HELLA S. HAASSE

(°1918, Batavia, Niederländisch-lndien): Autorin zahlreicher Romane, Erzählungen, Essays, autobiographischer Schriften und Theaterstücke. Sie entwickelte den niederländischsprachigen historischen Roman zu einem neuen Genre. (P.C. Hooft Preis, 1984)
Werke in Übersetzung: Wald der Erwartung, 1993; Die scharlachrote Stadt, 1994; Der schwarze See, 1994; Die Teebarone, 1995; Transit, 1996; Ich widerspreche stets, 1997.
Im Rahmen der Lesereihe Inspirationen sprach Hella S. Haasse über den historischen Roman und las aus ihrem Werk Die Teebarone.


Der historische Roman

Wie soll man den sogenannten "historischen" Roman kennzeichnen in der heutigen Zeit, in der die Wissenschaftsphilosophie zu der Anschauung gelangt ist, daß die Darstellung der Vergangenheit in erster Linie eine Erzählung ist, selbst wenn sie von Historikern verfaßt wird? Es gibt Methodologen, die der Meinung zugetan sind, daß dieses vor kurzem noch als wissenschaftliche Unfähigkeit verurteilte erzählerische Verfahren im Gegenteil als die treibende Kraft der Geschichtsschreibung betrachtet werden soll.
Auch hat die Ansicht Eingang gefunden, daß es kein endgültiges Bild von Perioden und Personen der Geschichte geben kann; und daß jedes Zeitalter, jede Generation die Vergangenheit interpretiert in einer vom Zeitgeist der eigenen Epoche und vom individuellen Bewußtsein geprägten Weise. Man kann also sagen, daß der Hang zum Narrativismus und zum subjektiven Schranken zwischen wissenschaftlicher und literarischer Verwendung von geschichtlichen Themen nicht mehr immer klar zu definieren ist, etwas, das sich zum Beispiel auf dem Gebiet der Biographie zeigt.
Ich bin in erster Linie Schriftstellerin. Für mich ist das Historische immer der Imagination untergeordnet. Dennoch bin ich der Überzeugung, daß ich nichts erfinden darf, wofür es keinen historischen Anhaltspunkt gibt, und daß ich, wenn ich über etwas keine Gewißheit habe, versuchen muß - und zwar mit äußerster Sorgfalt deduzierend und kombinierend -, meine Voraussetzungen abzustimmen gemäß den Angaben, die mir zur Verfügung stehen. Schriftsteller besitzen ein gewisses inneres Organ zum Herausfinden oder Spüren, Vermuten von Zusammenhängen, die auf den ersten Blick nicht offenbar sind. Die Intuition bringt einen da manchmal auf die Spur wesentlicher Begebenheiten und Tatsachen.
Meines Erachtens soll der Autor eines historischen Romans, was das Studium der Quellen und die Wahl der Sekundärliteratur betrifft, genauso verfahren wie ein Historiker. Die Disziplin der Vorbereitung ist durchaus vergleichbar. Ein historischer Roman, der zur Literatur gehört, ist, wie jeder andere Roman auch, eine Ausdrucksform des Innenlebens, der persönlichen Ansichten, der individuellen Weltanschauung des Autors. Irgend etwas in der von ihm erwählten Epoche stimmt überein mit - oder ist gar eine Metapher für - gewisse Aspekte seiner eigenen Wirklichkeit, die er, auf Grund seiner individuellen Veranlagung und Problematik, innerlich gezwungen ist, in Worte zu fassen. Zugleich steht er vor der Aufgabe, seine Protagonisten, egal ob historische Persönlichkeiten oder erfundene Romanfiguren, als glaubwürdige Menschen zu gestalten und ihrer Welt den Anschein der Authentizität zu verleihen.
Das Mittelalter hat mich von klein auf fasziniert. Schon als Kind war ich wie bezaubert von der bunten Pracht der Miniatur-Malerei, zum Beispiel von den Bildern im berühmten Stundenbuch des Herzogs von Berry. Immer wieder beschäftigte sich meine Phantasie mit den Menschen und Geschehnissen dieser Vorzeit, die in meinen Augen nicht "grau" war, wie es die Redewendung haben will, sondern äußerst farbenreich. Ich fand als Gymnasium-Schülerin diesen Eindruck bestätigt in dem berühmten Werk des niederländischen Historikers Johan Huizinga Herbst des Mittelalters.
Als ich vor etwa 50 Jahren, knapp nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, an meinem Roman Wald der Erwartung arbeitete, über das Leben des mittelalterlichen französischen Dichters und Angehörigen des Königshauses Valois, Charles d'Orléans (er lebte 1394-1465), war es mir nicht möglich, selbst in französischen Archiven auf die Suche zu gehen. Es gab eine sehr reiche Sekundärliteratur über das Spätmittelalter, Biographien über die herausragenden Figuren jener Zeit, Chroniken aus dem fünfzehnten Jahrhundert, und natürlich die Poesie des Charles d'Orléans, Gedichte, die zu den schönsten des französischen Mittelalters gehören.
Die von dem französischen Historiker Pierre Champion in seiner von mir in erster Linie benutzten Biographie des Ch. d'Orléans (1911) reichlich zitierten Dokumente sind hauptsächlich diplomatische Schriftstücke, Verträge, amtliche Abhandlungen, Kassabücher und sämtliche Verwaltungsverzeichnisse des französischen Hofes im 14. und 15. Jahrhundert. Die von den Wissenschaftlern der sogenannten Gruppe Annales eingeführten Methoden der geschichtlichen Untersuchung haben gezeigt, wie aufschlußreich die Benutzung derartiger Dokumente sein kann. Im Wald der Erwartung habe ich wiederholt so eine trockene Tatsache bis zu einer ganzen Szene ausgedehnt und gewisse, in den Chroniken mit knappen Worten beschriebene oder nur angedeutete Ereignisse ausgefüllt und erweitert.
Die Chronik-Form erwies sich für meinen Roman als die am meisten geeignete. Sie umfaßt nicht nur das eigentliche Leben des Ch. d'Orléans von seiner Geburt bis zur Todesstunde, sondern auch die für ein richtiges Verständnis unentbehrliche Vorgeschichte über die Familienverhältnisse des Königsgeschlechtes von Valois und über die politische Lage im damaligen Frankreich.
Der Vater von Ch. d'Orléans, Stütze und wiederholt Stellvertreter seines Bruders, des wahnsinnigen Königs Charles VI. von Frankreich, wurde von politischen Gegnern, den ehrgeizigen Herzogen von Burgund, ermordet; diese Freveltat gab den Anlaß zu einem langjährigen Bürgerkrieg. Die Mutter von Ch. d'Orléans, eine geborene Italienerin, zwang - getrieben vom Schmerz über den Tod ihres Mannes und von unersättlicher Rachsucht - ihren Sohn zu werden, was er von Natur aus nicht war: Politiker, Soldat, gewandter Diplomat. In der großen Schlacht bei Azincourt, 1415, dem Tiefpunkt des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England, wurde der junge Mann als Kriegsgefangener und Geisel nach England geführt. Dort hat er 25 Jahre verbracht, zwar nicht in einem Kerker, aber dennoch eingesperrt. In Einsamkeit und Abgeschiedenheit hat er sein wahres Wesen entdeckt, ist in ihm der Dichter von melodiösen, kunstvoll ziselierten Balladen und Rondeaus erwacht, in denen sich verhaltener Schmerz oft ironisch und spielerisch gestaltet.
Die Art, in der es einem Menschen gelingt, sich durch Einbildungskraft und Hingabe an den kreativen Prozeß sogar in der Gefangenschaft innere Freiheit und Selbstkenntnis zu erwerben - gerade das war für mich das eigentliche Thema dieses Romans. Anregung dazu fand ich jedenfalls mehr als genug in den Erinnerungen an die Kriegsjahre 1940-1945 .
So unbefangen wie damals habe ich nachher nie wieder die Funktion des allwissenden Erzählers ausüben können. Allmählich wurde mir klar, daß die lineare Form des Erzählens nicht übereinstimmt mit der Weise, in der wir uns Geschehenes vorzustellen pflegen. Im Gegenteil, die Realität eines Ereignisses ist die Summe von Eindrücken, Beobachtungen, Meinungen, Erinnerungen und Voraussetzungen von allen, die an dem Ereignis beteiligt sind. Aber: Wie kann man das in Worte fassen?
Ich war damals, 1951, damit beschäftigt, eine Art autobiografische Auseinandersetzung mit mir selbst zu schreiben, Selbstbildnis als Puzzlespiel. Wer war ich, wie mochte ich mein Leben gestalten? Das Problem der eigenen Identität ließ mich nicht in Ruhe. Zufällig fand ich in der Geschichte der italienischen Spätrenaissance einen Menschen, von dem man nur weiß, daß er dem verrufenen Geschlecht der Borgia entstammte, das fast ein halbes Jahrhundert Italien beherrscht hat, und dessen Name gleichbedeutend ist mit Frevel, sittlichem Verfall, Meuchelmord.
Ich habe mir diesen Giovanni Borgia gedacht als einen Bastard, der nicht wußte, wie er leben sollte, weil er nicht wußte, wer er war: entweder ein Kind des Borgia-Papstes Alexander VI., oder dessen Sohnes Cesare, oder dessen Tochter Lucrezia; und - schlimmer - vielleicht gezeugt in einem inzestuösen Verhältnis. Sein Problem war eben seine Identität. Er ist die zentrale Figur in meinem Roman über Rom am Anfang des 16. Jahrhunderts, Die scharlachrote Stadt (1952). Ich habe ihm Folgendes in den Mund gelegt: "Die mich gezeugt haben, sind in mir stärker als ich. Deshalb will ich sie kennen. Ich will wissen, wessen sie schuldig gewesen sind, denn in mir lebt ihre Schuld weiter. Dieses Wissen, daß ich nicht ich selbst bin, vergiftet mein Leben." Giovannis Dasein ist eine einzige Suche nach seinem Ursprung, für ihn führt nur die Kenntnis der Vergangenheit zur Selbsterkenntnis. Ihm ist nicht möglich, was sämtlichen seiner Zeitgenossen und Landsmänner in hervorragender Weise gelungen war: mit ihren Ideen und Werken ihre Epoche zu prägen. Große Männer wie Michelangelo, Macchiavelli, Guicciardini bilden sozusagen einen lebendigen Hintergrund für das immer schwankende, unschlüssige Ich des Giovanni Borgia.
Abwechselnd ist jede dieser Figuren der Protagonist eines Kapitels, und für jeden habe ich eine andere Art des Erzählens benutzt. Die Privatgeschichte des Giovanni und die aktuelle Handlung laufen wie parallele Fäden durch die Folge der Kapitel, jedesmal beobachtet und interpretiert von dem Protagonisten, der an der Reihe ist. So zeigt sich das Geschehen wie ein Geflecht von individuellen Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gedanken und Leidenschaften vieler verschiedener Menschen. Nur wenn man den Roman als ein Ganzes liest, wirkt die Komposition wie ein kleines Modell der komplexen Wirklichkeit einer Gesellschaft, eines Zeitalters. Es gibt nicht nur eine einzige Sichtweise, eine einzige Interpretation. Diese Erkenntnis habe ich seitdem immer in irgendeiner Weise zum Ausdruck zu bringen versucht. Z.B. in zwei nicht ins Deutsche übersetzten Romanen, die als "Variationen zu historischen Fakten" zu betrachten sind, Een nieuwer testament (1966) und De tuinen van Bomarzo (1968) rücken die endgültige Unzulänglichkeit der Vergangenheit und die verwirrende Mannigfaltigkeit der Interpretationen immer mehr in den Vordergrund. In meinem Werk (ob "historisch" oder nicht) taucht immer wieder das Thema des Labyrinths auf, entweder räumlich, als Irrweg, Reise, Wanderung, oder als Selbstprüfung.
Ein Zufall brachte mich vor etwa 20 Jahren in das Reichsarchiv der Provinz Gelderland, wo sich umfangreiche Sammlungen von Dokumenten befinden, die aus sämtlichen Schlössern der Gegend stammen. Dort entdeckte ich den höchst interessanten Nachlaß an Briefen und anderen Schriftstücken der im Jahre 1800 verstorbenen Charlotte Sophie, Gräfin Bentinck, geborene Reichsgräfin von Aldenburg. Ich fand eine ungeheure Menge größtenteils in französischer Sprache (damals die übliche Umgangssprache der Adligen) verfaßter Dokumente persönlicher Art. Aus einigen Briefen rieselten noch die Sandkörner, mit denen die Briefschreiber vor 250 Jahren die Tinte getrocknet hatten. Als ich das Archiv verließ, war ich besessen von der unausrottbaren Neugierde des Schriftstellers, der erfahren will, wer diese Leute waren, der das "Geschehene" entdecken möchte.
Charlotte Sophie wurde 1715 geboren. Sie war das einzige Kind des Grafen Anton II. von Aldenburg, Edler Herr zu Varel und Kniphausen im Nordwesten Deutschlands. Als junges Mädchen wurde sie verheiratet mit Willem Bentinck, einem vielversprechenden holländischen Staatsmann aus einer Familie, die als steinreich galt. Leider war das nicht der Fall. Im Gegenteil - um sich eine seinem politischen Ehrgeiz angemessene repräsentative Stellung zu sichern, mußte er unbedingt eine vermögende Frau heiraten. Die Aldenburger hatten ebenfalls den Ruf, unermeßlich reich zu sein. Aber Länder und Schlösser des Grafen von A. waren mit Hypotheken belastet und er selbst schwer verschuldet.
Als Charlotte Sophie 1733 gegen ihren Willen, unter fortwährendem Druck ihrer Eltern, Willem Bentinck heiratete, gab es also einen gegenseitigen Irrtum mit weitreichenden Folgen. In Holland fühlte Charlotte Sophie sich sehr unglücklich. Dazu kam, daß sie sich schon mit 14 Jahren in einen anderen verliebt hatte, Albrecht Wolfgang zu Schaumburg-Lippe, den Ehegatten ihrer Nichte, und daß sie in ihrer noch kindlichen Schwärmerei glaubte, es würde einmal möglich sein, in einer Art Ehe zu dritt zu leben. Es entstand eine Liebelei, galantes Spiel für den Lebemann Albrecht Wolfgang, aber heiße Leidenschaft für Charlotte Sophie. Nach 7 Ehejahren floh sie, ihre zwei Kinder zurücklassend, nach Bückeburg, der Residenz ihres Liebhabers. Zwischen ihr und Bentinck kam es zu einer Trennung von Tisch und Bett.
Als Albrecht Wolfgang 1748 starb, befand sie sich in einer verzweifelten Lage. Wegen ihres ungebührlichen Verhaltens wurde ihr der weitere Aufenthalt in Varel verboten und Bentinck offiziell als Herr der Aldenburgischen Güter anerkannt. Nun begann für Charlotte Sophie eine lange Wanderzeit. In Berlin flehte sie Friedrich den Großen, in Wien Kaiserin Maria Theresia um Hilfe an, aber vergebens. Sie begann einen Prozeß gegen Bentinck, den sie verlor. Nach vielen Abenteuern zog sie schließlich nach Hamburg, wo sie bis zum Ende ihres Lebens wohnte. Sie starb 1800, im Alter von 85 Jahren. Ihr Leichnam wurde in der Familiengruft zu Varel bestattet. So kehrte sie nach einem halben Jahrhundert wieder in ihre Heimat zurück.
Ich habe die Geschichte der Charlotte Sophie nicht in der herkömmlichen Form eines Romans geschrieben, sondern als eine Art Collage von authentischen Briefen und anderen Dokumenten, mit einleitenden und verknüpfenden Texten von mir. Natürlich sind das Arrangement und schließlich die Auswahl der Dokumente "romaneske" Elemente. Ich denke, daß diese Vorgehensweise der erlebten Wirklichkeit ziemlich nahe kommt, weil die Zeit und die Menschen nicht in meiner, von den Kenntnissen der Gegenwart geprägten Interpretation präsentiert werden, sondern in ihren eigenen Worten, so wie sie selbst ihre persönlichen, geschäftlichen und familiären Verhältnisse geschildert haben. Die Aldenburger besaßen ein spezielles Siegel für die Trauerzeit nach dem Tode eines Verwandten: das Wappen der Familie, mit der Devise "Les Morts sont vivants", "die Toten leben". In ihren lebhaften, leidenschaftlichen, intelligenten, oft überraschend "modernen" Äußerungen werden sie wirklich wieder lebendig.
Mevrouw Bentinck of Onverenigbaarheid van Karakter (1978), in der deutschen Übersetzung Ich widerspreche stets (1996), ist die Geschichte von Charlotte Sophies Jugend und unglücklicher Ehe, bis zum Anfang ihres Streifzuges auf der Suche nach Recht und Rehabilitation. Ich war von dieser Methode, der Vergangenheit möglichst nahe zu kommen, so begeistert, daß ich sie noch ein zweites und ein drittes Mal verwendet habe. Jedoch ist mein letzter Roman, Die Teebarone (1992), obwohl die Personen und Geschehnisse einer Familienchronik aus dem 19. Jahrhundert entnommen sind und ich auch diesmal Zitate aus authentischen Briefen benutzt habe, doch wieder in erster Linie eine Erzählung, deren Schwerpunkt in der psychologischen Vertiefung der Charaktere liegt. Nach dem Jahre 1850 vollzogen sich in den Niederlanden politische Änderungen, die auch großen Einfluß ausgeübt haben auf die Verwaltung der Kolonien, besonders die von Niederländisch-Ostindien. Ein neues Agrargesetz bestimmte, daß Europäer für eine angesetzte Frist von 75 Jahren Grundstücke pachten konnten. Diese Maßnahme hat viele Niederländer dazu gebracht, nach Indien zu fahren und dort Kaffee-, Zucker- und Teeplantagen zu gründen.
Die Teebarone ist die Geschichte von Rudolf Kerkhoven, der als junger Mann nach Java übersiedelte und dort mit bewunderungswürdiger Energie und Ausdauer in den Bergen des Preanger ein großes Stück Urwald urbar gemacht und mit Teesträuchern - später auch mit Chinarindenbäumen - bepflanzt hat. 1879 heiratete er Jenny Roosegaarde Bisschop, ein Mädchen aus einer Familie, die schon seit drei Generationen in Indien ansässig war. Ihre Mutter war eine Enkelin des berüchtigten Generalgouverneurs Daendels, der verantwortlich war für den Bau der sogenannten großen Poststraße quer durch Java, ein Unternehmen, das tausenden Javanern das Leben gekostet hat.
In dem damals noch ganz wüsten Gebirgsland, zwei oder drei Tagereisen entfernt von Orten, wo es Schulen, einen Arzt oder Geburtshilfe gab, hat das Ehepaar sein ganzes Leben verbracht, anfänglich in sehr primitiven Verhältnissen. Für Rudolf war die Plantage, Gambung, sein Ein und Alles, seine Welt, eine zusätzliche Dimension der Wirklichkeit, die ihn anders, größer machte als die Durchschnitts-Niederländer. Jenny, seine Frau, sehnte sich nach einem größeren intellektuellen Raum, nach einer Form der Persönlichkeitsentfaltung, die ihr im damaligen Indonesien nicht möglich war. Diese Meinungs- und Wesensverschiedenheit hat schließlich zu einer Tragödie geführt. Jenny, in deren Familie es schon einige Fälle von Geisteskrankheit gegeben hatte, ist in Schwermut und Wahnvorstellungen verfallen und hat sich am Ende das Leben genommen.
Meine Verbundenheit mit der Natur, der Landschaft Javas, wo ich geboren und aufgewachsen bin, hat es mir ermöglicht, aus eigener Erfahrung und Erinnerung das Leben auf einer Teeplantage anschaulich zu machen. Schreibend konnte ich gewissermaßen zurückkehren in eine mir zutiefst vertraute Wirklichkeit.

 

 

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