.
"Na." Das Mädel saß mit einer Flickarbeit
am Tisch, während das Kind in der Wiege mit Hobelspänen
spielte. "Grad vor a paar Minuten is der Wanger furt."
"Jöises, und so ebbes Wichtigs hätt ich z'reden
mit ihm! Aber wann ich schon an Metzgergang gmacht hab, mußt
mir halt verlauben, daß ich a bißl rasten tu. Wie
Blei is er heut, der Schnee."
"Ich hab da nix zum verlauben. Du hast mehr Recht im Haus
als ich." Vroni warf über die Näharbeit einen Blick
nach der Alten, die schon in die Bank gerutscht war und das Kopftüchl
abgenommen hatte.
"Mehr Recht als du?" Die Zenz schmunzelte essigsüß.
"
Wie man's halt anschaut."
Vroni schien unangenehm berührt zu sein. "Wieso?"
"Mei', die Jungen haben allweil mehr Recht als wie die Alten.
Bsonders die Jungen, dö a bißl sauber sind. ja, der
Vetter schaut arg auf dich. Erst gestern", ein Lauerblick,
"
ja gestern nach der Kirch haben wir gredt mitanand. Hat
er nix gsagt davon? Der Vetter?"
"Daß er dich troffen hat? Na."
"Gwiß net? Wahrhaftiger Herrgott?"
"Kein Sterbenswörtl."
"Schau, schau!" Nachdenklich wiegte Zenz den Kopf zwischen
den Schultern. "Wie bist denn z'frieden mit ihm?"
"Ich bin sein Dienstbot und muß bloß schauen
drauf, daß der Meister net z'kIagen hat über mich."
"No weißt, fünf Schrittln vom Leib kann man's
gut mit ihm aushalten. In der Näh hat er seine borstigen
Seiten. Dös hat d' Franzi erfahren müssen, unser Herrgott
hab s' selig!"
Vroni runzelte die Stirn. "Zenz! Da brauch ich kei' Aufklärung
net. Aber was ich weiß, dös is 's grade Gegenteil von
dem, was du da sagst."
"Geh? So gnau hast dich umtan?" Die Alte kicherte, daß
man einen Geißbock zu hören glaubte. "Da muß
dich der Jörg arg verinteressiert haben."
Vroni schwieg.
"No, der Jörg hat's auch verdient um dich!" säuselte
die Alte weiter. "Ganz schauderhaft is er bsorgt um dein'
guten Ruf - hat er gsagt."
Das Mädel bekam zornfunkelnde Augen. "Erstens glaub
ich gar net, daß der Wanger von so ebbes gredt hat. Und
zweitens braucht sich dadrum kein Mensch net sorgen. Mei' eigene
Sorg reicht aus."
"Ui Jöises, Madl, d' Leut sind schlecht und reden, ob
der Tag kurz oder lang is. Zwei junge wie der Jörg und du,
beieinander unterm gleichen Dach, wo s' nix ausanand halt als
d' Luft? Madl, dös is Wasser auf die Leut ihr Mühl.
Der Vetter is a gscheider Mensch, der Vetter sieht's ein. Erst
gestern hat er gsagt: wann's mit'm Gred net bald an End nimmt,
kunnt er dich ja heireten. Ob er a Hauserin zahlt oder für
a Weib aufkommt, dös is ghupft wie gsprungen. Net? Du kannst
dir's ja gfallen lassen. So eim Anwesen z'lieb, da schluckt man
viel."
Vroni saß mit blassem Gesicht an die Wand gelehnt und starrte
ins Leere, die Augen weit geöffnet.
"Madl, was hast denn?" fragte die Alte freundlich.
"Nix!" Vroni sprang auf. "Jetzt muß ich 's
Bier für die Gsellen holen."
"So, so, 's Bier mußt holen? Ja, geh nur!" sagte
die Alte, ohne sich zu rühren. "Ich tu dir den Gfallen
und bleib derweil beim Kind. Mitnehmen kannst es net bei so eim
Gstöber."
Einen Augenblick stand Vroni unschlüssig. Dann strich sie
mit der Hand über die Stirn, beugte sich zur Wiege und drückte
einen Kuß auf die Wange des Kindes.
"Na! Wie du an dem Kind hängst!" lachte Zenz. "Dös
kriegt a gute Stiefmutter an dir."
Vroni, ohne einen Blick auf die Alte zu werfen, ging zum Geschirrschrank,
nahm einen Steinkrug und verließ die Stube.
Zenz lauschte mit funkelnden Augen. Als sie die Haustür gehen
hörte, zog sie einen Schlüsselbund aus der Tasche und
huschte auf den kleinen Wandschrank zu. Der Schlüssel, den
sie aussuchte, paßte ins Schloß, das Türchen
ö
ffnete sich. Mit beiden Händen in die Höhlung
greifend, packte die Alte den Lederbeutel und Jörgs Taschenuhr
mit der silbernen Kette. Hastig schob sie die Sachen in ihre Rocktasche,
versperrte das Türchen wieder und sprang aus der Stube.
Als sie nach einigen Minuten zurückkehrte, ging sie zum Ofen
und warf den leeren Geldbeutel in die Glut. Da schrak sie zusammen.
Draußen im Hof klangen Tritte, und knarrend öffnete
sich die Haustür.
Jörg schüttelte im Flur den Schnee von seinem Hut. Dabei
fiel sein Blick auf die hölzerne Treppe.
"Is da wieder einer von enk mit nasse Füß über
d' Stiegen auffi?" rief er in die Werkstatt. "Da kunnt
ja d' Vroni net gnug putzen und fegen."
"Ah na, Meister", antwortete Veit, "von uns zwei
war keiner net oben."
No, wer denn sonst? brummte Jörg, schlug ärgerlich
die Haustür zu und trat in die Stube. "Ah, da schau!"
Er sah die Zenz neben der Wiege auf den Dielen knien. "Du
traust dich noch eini zu mir?" Er sah in der Stube herum,
ging auf den Ofen zu und öffnete das Bratrohr. "Was
stinkt denn da so mordsmiserabel? Grad wie verbrennte Haar?"
Wieder wandte er sich zu der Alten: "Was willst?"
"Net viel." Sie erhob sich und wischte den Staub von
ihrer Schürze. "Ich hab gwußt, daß d' net
daheim bist. Und da hab ich meim kleinen Vetterl an Bsuch gmacht,
nach dem's mich allweil bangt hat in die letzten Wochen."
Die Rührung preßte ihr ein paar Tränen aus den
Augen. Als sie auf den Tisch zuging, um ihr Tüchl zu holen,
wischte sie mit den Fingerspitzen über die Backen.
"So?" entgegnete Jörg trocken. "Von deiner
starken Lieb zu meim Kind hab ich früher nix gmerkt. Aber
wo is denn d' Vroni?"
"Sie muß dir begegnet sein. 's Bier für die Gsellen
holt s'. Und da will ich weiter net stören. Pfüet dich
Gott."
"Wart an bißl!" Jörg vertrat der Alten den
Weg. "Ich muß ebbes auskarteln mit dir."
"Da bin ich neugierig!" sagte Zenz ein bißchen
unsicher.
"Weißt, wo ich war? Beim Nagelschmied! Aha, Hast a
schlechts Gwissen? Was hast denn angfangt mit die sieben Mark,
die ich dir geben hab vor vier Wochen? Warum hast denn d' Rechnung
beim Nagelschmied net zahlt?"
"Jöises, jetzt fallt's mir ein - da hab ich ganz vergessen
drauf. Dö sieben Markln hab ich in der Wirtschaft braucht.
Aber Vetter, ich hab's enk verrechnet, gwiß! "
"Da weiß ich nix davon. Aber wegen dem Bettel streit
ich net lang. Ich gib dir 's Geld, dös tragst zum Nagelschmied
auffi, und nacher bringst mir die quittierte Rechnung." Der
Meister ging auf den Wandschrank zu.
Zenz mußte sich an der Tischplatte festhalten, um im ersten
Schreck nicht umzusinken.
"Ja, Himmel", murrte Jörg, als er einen Blick in
den Schrank geworfen, "da is ja kein Geld net da! Und d'
Uhr is fort!"
"Mar und Josef! Der Vetter wird doch net ausgraubt worden
sein!" jammerte Zenz. "Wer Fremder kommt da net eini!
Die Gsellen und der Knecht sind rechtschaffene Leut! Und d' Vroni
- no ja, dös Madl kenn ich net so gnau, daß ich sagen
möcht, sie wär zu so ebbes imstand oder net -"
Der Meister drehte das dunkelrote Gesicht. "Na, du! In meim
Haus is kein Spitzbub nimmer, seit du draußen bist."
"Jöises! Aber Vetter!" kreischte die Alte. "So
was muß ich mir sagen lassen!" Mit beiden Händen
fuhr sie in den Rock und stülpte die leeren Taschen um. "Da
suchts mich aus! Stellt's mich auf'n Kopf! Wann a Zehnerl aussifallt,
soll mich gleich der Teufel holen!"
Ein paar Schritte trat Jörg zurück und maß die
Gestalt der Zenz. Sein Blick huschte durch die Stube. Nun gewahrte
er unter dem Tisch eine kleine Wasserlache, zu der in der Stubenwärme
die Schneereste vom Schuhwerk der Alten zerschmolzen waren. Halb
aufgetrocknete Trittspuren gingen vom Tisch vor den Wandschrank,
von da zur Türe, von der Tür zum Ofen, von dort zur
Wiege und wieder zum Tisch.
"So, so?" sagte er langsam. "Also d' Vroni meinst?
Komm, Alte! Über d' Stiegen auffi! Da suchen wir in der Hauserin
ihrem Stübl."
"Vetter, ich muß furt!" stotterte Zenz und bekam
ein Gesicht, als hätte sie Galläpfel verschluckt.
"Mit gehst!" schrie Jörg in ausbrechendem Zorn.
Schlotterig täppelte die Alte der Türe zu und stieg
vor dem Meister die Treppe hinauf.
Der Wanger öffnete die Tür und blickte in das kleine,
freundliche Stübl. Gerade noch kenntlich zeigten sich auf
den Dielen die verräterischen Spuren. Vor der Kommode lag
ein geschwärztes Klümpchen Schnee.
Jörg rüttelte an den Schubfächern und fand sie
verschlossen. Da gewahrte er, daß der Glassturz des Hausaltärchens
schief stand, mit der einen Kante eingedrückt in die Füße
des wächsernen Jesuskindes. Unter den Spitzen und Bändern
zog Jörg seine Uhr und einen Schlüsselbund hervor, den
er kopfschüttelnd einer genaueren Betrachtung unterzog. "Lauter
Schlüssel zu meine Schränk und Kästen! Aber wie
is mir denn? Den Ring da sollt ich ja kennen? No freilich! Dös
is ja der Schlüsselring von der Franzi selig!"
Wie ein Heuschreck hüpft, der die Sense klingen hört,
machte Zenz erschrocken einen Sprung gegen die Schwelle hin, stolperte
die Treppe hinunter - und kling kling, tönte es bei jedem
ihrer flinken Schritte. Unter der Haustür holte der Wanger
sie ein. Er sperrte das Schloß, zog den Schlüssel ab
und führte die Alte am Arm in die Stube, wo er sie niederdrückte
auf eine Bank. "Raus mit'm Geld!"
"Vetter! Auf Ehr und Seligkeit! Ich hab kein Geld net!"
winselte Zenz.
Da holte Jörg aus der Ecke hinter dem Geschirrschrank einen
Haselnußstecken hervor. "Raus mit'm Geld!"
Aschfahl wurde das Gesicht der Alten. Seufzend, als geschähe
ihr schreiendes Unrecht, bückte sie sich, und als sie die
Strümpfe von den dürren Waden streifte, kollerten die
Silbermünzen über die Dielen.
"Weiter! Klaub s' alle zamm!"
Zenz, während Jörg die Stube verließ, rutschte
nach den zerstreuten Markstücken umher. "Veit!"
hörte sie draußen im Flur den Wanger rufen; dann vernahm
sie den Schritt des Gesellen und ein unverständliclies Flüstern.
Als Jörg in die Stube trat, lagen die Silberstücke schön
geordnet auf dem Tisch. "Stimmt!" sagte er und stellte
den Haselnußstecken wieder in den Winkel. "Aber wo
is denn der lederne Beutel? Richtig, ja, den hast in' Ofen geworfen.
Gleich hab ich's gschmeckt."
Die Alte trat mit zerknirschtem Armesündergesicht auf ihn
zu: "Vetter -"
"Brauchst kei Angst net haben, es bleibt unter uns. Aber
daß d' so schlecht sein kannst und an ehrenhaftes Madl in
so an Verdacht einireiten - deswegen soll dich dein Gwissen a
bißl beißen. Da sorg ich dafür. Und jetzt mach,
daß d' weiterkommst!"
In stummer Klage faltete Zenz die Hände und verduftete. "Vetter!
D' Haustür is verschlossen!" klang draußen im
Flur ihr Zitterstimmchen.
"Mußt halt durch d' Werkstatt aussi!"
Jörg hörte ihre Schuhe über die Flursteine klappern
und eine Tür knarren. jetzt ein Aufkreischen, ein Poltern
und ein jämmerliches Gewinsel, das von lautem Gelächter
ü
bertönt wurde. Als der Meister an das Fenster trat,
sah er die Zenz mit puterrotem Gesicht über den Hofraum nach
der Straße springen.
Der alte Veit trat ein. "Dö spürt's!" Er schüttelte
sich vor Lachen. "Wann die Alte unter vierzehn Täg sitzen
kann, will ich Hans heißen! Aber da schau!" Er streckte
dem Wanger die beiden Hände hin. "Die ganzen Finger
hat s' mir verkratzt."
"Dafür hast a guts Werk tan!" Jörg nahm ein
paar von den blanken Geldstücken und reichte sie dem Gesellen.
"
Da! Trink a paar Maß Bier auf dö Strapaz auffi!"
Veit nahm schmunzelnd das Geschenk in Empfang. "Es wär
umsonst grad so gern gschehen." Lachend verließ er
die Stube.
Als Jörg den Rest des Geldes im Wandschrank verschloß,
hörte er an der Haustür die Klinke schnappen. Er sprang
in den Flur und sperrte auf. "Aber Vroni", zürnte
er, "schau dich nur an! über und über bist eingschneit!
Hättst doch a Tuch umgschlagen!" Er nahm ihr den schweren
Steinkrug aus der Hand.
Vroni schüttelte den Schnee vom Gewand und trocknete mit
der Schürze das Gesicht. "ls die Zenz schon wieder fort?"
fragte sie, als sie dem Wanger voraus in die Stube trat.
"Ja", lächelte Jörg. "Die hat 's Sitzen
nimmer vertragen." jetzt erschrak er. "Madl, was is
denn? Fehlt dir ebbes?"
Sie nickte. "In der Fruh hab ich's schon verspürt."
"Ja um Gottes willen, laß nur gleich alles stehn und
leg dich nieder. Ich schick den Wastl zum Doktor."
"Aber Wanger! Söllene Gschichten machen! Übrigens
dank ich dir schön für alle Sorg." Ein müdes
Lächeln zitterte um ihren Mund, als sie die Stube verließ,
um den Gesellen Brot und Bier in die Werkstätte zu tragen.
Unruhig wanderte Jörg im Haus umher; was er auch angriff,
keine Arbeit wollte ihm von der Hand gehen; immer wieder machte
er sich in der Küche zu schaffen, und ein dutzendmal fragte
er: "Wie geht's dir denn?"
"Besser, ich dank schön!" antwortete Vroni, immer
im gleichen Ton.
Als es Abend wurde, hörte es zu stöbern auf. Der frühe
Mond goß sein bläuliches Zwielicht über den glitzernden
Schnee.
Essenszeit war vorüber. Veit und der Knecht hatten sich bereits
schlafen gelegt; Wastl war ins Wirtshaus gegangen, was er sonst
an Werktagen nie getan hatte; Vroni spülte in der Küche
das Geschirr, und Jörg saß einsam in der Stube, deren
Stille nur durch das Ticken der Wanduhr und durch die leisen Atemzüge
des schlummernden Kindes unterbrochen wurde.
In den Händen hielt Jörg das Zeitungsblatt. Aber es
ging ihm jetzt mit der Politik, wie es am Nachmittag mit der Arbeit
gegangen war. Sooft er mit einem Artikel zu Ende kam, wußte
er nach dem letzten Wort keine Silbe mehr von allem, was er gelesen
hatte. Das kam so, weil er beim Lesen immer auf das Klirren des
Geschirrs und das Klappern der Blechgefäße lauschte,
das von der Küche hereinklang.
Eine Stunde verrann, eine zweite.
Endlich öffnete sich die Tür, und Vroni trat in die
Stube, ein Kerzenlicht in der Hand.
"Ich bin fertig, Wanger."
"Lang hast braucht!" sagte Jörg und rückte
zur stummen Aufforderung, daß Vroni sich neben ihn setzen
sollte, tiefer in die Bank.
Das Mädel rührte sich nicht vom Platz. "Mußt
net verübeln, daß ich 's Kindl heut net mit auffi nimm.
Droben im Stübl macht's a bißl kalt."
Aber hörst, wie möcht ich denn dös verübeln?
Heut mußt in der Nacht dei' Ruh haben. Is dir denn wirklich
schon besser?"
"Ah ja!" Die Stimme versagte ihr. "Und eh ich schlafen
geh, muß ich dir noch ebbes sagen."
"Was?"
"Kündigen will ich."
Jörg erblaßte. "Vroni!" Langsam erhob er
sich. "Fort willst? Und ans Kindl denkst gar net? Und net
an mich?" Da lachte er und schlug sich mit der Faust vor
die Stirn. "Ah ja! Gestern er, heut du! Kannst schon gehn!
Gleich morgen, wann d' willst. Gut Nacht!"
Verwundert hatte Vroni aufgeblickt.
"So geh doch!" schrie er das Mädel an, in dessen
Hand die Kerze zitterte.
"Gute Nacht!" sagte sie leise und verließ die
Stube.
Der Meister ging zur Ofenbank, ließ sich nieder und nahm
den Kopf zwischen die Fäuste.
Nur einen Augenblick saß er so. Weinend regte sich in der
Wiege das vom überlauten Klang der gefallenen Worte erweckte
Kind. Unter zärtlichem Geflüster hob Jörg den Kleinen
aus den Kissen und trug ihn auf schaukelnden Armen in die Kammer.
Ihn wurmte der Gedanke, Vroni könnte droben in ihrem Stübl
das Weinen des Kindes vernehmen und den Schluß ziehen, daß
er schon jetzt ihren Beistand vermisse.
Erleichtert atmete er auf, als der Kleine verstummte. Sacht legte
er ihn aufs Bett, streifte die Schuhe von den Füßen,
holte die Wiege und huschelte das Kind in die Kissen. Als er draußen
die Lampe ausgeblasen hatte, verhängte er mit seinem Radmantel
das Kammerfenster, um den Mondschein auszusperren. Dann ging auch
er zur Ruhe.
Ruhe?
Seine Augen waren heiß, und eine unerträgliche Schwüle
quälte ihn. Mit Gewalt verhielt er sich unbeweglich und drückte
die Lider zu. Der Schlaf wollte nicht kommen. Schließlich
redete er sich ein, das Ticken der Wanduhr in der Stube wäre
schuld daran, sprang aus dem Bett, verließ die Kammer und
stellte den Perpendickel. Da hörte er, daß ein Schlüssel,
und wie es schien, mit großer Vorsicht, in das Schloß
der Haustür gesteckt wurde. "Der Wastl!" Lauschend
blieb Jörg in der Stube stehen. Aus dem Geräusch, das
er vernahm, konnte er schließen, daß der Gesell im
Flur die Schuhe auszog. Die Stufen der hölzernen Treppe knarrten
ein bißchen. "Wer kommt denn?" klang von droben,
gerade noch verständlich, Vronis gedämpfte Stimme. Ein
paar Worte noch, eine Tür ging, und alles war still.
Jörg tastete nach der Klinke und riß die Stubentür
auf. Die kalte Luft, die ihm entgegenwehte, erinnerte ihn an den
Aufzug, in dem er sich befand. Er sprang in die Kammer zurück,
fuhr in die Hose und zerrte eine Joppe über die Schultern.
Als er wieder in die Stube trat, erschrak er vor seinem eigenen
Schatten, den das Mondlicht schwarz an die weiße Mauer warf.
Er blieb stehen und preßte den Arm vor die Stirne. "So
was! Unter meinem rechtschaffenen Dach!" Sich aufraffend,
strich er das Haar zurück und ging zur Tür. Als er mit
nackten Füßen auf die eisigen Flursteine trat, schauerte
ihn. In flinken Sätzen sprang er die dunkle Treppe hinauf
und stand vor Vronis Tür. Aus den Fugen drang rnatter Lichtschimmer,
und leise hörte er das Mädel wispern. Er drückte
auf die Klinke. Weil er die Tür verschlossen fand, schlug
er mit den Fäusten an die Bretter. "Wie, du! Mach auf!"
"Was is denn?" klang Vronis erschrockene Stimme.
"Mach auf!" keuchte Jörg und rüttelte wütend
am Schloß.
Er hörte das Rucken eines Stuhles, die Tür wurde aufgerissen,
und vor ihm stand das Mädel, halb entkleidet, Brust und Schultern
umwunden mit einem wollenen Tuch. "Was is denn passiert?
Es wird doch dem Kindl nix fehlen?"
Jörg fand keine Antwort. Verblüfft sah er an Vroni vorüber
in das leere Stübl, auf das unberührte Bett, auf den
Stuhl vor der Kommode und auf das Kerzenlicht, neben dem ein aufgeschlagenes
Gebetbuch lag. "Vroni!" stammelte er. "Ganz verruckt
war ich! Weil ich wen auffischleichen hab hören über
d' Stiegen. Der Mensch is schon so, daß er allweil lieber
's Schlechte glaubt."
Dem Mädel versagte im ersten Augenblick die Sprache. "So?
Wen auffischleichen hast hören? Da is dir's gangen wie mir.
Drum hab ich aussigschaut zur Tür. Der Wistl war's. Er hat
gmeint, ich schlaf schon, und hat d' Schuh auszogen, daß
er mich net wecken möcht. Und du - - No also, jetzt kannst
ja wieder gehn! Gut Nacht!" Vroni schloß die Tür,
der Riegel klirrte, und es war finster um den sprachlosen Meister
her. So stand er im Dunkel, lange, ohne sich zu regen. Kein Gedanke,
keine Empfindung wollte ihm zur Klarheit kommen. An seinen Schläfen
hämmerte das Blut, und in Kopf und Herz schwirrten ihm Beschämung,
Liebe, Eifersucht und Selbstvorwürfe wirr durcheinander.
Als er langsam, vor Frost sich schüttelnd, die Treppe hinunterstieg,
wußte er kaum, daß er es tat.
In der Stube wanderte er immer durch den Mondschein hin und her.
Ein galliger Unwille gegen sich selber peinigte ihn. Er meinte
die Nacht nicht überleben zu können, ohne von Vroni
ein freundliches Wort gehört zu haben, das seine ,Hornochserei'
wieder ausglich. In aller Ordnung kleidete er sich an, und wenige
Minuten später stand er vor der Tür des Mädels.
"Vroni! Bist noch auf?" fragte er unter leisem Pochen.
Nicht der geringste Laut im Stübl. "Vroni! Mach auf,
ich muß dir was sagen!" flüsterte Jörg und
klopfte wieder mit dem Knöchel an die Bretter. Da vernahm
er einen linden Schritt, wie von nackten Füßen - aber
nicht in Vronis Kammer, sondern in der Schlafstube der Gesellen.
Da drüben belauschte man ihn. Wütend richtete er sich
auf, schlug mit dem Rücken der Hand an Vronis Tür und
rief sehr hörbar: "Madl, sei so gut und komm abi, 's
Kind weint, und ich kann's riet zum Schweigen bringen!" Geräuschvoll
stieg er die Treppe hinunter.
In der Stube steckte er eine Kerze in Brand und stellte sie auf
den Tisch, nachdem er die Kammertür zugezogen hatte. Von
Zeit zu Zeit aufhorchend, spazierte er ungeduldig zwischen Fenster
und Ofen hin und her. Einmal blieb er stehen; da hörte er,
daß sie kam - und der junge Meister, der sonst ein festes,
unerschrockenes Mannsbild war, bekreuzigte sich wie in einem lebensgefährlichen
Augenblick.
Völlig angekleidet trat Vroni in die Stube und sah an Jörg
vorüber zur Kammertür. "Mir scheint, 's Kind schlaft
schon wieder?"
"Dös hat allweil gschlafen", sagte Jörg, sprang
an dem Mädel vorbei, drückte die halboffene Türe
zu und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Bretter.
"Wanger!" fuhr Vroni auf. Langsam zurücktretend,
sah sie ihm zornig ins Gesicht: "Was soll denn dös?"
"Nix! Gar nix! Als daß ich dich net zur Stuben aussi
laß, eh mich net anghört hast. Da droben hat man net
reden können. Ich därf mich doch net als Meister vor
die Gesellen zum Kasperl machen. Da kunnt er lachen, der Wastl!
Und morgen kunnt er's ausratschen im ganzen Dorf, was ich heut
in der Nacht für an Unsinn gmacht hab! An Unsinn, ja, an
ganz schauderhaften! D' Haar kunnt ich mir ausreißen, weil
der Verstand in mir so an Purzelbaum gmacht hat. Und dös
mußt mir verzeihen, Madl!"
Vroni schüttelte den Kopf. "Dös braucht's net.
Du bist der Herr im Haus und kannst von deine Ehhalten glauben,
was d' magst. Daß ich's grad bin, von der so ebbes glaubt
hast, was liegt dir dran? Dös kann bloß mir arg sein."
Sie wandte das Gesicht, um die Tränen zu verstecken.
"Na, Vroni! Mit so eim Wörtl kann ich mich net z'frieden
geben."
"An anders kann ich dir net sagen. Zu was denn? Dö paar
Stund, dö wir noch hausen mitanand -"
"A paar Stund?" Jörg streckte sich. "Wieso?"
"Von jetzt bis in der Fruh. Du wirst net glauben, daß
ich nach der heutigen Nacht noch unter deim Dach bleib? Da müßt
ich sein, für was du mich haltst. A Hauserin wirst bald wieder
kriegen. Und wann ich dir raten därf -schau dich lieber gleich
um a Bäuerin um. Ob dir a Weib zahlst oder a Hauserin, dös
is doch ghupft wie gsprungen. Net?" Im Ton dieser Worte lag
eine Bitterkeit, die den Meister verwundert aufblicken machte.
"Vroni? Was soll denn dös heißen? Dös Wörtl
is net von dir."
"Wahr is's, mir tät so ebbes net einfallen. ja, für
so an Einfall braucht einer an Meisterverstand."
"Ich? Was? Ich soll dös gsagt haben? Da muß ich
schon fragen: zu wem?"
"Bsinn dich halt, wen gestern nach der Kirch troffen hast!"
Vroni ließ sich müd auf die Holzbank hinfallen.
"Ah so?" Jörg guckte den Wandschrank an, sah zum
Ofen hinüber und klatschte die flache Hand an die Stirn.
"
Mir scheint, ich kapier a bißl. 's liebe Frau Baserl?
Ja, ja! Wo dö ihren Fuß hinsetzt, da schießen
Verdruß und Hader auf wie d' Schwammerling nach eim warmen
Regen." Er trat vor das Mädel hin. "Dö Alte
hat glogen. Dös von der Handelschaft, dö ghupft wie
gsprungen is, dös hab ich net gsagt. An ganz andern Unsinn
hab ich gredt. Wie die Alte mit ihrem Giftschnabel so losgschimpft
hat über dich und dein' guten Ruf, da hab ich mir denkt:
Dö Bißgurn mußt a bißl ärgern. Und
wissen hab ich müssen, wie ich dran bin mit ihrem Gred. Drum
hab ich der Alten dös einblasen: daß ich dich heiraten
will. Im Spaß hab ich's gsagt - bleib sitzen. Vroni! Es
is wahr, im Spaß hab ich's gsagt." Seine Stimme wurde
plötzlich eine völlig andere. "Und ohne daß
ich's gmerkt hab, war's in mir schon lang ernster, als ich hätt
denken können."
"Jörg?" Das war ein wunderlich erloschener Laut.
"Ja, Madl, und heut am Abend, wie d' mir gsagt hast, daß
d' fort willst, schau, da hat's mich packt bei der Gurgel, und
da hab ich gspürt, daß ich mich nimmer verlieben brauch.
Und daß ich schon häng an dir auf Leben und Sterben.
Und daß d' nix willst von mir und auf an andern denkst,
dös hat mir 's Hirnkastl a bißl rapplet gmacht. No
ja -" Er tat einen schweren Atemzug. "Dem Wastl därfst
sagen, daß er die Kündigungszeit net einhalten braucht.
Und will er im Ort a Gschäftl aufmachen, so braucht er mich
net fürchten. An zweiten Gsellen nimm ich nimmer. So wird
jeder von uns sein Auskommen haben. Und dir, Madl", die Stimme
wollte ihm nimmer gehorchen, "dir wünsch ich a besseres
Ehstandsglück, als 's meinige war." Er bot ihr die Hand
hin.
Das sah sie nicht. Immer guckte sie mit großen Augen den
Wanger an und lächelte. Immer lächelte sie.
Er zog die Hand zurück und meinte, es wäre nicht schön
von ihr, daß sie seinem Elend gegenüber die eigene
Herzensfreude so wenig verhehlen konnte.
Da fragte sie in einer seltsam fröhlichen Verstörtheit:
"
Der Wastl hat kündigt?"
"Dös wirst wohl wissen. Besser als ich."
"'s erste Wörtl, was ich hör davon." Immer
freudiger strahlten ihre Augen. "Warum er kündigt hat,
dös kann ich mir ungfähr denken. Gestern hat er mich
gfragt, ob ich ihm net a bißl gut sein kunnt. Ich hab ihm
sagen müssen, daß ich an andern mag. Schon lang."
"An andern?" fragte Jörg mit ersticktem Laut, und
der Tisch, auf den er sich stützte, zitterte unter seiner
Faust.
"An andern, ja. Dös is schon viel Jahr her. Da bin ich
amal heim von der Feiertagsschul. Und a junger Bursch hat mich
am Weg aufgfangt mit seine zwei Arm - bloß so im Spaß
- und hat mir mit Gwalt a Bußl gstohlen -halt so im Spaß.
Und da hab ich an kein' andern nimmer denken können. Wo ich
gangen und gstanden bin, allweil hab ich mir gsagt: Amal, da kommt
er schon, und da macht er Ernst. Jahr um Jahr, allweil hab ich
dran glaubt bis zur selbigen Nacht, wo im Wirtshaus d' Musikanten
blasen haben, derweil ich daheimglegen bin in meiner Kammer -
eingraben ins Polster - daß ich gmeint hab, es bringt mich
um."
"Jesus Maria!" stammelte Jörg. Man sah es ihm an:
Er wollte irgend etwas unternehmen. Aber eine verstörte Hilflosigkeit
schien so bedenkliche Lähmungserscheinungen unter seinem
Haardach anzustiften, daß er nur ein paar zwecklose Handbewegungen
fertigbrachte und dabei auf eine höchst sonderbare Art zu
lachen begann.
"Dös hat mich forttrieben aus'm Ort." Das Mädel
schien von dem unzurechnungsfähigen Gemütszustand des
Wangers angesteckt zu werden und mußte immer lachen, während
sie traurige Dinge sagte. "Narr, der ich gwesen bin! Hab
gmeint, ich kunnt meiner Not davonlaufen. Schritt und Tritt hat
s' ghalten mit mir. Und mein Elend is net leichter worden, wie
mir d' Leut zutragen haben, daß d' in Kümmernis und
Unfried graten bist - du, dem ich 's beste Glück vergunnt
hätt!"
Da geschah mit dem jungen Meister etwas Unerwartetes. Ein geheimnisvoller
Bosheitsteufel schien ihm plötzlich in der Wadengegend einen
derben Schlag zu versetzen. Jörg plumpste auf die beiden
Knie, und um nicht völlig das Gleichgewicht zu verlieren,
mußte er die Vroni grob um die Hüfte fassen. "Jesus,
Jesus, Madl, jetzt pack mich aber bei die Ohrwascheln und reiß
mir s' aussi aus'm Verstand."
Sie gehorchte nur zur Hälfte. Bei den Ohren nahm sie ihn.
Den Versuch, sie ihm auszureißen, unterließ sie. Die
brennende Wange an seine Stirn pressend, flüsterte sie: "Du
Lieber, du!"
Tiefer und tiefer brannte die Kerze. Qualmend erlosch das Licht,
und der neugeborene Morgen blinzelte durch die Fenster.
Draußen auf der Treppe ein schwerer Schritt. Die Tür
ging auf, und Veitl wollte in die Stube treten.
"Oha!" platzte der alte Gesell in Verblüffung heraus,
als er die beiden mit Armen und Köpfen so ineinander verwickelt
sah. Hurtig verschwand er.
"Hö! Nur eini, Veitl!" rief der lachende Jörg.
"
Und wünsch mir als erster Glück zu meiner künftigen
Meisterin."
Der vergnügte Glückwunsch, den der schmunzelnde Veitl
aufsagte, erfuhr eine Störung. Vroni entzog dem Gesellen
plötzlich die Hand und sprang erschrocken gegen die Kammer
hin: "Um Gottes willen, unser Kindl weint."
Der Meister sah ihr mit glücklichen Augen nach. "Da
sagt man allweil, die Kinder haben's gut, weil s' nix wissen von
der Welt." Er schüttelte den Kopf zu dieser unzutreffenden
Weisheit. "Daß a Kindl a gute Mutter kriegt? Dös
sollt's eigentlich doch merken müssen. Und sollt lachen dazu
statt a Gsetzl flennen!"
Wastl kam. Viel brauchte man ihm nicht zu sagen. Gleich verstand
er. "So so? Dös war der Grund? Bin ich halt bei der
glückseligen Schlittenfahrt wieder um an Bauernschuh z'spät
kommen. No ja - es hat net 's erstemal brennt bei mir - muß
ich halt schauen, wie ich wieder mit'm Löschen auf gleich
komm."
"Da wirst dich hart tun", meinte Veitl ein bißchen
boshaft, "'s Wasser is gfroren. Oder meinst ebba, 's Löschen
geht mit a paar Maß Bier?"
Jörg mußte lachen. "Was is denn nacher? Gehst
oder bleibst? "
Wastl zuckte die Achseln. "Warten wir amal, bis die acht
Täg rum sind. Da kann man allweil wieder reden drüber.
Aber daß ich auf deiner Hochzeit tanzen müßt,
bis mir d' Waden springen - dös kannst net verlangen von
mir. Alles, was recht is!" Er machte kehrt und knöpfte
die Joppe zu.
"Wohin denn? Bleibst denn net da beim Fruhstuck?"
"Na! Heut kunnt's a versalzene Suppen geben. Mich kratzt
noch der Pfeffer von der meinigen im Hals." Er schlug die
Tür zu, daß es böllerte.
Das war der erste Freudenschuß, der für das Hausglück
des Meisters und der Meisterin abgefeuert wurde.
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