Raabe Wilhelm - Altershausen


Die unvollendete Erzählung erschien erstmals 1911, ein
Jahr nach dem Tode des Autors.

Überstanden!

Der das sagte, lag in seinem Bette, und nach dem Licht auf dem
Fenstervorhang zu urteilen, mußte die Sonne eines neuen
Tages bereits ziemlich hoch am Himmel stehen. Es war dem befreienden
Seufzerwort ein längeres Zusammsuchen, erst der körperlichen
Gliedmaßen, sodann der noch vorhandenen geistigen Fähigkeiten
voraufgegangen. Beides nicht, ohne daß es, wie die Kinder
sagen: wehe getan hatte.

Das Alter spricht oft der Kindheit ein Wort nach, weil es von
Natur kein besseres weiß und, wenn es im Laufe der Jahre
danach gesucht haben sollte, keins gefunden hat. Man braucht sich
nicht immer an einer Tischecke gestoßen haben, es kann einem
auch sein siebenzigster Geburtstag freundschaftlichst, ehrenvoll-feierlichst
begangen worden sein.

Man schrieb den vierundzwanzigsten August, an welchem Datum im
Jahr neunundsiebenzig nach unseres Herrn und Erlösers Geburt
Herkulanum und Pompeji verschüttet worden waren und an dem
im Jahr fünfzehnhundertzweiundsiebenzig der heilige Bartholomäus
im himmlischen Ehrensaal in kopfschüttelnder Betrachtung
vor dem Glasschrank mit seiner Erdenhaut stand, brummte:

Hm, hm, hm!

und sich fragte:

Hab ich die mir eigentlich dafür von meinen lieben
Armeniern abziehen lassen? -

Am Tage vorher, das heißt nicht vor dem Untergang von Herkulanum
und Pompeji oder der Pariser Blutnacht des heiligen Bartholomäus,
sondern an einem weder historisch noch ethisch gleichwertigen
dreiundzwanzigsten August eines der letzten Jahre des neunzehnten
Jahrhunderts hatte vor siebenzig Jahren das Menschenkind, das
jetzt aufrecht im Bette saß, das Licht der Welt, wie man
euphemistisch sagt, erblickt, und seine gegenwärtige Mitwelt:
Verwandtschaft, Freundschaft und Bekanntschaft - Patronen- und
Kliententum, schien sich wirklich gefreut zu haben, den Tag unter
ihren Erlebnissen mitfeiern zu können. Ein langer Satz, aber
dem Geschehnis angemessen!-

Es roch um den erwachenden Jubelgreis nach Kuchen - Geburtstagskuchen,
Hochzeitkuchen, Begräbniskuchen - nach dem Kuchen aller
Erdenfestlichkeiten! und der Jubelgreis mit den mühsam wieder
zusammengesuchten Körper- und Geisteskräften bin

I c h ,

nun der Schreiber dieser Blätter.

*

Auf die Postille gebückt zur Seite des wärmenden Ofens
und - immer noch den Kuchengeruch des Lebens in der Nase?...

Siebenzig Jahre nun und - für das Alter immer noch merkwürdig
gut auf den Beinen, wie man das ausdrückt! und fünfunddreißig
Jahre so ungefähr, seit mein Weib zu dem blauen Himmel auf
und in den Sommersonnenschein und den Kinderlärm der Gasse
hinein, dem ihr Unfaßbaren, Unbegreiflichen gegenüber,
wild-böse durch den jungen Schmerz gemacht, unserm Schicksal
zuschluchzte:

Das schöne Wetter, und mein Kind nicht mehr dabei!...

Seit länger als dreißig Jahren wächst auch das
Gras auf dem Hügel, der meine Frau neben dem Kinde deckt.
Gute und schlechte Witterung hat, seit die Lieben mich des Weges
allein ziehen ließen, nach gewohnter Weise auf Erden gewechselt
und - ich habe mich gut konserviert. Alle
sagen das, und auch mein allergnädigster Landesherr wird,
wenn ich ihm demnächst meinen Dank für den huldreichst
verliehenen hohen Orden zu Füßen legen werde, vielleicht
eine ähnliche freundliche Bemerkung fallenlassen. Jawohl,
es war ein sehr schönes Festwetter, und die Kinder spielen,
lärmen, jauchzen noch immer in den Gassen: mein Weib und
mein Kind nicht mehr dabei; aber wir anderen recht vergnügt
bei Tische. Ich jedenfalls noch vorhanden in perfect health and
memory - bei guter Gesundheit und klarem Bewußtsein -
wie es in einem, nicht bloß den nächsten Erben bekanntgewordenen
Testament heißt!

*

Fünfzehn Jahre bedeuten nach dem Wort des Historikers eine
lange Zeit für den Menschen und sein Leben, dreißig
eine längere. Was alles kann der Mensch hinter sich lassen
und vor sich bringen, bis er vor der Zahl siebenzig und dem berühmten
biblischen Wort steht? Mir brauchte kein solcher Jubeltag
zu kommen, um mir das deutlich zu machen, nur etwas deutlicher
konnte es mir dadurch gemacht werden.

Ich stehe weder vor einer verschütteten Erdenwelt noch im
Reich der Himmel vor meiner Märtyrer-Ehrenhaut: ich stehe
nur noch immer auf meinen Füßen; aber es ist nicht
wahr, was einige behaupten, nämlich daß ich das einzig
und allein meinem guten Magen zu verdanken habe. Man darf übrigens
dergleichen Gerede in einem Dasein, welches wie das unserige recht
sehr auf eine gute Verdauung in Verbindung mit den dazugehörigen
Zähnen angewiesen ist, nicht allzu absprechend von sich weisen.
Es kann nicht alles aus dem Herzen kommen.-

Viel herzlichen Dank hatte ich zu sagen gehabt. Sie waren gekommen:
alle, von denen ich es wohl erwarten durfte, aber auch viele,
von denen es mir nicht zu vermuten war, sogar etliche derer, von
welchen ich es ganz gewiß wußte, daß ich ihnen
nur zum Ärgernis und Verdruß gelebt, mein Handwerk
getrieben hatte und siebenzig Jahre alt geworden war.

Ich würde ein Narr und Heuchler sein, wenn ich niederschreiben
wollte, daß das mir nur mißfallen habe. Recht wohlgefallen
hatte mir manches: es ist nicht alles Komödie in der Welt,
es gibt nicht bloß den Begriff Ehrlichkeit, sondern auch
ehrliche Leute, und an die habe ich mich an diesem Festtage gehalten
und anderes gewähren und machen lassen und Höflichkeiten
nach Erdenschicklichkeit höflich erwidert, ohne grade meinem
Feinde, wenn er mich auf die eine Backe geküßt hatte,
ihm auch die andere hingehalten zu haben.

Genug davon. Das wäre fein, die ersten Stunden der Muße
mit Würde an das zu verwenden, was jeder Zeitungsberichterstatter
werkmäßiger und besser zu Papiere bringt!

Das?

Ja das: feierliche Begehungen von tausend-, fünfhundert-,
hundertjährigen menschheitlichen Gedenktagen - das, was
die Menschheit so im einzelnen Beschreibungs- oder doch
Besprechungswertes an sich erleben kann, wäre es auch nur
nach fünfundzwanzig, fünfzig oder siebenzig Jahren Daseins
auf der Erde als Familienmitglied, Staats- und Geschäftsmann
oder -- sonst so was!

Wenn übrigens wegen den Geburtstägen im August
vielleicht noch irgend etwas zu bemerken wäre, so kann darüber
nachgelesen werden in einem Briefe aus dem Jahre 1777, wo der
Berichterstatter für sein Blatt schreibt:

Es hatte schon den ganzen Tag gemunkelt, daß 'n Feuerwerk
abgebrannt werden sollte, nun ward es aber hautement declarirt,
und die ganze Gesellschaft begab sich in Procession hinten in
meines Vetters Garten neben dem Echafaut, das Feuerwerk anzusehen.
Es bestand aus einem Petermännchen von anderthalb
Zoll und reussirte ungemein. Weil so'n Ding gar zu herrlich anzusehen
ist, hab' ich mir von meinem Vetter das Recept ausgebeten und
will's Dir hier communiciren. Man nimmt 2Loth Pulver, reibt
es klein und thut Brunnenwasser dazu quantum satis; denn wirds
'n Teig, und man formt es, entweder kegelförmig wie'n Kirchthurm,
oder viereckigt, wie die Pyramiden in Egypten waren, thut
oben darauf einige Körner trockenes Pulver und zündet's
an... Um 10Uhr 8Minuten gieng das Feuerwerk an, und währte
bis 10Uhr 81/3Minute. -
Du lachst, Andres? ----------

Ob der gute Korrespondent des Wandsbecker Boten über diese
Schilderung des Festes gelacht habe kann ich nicht sagen: was
mich anbetrifft, so beschließe ich die Beschreibung des
Höhenpunktes der Feier meines siebenzigsten Geburtstags wie
Freund Asmus:

Um 10Uhr 8Minuten ging das Feuerwerk an, und währte
bis 10Uhr 81/3Minute.

Das stimmte, was meine persönlichste, innerlichste Beteiligung
dabei anbetrifft. Wenn jedoch der Bote einigen ethischen und moralischen
Betrachtungen und Nutzanwendungen noch hinzufügt:

Um Eilf Uhr giengen wir zu Bett, und schliefen flugs und
fröhlich ein,

so stimmt das nicht ganz mit dem Verlauf meines Festes. Es währte
ein wenig länger, ehe die letzten bei Tisch die dem Alter
gebührende Rücksicht nahmen. Mit dem mittäglichen
Sonnenschein noch eines neuen Tages auf dem Fenstervorhang hat
ja wohl der Greis diese Federkritzeleien begonnen?

Noch dabei, ihr Toten!...

*

Das ist es also gewesen, wozu man mir Glück gewünscht
hat? Ich gehe nun auf die Achtzig los: die, welche
gekommen waren, mir zu dem Siebenzigsten zu gratulieren
mit dem natürlich angefügten Ad multos annos, sind in
der Zeit wieder ihren eigenen zeitlichen Sorgen, Nöten und
Geschäften nachgegangen und denken nicht mehr an mich oder,
wenn sie noch an mich denken, solches wohl nur mit gemischten
Gefühlen: dieses Wort wahrlich nicht bloß im
ironischen oder gar hämischen Sinne genommen, sondern im
recht treumeinenden, im sehr ernsten.

Gemischte Gefühle! welch ein Wort dann und wann für
eine Morgenstimmung! Wie aber stellt sich solchem Gefühl
und Gefühlen gegenüber ein alter Doktor zu einem anderen
Wort:

Arzt, hilf dir selber!
?

Im folgenden mag es sich denn ablagern, wie das Fragezeichen beantwortet
worden ist. Lasset euer Brod über das Wasser fahren! heißt
es in der Heiligen Schrift.


Wilhelm Raabe: Altershausen / I

I.


Sein Name war Feyerabend. Fritz nannte ihn seine Schwester Karoline,
Onkel Friedrich eine etwas entfernte Nichten- und Neffenschaft,
Wirklicher Geheimer Rat die Welt. Wodurch er die letztere Bezeichnung
für die Welt und durch seine Zeitgenossenschaft
verdient haben mag, möge sich dem möglichen Leser im
Verlauf des Umwendens dieser Blätter ergeben. Schon seine
Erstlingsdruckschrift Über Gewöhnung an Medikamente
soll von gelehrter Frühreife gezeugt haben; hier aber handelt
es sich nur darum, wie er selber sich gegen die toxischen und
infektiösen Agenzien des Erdendaseins, auch nach zurückgelegtem
siebenzigsten Lebensjahr, mit mehr oder weniger Erfolg immun
gemacht hatte.

Fürs erste brauchte er volle acht Tage und Nächte, um
sich von seinem hohen Freuden- und Ehrentage zu erholen. Nachher
nahm er, da er alles, was ihm an Körper- und Geisteskräften
beschert worden war, wieder beisammen hatte, was man so nennt,
den gewohnten Lebenslauf wieder auf und fand, was jeder sich zur
Ruhe setzende Erdenarbeitsmann findet, daß - die Zeit nicht
mehr so recht mit ihm fort wollte, ihn durch den Tag voraufhumpeln
ließ.

Was wird aus dem Menschen, der endlich Zeit hat und dem nun nichts
rasch genug kommen und geschehen kann? Was im vorliegenden Fall
glücklicherweise nicht in die Erscheinung trat: ein verdrießlicher
Patron und ein Verdruß und Ärgernis zuletzt auch der
hingebendsten Umgebung - mißliebig auch den Göttern,
die ihn aber recht häufig noch ziemlich lange den Seinen
erhalten, wenn auch nicht zu deren Vergnügen! Da sie, die
Götter, bei allem einen Zweck haben sollen, so werden sie
auch wohl dabei einen haben und verantworten können.

Ja, Gott sei Dank, wem aus besserem Lehm der Titan das Herz geknetet
hatte, war Geheimrat Feyerabend, der Postillengreis dieser
Blätter! - Der sah zuerst nur etwas häufiger nach
dem Barometer und fand, daß sich sein Verhältnis zu
ihm merklich geändert habe. Er mochte stehen, worauf er wollte
(der Geheimrat hatte da freilich doch auch immer noch das schöne
Wetter im Auge), es hatte wenig Einfluß mehr auf des
Jubelgreises Stehen, Gehen, Sitzen oder Liegen. Stand das Ding
auf Veränderlich - Regen oder Wind,
so war ihm das, wenn nicht immer recht, so doch viel gleichgültiger
als sonst. Sturm hätte ihn wohl noch wie früher
interessiert, aber das ist doch eigentlich nur selten, und gute
Menschen setzen da auch ihr Interesse - Dabeisein - hintenan
und wünschen es sich nicht, anderer wegen.

Was ging den Alten bei seiner Morgenpfeife jetzt noch das Wetter
an? Selbst wenn ihn dann und wann so ein bißchen Rheumatismus
drauf aufmerksam machte, daß auch er einige Rücksicht
auf es zu nehmen habe seinet-, nicht der Witterung wegen. Er war
doch wahrlich in seinem Leben genug gelaufen und gefahren durch
gutes und schlechtes Wetter, um sich nun zu all dem ihm eben erwiesenen
Guten auch das Seinige tun zu dürfen: endlich mal auch seinem
eigenen Leibe (die Seele eingeschlossen) die Ehre zu geben und
in jegliches Wetter mit vollendeter Gleichgültigkeit seine
Rauchwolken hineinzublasen. Um sich dabei nicht zu versitzen,
ging er denn zum erstenmal seit langer, langer Zeit wieder spazieren.
Wie lang war's auch her, seit das Kind in das schöne Wetter
hineinjauchzte und nach den Eltern zurücksah und seine Frau
an seinem Arm auf den Wegen durch Gassen, Ackerfeld, Wiese und
Wald zu ihm aufsah: O das schöne Wetter heute!...?
Nachdem sie ihn allein gelassen hatten, war die Zeit seiner Wanderungen,
Reisen, Weltfahrten gekommen: spazieren war er nicht mehr gegangen.
Wie hätte er dazu Zeit finden können? -----------

Die Stadt, welche die Ehre und das Vergnügen hatte, diesen
Geheimrat zu ihren bekanntesten und geschätztesten Mitbürgern
zu zählen, gehörte zu denen, welche wie so manche andere
im neuen wirklichen Deutschen Reich seit 1866 und 1870 aus ihrer
grünen Umkleidung herausgewachsen war wie ein Junge aus seinen
Hosen. Sie war Großstadt geworden und bildete
sich natürlich was drauf ein und klopfte sich dann und wann
darob mit Hochgefühl auf Brust und Magen. Auf letzteren etwas
seltener in den Tagen, wo die Gemeindesteuern fällig geworden
waren und der Steuerbote jeden Augenblick an die Tür klopfen
konnte.

Sie hatte ganz in Gärten und Wiesen gelegen, was die grüne
Umkleidung anbetraf. Damit war's nun vorbei; aber einen Kranz
von angenehmen grünen, schattigen, blumigen Spazierwegen
hatte sie sich doch zwischen dem alten Kern und Weichbild und
den neuen Vorstädten erhalten. Ja, wer Zeit dazu hatte, konnte
hier immer noch im Baumschatten, durch hübsches, kunstgärtnerisch
gepflanztes und gepflegtes Buschwerk, um hübsche Blumenbeete
und um Schwanenteiche, die vom mittelalterlichen Stadtgraben und
Vaubanscher Befestigungskunde übergespart worden waren, lustwandeln.
Es war natürlich hier, wo Geheimrat Feyerabend das Spazierengehen
wieder lernen wollte und die ersten Versuche machte, sich endlich
einmal wieder in - seiner Umgebung umzusehen. Es gibt immer Leute,
die durch Begabung und Beruf zu dem Glauben gebracht werden, sich
- der Welt schuldig zu sein. Daß schönste Irrtümer
auf diesem Felde am häufigsten sind, dafür können
sie nichts.-

Wie gesagt, Geheimrat Feyerabend blieb mit seinen Gehversuchen
auf dem Wall. Jenseits des bunten, freundlichen Naturgürtels,
welcher die Vorstädte von der Altstadt trennt, sollen bereits
achtzig- bis neunzigtausend Menschen wohnen, und wer Kunstgeschichte
der Neuzeit studieren wollte, brauchte bloß dort durch die
breiten, mit Vorgärten verzierten Straßen
zu wandeln. Da konnte er erfahren, was wir seit des Vitruvius
Buch De Architectura aus Büchern gelernt haben
in der Baukunst und wie wir alles, was wir gelernt haben, zu verwerten
wissen! Geheimrat Feyerabend hatte augenblicklich nicht das geringste
Interesse dafür; die Gassen waren ihm dort zu breit, zu sonnig
und zu staubig, und noch weiter hinaus begann die Öde, die
einen wachsenden Mauer- und Menschenhaufen umgibt. Angenehme Bänke,
zum Ausruhen für ältere Herrschaften und zur Siesta
für Bummler, Arbeitlose, streikende oder ausgesperrte Arbeiter
hingestellt, gab es auch nur auf dem Wall, aber auf
diesen ließ er sich selten nieder, gar nicht auf denen,
an welchen ein Täfelchen der Promenadenverwaltung
kundgab:

Nicht für Kindermädchen!

Seltsamerweise lockten die für solche bestimmten ihn allein
an, müde Beine vorzugeben bei diesen seinen Versuchen, sich
wieder im Leben außerhalb seiner Wissenschaft wenigstens
in etwas zurechtzufinden. Über müde Beine hatte er sich
noch nicht zu beklagen: - es waren eben die jungen Dirnen und
die Kinder, die ihn anzogen. Seine große Bekanntschaft,
die ihn da sitzen sah, schüttelte nur lächelnd den Kopf:
Na, na!, machte aber sonst nur Anmerkungen wie: Das
sieht ihm wieder ähnlich!, hielt sich also mäßig
bei ihren Betrachtungen, und einige wußten dann und wann
genauer als andere, weshalb.-

So schönes Wetter und der Himmel immer noch blau und die
Kastanienbäume grün und die Augustsonne, die einmal
der jungen Mutter seines Kindes das Herz schwerer gemacht
hatte, als es alle Wintermonate, Nachtdunkel, Landregen und Sturm
vermocht hätten, auch immer noch dieselbe! Ihn freute der
bunte Reif, der ihm zwischen die Beine lief, der Ball, der ihm
beinahe den Hut vom Kopfe schlug, und ein stadtbekannter und -
weltberühmter Arzt und Wundarzt war er auch und hatte selten
seine Künste so gern und willig in Anwendung gebracht wie
jetzt hier, einem geritzten Fingerchen, einem blutenden Näschen
oder anderem dergleichen Unglück gegenüber. Großmütter,
Mütter und Tanten aus den besten Ständen begrüßten
ihn häufig auf den Bänken der Kindermädchen, aber
seines Bleibens war doch nicht da. Er hatte meistens bald aufzustehen
und seines Weges weiterzuwandern, und zwar mit dem Gefühl
- zu stören. Zu oft mußte er Seitenblicke auffangen,
die deutlich besagten: Ist der Alte schon wieder da? Was
will denn der dumme Alte immer hier auf unseren Bänken?
Und sie hatten recht, die jungen Wärterinnen der Kinder anderer
Mütter, und - um so mehr recht, je hübscher sie waren.
Geheimrat Feyerabend hatte eigentlich hier nichts zu suchen und
nahm nur den Platz anderen weg, die besser und willkommner da
sitzen konnten. Hinter dem Gitter des nahen Kasernenhofes waren
sie ganz der nämlichen Meinung

Und dann das ewige Grüßenmüssen hier! Dr. Heinrich
Fausts Vater, Geheimer Obersanitätsrat und Professor an der
Kurfürstlich Sächsischen Landesuniversität Wittenberg,
Dr. med. Faust senior, hatte seinerzeit, im sechzehnten Jahrhundert,
auf den belebteren Teilen der Promenade das Barett nicht öfter
zu ziehen als sein ähnlich betitelter und berühmter
Kollege bei seinen Versuchen, das Lustwandeln wieder zu erlernen,
den Hut im neunzehnten. Wie Faust junior schlug er sich darob
seiner unverdienten Ehren halber in die Büsche und suchte
unbetretenere Pfade. Daß ihm da nicht der Teufel in Gestalt
eines Pudels begegnen würde, wußte er; aber daß
sich ihm hier, grade hier und aus der Blüte der Kultur heraus,
die kalte Teufelsfaust entgegenballen würde, hatte er sich
auch nicht vermutet. Es war aber so.

Wo er am wenigsten Menschen begegnete, fing er an, nach Bekannten,
alten - ältesten Bekannten zu suchen, um sie wieder einmal
zu begrüßen, und - er traf auf keinen mehr.

Ja sehen Sie, Herr Geheimrat (auch die Parkwächter
kannten den berühmten Mann), was Sie da suchen, finden Sie,
abgesehen von der späten Jahreszeit, jetzt immer hier nicht
mehr vor. Ungeziefer gibt es nicht mehr bei uns. Die Zeit, wo
man damit seine Last hatte, ist vorbei.

Wieso denn?

Ja, da sind die jetzigen städtischen Verhältnisse
dran schuld, Herr Geheimrat. Und zu jeder Jahreszeit, nicht bloß
weil es jetzt in den Herbst geht und ihre Flug- und Brütezeit
hin ist. Das ist jetzt so bei uns hier mit die Vögels wie
mit die Buttervögels, das Raupenzeug, die Käfers und
was sonst so, vorzüglich im Frühjahr und um die Blüte,
hier in meine Herrschaft in die Büsche und Blumerei nach
des Herrgotts Willen sich zusammentun, aus dem Ei und Kokon kommen,
krauchen, fressen und 'rumflurren und sonst sein Wesen und Unwesen
haben sollte. Sie können so manches nicht mehr vertragen,
was der heutige Mensche doch immer mehr zu seinem täglichen
und nächtlichen Wohlsein nötig hat.

Sie meinen?

Ganz gewiß! Was wir nicht riechen, das riechen sie
und gehen davon ein oder anderwärts hin. Selbst in den höchsten
Lüften ist das so geworden über der Stadt. Bin auch
ein alter Mann, Herr Geheimrat, und brauche nur aus älterer
Zeit an unsere hiesigen Dohlen zu denken. Die des Abends um die
Kirchtürme und nachher auf die Dächer aufgereiht waren
wie nach der Schnur! Wo sind sie geblieben? Mit Respekt zu sagen,
Herr Geheimrat, wir riechen ihnen nicht mehr gut genug, und des
Nachts nehmen wir ihnen den Schlaf und die nächtliche Ruhe
mit dem Gas und dem elektrischen Licht und allen anderen Erfindungen
in dieser Bransche bis an den hellen Morgen. Daß es bei
uns in der Nacht nicht mehr Nacht und Schlafenszeit wird, das
hat sie von den Hausdächern und Türmen vertrieben, wie
der Geruch die Käfers und Raupen und Buttervögels hier
aus dem Buschwerk und sonstiger unserer Kunstgärtnerei. Da
draußen jenseits der Vorstädte möchten sie sich
ja wohl noch halten; aber da kommen denn wieder die Fabriken mit
ihren Schornsteinen und Gequalme und verekeln ihnen ihre Daseinslust,
und es wird wohl auch nichts mehr für sie sein. Ich komme
wenig dort hinaus und kann's also nicht sagen.

Er hatte auf mancher Schulbank gesessen, bis er es zu seiner jetzigen
Stellung in seiner wissenschaftlichen Welt und zu seinem Titel
Geheimrat bracht hatte: selten war er so mit der Überzeugung,
daß der Professor auf dem Katheder recht habe, nach Hause
gegangen.

Er ging nach Hause, Professor Dr. med. Geheimrat Feyerabend, und
kam unterwegs in seinen Gedanken auf die der Merkwürdigkeit
wegen übriggelassenen fünfzig Stück Präriebüffel,
auf das neue afrikanische Kolonial-Jagdgesetz, betreffend Löwen-Schonzeit,
und auf das ihm gleichfalls als etwas Neues aus Afrika
bekanntgewordene Handbuch über rationelle Straußenzucht.
Damit zuletzt zu der Überzeugung, daß, wenn das so
weitergehe, der Mensch sich zu Ende des zwanzigsten Jahrhunderts
unzweifelhaft recht praktisch und verständig mit dem fünften
Schöpfungstage und unseres Herrgotts großem Tiergarten
auseinandergesetzt haben, aber eine Kinder-Naturgeschichte mit
den dazu gehörigen Abbildungen aus dem Anfang des neunzehnten
Säkulums ein bibliographischer Schatz sein werde.

Daß das biblische Wort:

Füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet
ü ber Fische im Meer und Vögel unter dem Himmel und über
alles Tier, das auf Erden kreucht -

ihm die Lust, das Spazierengehn wieder zu erlernen, merklich erhöht
habe, konnte er nicht sagen und seine Umgebung zu Hause auch nicht.

Im Gegenteil. Es kam ihm zu Hause vor, als ob die Erdoberfläche
von Uns, d.h. seinesgleichen, reichlich, überreichlich
gefüllt und es durchaus nicht notwendig sei, daß er
mit seiner Person, trotz aller vom Staat und von Privaten anerkannten
Verdienste, das Gedränge drauf noch länger vermehre.

Wilhelm Raabe: Altershausen / II

II.


Er wurde einige Tage durch sich unerträglich, und da auch
Regenwetter einfiel, gab er natürlich seiner Stimmung oder
Verstimmung anderen gegenüber Laut. Er bellte nicht, aber
er äußerte, wie seine alte Schwester sagte: gegen Gott
und die Welt undankbare Anschauungen und wurde freundlich, aber
bestimmt zurechtgewiesen. Karoline hieß sie, und es ist
ein Charakterzug, daß sie sich nie, von Kindesbeinen an,
auf so was wie Lina!, Line!, Linchen!
einließ und draufhin kam, wenn man ihr rief.

Geheimrat Feyerabend erfreute sich der Beaufsichtigung, Bevormundung,
Bemutterung durch sie in allen menschlichen und göttliche
Dingen in einer Art und Weise, die alle vom Menschen gegen sich
selber in Staat und Kirche aufgerichteten Schutzwehren für
ihn persönlich überflüssig machten. Zehn bis zwölf
Jahre war das Kind jünger als er; aber daß das je ihrer
Autorität Abbruch getan hätte, hatte er nie bemerkt
und seine dienende Hausgenossenschaft ebenfalls nicht. Sie hatten
alle noch immer ihrem bessern Verständnis sich fügen
oder, wie er sich ausdrückte: ihr klein beigeben müssen.
Klüger als sie war sie stets und nie zu ihrem, des Bruders
und des Hauses, Nachteil, wenn das häufig auch nur widerwillig
und mit Gemurr anerkannt wurde.-

Nach dem, was auch sie ihres Herrn Bruders großartigen
Ehrentag nannte, gefiel ihr der alte Junge bald
gar nicht recht mehr. Mit ihrem Fritz reichte sie auch noch in
die Zeit zurück, wo in den Schulanthologien der siebenzigste
Geburtstag vom braven J.H.Voß noch zu finden war als
ein Musterstück für die deutsche Jugend. Und da das
gute Mädchen alle seine Schulbücher in seinem Bücherschränkchen
aufbewahrte, so griff es selbstverständlich auch für
den vorliegenden Fall hinein und holte das Sachdienliche heraus.
Merkwürdigerweise aber benutzte Fräulein Karoline Feyerabend
die Idylle als ein warnendes Exemplum und den redlichen Tamm -
seit vierzig Jahren in Stolp, dem gesegneten Freidorf, Organist,
Schulmeister zugleich und ehrsamer Küster -, um ihrem
Bruder eine Rede zu halten, welche das liebe Mütterchen Tamm
sicherlich in nicht ungerechtfertigtes Erstaunen versetzt haben
würde.

Höre mal, ganz Geheimer (seit seiner demgemäßen
Betitelung gab auch sie ihm die Ehre davon), eines sage ich dir:
daß du mir jetzt nicht zu früh ein alter Mann wirst!
Klateriges, winseliges Hinhocken in Ehren und Würden, wenn
man den alten Kaiser, den alten Bismarck, den alten Roon und Moltke
an allen Wänden aufgehängt sieht, finde ich lächerlich,
und aufs Fliegenabwehren beim Nachmittagsschlaf lasse ich mich
fürs erste bei dir auch noch nicht ein. Kommt die Zeit und
hat der liebe Gott mir bis dahin das Leben geschenkt, so weißt
du, daß ich mich auch dazu mit meinem Strickzeuge zurechtsetzen
kann und es gern tun werde. Was sind denn siebenzig Jahre, wenn
man noch so gut zu Beinen ist wie du und, soweit ich es beurteilen
kann, auch an geistigen Fähigkeiten noch nicht merklich nachgelassen
hat? Das letzte Wort behältst du immer noch gern wie sonst;
daran merke ich auch noch keinen Unterschied gegen früher
und worüber nicht bloß deine gelehrte Zeitgenossenschaft,
sondern auch ich hier im Hause wohl ein Wort mitreden könnten.

Der Jubilar lächelte die wohlmeinende gute Seele freundlich
zur Tür hinaus: er hatte sich schon von selber besten Rat
gegeben:

Bleib in den Stiefeln, Mensch! So lange als möglich.
Zwackt dich das Podagra an dem einen Fuß, so umwickele die
dumme Pfote; aber den Stiefel zieh fernerhin über das gesund
gebliebene Glied und tritt fest auf. Es braucht kein Reiterstiefel
zu sein, wie der des greisen, gichtischen, rheumatischen und asthmatischen
Löwen auf seiner sorgenvollen Terrasse zu Ohnesorge. Man
muß immer ein Waffe behalten, um einem Eselstritt, solang
es noch angeht, zuvorkommen zu können. Grade nach den größesten
Siegesschlachten im Menschenleben ist das am nötigsten und
gilt nicht bloß für Potsdam, Sankt Helena und Friedrichsruhe. -

Größeste Siegesschlachten hatte Geheimrat Feyerabend
zwar nicht erfochten; aber eine Autorität in seinen Wissenschaften
war er gewesen und hatte auf seinen Berufsfeldern seine von den
Fachgenossen anerkannten Siege gewonnen: lassen wir uns herab
von der Terrasse zu Sanssouci auf seine arbeit-, erfolg-, sorgen-,
freuden- und verdrußbeladene Scholle im Dasein und - lassen
wir ihn ja in den Stiefeln bleiben! Das heißt: sehen wir
ihn auch in Schlafrock und Pantoffeln seines nächsten Weges
durch seine übrige Zeit weiterziehen und sich mit dem im
Seiger niederrieselnden Sande abfinden.

Er schnupfte nicht, aber er rauchte und - es kam ein sehr schöner
Herbst. Er sah von seinem Fenster aus durch das Gewölk seiner
Pfeife die Regenwolken sich verziehen und blies immer künstlerischere,
aber auch immer nachdenklichere Ringe dem wieder in Blau erscheinenden
Zeus zu. Dabei faßte er sich von Zeit zu Zeit an seinen
fachgelehrten Puls, nachgrübelnd, ob auch das, was ihn jetzt
ü berkam, schon mit in das trübe Lebenskapitel vom Kindischwerden
und auf die abschüssige Bahn zum Marasmus senilis gehöre,
dies

Heimweh nach der Jugend?

Wie kam dem ganz Geheimen von heute der Mühlanger von vor
sechzig Jahren, der Mühlanger, wenn die Schafe drüber
hingetrieben worden waren und man dalag, bald auf dem Rücken,
mit dem blauen Zeus, der einen gar nichts anging, über sich,
bald auf dem Bauche mit dem Riechorgan im Duft der kurz abgeweideten
Grasnarbe? Dort unten, zur Seite am Bach, lag der Stall, unter
dessen Tor dieser Wirkliche Geheimrat es zum erstenmal im Leben
erfuhr, wie es bekommt, wenn eine Schafherde über einen wegtrampelt.
Es war natürlich sein damaliger bester Freund, Ludchen Bock
aus dem Nachbarhause, gewesen, der ihm zu dieser Erfahrung verhalf.
Böse meinte der es nicht, der hatte nur seinen Spaß
daran. Daß er erzieherisch einwirken wollte, ist gänzlich
ausgeschlossen, aber Geheimrat Professor Dr. Feyerabend wußte
in der Tat durch ihn, seinen Freund Ludchen, zuerst, daß
man sich nie einer nach der Weide hindrängenden Herde, und
wenn es auch nur eine Schafherde wäre, in den Weg stellen
soll, wenn man nicht von den Füßen gehoben, in den
Dreck gelegt und bipedisch wie quadrupedisch übertrampelt
werden will. Als unbewußten Pädagogen hatte er ihm
ü berhaupt noch manches zu verdanken. Nicht nur die Häuser
und Gärten der Jungen grenzten nachbarlich aneinander, sondern
sie waren auch Nachbaren auf der Schulbank beim Rektor und Pastor
primarius Schuster.

Bei diesem hatte der Honoratiorensohn Fritze Feyerabend Privatstunden
und lernte Latein, was er damals sich, seinem Vater und dem Rektor
gern geschenkt hätte. Ludchen Bock lernte es nicht. Dessen
Vater war ein begüterter Steinbruchbesitzer und dazu ein
Ackermann, und beides sollte auch sein Nachfolger im Erbe werden,
und zu beidem brauchte man kein Latein.

Jedenfalls hatte er, Ludchen, als Erzieher einen Vorzug vor dem
Rektor: was er lehrte, das wußte er auch; aber ob der alte
gute Rektor Schuster wirklich Latein verstand, bezweifelte Fritze
Feyerabend zwar nicht, doch war es ihm nunmehr längst zur
Gewißheit geworden, daß dem nicht so war.

Jawohl, was Ludchen Bock lehrte, das wußte er. Wie manche
tiefgefühlte Lücke in seiner Bildung hatte er dem Schulbank-
und Lebensgenossen ausgefüllt, wenn auch nicht aus dem Schulsack.
Freilich, Fritzchens Eltern und vorzüglich seine Mutter durften
besser nicht von allem wissen, was Ludchen schon verstand und
gerne als Nachbar und Freund weitergab.

Wie kam der große Mann seiner Wissenschaft, die Leuchte
der Hörsäle rund um den Erdball, durch den Rauch seiner
Alterspfeife auf seine Kaninchenzucht mit Ludchen Bock?

Wie kam er überhaupt wieder auf seinen ersten und besten
Freund im Leben, auf seinen Freund Ludchen Bock? auf
Altershausen und Ludchen Bock? Wann tauchten das alte Nest
und der alte Junge nach ungezählten Jahren der Vergessenheit
zum erstenmal wieder in ganzer Frische in seiner Erinnerung auf?

Der neuliche Jubilar rieb sich erst lächelnd, nachher sogar
lachend die Stirn: bei seinem Ehrenfestmahl im Königshof
sah er Ludwig Bock so deutlich, wie im Königssaal zu Fores
Macbeth seinen Freund Banquo, wenn auch nicht mit dem knieschlotternden
Schauder des mörderischen Schottenkönigs. Gemordet hatte
Fritzchen sein Ludchen nicht, wenn auch oft genug Blut zwischen
ihnen geflossen war - glücklicherweise meistens nur aus
den Nasen. Wer obenauf gekommen war, hatte mit der einen Faust
im Haarbusch des Gegners die andere jedesmal zu grimmigster Hammerarbeit
auf Maul und Riecher des Gegners verwendet, und der nächste
Brunnen oder Bach hatte genügt, mit dem Blut die Wut, das
Gift, den Neid und - die Gewissensbisse wegzuspülen. An
der Festtafel im Königshof war der Freund dem Freunde nur
in der Jacke erschienen, die gewöhnlich die Spuren der letzten
Balgerei aufwies. Auf der Schulbank des Rektors Schuster war Ludchen
Bock neben Fritzchen Feyerabend nicht aus dem Boden aufgestiegen,
sondern er hatte sich aus dem Lichterglanz, dem festlichen Gedünst,
dem Stimmengewirr und Tafelmusiklärm entwickelt.

Folgendermaßen:

Selbstverständlich trug das siebenzigjährige Geburtstagskind
alle seine Orden. Auch der jüngste, letzte legte sich ihm
an einem feuerfarbenen Band um den Hals und leuchtete unter den
rundum flimmernden und blitzenden wie der Mond unter den niederen
Sternen oder gab doch jedenfalls keinem an Glanz was nach. Und
Exzellenz, der Kultusminister, hielten die Rede, die Tischrede
auf den berühmten Mitbürger und sein segenreiches Erdenwallen
und -wirken - so eine Rede, während welcher der Beredete
nicht weiß, ob er sich aus Schämigkeit und Bescheidenheit
unter der Tafeldecke verkriechen oder mit dem belorbeerten, mehr
oder weniger kahlen Schädel, seines Selbstbewußtseins
schon von selber voll genug, die Saaldecke durchstoßen muß.
Und während dieser Rede, in einer Kunstpause dieser Rede,
als aller Augen auf den Gefeierten gerichtet waren, als die Festmusik
oben im Jubelbratendunst jedwedes Blasinstrument zum Tusch schon
gegen den Mund hob und die Paukenschlegel zum letzten höchsten
Losdonnern fester in die Fäuste faßte, ist es gewesen,
daß Ludchen Bock plötzlich wieder neben Fritz Feyerabend
auf der Schulbank vorm alten Rektor saß, heimtückisch
grinsend und zähnefletschend an seiner Schulter schnüffelte
und, als ob er dem Rektor zeigen wolle, daß er aus seiner
Jacke herausgewachsen und der Ärmel, vom letzten Kampf her,
dazu ein Loch am Ellbogen habe, den Zeigefinger petzend
zum Lehrstuhl aufreckte:

Herr Rektor, Feyerabend ist unrein!

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Diese Punkte bedeuten das Erschrecken und Erstarren, das Zusammen-,
Auf- und Auseinanderfahren im Festsaal, wenn Exzellenz, auf den
Brustkasten des gefeierten Greises deutend, statt: Auch
durch dieses hohe Zeichen Höchstihrer Gnade haben Majestät
unserm hochverehrten usw., gesagt haben würde: Meine
Herrschaften, mein lieber alter Freund und Whistgenosse Feyerabend
hat eine Laus!

Solches nämlich bedeutete vor dem Katheder des Pastor primarius
Rektor Schuster zu Altershausen bei erhobenen, wenn nicht Schwur-,
so doch Zeigefinger vor sechzig Jahren der Ruf: Herr Rektor,
Müller - Schulze - Meier - Schmidt - Karl - Willi -
Fritze, oder wie deutsches Volk sonst benamset wird, ist
unrein! Und die von der höchsten Aristokratie der Planetenstelle
bestens erzogenen und reinlichst gehaltenen Honoratiorensöhne
und -töchter konnten dergleichen Ruf und Anklage über
sich ergehen lassen müssen und aus dem Umgang mit ihren Zeit-
und Altersgenossen eine Insektensammlung nach Hause bringen, nach
der sie wahrlich nicht so lange vergeblich in den Büschen
um sich her zu suchen hatten, wie neulich der alte Doktor
Feyerabend im Buschwerk seiner Spazierwege nach den Kerbtieren
seiner Jugendzeit.

Zu Hause gab es denn selbstverständlich bei den Müttern
viel Ekel und ein großes Geschrei, während die Väter
unbegreiflicherweise nur lachten und nicht mit dem Rektor über
die Schande reden wollten.-

Durch die Sonntagmorgenstille an seinem offenen Fenster, einigen
neuen Ringen seines Tabakdampfes nachschauend, vernahm Wirklicher
Geheimer Obermedizinalrat Professor Dr. Feyerabend eine Stimme,
die man sich nur in Verbindung mit dem heftigsten Händeringen
vorstellen konnte:

Der Umgang mit diesem Jungen, diesem Schmutzfinken, diesem
Ludchen Bock hört aber von heute an auf! Hörst du, Fritz?
und das ist mein letztes Wort - man sollte sich ja des Nachts
bis in seinen Traum hinein schämen!
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Na, na! erklang ein behaglich begütigendes Gemurr,
und: Ich hatte sie ja gar nicht von ihm! winselte
- an seinem Fenster der wirklich ganz Geheime aus seinem Alterstraume
heraus. Seine Mutter kämmt ihn grade so gut als du
mich, Mama, und er hat es auch bloß aus Rache angezeigt!

Nun höre nur dieses wieder, Mann!

Na, na, na! --------------

Auch der nachforschungseifrigste Cid Hamed ben Engeli würde
es unaufgeklärt haben lassen müssen, von wem Fritzchen
Feyerabend sie hatte; aber wissen konnte er, daß sie die
Wirkung der Dankrede des wirklich Geheimen Medizinalrats Professor
Dr. Feyerabend beinahe zwei Menschenalter später, an dem
größesten, dem schönsten, dem erhebendsten Tage
seines Lebens, beinah völlig gestört hatte. War es denn
unbedingt notwendig gewesen, daß Freund Ludchen Bock mit
seiner Laus grade dazu aus der Nacht der Zeiten aufstieg und ihm
in diesem erhobenen, erhabenen und erhebenden Moment damit kam?

Es soll nachher in den höchsten Zirkeln der Gesellschaft
von dieser Rede mehrfach die Rede gewesen sein. Hier mit einigem
Kopfschütteln; dagegen in unbefangeneren, harmloseren Sphären,
als da sind Klubs, Spiel- und Stammtische, wissenschaftliche Vereinigungen
und dergleichen andere Gelegenheiten zu Zusammenkünften denkender
und mitempfindender Menschen, mehr mit einem heiteren Achselzucken:
so was bei solcher Gelegenheit sei freilich noch nicht dagewesen!

Großer wissenschaftlicher Ruhm ist viel wert, aber angenehm
ist's für den Inhaber, wenn er dabei in dem Rufe steht, daß
er auch in der Narrenteidung das Seinige leisten könne und
nicht immer ernst genommen zu werden brauche.


 

 

 

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