|
Franz Kafka
Er
Aufzeichnungen aus dem Jahre 1920
Er ist bei keinem Anlaß genügend vorbereitet, kann
sich deshalb aber nicht einmal Vorwürfe machen, denn wo wäre
in diesem Leben, das so quälend in jedem Augenblick Bereitsein
verlangt, Zeit sich vorzubereiten, und selbst wenn Zeit wäre,
könnte man sich denn vorbereiten, ehe man die Aufgabe kennt,
das heißt, kann man überhaupt eine natürliche,
eine nicht nur künstlich zusammengestellte Aufgabe bestehen?
Deshalb ist er auch schon längst unter den Rädern, merkwürdiger-
aber auch tröstlicherweise war er darauf am wenigsten vorbereitet.
Alles, was er tut, kommt ihm zwar außerordentlich neu vor,
aber auch entsprechend dieser unmöglichen Fülle des
Neuen außerordentlich dilettantisch, kaum einmal erträglich,
unfähig historisch zu werden, die Kette der Geschlechter
sprengend, die bisher immer wenigstens zu ahnende Musik der Welt
zum erstenmal bis in alle Tiefen hinunter abbrechend. Manchmal
hat er in seinem Hochmut mehr Angst um die Welt als um sich.
Mit einem Gefängnis hätte er sich abgefunden. Als Gefangener
enden - das wäre eines Lebens Ziel. Aber es war ein Gitterkäfig.
Gleichgültig, herrisch, wie bei sich zu Hause strömte
durch das Gitter aus und ein der Lärm der Welt, der Gefangene
war eigentlich frei, er konnte an allem teilnehmen, nichts entging
ihm draußen, selbst verlassen hätte er den Käfig
können, die Gitterstangen standen ja meterweit auseinander,
nicht einmal gefangen war er.
Er hat das Gefühl, daß er sich dadurch, daß er
lebt, den Weg verstellt. Aus dieser Behinderung nimmt er dann
wieder den Beweis dafür, daß er lebt.
Sein eigener Stirnknochen verlegt ihm den Weg, an seiner eigenen
Stirn schlägt er sich die Stirn blutig.
Er fühlt sich auf dieser Erde gefangen, ihm ist eng, die
Trauer, die Schwäche, die Krankheiten, die Wahnvorstellungen
der Gefangenen brechen bei ihm aus, kein Trost kann ihn trösten,
weil es eben nur Trost ist, zarter kopfschmerzender Trost gegenüber
der groben Tatsache des Gefangenseins. Fragt man ihn aber, was
er eigentlich haben will, kann er nicht antworten, denn er hat
- das ist einer seiner stärksten Beweise - keine Vorstellung
von Freiheit.
Manche leugnen den Jammer durch Hinweis auf die Sonne, er leugnet
die Sonne durch Hinweis auf den Jammer.
Die selbstquälerische, schwerfällige, oft lange stockende,
im Grunde doch unaufhörliche Wellenbewegung alles Lebens,
des fremden und eigenen, quält ihn, weil sie unaufhörlichen
Zwang des Denkens mit sich bringt. Manchmal scheint ihm, daß
diese Qual den Ereignissen vorhergeht. Als er hört, daß
seinem Freund ein Kind geboren werden soll, erkennt er, daß
er dafür schon als früher Denker gelitten hat.
Er sieht zweierlei: das Erste ist die ruhige, mit Leben erfüllte,
ohne ein gewisses Behagen unmögliche Betrachtung, Erwägung,
Untersuchung, Ergießung. Deren Zahl und Möglichkeit
ist endlos, selbst eine Mauerassel braucht eine verhältnismäßig
große Ritze, um unterzukommen, für jene Arbeiten aber
ist überhaupt kein Platz nötig, selbst dort, wo nicht
die geringste Ritze ist, können sie, einander durchdringend,
noch zu Tausenden und Abertausenden leben. Das ist das Erste.
Das Zweite aber ist der Augenblick, in dem man vorgerufen Rechenschaft
geben soll, keinen Laut hervorbringt, zurückgeworfen wird
in die Betrachtungen usw., jetzt aber mit der Aussichtslosigkeit
vor sich unmöglich mehr darin plätschern kann, sich
schwer macht und mit einem Fluch versinkt.
Es handelt sich um folgendes: Ich saß einmal vor vielen
Jahren, gewiß traurig genug, auf der Lehne des Laurenziberges.
Ich prüfte die Wünsche, die ich für das Leben hatte.
Als wichtigster oder als reizvollster ergab sich der Wunsch, eine
Ansicht des Lebens zu gewinnen (und - das war allerdings notwendig
verbunden - schriftlich die anderen von ihr überzeugen zu
können), in der das Leben zwar sein natürliches schweres
Fallen und Steigen bewahre, aber gleichzeitig mit nicht minderer
Deutlichkeit als ein Nichts, als ein Traum, als ein Schweben erkannt
werde. Vielleicht ein schöner Wunsch, wenn ich ihn richtig
gewünscht hätte. Etwa als Wunsch, einen Tisch mit peinlich
ordentlicher Handwerksmäßigkeit zusammenzuhämmern
und dabei gleichzeitig nichts zu tun und zwar nicht so, daß
man sagen könnte: Ihm ist das Hämmern ein Nichts,
sondern Ihm ist das Hämmern ein wirkliches Hämmern
und gleichzeitig auch ein Nichts, wodurch ja das Hämmern
noch kühner, noch entschlossener, noch wirklicher und, wenn
du willst, noch irrsinniger geworden wäre.
Aber er konnte gar nicht so wünschen, denn sein Wunsch war kein
Wunsch, er war nur eine
Verteidigung, eine Verbürgerlichung des Nichts, ein Hauch von Munterkeit,
den er dem Nichts
geben wollte, in das er zwar damals kaum die ersten bewußten Schritte
tat, das er aber schon
als sein Element fühlte. Es war damals eine Art Abschied, den er
von der Scheinwelt der Jugend
nahm, sie hatte ihn übrigens niemals unmittelbar getäuscht,
sondern nur durch die Reden
aller Autoritäten ringsherum täuschen lassen. So hatte sich
die Notwendigkeit des
Wunsches ergeben.
Er beweist nur sich selbst, sein einziger Beweis ist er selbst,
alle Gegner besiegen ihn sofort, aber nicht dadurch, daß
sie ihn widerlegen (er ist unwiderlegbar), sondern dadurch, daß
sie sich beweisen.
Menschliche Vereinigungen beruhen darauf, daß einer durch
sein starkes Dasein andere an sich unwiderlegbare Einzelne widerlegt
zu haben scheint. Das ist für diese Einzelnen süß
und trostreich, aber es fehlt an Wahrheit und daher immer an Dauer.
Er war früher Teil einer monumentalen Gruppe. Um irgendeine
erhöhte Mitte standen in durchdachter Anordnung Sinnbilder
des Soldatenstandes, der Künste, der Wissenschaften, der
Handwerke. Einer von diesen Vielen war er. Nun ist die Gruppe
längst aufgelöst oder wenigstens er hat sie verlassen
und bringt sich allein durchs Leben. Nicht einmal seinen alten
Beruf hat er mehr, ja er hat sogar vergessen, was er damals darstellte.
Wohl gerade durch dieses Vergessen ergibt sich eine gewisse Traurigkeit,
Unsicherheit, Unruhe, ein gewisses die Gegenwart trübendes
Verlangen nach den vergangenen Zeiten. Und doch ist dieses Verlangen
ein wichtiges Element der Lebenskraft oder vielleicht sie selbst.
Er lebt nicht wegen seines persönlichen Lebens, er denkt
nicht wegen seines persönlichen Denkens. Ihm ist, als lebe
und denke er unter der Nötigung einer Familie, die zwar selbst
ü
berreich an Lebens- und Denkkraft ist, für die er aber
nach irgendeinem ihm unbekannten Gesetz eine formelle Notwendigkeit
bedeutet. Wegen dieser unbekannten Familie und dieser unbekannten
Gesetze kann er nicht entlassen werden.
Die Erbsünde, das alte Unrecht, das der Mensch begangen hat,
besteht in dem Vorwurf, den der Mensch macht und von dem er nicht
abläßt, daß ihm ein Unrecht geschehen ist, daß
an ihm die Erbsünde begangen wurde.
Vor der Auslage von Casinelli drückten sich zwei Kinder herum,
ein etwa sechs Jahre alter Junge, ein sieben Jahre altes Mädchen,
reich angezogen, sprachen von Gott und von Sünden. Ich blieb
hinter ihnen stehen. Das Mädchen, vielleicht katholisch,
hielt nur das Belügen Gottes für eine eigentliche Sünde.
Kindlich hartnäckig fragte der Junge, vielleicht ein Protestant,
was das Belügen der Menschen oder das Stehlen sei. Auch
eine sehr große Sünde, sagte das Mädchen,
aber nicht die größte, nur die Sünden an
Gott sind die größten, für die Sünden an
Menschen haben wir die Beichte. Wenn ich beichte, steht gleich
wieder der Engel hinter mir, wenn ich nämlich eine Sünde
begehe, kommt der Teufel hinter mich, nur sieht man ihn nicht.
Und des halben Ernstes müde, drehte sie sich zum Spaße
auf den Hacken um und sagte: Siehst du, niemand ist hinter
mir. Ebenso drehte sich der Junge um und sah dort mich.
Siehst du, sagte er ohne Rücksicht darauf, daß
ich es hören müßte, oder auch ohne daran zu denken,
hinter mir steht der Teufel. Den sehe ich auch,
sagte das Mädchen, aber den meine ich nicht.
Er will keinen Trost, aber nicht deshalb, weil er ihn nicht will,
- wer wollte ihn nicht, sondern, weil Trost suchen heißt:
dieser Arbeit sein Leben widmen, am Rande seiner Existenz, fast
außerhalb ihrer immer zu leben, kaum mehr zu wissen, für
wen man Trost sucht, und daher nicht einmal imstande zu sein,
wirksamen Trost zu finden, wirksamen, nicht etwa wahren, den es
nicht gibt.
Er wehrt sich gegen die Fixierung durch den Mitmenschen. Der Mensch
sieht, selbst wenn er unfehlbar wäre, im anderen nur jenen
Teil, für den seine Blickkraft und Blickart reicht. Er hat,
wie jeder, aber in äußerster Übertreibung, die
Sucht, sich so einzuschränken, wie ihn der Blick des Mitmenschen
zu sehen die Kraft hat. Hätte Robinson den höchsten
oder richtiger den sichtbarsten Punkt der Insel niemals verlassen,
aus Trost oder Demut oder Furcht oder Unkenntnis oder Sehnsucht,
so wäre er bald zugrunde gegangen; da er aber ohne Rücksicht
auf die Schiffe und ihre schwachen Fernrohre seine ganze Insel
zu erforschen und ihrer sich zu freuen begann, erhielt er sich
am Leben und wurde in einer allerdings dem Verstand notwendigen
Konsequenz schließlich doch gefunden.
Du machst aus Deiner Not eine Tugend.
Erstens tut das jeder, und zweitens tue gerade ich es nicht.
Ich lasse meine Not Not bleiben, ich lege die Sümpfe nicht
trocken, sondern lebe in ihrem fiebrigen Dunst.
Daraus eben machst du deine Tugend.
Wie jeder, ich sagte es schon. Im übrigen tue ich es
nur deinetwegen. Damit du freundlich zu mir bleibst, nehme ich
Schaden an meiner Seele.
Alles ist ihm erlaubt, nur das Sichvergessen nicht, womit allerdings
wieder alles verboten ist, bis auf das eine, für das Ganze
augenblicklich Notwendige.
Die Enge des Bewußtseins ist eine soziale Forderung.
Alle Tugenden sind individuell, alle Laster sozial. Was als soziale
Tugend gilt, etwa Liebe,
Uneigennützigkeit, Gerechtigkeit, Opfermut, sind nur
erstaunlich abgeschwächte soziale
Laster.
Der Unterschied zwischen dem Ja und
Nein, das er seinen Zeitgenossen sagt,
und jenem, das er eigentlich zu sagen hätte, dürfte dem vom
Tod und Leben entsprechen, ist
auch nur ebenso ahnungsweise für ihn faßbar.
Die Ursache dessen, daß das Urteil der Nachwelt über
den Einzelnen richtiger ist als das der Zeitgenossen, liegt im
Toten. Man entfaltet sich in seiner Art erst nach dem Tode, erst
wenn man allein ist. Das Totsein ist für den Einzelnen wie
der Samstagabend für den Kaminfeger, sie waschen den Ruß
vom Leibe. Es wird sichtbar, ob die Zeitgenossen ihm oder er den
Zeitgenossen mehr geschadet hat, im letzten Fall war er ein großer
Mann.
Die Kraft zum Verneinen, dieser natürlichsten Äußerung
des immerfort sich verändernden, erneuernden, absterbend
auflebenden menschlichen Kämpferorganismus, haben wir immer,
den Mut aber nicht, während doch Leben Verneinen ist, also
Verneinung Bejahung.
Mit seinen absterbenden Gedanken stirbt er nicht. Das Absterben
ist nur eine Erscheinung innerhalb der inneren Welt (die bestehen
bleibt, selbst wenn auch sie nur ein Gedanke wäre), eine
Naturerscheinung wie jede andere, weder fröhlich noch traurig.
Die Strömung, gegen die er schwimmt, ist so rasend, daß
man in einer gewissen Zerstreutheit manchmal verzweifelt ist über
die öde Ruhe, inmitten welcher man plätschert, so unendlich
weit ist man nämlich in einem Augenblick des Versagens zurückgetrieben
worden.
Er hat Durst und ist von der Quelle nur durch ein Gebüsch
getrennt. Er ist aber zweigeteilt, ein Teil übersieht das
Ganze, sieht, daß er hier steht und die Quelle daneben ist,
ein zweiter Teil aber merkt nichts, hat höchstens eine Ahnung
dessen, daß der erste Teil alles sieht. Da er aber nichts
merkt, kann er nicht trinken.
Er ist weder kühn noch leichtsinnig. Aber auch ängstlich
ist er nicht. Ein freies Leben würde ihn nicht ängstigen.
Nun hat sich ein solches Leben für ihn nicht ergeben, aber
auch das macht ihm keine Sorgen, wie er sich überhaupt um
sich selbst keine Sorgen macht. Es gibt aber einen ihm gänzlich
unbekannten Jemand, der sich um ihn - nur um ihn - große
fortwährende Sorgen macht. Diese ihn betreffenden Sorgen
des Jemand, besonders das Fortwährende dieser Sorgen, verursachen
ihm manchmal in stiller Stunde quälende Kopfschmerzen.
Am Sicherheben hindert ihn eine gewisse Schwere, ein Gefühl
des Gesichertseins für jeden Fall, die Ahnung eines Lagers,
das ihm bereitet ist und nur ihm gehört; am Stilleliegen
aber hindert ihn eine Unruhe, die ihn vom Lager jagt, es hindert
ihn das Gewissen, das endlos schlagende Herz, die Angst vor dem
Tod und das Verlangen ihn zu widerlegen, alles das läßt
ihn nicht ruhen und er erhebt sich wieder. Dieses Auf und Ab und
einige auf diesen Wegen gemachte zufällige, flüchtige,
abseitige Beobachtungen sind sein Leben.
Er hat zwei Gegner: Der erste bedrängt ihn von hinten, vom
Ursprung her. Der zweite verwehrt ihm den Weg nach vorn. Er kämpft
mit beiden. Eigentlich unterstützt ihn der erste im Kampf
mit dem Zweiten, denn er will ihn nach vorn drängen und ebenso
unterstützt ihn der zweite im Kampf mit dem ersten; denn
er treibt ihn doch zurück. So ist es aber nur theoretisch.
Denn es sind ja nicht nur die zwei Gegner da, sondern auch noch
er selbst, und wer kennt eigentlich seine Absichten? Immerhin
ist es sein Traum, daß er einmal in einem unbewachten Augenblick
- dazu gehört allerdings eine Nacht, so finster wie noch
keine war - aus der Kampflinie ausspringt und wegen seiner Kampfeserfahrung
zum Richter über seine miteinander kämpfenden Gegner
erhoben wird.
Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg
Franz Kafka
Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg
1 Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der
Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es
scheint mehr bestimmt stolpern zu machen, als begangen zu werden.
2 Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein vorzeitiges
Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der
scheinbaren Sache.
3 Es gibt zwei menschliche Hauptsünden, aus welchen
sich alle andern ableiten: Ungeduld und Lässigkeit. Wegen
der Ungeduld sind sie aus dem Paradiese vertrieben worden, wegen
der Lässigkeit kehren sie nicht zurück. Vielleicht aber
gibt es nur eine Hauptsünde: die Ungeduld. Wegen der Ungeduld
sind sie vertrieben worden, wegen der Ungeduld kehren sie nicht
zurück.
4 Viele Schatten der Abgeschiedenen beschäftigen sich
nur damit, die Fluten des Totenflusses zu belecken, weil er von
uns herkommt und noch den salzigen Geschmack unserer Meere hat.
Vor Ekel sträubt sich dann der Fluß, nimmt eine rückläufige
Strömung und schwemmt die Toten ins Leben zurück. Sie
aber sind glücklich, singen Danklieder und streicheln den
Empörten.
5 Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr
mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.
6 Der entscheidende Augenblick der menschlichen Entwicklung
ist immerwährend. Darum sind die revolutionären geistigen
Bewegungen, welche alles Frühere für nichtig erklären,
im Recht, denn es ist noch nichts geschehen.
7 Eines der wirksamsten Verführungsmittel des Bösen
ist die Aufforderung zum Kampf.
8 Er ist wie der Kampf mit Frauen, der im Bett endet.
9 A. ist sehr aufgeblasen, er glaubt, im Guten weit vorgeschritten
zu sein, da er, offenbar als ein immer verlockender Gegenstand,
immer mehr Versuchungen aus ihm bisher ganz unbekannten Richtungen
sich ausgesetzt fühlt.
10 Die richtige Erklärung ist aber die, daß
ein großer Teufel in ihm Platz genommen hat und die Unzahl
der kleineren herbeikommt, um dem Großen zu dienen.
11/12 Verschiedenheit der Anschauungen, die man etwa von
einem Apfel haben kann: die Anschauung des kleinen Jungen, der
den Hals strecken muß, um noch knapp den Apfel auf der Tischplatte
zu sehn, und die Anschauung des Hausherrn, der den Apfel nimmt
und frei dem Tischgenossen reicht.
13 Ein erstes Zeichen beginnender Erkenntnis ist der Wunsch
zu sterben. Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes
unerreichbar. Man schämt sich nicht mehr, sterben zu wollen;
man bittet, aus der alten Zelle, die man haßt, in eine neue
gebracht zu werden, die man erst hassen lernen wird. Ein Rest
von Glauben wirkt dabei mit, während des Transportes werde
zufällig der Herr durch den Gang kommen, den Gefangenen ansehen
und sagen: Diesen sollt ihr nicht wieder einsperren. Er
kommt zu mir.
14 Gingest du über eine Ebene, hättest den guten
Willen zu gehen und machtest doch Rückschritte, dann wäre
es eine verzweifelte Sache; da du aber einen steilen Abhang hinaufkletterst,
so steil etwa, wie du selbst von unten gesehen bist, können
die Rückschritte auch nur durch die Bodenbeschaffenheit verursacht
sein, und du mußt nicht verzweifeln.
15 Wie ein Weg im Herbst: Kaum ist er rein gekehrt, bedeckt
er sich wieder mit den trockenen Blättern.
16 Ein Käfig ging einen Vogel suchen.
17 An diesem Ort war ich noch niemals: Anders geht der
Atem, blendender als die Sonne strahlt neben ihr ein Stern.
18 Wenn es möglich gewesen wäre, den Turm von
Babel zu erbauen, ohne ihn zu erklettern, es wäre erlaubt
worden.
19 Laß dich vom Bösen nicht glauben machen,
du könntest vor ihm Geheimnisse haben.
20 Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge
leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann
man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie.
21 So fest wie die Hand den Stein hält. Sie hält
ihn aber fest, nur um ihn desto weiter zu verwerfen. Aber auch
in jene Weite führt der Weg.
22 Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.
23 Vom wahren Gegner fährt grenzenloser Mut in dich.
24 Das Glück begreifen, daß der Boden, auf dem
du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße
ihn bedecken.
25 Wie kann man sich über die Welt freuen, außer
wenn man zu ihr flüchtet?
26 Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber
Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke.
Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.
27 Das Negative zu tun, ist uns noch auferlegt; das Positive
ist uns schon gegeben.
28 Wenn man einmal das Böse bei sich aufgenommen hat,
verlangt es nicht mehr, daß man ihm glaube.
29 Die Hintergedanken, mit denen du das Böse in dir
aufnimmst, sind nicht die deinen, sondern die des Bösen.
Das Tier entwindet dem Herrn die Peitsche und peitscht sich selbst,
um Herr zu werden, und weiß nicht, daß das nur eine
Phantasie ist, erzeugt durch einen neuen Knoten im Peitschenriemen
des Herrn.
30 Das Gute ist in gewissem Sinne trostlos.
31 Nach Selbstbeherrschung strebe ich nicht. Selbstbeherrschung
heißt: an einer zufälligen Stelle der unendlichen Ausstrahlungen
meiner geistigen Existenz wirken wollen. Muß ich aber solche
Kreise um mich ziehen, dann tue ich es besser untätig im
bloßen Anstaunen des ungeheuerlichen Komplexes und nehme
nur die Stärkung, die e contrario dieser Anblick gibt, mit
nach Hause.
32 Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könnte
den Himmel zerstören. Das ist zweifellos, beweist aber nichts
gegen den Himmel, denn Himmel bedeuten eben: Unmöglichkeit
von Krähen.
33 Die Märtyrer unterschätzen den Leib nicht,
sie lassen ihn auf dem Kreuz erhöhen. Darin sind sie mit
ihren Gegnern einig.
34 Sein Ermatten ist das des Gladiators nach dem Kampf,
seine Arbeit war das Weißtünchen eines Winkels in einer
Beamtenstube.
35 Es gibt kein Haben, nur ein Sein, nur ein nach letztem
Atem, nach Ersticken verlangendes Sein.
36 Früher begriff ich nicht, warum ich auf meine Frage
keine Antwort bekam, heute begreife ich nicht, wie ich glauben
konnte, fragen zu können. Aber ich glaubte ja gar nicht,
ich fragte nur.
37 Seine Antwort auf die Behauptung, er besitze vielleicht,
sei aber nicht, war nur Zittern und Herzklopfen.
38 Einer staunte darüber, wie leicht er den Weg der
Ewigkeit ging; er raste ihn nämlich abwärts.
39a Dem Bösen kann man nicht in Raten zahlen - und
versucht es unaufhörlich.
Es wäre denkbar, daß Alexander der Große trotz
den kriegerischen Erfolgen seiner Jugend, trotz dem ausgezeichneten
Heer, das er ausgebildet hatte, trotz den auf Veränderung
der Welt gerichteten Kräften, die er in sich fühlte,
am Hellespont stehen geblieben und ihn nie überschritten
hätte, und zwar nicht aus Furcht, nicht aus Unentschlossenheit,
nicht aus Willensschwäche, sondern aus Erdenschwere.
39b Der Weg ist unendlich, da ist nichts abzuziehen, nichts
zuzugeben und doch hält jeder noch seine eigene kindliche
Elle daran. Gewiß, auch diese Elle Wegs mußt
du noch gehen, es wird dir nicht vergessen werden.
40 Nur unser Zeitbegriff läßt uns das Jüngste
Gericht so nennen, eigentlich ist es ein Standrecht.
41 Das Mißverhältnis der Welt scheint tröstlicherweise
nur ein zahlenmäßiges zu sein.
42 Den ekel- und haßerfüllten Kopf auf die Brust
senken.
43 Noch spielen die Jagdhunde im Hof, aber das Wild entgeht
ihnen nicht, so sehr es jetzt schon durch die Wälder jagt.
44 Lächerlich hast du dich aufgeschirrt für diese
Welt.
45 Je mehr Pferde du anspannst, desto rascher gehts - nämlich
nicht das Ausreißen des Blocks aus dem Fundament, was unmöglich
ist, aber das Zerreißen der Riemen und damit die leere fröhliche
Fahrt.
46 Das Wort sein bedeutet im Deutschen beides:
Dasein und Ihmgehören.
47 Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der
Könige Kuriere zu werden. Nach Art der Kinder wollten alle
Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch
die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst
die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem
elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des
Diensteides.
48 An Fortschritt glauben heißt nicht glauben, daß
ein Fortschritt schon geschehen ist. Das wäre kein Glauben.
49 A. ist ein Virtuose und der Himmel ist sein Zeuge.
50 Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen
zu etwas Unzerstörbarem in sich, wobei sowohl das Unzerstörbare
als auch das Vertrauen ihm dauernd verborgen bleiben können.
Eine der Ausdrucksmöglichkeiten dieses Verborgenbleibens
ist der Glaube an einen persönlichen Gott.
51 Es bedurfte der Vermittlung der Schlange: das Böse
kann den Menschen verführen, aber nicht Mensch werden.
52 Im Kampf zwischen dir und der Welt sekundiere der Welt.
53 Man darf niemanden betrügen, auch nicht die Welt
um ihren Sieg.
54 Es gibt nichts anderes als eine geistige Welt - was
wir sinnliche Welt nennen, ist das Böse in der geistigen,
und was wir böse nennen, ist nur eine Notwendigkeit eines
Augenblicks unserer ewigen Entwicklung.
Mit stärkstem Licht kann man die Welt auflösen. Vor
schwachen Augen wird sie fest, vor noch schwächeren bekommt
sie Fäuste, vor noch schwächeren wird sie schamhaft
und zerschmettert den, der sie anzuschauen wagt.
55 Alles ist Betrug: das Mindestmaß der Täuschungen
suchen, im üblichen bleiben, das Höchstmaß suchen.
Im ersten Fall betrügt man das Gute, indem man sich dessen
Erwerbung zu leicht machen will, das Böse, indem man ihm
allzu ungünstige Kampfbedingungen setzt. Im zweiten Fall
betrügt man das Gute, indem man also nicht einmal im Irdischen
nach ihm strebt. Im dritten Fall betrügt man das Gute, indem
man sich möglichst weit von ihm entfernt, das Böse,
indem man hofft, durch seine Höchststeigerung es machtlos
zu machen. Vorzuziehen wäre also hiernach der zweite Fall,
denn das Gute betrügt man immer, das Böse in diesem
Fall, wenigstens dem Anschein nach, nicht.
56 Es gibt Fragen, über die wir nicht hinwegkommen
könnten, wenn wir nicht von Natur aus von ihnen befreit wären.
57 Die Sprache kann für alles außerhalb der
sinnlichen Welt nur andeutungsweise, aber niemals auch nur annähernd
vergleichsweise gebraucht werden, da sie, entsprechend der sinnlichen
Welt, nur vom Besitz und seinen Beziehungen handelt.
58 Man lügt möglichst wenig, nur wenn man möglichst
wenig lügt, nicht wenn man möglichst wenig Gelegenheit
dazu hat.
59 Eine durch Schritte nicht tief ausgehöhlte Treppenstufe
ist, von sich selber aus gesehen, nur etwas öde zusammengefügtes
Hölzernes.
60 Wer der Welt entsagt, muß alle Menschen lieben,
denn er entsagt auch ihrer Welt. Er beginnt daher, das wahre menschliche
Wesen zu ahnen, das nicht anders als geliebt werden kann, vorausgesetzt,
daß man ihm ebenbürtig ist.
61 Wer innerhalb der Welt seinen Nächsten liebt, tut
nicht mehr und nicht weniger Unrecht, als wer innerhalb der Welt
sich selbst liebt. Es bliebe nur die Frage, ob das erstere möglich
ist.
62 Die Tatsache, daß es nichts anderes gibt als eine
geistige Welt, nimmt uns die Hoffnung und gibt uns die Gewißheit.
63 Unsere Kunst ist ein von der Wahrheit Geblendet-Sein:
Das Licht auf dem zurückweichenden Fratzengesicht ist wahr,
sonst nichts.
64/65 Die Vertreibung aus dem Paradies ist in ihrem Hauptteil
ewig: Es ist also zwar die Vertreibung aus dem Paradies endgültig,
das Leben in der Welt unausweichlich, die Ewigkeit des Vorganges
aber (oder zeitlich ausgedrückt: die ewige Wiederholung des
Vorgangs) macht es trotzdem möglich, daß wir nicht
nur dauernd im Paradiese bleiben könnten, sondern tatsächlich
dort dauernd sind, gleichgültig ob wir es hier wissen oder
nicht.
66 Er ist ein freier und gesicherter Bürger der Erde,
denn er ist an eine Kette gelegt, die lang genug ist, um ihm alle
irdischen Räume frei zu geben, und doch nur so lang, daß
nichts ihn über die Grenzen der Erde reißen kann. Gleichzeitig
aber ist er auch ein freier und gesicherter Bürger des Himmels,
denn er ist auch an eine ähnlich berechnete Himmelskette
gelegt. Will er nun auf die Erde, drosselt ihn das Halsband des
Himmels, will er in den Himmel, jenes der Erde. Und trotzdem hat
er alle Möglichkeiten und fühlt es; ja, er weigert sich
sogar, das Ganze auf einen Fehler bei der ersten Fesselung zurückzuführen.
67 Er läuft den Tatsachen nach wie ein Anfänger
im Schlittschuhlaufen, der überdies irgendwo übt, wo
es verboten ist.
68 Was ist fröhlicher als der Glaube an einen Hausgott!
69 Theoretisch gibt es eine vollkommene Glücksmöglichkeit:
An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben.
70/71 Das Unzerstörbare ist eines; jeder einzelne
Mensch ist es und gleichzeitig ist es allen gemeinsam, daher die
beispiellos untrennbare Verbindung der Menschen.
72 Es gibt im gleichen Menschen Erkenntnisse, die bei völliger
Verschiedenheit doch das gleiche Objekt haben, so daß wieder
nur auf verschiedene Subjekte im gleichen Menschen rückgeschlossen
werden muß.
73 Er frißt den Abfall vom eigenen Tisch; dadurch
wird er zwar ein Weilchen lang satter als alle, verlernt aber,
oben vom Tisch zu essen; dadurch hört dann aber auch der
Abfall auf.
74 Wenn das, was im Paradies zerstört worden sein
soll, zerstörbar war, dann war es nicht entscheidend; war
es aber unzerstörbar, dann leben wir in einem falschen Glauben.
75 Prüfe dich an der Menschheit. Den Zweifelnden macht
sie zweifeln, den Glaubenden glauben.
76 Dieses Gefühl: hier ankere ich nicht
- und gleich die wogende, tragende Flut um sich fühlen!
Ein Umschwung. Lauernd, ängstlich, hoffend umschleicht die
Antwort die Frage, sucht verzweifelt in ihrem unzugänglichen
Gesicht, folgt ihr auf den sinnlosesten, das heißt von der
Antwort möglichst wegstrebenden Wegen.
77 Verkehr mit Menschen verführt zur Selbstbeobachtung.
78 Der Geist wird erst frei, wenn er aufhört, Halt
zu sein.
79 Die sinnliche Liebe täuscht über die himmlische
hinweg; allein könnte sie es nicht, aber da sie das Element
der himmlischen Liebe unbewußt in sich hat, kann sie es.
80 Wahrheit ist unteilbar, kann sich also selbst nicht
erkennen; wer sie erkennen will, muß Lüge sein.
81 Niemand kann verlangen, was ihm im letzten Grunde schadet.
Hat es beim einzelnen Menschen doch diesen Anschein - und den
hat es vielleicht immer -, so erklärt sich dies dadurch,
daß jemand im Menschen etwas verlangt, was diesem Jemand
zwar nützt, aber einem zweiten Jemand, der halb zur Beurteilung
des Falles herangezogen wird, schwer schadet. Hätte sich
der Mensch gleich anfangs, nicht erst bei der Beurteilung auf
Seite des zweiten Jemand gestellt, wäre der erste Jemand
erloschen und mit ihm das Verlangen.
82 Warum klagen wir wegen des Sündenfalles? Nicht
seinetwegen sind wir aus dem Paradiese vertrieben worden, sondern
wegen des Baumes des Lebens, damit wir nicht von ihm essen.
83 Wir sind nicht nur deshalb sündig, weil wir vom
Baum der Erkenntnis gegessen haben, sondern auch deshalb, weil
wir vom Baum des Lebens noch nicht gegessen haben. Sündig
ist der Stand, in dem wir uns befinden, unabhängig von Schuld.
84 Wir wurden geschaffen, um im Paradies zu leben, das
Paradies war bestimmt, uns zu dienen. Unsere Bestimmung ist geändert
worden; daß dies auch mit der Bestimmung des Paradieses
geschehen wäre, wird nicht gesagt.
85 Das Böse ist eine Ausstrahlung des menschlichen
Bewußtseins in bestimmten Übergangsstellungen. Nicht
eigentlich die sinnliche Welt ist Schein, sondern ihr Böses,
das allerdings für unsere Augen die sinnliche Welt bildet.
86 Seit dem Sündenfall sind wir in der Fähigkeit
zur Erkenntnis des Guten und Bösen im Wesentlichen gleich;
trotzdem suchen wir gerade hier unsere besonderen Vorzüge.
Aber erst jenseits dieser Erkenntnis beginnen die wahren Verschiedenheiten.
Der gegenteilige Schein wird durch folgendes hervorgerufen: Niemand
kann sich mit der Erkenntnis allein begnügen, sondern muß
sich bestreben, ihr gemäß zu handeln. Dazu aber ist
ihm die Kraft nicht mitgegeben, er muß daher sich zerstören,
selbst auf die Gefahr hin, sogar dadurch die notwendige Kraft
nicht zu erhalten, aber es bleibt ihm nichts anderes übrig,
als dieser letzte Versuch. (Das ist auch der Sinn der Todesdrohung
beim Verbot des Essens vom Baume der Erkenntnis; vielleicht ist
das auch der ursprüngliche Sinn des natürlichen Todes.)
Vor diesem Versuch nun fürchtet er sich; lieber will er die
Erkenntnis des Guten und Bösen rückgängig machen
(die Bezeichnung Sündenfall geht auf diese Angst
zurück); aber das Geschehene kann nicht rückgängig
gemacht, sondern nur getrübt werden. Zu diesem Zweck entstehen
die Motivationen. Die ganze Welt ist ihrer voll, ja die ganze
sichtbare Welt ist vielleicht nichts anderes als eine Motivation
des einen Augenblick lang ruhenwollenden Menschen. Ein Versuch,
die Tatsache der Erkenntnis zu fälschen, die Erkenntnis erst
zum Ziel zu machen.
87 Ein Glaube wie ein Fallbeil, so schwer, so leicht.
88 Der Tod ist vor uns, etwa wie im Schulzimmer an der
Wand ein Bild der Alexanderschlacht. Es kommt darauf an, durch
unsere Taten noch in diesem Leben das Bild zu verdunkeln oder
gar auszulöschen.
89 Ein Mensch hat freien Willen, und zwar dreierlei: Erstens
war er frei, als er dieses Leben wollte; jetzt kann er es allerdings
nicht mehr rückgängig machen, denn er ist nicht mehr
jener, der es damals wollte, es wäre denn insoweit, als er
seinen damaligen Willen ausführt, indem er lebt.
Zweitens ist er frei, indem er die Gangart und den Weg dieses
Lebens wählen kann.
Drittens ist er frei, indem er als derjenige, der einmal wieder
sein wird, den Willen hat, sich unter jeder Bedingung durch das
Leben gehen und auf diese Weise zu sich kommen zu lassen, und
zwar auf einem zwar wählbaren, aber jedenfalls derartig labyrinthischen
Weg, daß er kein Fleckchen dieses Lebens unberührt
läßt.
Das ist das Dreierlei des freien Willens, es ist aber auch, da
es gleichzeitig ist, ein Einerlei und ist im Grunde so sehr Einerlei,
daß es keinen Platz hat für einen Willen, weder für
einen freien noch unfreien.
90 Zwei Möglichkeiten: sich unendlich klein machen
oder es sein. Das zweite ist Vollendung, also Untätigkeit,
das erste Beginn, also Tat.
91 Zur Vermeidung eines Wortirrtums: Was tätig zerstört
werden soll, muß vorher ganz fest gehalten worden sein;
was zerbröckelt, zerbröckelt, kann aber nicht zerstört
werden.
92 Die erste Götzenanbetung war gewiß Angst
vor den Dingen, aber damit zusammenhängend Angst vor der
Notwendigkeit der Dinge und damit zusammenhängend Angst vor
der Verantwortung für die Dinge. So ungeheuer erschien diese
Verantwortung, daß man sie nicht einmal einem einzigen Außermenschlichen
aufzuerlegen wagte, denn auch durch Vermittlung eines Wesens wäre
die menschliche Verantwortung noch nicht genug erleichtert worden,
der Verkehr mit nur einem Wesen wäre noch allzusehr von Verantwortung
befleckt gewesen, deshalb gab man jedem Ding die Verantwortung
für sich selbst, mehr noch, man gab diesen Dingen auch noch
eine verhältnismäßige Verantwortung für den
Menschen.
93 Zum letztenmal Psychologie!
94 Zwei Aufgaben des Lebensanfangs: Deinen Kreis immer
mehr einschränken und immer wieder nachprüfen, ob du
dich nicht irgendwo außerhalb deines Kreises versteckt hältst.
95 Das Böse ist manchmal in der Hand wie ein Werkzeug,
erkannt oder unerkannt läßt es sich, wenn man den Willen
hat, ohne Widerspruch zur Seite legen.
96 Die Freuden dieses Lebens sind nicht die seinen, sondern
unsere Angst vor dem Aufsteigen in ein höheres Leben; die
Qualen dieses Lebens sind nicht die seinen, sondern unsere Selbstqual
wegen jener Angst.
97 Nur hier ist Leiden Leiden. Nicht so, als ob die, welche
hier leiden, anderswo wegen dieses Leidens erhöht werden
sollen, sondern so, daß das, was in dieser Welt leiden heißt,
in einer andern Welt, unverändert und nur befreit von seinem
Gegensatz, Seligkeit ist.
98 Die Vorstellung von der unendlichen Weite und Fülle
des Kosmos ist das Ergebnis der zum Äußersten getriebenen
Mischung von mühevoller Schöpfung und freier Selbstbesinnung.
99 Wieviel bedrückender als die unerbittlichste Überzeugung
von unserem gegenwärtigen sündhaften Stand ist selbst
die schwächste Überzeugung von der einstigen, ewigen
Rechtfertigung unserer Zeitlichkeit. Nur die Kraft im Ertragen
dieser zweiten Überzeugung, welche in ihrer Reinheit die
erste voll umfaßt, ist das Maß des Glaubens. Manche
nehmen an, daß neben dem großen Urbetrug noch in jedem
Fall eigens für sie ein kleiner besonderer Betrug veranstaltet
wird, daß also, wenn ein Liebesspiel auf der Bühne
aufgeführt wird, die Schauspielerin außer dem verlogenen
Lächeln für ihren Geliebten auch noch ein besonders
hinterhältiges Lächeln für den ganz bestimmten
Zuschauer auf der letzten Galerie hat. Das heißt zu weit
gehen.
100 Es kann ein Wissen vom Teuflischen geben, aber keinen
Glauben daran, denn mehr Teuflisches, als da ist, gibt es nicht.
101 Die Sünde kommt immer offen und ist mit den Sinnen
gleich zu fassen. Sie geht auf ihren Wurzeln und muß nicht
ausgerissen werden.
102 Alle Leiden um uns müssen auch wir leiden. Wir
alle haben nicht einen Leib, aber ein Wachstum, und das führt
uns durch alle Schmerzen, ob in dieser oder jener Form. So wie
das Kind durch alle Lebensstadien bis zum Greis und zum Tod sich
entwickelt (und jenes Stadium im Grunde dem früheren, im
Verlangen oder in Furcht unerreichbar scheint) ebenso entwickeln
wir uns (nicht weniger tief mit der Menschheit verbunden als mit
uns selbst) durch alle Leiden dieser Welt. Für Gerechtigkeit
ist in diesem Zusammenhang kein Platz, aber auch nicht für
Furcht vor den Leiden oder für die Auslegung des Leidens
als eines Verdienstes.
103 Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der
Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber
vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid,
das du vermeiden könntest.
105 Das Verführungsmittel dieser Welt sowie das Zeichen
der Bürgschaft dafür, daß diese Weit nur ein Übergang
ist, ist das gleiche. Mit Recht, denn nur so kann uns diese Welt
verführen und es entspricht der Wahrheit. Das Schlimmste
ist aber, daß wir nach geglückter Verführung die
Bürgschaft vergessen und so eigentlich das Gute uns ins Böse,
der Blick der Frau in ihr Bett gelockt hat.
106 Die Demut gibt jedem, auch dem einsam Verzweifelnden,
das stärkste Verhältnis zum Mitmenschen, und zwar sofort,
allerdings nur bei völliger und dauernder Demut. Sie kann
das deshalb, weil sie die wahre Gebetsprache ist, gleichzeitig
Anbetung und festeste Verbindung. Das Verhältnis zum Mitmenschen
ist das Verhältnis des Gebetes, das Verhältnis zu sich
das Verhältnis des Strebens; aus dem Gebet wird die Kraft
für das Streben geholt.
Kannst du denn etwas anderes kennen als Betrug? Wird einmal der
Betrug vernichtet, darfst du ja nicht hinsehen oder wirst zur
Salzsäule.
107 Alle sind zu A. sehr freundlich, so etwa wie man ein
ausgezeichnetes Billard selbst vor guten Spielern sorgfältig
zu bewahren sucht, solange bis der große Spieler kommt,
das Brett genau untersucht, keinen vorzeitigen Fehler duldet,
dann aber, wenn er selbst zu spielen anfängt, sich auf die
rücksichtsloseste Weise auswütet.
108 Dann aber kehrte er zu seiner Arbeit zurück,
so wie wenn nichts geschehen wäre. Das ist eine Bemerkung,
die uns aus einer unklaren Fülle alter Erzählungen geläufig
ist, obwohl sie vielleicht in keiner vorkommt.
109 Daß es uns an Glauben fehle, kann man nicht sagen. Allein
die einfache
Tatsache unseres Lebens ist in ihrem Glaubenswert gar nicht auszuschöpfen.
Hier
wäre ein Glaubenswert? Man kann doch nicht nicht-leben. Eben in
diesem
kann doch nicht steckt die wahnsinnige
Kraft des Glaubens; in dieser Verneinung bekommt sie Gestalt. Es ist
nicht notwendig,
daß du aus dem Hause gehst. Bleib bei deinem Tisch und horche.
Horche nicht einmal, warte nur.
Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich
dir die Welt zur Entlarvung,
sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor dir winden
|