Ludwig Ganghofer
Bergheimat Teil 2
Herzmannski, der Getreue
Wie er - obwohl ein geborener Bayer - zu diesem polnisch
klingenden Namen Herzmannski kam? Ich vermag nur eine Hypothese
anzuführen. Seinen richtigen, bürgerlichen Namen hab' ich nie
erfahren. Ich weiß nur, daß ihn alle Mitglieder der Familie
Sterzenbacher, wie überhaupt alle Menschen, die seine eminenten
Eigenschaften kannten, in zärtlichen Augenblicken mit dem
Kosenamen 'Manndi' riefen - vermutlich, weil er männlichen
Geschlechtes war. Und wollte man ihm von aller Zärtlichkeit die
zärtlichste erweisen, so nannte man ihn 'Herzmanndi'.
Und da wäre nun die Hypothese aufzustellen, daß aus diesem
zärtlichen Superlativ der polnisch klingende Name 'Herzmannski'
dadurch entstand, daß der Förster Sterzenbacher, der zwar
ein
weiches Gemüt, aber einen harten Kropf hatte, den Ausklang
mancher Worte mit wunderlichen Zischlauten der Atemnot zu
begleiten pflegte. Jeder Satz, den der Förster Sterzenbacher in
lebhaftem Eifer von sich gab, endete mit einem eigentümlichen
Gezwitscher, das so unnachahmlich war, daß man auf seine
künstlerische Wiedergabe verzichten muß. Und daß Herzmannski
unter Nachlaß der Taxen den historischen Beinamen 'der Getreue'
bekam - das verdiente er redlich, und zwar nicht nur durch die
wandellose, jeder Legendenbildung entgegenkommende Treue eines
sechzehnjährigen Lebens, sondern mehr noch durch die psychischen
Motive jenes dramatischen Vorganges, der sich mit Herzmannskis
sinkenden Lebenstagen katastrophal verknüpfte. Denn Herzmannski
bewährte seine Vasallentreue nahezu bis in den Tod, obwohl er
kein japanischer Feldherr war, sondern nur ein oberbayrischer
Dackel, geboren im Berchtesgadenerland, am Fuße des Untersberges,
im Forsthaus zu Bischofswiesen.
Als selbstverständlich ist anzunehmen, daß Herzmannski auf
der
reifen Höhe seines Lebens ein Dackel von so stupender Klugheit
war, daß, neben ihn gehalten, auch die berühmtesten Dackel
der
Fliegenden Blätter als Idioten erscheinen müssen. Herzmannski
war ein Dackel, dem jeder Weidmann ein ewiges Leben in Kraft und
Klugheit hätte wünschen mögen. Doch leider ist es nun
einmal so
auf dieser unvollkommenen Erde: Auch der schneidigste und klügste
Dackel wird alt und schäbig.
Herzmannski war es bereits.
Als er das zwölfte Lebensjahr mit schon etwas stumpf gewordenen
Zähnen überschritten hatte, biß ihm ein alter, wütender
Dachs den
Unterkiefer so gründlich entzwei, daß er nur noch winkelförmig
anheilte - wodurch für Herzmannski nicht nur das notwendige
Bellen, sondern auch die noch viel notwendigere Ernährung
wesentlich erschwert wurde. Und so genoß Herzmannski der Getreue
im Forsthaus zu Bischofswiesen seit drei Jahren ein Gnadenbrot,
das er nicht mehr beißen konnte. Deshalb verlegte sich dieser
gescheiteste aller Dackel auf das Austrinken von rohen Eiern.
Bekanntlich sind rohe Eier sehr nahrhaft wegen ihres
Stickstoffgehaltes. Aber es war das eine Ernährungsmethode,
durch die sich Herzmannski bei allen Bäuerinnen von
Bischofswiesen ungemein mißliebig machte. Diese verständnislosen
Weibsbilder bezeichneten als unverzeihliches Verbrechen, was
Förster Sterzenbacher an seinem Dackel als höchsten Gipfel
aller
Klugheit rühmte. "Jaaa, Herzmannskerl, ganz recht hast, bist
a
gscheids Hunderl!". Die Bäuerinnen aber sagten: "So a
Raubersbestie, so an unverschämte!" So sind die Ansichten der
Menschen über die gleichen Dinge zuweilen sehr verschieden.
Bei der gespannten Aufmerksamkeit, mit der die Bäuerinnen von
Bischofswiesen ihre Hennensteigen zu überwachen begannen,
gestaltete sich für Herzmannski die stickstoffhaltige Ernährung
immer schwieriger. Er kam von Kräften, und seine Muskulatur und
sein Haarwuchs gerieten in eine erbärmliche Verfassung. Doch die
wertvollste Qualität seiner tierischen Psyche, seine wandellose
Vasallentreue, hielt ungebrochen stand. Kein Tag verging, an dem
Herzmannski - wenn Förster Sterzenbacher mit der blanken Büchse
und der schwarzen Kropfschlinge auf die Pirsche zog - seinem
geliebten Herrn nicht mühsam nachzottelte, so weit die klapperig
gewordenen Beine diesen Getreuen noch trugen. Versagte seine
letzte Kraft, dann blieb er mit jappender Zunge stehen, guckte
traurig seinem Herrn nach und zitterte seelenvoll an allen
mageren Gliedern. Auch Förster Sterzenbacher hatte da immer
schwere, sein weiches Gemüt bedrückende Momente, wenn er dem
trauernden Herzmannski zurufen mußte: "No schau, wann's nimmer
geht, so kehr halt um, sei gscheid, ich komm bald wieder heim!"
Die wunderliche Sache, die man 'das Leben' nennt, wurde für
Herzmannski immer schwerer von Tag zu Tag. Und als er ohne
irgendwelches Aufsehen seinen sechzehnten Geburtstag gefeiert
hatte, begannen sich bei seiner zunehmenden Greisenhaftigkeit
allerlei morose Zustände an ihm zu entwickeln, unter deren Zwang
er vollständig jene rühmenswerte Eigenschaft verlor, die ein
Terminus technicus der Dackelzüchterei als Stubenreinheit zu
bezeichnen pflegt. Eine schmerzlich berührende Erscheinung ist
das: Ein reiches, bunt bewegtes Dasein fliegt in Stolz und Rausch
und Kraft dahin - und der schwache Greis wird wieder zum Kinde
und hat zu seiner Hilfe mancherlei Hantierungen nötig, die ihm
von schwachnervigen Naturen nur ungern geleistet werden.
So kam es, daß die Försterin Sterzenbacher eines Morgens
erklärte: "Vater, jetzt geht's aber nimmer! jetzt muß er
furt,
der Hund! Schau unser Haus an! Dös is ja schon der reine
Schweinestall!"
Über dieses kategorische Wort erschrak der Förster Sterzenbacher
so sehr, daß er im ersten Augenblick gar nicht reden konnte.
Herzmannski war ihm wie ein Stück seines eigenen Lebens.
Sechzehn Jahre der Klugheit und Treue - so was reißt man nicht
leicht von seinem Herzen los!
Aber schließlich sah es auch der Förster Sterzenbacher ein:
Es
ging nicht mehr!
Und da wollte er als Mann und Jäger ein tapferes Ende machen.
Und solch ein echter, rechter Weidmannstod im grünen, rauschenden
Walde! Das ist doch auch was Schönes! Nicht?
An einem leuchtenden Frühlingstage nahm Förster Sterzenbacher,
bedrückt und bleich, den freundlich wedelnden Herzmannski mit
hinaus in diesen - diesen grünen Wald.
Die beiden kamen nur langsam vom Fleck, Herzmannski wegen seiner
schwachen Beine, Herr Sterzenbacher wegen der Atemnot in seinem
Kropf, der hinter der schwarzen Schlinge glänzte wie ein
Zinnoberbergwerk.
Viel gute Reden - wie der Dichter sagt - begleiteten Herzmannski
den Getreuen auf diesem letzten Wege.
Und am Nachmittage kam Förster Sterzenbacher wieder heim ins
Forsthaus - mit Herzmannski, dem Getreuen, der schrecklich müde
war.
Ein Blick der Verzweiflung war in den Augen des biederen Mannes,
als er schnaufend erklärte: "Mutter - da kannst jetzt sagen,
was
d' magst - dös - dös gute, treue Hundl da - ich hab's halt
net
firti bracht!"
Die Försterin war keine böse Frau. Doch weil sie nach
Herzmannskis unerwarteter Heimkehr in das Vaterhaus gleich
wieder reichliche Ursache vorfand, um in nervöse Ungeduld zu
geraten - drum wurde sie grob. Der Förster geriet in Zorn und
schrie so lange, bis ihm die Luft ausging. Und in diesem
notgezwungenen, luftlosen Schweigen passierte dem von Sonne,
Sturm und Wetter gebräunten und 107 Kilo schweren Jägersmanne,
was ihm seit der Kinderzeit nicht mehr geschehen war - er mußte
weinen.
Beim Anblick dieser kostbaren Mannestränen schoß der Försterin
das Erbarmen in die Seele. Und in schlafloser Nacht ersann sie
einen Rat. Und sagte zu ihrem ebenfalls schlummerlosen Manne:
"
Du, Vater, jetzt weiß ich dir ebbes! Du brauchst nix tun dabei
und mußt dich net aufregen, und im Haus is endlich amal a
saubere Ruh! - Da nimmst dir morgen a Wagerl, weißt, und fahrst
auf Salzburg eini, in d' Veterinärschul! Da werden s' wohl
ebbes wissen, was net gar z'Iang dauert und dem guten, treuen
Hundl net weh tut!"
Und so geschah es - wie es in Geschichten hohen Stiles zu
heißen pflegt.
Am folgenden Morgen bekam Herzmannski der Getreue zum letzten
Frühstück eine linde Leberwurst - weil er eine zähe Salami
nicht
mehr hätte beißen können.
Und der sparsame Förster Sterzenbacher spendierte zehn Mark für
einen Einspänner und ließ den getreuen Herzmannski an seiner
Seite auf dem Wagenpolster sitzen. Während der ganzen Reise
schmachtete Herzmannski verwundert seinen Herrn an, der immerzu
das Gesicht nach der anderen Seite drehte.
Das war eine harte Fahrt für den Förster Sterzenbacher. Und
dann im schönen Salzburg - da kam eine noch viel härtere Stunde.
Um in solcher Kümmernis doch auch ein bisserl Freude zu haben,
kaufte sich Förster Sterzenbacher in Salzburg einen neuen,
prachtvoll grünen Steyrerhut und steckte seinen wertvollen
Gemsbart drauf. Und dann - - aber nein - ich will die
Seelenkämpfe dieses braven Weidmannes mit Schweigen übergehen.
Und will nur berichten, daß Förster Sterzenbacher mit seinem
Einspänner, mit seinem neuen Steyrerhut - und mit einem
fürchterlichen Rausch am Abend in Bischofswiesen wieder
einrückte. Auch der Kutscher hatte schwer geladen. Nüchtern
war
nur der alte Schimmel - und Herzmannski der Getreue, der ein
bißchen seekrank, sonst aber ganz lebendig wieder mit heimkam.
Förster Sterzenbacher konnte an diesem Abend nichts erzählen.
Erst am anderen Morgen, als er die Salzburger Kümmernisse
ausgeschlafen hatte, fand er die Sprache wieder und sagte: "Weißt
Mutter, a Strychnin hätten s' ihm geben, dö studierten
Schafsköpf! Aber was dös gute Hundl da leiden hätt müssen,
dös
weiß ich doch als Jäger von die Füchs her! Seit zwölf
Jahr hab
ich kein Strychninbrocken nimmer ausgworfen, weil mich d' Füchs
derbarmt haben, d' Füchs! Und da hätt ich dem guten, treuen
Hundl so ebbes antun sollen. Ah na, ah na!"
Die Försterin war rasend - denn die unleugbare Tatsache, daß
Herzmannski der Getreue neuerdings das Forsthaus mit den
Ä
ußerungen seines Lebens beglückte, hatte siebenundzwanzig
Mark
gekostet. Sie war der Meinung, daß man das billiger hätte
haben
können.
Seit einem Menschenalter hatte Förster Sterzenbacher mit seiner
Ehegesponsin Notburga friedlich gehaust. jetzt war es zu Ende mit
dieser Eintraccht. Im Forsthaus kam es zu fürchterlichen Stürmen
- bei denen das ganze Dorf in Mitleidenschaft geriet. 342
Menschen, die sämtlichen Einwohner von Bischofswiesen, erörterten
schließlich die spannungsvolle Frage, wie man Herzmannski den
Getreuen schmerzlos und am schnellsten aus der Welt verschwinden
lassen könnte.
Zur Lösung dieser dunklen Frage fand sich ein Mittelsmann.
Damals lebte zu Bischofswiesen ein Mensch, welcher
Schrabenhauser hieß - man merkt es schon gleich am Namen, daß es
sich hier um einen Bösewicht handelte - welcher Schrabenhauser
hieß und als Salzknappe im königlichen Bergwerk diente. Und
dieser Schrabenhauser sagte eines Tages zum ratlosen Förster:
"
Du, Sterzenbacher, paß auf, ich weiß dir ebbes! Ja, du, da
geht's fein gschwind! Und weh tut's gar net! Und eh dös gute
Hunderl ebbes merken kann, is alles schon vorbei!"
Mißtrauisch fragte der Förster: Was wär denn nacher
dös?'
Und der Schrabenhauser sagte: "Morgen auf'n Abend komm ich. Und
bring's. Und nacher haben wir's gleich."
Sterzenbacher war weiter nicht neugierig. Er seufzte nur, tief
und schwer. Und den ganzen folgenden Tag benahm er sich gegen
den freundlich wedelnden Todeskandidaten mit solch einer
rührenden Güte, daß Herzmannski den glücklichsten
unter den zirka
5913 Tagen seines irdisdien Daseins erlebte. Und dieser
glücklichste von seinen Tagen sollte 'sein letzter' werden.
Eigentlich ein schönes Schicksal!
Es kam ein herrlicher, in Farben glühender, wundervoller
Sommerabend.
Aber auch der Schrabenhauser kam.
Beklommen fragte der Förster: "Hast es?"
Und der Schrabenhauser drückte das linke Auge zu und zwinkerte
mit dem rechten. Und wollte was sagen.
Doch Sterzenbacher flüsterte: "Sei stad und laß mei'
Alte nix
merken! Die hat dös gute Hundl allweil so viel mögen! Die wird
dem lieben Hundl hart nachtrauern. Und lang!"
Die beiden redeten scheinheilig vom schönen Wetter, traten
arglos schwatzend aus dem Hof des Forsthauses auf die Straße
hinaus - und Herzmannski zappelte langsam hintendrein.
Der Schrabenhauser sagte: "Zum Bach müssen wir abi, a bißl
weit
von die Häuser weg!"
Der Förster schwieg. Und ging mit dem Schrabenhauser zum Bach
hinunter.
Aber sei es, daß auch in der Tierseele so etwas Ähnliches
existiert wie unheilvolle Ahnungen - oder sei es, daß der kluge
Herzmannski nicht begriff, zu welchem Zweck sein treugeliebter
Herr einen Weg betrat, den er sonst nicht zu gehen pflegte - kurz
und gut, Herzmannski blieb erstaunt auf der Straße stehen und
wollte nicht folgen. Und Förster Sterzenbacher sagte: "So a
Hundl, so a gscheids!" - und hatte nicht das Herz, dieses gute,
kluge Hunderl ins Verderben zu locken.
Aber der Schrabenhauser - mit seinem angebotenen
Vernichtungsgenie - hatte auch an diese Möglichkeit gedacht, zog
aus der Joppentasche eine Käsrinde heraus und ließ Herzmannski
an
dieser köstlichen Sache schnuppern, immer wieder, bis sie drunten
beim Bache waren - alle drei! Und da begann der Schrabenhauser
sein geheimnisvolles Werk, indes im Abendschein der Wildbach
melancholisch rauschte. Und leis bewegten sich die Weidenstauden
- diese unentbehrlichen Gewächse aller Ortlichkeiten, an denen
tragische Dinge sich ereignen sollen.
Förster Sterzenbacher drehte wieder das Gesicht auf die Seite
und klagte kummervoll: "Dös kann ich net anschaun - so a Hunderl,
so a guts - da muß ich noch lang dran denken - was dös für
a
Hundl gwesen is!"
In seinem Schmerze sprach er bereits von einer vergangenen Zeit
- ein bißchen voreilig.
Aber wirklich, er konnte nicht zusehen, wie der Schrabenhauser
den liebevoll blickenden Herzmannski mit einem Stricklein
festband an einen alten Pfahl, der neben dem gurgelnden Bach im
Boden stak.
Und Sterzenbacher, immer mit abgewandtem Gesichte, sprach die
schmerzvollen Worte: "Bloß dös Einzige kann mich trösten,
daß dös
gute Viecherl endlich amal erlöst is von sei'm unsaubern
Altersleiden."
Und während der Förster diese Worte herausstieß, band
der
Schrabenhauser dem treuen Herzmannski etwas um den Hals. Das war
anzusehen wie ein Päcklein Rauchtabak mit einem langen,
fadendünnen Schwänzlein. Und dann strich der Schrabenhauser
ein
Schwefelhölzl an und entzündete vorsichtig die meterlange
Brandschnur der Schießbaumwollpatrone, die er aus dem Bergwerk
mitgebracht und an Herzmannskis Hals befestigt hatte.
Ein feiner Rauchfaden erhob sich. Und verwundert betrachtete
der kluge Herzmannski diese schwer erklärliche Erscheinung.
Der Schrabenhauser sagte: "So!" und faßte den tief bewegten
Förster Sterzenbacher an der Joppe. "Jetzt aber gschwind! Mach
weiter! Flink! Da wird's gleich krachen!"
"Was? Krachen? Was?" Und Sterzenbacher drehte das Gesicht.
Er
war des Glaubens gewesen, es handle sich um ein flink und
schmerzlos tötendes Medikament. Doch als er jetzt die rauchende
Zündschnur sah, da verstand er. Und schrie: "Du Narr! Ah na!
So ebbes laß ich dem Hundl net antun!" Und er wollte auch
schon
mit beiden Fäusten zugreifen, um den mörderischen Funken zu
zermalmen.
Viel hätte nicht gefehlt, und Herzmannski wäre durch die treue
Liebe seines Herrn abermals gerettet worden zur Freude der
Försterin. Doch erschrocken packte der Schrabenhauser den
Sterzenbacher am Arm und versuchte ihn mit sich zu reißen. Und
kreischte: "Bist narret? Da kunnten mer hin sein alle zwei!" Und
weil der Sterzenbacher noch immer stand wie eine Säule, rannte
der Schrabenhauser, der als Bergmann die Wirkung der
Schießbaumwolle gründlich kannte, für sich allein davon.
Nun fuhr auch dem Sterzenbacher ein heiliger Schreck in die
Wadenmuskeln. Er stammelte ein "Mar' und Joseph!" - und fing
zu
springen an - sehr schnell. Und als Herzmannski der Getreue den
107 Kilo schweren Förster so angstvoll die Beine rühren sah,
dachte er vermutlich an irgendeine, seinem geliebten Herrn
drohende Gefahr und dachte auch sogleich: 'Da muß ich mit!' Er
machte einen Sprung. Und überschlug sich beim Widerstand des
Pfahles. Und mit den letzten Kräften seines alten Lebens begann
Herzmannski zu reißen und zu zerren - bis das morsche Holz
zerbrach. Und glückselig aufheulend rannte er mit der glimmenden
Schießbaumwolle seinem Herrn nach.
Förster Sterzenbacher - so laut er beim Springen auch keuchte und
mit dem Atem rasselte - hörte hinter sich den freudenreichen
Spektakel seines immer näher kommenden Hundes. Er drehte im
Springen das Gesicht. Und erschrak, daß er kreideblaß wurde.
Sogar sein Kopf erbleichte. Und in Zorn und Sorge brüllte er:
"
Gehst weiter - du Mistviech, du gottverfluchts!" Und um die
gute, aber in diesem Augenblicke höchst gefährliche Kreatur
zu
verscheuchen, raffte er mit beiden Fäusten vom Boden auf, was er
da nur erwischen konnte - und warf - und sprang - und
bombardierte wieder - und brüllte: "Mistviech, miserabligs!"
Die menschliche Dankbarkeit! Für eines Tieres Treue bis in den
Tod!
Aber - wenn man die Sache objektiv betrachtet, kann man dem
Förster Sterzenbacher diesen Wandel seiner Gesinnungen nicht
verdenken. Man fliegt nicht gern in die Luft - wenn man 107 Kilo
schwer ist - auch dann nicht, wenn man weniger wiegt.
Herzmannski, dem sich der Rauch der Zündschnur schon um die Nase
schlängelte, hielt verdutzt inmitten seines treuen Rennens inne
und betrachtete nachdenklich seinen wie irrsinnig sich
gebärdenden Herrn, der faustgroße Steine nach ihm warf und
Rasenbrocken und Holzscheite und Zaunlatten und schließlich sogar
den schönen in Salzburg neu erstandenen Steyrerhut mit dem
kostbarsten aller Gemsbärte.
Herzmannski schüttelte die Ohren. Er begriff die Menschen und
die Welt nicht mehr. Und hätte er ahnen können, wie bald er
sie
möglicherweise schon verlassen sollte - er selbst würde gesagt
haben: 'Na also, fort, in Gottsnamen!'
Doch an Stelle eines philosophischen Gedankens kam in seiner
verblüfften Seele nur wieder die unerschütterliche Treue obenauf.
Und da fing er von neuem zu rennen an. Immer auf der Fährte
seines geliebten Herrn! Und trotz der Morosität seiner vier
alten Beine kam er noch flinker vom Fleck als dieser 107 Kilo
schwere Mann, der nur zwei Füße zu verschwenden hatte. Förster
Sterzenbacher fühlte plötzlich sehr viel Luft in seinem Kropf
und
konnte springen, wie er noch nie gesprungen war in seinem Leben.
Und dennoch hätte Herzmannski der Getreue seinen Herrn eingeholt,
wenn nicht plötzlich - als zwischen Sterzenbacher und Herzmannski
nur noch wenige Meter Luftraum waren - die hohe Friedhofsmauer
dagestanden wäre.
Verzweifelt machte der Förster Sterzenbacher einen Sprung und
Purzelbaum - und 107 Kilo bayerischer Forstverwaltung lagen
jenseits der rettenden Mauer. Während der roulierende Jägersmann
ü
ber die kleinen Gräber unschuldiger Kindlein kollerte, dachte
er: 'So! Da können s' mich nacher gleich eingraben!'
Eine fürchterliche Detonation.
Die Berge warfen das Echo mit grollendem Hall zurück. Und von
der Friedhofsmauer fielen Mörtelbrocken und große Steine
herunter.
Dann tiefe Stille.
Schwer aufatmend, nur langsam den zinnoberroten Kopf und Kropf
erhebend, sagte Förster Sterzenbacher noch ein letztesmal: "So
a
Mistviech, so a miserabligs!"
Dann guckte er vorsichtig über die schadhaft gewordene
Friedhofsmauer.
Da draußen war nur ein kesselförmiges Loch im Boden zu sehen.
Sonst nichts.
Herzmannski der Getreue war verschwunden, war vermutlich in
Atome aufgelöst und mit dem Weltall eins geworden - schnell und
völlig schmerzlos - wie es der Schrabenhauser versprochen hatte.
Das war der Trost, an den der Förster Sterzenbacher sich
klammerte. Und da kam in seiner tragisch erschütterten Seele
plötzlich wieder die alte Liebe obenauf - und er sagte in tiefer
Wehmut: "So a Hunderl - so a guts!"
Dann ging er, um den grünen Steyrerhut zu suchen. Den fand er -
aber - ein großer Dichter sagte: "Fragt mich nur nicht, wie!"
In schwerer Betrübnis - um seiner Grausamkeit willen mit sich
selbst im Zwiespalt - trat dieser einsam Gewordene unter dem
zerknickten Steyrerhute den Rückweg an.
Er schnaufte schwer und kam langsam vorwärts.
Als Förster Sterzenbacher in der sinkenden Dunkelheit sein
trautes Jägerheim erreichte - war Herzmannski schon lang zu
Hause.
Wie das zugegangen? Das wurde nie erforscht.
Die seelenvolle Schießbaumwolle hatte augenscheinlich nur gegen
die Erde und gegen die Friedhofsmauer geschossen - nicht gegen
den treuen Herzmannski, dem die zahlreichen Pferdekräfte des
Luftdrucks möglicherweise sogar noch ein Stück des Heimwegs
erspart hatten. Weil er so schnell zu Hause war!
Ja! Es gibt Dinge im Leben, für deren Rätsel keine exakte
Wissenschaft mehr ausreicht. Da muß man fromm werden und an
Wunder glauben.
Und wenn Herzmannski der Getreue nicht inzwischen eines
natürlichen Todes verblichen ist, so lebt er - zur namenlosen
Freude der Försterin Sterzenbacher - noch heute!
Künstlerfahrt an den Königssee
Künstlerfahrt an den Königssee
Zu einem viertönigen Akkord klangen die Schellen der beiden
Rosse zusammen, unter deren Hufen der frisch in der Nacht gefallene
Schnee in schimmernden Wölkchen emporstäubte; wo aber
der Wind die Straße schon gefegt hatte, konnte man's pfeifen
hören, wenn der ältere, festgefrorene Schnee zerschnitten
wurde von den eisenbeschlagenen Kufen.
Die lange Peitsche knallte und trieb die Rosse zu raschem Ausgreifen
an; sie schnaubten, während der graue Dunst, der von ihnen
aufdampfte, in der trockenen Winterluft zerflatterte. Der Kutscher
auf dem Bocksitz glich einem Bären, dem ein schnauzbärtiges
Menschenhaupt auf den zottigen Rumpf gezaubert wurde. Und im Innern
des Schlittens hoben sich aus Pelzwerk und Decken drei lachende
Gesichter und ein ernster, schon ergrauter Männerkopf. Um
seine Lippen huschte nur manchmal ein leichtes Lächeln, während
ihm zur Seite Scherz und Gelächter in unermüdlicher
Folge wechselten.
Von den vieren der vergnügteste war Möhler, der neben
dem ernsten Storm im Fond des Schlittens saß. Man hätte
ihn kaum für einen Maler, eher für einen Komiker mit
Ferienbart gehalten und wäre in dieser Ansicht durch die
Grimassen bestärkt worden, mit denen er jede lustige Anekdote
begleitete, die der kleine Bodenstein zum besten gab.
Er erzählte aber auch gar zu gut, dieser kleine Bodenstein.
Der leichte Berliner Dialekt half ihm die Pointen seiner Scherze
so knapp und trocken abzuknallen, daß sie von unwiderstehlicher
Wirkung waren. Auch er zeigte nicht jenes Bild, das man sich von
einem Maler zu machen pflegt. Man hätte ihn eher für
einen Dandy der edelsten Klasse gehalten. Alles an ihm war elegant,
fein und zierlich. Deshalb nannten ihn seine Freunde auch den
kleinen Bodenstein, obwohl er ein respektabel großer Landschafter
war, dessen 'Dünen bei Abendbeleuchtung', dessen 'Austernfischer'
und 'Boote auf stürmischer See' ihre Liebhaber fanden.
Sein Nachbar hingegen, das war der richtige Maler mit dem Simsonschmuck,
mit dem schiefgesetzten Schlapphut darüber. je weniger Wolfert
aus inneren Qualitäten berechtigt war, sich Maler zu nennen,
um so eindrucksvoller suchte er den Typus eines solchen in seinem
Ä
ußeren darzustellen. Da er aber sonst ein gescheiter
junge und deshalb schon längst zur Einsicht gekommen war,
daß er seine Bilder nur malte, um mit ihnen die dunkleren
Zimmerwände seiner Verwandten zu füllen, hatte er sich,
um bei der Kunst mitsprechen zu dürfen, der Kritik ergeben,
die ihn im Verein mit den Zinsen eines beträchtlichen Vermögens
angenehm ernährte. Er war im Widerspruch zum Wesen der Kritik
eine gutmütige Natur, ein fröhlicher Gesellschafter.
Wie eine Biene die Blumen, so umschwärmte er die jünger
der Kunst, um von ihrem süßen Ruhm ein Quentchen in
die eigene Zelle zu tragen. Und den anderen war es recht. Diese
Biene hatte keinen Stachel. Besonders an Storm hing Wolfert mit
einer abgöttischen Verehrung. Sooft ein neues Bild dieses
begabten Künstlers zur Ausstellung gelangte, versorgte Wolfert
alle Zeitungen, Wochenblätter und Monatsschriften, zu denen
er sich in Beziehung setzen konnte, mit ausführlichen Artikeln,
die insgesamt, obgleich jeder einzelne mit einem anderen Buchstaben
des Alphabets unterzeichnet war, eine innere Verwandtschaft bekundeten
durch den häufigen Gebrauch der beiden Worte 'pastös'
und 'genialisch'.
Er war es auch gewesen, der Storm mit Drängen und Bitten
veranlaßt hatte, an dieser Fahrt teilzunehmen, um in den
winterlichen Bergen ein junggeselliges Weihnachten zu feiern.
Seltsamerweise war er bei dem Künstler, der solchen Einladungen
seiner Freunde sonst gerne Folge gab, anfangs auf hartnäckigen
Widerstand gestoßen, als der Königssee als Ziel der
Fahrt genannt wurde. Wenn Storm am Ende dennoch einwilligte, tat
er es nur, um Wolfert nicht zu betrüben, der mit seiner Einladung
nur die selbstlose Absicht verfolgte, den Künstler von der
unermüdlichen Arbeit loszureißen, die ihn vor der Zeit
altern ließ. Drum hatte auch Wolfert, seit sie in Reichenhall
zusammen den Schlitten bestiegen, unter Beihilfe der beiden anderen
alles Erdenkliche versucht, um einen fröhlichen Blick in
die ernsten Augen des Freundes zu zwingen.
Mehr Aufmerksamkeit als für die Späße und Anekdoten
seiner Reisegenossen hatte Storm für die funkelnde Winterlandschaft,
die sich in fleckenlosem Gewande gegen die massigen Berge hob,
durchwoben von steilen Fichtenhängen in schwärzlichem
Grün, von schroffen Felswänden mit grauen, scharfen
Konturen.
Lange schon lag Berchtesgaden hinter ihnen. jetzt fuhren sie vorüber
an den kleinen Häusern von Unterstein, vorüber an Schloß
Schoren, an dessen Mauern die Hirschgeweihe den Schnee in großen
Ballen auf den zackigen Kronen trugen. Nun polterte der Hufschlag
auf der Brücke, unter der die schäumende Ache zwischen
beeisten Ufern rauschte. Der Kutscher ließ seine Peitsche
knallen, und unter einem letzten Klingen der Schellen hielt der
Schlitten vor dem Schiffsmeisterhaus zu Königssee.
Die Wirtsleute kamen, und Wolfert reichte ihnen die Decken und
Pelze, während Möhler schon aus dem Schlitten sprang.
"
Alle Wetter! Seht nur! Der See ist gefroren. Hätt'
ich eine Ahnung gehabt, ich hätte meine Schlittschuhe mitgeschleppt!"
Wohl war die Eisfläche überschneit; an vielen Stellen
aber hatte der Wind den Schnee davongeweht, und da dehnte sich
das Eis wie ein blankgeschliffener Smaragd, so durchsichtig, daß
man die schimmernden Steine und die algenüberwachsenen Storren
gewahren konnte, die umherlagen auf dem moosigen, nicht allzu
tiefen Grund.
Möhler trat auf einen Schuppen zu, vor dem vier Kähne
ü
ber lange Holzböcke gestürzt waren, um durch den
Schiffsmeister von den Wunden geheilt zu werden, die sie aus dem
strapaziösen Sommerdienst davongetragen.
"Seit wann ist der See zugefroren?"
"Seit a zehn a zwölf Tag vielleicht", gab der Schiffsmeister
zur Antwort.
Nun kamen auch Wolfert und der kleine Bodenstein, während
Storm auf der Steinterrasse vor der Gaststube stehenblieb und
emporschaute zu den sonnbeschienenen Schneebergen.
"Und reicht das Eis noch tiefer in den See?"
"Ja, 's ganze Wasser is zua."
"Kann man das Eis begehen?"
"Ohne Sorg. Dös tragt an vierspännigen Wagen. Da
schaugn S', da kommt grad der Knecht von Barthlmä aussi.
"
Die drei Freunde sahen neben der Insel Christlieger, die den Ausblick
auf den inneren See versperrte, die Gestalt eines Burschen auftauchen,
der sich windschnell dem Ufer näherte. Er stand auf einem
schmalen Schlitten und handhabte zwischen den gespreizten Beinen
einen langen Stock, mit dem er sich in kräftigen Stößen
ü
ber die Eisfläche stachelte.
"Das geht ja wie geblasen!" meinte der kleine Bodenstein,
als der Bursch mit einem Ruck den fliegenden Schlitten parierte
und ans Ufer sprang. "Hören Sie, mein Bester, da haben
Sie ja die reine Geschwindigkeitskutsche."
"Was?" lachte der Bursch. "A Gutschn? Dös
is a Boanschlittn!"
"A Boanschlitten?" imitierte Bodenstein.
"Ja, wissen S', so hoaßt ma'n halt, von wegn die Boaner."
Der Bursche hob den Schlitten, die geschnäbelten Kufen nach
oben drehend, und deutete auf die glattgeschliffenen Knochenstücke,
die an den Enden jeder Kufe in das Holz eingelassen waren.
"Ne, das ist zu schön! Stellen Sie das Ding mal wieder
her! Das muß ich probieren!"
Schmunzelnd schob der Bursch den Schlitten auf das Eis. Bodenstein
stieg auf das Brett, ließ sich den Stachel reichen, nahm
ihn zwischen die Beine, holte zu einem kräftigen Stoße
aus, und - plumps, lag er hinter dem umgekippten Schlitten auf
dem Else. "Die Geschichte scheint ihre Schwierigkeiten zu
haben!" philosophierte er, während er sich erhob und
seine Schattenseite rieb.
Möhler und Wolfert lachten.
"Dös hab i ma glei denkt!" versicherte der Bursch,
während er den Schlitten aufrichtete. "Wissn S', so
was muaß ma halt aa kinna. Gengen S' her da!" Er faßte
den kleinen Bodenstein am Arm, drückte ihn auf den Schlitten
nieder und hob ihm die Füße auf die Schnäbel der
Kufen. Dann sprang er hinten auf das Brett - und dahin ging's
im fliegenden Saus.
Nach wenigen Sekunden war der Schlitten hinter Christlieger verschwunden,
nun kam er auf der anderen Seite der Insel zum Vorschein und flog
dem Ufer zu, wobei der kleine Bodenstein jubelnd sein elegantes
Hütl schwang. "Kinder! Kinder! Ich hab ne gottvolle
Idee! Erst wollen wir essen, tüchtig, dann wollen wir solch
einen fidelen Rutsch nach Bartholomä in Szene setzen! Was?"
Der Vorschlag fand Beifall. Als aber Möhler schon auf den
Schiffsmeister zugegangen war, um die Schlitten zu bestellen,
wandte Wolfert ein, daß man vor einer Abmachung auch Storm
um seine Zustimmung hätte fragen sollen.
"Was soll er dagegen haben?" meinte Bodenstein. "Und
dann, wir sind in der Majorität. Er muß!" Als
sie hinaufkamen in die Gaststube, nickte Storm, als hätte
er gegen den beschlossenen Plan nichts einzuwenden.
Plaudernd vertrieben sie sich die nächste Stunde, bis der
Tisch gedeckt wurde für ein gutes, ausgiebiges Mittagessen.
Noch war die letzte Schüssel mit dem appetitlich gelben Kaiserschmarren
nicht geräumt, als der Schiffsmeister in die Stube trat.
"Wie steht's, meine Herren? Soll i die vier Schlitten richtn
lassen?"
"Drei Schlitten werden genügen", sagte Storm.
"Wieso?" fuhr Wolfert auf.
"Für euch! Ich fahre nicht mit."
Dreistimmiger Widerspruch.
"Aber Storm", jammerte Wolfert, "ich meine doch,
du hättest deine Zustimmung längst gegeben."
"Meine Zustimmung, daß ihr euch dieses Vergnügen
gönnen sollt. Von mir war nicht die Rede."
Nun wollten die andern auch nicht fahren, wenigstens Möhler
und Wolfert versicherten es; der kleine Bodenstein schnitt ein
verdrießliches Gesicht.
"Wenn ihr mir den Rest meiner Laune nicht gründlich
verderben wollt", sagte Storm, "so nehmt auf mich keine
Rücksicht. Fahrt nur! Und seid versichert, daß ich
mir die Zeit leidlich vertreiben werde."
Bodenstein meinte: "Schließlich werden wir auch keine
Ewigkeit ausbleiben. Sagen Sie mal, Herr Meister der Schiffe,
wie lange kann denn die Geschichte dauern?"
"In zehn Minuten san S' leicht in Barthlmä, und in zehne
wieder heraußn aa."
"Na also! Wir haben jetzt zwei Uhr dreißig. Rechnen
wir eine Stunde, um uns in Bartholomä etwas aufzuwärmen.
Na, so sind wir bis vier Uhr lange wieder da."
"So laß i halt die drei Schlittn richten! Pelz und
Deckn habri die Herrn scho selber? Nehmen S' nur mit, was da is,
bei dera scharfn Bewegung macht's an schneidign Luft."
Der Schiffsmeister ging, und die vier Freunde folgten ihm ans
Ufer.
Da standen bereits die Schlitten auf dem Eis, und bei jedem ein
Führer, den langen Stachel in Händen. Es waren zwei
junge Burschen und ein älterer Mann mit einer scharfen Nase,
mit buschigen Brauen und einem lang herunterhängenden grauen
Schnurrbart.
Als Storm den Alten erblickte, flog's wie leichte Blässe
ü
ber sein Gesicht, und er ließ kein Auge mehr von ihm.
Als die Schlitten zur Abfahrt bereit waren, ging er auf den Alten
zu und fragte: "Wie heißen Sie?"
"Mickei hoaß i."
"Mickei Weindler?"
"Ja, Herr! Woher kennen S' mi denn?"
"Von früher her." Storm trat von dem verwundert
dreinschauenden Alten auf seine Freunde zu, um ihnen gute Fahrt
zu wünschen.
Während die Schlitten davonflogen, einer hinter dem andern,
richtete Storm an den Schiffsmeister die Frage: "ist denn
Weindler hier in Königssee zu Hause?"
"Ja. Sell drobn am Berg dös Häusl, dös gheart
eahm."
"Er hat sich hier angekauft?"
"Ah na! Hergheiret hat 'r, scho vor a zwanzig Jahr. Dö
zwoa Burschn, dö mit die andern Schlittn fahrn, dös
san seine Buabn. No ja, und da weard der älter grad so an
zwanzg Jahr sein."
Storm wandte sich ab.
"Und er hätte doch mehr Ursache gehabt, nicht zu vergessen!"
Die vergnügten Freunde waren auf ihren Schlitten an der Insel
Christlieger schon vorbeigeflogen und näherten sich der senkrecht
in den See abfallenden Falkensteinwand.
"Halt!" rief Wolfert seinem Schlittenlenker zu.
"Nanu, was ist denn los?" schalt der kleine Bodenstein.
Wolfert hatte die Pelzdecke von seinen Füßen gezogen
und brachte einen Topf zum Vorschein, den er seinen Gefährten
mit triumphierendem Lächeln entgegenhielt. "Wißt
ihr, was dieser Topf enthält? Unser Elixier! Ölfarbe!
Die schönste schwarze Farbe! Ja, nun staunt ihr über
mein Genie! Ich sah den Topf unter einem der reparierten Kähne
stehen, und da schoß mir der genialische Gedanke durch das
Hirn, daß wir mit Hilfe dieses edlen Topfes und dieses noch
edleren Pinsels der staunenden Nachwelt ein Gedenken an diesen
bedeutungsvollen Tag vererben könnten."
Noch wußten die beiden andern nicht, was das bedeuten sollte,
als Wolfert schon den Schlitten an die Felswand schob, den Pinsel
schwang und auf das Sitzbrett stieg.
"Ne, so was!" spottete der kleine Bodenstein. Das scheint
der reine Kiselack zu werden!"
Wolfert ließ sich nicht irremachen. Mit flinken Strichen
konturierte er auf dem weißgrauen Stein einen mächtigen
Bierhumpen und malte darum mit dicker Farbe den schwarzen Grund
eines Wappenschildes.
"Gott, wie pastös!" lachte Bodenstein.
"Das liegt so in meiner Mache", gab Wolfert gutmütig
zur Antwort und schrieb an die Felswand: Weihnachten 1879.
So war's auch den andern recht, und als Wolfert von seinem improvisierten
Malstuhl wieder auf das Eis sprang, taten sie ihm den Gefallen
und sagten ihm alles Lob um dieses Einfalles willen.
Wieder flogen die Schlitten.
Kaum eine Minute hatte die Fahrt gedauert, als der Alte, der mit
dem kleinen Bodenstein vorausfuhr, unter einem Fluch den Stachel
ü
ber die Eisdecke schrillen ließ, daß der Schlitten
mit einer jähen Kurve zur Seite flog. "Fahrts ummi!
Fahrts ummi!" rief er den zwei Buben über die Schulter
zu, während er seinen erschrockenen Passagier am Arm faßte,
damit er bei der heftigen Wendung nicht vom Schlitten geschleudert
würde.
"Hören Sie, was war denn das?" fragte Bodenstein,
als es schon wieder dahinging in gerader Fahrt.
"No, da waar ma schiergar einigfahrn in a Loch."
"Ein Loch? Ich habe kein Loch gesehen."
"Ja, wissn S', zuadeckt is der Eisboden no allweil, abr höchstris
so dick wier a Daam. Ma siecht's grad, weil 's Eis nett so liacht
is wia außn umanand."
"Wie kommt das? Hier ist doch alles fest gefroren."
"Muaß dengerst's Quellwasser von unt auffi steign!
No, Sie, da wann i d' Reiben nimma dermacht hätt, da hätt
ma roasn kinna bis aba. So a siebnhundert Schuach!"
Fröstelnd wickelte sich Bodenstein in seinen Pelz. "Ne,
für so nen Reinfall dank ich!"
Die unbehagliche Stimmung, die dieser Zwischenfall in ihm wachgerufen,
schwand bald wieder. Die Künstlernatur war es, die ihm darüber
weg half. Als sein Auge forschend hinschweifte über das herrliche
Bild, das sich desto weiter vor ihm auftat, je mehr sie der Seemitte
zueilten, fragte er sich, was wohl die Menschenseele mächtiger
erfasse, das wogende stürmische Meer mit dem wetternden Gewölk
darüber, an dessen Wiedergabe er so oft sein Können
schon gemessen, oder die stumm erhabene Schönheit, die sich
hier vor seinem Blick emporbaute in den winterklaren Himmel?
Weit drüben am Ufer, das sich mit einem dünnen schwarzen
Strich hinzeichnete zwischen Eis und Schnee, lag das Schloß
von Bartholomä, das nur zu sehen war, weil sich von den weißen
Mauern und unter dem beschneiten Dach die Fenster so dunkel abhoben.
Steil reckten sich die Berge aus dem schimmernden Grund, und das
schroffe, schluchtendurchfurchte Haupt des Watzmann blickte stolz
und unnahbar herunter aus seiner eisigen Höhe, alle Spitzen
und Kuppen beherrschend wie der Riese die Zwerge.
"Hojoh! Hojoh!"
Der alte Mickei rief es, als die Schlitten zu Bartholomä
an die schräge Bretterlände fuhren.
Bald saßen die drei Freunde in der Försterstube um
den weißgedeckten Tisch. Hier war es heimlich und gemütlich,
es plauderte sich behaglich, und das machte eine nette Stimmung,
daß mitten ins Reden und Lachen die Zither klang, die einer
der Jagdgehilfen auf den Knien hielt.
Die Zeit verging ihnen, sie wußten nicht wie. Als Wolfert
bei einem Blick auf die Uhr mit Schrecken bemerkte, daß
die beabsichtigte Dauer des Aufenthaltes lange schon überschritten
war, tat es auch den anderen leid, daß sie des einsamen
Freundes so sehr vergessen konnten.
Mit aller Eile wurde die Abfahrt betrieben. Als sie dem Ländeplatz
zuschritten, sah der kleine Bodenstein besorgt hinaus über
das Eis, von dem schon der graue Abendnebel aufzuqualmen begann.
Er fragte den Schiffer, ob dieser Nebel nicht eine Gefahr für
die Heimfahrt brächte. Der Alte tröstete lachend: "Der
tuat uns nix! Da bin i scho hundertmal aus und eini gfahrn bei
am Nebl, den ma hätt schneidn kinna wia 's Brot."
Sie nahmen die Plätze auf ihren Schlitten ein, und Bodenstein
mit dem alten Mickei eröffnete wieder den flinken Zug.
Je weiter sie in den See hineinkamen, desto dichter wurde der
Nebel.
Die Hälfte der Fahrt war schon zurückgelegt, und nun
ging es gegen die Falkensteinwand.
Da ließ der kleine Bodenstein plötzlich seinen Schlitten
parieren und rief den Nachfolgenden zu, ein gleiches zu tun und
sich lautlos zu verhalten. "Mir war, als hätt ich einen
Menschen rufen hören. Hier auf dem See. Nicht weit vor uns."
Sie lauschten. Da klang ihnen aus dem Nebel ein Geräusch
entgegen, ein Knacken wie von brechendem Eis.
"Moan schier, es müaßt am selbigen Platzl sein",
flüsterte Mickei, "wissn S', Herr, wo mer so gach ummagfahrn
san. Kon leicht Gambs oder a Stuck Wild einigfallen sein, dös
ü
bern See hätt umma mögn."
"Nein, nein! Es ist ein Mensch! Hört nur!" stieß
Möhler in Erregung hervor.
Wieder lauschten sie und vernahmen ein mattes Stöhnen und
Rufen.
"Was stehen Sie noch? Mensch! Fahren Sie zu!" schrie
Bodenstein den alten Mickei an.
"Ja, zuafahrn, dös is glei gsagt!" brummte der
Alte, während er den Schlitten in Bewegung setzte. "Obacht
gebn müassen mer allweil, daß mer net aa no einirumpeln."
"So geben Sie Obacht! Aber fahren Sie! Schneller!" Näher
klang das Krachen und Brechen, näher auch jenes Rufen und
Stöhnen. Nun gewahrte man durch den Nebel auf dem Eis ein
dunkles, sich regendes Etwas, deutlicher trat es hervor, ein Menschenkopf
und zwei Arme, die sich über die Ränder einer von schwankendem
Wasser überspülten Eiskluft spannten.
"Um Gottes willen! Storm! Storm!"
Noch war der Schlitten nicht völlig pariert, da hatte Bodenstein
bereits den Pelz von sich geworfen und eilte über das Eis
bis zu jener Stelle, wo die dunklere Färbung und das anspülende
Wasser jeden weiteren Schritt als todbringende Gefahr bezeichneten,
nicht nur für ihn selbst, mehr noch für den Verunglückten,
den er retten wollte.
Den Schiffern und seinen zwei Freunden, die jammernd herbeikamen,
rief er zu, sie sollten zurückbleiben, da sonst das Eis übermäßig
belastet würde. Diese Stimme hatte einen Ton, der sich Gehorsam
erzwang. Aus dem eleganten, zierlichen Dandy, dem man höchstens
die Kraft zugetraut hätte, enge Handschuhe ein- und aufzuknöpfen,
war ein mutiger und entschlossener Mann geworden. Mit raschem
Blick überflog er die Unglücksstelle. Als er sah, wie
bei jeder Bewegung, die Storm mit den Armen machte, um sich aus
dem Wasser zu heben, das Eis brach und bröckelte, rief
er ihm zu: "Bleibe, Storm, bleibe, wie du bist! Rege dich
nicht mehr!"
"Es hat Eile, Lieber!" klang die stöhnende Antwort.
"
Mich verläßt die Kraft. Ich erstarre."
"Eine Minute, Storm, und alles ist gut." Zu den andern
sich zurückwendend, rief Bodenstein: "Mickei! Die Stöcke!
Die drei Stöcke! Möhler, du komm! Aber vorsichtig!"
Er hob die Hände, um die langen Stöcke zu fassen, die
der Alte ihm reichte. Auf beide Knie sich niederlassend, rollte
er den stärksten dieser Stöcke über das vom Wasser
ü
berronnene Eis. "Faß ihn, Storm, und lege dich
mit den Armen darüber! So, nun komm ich!" Er streckte
sich der Länge nach aus, wobei er die beiden andern Stöcke
quer unter die Brust schob, um das Gewicht seines Körpers
auf eine größere Fläche zu verteilen. " Mickei!
Möhler! Legt euch nieder auf das Eis! Und faßt mich
bei den Füßen!"
Langsam und vorsichtig, ohne des kalten Wassers zu achten, das
ihm durch die Kleider drang, wand er sich vorwärts über
die knisternde Eisdecke. Nun streckte er die Hände, aber
es wollte nicht reichen. Ein Ruck, und noch einer - nun ging es,
nun konnte er mit festem Griff die Handgelenke des Freundes umfassen.
"Na also, Stormchen! Siehst du, es geht ja! Wenn ich nu Hopp
sage, dann versuch, dich ein wenig in die Höhe zu schwingen!
Und ihr beide da hinten zieht dann mal recht feste an!"
Noch einmal rückte und spannte er die Finger, um festeren
Halt zu bekommen.
"Uffjepaßt! - - Hopp!"
Wohl knackte und krachte die Eisdecke, doch es verblieb ihr keine
Zeit, um zu brechen. Mit dem Aufgebot ihrer bis zum äußersten
gesteigerten Kraft schleiften Möhler und Mickei den kleinen
Bodenstein und den aus dem Wasser gerissenen Storm über die
rollenden Stöcke dem festeren Grunde zu.
Das wäre ein Bild zum Lachen gewesen, wenn es hier nicht
so bitter ernst um Tod und Leben gegangen wäre.
Es waren scherzende Worte, mit denen Bodenstein sich erhob, während
Möhler und Wolfert den halb erstarrten Storm aufrichteten;
nur am Ton seiner Stimme merkte man, daß ihm die Späße
nicht recht von Herzen kamen. Kaum stand er auf den Füßen,
da streifte er flink mit den Händen das Wasser von seinen
Kleidern und ließ seinen Pelz und die Decken der andern
holen, um Storm damit einzuwickeln, nachdem er ihm den triefenden
Paletot, den Rock und die Weste vom Leib gezogen.
Storm vermochte kein Wort zu reden. Er war einer Ohnmacht nahe.
Schauernd am ganzen Körper, sank er auf den Schlitten. Wolfert
und Möhler stützten ihn zu beiden Seiten, und so schoben
die zwei jungen Burschen den Schlitten vorwärts, während
Bodenstein sich von Mickei in jagender Eile vorausfahren ließ,
um für Storm im Schiffsmeisterhaus ein Zimmer wärmen
zu lassen.
Stunden waren vergangen.
In einer freundlichen Stube, die von einer kleinen Lampe erhellt
war, saßen Wolfert, Möhler und Bodenstein - der letztere
in Kleidern, die ihm der Schiffsmeister zur Verfügung gestellt
- um einen Tisch, der eine dampfende Punschbowle trug. Sie sprachen
kein Wort, und wenn der eine oder der andere sein Glas füllte,
vermied er jedes Geräusch. Es stand der Tisch vor dem Bett,
auf welchem Storm in tiefem Schlafe ruhte. Starr lagen sein Kopf
und seine Hände; nur über die Augenlider flog von Zeit
zu Zeit ein leichtes Zucken, und manchmal schien es, als hätte
er leise, wie im Traume redend, die Lippen bewegt.
Einen solchen Weihnachtsabend hatten die drei am Mische nicht
erwartet, als sie in den Schlitten gestiegen waren. Aber alles
wollten sie hinnehmen, wenn der unbegreifliche Vorfall für
Storms Gesundheit nicht von nachteiligen Folgen wäre.
"Nun hat er den Kopf gewendet!" flüsterte Wolfert.
"
Vielleicht ist er erwacht."
Sie lauschten. Storm regte sich nimmer. Seine Augen konnten sie
nicht sehen, er hielt das Gesicht gegen die Wand gedreht.
Die ganze Zeit über hatte Wolfert sich Vorwürfe gemacht,
daß er so rat- und tatlos gestanden, als es gegolten hatte,
den Freund vom Tode zu retten. Er fühlte den Drang, seinen
guten Willen wenigstens durch etwas zu betätigen, griff nach
seinem Glas und sagte flüsternd: "Kommt, laßt
uns die Gläser zusammenhalten mit dem Wunsche, daß
unser lieber Freund gesund und frisch aus dem Schlafe erwache!"
"Ich danke für diesen Wunsch!" Das Gesicht wendend,
sah Storm mit freundlichem Blick auf die drei jungen Leute, die
in freudigem Schreck von ihren Stühlen sprangen.
Schon hatte Wolfert seine Hände gefaßt. "Gott
sei Dank, daß ich dich wieder sprechen höre! Wie fühlst
du dich? Ist dir wohl?"
"Ja. Ganz wohl. Nur müde fühl ich mich noch. Todmüde.
Auch drückt mich noch die Erinnerung an die entsetzlichen
Minuten, die ich verlebte. Und die Erinnerung an alles andere!"
Storm richtete sich in den Kissen auf und reichte dem kleinen
Bodenstein die Hand. "Deinem Mut und deiner Entschlossenheit
habe ich es zu danken -"
"Na, na, nur jetzt keine lange Rede! Wenn nicht die beiden
andern so energievoll an meinen verehrlichen Beinen gestrippt
hätten, ich alleine hätte dich auch nicht herausgelotst.
Sag mir lieber, was dich zu dieser unangenehm verlaufenen Eispromenade
veranlaßt hat?"
"Was mich veranlaßte?" Ein Schatten von Schwermut
legte sich über das Gesicht des Künstlers. "Ich
stand am Ufer. Und da zog es mich zu jener Stelle! - Ist einer
von euch schon einmal weggestiegen über eine steile, zu bodenloser
Tiefe sich senkende Felswand? Wenn da der Fuß von dem spärlichen
Raum, der sich ihm bietet, ein Stück des Gesteines löst,
wenn es hinunterspringt über Schroffen und Riffe, polternd,
rasselnd und sausend, so zieht es unwiderstehlich die Augen des
Steigers nach sich. Er neigt sich von der Felswand, er reckt den
Hals, um weiter und weiter mit seinem Blick die springenden, singenden
Splitter auf ihrem grausigen Wege zu verfolgen. Und er fühlt
ein seltsames Etwas, wie ein Winken und Locken aus der Tiefe.
Ihr seht mich verwundert an? - Wolfert, gib mir zu trinken!"
Storm leerte das Glas auf einen Zug. Dann ließ er sich halb
in die Kissen sinken und sah zu dem flimmernden Lichtkreis hinauf,
den die Lampe an die Stubendecke warf.
"Es ist eine kurze Geschichte - die Geschichte nur weniger
Stunden - und doch die Geschichte meines ganzen einsamen Lebens.
jene Stunden lasten auf mir noch heut. Als unter meinem Schritt
die Eisdecke brach, gewiß, ich hätte nicht auf eure
Hilfe zu warten brauchen, meine eigene Kraft hätte genügt,
um mich wieder emporzuarbeiten - wenn nicht jene Erinnerung gewesen
wäre, die mich niederdrückte, mich wie mit eisigen Händen
zur Tiefe zog."
Schwer atmend schwieg er eine Weile; dann sprach er weiter.
"Im Juni sind es dreiundzwanzig Jahre gewesen. Ich stand
in meinem letzten Akademiesemester. Ein fleißiger Junge
war ich immer, aber gerade in jenem Monat hab ich mir keine Stunde
Ruh vergönnt, bis mich schließlich das Übermaß
der Arbeit zwang, wenigstens für einige Wochen Stift und
Pinsel aus der Hand zu legen. Ich wanderte in die Berge. Es war
eine schöne, schöne Reise, auf der ich vieles mit neuen
Augen ansah, was ich auf früheren Fahrten nur mit halben
Blicken erfaßt hatte. Die letzten Tage der mir vorgesteckten
Zeit verbrachte ich in der Ramsau. Von hier aus wollte ich noch
für einen Tag den Königssee besuchen und dann zurückkehren
zu meiner Arbeit. Es war ein entzückender Morgen, an dem
ich zu Ilsank den Steg überschritt und herwanderte durch
den Schapbacher Forst, der noch im tiefen Frühschatten lag.
Als ich heraustrat auf das Schönauer Feld und dieses herrliche
Gebirge vor mir liegen sah, den Untersberg, den Göhl, das
Brett, den Jenner, da ging mir das Herz auf. Singend schlenderte
ich meines Weges, bis ich auf der Höhe von Winkel stand,
wo ich den See schon heraufschimmern sah durch die Bäume
und mir zu Füßen die Ache rauschen hörte. Mächtig
zog es mich ins Tal hinunter, und ungeduldig stieg ich über
den schmalen steinigen Pfad - bis ein Bild meinen Fuß bannte,
ein Bild, das ich einsog in meine Seele. Ich weiß nicht,
ob ich es euch mit Worten werde schildern können. Ja, wenn
ich die Leinwand vor mir hätte!"
Storm blickte wie in weite Ferne.
"Es war eine alte, moosumwachsene Ulme, unter der ich stand,
verdeckt von ihren niederhängenden Zweigen. Vor mir ein Wiesengrund,
auf dessen Gräsern der Tau blitzte im gelben Schein der Morgensonne,
die hinter den Bergen herauftauchte. Ein Teil der Wiese war frisch
gemäht. Vom Wege war die Grasfläche geschieden durch
eine Haselnußhecke. In ihrem spärlichen Schatten stand,
wie zu kurzer Rast auf den Schaft einer Sense sich stützend,
ein junges Mädchen. Dicke blonde Flechten umrahmten den feinen
Kopf. Ein kurzärmeliges Hemd, ein braunes schmalfaltiges
Röckl. So stand sie, von der Sonne abgewendet. Ihr Gesicht
und ihre ganze Gestalt waren überhaucht von blauduftigem
Morgenschatten. Nur über das Haar, über den schlanken
Hals und über die Rundung des feinen Körpers zog sich
ein schimmernder Lichtstreif."
"Storm?" warf Wolfert beklommen ein. "Schilderst
du nicht das Bild, für das du damals den großen Akademiepreis
erhieltest?"
Storm nickte. ja. Damals glaubte ich, mir dieses Bild von der
Seele malen zu können. Und hab es mir nur tiefer noch hineingemalt!
Was hätt ich in späteren Jahren, was hätt ich an
jenem Tage noch dafür gegeben, wenn ich blind meines Weges
gegangen wäre, anstatt mich zu stillem Schauen hinter die
Zweige jener Ulme zu stellen! Als ich endlich hervortrat, zog
das Mädchen errötend die Falten des Hemdes näher
an den Hals; und kurz meinen Gruß erwidernd, schritt sie
der Wiese zu. Lange sah ich ihr nach. Dann stieg ich zu Tal, nichts
anderes mehr vor Augen als dieses Bild! Nun stand ich am See und
hatte keinen Sinn für seine Schönheit. Wie ein Traum
verrann mir Stunde um Stunde. Als ich den Wunsch äußerte,
in einem Nachen hinauszufahren, tat ich es nur, um da draußen
auf dem Wasser, inmitten der stummen Felsen, noch ungestörter
bei meinen Gedanken zu sein. Ich glaubte ein Kielboot mit jenen
Doppelrudern zu erhalten, die ich zu führen verstand. Einen
solchen Kahn gab es nicht. Die Schiffe, die mir gezeigt wurden,
waren Schiffe der gleichen Art, wie sie hier noch heute im Gebrauch
sind - lange, schwerfällige Bretterkästen mit aufgeschnäbeltem
Spitz und Steuerende. Der Schiffer, der einen solchen Nachen zu
treiben hat, steht frei auf dem flachen Steuerbrett und führt
mit beiden Händen das lange, in einem Riemen hängende
Ruder."
"Ich kenne das", fiel Möhler ein, "es bedarf
wochenlanger Übung, um die Bewegungen eines solchen Schiff
es in seine Gewalt zu bekommen."
"Als ich dem Schiffsmeister bemerkte, daß ich es nicht
verstünde, in solcher Art zu rudern, sagte er, daß
er mir jemand mitgeben würde, und lief davon. So war es nicht
meine Absicht gewesen. Eben sann ich über eine Ausrede nach,
als ich den Schiffsmeister kommen sah, an seiner Seite das Mädchen,
dessen Bild mich nicht mehr verlassen hatte. Das änderte
meine Absicht. Klopfenden Herzens stieg ich in den Nachen. Auch
das Mädchen erkannte mich wieder. Sie nickte mir, als sie
das Ruder aufnahm und in den Riemen schob, einen lächelnden
Gruß zu, stieß den Kahn von der Lände und lenkte
ihn mit geübten und kräftigen Armen durch das rauschende
Wasser. Fest und sicher stand sie am Steuer. Sie trug das gleiche
braune Röckl wie am Morgen, das, bei jedem Ruderzuge voranschwankend,
die beiden Füße sehen ließ, die in hohen, geschnürten
Schuhen staken. Die Brust war umschlossen von einem schwarzen,
eng anliegenden Wams mit rotem, grün umrändertem Schild.
Ein kleines blumenbesticktes Hütl saß zierlich auf
den blonden Flechten. Nachdem ich sie eine Weile stumm betrachtet
hatte, begann ich um allerlei Dinge zu fragen, um die Bergwege,
um die Verhältnisse des Fremdenverkehrs, um ihre Heimat und
ihren Namen. Es war eine hübsche, anheimelnde Sprache, in
der sie ihre knappen Antworten erteilte. Sie hieß Nannei
und war die jüngste Tochter eines Bauern, zu dessen Hof jener
Wiesengrund gehörte, auf dem ich sie am Morgen gesehen hatte.
Gleich den Burschen und anderen Mädchen stellte auch sie
sich an schönen Tagen zum Schifferdienst, bei dem ein gutes
Stück. Geld zu verdienen war. Und ob sie schon einen Schatz
hätte? Sie lachte. Was täte denn ich mit einem Schatz?'
So sagte sie - ich kann die Art ihrer heimatlichen Sprache nicht
wiedergeben, auch nicht den Ton, in dem sich schalkhafter Spott
mit leichter Verlegenheit mischte.
'Was täte denn ich mit einem Schatz?' So sagte sie und fügte
kichernd bei: 'Die Buben sind nichtsnutzig. Man darf diesen Lugenschüppeln
kein Stündl weit glauben.'
Ich erwiderte, daß es damit doch nicht so schlimm stünde.
Auch ihrem Leugnen könnte ich keinen Glauben schenken. Erstens
wäre sie bei meiner Frage gar zu rot geworden und zweitens
wäre es ganz undenkbar, daß ein so hübsches Mädel
unter den vielen, die sich gewiß um ihre Gunst bemühten,
nicht einen einzigen fände, der ihr taugen möchte.
Sie hob die Schultern und schmunzelte.
'Kommt es dir denn so spaßhaft vor', fragte ich, 'wenn ich
dir sage, daß du hübsch bist? Das wirst du wohl oft
genug hören?'
Sie blickte der Richtung zu, nach der sie den Nachen lenkte. 'Mein
Gott, die Leut reden viel, wenn der Tag lang ist, die Stadtleut
besonders. Die haben auch Zeit dazu. Und keck sind sie auch genug.''
'0 die armen Stadtleut!' sagte ich. 'Auf die bist du, wie es scheint,
nicht gut zu sprechen. Aber auch dir wird mancher von ihnen böse
sein, wenn er fortgeht von hier und immer an das schöne Mädel
denken muß.'
'Die Stadtleut haben kein so langes Denken!' lachte Nannei. 'Wär
wirklich einer so närrisch, den möcht ich wohl kennen!'
'Sieh mich an, dann kennst du einen solchen.'
Mag es der Sinn meiner Worte gewesen sein, der das Mädel
stutzen machte, oder die Erregung, die aus meiner Stimme sprach
- Nannei stellte das Ruder und sah mir mit großen Augen
ins Gesicht.
'Nun hab ich dir einen Wunsch erfüllt', sagte ich, 'nun bist
du in meiner Schuld. Du könntest diese Schuld leicht abtragen,
ein Kuß von dir würde sie wett machen.'
Da huschte um Nannels Mund ein Zucken, das für mich nicht
schmeichelhaft war. Kräftig tauchte sie das Ruder ins Wasser.
Bei uns zu Lande küßt man nur an hohen Feiertagen.
Es ist noch lang bis zum nächsten.'
'Ich habe Feiertag, solang ich dich sehe. Und wenn du so sparsam
bist mit dem Geben, könnt es sein, daß ich mir den
Kuß nehmen möchte.'
'Wie es in der Stadt ist, weiß ich nicht. Bei uns daheraußen
ist mögen und können noch allweil zweierlei gewesen'
'Das meinst du wohl?' Ein Sprung, ich stand vor dem Mädel,
umschlang sie mit beiden Armen und drückte ihr Kuß
um Kuß auf Mund und Wangen.
Als ich sie lachend wieder freigab, hatte sie ein brennendes Gesicht
und hatte Tränen in den Augen.'Ich tät mich schämen!'
stieß sie hervor, während sie sich abwandte, das Ruder
zu haschen, das aus dem Riemen ins Wasser gleiten wollte.
Wohl überkam es mich jetzt wie Reue. Dem Mädel wollte
ich das nicht zeigen, und so zwang ich mich zu einem spottenden
Lachen.
Nun stand sie wieder am Steuer. Bevor ich ihre Absicht recht verstehen
konnte, hatte sie schon mit raschen Ruderschlägen das Boot
gewendet.
'Was tust du!' fuhr ich auf. 'Weshalb wendest du das Schiff? Ich
wünsche noch weiter zu fahren.'
Sie erwiderte kein Wort. Mit starken Schlägen hob und tauchte
sie das Ruder, daß mich die Tropfen überspritzten.
Wenn die Schaufel Wasser faßte, legte sich Nannei mit dem
ganzen Gewicht ihres Körpers auf die Stange, daß der
Nachen in klatschenden Stößen durch das aufrauschende
Wasser schoß.
Immer wieder rief ich ihr zu, diese sinnlose Kraftprobe zu lassen.
Umsonst! Schon wollte ich aufspringen, um ihr das Ruder aus den
Händen zu winden, als ich vor uns an der Ecke der Falkensteinwand
ein Schiff erscheinen sah. Das zwang mich zur Ruhe. An den Lippen
nagend, starrte ich verdrossen vor mich nieder.
Da hör ich plötzlich ein Krachen, einen Schrei, sehe
die Schaufel des gebrochenen Ruders aus dem Wasser Schießen,
sehe Nannei wanken, sehe sie hinstürzen über den Rand
des Bootes und sehe sie verschwinden in den Wellen, während
der Nachen mit mir davongleitet.
Das Entsetzen lähmte mich. Erst das Rufen und jammern, das
vom andern Schiff herüberklang, brachte mich wieder zur Besinnung.
Da riß ich mir wohl den Rock vom Leib, die Schuhe von den
Füßen und sprang ihr nach in den See. Aber ich war
schon so weit von ihr, so weit! Ich sah sie mit dem Wasser kämpfen,
sinken und wieder auftauchen. 'Mickei! Mickei!' hör ich es
von ihren Lippen gellen. In Verzweiflung spannte ich meine Kraft
aufs äußerste Maß -und da hör ich ihre Stimme
gurgelnd ersticken und sehe das Wasser sich schließen über
den gefaltet erhobenen Händen. Mir sanken die Arme, meine
Füße wurden wie Blei, der blaue Himmel schwand mir
in ein grünes, glasiges Flimmern, in den Ohren klang mir's
wie ein Brausen, Summen und Singen. Dann überkam es meinen
Leib wie süße Wollust."
Verstummend bedeckte Storm das Gesicht mit den Händen. Schweigend
saßen die drei Freunde am Tisch. Im Zimmer hörte man
nur das leise Flirren der dem Erlöschen nahen Lampe.
Storm ließ die Hände sinken.
"Mich haben sie gerettet - die in dem andern Schiff. Welch
ein Mißgriff! Nicht wahr? Und jedem, der es hören wollte,
erzählten sie von meinem Heldenmut. Sie hatten es ja mit
angesehen, alles, wie sie meinten, ganz genau."
Seine Stimme zitterte.
"Das Geschrei der Leute war wie ein dumpfes Dröhnen
in meinen Ohren. So stand ich am Ufer, Stunde um Stunde, in meinen
triefenden Kleidern, wie gelähmt an allen Gliedern, und starrte
immer hinaus auf den See. Jeder Gedanke, jedes Gefühl in
mir war eine sinnlose Hoffnung, als müßte ein Wunder
geschehen, um dieses blühende Leben dem Tode wieder aus den
Klauen zu reißen. Während ich stand und immer noch
hoffte, fuhren sie draußen auf dem See mit Kähnen umher
und suchten mit langen Stangen, mit Netzen und eisernen Haken.
Als es finster wurde, suchten sie beim Schein der Pechpfannen.
Auf dem Schnabel jedes Bootes brannte eine rote Flamme. Die züngelnden,
rauchverschleierten Lichter glitten lautlos durcheinander in der
Finsternis. Oh, diese Nacht, die ich da erlebte!"
Er schwieg. Ein Schauer rüttelte ihm die Schultern.
"Als der Morgen kam, still und grau, fingen sie draußen
auf den Schiffen plötzlich zu schreien an. Sie hatten gefunden,
was sie suchten. Ich stand dabei, als sie die Leiche ans Ufer
trugen. So schön war sie gewesen! Und jetzt! - Schweigend
stand ich, keine Träne in den Augen. Aber da war ein Bursch.
Der jammerte und weinte, daß es einem ans Herz ging. Und
die Leute flüsterten, das wäre der Mickei, der Weindler-Mickei
von der Schönau. Der wäre dem Nannei sein Schatz gewesen,
und so lieb hätte er sie gehabt - der täte sich jetzt
sicher ein Leid an. - Ja! - Knapp ein Jahr später hat er
sich ein Weib mit Haus und Hof genommen. Als er mich heut aus
dem Eise ziehen half, hat er wohl kaum mehr daran gedacht, was
er an dieser gleichen Stelle verlor - durch meine Schuld, wenn
auch nicht durch meinen Willen. Mich - der ich an ihrer Leiche
keine Träne weinte -so trocken waren meine Augen -, mich
trieb es fort wie mit brennenden Geißeln."
Flackernd erlosch die Lampe.
"Nacht! - Seht, wie der Zufall spielt! Mit diesem Lichte
wie mit Herzen und Menschenleben. ich bitt euch, geht! Laßt
mich allein in dieser Nacht. Euch gehört das Glück und
die Jugend. Ihr müßt das Licht suchen. Laßt mich
allein! Tut es mir zuliebe!"
Still erhoben sie sich. Einer nach dem anderen reichte ihm die
Hand. Dann gingen sie. Als sie hinaustraten unter den sternhellen
Himmel, um drüben im andern Haus ihre Zimmer zu suchen, hörten
sie von Berchtesgaden her das Läuten der Glocken.
Christnacht!
Wo sie wohnen sollten, sahen sie zu ebener Erde ein erleuchtetes
Fenster flimmern. Da drinnen stand ein Baum mit brennenden Kerzen.
jubelnde Kinder drängten sich um einen mit Spielzeug bedeckten
Tisch.
Der rote Komiker
Der rote Komiker
Sein Name war Lux. Man sollte diesen Namen mit lateinischen Lettern
schreiben:
LUX - das Licht. Er trug diesen Namen mit Recht. Denn er leuchtete wie
der Tag.
Nein, wie die Morgenröte! So feuerfarben!
Wahrhaftig, er hatte ein brandrotes Fell. Und war ein Dackel.
Ein junger.
Das blieb er auch. Alt ist er nicht geworden.
Sein Schicksal war ihm vorherbestimmt. Er hat es erfüllt. Nach
zwei vergeblichen
Versuchen gelang es ihm. Und das kam so, weil er auf die Welt eine Marotte
mitgebracht hatte, keinem Ding des Lebens aus dem Wege zu gehen. An einem
Menschen nennt man es Mut und Unerschrockenheit - besonders, wenn dieser
Mensch das Glück hat, daß die harten Dinge des Lebens ihm
aus dem Wege gehen.
Doch an dem kleinen Luxerl mußte man dieses wunderliche Beharrungsvermögen
als Dummheit bezeichnen. Unleugbar war es auch eine.
Als wir ihn bekamen, war er noch kaum ein Vierteljährchen alt.
Und so klein!
Meine hohle Hand diente ihm häufig als bequemer Fauteuil. Aber ich
hütete mich
stets, dieses Kunststück übermäßig lange auszudehnen.
Und da wäre nun gleich
eine passende Gelegenheit, um zu registrieren, daß er sich die
Stubenreinheit
niemals völlig aneignete. Nicht aus angeborener Liebe zum Unsauberen.
Er wurde
nur leider für dieses Erziehungsresultat nicht alt genug. Nun ist
er bereits seit
fünfundzwanzig Jahren tot, und man könnte ihn vergessen haben,
ohne den Vorwurf
der Pietätlosigkeit befürchten zu müssen. Doch immer noch,
so oft ich den alten
Smyrnateppich meiner Arbeitsstube sinnend betrachte, muß ich an
den Luxerl
denken. Das hat seine Gründe. Sie sind gelblich.
Diese Farbe erinnert mich wieder an sein Fell. In frühester Jugend
war es zart und
lind wie Samt. Drum streichelte man den Luxerl so gern. Er gewann die
Menschen
nicht etwa durch Seele oder tiefere Geistesgaben, sondern durch den Flaum
seiner
Epidermis. In diesem Punkte hatte er etwas Weibliches, obwohl er ganz
ausgesprochen ein Männchen war. Er verführte und wirkte durch
den Zauber seiner
Haut. So etwas wie Seele hab ich nie an ihm entdeckt. Und bestechende
Geistesgaben besaß er wahrhaftig nicht. Oder es müßte
sein, daß sie noch nicht
entwickelt waren, als er in der Blüte seiner Jugend die Augen schloß.
Er wurde im Februar geboren. Seine Wiege, die ein Korb war, stand in
Wien.
Kurz vor Weihnachten begruben wir ihn. Wir? Nein. Ich weiß nicht,
wer es tat.
Es gibt Zoologen, welche behaupten, daß die Minderwertigkeit eines
Sinnes bei
Tieren die außergewöhnliche Entwicklung eines anderen Sinnes
bedinge. Tiere mit
schlechten Augen haben eine vorzügliche Nase, Tiere mit mangelhaftem
Witterungsvermögen sehen ungemein scharf. Etwas Ahnliches war bei
Luxerl auf
intellektuellem Gebiete zu beobachten. Er war wirklich kein Genie, war
wesentlich
dümmer, als gemeinhin die jungen Hunde zu sein pflegen. Dafür
besaß er aber
einen frühreifen, außerordentlich entwickelten, unbewußten
Humor. Man liebt zu
sagen, Humor wäre eine Quintessenz des sublimsten Verstandes. Vielleicht
ist das
bei den Menschen so. Bei den Dackeln stimmt es nicht. Luxerl bewies es.
Wenn er in seiner brandroten Kleinheit so dastand, mit den dummglotzenden
Augen, mit den hängenden Ohrlappen, mit den verdrehten Beinchen,
die X- und O-
förmig zugleich waren - dann brauchte er an dem starr gestreckten
Schwänzlein nur
die Spitze ein bißchen krumm zu biegen, und man konnte Tränen
lachen.
In Wahrheit ist nichts von ihm zu erzählen. Aber dieses Nichts
war immer so
komisch - so komisch, daß sich über den Luxerl die Redensart
zu bilden begann:
'Das ist doch ein ganz unglaubliches Vieh!'
Neben seinem Humor besaß er noch eine zweite rühmenswerte
Eigenschaft: eine
Gutmütigkeit, die keine Grenzen kannte. Ob man Ball mit ihm spielte,
ob man ihn
auf dem beschädigten Smyrnateppich als Rollwalze in Aktion brachte,
ob ihn unser
kleines, blondes Mädel an einem Ohrlappen, an einer harmonikaförmigen
Hautfalte,
am Schwanz oder an einem der vier ungleichen Beinchen in die Höhe
hob und
herumschleppte - alles ließ er sich gefallen, ohne zu mucksen.
Ein Denker
behauptete, Luxerl wäre so dumm, daß er, obwohl er täglich
alles Eßbare kurz und
klein zernagte, seine Zähne noch immer nicht entdeckt hätte.
Im Juni, als Luxerl vier Monate alt war, übersiedelten wir mit
ihm zur
Sommerfrische an den Königssee. Und wie das kleine rote Kerlchen
da die großen
grünen Berge anbellte - das war eines von den sieghaften Lustspielen
des Lebens.
Am Königssee gab's immer vom Morgen bis zum Abend einen lebhaften
Wagenverkehr. Und da entwickelte sich Luxerl zu einem chronischen
Kommunikationshindernis. Er sperrte die Einfahrt zur Schiffslände,
stellte sich, so
oft ein Wagen heranrollte, mitten auf die Straße hin, blieb da
unerschrocken stehen
und bellte sehr heftig. Nach jeder Bellstrophe schüttelte er energisch
die Ohren, als
wären diese hohen Zanklaute seinem eigenen Trommelfell nicht angenehm.
Die
Pferde waren immer klüger als der Luxerl und blieben barmherzig
vor dem
brandroten Kläffer stehen. Der Rosselenker schmunzelte, die Leute
im Wagen
standen auf und lachten, und dann umfuhr die große Kutsche in vorsichtigem
Bogen
den Luxerl, der das Feld behauptete, sich nur umdrehte und weiter zankte.
Beim nächsten Wagen, der gefahren kam, war's wieder so. Alle Lohnkutscher
von
Salzburg, Reichenhall und Berchtesgaden wurden mit dem kleinen, roten
Komiker
vertraut, huldigten seiner Unerschrockenheit und behandelten ihn nach
dem
berühmten Rezept vom vergeblichen Kampf der Götter.
Einmal aber kam einer, der keinen Sinn für Humor hatte. Ein Metzger
von
Unterstein. Und ehe Luxerl nach der ersten Bellprobe die Ohren schütteln
konnte,
waren schon die zwei Räder über ihn weggegangen. Ein Glück,
daß der humorlose
Metzger nur ein leichtes Berner Wägelchen hatte, dem auch die zarten
Knochen
eines erst halbjährigen Dackels zu widerstehen vermochten! Luxerl überkollerte
sich hinter dem Wagen noch ein paarmal, rannte hurtig und mit eingekniffenem
Schwänzlein davon, schüttelte den weißen Staub aus dem
roten Fell, ließ sich auf
seine Schattenseite nieder und guckte stumm, neugierig und verwundert
dieser
unbegreiflichen Sache nach, die da über sein junges Leben hinweggerattert
war.
Trotz der sorgfältigsten Untersuchung vermochte ich an Luxerl nicht
die geringste
Verletzung zu entdecken. Eine halbe Stunde später hatte er den sonderbaren
Schreck bereits vergessen, sperrte wieder die Straße, bellte, schüttelte
die Ohren
und verursachte jedem Wagen einen kleinen Aufenthalt.
Das Schicksal, das dem Luxerl seit Ewigkeiten vorbestimmt war, hatte
mit dem
Metzger von Unterstein eine ernste Warnung geschickt.
Luxerl verstand sie nicht.
Und da war's an dem Tag, an welchem Prinz Luitpold nach Antritt der
Regentschaft seinen Einzug in Berchtesgaden hielt. An das Volksfest,
das da
gefeiert wurde, sollte sich eine feenhafte Illumination mit Bergfeuern
anschließen.
Es ist nicht zu verkennen, daß das Schicksal, wenn es sich auch
als unerbittlich
erwies, die schwere Lebenskatastrophe dem Luxerl doch wenigstens mit
einem Zug
ins Große inszenierte.
Bei sinkendem Nachmittage wanderte ich mit meiner Frau von Königssee
nach
Berchtesgaden. Immer hörte man Böllerschüsse und ihr rollendes
Echo, immer
vernahmen wir die verwehten Klänge einer Blechmusik, sehr deutlich
den Ton der
großen Trommel, der wie ein aufgeregt pumpender Herzschlag war.
Luxerl zappelte nach seiner Gewohnheit auf der Straße weit voraus.
Zuweilen
blieb er am Wiesenrande stehen, besah sich das wundervolle Panorama der
Berge,
bellte ein bißchen und trottete weiter.
Ich war in Erinnerungen versunken. Bei diesem rollenden Echo der
Freudenschüsse dachte ich an eine seichte Stelle im See von Starnberg.
Und sah
zwei große, schöne, vom Wahn umschleierte Augen. Und ein kleines
Erlebnis fiel
mir ein von jenem Tag, an dem die Kunde dieses tragischen Fürstentodes
nach
Königssee gekommen war. Damals am Nachmittage war ich zu Berg gestiegen.
Es
hatte mich hinaufgetrieben, hoch hinauf über die Täler der
Menschen. Ein Gewitter
zwang mich, Unterstand in einer Sennhütte zu suchen. Da waren noch
andere, die
der Regen hereingepeitscht hatte unter das steinbeschwerte Schindeldach:
ein
Jagdgehilf, ein paar Holzknechte, die Sennerin, der Hüterbub und
ein wohlhabender
Bauer aus der Ramsau, der Nachschau nach seinen Kalben gehalten hatte.
Die
Leute wußten noch nichts von dem Grauenvollen, das am Starnberger
See
geschehen war. Von ihm erfuhren sie's. Lange schwiegen sie, weil sie
vor Schreck
und Kummer nicht reden konnten. Das Volk der Berge liebte diesen schönen
König. Und dann gab's ein aufgeregtes Reden rings um das flackernde
Herdfeuer.
Einer der Holzknechte schwatzte von den vielen Schulden, die der König
nimmer
hätte zahlen können. Und der schwere Bauer aus der Ramsau -
ich werde seine
Stimme nie vergessen - sagte bekümmert: "Jesus, jesus, warum
hat er's denn mir net
eingstanden! I hätt eahm doch geben, was er braucht hätt! Gern
aa no!"
Damals wünschte ich, die Dinge der Welt so sehen zu können,
wie dieser Bauer
sie sah - ohne Maßstab!
Aus solchen Erinnerungen fuhr ich auf, als ich plötzlich das wohlbekannte
Bellkommando des kleinen Komikers hörte: "Wer da? Halt! "
Unerschrocken stand Luxerl inmitten der Straße und ließ den
Wagen, der da
gefahren kam, an sich herankommen. Schlief der Kutscher? Waren die Pferde
durch die Böllerschüsse und ihr Echo nervös gemacht?
In böser Ahnung fing ich zu rennen an und brüllte: "Luxerl!
Luxerl! Ob du
hergehst!"
Er ging nicht her. Das ist bei den Dackeln eine erbliche Belastung.
Und bevor ich den Wagen erreichen konnte, war der Unerschrockene unter
klappernden Pferdehufen und blitzenden Rädern verschwunden.
Meine Frau tat einen gellenden Schrei. Ich beschimpfte in Zorn den Kutscher,
der
mit der Peitsche auf die Gäule losschlug, um rasch vom Fleck zu
kommen.
Ein schwerer, sehr schwerer Landauer war's. Und die fünfe, die
im Wagen saßen,
schienen aus fruchtbarer Gegend zu stammen. Mit neun Zentnern war ihr
Gewicht
nicht überschätzt.
Als Luxerl hinter dem Wagen aus der verdampften Staubwolke heraustauchte,
ging
er langsam und ernst auf den Straßengraben zu und legte sich nieder.
Die Mitte der
Straße schien ihm nicht mehr zu gefallen. Das rote Zünglein
lechzte, und die
einfältigen Augen guckten traurig ins beschädigte Leben.
Meine Frau weinte, während ich das Hundl prüfend auf seine
vier sinnwidrigen
Beinchen stellte. Luxerl legte sich gleich wieder hin. Eine Wunde war
nicht zu
finden. Doch der Brustkorb hatte eine vertiefte Stelle, die mürb
und schlottrig war.
Drei Rippenbrüche.
Ich trug den Luxerl zu einem nahen Bauernhof, hielt ihn unter den Brunnenstrahl,
wusch ihn im Trog, umwickelte ihn mit meinem Lodenmantel - und dann fingen
meine Frau und ich zu laufen an. Luxerls Augen träumten an meiner
Brust sehr
weltschmerzlich aus einer Falte des Mantels heraus.
Atemlos erreichten wir bei Anbruch der Nacht den festlichen Trubel,
der unter dem
Glanz der aufbrennenden Illumination den Marktplatz von Berchtesgaden
füllte.
Bunte Trachten, schmucke Forstmannsuniformen, die schwarzen Stollenkleider
und
Federhüte der Salzknappen - und überall Musik, fröhliches
Gedränge, übermütige
Heiterkeit. Und rings in der dämmrigen Ferne leuchteten große,
prachtvolle Sterne
auf, als wären sie vom reinen Himmel auf die Gipfel der Erde gefallen
- die
Bergfeuer.
In mir war alle Freude an diesem Glanz zunichte geworden. Mit vorgebogenem
Arm den leidenden Luxerl schützend, bahnte ich für uns einen
Weg durch dieses
Gewühl und fragte nach einem Tierarzt. Zu Berchtesgaden gab es keinen.
Da
waren Vieh und Menschen so gesund, daß sie ärztlicher Hilfe
nicht bedurften.
Endlich, im Gasthause zur Post, erfuhr ich, daß eine halbe Stunde
von
Berchtesgaden entfernt, gegen Salzburg hin, ein altes Weiblein wohne,
das sich auf
die Heilung blessierter Tiere verstünde. Ich wollte gleich zu dieser
weisen Frau,
kannte aber den Weg nicht und hätt mich im Dunkel der Nacht sehr übel
verlaufen
können. Doch niemand wollte mich führen, kein Wagen wollte
fahren. Ein
Kutscher sagte: "Wann's Tag is, fahr i um fünf Markln aussi,
bei der Nacht net um
hundert."
Diese weise Frau hieß die 'Freimännin' und war die Enkelin
des letzten
fürstpröpstlichen Henkers von Berchtesgaden. Alle Nachkommen
dieses letzten
Freimanns waren gestorben oder ausgewandert; nur diese Enkelin war noch übrig
und hauste einsam auf dem ehemaligen Schindanger, durch den Aberglauben
vom
Leben der übrigen Menschen abgezäunt, von allen Leuten scheu
gemieden, im Ruf
einer 'Solchenen', vor der man sich hüten muß.
Da war nichts zu wollen. Wir mußten den geduldigen, klaglosen
Luxerl auf den
Morgen vertrösten und verbrachten die Nacht damit, dem vor Fieber
scheuernden
Tierchen kalte Umschläge zu machen. Luxerl blieb auch jetzt noch
immer komisch.
Wenn er zwischen dem Wechsel der Umschläge auf dem Rücken lag,
schnitt er so
drollige Grimassen, machte mit den aufwärts gestreckten Beinchen
so
unwahrscheinliche Zuckbewegungen und knickte das leisbewegte Schwänzlein
zu
so wunderlichen geometrischen Figuren, daß wir bei aller Sorge
um das kleine
Kerlchen immer wieder lachen mußten.
Als der Morgen graute, saß ich im Einspänner mit dem Luxerl
auf meinem Schoß.
Nach halbstündiger Fahrt hielt der Wagen auf der Straße,
neben einem von
Erlenzeilen und Stauden bewachsenen Bachtal. Der Kutscher deutete mit
der
Peitsche über die Wiesen hinunter. "Da drunt steht 's Freimannshäusl.
Einifoahrn tu
i net."
Mit dem Luxerl auf den Armen lief ich zum Bach hinunter, fand eine kleine
morsche Brücke, einen mit Gras bewachsenen Weg, einen mannshohen
Plankenzaun, über den man nicht hinübersehen konnte - und durch
ein Pförtlein, das
in alten, schwergeschmiedeten Angeln knarrte, kam ich zu einem hübsch
mit
rötlichem Sand bestreuten Pfad. Eine gemähte Wiese, ein kleiner,
braun
verwitterter Holzstall, der nach Ziegen roch, ein Gemüsegarten mit
vielen Blumen -
und unter Obstbäumen, deren Aste sich vom Gewicht der Früchte
zu biegen
begannen, stand das winzige Haus, das, nach der Verschränkung des
Gebälks zu
schließen, aus dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts stammen mußte.
Der Platz
vor dem Haus war sorgsam gepflegt. Überall Blumen. Und ein Immenstand
mit
schwärmenden Bienen.
Ich öffnete die Haustür, sah einen kleinen, mit allerlei Gerümpel
vollgepfropften
Vorraum, sah die offene Tür eines engen Stübchens und einen
Winkel, der als
Küche wunderlich eingerichtet war.
Beim Herd, auf dem ein Feuerchen von dürrem Reisig brannte, stand
die
Freimannsenkelin, ein gebeugtes, etwas buckliges Weiblein, klein, sehr
bunt
gekleidet, nicht altmodisch, aber auch nicht so, wie die Leute zu Berchtesgaden
sich
trugen.
Eine Vision von zweihändigen Schwertern, von Ketten und Daumschrauben,
von
Strickschlingen, Blutgeruch und verzerrten Gesichtern huschte mir durch
das
Gehirn.
Die Freimännin kam schnell auf mich zu, als möchte sie mich über
die
Hausschwelle zurückdrängen. Sie mußte schon über
Fünfzig sein, war aber noch
nicht grau, sondern hatte tiefschwarzes Haar, das wuschelig herumhing
um das
derbknochige, runzelreiche Altjungferngesicht. In den grauen, mißtrauischen
Augen
war die müde Klugheit eines einsamen Lebens, und der breite, häßliche
Mund
schien versteinert zu einem spöttischen Lächeln. Diese Gemiedene
brauchte nicht
zu reden. Auch ihr Schweigen erzählte. Ich hörte eine Geschichte
von Dingen, die
man schwer erträgt.
Ohne eine Frage zu stellen, nahm sie den Luxerl von meinen Armen, und
neben der
Haustür, die sie zugezogen hatte, setzte sie sich mit ihm auf eine
sonnige Bank hin.
Geschickt und vorsichtig begann sie den Patienten zu untersuchen. Ihre
Finger
berührten ihn so zart, wie eine Mutter das leidende Kindchen behandelt,
das sie
liebt. Luxerl, geduldig auf dem Rücken liegend, rnit schlappen Beinchen,
betrachtete aufmerksam das Gesicht des alten Weibleins und schnupperte
gegen den
roten Brustlatz hin.
Nach einer Weile sagte die Freimännin mit einer harten Stimme: "Nach
drei
Wochen kann man 's Hundl wieder abholen."
In Freude fragte ich: "Glauben Sie, das Hundl wird wieder?"
Sie nickte, nahm den Luxerl achtsam in ihre Schürze und verschwand
durch die
Haustür. Drinnen klirrte ein großer Riegel.
Ich blieb noch stehen und besah mir den stillen Platz. Zwanzig Jahre
später sind
mir die Gedanken dieser fünf beschaulichen Minuten zu Bildern für
den 'Mann im
Salz' geworden. -
Meine Frau und ich und unser kleines Mädel, wir konnten den Ablauf
der drei
Kurwochen kaum erwarten.
Einen Tag, bevor die festgesetzte Frist zu Ende ging -, an einem wundervoll
milden
Vormittag im September -, fuhr ich zur Freimännin hinaus. Das Laub
der Ulmen
und Ahornbäume begann sich schon gelblich zu tönen, die Farbe
der Berge war wie
Samt, die höchsten Gipfel waren zart beschneit, glitzernde Fäden
flogen in der Luft,
und der Himmel hatte ein Blau von geheimnisvoller Tiefe.
Wieder blieb der Einspänner auf der Straße stehen und wollte
nicht 'einifoahrn'.
Als ich zu dem winzigen Häuschen kam, sah ich die Freimännin
irn Schatten eines
welkenden Apfelbaumes sitzen, der auf einem kleinen Hügel stand.
In ihrem
Schoße hatte sie den Luxerl liegen, von dessen Leib sie langsam
einen schmalen,
langen Leinwandstreifen herunterwickelte.
In meiner Freude mußte ich schreien: "Luxerl! Luxerl!" Beim
Klang meiner
Stimme fing der kleine Kerl zu winseln und zu zappeln an, entwand sich
den zwei
alten Händen, die ihn halten wollten, machte einen Sprung, überschlug
sich, kollerte
ü
ber den grünen Hügel herunter, wickelte sich dabei selber aus
der langen
Leinwandbinde heraus und kam unter schrillem Gebell und schwänzelnd
auf mich
zugesprungen, mit einem schwärzlichen Pechstreif um den Leib herum.
Wahrhaftig, der kleine Kerl war völlig geheilt! Und ich mußte
gleich wieder
lachen über ihn.
Gern hätte ich über diese Wunderkur und auch sonst noch über
mancherlei Dinge
mit der Freimännin geschwatzt. Doch das Weiblein schien sich in
der Einsamkeit
des Redens entwöhnt zu haben. Ein paar leere Worte; sonst nickte
sie nur oder
schüttelte den Kopf. Und dennoch glaubte ich zu merken, daß sie
fröhlicher wäre
als vor drei Wochen. Hatte der kleine rote Komiker auch dieser Einsamen
ein
bißchen Heiterkeit in das müde Leben geschwänzelt?
Ich gab ihr die Hand. "Was bin ich schuldig, Frau?"
Gleichgültig sagte sie: "Wieviel S' halt mögen." "Ach,
nein, sagen Sie doch, ich
mödite Ihnen nidit zu wenig geben."
"No also, vier Markln halt."
Das war mir zu wenig. Ich gab ihr ein Goldstück. Damals waren zwanzig
Mark
für mich eine Sache, die mir Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte
verursachen
konnte. Aber der Luxerl war mir's wert.
Die Frau betrachtete verwundert das Goldstück, lächelte ein
bißchen, während sie
die Münze irgendwo an ihrem bunten Mieder versteckte, und sah mich
rnit
unverhehlter Geringschätzung von oben bis unten an.
Der Luxerl rannte wie verrückt in dem kleinen Hof herum, schnappte
nach den
Bienen und biß in die Gräser.
Das Gesicht der Freimännin wurde wieder so ernst und müde,
wie es vor drei
Wochen gewesen. Sich niederbeugend, ließ sie einen leisen Lockruf
hören. Und
der Luxerl, der noch nie einem Menschen gehorcht hatte, kam herangeschwänzelt
wie ein folgsames Lämmchen.
Die Einsame nahm ihn mit beiden Händen, hob ihn zu ihrem Gesicht
hinauf und
schmiegte die runzlige Wange an seinen roten Kopf. So stand sie eine
Weile
unbeweglich. Dann stellte sie den Luxerl wieder auf den Boden hin, gab
ihm einen
Klaps, ging zum Haus hinüber und verschwand durch die niedere Tür.
Drinnen
klirrte der Riegel.
Luxerl kratzte an der Schwelle und bellte sehr aufgeregt.
Aus freien Stücken wäre er nicht mit mir gegangen. Ich mußte
ihn auf den Arm
nehmen.
Als ich über den hübsch mit rötlichem Sand bestreuten
Pfad davonging, krabbelte
er zu meiner Schulter hinauf, streckte sich immer länger, guckte
nach dem winzigen
Haus und fing zu winseln an.
Am Königssee wurde Luxerls Genesung mit Jubel gefeiert. Doch eine
Woche
mußte vergehen, bevor er sich gründlich zu Hause fühlte,
die Frelmännin vergessen
hatte und wieder ganz der unbewußte Komiker wurde. Und einen Monat
brauchten
wir, bis wir ihm die schwarzen Reste des Pechverbandes völlig aus
den roten
Haaren herausgezupft hatten.
Sein unheimlich schreitendes Schicksal verzögerte den mörderischen
Schritt. Der
Verkehr am Königssee begann abzuflauen, und mit dem nahen Winter
wurden die
Metzgerwägelchen und die schweren Landauer immer seltener.
Ende November kehrten wir heim nach Wien, und Luxerl wurde da der Liebling
aller Menschen, die in unser Haus kamen. Wenn wir Gäste hatten,
brauchten wir zu
ihrer Belustigung kein Schrammelquartett, keinen Kunstpfeifer und keine
Volkssänger zu engagieren. Luxerl genügte. Er sorgte nach dem
Souper für
allgemeine Heiterkeit. Auf die einfachste Weise. Wir setzten uns in einem
großen,
dichtgeschlossenen Kreis auf den Smyrnateppich meiner Arbeitsstube. Luxerl
kam
in die Mitte. Erst guckte er drollig, machte possierliche Sprünge,
spielte den
'trockenen Schleicher', manchmal auch den feuchten, und plötzlich
begann er wie
verrückt im Ring herumzurasen, überschlug sich, raste weiter,
und immer, immer,
immer so zu - es war so wahnsinnig komisch, daß wir uns schüttelten
vor Lachen.
Aber das ist so, nach den Gipfeln kommen die Abstürze.
Mit dieser roten Heiterkeit war es plötzlich aus. Ein paar Tage
vor Weihnachten.
Da hatte die Köchin den Luxerl wieder einmal - zu spät - auf
die Straße geführt. Es
war überflüssig, aber man tat es doch. Aus Prinzip der Pädagogik.
Und da kam das Mädel heulend in die Wohnung gelaufen: "Jesus
Mariand, den
Luxerl haben s' überfahren."
"Lebt er noch?"
Das Mädel schüttelte den Kopf wie die wortkarge Freimännin.
Im ersten ratlosen Schreck telephonierten wir um die Freiwillige
Rettungsgesellschaft.
Sie war sehr beleidigt.
Fremde Menschen begruben den Luxerl. Ich weiß nicht, wer. Ich
weiß nicht, wo.
Sein vorgesetztes Schicksal hatte sich erfüllt. Und das unberechenbare
Fatum
verband sich bei dieser Mordtat - da ein Komiker doch nicht traurig sterben
darf -
mit einem überraschenden Witz des Lebens. Das elegante Vehikel,
das den
unerschrockenen Haltrufer stumm gemacht hatte, gehörte dem 'Herrn
Hofrat', jenem
berühmten Gynäkologen, der zu Wien zwischen 1860 und 1890 vielen
Tausenden
von Kindern mit seiner zarten Hand den Eintritt in das helle Leben erleichterte.
Meinen Luxerl hat dieser segensreiche Lebenshelfer hinausbefördert
in den
dunklen Tod. Aber - das muß man zugestehen - auf möglichst
schmerzlose Weise.
Der Schuß in der Nacht
Der Schuß in der Nacht
Kaum einen Büchsenschuß vom Waldsaum stand das Haus meiner
Eltern - das Forsthaus. Oh, ihr allzu nahen Bäume! Wie
manche Portion wohlgesalzener Hiebe habt ihr mir
eingetragen! Wenn ich da, ein achtjähriges Bürschlein,
nach Hause kehrte, in zerkratzten Händen das ausgenommene
'Eichkatzl', die junge Nebelkrähe oder den flatternden,
kaum flüggen Kuckuck schwingend, so galt der erste Blick
meiner guten Mutter durchaus nicht dem erbeuteten Getier;
forschend überflog vielmehr ihr Auge die Ellbogen meines
Jöppchens und die Knie- und Sitzgegend meiner
Unaussprechlichen. Weh mir, wenn da zutage kam, daß die
allzu spitzen Aststümpchen oder die Pechnarben der
erkletterten Tanne dem teueren Buckskin ein Leids getan.
Heute noch seh ich sie vor mir, die gefürchtete,
langriemige Peitsche mit dem Rehfußgriff, die zu
unbenutzten Zeiten im Hausflur zwischen Gewehren und
Rucksäcken am Zapfenbrett hing. Wurde sie dann, was
glücklicherweise nicht allzu häufig geschah, durch die Hand
ihres gestrengen Herrn vom Haken gelöst, so verkrochen wir
uns in alle Winkel, ich, Hektor, der hochstämmige
Schweißhund, und Bursch, der krummbeinige Teckel.
Jenen allzunahen Bäumen bin ich aber deshalb doch niemals
gram geworden. Und heut noch gedenk ich ihrer in dankbarer
Liebe. Strömte doch das geheimnisvolle Leben, das zwischen
ihren weitgespannten Ästen und in ihrem moosigen Schatten
webte und wirkte, jene unendliche Fülle grüner Poesie über
die Zeit meiner frühesten Jugend aus! Wenn der Lenzwind
leise durch die Wipfel plauderte und mit zischelndem
Rauschen vom Waldsaum niederstrich über die
rohrdurchwachsenen Teiche, wenn hoch in sonnigen Lüften der
Weih seine stillen Kreise spannte, wenn aus den
abenddunklen Buchen und Eichen das Gurren und Liebeslocken
der Wildtauben klang, wenn im tauigen Wiesengrunde das
schlanke braune Reh im Dämmerlicht zur Asung zog und der
graue Reiher mit ruhigem Flügelzuge zu Horste strich - wenn
dann erst die Nacht herniedersank über die weite Flur, wenn
ich pochenden Herzens am offenen Fenster saß, dem
eintönigen Lied der Unken lauschte und dem schauerlichen
Huhn des 'Holimanns', der draußen im schwarzen Wald seine
Kinder, die Käuzlein, zum Nachtgejaide rief, da trieb meine
jugendliche Phantasie ihre Blüten, so seltsam und
zahlreich, wie der Waldgrund seine Pilze treibt nach einer
lauen Regennacht.
Und welch ein lautes, lustiges Jägerleben umgab mich im
eigenen Hause! Da war der kiesige Hof mit den munteren,
schmucken Hunden, da war der Wiesengarten mit dem
Scheibenstand, an dem die Büchsen eingeschossen wurden, da
war die Zwirchkammer, darin die erlegten Böcke, Füchse und
Hasen an den schweißfleckigen Eisenhaken hingen, da sah man
in allen Gängen und Gemächern Jagdgeräte und Jagdtrophäen
-
und wenn der Abend kam, dann saßen im traulichen Wohnzimmer
rings um den Eichentisch die Jäger, hinter dem Bierkrug
ihre Pfeifen schmauchend, und da gab es Jagdgeschichten,
deutsch und lateinisch.
Was Wunder, daß in solcher Umgebung die Liebe zum
waldfrohen Weidwerk in meinem Herzen bald eine dauernde
Wohnstätte fand! Schon als kleiner Junge schlich ich mich,
die hölzerne Arrnbrust - vulgo Balester - auf dem Rücken,
hinaus in den Wald und schnellte meinen Lindenbolz nach dem
kreischenden Häher in das Buchenlaub. Und welch ein
Vergnügen, da ich das erstemal als Treiber zum Fuchsriegeln
mitgenommen wurde oder auf den Anstand und zur Hühnerjagd!
Mit welcher Inbrunst drückte ich das kleine Zimmergewehr an
die Wange, mit dem ich überrascht wurde, als ich nach dem
ersten Lateinschuljahr auf Ferien kam! Und als ich gar
acht Jahre später mit dem roten Käpplein und einer guten
Note heimzog, wurde ich vor Freude halb verrückt, als ich
auf dem Tisch meines Ferienstübchens eine vollständige
Jagdausrüstung, eine zierliche Büchsflinte und eine
wahrhaftige Jagdkarte vorfand.
Nun ging's aber an ein 'Jagern'!
Tag und Nacht gönnte ich mir keine Ruh. Und als ich nur
erst einen Rehbock mit der Kugel geschossen hatte, legte
ich mich 'unter uns Jägern' breit in den Tisch und
lateinerte mit den graubärtigen Hubertusjüngern um die
Wette. Meine Phantasie hatte damals, um mich eines
beliebten Ausdrucks zu bedienen, alle Hände voll zu tun,
damit es meinem Jägerlatein nur niemals an Stoff gebrach.
Aber dann ist mir ein ganz seltsames Abenteuer wirklich
und wahrhaftig widerfahren - ja, ja, ein recht seltsames
Abenteuer!
Ein starkes Gewitter hatte mir die Frühpirsch verregnet.
Als es aber neun Uhr vormittags wurde, ließ das Unwetter
nach, die Sonne brach sich Bahn durch die treibenden
Wolken, und in ihrer milden Wärme kräuselten sich blau und
luftig die Wasserdünste aus den dunklen Wäldern. Da hatt'
ich jetzt ein Pirschwetter, wie es ein Weidmann sich nur
wünschen mag.
Rasch nahm ich einen Imbiß zu mir, der mich das
Mittagessen verschmerzen lassen konnte. Dann ging's hinaus
unter die regennassen Bäume, von denen der leichte Wind die
schillernden Tropfen auf mich niederstäubte.
Lautlos gleitet zu solcher Zeit der Fuß des Jägers über
den feuchten Waldgrund; da raschelt kein Laub, und unhörbar
schmiegt sich das nasse Reisig unter dem Tritt ins weiche
Moos.
Und welch ein reiches Leben umgibt zu solcher Stunde den
unter triefenden Asten spähend von Stamm zu Stamm sich
schleichenden Jäger! Tausende von Käfern und flinkfüßigen
Würmchen kribbeln und huschen zwischen den glitzernden
Moosfasern und tropfenschweren Farnblättern hin und her; in
gesteigertem Eifer reisen die fleißigen Ameisen durch die
Rindenklunsen aller Bäume vom Grunde zu den Wipfeln und
wieder niederwärts zur Erde; die Vögel, die sich während
des Regens stumm und ängstlich unter die dichtesten Zweige
duckten, recken und spreizen pispernd die nassen Flügel und
schwingen sich zwitschernd von einem sonnigen Plätzchen zum
anderen; unter Kreischen und Krächzen beginnen die Häher,
diese Gassenbuben des Waldes, von neuem ihr lärmendes
Flatterspiel. Da bockelt auch schon ein junges Häslein mit
sorglosem Gleichmut, als gäb es weder Hund noch Jäger, über
die vielverschlungenen Wurzeln dem Felde zu, manchmal sich
verhaltend, um von dem winzigen Moosklee zu naschen; und
die gehe, die nun in dem nassen Buschwerk ein gar
unbehagliches Weilen haben, recken windend die zierlich
schönen Köpfe aus den Stauden und ziehen äsend nach den
grasigen Waldwegen und Lichtungen, um sich in der Sonne zu
trocknen.
Solche Lichtungen und Wege suchte ich schleichenden Fußes
auf; und es währte auch nicht lange, da hatt' ich schon
einen Rehbock, der mir auf zwanzig Gänge über den Weg
getreten war, in der unverzeihlichsten Weise gefehlt.
Durch dieses Mißgeschick - wir Jäger sagen 'Pech' - war
ich unmutig, ungeduldig und unvorsichtig geworden, so daß
ich, als ich nachmittags vier Uhr an der weitentlegenen
Jagdgrenze aus dem Wald auf die Wiesen trat, einen völlig
erfolglosen Pirschgang hinter mir hatte.
Zu meinen Füßen im Tal, kaum zwanzig Minuten von der
Stelle, an der ich stand, lag eine kleine Ortschaft, in der
ich schon manchmal auf meinen Streifzügen ein paar Stunden
hinter einem Kruge kühlen Sommerbieres gerastet hatte.
Im aufziehenden Winde hörte ich von der Kegelbahn des
Wirtshauses her das Rollen der Kugel, das Poltern der
fallenden Kegel und ab und zu ein lautes, mehrstimmiges
Gelächter. Ich traf also jedenfalls da drunten eine
lustige Gesellschaft, die mir recht willkommen schien, um
mir den Unmut über mein Weidmannspech aus den Gedanken zu
treiben.
Ich hatte Zeit bis sechs Uhr. Anderthalb Stunden brauchte
ich dann für den Heimweg - und inmitten dieses Weges lag an
der stillen Waldstraße eine vor wenigen Jahren erst
neubebaute Windbruchfläche, die kreuz und quer von
Wildwechseln durchzogen war. Da konnte ich vor Einbruch
der Dämmerung noch eine Stunde ansitzen und, wenn Hubertus
mir gnädig war, durch einen glücklichen Schuß das
Mißgeschick des Morgens wieder gutmachen.
In solcher Hoffnung schritt ich über den Hügel hinunter
und dem lockenden Wirtshaus entgegen. Auf der Kegelbahn
traf ich außer zwei rundlichen Geistlichen und einem
mageren Alumnus den Förster und Jagdaufseher der
nahegelegenen Wartei, sowie den Doktor und Schullehrer des
Ortes, zwei große Jäger vor dem Herrn.
Da war denn auch neben Sommerbier und Kegelspiel die Jagd
das unversiegbare Gesprächsthema, bei dem uns die Zeit wie
im Fluge verfloß, so daß erst die sinkende Dämmerung
mich
gemahnte, nach der Uhr zu sehen. Die dem 'Anstand'
zugedachte Stunde war versäumt. Ich brauchte mich also mit
dem Fortgehen nicht übermäßig zu beeilen und setzte mich
behaglich wieder an den Tisch.
Als aber um neun Uhr, nach dem Gebetläuten, die beiden
Geistlichen mit ihrem zukünftigen Berufsgenossen sich
verabschiedeten, wollte ich nach Büchse und Rucksack
greifen; doch ich ließ mich vom Förster leicht überreden,
für meinen Heimweg den Mond abzuwarten, der längstens in
einer Stunde über die nachtschwarzen Baumwipfel
emportauchen mußte.
Nun waren wir Jäger unter uns. Und da kam nach
mancherlei wunderlichen Geschichten auch jenes nur für
Jägerohren ganz gerechte Gesprächskapitel an die Reihe:
das Kapitel der Wildschützen. Die Einleitung bildete eine
vom Förster an mich gerichtete Frage, wie es dem
'Deberjackl' ginge. Der 'Deberjackl', ein Bursche meines
heimatlichen Dorfes, war ein Wilderer, der seit Jahren in
den umliegenden Jagdgebieten großen Schaden angerichtet
hatte, ohne daß man ihn jemals auf der Tat hätte ertappen
können. Schließlich aber war ihm doch einmal ein
nächtlicher Pirschgang übel geraten, denn er hatte statt
der erhofften Rehgeiß ein paar Dutzend Schrotkörner im
eigenen Fleische mit nach Hause gebracht.
Von diesem Vorfall kamen wir auf Ähnliches zu sprechen;
jeder meiner Gesellschafter wußte langes und breites über
ein Zusammentreffen mit Wilddieben zu berichten; und
besonders der Förster brachte Geschichten aufs Tapet, daß
mir achtzehnjährigem Burschen ein wohliges Schaudern über
den Rücken rieselte.
Als ich gegen halb elf Uhr in die mondhelle Nacht
hinaustrat, um heimwärts zu wandern, war mir nach allem
Gehörten sonderbar zumut. Während ich auf schmalem
Fußpfad über die feuchten Wiesen dem Wald zuschritt, sann
ich immer wieder diesen gruseligen Geschichten nach, in
denen es mit Schuß und Schuß um Tod und Leben gegangen
war. Und als ich zwischen finsteren Tannen auf das
schmale Sträßchen einlenkte, das sich in der Länge einer
Wegstunde durch den Wald dahinzog, spannte ich
unwillkürlich die linke Hand mit festerem Druck um meine
Büchse.
In raschem Gange schritt ich vorwärts. Eng flochten sich
ü
ber mir die Äste der Bäume ineinander und gewährten dem
Mondlicht nur in spärlichen Lücken einen Durchweg, so daß
sich die Straße gerade noch in erkennbarem Dämmerschein von
dem Moosgrund abhob. Ihr lehmiger Boden war von dem
ausgiebigen Regen des Morgens her noch sehr erweicht, so
daß mein Fuß lautlos darüber hinschritt. Kein Windhauch
regte die Wipfel der dunklen Bäume.
Ich schalt mich selbst um der leichten Beklommenheit
willen, die inmitten dieser atemlosen Stille mein Herz
beschlich. Dann dachte ich an hundert lustige Dinge, um
nur meine Gedanken von jenen blutigen Schauergeschichten
loszureißen. Aber was half's? Bald vermeinte ich im Wald
einen knisternden Fußtritt zu vernehmen, bald glaubte ich
den Hall eines fernen Schusses zu hören, bald sah ich einen
vom Mondlicht gestreiften Fichtenast für einen blinkenden
Gewehrlauf an.
Was würde ich tun, so fragte ich mich unter dem Zwange
meiner aufgeregten Phantasie, wenn ich plötzlich an einer
lichteren Stelle unter den Bäumen so einen Kerl gewahrte,
der vor dem nächtlich erlegten Wild auf der Erde kniete?
Sollt' ich ihn anrufen? Oder gleich - - ?
Ein um das andere Mal nahm ich die Büchse von der Schulter
und versuchte durch die Dunkelheit nach einem Baumstamme zu
zielen; oder ich blieb minutenlang stehen und lauschte in
den nachtstillen Wald hinein, worauf ich mit raschen
Schritten wieder meinem Weg folgte.
Erleichtert atmete ich auf, als die Straße heller und
heller wurde. Eine Strecke von kaum hundert Schritten
trennte mich noch von jener offenen Windbruchfläche, und
wenn ich diese passiert hatte, war ich in einem halben
Stündchen zu Hause. Schon traten linker Hand die hohen
Bäume vom Wege zurück, und das grasüberwachsene Moos senkte
sich in einen mannstiefen Graben, der die Straße bis zu den
Wiesen hinaus geleitete.
Nun trat ich unter dem Schatten der letzten Bäume hervor
auf die mondbeschienene Lichtung, mein Auge schweifte mit
raschem Blick über den rechts ansteigenden, buschigen Hang
- und ich vermeinte, das Blut müsse mir jählings zu Eis
gerinnen. Denn mitten im Tannengestrüpp stand auf etwa
sechzig Schritte vor mir ein langer, hagerer Kerl mit
berußtem Gesicht, das Gewehr im Anschlag gegen meine Brust
gerichtet.
Doch nur für die Dauer einiger Sekunden hielt meine
Erstarrung an. Dann riß ich die Büchse an die Wange. Mein
Schuß krachte. Gleichzeitig hörte ich den Aufschlag der
treffenden Kugel. Und ehe der Pulverrauch sich verzogen
hatte, war ich von der Straße in den Moosgraben
hinuntergesprungen, in dessen Schutz ich hastigen Laufes
den Wiesen zustürzte.
Unter welchen Empfindungen und in welcher Zeit ich damals
den Hofraum meines Elternhauses erreichte, vermag ich nicht
zu sagen. Es blieb nur die Erinnerung an den grauenvollen
Gedanken: 'Du hast einen Menschen getötet!'
Die Haustür fand ich versperrt. Aber die Kanzlei meines
Vaters sah ich noch erleuchtet. Ich pochte an das Fenster.
Und als mir eine Minute später mein Vater, die Lampe in der
Hand, das Haus öffnete, erschrak er nicht wenig über mein
blasses Gesicht und über mein verstörtes Aussehen. Auf
seine besorgten Fragen brachte ich keine Antwort heraus.
Unter keuchenden Atemzügen sank ich auf die Stufen der
Treppe nieder. Und es währte geraume Zeit, bis ich
imstande war, mich wieder zu erheben und Büchse und
Rucksack abzulegen. Nun erst gewahrte ich, daß ich meinen
Hut verloren hatte. Mit bleischweren Knien schritt ich
meinem Vater voraus in die Kanzlei.
"Papa! Ich hab einen erschossen!"
So leitete ich den Bericht des bösen Abenteuers ein, das
mir vor kaum einer halben Stunde widerfahren war.
Schweigend hörte mein Vater die Geschichte an. Als ich
schwieg, durchmaß er eine Weile mit langen Schritten das
Zimmer. Dann trat er auf mich zu, sah mir mit einem guten
Blick in die Augen und sagte:
"
Leg dich jetzt schlafen! Morgen früh um fünf Uhr werde
ich dich wecken. Und dann wollen wir ihn miteinander
suchen ... den Toten."
Als ich die Treppe zu meinem Stübchen hinaufstieg, lagen
mir Müdigkeit und Erregung wie Blei in den Gelenken. Kaum
hatte ich mich in die Kissen fallen lassen, da hörte ich
die Turmuhr mit dumpfen Schlägen Mitternacht verkünden.
Ein kalter Schauer rüttelte mich.
'Mörder! Mörder!' rief eine Stimme in meinem Gewissen.
Heiliger Herrgott! Was hatte ich getan! Ich hörte ein
Elternpaar, dem ich den einzigen Sohn getötet, um seine
verlorene Lebensfreude jammern. Ich hörte ein Weib klagen,
dem ich den Gatten, ich hörte Kinder weinen, denen ich den
Vatet gemordet hatte. Und war's denn auch wirklich ein
Wildschütz, auf den ich geschossen hatte? Oder war es der
Förster, der bei Mondschein im Walde Schutzdienst machte?
Oder von den Forstgehilfen einer, der mich für einen
Wilddieb nahm und mich anrufen wollte, als ich ihn mit
sinnloser Übereilung niederschoß?
Ob ich solche Dinge bei wachen Sinnen dachte oder ob ich
sie nur träumte, nachdem der Schlaf meines übermüdeten
Körpers sich erbarmt hatte - das weiß ich nimmer.
Als ich geweckt wurde, fuhr ich mit schwerem und dumpfem
Kopf aus dem Kissen.
Drunten im Flur fand ich meinen Vater schon wegbereit.
"Wollen wir ohne Begleitung gehen?" fragte ich.
Ein leichtes Kopfnicken war meines Vaters ganze Antwort.
Und er sah mich fragend an, als ich nach meiner bei
Jagdausflügen sonst so verachteten Studentenmütze und nach
meinem Stocke griff. Nicht um alles in der Welt hätt' ich
es vermocht, meine Büchse zu berühren.
Schweigend durchschritten wir das erwachende Dorf. Und
als wir uns nach kurzer Wanderung über die Wiesen dem Walde
näherten, gewahrten wir von ferne schon im taunassen Gras
den dunklen Streif, der den Weg bezeichnete, den ich in der
Nacht aus dem Moosgraben quer durch die Wiesen genommen
hatte.
Am Saum der Windbruchfläche, während wir dem Waldsträßchen
folgten, untersuchten wir die Gräser und Kräuter des
Raines. Sie waren weiß und naß vom Tau. Kein Fuß hatte
also während der Nacht den Rain überschritten. Wohl aber
fanden wir die Stelle, an der ich in den Moosgraben
hinabgesprungen war; da drunten lag auch mein Hut.
"Bevor wir die Lichtung durchsuchen", sagte mein Vater,
"
müssen wir genau die Schußlinie feststellen. Geh also
einige zwanzig Schritte ins tiefere Gehölz, kehre dann
zurück, und wenn du unter den Bäumen hervortrittst, blicke
genau nach der Richtung, in die du geschossen hast."
Schweigend tat ich, was der Vater haben wollte. Und als
ich aus dem Schatten der hohen Bäume ins Freie trat und
ü
ber die Böschung hinaufspähte, fuhr aus meiner Kehle ein
halblauter Schrei - der Verlegenheit.
Da stand er wieder, der lange, hagere, rußgesichtige
Wilddieb von heute nacht! Statt im fahlen Mondschein jetzt
im lauteren Lichte der aufgehenden Sonne betrachtet,
entpuppte er sich als der dunkle, halbvermoderte Strunk
einer Föhre, die der Sturm vor Jahren gebrochen hatte.
Ungefähr in der Armhöhe eines Mannes ragte aus dem
Baumstumpf ein gebrochener, morscher Ast gegen die
Ausmündung des Waldweges.
Das Blut stieg mir vor Scham ins Gesicht. Mein Vater
lachte. Und lachend winkte er mir, während er durch das
junge Fichtengestrüpp dem verhängnisvollen Föhrenstrunke
zuschnitt.
Dicht über dem aussagenden Aste fanden wir das mürbe Holz
von meiner Kugel durchbohrt.
Die Seeleitnersleut
Die Seeleitnersleut
"
Hat ihn schon!" rief der Jagdgehilfe, als mein Schuß
im Bergwald verhallte und der Hirsch in rasender Flucht über
den steinigen Hang hinaufstürmte.
Pochenden Herzens sah ich dem flüchtigen Tiere nach, sah
es stürzen, wieder aufspringen und weiterfliehen - nun brach
es nieder; und sich überschlagend, kollerte es die Höhe
hinunter, daß die Steine rasselten und die Aste flogen,
die es im Sturz mit seinem mächtigen Geweih zerschlug.
Seit drei Tagen war ich unter der Führung Anderls, des Jachenauer
Jagdgehilfen, diesem Hirsch vergebens nachgestiegen. Nun hatte
mich ganz unerwartet ein glücklicher Zufall zu Schuß
gebracht. Während ich in Gedanken die Überraschung noch
einmal nachfühlte, die ich empfunden hatte, als ich, von
Anderl aus einem unweidmännischen Mittagsschläfchen
geweckt, den Hirsch auf achtzig Schritt vor mir im Jungholz gewahrte,
sah ich durch den schattigen Bergwald hinunter. Zwischen den Asten
schimmerte ein helles Blaugrün.
"Was glänzt da drunten durch die Bäume?" fragte
ich den Jäger.
Er hob den Kopf. "Dös is der Walchensee."
"Was? Sind wir so nah beim See?"
"No freilich, kaum a Viertelstündl den Berg abi und
ü
ber a schmale Wiesen, so sind S' am Wasser. ja, wir sind
gut dritthalb Stund von der Jachenau. Sö sind halt noch net
lang in der Gegend. Da können S' Ihnen net recht verorientieren."
Immer wieder mußte ich zu dem lockenden Schimmer hinunterblicken.
Das wäre ein Hochgenuß, bei dieser drückenden
Sommerhitz da drunten hineinzuspringen ins kühle Bergwasser.
,Anderl? Möchtest du ein Stündel auf mich warten?"
"Gern. Warum denn?"
"Ich möchte baden."
Anderl lachte. "Wann S' dös wollen, kann ich Ihnen an
andern Fürschlag machen. Den Hirsch können wir net liegen
lassen bei so einer Hitz. Da richt ich an Schlitten zamm.
Nacher ziehen wir den Hirsch abi bis zum Straßl am See.
Drunt schick ich an Buben in d' Jachenau um an Wagen. Und Sö
können baden derweil. Grad gnug. Is Ihnen dös recht?"
"Großartig! Fein!"
Als Anderl mit seiner roten Jägerarbeit zu Ende war, schnitt
er starke, lange Aste von den Bäumen und flocht sie durcheinander,
daß sie ein festes und doch elastisches Kissen bildeten.
Auf diesen grünen Schlitten hoben wir den Hirsch und schleiften
ihn über den Berghang hinunter.
Als wir den Waldsaum erreichten, blieb ich stehen und betrachtete
das wundervolle Bild, das der See mit seiner schillernden Wasserfläche
und seinem dunkeln, bergigen Hintergrunde bot.
"Was ist das für ein Haus da drunten?" fragte ich
und deutete auf einen kleinen Bauernhof am Rand der hügeligen
Wiese, die sich vom Waldsaum gegen den See hinuntersenkte.
"'Beim Seeleitner' heißt man's. Der Alte is verstorben,
und jetzt hausen da seine drei Kinder, zwei Buben und a Madl,
die Mali. Dös is die beste Sängerin weit umundum in
der ganzen Gegend. Da haben d' Jachenauer d' Ohren gspitzt, wann
d'Mali am Sonntag im Hochamt gsungen hat. Schad, jetzt geht s'
schon lang nimmer eini in d' Jachenau und singt nimmer in der
Kirch, seit ihr d' Singerei zu einer unglücklichen Liebesgschicht
verholfen hat." Anderl griff wieder nach den Asten des Schlittens.
"
jetzt machen wir aber, daß wir abi kommen!"
Einige Minuten noch, und wir standen im Schatten des Hauses. Anderl
zog den Hirsch ins Gras, riß die verflochtenen Aste auseinander
und deckte sie zum Schutz gegen die Fliegen über das tote
Tier.
Da klang ein Schritt im gepflasterten Hofraum. Um die Hausecke
bog ein schlank aufgeschossener Bursch von etwa achtundzwanzig
Jahren. Ein grobes Hemd, eine abgewetzte Tuchhose und plumpe Lederpantoffeln,
das war seine Kleidung. In der Hand trug er einen Hammer, und
zwischen den Lippen hielt er ein paar lange Bretternägel.
Sein Haar war kurzgeschoren. Unter der Stirn, auf der sich Falte
an Falte reihte, blickten finstere, unruhige Augen hervor. Das
Gesicht hatte einen galligen Ausdruck.
"Grüß Gott, Lipp!"
Mit kaum merklichem Nicken dankte der Bursch für den Gruß
des Jägers, ging auf den Hirsch zu und hob mit dem Fuß
die Zweige, die das Tier bedeckten.
"Du, Lipp, magst net so gut sein, natürlich gegen a
richtigs Trinkgeld, und in d' Jachenau einispringen und dem Herrn
Oberförster ausrichten, daß er an Wagen für'n
Hirsch aussischickt? Da kannst mit'm Wagen zruckfahren."
"Ja, schon!" brummte Lipp. "Aber so pressieren
wird's net, daß man grad so springen muß? Ich bin
allein im Haus. Der Bruder is draußen am See, und d' Mali
is in Urfeld drüben. Sie muß jeden Augenblick heimkommen.
Ich kann mir sowieso net denken, warum s' so lang ausbleibt, dö
greinige Hatschen!"
"Heut hast aber wieder an schiechen Tag!" lachte Anderl,
während wir dem Burschen in den Hofraum folgten.
Lipp überhörte diese Worte. Ohne sich umzusehen, rief
er: "Geht's nur derweil in d' Stuben eini!" Er trat
auf den Zaun des kleinen Gemüsegartens zu, dessen neue Staketen
vermuten ließen, daß unser Kommen den Burschen in
der Ausbesserung des Zaunes unterbrochen hatte.
Wir gingen in die Stube. Ein niedriger Raum mit vier kleinen Fenstern;
in der Lichtecke der gescheuerte Tisch vor den beiden in die Mauer
eingelassenen Bänken, darüber im Wandwinkel das Kruzifix
mit den unvermeidlichen Palmzweigen; in der gegenüberliegenden
Ecke der grüne Kachelofen mit den durch Schnüre an die
Decke gehefteten Trockenstangen; daneben ein altes Ledersofa und
neben der Tür ein Geschirrkasten - eine Bauernstube wie hundert
andere. Der einzige Schmuck dieser Stube war eine schöne,
mit Perlmutter eingelegte Gitarre, die zwischen zwei Fenstern
an der Wand hing.
Wir stellten unsere Gewehre hinter den Ofen. Während Anderl
sich auf das Ledersofa streckte, verließ ich die Stube wieder,
um drunten am See eine Stelle für das erwünschte Bad
zu suchen.
Unweit vom Hause floß ein breiter, seichter Bach aus dem
See, die Jachen. Es führte wohl ein Steg hinüber, aber
das Seeufer da drüben schien sumpfig oder versandet. Ich
folgte also dem schmalen Sträßchen, das am diesseitigen
Ufer hinlief.
Eine weite Strecke war ich schon den See entlang gewandert, ohne
einen guten Badeplatz gefunden zu haben. Das Ufer war entweder
dicht mit Gesträuch bewachsen oder so steil, daß das
Aussteigen aus dem Wasser eine unangenehme Sache gewesen wäre.
Schon wollte ich wieder umkehren, als ich nahe vor mir ein Geräusch
hörte wie von einem Stein, der ins Wasser fällt. Bei
einer Biegung des Weges gewahrte ich ein kleines Felsplateau,
das vom Sträßchen in den See hineinsprang. Auf einer
niederen Holzbank saß ein Mädel in einem dunklen, halb
städtisch geschnittenen Kleid. Das weiße Tuch, das
sie um den Kopf gebunden hatte, war in den Nacken zurückgefallen,
so daß sich das feine Profil des Gesichtes und die wohlgestaltete
Form des Kopfes scharf vom schimmernden Seespiegel abhoben. Regungslos
ruhte ihr Blick auf dem Wasser, während sie den einen Arm
um ein kleines, rot bemaltes Kreuz geschlungen hielt.
Nun mußte sie meinen Schritt vernommen haben. Sie wandte
das Gesicht, erhob sich rasch, und während sie noch einen
Blick auf die verlassene Stelle warf, bekreuzte sie die Stirne,
den Mund und die Brust, als hätte sie gebetet.
Während sie auf die Straße trat, hob sie die Arme und
zog mit beiden Händen das weiße Tuch über den
Kopf bis tief in die Stirne. Ich staunte bei dieser Bewegung über
die schöne Regelmäßigkeit ihrer Gestalt.
Nun war sie mir so nahe, daß ich das Gesicht trotz des Schattens,
den das vorgezogene Tuch darüber warf, deutlich unterscheiden
konnte. Das mußte die Mali sein! Die Ähnlichkeit mit
Lipp war unverkennbar. Freilich war das eine Ähnlichkeit
wie die Ähnlichkeit von Tag und Nacht, die beide doch auch
Geschwister, Kinder der gleichen Mutter Sonne sind. Was in Lipps
Zügen gallige Verbissenheit, das war hier das Erbe überwundener
Schmerzen; was in Lipps Augen finstere Unruh, das war in diesen
großen, dunklen Sternen eine tiefe Schwermut.
"Grüß Gott, Herr!" sagte sie leise.
"Grüß Gott auch!" dankte ich und blieb stehen,
um ihr nachzuschauen. Mich hatte diese weiche, klangvolle Altstimme
eigentümlich berührt. Es war, als hätte sie den
Gruß nicht gesprochen, sondern gesungen.
Als sie an der Wegbiegung verschwand, ging ich der Stelle zu,
wo sie geruht hatte. Schon beim Nähertreten erkannte ich
das kleine Holzkreuz als ein Marterl'. Auf dem Blechschilde, das
auf das Kreuz genagelt war, sah ich den See in Farben abgebildet.
Meine Phantasie redete mir ein, daß diese weißen,
blauen und grünen Sicheln den See und seine Wellen, diese
braunen und grauen Dreiecke darüber die Berge des Hintergrundes
vorstellen möchten. Aus dem gemalten Wasser ragten zwei bleiche
Hände mit gespreizten Fingern. Und darunter stand in schwarzen,
klecksigen Buchstaben auf weißem Grunde:
Wanderer, ein Vaterunser!
Hier an dieser Stelle im Wasser starb in der Nacht vom 7. auf
den 8. Oktober des Jahres 1875 der ehr- und tugendsame Jüngling
Dominicus Haselwanter, Schulgehilfe in der Jachenau, in der Blüte
seines Lebens eines unglücklichen Todes infolge von Ertrinkens,
als er gerade von einer Kirchweih in Urfeld nach Hause ging.
Wanderer, ein Vaterunser!
Der See ist weit, der See ist breit,
Der See ist tief wie d' Ewigkeit.
Gott lohn der Erde Not und Leid
Dem Toten mit der Seligkeit.
Herr, gib ihm die ewige Ruh!
R.I.P.
Nach einer Stunde - ich hatte noch gefunden, was ich suchte -
kehrte ich zu dem Bauernhause zurück. Als ich in die Stube
trat, rief mir Anderl aus dem Herrgottswinkel über den Tisch
entgegen: "Jetzt kriegen wir ebbes Guts zum Essen!"
Er deutete mit dem Daumen nach einem etwa fünfunddreißigjährigen
Burschen, der neben ihm am Tische saß: "Der Christl
hat a paar Pfund von die schönsten Forellen mit heimgebracht.
Ich hab mir denkt, Sie werden aufs Bad auffi an rechten Hunger
kriegen. Drum hab ich ihm d' Forellen abgehandelt, und d' Mali
steht schon am Herd. "
"Wer ist denn der da?" wandte sich Christl, unbekümmert
um meine Gegenwart, an den Jäger.
Ich hatte mir einen dreibeinigen Stuhl an den Tisch gezogen, und
während Anderl die Neugier des Bauern befriedigte, konnte
ich den Christl mit Muße betrachten. Auch an ihm war die
Ä
hnlichkeit mit den Geschwistern auf den ersten Blick ersichtlich.
Was diese Ähnlichkeit an den dreien ausmachte, war die tiefe
Senkung der Nasenwurzel, das scharfe Hervortreten der Augenbogen
mit den gradlinigen, fast schwarzen Brauen und besonders die eigenartige
Zeichnung der schmalen Lippen.
Trotz der auffallenden Ähnlichkeit war der Ausdruck in Christls
Gesicht von dem der anderen wieder ganz verschieden. Eine gedankenlose
Trägheit sprach aus den schlaffen Wangen und aus der Art,
wie er beim Zuhören die Zunge zwischen den Zähnen hielt,
so daß sie die Unterlippe bedeckte. Sah er einem ins Gesicht,
so kniff er das linke Auge ein, daß es fast geschlossen
erschien. In diesem halben Blick lag es wie furchtsames Mißtrauen.
Auf meine Fragen über den See, über die Fischgattungen
und die Art ihres Fanges gab er kurze, ungenügende Antworten;
doch schien mir das weniger einem Mangel an gutem Willen zu entspringen
als der trägen Unfähigkeit, auf eine sachliche Frage
mit überdachten Worten zu erwidern.
Nicht lange war ich so am Tisch gesessen, als sich die Stubentür
ö
ffnete und Anderl mir zurief: "Da is die Mali! jetzt
schauen Sie s' an!"
Ich gewahrte, wie dem Mädel ein flüchtiges Rot über
die Wangen huschte. Wir haben schon halb und halb Bekanntschaft
gemacht. Gelt, Mali?" Ich bot ihr die Hand, in die sie wortlos
einschlug.
"Bekanntschaft? Wo denn?" fragte Anderl neugierig.
"Drunten am See, wo das Marterl steht." Ich sah die
Mali an, die aus der Tischlade zwei Eßbestecke hervornahm.
"
Hast du für die arme Seele ein Vaterunser gebetet?"
Unwillig erhob sich Christl. "Dö verruckte Narretei
kunnt schon bald amal an End haben!" schnauzte er die Schwester
an, verließ die Stube und schlug die Tür zu, daß
die Fensterscheiben klirrten.
"Was ist denn?" fragte ich verdutzt. Da spürte
ich unter dem Tisch einen recht ungelinden Fußtritt, und
als ich den Jäger verwundert ansah, blinzelte er und machte
heimliche Zeichen. Unwillkürlich suchte mein Blick das Gesicht
der Mali, die vor uns ein blaues, verwaschenes Tischtuch ausbreitete.
Ihre Züge waren starr und hart. Ober die gesenkten Lider
ging ein leichtes Zittern wie ein Anzeichen naher Tränen.
Nun wandte sie sich hastig ab und ging auf den Geschirrkasten
zu; als sie wiederkam und zwei weißglasierte irdene Teller
auf den Tisch setzte, gewahrte ich einen glänzenden Schimmer
an ihren Wimpern.
Ich faßte ihre Hand. "Mali! Es wäre mir leid,
wenn ich etwas gesagt hätte, was dir nicht lieb war?"
Sie schüttelte stumm den Kopf und ging aus der Stube.
"Anderl! Was hab ich denn angestellt?"
"Gar net so viel! Sö hätten halt vor'm Christl
net sagen sollen, daß d' Mali beim Marterl war. Dö
zwei Buben haben's net gern, daß d' Schwester noch allweil
an dem Platzl hängt. Wann der Lipp von der Jachenau heimkommt
und der ander sagt's ihm, so kriegt d' Mali an groben Putzer.
Aber Sö haben ja net wissen können -" Anderl schwieg,
weil Mali in die Stube trat.
Auf einer flachen zinnernen Schüssel brachte sie die Forellen,
die, wie ich zu meinem Schreck bemerkte, mit Semmelbröseln
gebacken waren. Dennoch mundeten sie mir. Die Morgenpirsch und
das kalte Bad hatten mich hungrig gemacht.
Meiner Einladung folgend, holte Mali für sich einen Teller
und setzte sich zu uns an den Tisch. Sie stocherte an dem kleinen
Stück Fisch herum, das sie genommen hatte, hob einen sorgsam
gesäuberten Bissen auf die Zungenspitze, legte die Gabel
wieder fort und schob den Teller von sich.
"Ich weiß riet", sagte sie, "jetzt haben
wir bei uns fast Tag für Tag Fisch in der Schüssel,
und noch allweil hab ich mich net dran gwöhnen können.
Fisch hab ich nie net mögen. Und jetzt schon gar nimmer!"
"Ja! Ich begreif's!" sagte der Jäger. Er deutete
auf die letzte Forelle, sah mich an und fragte: "Mögen
Sie's noch?" Als ich den Kopf schüttelte, packte er
den Fisch bei der starren Schwanzflosse, und während er ihn
auf seinen Teller niederklatschen ließ, sagte er zu Mali:
"
Da is dein Bruder, der Christl, an andrer Fischesser wie
du! Den hab ich neulich in Urfeld vier oder fünf Pfund zammraumen
sehen - dös is bloß so a Hui gwesen. Aber gelt, jetzt
hast dich ärgern müssen wegen seiner unguten Red?"
"Ah na!" erwiderte Mali ruhig. "Da hätt ich
viel z' tun den ganzen Tag, wann ich mich jedesmal ärgern
wollt. Von dene zwei bin ich d' Roheiten gwöhnt. So ebbes
lauft an mir ab wie 's Wasser am Stein." Sie erhob sich,
um den Tisch zu räumen.
"Wart a bißl, nacher hilf ich dir!" brummte Anderl,
während er den letzten Bissen in den Mund schob. Er stellte
die Teller übereinander, legte sie mit dem Besteck in die
Schüssel und trug sie in die Küche.
"Schau, solltest bald heiraten!" rief ihm Mali scherzend
nach, während sie den Brotlaib und das Salzbüchsl in
die Tischlade schob. "Du gäbst an guten Mann ab, der
seiner Frau manchen Gang verspart."
"Kannst net wissen, ob's net bald amal kracht!" klang
von draußen die heitere Stimme des Jägers.
Mali lächelte. "Ich glaub gar, du Schlaucherl, du hast
ebbes im Sinn?"
"Kann schon sein!" entgegnete Anderl, der wieder in
die Stube trat, während Mali vor dem Fenster die Brosamen
vom Tischtuch schüttelte.
Ich war aufgestanden, hatte die Gitarre von der Wand gehoben und
schraubte die Saiten, um eine passable Stimmung herauszubringen.
Das wollte nicht recht gelingen. Mali, die lächelnd zugesehen
hatte, nahm mir das Instrument aus der Hand. Sie griff ein paar
Akkorde, drehte die Schrauben, und als die Töne richtig klangen,
reichte sie mir das Instrument mit den Worten: "So, Herr,
jetzt müssen S' ebbes aufspielen!"
"Können vor Lachen!" erwiderte ich, die Fingerstellung
eines Akkordes zusammensuchend.
Anderl puffte das Mädel mit dem Ellbogen an- "Gib lieber
selber was zum besten! Ich hab dem Herrn schon verzählt,
was für a Zeiserl du bist! Und daß dich im weiten Walchental
und in der ganzen Jachenau kein Madl net hinsingt. Geh, sing uns
eins von deine hundert Liedln."
Ein Schatten von Trauer legte sich über Malis Gesicht. "Du
weißt, ich sing nimmer gern. Und der Herr wird schon ebbes
Bessers ghört haben, als wie 's a Bauernmadl kann."
Ich hielt dem Mädel die Gitarre hin. "Wenn ich auch
schon manche gute Sängerin ghört habe, deswegen kann
mir auch ein Liedl von dir gefallen. Vielleicht noch besser!"
Mali schüttelte den Kopf. "Es geht net! Und wann ich
auch selber möcht - was tät der Bruder sagen, wann er
mich am Werktag singen höret? Und ich hab schon lang nimmer
gsungen. Mein' schier, es fallt mir gar kein Liedl nimmer ein!
"
"Ah bah! Da brauchst bloß dein Singbuch aus der Kammer
holen." Anderl wandte sich zu mir: "Wissen S', d'Mali
hat a dicks Buch, da stehen die Gstanzln und Gsangln nach'm Hundert
drin."
Ein Liederbuch, jedenfalls ein geschriebenes! Das war für
mich, wie der Bayer sagt, ein gemähtes 'Wieserl'. Um eines
neuen Volksliedes willen wär' ich stundenweit gegangen. Nun
trat für mich der Gesang des Mädels in den Hintergrund,
das Buch war mir die Hauptsache. Ich sagte: "Wenn du nicht
singen willst, so zeig mir dein Liederbuch!"
Mali zögerte. Mein Wunsch kam ihr nicht gelegen. Dann nickte
sie und verließ die Stube.
Als sie wiederkam, trug sie auf dem Arm ein großes, hübsch
gebundenes Buch. Sie wischte mit der Schürze über den
Tisch und legte das Buch vor mich hin. "Müssen S' aber
recht Obacht geben, daß kein Fleck net einikommt!"
Mit mißtrauischem Blick verfolgte sie meine Hand, die den
Deckel des Buches aufschlug.
Da stand auf dem ersten Blatt in kunstvoller Rundschrift:
Lieder und Gesänge
für ein und zwei Stimmen, mit Gitarrebegleiten
(von Verschiedenen)
für
Fräulein Amalie Leitner
zu deren dreiundzwanzigstem Geburtstage
zusammengestellt und aufgeschrieben
von Dominicus Haselwanter,
Schulgehilfe in der Jachenau.
Dominicus Haselwanter! Als ich diesen Namen las, mußte ich
aufblicken. Es war der Name, der draußen am See auf dem
Marterl angeschrieben stand.
Eine Weile noch blieb Mali vor mir stehen, um sich von der Achtsamkeit
zu überzeugen, mit der ich das Buch behandelte. Dann verließ
sie die Stube, um ihrer Arbeit nachzugehen.
Anderl hatte sich auf das Sofa gestreckt und schmauchte sein Pfeifchen.
So konnte ich ungestört das Buch durchblättern. Die
Lieder, die ich fand, waren meistens alte, gute Bekannte -einfache,
gemütvolle, sinnige Volksweisen, wie sie zwischen Königssee
und Mittenwald allerorten von Burschen und Mädchen gesungen
werden. Bei den meisten dieser Lieder war nur vor jeder Strophe
die Tonart der Begleitung durch lateinische Buchstaben angegeben,
andere waren unter sauber gezogene Notenlinien geschrieben, Melodie
und Begleitung wie gestochen. Zwischen dieser heimischen Gesellschaft
fanden sich auch Liedergäste, die sich in solcher Umgebung
seltsam ausnahmen: 'Gute Nacht, du mein herzigs Kind', Schuberts
Ständchen, das Mozartsche Kirchenlied 'Ich will dich lieben,
meine Stärke' und Beethovens 'Adelaide' auf dem gleichen
Blatt mit dem Wiener Couplet: 'Ja so zwa, wie mir zwa, dös
findt ma net leicht!'
Wenn ich unter den Dialektliedern eines fand, das ich noch nicht
kannte, schrieb ich es in mein Notizbuch ein. Unter anderem fiel
mir auch ein Lied auf, dessen Inhalt in eigentümlichem Kontrast
zu dem hochklingenden Titel stand, den es trug, und das mich doppelt
interessierte, weil unter der letzten Strophe Dominicus Haselwanter'
als Dichter verzeichnet war. Das Lied war überschrieben:
Abschied an Amalie!'- und lautete:
Und i kon halt net bleibn,
Und i mueß wieder fort -
Drum pfüet di Gott, Deanerl!
Gelt, dös is a Wort!
Es druckt oam schier's Herz ab
Und sagt si so schwaar -
Woaß Gott, i gang leichter,
Wann's net a so waar!
Mei Load, dös gheart mei,
Und dös trag i mit mir,
Mei Herzerl gheart dei,
Und drum bleibt's aa bei dir!
So pfüet di Gott, Deanerl,
jatz geht's halt dahi -
Hast grad amal Zeit,
Nacha denkst halt an mi!
Noch war ich mit der Abschrift dieses Liedes nicht zu Ende gekommen,
als Mali wieder in die Stube trat. Sie setzte sich zu mir auf
die Bank und sah mir eine Zeitlang schweigend zu. Warum schreiben
S' denn dös Gsangl ab?" fragte sie mich endlich mit
halblauter Stimme.
"Weil's mir gefällt."
"Ja, es is eins von die schönsten im ganzen Buch. Aber
weiter hinten kommt noch a schöners!"
Sie hatte zugegriffen, um dieses schönere Lied aufzuschlagen.
Ich zog ihr das Buch unter den Händen weg. "Nur langsam!
Wir werden es schon erwischen. Alles der Reihe nach!" Dann
blätterte ich weiter, und Mali sah mir über die Schulter,
an das eine und andere Lied kleine Bemerkungen knüpfend-
daß sie es gern oder ungern gesungen hätte, daß
es leicht oder schwer zu begleiten wäre.
So schlug ich wieder einmal ein Blatt um. "Dös da!"
rief Mali erregt, während sie auf ein Lied deutete, das überschrieben
war: 'Der Jäger am Walchensee.'
"Dös hat er allweil am liebsten gsungen, fast jedsmal,
sooft er bei mir heraußen war!" sagte sie mit gepreßter
Stimme.
"Ist das Lied von ihm selbst?"
"So halb und halb. Wissen S', die jagerischen Sachen sind
aus ei'm alten Lied, aber den Anfang und 's End hat er selm verfaßt.
Schweigend sah sie mir zu, während ich das Lied abschrieb.
Als ich damit zu Ende war, fragte ich: "Wie geht das Lied?"
Sie griff nach der Gitarre und begann mit halber Stimme zu singen,
die Weise mit leisen Akkorden begleitend. Ich vermutete, daß
sie nach der ersten Strophe wieder abbrechen würde, täuschte
mich aber. Von Wort zu Wort hob sich ihre Stimme und verstärkte
sich der Klang der Saiten.
Anderl richtete sich auf und lauschte gleich mir dem Gesang des
Mädels. Es war eine Altstimme, weich und schmiegsam. So kunstlos
die Art des Gesanges war, so ergreifend war dieser Ton. Die Weise
des Liedes war einförmig und bewegte sich, von eigentümlich
schwermütigen Jodelläufen unterbrochen, innerhalb des
Umfanges einer Quint; dazu der getragene Klang der von schmerzlicher
Empfindung bewegten Stimme, so daß der Gesang wunderlich
kontrastierte mit dem fröhlichen Sinn der gesungenen Worte:
A See, der is blau, der liegt tief in ei'm Tol -
Da woaß i a Deandl, dös gfallt m'r so wohl.
Dös Deandl, dös is grad wie Milch und wie Bluet,
Wie a Rehcherl so sanft, wie a Lamperl so guet.
Dös Deandl kon singen wie 's Zeiserl am Baam,
Und Ziedern kon's schlagn wie a himmlischer Traam.
Und juchezt mei Deandl, so ziedert da See,
Und die Berg alle wackeln bis auffa in d' Höh.
Um di, du mei Deandl, draht si alls, was i bin,
Dei ghear i, dei bleib i mit Herz und mit Sinn.
Und schieß i an Garnsbock, a schwarzer muß 's sein,
Der Gamsbart, liebs Deandl, der gheart nacha dein.
Und wann i am Berg wo an Edelweiß find,
Paß auf, was i für a schöns Sträußerl
dir bind.
Und is wo a Schießn, so geh i dazua,
Dös schönst seiden Tüchel daschießt dr dei
Bua.
Du bist amal mei, und di geb i net auf,
Mei Seligkeit, Schatzerl, vaschwör i dadrauf.
Und müeßt i bald sterbn und graben s' mi ein,
Mei Grab dös mueß nacher am Walchensee sein!
Mali schwieg. Regungslos, den Kopf gesenkt, starrte sie nieder
auf die Gitarre, in deren Saiten noch ihre Finger lagen, während
schimmernde Tränen über ihre Wangen rollten und niedertropften
auf ihre Brust.
"Wie er mir zum erstenmal dös Lied gsungen hat",
sprach sie mit versagender Stimme vor sich hin, "da hätt
er sich wohl riet denkt, daß sein Lied so traurig zur Wahrheit
werden müßt. jetzt is der Walchensee sein Grab - a
Grab, so tief, daß man kein' drin findt vor'm jüngsten
Tag."
Die Tür wurde aufgerissen, und Lipp trat in die Stube. Heißer
Zorn lag auf seinem Gesicht. Mit schriller Stimme schrie er die
Schwester an: "Du hast wohl kei' Arbet riet, daß d'
umanandhocken kannst und dene zwei was fürplärren!"
Er riß ihr die Gitarre aus den Händen und warf sie
in eine Fensternische, daß es krachte und klirrte. "Mach,
daß d' aussi kommst in' Stall! Unsere Küh haben an
deiner Dudlerei net gfressen."
Mali warf einen stummen Blick auf ihren Bruder, ging zum Fenster,
nahm die Gitarre und hängte sie an die Wand. Dann zog sie
das Liederbuch vom Tisch und verließ die Stube.
Lipp hatte Hut und Joppe hinter den Ofen geschleudert. Während
er die Nagelschuhe herunterstreifte, rief er dem Jäger zu:
"
Der Wagen steht draußen! Im übrigen will ich
dir ebbes sagen: Wann du bei uns kein anders Gschäft riet
hast, als daß d' mir d' Schwester zum Faulenzen anhaltst,
nacher därfst daheim bleiben!"
Anderl war dicht vor den Burschen hingetreten. Lipp! Wegen deiner
Flegelei gegen 's Madl kann ich dir nix sagen. Da hab ich kein
Recht dazu. Aber gegen mich, dös därfst dir merken,
mußt deine Wörtl a bißl sanfter zammklauben.
Sonst zeig ich dir, für was unser Herrgott d' Haselnußstauden
hat wachsen lassen. Verstehst mich?"
"Oho!" fuhr der Lümmel auf. "Dös wär
mir grad noch 's Rechte! In mei'm eigenen Haus müßt
ich mir -"
"Sei stad!" fiel ihm Anderl ins Wort. "Wir wissen
schon, daß d' a Lackl bist! Brauchst kei' weiters Zeugnis
bringen. Während er Gewehr und Rucksack aufnahm, wandte
er sich zu mir: "Geben S' ihm a Markstückl! Dös
hat er verdient für 'n Gang. Und fertig!"
Ich reichte dem Lipp einen Taler, den er brummend einsteckte.
Als ich davonfuhr, wandte ich das Gesicht. Das Mädel war
nicht zu sehen. Nur die Brüder sah ich. Christl hantierte
drunten am See an einem alten Boot, und Lipp hämmerte am
Gartenzaun wütend auf die Staketen los.
Zehn Tage waren vergangen. So lieb mir der Aufenthalt in der wiesenblühenden
Jachenau geworden, endlich mußte ich ans Wandern denken.
Ich hatte noch einen schönen Weg vor mir: über Urfeld
und Walchensee nach der Vorderriß.
Dieser Weg führte mich wieder zu der Stelle, an der ich vor
zehn Tagen den glücklichen Schuß getan hatte. Der Seespiegel
schimmerte. Weshalb den weiten Umweg über Urfeld machen?
Wenn ich mich von einem der Seeleitnersbuben nach Walchensee hinüberrudern
ließe?
Rasch entschlossen wandte ich mich talwärts, versah mich
aber in der Richtung. Als ich den Rand des Gehölzes erreichte,
lag nicht die Wiese mit dem Haus der Seeleitnersleute vor mir,
sondern die schmale Straße und hinter ihr der stillblaue
See. Vom Ufer her vernahm ich den dumpfen Hall rasch aufeinanderfolgender
Schläge - da war wohl irgendwo ein Holzknecht damit beschäftigt,
Baumklötze oder Wurzelstöcke auseinanderzukeilen. Plötzlich,
nahe vor mir, verstummten die Schläge; ich bog um die Waldecke
und stand vor dem Marterl des verunglückten Schulgehilfen.
Aber kein Mensch war da. Als ich aufhorchte, hörte ich flinke
Tapper im Wald. Sprang da einer davon? Und warum?
Ich trat auf die Felsplatte hinaus, las wieder die Inschrift des
Marterls und mußte der zierlichen Schrift in Malis Liederbuch
gedenken. Schon wollte ich wieder auf den Weg zurück. Da
machte ich eine sonderbare Entdeckung. In der ganzen Breite, in
der die Felsplatte mit dem Straßenkörper zusammenhing,
war sie von tiefen Rissen durchzogen und zerspaltet. Und eingetrieben
in solch einen Spalt, stak ein dicker, an seinem Kopf zu Fasern
zerschlagener Holzkeil.
Eine Viertelstunde später betrat ich den Hof des Seeleitnerhauses
und hörte aus der Stalltür eine scheltende Männerstimme.
Christl, beim Futterbarren, legte die rostige Stallkette um den
Hals eines Ochsen, dem er haarige Zärtlichkeiten gegen die
Hörner schrie.
"Bist du allein daheim?"
"Na! Der Lipp is draußen im Holz, aber 's Madl is da.
Warum?"
"Ich möchte mit einem Boot nach Walchensee fahren."
"So, so?" Christl preßte die Fäuste hinter
die Hüften und verzog das Gesicht, als hätte er Schmerzen
im Rücken. "Ich selber kann net furt, aber 's Madl kann
ummifahren. Was zahlen S' denn?"
"Was du verlangst."
"Zwei Mark fufzg? Dös wär net z'viel?"
"Gut! Ein Trinkgeld leg' ich auch noch zu, dann bekommt das
Mädel drei Mark."
"Ah na! Dös heißt, mit die drei Mark bin ich einverstanden.
Aber mir müssen S' es zahlen, gleich vor'm Fahren!"
Ich reichte ihm das Geld, das er schmunzelnd einsteckte, während
er mir voraus zur Haustür ging. Im Flur blieb er vor der
Holztreppe stehen, die zum Bodenraum hinaufführte. "Höi!
Mali!"
"Was is?" klang von droben die Stimme des Mädels.
"An Herrn mußt nach Walchensee ummifahren. Ich richt
derweil die Zillen her. Tummel dich!"
Ich ging mit Christl zum See hinunter, wo er das Boot loskettete
und die plumpen Ruder in die abgewetzten Weidenringe schob.
Mali kam. Sie trug das gleiche dunkle Kleid, in dem ich sie damals
vor dem Marterl hatte sitzen sehen, doch statt des weißen
Kopftuches einen breitkrempigen Hut mit den landesüblichen
Goldschnüren. Ich bot ihr die Hand.
"So? Sie sind's! Grüß Gott!" sagte sie und
legte ihre Hand in die meine.
Ich stieg in das Boot, Mali setzte sich auf die Ruderbank und
griff nach den Stangen. "Zahlt hat er schon!" rief Christl
der Schwester zu, während er mit kräftigem Stoß
den Nachen ins Wasser schob.
Das Mädel rührte die Ruder mit fester Kraft. Ein Rauschen
vor dem Kiel. Schweigend fuhren wir durch die friedliche Schönheit,
die mich fesselte, daß ich des Redens vergaß. Die
Morgensonne breitete einen blauweißen Schimmer über
den regungslosen Spiegel; auch die leichten Wellenfurchen, die
den Weg des Bootes bezeichneten, verschwammen bald wieder zu stiller
Ruhe. Wie Gold und Perlen glänzten die Wassertropfen, die
von den Rudern fielen. Zarter Duft lag über den Bergen von
Walchensee und ließ sie ferner erscheinen, als sie waren.
Hoch über dem See zog ein Habicht mit raschem Flug, und in
der Tiefe des klaren Wassers glitt sein Spiegelbild wie ein Fisch
mit Federn.
Als ich aufblickte, sah ich Malis Gesicht gegen das Urfelder Sträßchen
hinübergewandt. Da drüben stand das Marterl, dessen
rot bemaltes Holz in der Sonne leuchtete wie blankes Metall.
Müde Schwermut lag in Malis Zügen. Als sie die Augen
wieder zum Boot zurückwandte, das aus der Richtung geraten
war, schwellte ein tiefer Seufzer ihre Brust.
Ich fragte: "Wie lang ist das her? Das Unglück da drüben?"
"Sieben Vierteljahr."
"Und du kannst es noch immer nicht verwinden?"
Wortlos schüttelte sie den Kopf.
"Hast du ihn gern gehabt?"
"Ja, Herr!" Den Kopf ein bißchen seitwärts
geneigt, blickte sie immer nach dem Kielwasser. "Schön
war er riet. Aber gut. jedem Viecherl am Weg is er ausgwichen.
Und fromm war er und gottesgläubig. Wann er auf der Orgel
's Benediktus gsungen hat oder 's Gloria, hat man's ihm allweil
anghört, daß er akrat für unsern Herrgott singt.
Und brav is er gwesen. Wann's im Wirtshaus an Spitakl geben hat,
war er nie dabei. Alle Leut waren ihm gut. Bloß meine zwei
Brüder haben ihn nie riet mögen."
"Warum nicht?"
"Dös hat an Grund. Der heißt: Magen und Geldbeutel.
Wie der Vater selig gstorben is, hat er uns drei Gschwister den
Hof hinterlassen und hat im Testament ausgmacht, daß am
Hof bleiben soll, wer z'letzt heiret. Wer früher heiret,
müßt aus'm Hof und krieget zwölfhundert Mark aussizahlt.
Der Vater selig hat's gut gmeint und hat sich denkt, so tät
er keins von uns verkürzen. Hätt er wissen können,
was da für Feindschaft und Verdruß und Elend aufwachst,
so hätt er's anders gmacht. Der Hof is gut im Stand. Man
kann z'dritt, schaut man fleißig auf d' Arbeit, richtig
drauf leben. Aber so viel bars Geld war nie net da, daß
man eins von uns hätt nauszahlen können, ohne daß
man aufs Haus Hypothekschulden hätt aufnehmen müssen.
Lang schon, vor ich selber ans Heiraten denkt hab, war Feindschaft
zwischen die Brüder. jeder hat an Schatz ghabt, jeder hat
am Hof bleiben wollen, und keiner is drauf eingangen, daß
der, wo aussiheiret, bloß die Zinsen kriegt, derweil 's
Geld am Haus bleibt. So haben s' mitanand furtghadert Jahr um
Jahr. Dem Christl sein Schatz hat a Kind kriegt, und der vom Lipp
gar zwei in ei'm Jahr. Da haben die Buben wieder ihre Madln ebbes
zahlen müssen, und statt, daß man gspart hätt,
is 's Geld allweil weniger worden."
"Da mußt du kein gutes Leben gehabt haben!"
"Im Anfang, solang ich allweil d' Vermittlerin hab machen
können, wann s' gstritten und zugschlagen haben, war's zum
derleiden. Aber arg is 's worden, wie z'letzt alle zwei gegen
mich bockt haben. Da is a reicher Bauernsohn in der Jachenau gwesen.
Der is mir nachgangen auf Schritt und Tritt. Selbigsmal war ich
noch gut zum anschaun, aber jetzt - ich muß mich wundern,
daß mich 's Elend net noch ärger runterbracht hat.
Der Huber Franzl war so verschossen, daß er zu meine Brüder
gsagt hat, er nimmt mich ohne Heiratsgut. Da hab ich's natürlich
sagen müssen, daß ich den Domini gern hab. Und daß
wir im Herbst Hochzet halten möchten. Und sie müßten
mir 's Heiratsgut auszahlen, geh's wie's will. Meine Brüder
sind umgsprungen mit mir, ich kann's net sagen. Der Lipp amal
hätt mich in der Wut derschlagen, wann ich net zur Stuben
aussigsprungen wär und hätt mich eingsperrt in der Kammer.
Am andern Morgen haben s' mir gsagt, sie hätten dem Franzl
a feste Zusag gmacht und ich müßt mich dreinschicken,
ob ich wollt oder riet. je mehr ich bettelte und gweint hab, so
gröber sind s' mit mir worden. Den ganzen Tag haben s' aufpaßt,
daß ich riet in d' Jachenau ummispring oder dem Domini Botschaft
sagen laß. Wie der nächste Sonntag kommen is, haben
s' mich zur Kirchenzeit auf'n Heuboden gsperrt, daß ich
mit'm Domini net zammtreffen sollt. Ihm selber haben s' schon
lang Botschaft zutragen lassen, daß ich mit'm Huber Franzl
versprochen wär. Am selben Sonntag is in Urfeld drüben
Kirchweih gwesen -"
"In Urfeld steht doch gar keine Kirche?" unterbrach
ich das Mädel.
"Dös macht nix. Kirchweih feiert, man deswegen doch.
Also, am Nachmittag sind meine Brüder aus der Jachenau heimkommen,
wo s' in der Kirch waren und beim Wirt drin gsessen haben. Da
hat mich der Lipp aus'm Heuboden aussilassen und hat mir gsagt,
daß der Franzl drunten wär. Ich sollt nur gleich mein
Feiertagsgwand anlegen, weil ich mit ihnen nüber müßt
zum Tanz nach Urfeld. Ich hab gmerkt, daß mir a Widerred
nix anders eintragt als Schimpf und Schläg. So hab ich mir
denkt, die Glegenheit kommr schon, wo ich's machen kann, wie ich
will. In Urfeld hab ich tanzt, hab gessen und trunken. Mir war's,
wie wann ich beim eigenen Leichenschmaus mithalten tät. Links
von mir is der Franzl gsessen und rechts der Lipp. Mit keim andern
Burschen hab ich tanzen dürfen als mit'm Franzl. Der Lipp,
der in der Jachenau schon a bißl z'viel derwischt hat, hätt
mich beim gringsten Muckser anpackt vor alle Leut. Grad bin ich
nach'm Tanz wieder am Tisch gsessen, da schau ich auf und bin
schier z' Tod erschrocken, wie der Domini dasteht, 's Hütl
am Kopf und 's spanische Spazierstöckl in der Hand, mit dem
er allweil an d' Waden hinklopft hat. Sein Gsicht is gwesen wie
d'Wand, und angschaut hat er mich wie a Gstorbener. Und is auf
an Tisch zugangen, wo fünf oder sechs Jachenauer Madln gsessen
sind. Da hat er an süßen Wein kommen lassen, hat trunken
und tanzt und mit die Madln Dummheiten trieben. Diemal hat er
glacht, daß man's hören hat können im ganzen Saal.
A Zither haben s' ihm bracht, und da hat er gsungen, ein Liedl
ums ander. Z'letzt den 'Jager am Walchensee':
A See, der is blau, der liegt tief in ei'm Tol -
Mit Gwalt hab ich's Weinen verhalten. Und wie er gsungen ghabt
hat:
Und müeßt i bald sterben und graben s' mi ein,
Mei Grab, dös mueß nacher am Walchensee sein -
da is er gahlings aufgsprungen und hat zu mir ummiglacht: ,Was
is denn, Mali? Singst net eins mit mir? Weißt, dös
lustige Lied vom Madl, dös an andern gnommen hat?' Ich hab
aufstehn wollen. Der Lipp hat mich wieder hinzogen auf'n Stuhl
und schreit zum Domini ummi: Sing du allein, mei' Schwester hat
schon an Zwiegsang am Tisch!' Und da hat er wohl denkt, der Lipp,
daß ich's nimmer lang aushalt. Drum haben die Brüder
's Gwitter fürgschützt, dös am Himmel gstanden
is, und sind zum Heimweg aufbrochen. Es war noch net Abend. Wie
wir zum Tanzsaal aussi sind, steht neben der Stiegen der Domini.
Es muß ihm net recht gut gwesen sein - natürlich, dös
ungwohnte Einischütten und dö gwaltsame Lustigkeit!
Und ich spring auf ihn zu. ,Domini!' sag ich. Zu allem haben s'
mich zwungen, aber dir bleib ich treu auf Schnaufen und Sterben!'
Der Christl schiebt den Domini auf d' Seiten, der Lipp hat mich
am Arm packt und hat mich abigrissen über d' Stiegen. Wie
wir drunten auf der Straß waren, is der Franzl nachkommen
und hat mich zum fragen angfangt. Was denn dös wär?
Und daß ich mit eim andern so reden kunnt, wo er die feste
Zusag hätt? Da hab ich mir 's Kurasch gnommen und hab ihm
alles gsagt. Und wie der Lipp auf mich losfahren will, hat der
Franzl den Arm fürgstreckt: Laß du 's Madl reden, wie's
ihr ums Herz is!' Und da hab ich gredt, wie's mir ums Herz war.
Und da hat er gsagt: ,Nobel, nobel! Schön sitz ich vor'm
Häusl! Aber dir, Madl, mag ich 's Glück net verschustern,
und für mich wär's auch kein Segen net, wann ich a Weib
haben müßt, dös an andern mag.' Wahr is 's, Herr,
da hab ich aufgschnauft, als wär der Heiland extra für
mich vom Kreuz abigstiegen."
Ich sagte: Ein braver Bursch, der Franzl!"
Mali nickte. "So sind wir halt fort in der Nacht. Keins von
uns hat mehr a Wörtl gredt. Bloß der Lipp is gahlings
stehnblieben und hat gsagt, er müßt wieder umkehren."
"Was? Der Lipp ist noch mal nach Urfeld?"
,Er hat auf'm Tisch sei silberbschlagene Pfeifen liegenlassen.
Ohne die hat er net heim wollen. Is er halt wieder zruck. Und
daheim, beim Haus, hat mir der Franzl d' Hand geben und hat gsagt:
Deswegen kei' Feindschaft net! Unser Herrgott macht's halt, wie
er mag.' Hat 's Hütl glupft und is davongangen. Im Haus hat
der Christl d' Stubentür zugschlagen ohne Gutnacht. In meiner
Kammer hab ich mich ans Fenster gsetzt, weil ich mir denkt hab,
der Domini macht den weiten Weg am Haus vorbei und ich kunnt ihm
noch a Wörtl sagen. Ganz verträulich bin ich wieder
gwesen und hab gmeint, jetzt kommt alles in Ordnung und alls is
gut."
Den Kopf senkend, schwieg das Mädel eine Weile. Ihre Stimme
war anders, als sie weitersprach:
"Zwei Stund später hab ich den Lipp heimkommen hören.
Und allweil hab ich gwart und gwart. Der Tag is kommen. Kein Domini.
Gegen Morgen bin ich vor Müdigkeit auf'm Sessel eingschlafen.
Wie ich aufwach, is d' Sonn schon überm See gstanden. Da
hab ich d' Werktagsmontur anzogen. Der Lipp is schon draußen
im Holz gwesen. Und der Christl hat im Garten am Zugnetz gflickt.
Und wie ich beim Brunnen a Schaffl mit Wasser einlaufen laß,
hör ich am Straßl wen daherspringen. An alts Weib steht
im Hof, kasweiß im Gsicht, in der Hand dös spanische
Spazierstöckl. Gleich hab ich's kennt. Und draußen
im See, hat die Alte aussigraspelt, tät a Hütl im Wasser
schwimmen. An Schrei hab ich ausgstoßen und bin aussi zum
Hof, hinter mir die Alte und der Christl. Wie ich ans selbige
Platzl komm und dös Hütl im Wasser sieh, hab ich gmeint,
es fallt mir der Himmel auf d' Augen. Wie a Stück Holz bin
ich niedergschlagen. Vier Wochen bin ich am Nervenfieber glegen.
Und wie ich nach der sechsten Woch wieder vor d' Haustür
kommen bin, da war schon dös Marterl am See. Dös Kreuzl
war alls, was mir bliebn is."
Mali schwieg. Ganz ruhig hatte sie gesprochen. Was in ihrem Innern
war, hatte sich nur manchmal durch ein Beben der Stimme verraten,
durch einen müden Zug, der sich um die Mundwinkel schnitt,
und durch die Hast, mit der sie die Ruder führte.
Nun hob sie das harte Gesicht und sah mich an, fast verwundert.
"
Dös is seltsam: daß ich Ihnen, den ich heut zum
zweitenmal sieh, so alles verzählen hab müssen? Kann
sein, weil Ihnen sein Liederbuch gfallen hat. Kann sein, es war
mir selber a Wohltat, daß ich amal reden hab dürfen.
So a Wörtl, wann dös einer geduldig anhört, kann
wie a Pflaster sein. Sonst hab ich kein Trost. Dös is der
einzige - vom Domini reden. Den andern - daß man sich wieder
amal finden kunnt, ich weiß net wo -, den haben s'mir ausgredt!"
"Wer? Deine Brüder?"
Sie schüttelte den Kopf. "Der Pfarr!" Eine Falte
schnitt sich in ihre Stirn, während sie über die Schulter
nach dem Ufer blickte, das wir in wenigen Minuten erreichen mußten.
"
Ja! Am Krankenbett hat er mich öfters bsucht, der geistliche
Herr! Und gnau hat er mir alles sagen können. Daß der
Domini von selber einigsprungen is? Ah na! Es war an Unglück.
Da glaub ich dran. Aber a Rausch? Net? Dös is doch a Todsünd!
Im Katechismus heißt's: Völlerei. Und wann einer im
todsündigen Zustand ummifahret? Was da gschieht? Dös
weiß doch der Pfarr! Oder net?" Ein wehes Lächeln
umzuckte den Mund des Mädels. jetzt müssen die Höllischen
schöne Zeiten haben - wann der Domini Orgel spielt. '
Knirschend fuhr der Kahn an das sandige Ufer. Mali erhob sich.
Ich faßte ihre Hand.
,Mädel! An so hoffnungslose Dinge dürfen wir Menschen
nicht glauben. Wie wir schnaufen müssen, so müssen wir
hoffen können. Unser Herrgott ist größer im gütigen
Verzeihen als im Strafen und Verdammen. Was wir Liebe nennen,
ist sein Geschenk für uns. Und seine Ewigkeit da drüben
ist ein Haus voll Glück und Ruhe, ein Haus des Wiederfindens
für Menschen, die auf der Welt in Treu zueinander standen.
Das mußt du glauben, Mädel! Und kommen Zweifel über
dich, so frag nicht andere! Frag dein eigenes Herz! Dann weißt
du die Wahrheit!"
Ein dankbarer Blick leuchtete in Malis Augen. Vergelts Gott, Herr!"
sagte sie leise, schob den Kahn ins Wasser, drehte ihn mit der
Stange, faßte die Ruder und begann zu ziehen.
Hinter dem Boot blieb in der Sonne ein leuchtender Wasserstreif.
Drei Wochen später kehrte ich nach München zurück.
In meiner Wohnung fand ich eine Kiste, in der mir Anderl, mein
Jagdführer in der Jachenau, das Geweih des von mir erlegten
Hirsches übersandt hatte.
Der Brief, der dabei lag, lautete:
Jachenau, den 2. Settember.
Liber Herr Dogder!
Anbey überschigg ich Ihn, wie mir auftragt haben, das Hirschgeweih.
Habs gut verpackt, wird hohfentlich kein End oder sonst nichs
brochen sein. Ist schad, das Sie furt ham müssen, kommens
nur bald widder, ich spür Ihn den schönsten Hirsch aus
in Revier. Geltens mit der Leitnermali hats ein traurigs End gnommen.
Sie dauert alle Leit! War ein braffs Madl, wos besser verdient
hätt. Oft gets spaßig zu auf der Welt. Is eh nix wert,
alls übereinand. Der Herr Oberförster läßt
Ihnen grissen. Sö sollen auf die Patronhilsen nich vergessen,
wos ihm bsorgen wollen. Bein Königsschießen hab ich
das Best am Haupt kriegt, ein seidens Tüchl mit zehn March.
Ein Rausch hab ich auch kriegt, hat sich könn segn lassen.
Sind schon widder beim Teifi, die zehn March. Hochachtungsvohlst
grissend Ihr liber
Andreas Horlinger,
königl. Jagdgehilf in der Jachenau.'
Mali tot! Diese Nachricht erschütterte mich. Was war da geschehen?
Ich schrieb an den Jäger. Drei Tage später erhielt ich
seine Antwort:
'Jachenau, den 9. Settember. Liber Herr Dogder!
Hab glaubt Sie wüßtens schonn, hättens in der
Zeiding glesen. Die Mali is nich gesturm, is im Walchensee verunglückt,
is jez mit ihm vereinicht, freilich auf anderweis als sichs friher
denkt haben. Das Platzl kennens wo dem Domini sein Marterl stett.
Da is die Mali Tag fir Tag zum Beten gangen. Die Felsplatten hat
schonn lang ein Riß ghabt. Wie die Mali am Bankl vor den
Kreizl war, is die ganze Gschicht in See abi grumpelt. Am 22.
August is gwesen. Das Madl hat man nich mehr gfunden. Der Walchensee
is ein Luder. Gibt nichs mer her. Ihr Brudder Lipp is menschenfeindlich
seit derer Zeit. Der Christl is ganz täppet und redt dumms
Zeig. Is auch bettlächrig. Wies des Madl gsucht ham, is er
mitn Hackn wo hängen bliem und kopfüber in See gfahln.
Seider Zeid hatr ein arg bösen Husten. Der Dogder fürcht.
Für die Patronhilsen laßt Ihnen der Herr Oberförster
danggen indem ich ebenfahls verbleibe Ihr liber
Andreas Horlinger,
königl. Jagdgehilf in der Jachenau.'
Drei Ausschnitte aus einer Münchener Zeitung:
Jachenau, 16. September. Gestern abend gegen 9 Uhr sah
man hier plötzlich über dem Gehölze gegen Walchensee
eine flammende Feuerröte sich erheben, welche von Minute
zu Minute an Dimension und Intensivität zunahm. Die Gemeindespritze
wurde sofort abgesandt. Als man den Rand des Gehölzes erreichte,
sah man sich dicht vor dem Feuerherde. Hier am See steht oder
vielmehr stand ein einsames Haus, Beim Seeleitner' geheißen.
Bis auf die Grundmauern war alles schon niedergebrannt. Leute
aus dem näheren Urfeld umstanden jammernd die Unglücksstätte.
Außer dem sämtlichen Vieh scheinen auch die zwei Brüder
verbrannt zu sein, welche das Anwesen bewohnten und denen erst
vor wenigen Wochen eine Schwester im See ertrank.
Tölz, 19. September. (Originalkorrespondenz.) Sie
haben - so schreibt man uns - vor wenigen Tagen in Ihrem geschätzten
Blatte von dem Brande des sogenannten Seeleitner-Hauses berichtet
und es dabei als wahrscheinlich hingestellt, daß die Bewohner
desselben, zwei Brüder, in den Flammen umgekommen wären.
Diese Nachricht muß eine Berichtigung finden. Heute vormittag
erschien auf dem hiesigen Landgericht ein wild aussehender Bursche
in schmutzigen, abgerissenen Kleidern. Er gab an, der Philipp
Leitner zu sein, der Mitbesitzer jenes abgebrannten Hauses. Daran
schlossen sich Selbstanklagen, welche jenen, die sie anhörten,
die Haare zu Berge stehen ließen. Philipp Leitner oder Lipp,
wie er kurzweg genannt wurde, hat erstlich den Geliebten seiner
Schwester, einen Jachenauer Schulgehilfen namens Dominikus Haselwanter
in den See gestürzt, um seiner Schwester nicht das vom Vater
testamentarisch ausgesetzte Heiratsgut bezahlen zu müssen.
Im Oktober wurden es bereits zwei Jahre, daß Lipp diese
Untat verübte. Weil damals alles der Meinung war, daß
Haselwanter im Rausch verunglückt wäre, ließ die
Jachenauer Gemeinde an jener Stelle auf einer in den See hinausspringenden
Felsplatte ein sogenanntes Marterl errichten. Hier pflegte die
Schwester des Mörders, die Geliebte des unglücklichen
Opfers, täglich zu beten. Da sich Lipp dadurch immer wieder
an seine Tat erinnert sah, kam er auf den Gedanken, die Felsplatte
mit dem Marterl vom Ufer abzusprengen und in den See zu stürzen.
Wochenlang unterminierte Lipp den Felsen, bis derselbe eines Tages
in den See brach, unglücklicherweise zu einer Stunde, als
die Schwester betend vor dem Kreuze kniete. So hat auch die Arme
durch die Schuld ihres Bruders den Tod gefunden. Die Habsucht
hatte den Burschen zu seinem Verbrechen verleitet, und gerade
an dieser Habsucht sollte er durch die unerforschliche Gerechtigkeit
des Schicksals bestraft werden. Sein älterer Bruder Christian
war, als er im Wasser den Leichnam seiner Schwester suchte, aus
Unvorsichtigkeit in den See gestürzt, und es hatte sich bei
ihm infolgedessen eine fixe Idee ausgebildet, indem er glaubte,
die tote Schwester hätte ihn zu sich in die liefe hinabziehen
wollen. Er verfiel in eine schwere Krankheit. Als er merkte, daß
er sterben müsse, verleitete ihn der Neid, daß dem
Bruder das ganze Erbe verbliebe, zu dem entsetzlichen Entschlusse,
diesem die Freude zu verderben. Als Lipp, der noch spät am
Abend in einiger Entfernung vom Anwesen Holz aufschichtete, die
Flammen aus dem Dache schlagen sah und entsetzt dem brennenden
Hause zueilte, traf er im Flur auf seinen Bruder, der ihm in der
Schadenfreude des Wahnsinns zur Erbschaft gratulierte. Schäumend
vor Wut riß Lipp das Messer aus der Tasche und stieß
es dem Bruder, der vor ihm in die Stube geflüchtet war, von
rückwärts in den Hals. Als dieser sich schwer getroffen
am Boden wand, packte den Mörder das Grauen, und er stürzte,
Verzweiflung im Herzen, aus dem brennenden Hause. Drei Tage irrte
er in den waldigen Bergen umher, bis er sich heute morgen in einem
Aufzuge, welcher, wie bereits vermerkt, jeder Beschreibung spottete,
den Gerichten stellte.
Tölz, 20. September. Der Mörder Philipp Leitner
hat sich heute nacht in dem Gewahrsam, in den er verbracht wurde,
mit Hilfe seiner zusammengeknöpften Rockärmel erdrosselt.
Stutzi, der Pechvogel
Stutzi, der Pechvogel
Als ich noch ein kleiner Junge war, brachte eines Morgens der Jagdaufseher
aus dem
Wald einen noch lebenden, aber schwer lädierten Nußhäher
mit heim in unser Forsthaus.
Der Vogel hatte sich im Wieseleisen gefangen, sein rechtes Beinchen baumelte.
Und der
Jagdgehilf, obwohl er über das zulässige Maß hinaus den
Branntwein liebte, war eine
gute Seele. Ausgenommen die Dachse, die er gern verspeiste, erbarmte
er sich eines
jeden Getiers, für das er kein Schußgeld bekam. Weil er nicht
wußte, daß man aus
Nußhähern eine gute Suppe machen kann, hielt er's für
eine Roheit, den lädierten Vogel
im Walde zwecklos abzumurksen, und hielt es für eine Grausamkeit,
ihm auf anderthalb
Beinen wieder die Freiheit zu geben. Also brachte er ihn mit heim, weil
doch die Frau
Oberförsterin mit jedem Blessierten was Hilfreiches anzufangen wüßte.
Er täuschte sich nicht. Meine Mutter wußte auch mit dem Nußhäher
was anzufangen.
Um den Vogel, der zornig den grauvioletten Schopf sträubte und die
kleinen Federchen
an der Kehle aufplusterte, zu geduldiger Erledigung der Kur zu veranlassen,
wurden ihm
zuerst mit der Schere die Schwungfedern gestutzt. Seit diesem notwendigen
Vorgang
hieß er Stutzi. Dann schindelte und verband ihm die Mutter das
vom Tellereisen
zerquetschte Beinchen. So verbunden, bekam er ein hübsches lindes
Bett in einer
Zigarrenschachtel, und um den Stutzi für die Dauer der Kurzeit am
Aufstehen zu
verhindern, wurde die Schachtel dicht über seinem Köpfl mit
einem Stück Fischnetz
ü
berspannt.
Das Krankenlager des Waldveteranen wurde zum Mittelpunkt der Familie,
der auch
Unkas, der Hühnerhund, und Waldine, die alte Dackelhündin,
beizuzählen waren. Diese
beiden letzteren trugen ein Wesentliches dazu bei, um Stutzi zu ruhigem
Liegenbleiben zu
veranlassen. Solange sie die Zigarrenschachtel anbellten oder beschnupperten,
spielte
Stutzi in unbeweglicher Starrheit das tote Vogerl. Und da Waldine und
Unkas fast immer
schnupperten oder bellten, schien Stutzis Heilung einen ziemlich ungestörten
Verlauf zu
nehmen.
Vier Tage lang verweigerte er die Annahme jeglicher Nahrung. Am fünften
Tage
verschluckte er alles, was man ihm hinbot, und pickte dabei mit seinem
kräftigen
Schnabel so energisch zu, daß er außer dem Leckerbissen,
der für ihn bestimmt war, auch
immer noch etwas anderes erwischte. Damals litt ich chronisch an verbundenen
Fingern.
In der zweiten Woche sträubte Stutzi den Schopf nicht mehr und
plusterte die
Kehlfederchen nimmer auf. Wenn wir uns über die Zigarrenschachtel
beugten, musterte
er sehr aufmerksam unsere Gesichter. Auch zeigte er deutliche Zeichen
beginnender
Zahmheit, so oft er zur Reinigung seines Lagers aus dem Bett genommen
wurde. Das
ü
berließ die Mutter keinem anderen, und Stutzi schien auch seine
sorgsame Pflegerin am
besten unter uns allen zu kennen.
Während der dritten Woche begann er in der Zigarrenschachtel sehr
gemütlich mit sich
selbst zu schwatzen und spielte so andauernd mit dem Fischnetz zu seinen
Häupten, daß
es täglich erneuert werden mußte. Dabei erbrachte er den Beweis
seiner vollendeten
Zahmheit; denn häufig biß er ein so großes Loch in das
Netz, daß er leicht hätte
durchschlüpfen können; doch er tat es nicht, verachtete die
Freiheit und zog die
Bettwärme vor.
Zu Ende der vierten Woche erschien es der Mutter notwendig, Stutzis
Verband zu lösen.
Es war ein sehr aufregungsvoller Augenblick. Unkas und Waldine wurden
aus der Stube
gejagt und bellten draußen vor der Türe. Wir anderen standen
in schweigender
Erwartung um den Tisch herum, auf dem sich Stutzis chirurgische Erlösung
vollziehen
sollte. Der Mutter zitterten die Hände ein bißchen, wir Kinder
rissen in Spannung und
Sehnsucht die Augen auf - Papa sagte: "Na ja!" und ging in
seine Kanzlei - der
Jagdgehilfe roch sehr heftig nach Dachsbraten und Schnaps, die dicke
Köchin hatte nasse
Augen, gab der Mutter ärztliche Ratschläge und rief alle Heiligen
an, die für Tiere gut
sind. Der einzige von uns allen, an dem sich nicht die geringste Spur
von Aufregung
erkennen ließ, war Stutzi.
Als der Verband gelöst war und die eingegipsten Schindelchen abgebröselt
wurden, fiel
zwischen Mutters Händen eine dürrgewordene Vogelklaue auf die
Tischplatte. Ein
sechsstimmiger Klagelaut. Und alle hatten wir Tränen in den Augen
- fünfe vor Rührung
und Erbarmen, einer von der Beizwirkung des Branntweins. Diesem Jagdgehilfen
tröpfelten die Augen immer. Er weinte auch, wenn er lustig war.
Dann erst recht. In
meiner Kinderzeit verstand ich den hohen Wert dieser Erscheinung nicht
zu würdigen.
jetzt weiß ich, daß es eines der kostbarsten Geschenke des
Lebens ist, unter Tränen
lachen zu können. Aber ohne Schnaps.
Dem Stutzi also war das zerschmetterte Beinchen nicht mehr heil geworden.
Es hatte
sich von ihm entfernt. Und was am Stutzi zurückblieb, war ein in
starrem Winkel
gebogenes Kniestummelchen. Sonst aber war Stutzi munter und gesund und
schien der
Meinung zu sein, daß man ganz vergnügt auch auf einem Fuße
weiterleben kann.
Wir anderen sahen die Sache für ein großes Unglück an,
bis Mutter auf den tröstenden
Gedanken kam, daß man an diesem hart gebogenen Kniestummel vielleicht
ein
künstliches Bein mit einiger Sicherheit befestigen könnte.
Sie wand dem Stutzi eine linde
Leinenbinde um Leib und Flügel herum und legte ihn wieder in die
Zigarrenschachtel.
Dann wurde der Drechslermeister, ein Universalgenie des Dorfes, zu Rate
gezogen. Der
fabrizierte für Stutzi ein niedliches, unten mit einer winzigen
Stahlspitze versehenes
Stelzfüßchen aus weißem Hirschhorn, das er in wetterfester
Beize schön rosenrot färbte
wie seine Spinnräder. Mit einer Lederhülse, mit Wachs und Zwirn
wurde dieses
orthopädische Meisterwerk an Stutzis Kniestummel dauerhaft befestigt.
Nun hatte er ein
graues und ein rotes Bein, und weil er auch sonst sehr scheckig war,
erinnerte er an einen
Landsknecht aus dem 16. Jahrhundert.
Es war ein historischer Moment, als Stutzi in dieser neuen Aufmachung
seines lädierten
Lebens auf den Stubenboden hingestellt wurde. Beim ersten Hupf, den er
zu machen
versuchte, erschrak er über das Geklapper seines Stelzfußes
so heftig, daß er mit seinen
gestutzten Schwingen einen Meter hoch emporflatterte und dabei ganz unbeschreibliche
Gackertöne von sich gab.
Papa sagte wieder: "Na ja!' und ging in seine Kanzlei.
Als Stutzi auf den Boden kam und neuerdings dieses sonderbare Geklapper
hörte,
flatterte er gleich wieder in die Höhe. So machte er's ein dutzendmal.
Dabei schien der
kluge Vogel zur Überzeugung zu gelangen, daß er auf diese
Manier die unangenehme
Sache unter seinem Bauch nicht loswurde. Er stellte sich, als er wieder
zu Boden kam,
mit seitlicher Gewichtsverteilung auf das gesunde Bein und fing mit dem
rückwärts
gestreckten Stelzfuß heftig zu schlenkern an. Das war so unsagbar
komisch, daß wir
nimmer aus dem Lachen kamen. Und meiner Mutter tröpfelten die Augen,
als hätte sie
Branntwein getrunken wie der Jagdgehilf.
Plötzlich wurde Stutzi ganz ruhig, ließ den Stelzfuß schlapp
herunterhängen, plusterte
die Federn auf, duckte den Kopf zwischen die Flügel und zog ein
weißes Häutchen über
die Augen. Er schien zu denken: jetzt schlaf ich einmal, im Schlafe vergißt
man alles.
"So, Kinder!" sagte die Mutter. "Laßt ihn nur schön
in Ruhe! Alles braucht seine Zeit.
Ihr habt das Gehen auch erst lernen müssen. " Sie setzte sich
mit ihrem Spinnrad ans
Fenster und schickte uns aus der Stube.
Nach einer Stunde rief sie uns. Und da gab's einen großen Jubel.
Stutzi marschierte.
Das war eine sehr drollige Sache. Möglich, daß der Drechslermeister
das künstliche
Bein ein bißchen zu lang gedrechselt hatte. Bei jedem Schritt machte
Stutzi einen
doppelten Hinker und suchte mit der gesunden Klaue immer sehr flink wieder
auf festen
Grund zu kommen. Um seine Wanderlust zu befeuern, hatte die Mutter ihm
zerkleinerte
Nußkerne in gerader Reihe auf den Boden hingelegt. Aber das Marschieren
in gerader
Richtung brachte Stutzi nicht fertig. Es drehte ihn bei jedem Schrittlein
halb um die
Spitze des Stelzfußes herum, so daß er, statt den nächsten
Nußkern zu erreichen, mit dem
Schnabel sehr weit daneben geriet. Wenn es ihn so um seine Achse schraubte,
gackerte
er immer sehr zornig. Und half er dabei mit den Flügeln nach, so
wurde die Sache noch
schlimmer. Einmal drehte er sich so blitzschnell um sich selbst, wie
ich es in späteren
Jahren von einem russischen Tänzer zu sehen bekam. Der wurde hoch
bezahlt. Stutzi
machte das Kunststück umsonst.
Mit jeder Viertelstunde bekam er die Sache besser los und eignete sich
bald die
Fertigkeit an, diese unwillkürlichen Drehbewegungen mit Geschick
als willkürliche Hilfen
bei raschen Wendungen zu benützen.
Papa wurde aus der Kanzlei geholt, um das marschierende Wunder zu bestaunen.
jetzt
sagte er: "Na also!" Und als er den in Bogen und Schlingen
wandernden Stutzi eine Weile
betrachtet hatte, nahm er ihn als Mitglied der Familie auf. Das geschah
im
Zusammenhang mit einer pädagogischen Zeremonie. Unkas und Waldine
wurden in die
Stube gerufen, und während ihnen Papa unter lehrreichen Worten das
'brave Vogi'
demonstrierte, zeigte er ihnen zugleich mit einer Mimik von unbezweifelbarer
Deutlichkeit die Hundspeitsche. Waldine und Unkas begriffen sofort, daß Stutzi
eine
heilige, allen irdischen Begierden entrückte Sache wäre; sie
bellten nicht mehr,
schüttelten in hochgradiger Nervosität die Ohrlappen, verkrochen
sich unter den Ofen,
legten die Köpfe auf die vorgestreckten Pfoten und betrachteten
den gackernden
Schleifentänzer mit funkelnden Augen.
Vaters pädagogischer Unterricht war vielleicht überflüssig.
Stutzi bewies noch am
gleichen Abend, daß er selbst die Kunst, Respekt zu erzielen, ausreichend
beherrschte.
Als Unkas und Waldine - sei es, weil sie Freundschaft mit Stutzi schließen
wollten oder
sei es, weil die rosenrote Beize seines künstlichen Beines so scharf
und so
neugiererweckend duftete - mit Geschwänzel und hörbaren Schnupperlauten
herankamen,
machte der mißtrauische Stutzi einen empörten Flattersprung
und gackerte dabei so
erschrecklich, daß Waldine und Unkas mit eingekniffenen Schweifen
schleunigst das
Weite suchten. Dieses Gegacker hatte etwas von gespenstischer Macht.
Es glich dem
berühmten Wahngelächter in 'Der Waise von Lowood'.
Nach den mannigfachen Erlebnissen und Kraftleistungen dieses Tages waren
an Stutzi
deutliche Zeichen von Ermüdung zu bemerken, noch ehe der Abend dunkel
wurde. Das
warme Bett in der Zigarrenschachtel verschmähend, flatterte Stutzi
auf den
Oleanderbaum, der in unserer Wohnstube neben dem Fenster stand. Hier
richtete er sich
in der Gabel eines Astes häuslich ein, spreizte den Stelzfuß nach
der Seite hin, lehnte sich
gegen das Stämmchen des Baumes und schob das Köpfl unter den
Flügel.
Den ganzen Abend, unter dem Schein der Lampe, schwatzten wir von unserem
lieben
Invaliden.
Stutzi schlummerte fest. Und der Oleanderbaum wurde seit diesem Abend
sein
ständiges Nachtquartier.
Am anderen Morgen fühlte sich der gesprenkelte Landsknecht in der
Wohnstube schon
völlig heimisch und begann Erkundungsmärsche in die Küche,
in den Hof und in den
kleinen Vorgarten zu unternehmen, der höher umzäunt war, als
Stutzi mit seinen
gestutzten Schwingen zu flattern vermochte.
Unkas und Waldine gingen ihm nimmer in die Nähe. Auch alle übrigen
Kreaturen des
Forsthauses - Hühner, Enten, Tauben, Ferkelchen und die zwei zahmen
Rehgeißen
begannen den Stutzi mit Aversion zu betrachten und bekundeten eine zunehmende
Scheu
vor seinen Flügelschlägen und seinem zänkischen Gegacker.
Wenn er den
Wahnsinnstrick aus 'Der Waise von Lowood' spielte, erzeugte er immer
rings um sich her
einen ungestörten Luftraum.
Allmählich verdarb er es auch mit den Menschen. Zuerst mit der
Köchin, die immer
putzen mußte, wo Stutzi gekleckert hatte. Und er kleckerte sehr
reichlich. Auch wurde
er bei seiner Gefräßigkeit und bei seinem Hang zu Diebereien
in Küche und
Speisekammer immer unbequemer. Meine Mutter, die, obwohl sie Reinlichkeit
im Haus
ü
ber alles liebte, den eigenen Ärger lang bezwang, hatte häufig
Ursache, der erbosten
Köchin zu predigen: "Das muß man halt jetzt geduldig
ertragen. Was soll das arme
Viecherl denn machen? Ein Stöpserl hat ihm der Herrgott nicht mitgegeben.
Es ist halt,
wie's die Natur erschaffen hat. Und hätten die Menschen nicht die
Tellereisen erfunden,
so flög' der Stutzi noch allweil lustig und mit gesunden Füßerln
im Wald herum."
Das zweite Menschenkind, bei welchem Stutzi in üblen Ruf geriet,
war ich selbst. Nicht
weil er mich täglich ein paarmal in die Finger oder sonst sehr empfindsam
Stellen biß,
sondern weil er nicht den geringsten Sinn für zärtliche Kameraderie
besaß, jeden
innigeren Freundschaftsbund von sich ablehnte und einen energischen Widerstand
betätigte gegen jede höhere Dressur. Stutzi wollte nichts lernen.
Das war nun allerdings
auch eine Eigenschaft meiner selbst. Mir verzieh ich das. Dem Stutzi,
der sich für mich
aus einem 'braven Vogi' in ein 'dummes Vieh' verwandelte, nahm ich es übel.
Meine
Verehrung und Zärtlichkeit für ihn erkalteten mit großer
Geschwindigkeit, und bald
ü
berließ ich diesen rohen Landsknecht seinem Schicksal und wandte
mich neuen Göttern
meiner Jugend zu.
Darin liegt es begründet, daß ich heute bei der Schilderung
seines kurzen Erdenwallens
nur die groben Äußerlichkeiten seiner letzten Sommertage berichten
kann und nicht in der
Lage bin, wundersame Feinheiten seiner Psyche aufzutischen und die Zoologie
durch
leuchtende Edelsteine aus den Tiefen der Tierseele zu bereichern.
Es ist schon lange her, seit Stutzi, dieser arme Pechvogel, auf tragikomische
Weise dem
irdischen Jammer entrann.
Doch wenn ich heute sein Charakterbild aus dunklen Versunkenheiten heraufbeschwöre
und die mir erinnerlichen Züge seines Lebens aufmerksam betrachte,
kann ich mich trotz
allem verspäteten Erbarmen nicht darüber täuschen, daß Stutzi
ein unverträgliches,
spitzbübisches, brutales, dreckspritzendes und boshaftes Luder war.
Den Bösen ergeht es
immer schlecht auf Erden - diejenigen ausgenommen, welche stärker
sind als die Macht
des Guten. Stutzi war schwächer.
Schließlich verdarb er es auch mit der letzten, die ihm bisher
noch immer gut geblieben -
mit meiner Mutter. Er war durch das offene Fenster in die gute Stube
geflattert und hatte
das frisch mit teurem Seidenrips überzogene Sofa so fürchterlich
zugerichtet, daß die
Mutter, als sie diese grauenvolle Bescherung entdeckte, unter Tränen
die Hände über dem
Kopf zusammenschlug. Es war ein Anblick, den auch die barmherzigste Frauenseele
nicht ertrug.
Papa, der bei Mutters Jammer in Schreck herbeigesprungen kam, sagte: "Na
also!" und
kehrte wieder in die Kanzlei zurück.
Stutzi brauchte, um aus der guten Stube zu kommen, nicht bogenförmig
zu wandern. Er
verließ sie diesmal in einer ziemlich geraden Linie, ohne sich
seines rosenroten Stelzfußes
dabei bedienen zu müssen. Und als die Mutter das Fenster verriegelte,
schalt sie erbittert:
"
jetzt kommst du mir aber nimmer herein! Du Bestie! "
Am Abend saß Stutzi wieder im Oleanderbaum, dessen Erde und Wurzeln
sich im Laufe
der letzten Wochen mit einer weißgrauen Patina überzogen hatten.
Diese letzte Zufluchtsstätte verwehrte man dem Übeltäter
nicht. Früh am Morgen mußte
er aus dem Haus und durfte erst spät am Abend wieder herein.
So war er sich selbst überlassen, und es blieb ihm nur noch ein
einziger Freund, der fest
bis zum Tode mit ihm zusammenhielt: sein rosenrot gebeizter Stelzfuß.
Die Katastrophe wurde vorbereitet durch mehrfache Fingerzeige des Schicksals
und
herbeigeführt durch Stutzis verhängnisvolle Vorliebe für
Metamorphosen, die nicht Ovid,
sondern Wilhelm Busch hätte besingen müssen.
Im Stande seiner Freiheit hatte sich dieser Pechvogel auf dem Tellereisen
aus einem
gesunden Nußhäher in einen invaliden Landsknecht verwandelt.
Während seiner zahmen
Wochen verwandelte er sich zuerst in ein weißes Täubchen.
Er fiel in die Mehltruhe.
Dann verwandelte er sich in einen schwarzen Raben, weil er in die Wagenschmiere
plumpste. In der Speisekammer hackte er eines Morgens an die siebzig
Eier auf und
wurde ein gelber Kanarienvogel von seltener Größe. Und in
der Spinatschüssel
verwandelte er sich eines Mittags in einen grünen Papagei.
Als er dann reichliche Veranlassung zur Neupolsterung des Honoratiorensofas
gegeben
hatte, benützte Mutter die schöne Gelegenheit, um die gute
Stube auch frisch tapezieren
zu lassen.
Es war in den letzten Septembertagen, in einer milden, noch sonnigen
Zeit, doch mit
Nächten, die schon kalt waren.
Im Hause roch es nach Kleister und Leim. Der Tapeziermeister war mit
seinem Lehrling
bei der Arbeit. Ehe der Meister die schönen Tapetenstreifen glatt
an die Wand kleisterte,
mußte der Lehrling die abgekratzte Mauer leimen und mit Zeitungspapier überkleben.
Der Kleister befand sich in einem Wasserschaff, der heiße Leim
in einem kupfernen
Spülkessel, unter dem eine kleine Spiritusflamme brannte. Um den
heftigen
Buchbinderdüften, von denen das Verschönerungswerk begleitet
war, einen Abzug ins
Freie zu vergönnen, standen in der guten Stube alle Fenster offen.
Nachmittags um drei Uhr machte der Meister Brotzeit. Der Lehrling mußte
noch ein
Viertelstündchen weiterschanzen und vorarbeiten, damit der Meister
nach der Brotzeit mit
den Tapeten gleich wieder weiterrücken konnte.
Als der biedere Mann sich bei seinem Kleister pünktlich wieder
einstellte, gab's einen
herben Auftritt. Der Lehrling hatte so unsauber gearbeitet, daß der
Stubenboden, obwohl
man ihn vorsichtig mit blauem Zuckerpapier bedeckt hatte, abscheulich
von dicken
Leimklunkern überkleckert und von sonderbar geschwungenen Leimstrichen
durchzogen
war. Sogar das Fenstergesims war beschmiert. Heulend beschwor der Bub
seine
Unschuld. Es half nichts. Er bekam sein Dutzend Ohrfeigen.
Bei Anbruch der Nacht vermißten wir im Oleanderbaum den Stutzi.
Und am anderen Morgen, als wir beim Frühstück saßen,
rief plötzlich die Köchin aus
dem Vorgarten durchs Fenster herein: "Jesus, Jesus, Frau Oberförstern!
Gschwind
kommen S' aussi! Im Aprikosenspalier, da hockt a ganz seltsamer brauner
Vogel und
rührt sich net! "
Wir alle rannten hinaus.
Im Mauerspalier neben dem offenen Fenster der guten Stube, zwischen
reifenden
Aprikosen und gelb gewordenen Blättern, saß unbeweglich ein
feiner, schlanker,
dunkelbrauner Vogel von einer den Turmfalken ähnlichen Art, die
wir im Leben noch nie
gesehen hatten. Er schlief und hielt den Kopf unter dem Flügel verborgen,
eine polierte
Kommode. Ganz gleichmäßig war diese dunkle Politur; nur durch
den braunen Glanz des
einen Füßchens, das unten einen dicken schwärzlichen
Klumpen hatte, schimmerte was
Rosenrotes heraus.
Die Mutter stammelte: "Um Gottes willen".
Unser Stutzi war's! Den sein Pech in den Leimkessel statt in das minder
gefährliche
Kleisterschaff getaucht hatte.
Der verewigte Vogel klebte in Schlafstellung an den Ästen und mußte
mit einem Messer
losgeschnitten werden. Er war so steif und hart, dabei aber doch so zierlich
und
lebensvoll, als hätte ihn ein großer Künstler und Tierkenner
aus Mahagoniholz
herausgeschnitzt.
Wieder eine Metamorphose! Die letzte!
Stutzi der Geleimte hatte sich in sein eigenes Monument verwandelt.
Wir alle waren sehr traurig. Aber so oft man den monumentalen Stutzi
ansah, mußte
man lachen.
In einer Art von reuevoller Pietät bewahrte ich das braune Denkmal
des armen
Landsknechtes noch mehrere Wochen in meinem Mansardenstübchen. Doch
als man in
kälterer Zeit die Öfen zu heizen anfing, begann das Monument
einen schlechten Geruch
zu verbreiten.
Ich mußte auf Vaters Befehl den geleimten Stutzi begraben.
Doch völlig erloschen waren die Rätsel und Wirkungen seines
Lebens noch immer nicht.
Als Stutzi von der Welt verschwunden war, bewies er noch die Wahrheit
des alten,
schönen Wortes, daß in allem Bösen ein Same des Guten
steckt.
Im folgenden Frühjahr prangte der Oleanderbaum in einer roten Blütenfülle,
wie wir sie
noch niemals an ihm erlebt hatten.
Doch ein Wunder war es nicht. Papa erklärte uns auf ganz natürliche
Weise die
chemischen Zusammenhänge dieser rosenroten Blütenpracht mit
den reichlichen
Lebensäußerungen des selig im Leim entschlafenen Invaliden.
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