Ferdinand von Saar - Der Brauer von Habrovan

(1901)

1

Die Bevölkerung der Ortschaft, woselbst ich so manchen Sommer und Winter
zugebracht, wurde eines Tages durch ein außerordentliches Ereignis in die
größte Aufregung versetzt. Ein dort ansässiger Schuhmacher hatte sein
junges Weib aus - wie es hieß - grundloser Eifersucht ermordet und sich
dann, nachdem er eine Zeitlang in den nahen Wäldern umhergeirrt, dem
Gerichte gestellt. Wie begreiflich, wurde für das entseelte Opfer allgemein
Partei ergriffen. Namentlich die Frauen konnten kein Ende finden, den
entmenschten Wüterich zu verdammen, den sie schon jetzt am Galgen baumeln
sahen. Sie priesen laut die häuslichen Tugenden, durch die sich die Tote im
Leben ausgezeichnet, und schwuren hoch und teuer, daß sie, wenn auch ein
wenig gefallsüchtig, doch das treueste Weib gewesen, das jemals auf Erden
gewandelt. Aber auch die Männer, die in dieser Hinsicht nur wenig
Korpsgeist besitzen, zogen über den Übeltäter los. Sie nannten ihn einen
elenden Säufer und hirnverbrannten Narren, seit jeher unwert des schönen
Weibes, das er, der ruppige, pechgeschwärzte Kerl, besessen. Und schön war
sie, die Schustersfrau, das konnte ich selbst bezeugen. Zwar ihr Gesicht
verdiente diese Bezeichnung nicht eigentlich. Denn es war breit,
stumpfnasig und überdies stark mit Sommersprossen behaftet. Aber lebhafte
schwarze Augen, leicht gekraustes rotbraunes Haar und ein eigentümlich
lachender Zug um den frischen Mund verliehen diesem Gesicht um so mehr
Reiz, als auch die ganze Gestalt in ihrer biegsamen Schlankheit höchst
anziehend war. Zumal in der heißen Jahreszeit, wo sie sich immer möglichst
leicht bekleidet sehen ließ. Wenn sie so, außerdem noch hochgeschürzt,
blink und blank bis über die Knöchel in dem seichten Wasser des an ihrem
Hause vorüberfließenden Baches stand, Geschirr oder Wäsche reinigend, da
konnte man nicht umhin, sie wohlgefällig zu betrachten. Sie wußte das auch
und vollführte dann, durchaus nicht ohne Absicht, die anmutigsten
Bewegungen, so daß mir jetzt die Eifersucht ihres Mannes keineswegs
unbegreiflich erschien.

Mein nachbarlicher Freund, Doktor Hulesch, hatte die gerichtliche Obduktion
vorzunehmen. Als ich mit ihm später darüber sprach, hob er die ganz
besondere Grausamkeit hervor, mit der der Schuster den Mord vollbracht.
Denn nach den ersten tödlichen Stößen, die er mit einer Ahle nach dem
Herzen seines Weibes geführt, hatte er in unstillbarer Mordgier ringsumher
weiter gestochen, und so habe sich fast die ganze Vorderseite der Leiche
wie tätowiert ausgenommen.

Ich fragte den Doktor, wie er eigentlich über die Sache denke.

Sein volles, kräftig gerötetes Gesicht nahm einen verschmitzten Ausdruck
an. »Wenn Sie mich aufs Gewissen fragen«, antwortete er, »so will ich
bekennen, daß ich in solchen Fällen immer auf der Seite des Mannes bin,
wenn ich ihm auch selbstverständlich nicht das Recht einräume, ein
Verbrechen zu begehen.«

»Sie glauben also, daß die Frau des Schusters - ?«

»Ich glaube nichts. Noch weniger behaupte ich etwas. Ich möchte nur den
Satz aufstellen: jeder, der eifersüchtig ist, hat auch Grund, es zu sein.«

»Das ist eigentlich auch meine Meinung«, erwiderte ich.

»Die nur von wenigen geteilt wird. Man fordert in der Regel Beweise und
erkennt nicht, daß die Eifersucht an sich schon der triftigste Beweis ist.
Sie entspringt einem Mangel an Selbstgefühl, herbeigeführt durch das mehr
oder minder deutliche Bewußtsein der eigenen Unzulänglichkeit einer
geliebten Person gegenüber. Daher das beständige Mißtrauen, der stets
lauernde Verdacht - ein höchst qualvoller Zustand, der bei Individuen von
schwächerer Gehirntextur schließlich zur Raserei führen kann. Daß sich die
Eifersüchtigen meistens auf falscher Fährte befinden, ist wohl wahr, aber
der Hauptsache nach behalten sie immer recht. Das hat mir ein ganz
merkwürdiger Fall bewiesen, den ich vor Jahren gewissermaßen miterlebte.«

Da es mich begreiflicherweise interessierte, Näheres zu vernehmen, so ließ
sich Hulesch auch gern zur Erzählung herbei.

II

»Es war zu Anfang meiner zivilärztlichen Praxis. Ich hatte mich in einem
kleinen, aber nicht ganz unansehnlichen Städtchen niedergelassen, das
außerdem nicht allzuweit von meiner Vaterstadt Olmütz entfernt lag. Dort
lebte ein Mädchen, das ich zu ehelichen gedachte; deshalb hatte ich mich
auch vom Militärdienst, zu dem ich als Zögling des ehemaligen Josephinums
verpflichtet gewesen, nach dem letzten Kriege loszumachen gewußt. Die Sache
zog sich jedoch anderer Umstände halber in die Länge und fand durch den
unvermuteten frühen Tod meiner Verlobten ein trauriges Ende. Damals aber
lebte ich noch in schönen Hoffnungen, nebenher die Leiden und Freuden eines
Landarztes kennenlernend.

Eigentümlich war es mir stets erschienen, daß der Sonntag auch für den Arzt
zu einer Art von Ruhetag wird. Es ist, als wollten selbst die Krankheiten
feiern, denn ich habe gefunden, daß die wenigsten gerade an einem Sonntag
ausbrechen oder tödlichen Ausgang nehmen. Aber ich lasse das dahingestellt
sein und sage nur, daß ich an Sonntagen nur selten neue Patienten bekam.
Das war mir natürlich sehr angenehm. Nicht bloß der nötigen Erholung wegen,
sondern vielmehr deshalb, weil mir diese Pausen wissenschaftliche Lektüre
ermöglichten, zu der ich sonst, oft weit in der Umgegend hin und her
fahrend, kaum gelangen konnte. Ich verbrachte also meine Sonntagnachmittage
immer zu Hause; des Sommers in meinem kleinen schattigen Garten, des
Winters in der traulichen, wohlgeheizten Stube.

So erfreute ich mich auch einmal - es war im Dezember, und der Schnee fiel
draußen in dichten Flocken - der lieben Ruhe. Ich hatte mir einen guten
Jausenkaffee bereiten lassen, die lange Pfeife angebrannt und mich in den
Lichtkreis der frühen Lampe gesetzt. Mir war sehr behaglich zumut, und mit
wahrer Wonne vertiefte ich mich in eine erst vor kurzem erschienene neue
Monographie Hyrtls, die aufgeschlagen vor mir auf dem Tische lag. Die
Stunden vergingen, und die Zeit des Abendessens, das ich in einem nahen
Gasthause einzunehmen pflegte, rückte heran. Plötzlich vernahm ich, wie ein
schwerfälliger Schlitten - ich erkannte das an dem Geläut' - in die
Seitengasse einbog, in der ich wohnte. Sollte das mir gelten? dachte ich
unwillkürlich. Richtig: der Schlitten hielt unter meinen Fenstern. Und
schon kam auch die Frau, die für meine Bedienung sorgte, die Treppe hinan
und in das Zimmer geeilt. >Machen Sie sich nur gleich fertig, Herr Doktor!
Sie müssen nach Habrovan fahren.<

>Nach Habrovan? Zu wem denn?<

>Zum Brauer. Das Kind ist schwer krank.<

>Gibt's denn dort eines?<

>Na freilich. Im August hat's die Frau geboren.<

>Davon wußt' ich gar nichts.<

>Wie hätten Sie's auch wissen sollen? Sie waren ja damals noch nicht bei
uns. Übrigens hat man auch bloß die Hebamme geholt. Zum Glück ist alles gut
gegangen. Denn der Brauer ließe seine Frau lieber sterben, als daß er sie
so von einem Arzt - <

Das stimmte nun freilich zu dem, was ich über den Mann schon gehört. Er
stand in dem Ruf eines Sonderlings, der sein schönes Weib gleich einer
Gefangenen halte. Früher in einer ansehnlichen Brünner Brauerei bedienstet,
hatte er vor zwei oder drei Jahren das kleine zum Teil schon verfallene
Habrovaner Bräuhaus samt einigen Grundstücken von der Gutsverwaltung
gepachtet. Das Geschäft betrieb er, so hieß es, nur lässig, und zwar mit
Hilfe eines bejahrten Küfers und eines verheirateten Knechtes, die er beide
mit dem fundus instructus übernommen. Im übrigen behalf er sich mit
Tagelöhnern, die er jeweilig dingte.

Ich hatte mich schon darangemacht, meine Handapotheke instand zu setzen.
Nun zog ich Schneestiefel an und warf den Fahrpelz um die Schultern; den
Fußsack ließ ich mir von der Frau nachtragen. So ausgerüstet, bestieg ich
das höchst primitive Gefährt, dessen Kutscher, die Kapuze seiner
schadhaften Halina über den Kopf gezogen, den vorgespannten Gaul antrieb,
indem er ihm mit dem Leitseil auf den Rücken schlug. Die Fahrt durch das
weitläufige Städtchen ging ziemlich glatt. Als wir aber ins freie Feld
gelangt waren, wo uns ein scharfer Nordwest anfiel, befürchtete ich
Schlimmes. Denn die Gegend ist dort flach und nach allen Seiten hin offen,
daher auch die Landstraße starken Verwehungen ausgesetzt. Wirklich gab es
bald genug Schwierigkeiten; das bereits von der Herfahrt ermüdete Pferd
hatte an mancher Straßeneinsenkung alle Mühe, den wuchtigen und nicht
einmal beschlagenen Schlitten durch die angehäuften Schneemassen zu
bringen.

Endlich ging es nicht mehr vorwärts. Wir mußten an einer besonders
getieften Stelle abspringen und nachschieben. Als sich das, nicht allzuweit
mehr vom Ziele, wiederholen wollte, verlor ich die Geduld. Ich ließ den
Pelz im Schlitten zurück und machte mich auf die Stiefel. Bei jedem Schritt
fast bis an die Knie einsinkend, erreichte ich schließlich, trotz der
Bärenkälte in Schweiß gebadet, den bereits nachtschlafenden Ort und schlug
den Weg nach dem Brauhause ein, das sich, ganz einsam gelegen,
dunkelschwarz von der weißen Fläche abhob. Kein Licht war zu erblicken; nur
ein Teil des Daches zeigte sich vorn Hof aus, wo ein etwas höheres Wohnhaus
aufragte, leicht beschimmert. Ich pochte an das verschlossene Tor. Ein
wütendes Hundegebell erhob sich, aber es kam niemand. Endlich nahten
schlurfende Tritte, der Schlüssel wurde gedreht, und eine dünne, meckernde
Stimme fragte durch die Torspalte, wer draußen sei. Ich hatte Mühe, mich in
meiner Eigenschaft erkennbar zu machen. Dann wurde ich eingelassen und
befand mich einem hageren, greisenhaften Menschen gegenüber, der, soviel
ich bei zweifelhaftem Licht wahrnehmen konnte, in einer schmutzigen
Flanelljacke steckte und den Kopf mit einer Pudelmütze verwahrt hatte. Er
führte mich durch den Hof, wo allerlei Braugerät wüst durcheinanderlag,
nach dem Wohnhause. Eine kurze Treppe hinan - und ich stand in der
Schlafstube des Brauers. Als mir dieser, den ich niemals vor Augen gehabt,
jetzt entgegentrat, blickte ich ihn erstaunt an. Eine Kolossalgestalt, die
fast bis zur Decke reichte. Der Bauch weit vorspringend, der feiste Rücken
gewölbt. Einen so dicht an den Rumpf gewachsenen Kopf hatte ich noch nicht
gesehen; dem Manne schien der Hals vollständig zu fehlen. Dazu eine
niedere, unter wirrem Kraushaar nahezu verschwindende Stirn, eine
unförmliche Nase, wulstige Lippen - und doch war dieses Gesicht nicht
eigentlich häßlich oder brutal zu nennen. Es lag vielmehr ein Zug von
Weichheit und Seelengüte darin. Auch klang die Stimme des Brauers, der
jetzt einige begrüßende Worte sprach, um so sanfter, als ich eigentlich das
Gebrüll eines Stieres zu vernehmen erwartet hatte. Erst nachdem er beiseite
getreten war, konnte ich den Stubenraum überblicken. Und da gewahrte ich
bei den ehelichen Betten die Wiege mit dem Kind; davor, in ein Knie
gesunken, die Mutter. Ich will sie Ihnen nicht beschreiben und sage bloß:
ein wahres Madonnengesicht, das, von einem Kopftuch umrahmt, mit großen
Augen angstvoll nach mir hinsah. Ich trat rasch heran und warf einen
forschenden Blick auf das kleine Geschöpf, das mit geschlossenen Lidern und
zyanotisch gefärbt in den Wiegekissen lag. >Mein Gott!< rief ich
erschrocken aus, >das Kind muß ja schon längere Zeit krank sein!<

Die Frau schwieg. Der Mann aber zuckte trotz sichtlicher Verstörtheit die
Achseln und sagte: >Nun ja, es hat ein paar Tage gehustet.<

Ich hatte mich schon an die nähere Untersuchung gemacht und erkannte eine
hochgradige Bronchitis.

>Gewiß hat es gehustet<, sagte ich. >jetzt aber hustet es nicht mehr - und
schwebt zwischen Leben und Tod!<

Die Frau schluchzte auf. Er aber erwiderte, meinem vorwurfsvollen Blick
ausweichend: >Das haben wir nicht vorausgesehen, sonst hätten wir ja schon
früher - <

>Das hätten Sie unter allen Umständen müssen!< fiel ich ein und war im
Begriff, eine heftige Standrede zu halten. Aber ich verschluckte meinen
Unwillen; ich wußte ja aus Erfahrung, daß man sich auf dem Lande meistens
erst in zwölfter Stunde entschließt, nach dem Arzt zu schicken. Auch galt
es vor allem, Hilfe zu leisten, denn die Atmung war schon aufs äußerste
gehemmt, der Puls kaum mehr zu fühlen. Ich entnahm also meiner Handapotheke
etwas Belebendes, das auch Wirkung tat. Das Kind schlug die Augen auf und
begann leise zu wimmern. Hierauf flößte ich mit Hilfe der Mutter das
kräftigste Expektorans ein, das ich in diesem Falle zu reichen vermochte.

>So<, sagte ich. >Das muß in einer halben Stunde wiederholt werden. Die
Wirkung der ersten Dosis will ich hier noch abwarten.< Dabei sah ich mich
unwillkürlich nach einem Sitz um, denn ich fühlte mich nach der zwar nicht
langen, aber höchst anstrengenden Fußwanderung ganz erschöpft.

Der Brauer bemerkte es. >Möchten Sie sich's nicht im andern Zimmer bequem
machen, Herr Doktor?< fragte er. >Und wenn Ihnen vielleicht ein Nachtessen
gefällig wäre - <

>Nun, das verschmäh' ich nicht. Ich bin in der Tat hungrig - und auch
durstig. Aber keine Umstände, wenn ich bitten darf. Ein Trunk Bier, ein
Stück Brot mit Butter oder Käse genügen mir vollständig.<

>Ach, es ist ja Selchfleisch im Hause<, nahm jetzt die Frau das Wort. >Auch
Eier können Sie haben - <

>Geht hinunter, Okac<, wandte sich der Brauer an den Alten, der mir das Tor
geöffnet hatte und, wie ich erst jetzt bemerkte, mit abgelegter Pudelmütze
in einer Ecke des Zimmers stand. >Franzka soll hergeben, was da ist. Und
holt einen Krug Bier aus dem Keller - vom guten Lager. Ich will den Herrn
Doktor einstweilen hinüberführen.<

>Wo ist denn das Zimmer?< fragte ich, da ich keine Seitentür bemerkte.

>Gleich da drüben - keine zwei Schritte weit. Sie können jeden Augenblick
wieder hier sein.<

Ich beugte mich noch einmal über das Kind, das eine bessere Färbung zu
zeigen schien; auch hatte sich der Puls ein wenig gehoben. >Nun also<,
sagte ich zur Frau, >verzweifeln Sie nicht. Ich werde bald wieder
nachsehen. Sollten Sie sich inzwischen ängstigen, so rufen Sie mich.<
Hierauf folgte ich ihrem Manne über das schmale Vorhaus in ein geräumiges
Gemach, das durch eine Hängelampe erhellt war. >Dort können Sie Platz
nehmen<, sagte der Brauer, auf einen mit Leder bezogenen Diwan weisend.
> Mein Küfer wird gleich alles heraufbringen. Und später werde ich mir
erlauben, Ihnen Gesellschaft zu leisten.< Damit ging er und ließ mich
allein.

Ich blickte umher. Es war offenbar die Prunkstube, in der ich mich befand.
Wohl auch das Arbeitszimmer des Brauers. Denn in der Nähe des Fensters
stand ein Pult mit Regal, auf dem Rechnungsbücher lagen. An den Wänden
hingen einige Ölfarbendrucke in dürftigen Goldrahmen. Auch ein verblaßtes
Daguerreotyp, den Brauer und seine Frau als Brautpaar vorstellend, war zu
erblicken. Dem Diwan gegenüber gleißte ein Glasschrank mit allerlei
Schaugeschirr und buntem Krimskrams, wie man ihn bei festlichen Anlässen
geschenkt erhält. In einem großen Kachelofen glosteten noch Überreste der
letzten Feuerung.

Ich hatte mich noch nicht lange gesetzt, als auch schon der Küfer auf
Filzsohlen hereinschlurfte und den Tisch zu decken begann. Erst jetzt
konnte ich ihn näher betrachten. Ein widerlicher alter Gesell mit einem
Bocksgesicht, das durch einen ergrauten Spitzbart noch mehr in die Länge
gezogen ward und ganz zu der meckernden Stimme paßte, die ich am Tor
vernommen. Nachdem er Speise und Trank vor mich hingestellt, fragte er,
ohne mich anzusehen: >Soll ich Holz nachlegen?<

>Nun, wenn Sie wollen. Es ist nicht gerade übermäßig warm.<

Er näherte sich dem Ofen und schob einige von den bereitliegenden trockenen
Scheiten hinein, die alsbald laut aufprasselten. Dann blieb er noch eine
Weile stehen und rieb die Handflächen lauernd aneinander. >Und wie ist's
mit dem Kinde, Herr Doktor<, fragte er plötzlich. >Wird es aufkommen?<

>Ich hoffe<, antwortete ich kurz.

Seine Stirnhaut schnellte empor, so daß ein Büschel weißgesprenkelter
Haare, das darüber stand, in Bewegung geriet. Und mit einem sonderbaren
Aufhüpfen verschwand er aus dem Zimmer.

Ich nahm mir nicht Zeit, über den Kerl nachzudenken; das Rauchfleisch, das
er gebracht, duftete gar zu einladend. Es mundete auch vortrefflich, weit
besser als der dünne Gerstensaft, von dem ich, um meinen brennenden Durst
zu löschen, fürs erste ein Glas hinuntergestürzt.

Ich war eben daran, mein rasches Mahl zu beenden, als der Brauer eintrat.
> Wohl bekomm's, Herr Doktor! Lassen Sie sich nicht stören.<

>Ich bin fertig<, entgegnete ich, den Teller von mir schiebend.

>Dann ist Ihnen wohl eine Zigarre gefällig. Ich selbst bin zwar kein
Raucher, aber da ist ein kleiner Vorrat - <

>Ich danke<, sagte ich und nahm einen von den trockenen Glimmstengeln.
> Aber ich will doch noch früher drüben nachsehen - <

>Wie Sie wollen. Notwendig, glaub' ich, ist es nicht. Die Frau hat ihm
grade die Medizin gegeben. Sie können schon noch eine Weile mit mir sitzen
bleiben. Und ich bitte Sie darum, denn ich möchte Ihnen ein Bekenntnis
ablegen.<

>Ein Bekenntnis?<

>Ja, eine Beichte.<

>Was werde ich da vernehmen?< fragte ich, befremdet durch den ernsten,
zitternden Ton seiner Stimme.

>Nichts Gutes. Vor allem sollen Sie wissen, daß meine Frau schon vor zwei
Tagen nach Ihnen schicken wollte. Aber ich hab' es verhindert.<

Ich legte die Zigarre, die ich mir eben anzünden wollte, beiseite. >Und
warum haben Sie das getan?<

>Weil ich wollte, daß das Kind stirbt.<

Ich fuhr mit halbem Leibe empor.

>Bleiben Sie ruhig, Herr Doktor. Ich habe gesagt, daß ich eine Beichte
ablegen will. Sie brauchen mich ja nicht zu absolvieren. Sie können die
Anzeige machen. Dann soll mit mir geschehen, was da will. So kann ich
ohnehin nicht mehr leben.<

Er saß jetzt wie gebrochen mir gegenüber; sein groteskes Gesicht hatte
einen unsagbar schmerzlichen Ausdruck angenommen. Ich wurde unwillkürlich
ergriffen.

>Und warum wollten Sie, daß das Kind stirbt?< fragte ich nach einer Pause.

>Weil ich glaube, daß es nicht meines ist.<

>Haben Sie Grund zu dieser Annahme?<

>Wir sind nun an die acht Jahre verheiratet - und meine Frau hatte früher
nie - <

>Das beweist gar nichts. Der Kindersegen kann sich auch spät einstellen.
Ich kenne ein Ehepaar, das sich sehr jung vermählt hatte - und erst nach
achtzehn Jahren - - <

>Das ist wohl möglich. Aber das Kind konnte doch von einem andern Vater - -
<

>Allerdings. Schon dem alten Spruche nach, daß der Vater immer ungewiß ist.
Zum Glück ist nicht jeder Ehemann so mißtrauisch wie Sie. Aber trotzdem!
Auf das allein hin können Sie einen so schwerwiegenden Zweifel nicht hegen.
Sie müssen doch noch andere Anhaltspunkte - - <

>Die hab' ich auch. Im vorigen Spätherbst hatte ich wieder einmal gebraut.
Und da trafen wie gewöhnlich zwei Aufseher von der Finanzwache hier ein.
Bisher waren es immer ältere, gesetzte Männer gewesen; diesmal war ein
junger dabei, der es offenbar auf meine Frau abgesehen hatte.<

>Hat er näher mit ihr verkehrt?<

>Das konnte er nicht. Die Leute waren in der Brauerei untergebracht. Das
Essen ließ ich ihnen im Wirtshaus reichen. Und meine Frau hab' ich nicht
aus den Augen gelassen.<

>Und dennoch glauben Sie -?<

>Aber ich mußte mich in einer wichtigen Angelegenheit von hier wegbegeben.
Ich konnte es nicht gut aufschieben, denn es handelte sich um eine
gerichtliche Vorladung. Zudem sollten die Aufseher, da der Sud vollbracht
war, schon am nächsten Morgen von hier abgehen. So entschloß ich mich dazu,
wenn auch mit schwerem Herzen.<

>Wie lange waren Sie fort?<

>Kaum vierundzwanzig Stunden. Und dem Küfer hatte ich den Auftrag gegeben,
meine Frau zu überwachen.<

>Dem Küfer? Diesem Alten da?<

>Er ist ein verläßlicher Mann und mir sehr ergeben.<

>Und trotzdem!? Aber wie konnten Sie nur Ihrer Frau zutrauen, daß sie
während Ihrer kurzen Abwesenheit - -? Hatte sie Ihnen denn schon Anlaß
gegeben zu einer so schmählichen Voraussetzung?<

>Nein - eigentlichen Anlaß nicht<, erwiderte er tonlos.

>Also bloße Vermutungen? Fühlen Sie denn nicht, wie sehr Sie dadurch Ihre
Frau - und sich selbst entwürdigen?<

Er blickte vor sich hin. >Ja, das sag' ich mir oft selbst und mache mir
schwere Vorwürfe. Doch es ist stärker als ich. Ich kann den Gedanken nicht
losbringen - <

>Das grenzt an Wahnsinn.<

>Mag sein. Aber ich habe seit jeher die Empfindung gehabt, daß, wenn es auf
sie ankäme - -. Oh, Sie wissen nicht, was ich gelitten. Deshalb konnt' ich
auch in Brünn nicht länger bleiben, wo es so viele Leute gibt -
Fabrikanten, Offiziere, Beamte, die schönen Weibern nachstellen. Ich hätte
dort noch einen Mord begangen!< Er ballte die Fäuste, die Adern an seinen
Schläfen schwollen an; er keuchte.

Ich betrachtete ihn schweigend. >Sie sind eben von krankhafter Eifersucht
besessen<, sagte ich endlich.

>Das waren auch immer ihre Worte, wenn ich ihr vorwarf, daß sie nach diesem
oder jenem hingeblickt. Und sie hatte nichts dagegen, als ich den Entschluß
faßte, aufs Land zu ziehen. Ich würde dort weniger Anlaß finden, sie zu
quälen, meinte sie. Und so war es auch. In der Abgeschiedenheit begann ich
aufzuatmen. Ich wurde ruhiger und bat ihr oft auf den Knien ab, was ich ihr
früher in meiner beständigen Aufregung angetan. Auch sie schien sehr
zufrieden zu sein. Der Obst- und Gemüsegarten, die Wiesen und Felder
beschäftigten sie und machten ihr Freude. Ich fühlte mich schon so
glücklich! Da kam das Kind.<

>Nun wieder das Kind! Dieser fixen Idee müssen Sie um jeden Preis Herr
werden. Denn nach allem, was ich da vernommen, sage ich Ihnen: Sie tun
Ihrer Frau schweres Unrecht. Das Kind ist das Ihre.<

Der Ton innerster Überzeugung, mit dem ich das gesprochen, schien ihn
mächtig ergriffen, schien den qualvollen Verdacht in seiner Seele
ü berwältigt zu haben. Sein Antlitz hellte sich auf, seine Brust dehnte sich
wie befreit. Doch das dauerte nur einen Augenblick. Gleich darauf fiel er
wieder in sich selbst zurück. >Aber es hat keinen Zug von mir!< rief er
aus.

>Das ist wahr. Es sieht jetzt seiner Mutter ähnlich. Aber das verschlägt
nichts. Die körperlichen Entwicklungsstadien eines Kindes sind immer mit
Veränderungen verbunden. Die Kleine kann noch ganz nach Ihnen geraten.
jedenfalls aber dürften im Laufe der Zeit ganz untrügliche Wahrzeichen
zutage treten, die Ihnen dann jeden Zweifel benehmen werden.<

>Und wie lange kann das dauern?< fragte er angstvoll.

>Je nach Umständen. Es kann sehr bald geschehen - in Wochen, in Monaten,
allerdings auch erst in einigen Jahren.<

>In einigen Jahren!< rief er verzweifelt. >So lange soll ich die
Ungewißheit ertragen? Das ist mir nicht möglich!<

>Aber was wollen Sie denn tun?<

Er ließ das Haupt sinken. >Das weiß ich nicht<, versetzte er dumpf.

In diesem Augenblick steckte der Küfer den Kopf zur Tür herein, um mich zu
rufen. Das Kind habe einen plötzlichen Hustenanfall bekommen. Ich eilte,
von dem Brauer gefolgt, hinüber.

Der Anfall war ein konvulsivisch heftiger, aber er zeigte sich auch von der
erhofften Wirkung des Medikaments begleitet; es erfolgte eine Lösung, die
reichlich vor sich ging.

Ich konnte daher die Hauptgefahr als gehoben betrachten und an den Heimweg
denken; denn es war schon spät, und am Morgen harrten meiner die Kranken im
Städtchen. Ich fragte nach dem Schlitten. Der sei vor einer Stunde
heimgekehrt, hieß es. Der Brauer befahl, ein frisches Pferd vorzuspannen.
Bis dies geschehen war, beschäftigte ich mich noch mit dem Kinde. Beim
Fortgehen sagte ich zur Mutter: >Haben Sie keine Sorge mehr, es wird gesund
werden. Von der Medizin geben Sie ihm jetzt jede Stunde einen kleinen
Löffel voll. Morgen vormittag komme ich mit eigener Gelegenheit wieder, um
nachzusehen. Auch bei Ihnen<, wandte ich mich an den Brauer, >denn Sie
brauchen gleichfalls einen Arzt.< Ich betonte die letzten Worte sehr
nachdrücklich, der Frau wegen, die als schweigende Dulderin, die sie zu
sein schien, mein Mitleid erregte.

Der Schlitten war bereit, und der Brauer begleitete mich vors Tor. >Also
auf morgen! Da sprechen wir weiter<, sagte ich bedeutungsvoll.

Er erwiderte nichts und grüßte nur mit dankender Gebärde zum Abschied.

Zu schneien hatte es aufgehört. Der Mond war aus den Wolken getreten und
warf blendenden Schimmer auf die weiße Fläche. Das Pferd zog kräftig an,
und so ging die Rückfahrt besser vonstatten. Gleichwohl schlug die Turmuhr
des Städtchens bei meiner Ankunft die zweite Stunde nach Mitternacht.

Als ich am nächsten Vormittag in Habrovan erschien, fand ich das Kind in
entsprechend besserem Zustande, den Brauer aber als Leiche. Er hatte sich
im Gebälk des Malzbodens erhängt.«

III

»Die Geschichte ist nicht zu Ende«, sagte ich, da der Doktor eine Pause
eintreten ließ.

»Gewiß nicht; es würde ja sonst die Pointe fehlen. Also hören Sie nur
weiter.

Ich gestehe, daß mich der Selbstmord des Brauers zwar überrascht, aber
nicht besonders befremdet oder erschüttert hatte. Der Mann war jedenfalls
psychopathisch veranlagt, wie sich denn bei der Sektion die Gehirnhäute
ungemein verdickt und stellenweise mit der Schädeldecke verwachsen zeigten.
Welche Martern wären ihm, welche Martern der Frau und nun gar dem Kinde
noch bevorgestanden, wenn dieses nicht bald genug deutliche Merkmale seiner
rechtmäßigen Abstammung würde zur Schau getragen haben. Ich hielt also das
Ereignis weit eher für einen Glücks- als für einen Trauerfall und
verwunderte mich gar nicht, daß die Witwe keinen sonderlichen Schmerz an
den Tag legte, sondern sich mehr mit der Sorge zu beschäftigen schien, wie
sich nunmehr die Verhältnisse für sie gestalten würden. Es zeigte sich, daß
der Brauer einiges Vermögen hinterlassen hatte, das natürlich dem Kinde und
somit auch fürs erste ihr zufiel. Da sie nun vollständige Freiheit der
Bewegung besaß, kündigte sie den Pachtvertrag und siedelte nach Wischau
ü ber. Dort lebten nähere Anverwandte von ihr, die sie jedoch niemals hatte
besuchen dürfen, wie auch ihr selbst jeder Empfang verwehrt gewesen. Nach
beendetem Trauerjahr verheiratete sie sich mit einem dortigen Gastwirt. Von
ihren späteren Schicksalen aber hatte ich um so weniger etwas erfahren, als
nicht lange darauf meine Berufung als Werksarzt hierher erfolgte.

Da geschah es nach Ablauf von vollen zwanzig Jahren, daß ich mich für kurze
Zeit nach Wien begeben mußte. Ich nahm Absteigequartier in der Weintraube,
einem kleinen, aber vielbesuchten Hotel auf der Wieden, das meinen
Verhältnissen angemessen und überdies für meine Zwecke sehr bequem gelegen
war. Tagsüber von Geschäften in Anspruch genommen, besuchte ich abends
ö ffentliche Vergnügungsorte, vor allem die Theater, und nahm dann das
Nachtmahl im Hotel ein, in dessen Speiselokalitäten auch zahlreiche
auswärtige Gäste erschienen. In einem kleineren Zimmer, wo ich gewöhnlich
Platz nahm, befand sich ein sogenannter Stammtisch, an dem eine
Gesellschaft älterer Herren zu erblicken war. Dem Aussehen nach Beamte und
Geschäftsleute aus der Umgegend. In diesem ziemlich lauten Kreise fiel ein
Mann in Uniform besonders auf. Es war ein Finanzwache-Kommissär, der sich
sehr selbstgefällig auf den Offizier hinausspielte. Wie eitel er sein
mußte, erkannte man sofort an der Geschniegeltheit seines Äußeren und an
der Art, wie er mit seiner gepflegten, am kleinen Finger stark beringten
Hand den Schnurrbart zwirbelte. Er führte stets das laute Wort und schien
ü berhaupt das unterhaltende Element der Gesellschaft zu sein. Die
Tischgespräche drehten sich wohl auch um politische und andere
Tagesereignisse, lenkten aber, wie dies im Kreise alternder Männer nicht
selten der Fall zu sein pflegt, sehr bald in ein nicht allzu lauteres
Fahrwasser ein, auf welchem der Herr Finanzwache-Kommissär besonders gerne
segelte. Trotz einer sehr in die Augen fallenden Glatze schien er noch
immer auf Abenteuer aus zu sein. Jedenfalls hatte er zahlreiche hinter sich
und gab sie auch, mehr oder minder verschleiert, dem aufmerksamen
Auditorium mit sichtlicher Vorliebe zum besten.

Am Abend vor meiner Abreise war ich sehr spät erschienen. Alle Gäste hatten
sich schon entfernt, nur die Tischgesellschaft fand ich noch fröhlich
beisammen. Ich saß nun ganz allein in einer Ecke und konnte, da man sich
drüben nicht den geringsten Zwang auferlegte, jedes Wort der Unterhaltung
vernehmen, bei welcher sich die hohe Stimmlage des Herrn Kommissärs wieder
so recht geltend machte.

>Glauben Sie mir, meine Herren<, hörte ich ihn sagen, >wir haben eine viel
zu ideale Vorstellung von dem Wesen der Frauen, vor allem aber von der
sogenannten weiblichen Tugend. Ich kann Sie nur versichern, daß es mit
dieser nicht viel besser bestellt ist als mit der männlichen - ja in vielen
Fällen noch weit schlimmer, so daß man gar keine Ahnung davon hat, was in
dieser Hinsicht einer Frau alles zuzutrauen ist. Ich könnte Ihnen da ein
Erlebnis aus meinen jungen Jahren erzählen, das Ihnen ganz unglaublich
erscheinen wird - und doch beruht es buchstäblich auf Wahrheit.<

Da er nun selbstverständlich dringend aufgefordert wurde, fuhr er fort:

>Es war zu Anfang der Sechzigerjahre. Ich hatte mich schon längere Zeit
hindurch in einer sehr fatalen Lage befunden. Ich war nämlich, wie ich
heute mit einiger Beschämung gestehen muß, kein sehr fleißiger Student
gewesen, war bei der Matura durchgefallen, und nachdem ich mich in
verschiedenen Berufszweigen ohne besondere Vorliebe versucht hatte, trat
ich endlich zu Brünn, das, wie Sie wissen, meine Vaterstadt ist, in die
Finanzwache, wo sich mir, da ich doch immerhin Kenntnisse genug besaß,
Aussichten zu eröffnen schienen. Gleich bei meiner Aufnahme wurde ich zu
einer Abteilung versetzt, die auf dem platten Lande detachiert war. Mein
erster Dienst bestand darin, einen alten, griesgrämigen Aufseher nach einem
kleinen Dorfe zu begleiten, wo sich ein Bräuhaus befand. Eine miserable,
baufällige Kaluppe, deren ganzer Betrieb sich auf ein paar lumpige Pfannen
belief. Es war gar nicht der Mühe wert, hinzugehen; man hätte dem Brauer
ruhig freie Hand lassen können. Den aber hätten Sie sehen sollen, meine
Herren! Ein wahres Monstrum, sage ich Ihnen, das man in einer
Jahrmarktsbude hätte ausstellen können; sein Wanst mochte allein einen
halben Zentner gewogen haben. Und dieser unförmliche Talgriese, schon in
den Vierzigern, hatte ein junges, schlankes Weib, das an Schönheit
seinesgleichen suchte. Eine Blondine mit großen blauen Augen, die unter
langen Wimpern hervorschmachteten. Ich hatte schon damals einen scharfen
Blick für alles Weibliche und was damit zusammenhängt, erkannte daher
sofort, daß sie in wenig glücklicher Ehe lebe. Da kann geholfen werden,
dachte ich und suchte gleich meine Netze für diese holde Turteltaube
aufzurichten. Aber ich hatte die Rechnung ohne das Mastodon gemacht, an das
sie gekettet war. Der Brauer war nämlich eifersüchtig wie ein Türke und
hielt seine Frau hinter Schloß und Riegel. Man konnte sie nur jeweilig am
Fenster wahrnehmen. Obgleich ich nun merkte, daß sie sich gerne sehen ließ,
so zog sie sich doch, wenn ich mit Blicken oder Zeichen nach einer
Anknüpfung suchte, gleich wieder zurück, sie wußte sich offenbar
beobachtet. Denn da war auch ein Küfer, der aussah wie ein alter Ziegenbock
und, wahrscheinlich im Auftrage, stets um das Wohnhaus herumschlich, wenn
sich der Brauer nicht drinnen befand. So war denn der Liebe Müh' umsonst.
Aber gerade dadurch wurde meine Sehnsucht nach dem reizenden Weibe jeden
Tag stärker. Ich fühlte mich schon ganz elend, Essen und Trinken mundete
mir nicht, und nachts wälzte ich mich schlaflos hin und her, während mein
Kollege, der auf das schlechte Bier, das er sich weidlich schmecken ließ,
immer noch einige Schnäpse aufsetzte, wie eine Sägemühle schnarchte.

Da geschah es gerade in der Zeit, da das Gebräu schon eingelagert war und
wir am nächsten Tage bei unserer Abteilung einrücken sollten, daß der
Brauer irgendeine Berufung erhielt, die ihn zwang, eine Nacht
fernzubleiben. Als ich das vernahm, war auch sofort mein Plan gefaßt. Das
Wohnhaus grenzte dicht an einen ausgedehnten Garten. Vor einem
Seitenfenster der ehelichen Schlafstube, die ich schon ausgekundschaftet
hatte, ragte ein ziemlich hoher Birnbaum auf. Diesen Baum wollte ich bei
einbrechender Nacht besteigen. Denn ich war überzeugt, daß sich, sobald ich
mich irgendwie würde bemerkbar gemacht haben, das Fenster öffnen werde -
und dann konnte ich, gewandt, wie ich damals war, mit einem kühnen Schwunge
oder Sprunge in das Zimmer gelangen.

Es war eine rauhe Spätherbstnacht und insofern dem Unternehmen günstig, als
vollständige Dunkelheit herrschte. Aber gerade diese Dunkelheit erschwerte
es mir auch, mich in der Krone des Baumes erkennbar zu machen; zudem sauste
ein scharfer Nordwind und drohte jedes leisere Geräusch, mit dem ich mich
allenfalls ankündigen konnte, zu verschlingen. Dennoch erkletterte ich, als
mir die richtige Zeit gekommen schien und ich das Fenster erleuchtet sah,
den Baum. Hinter den Scheiben befand sich ein Vorhang, der aber nicht
vollständig schloß; die Stelle, die er frei ließ, war groß genug, um mir
Einblick zu gewähren. Was ich nun vor Augen hatte, entzieht sich der
näheren Schilderung, meine Herren. Das schöne Weib, dessen blondes Haar,
vom gewohnten Kopftuch befreit, in losen Flechten herabfiel, war eben
daran, sich langsam zu entkleiden. In regungsloser Spannung stand ich
zwischen den Ästen, mein Herz jedoch pochte wie ein Hammerwerk. Nun galt es
aber, mich bemerklich machen, doch wie? Alles Lärmende, das möglicherweise
erschrecken konnte, mußte vermieden werden. Ich brach also einen längeren
dürren Zweig, um damit sacht, aber vernehmlich in kleinen Zwischenpausen an
die Scheiben zu tippen. In diesem Augenblicke öffnete sich im Zimmer die
Tür - und der Alte mit dem Bocksgesicht kam hereingehüpft. Und, ohne die
Mütze abzunehmen, gerade auf die Frau los, die halb entblößt dastand, um
sie - es war wie ein Blendwerk der Hölle - zu umarmen und zu küssen. Sie
machte zwar eine Armbewegung, um ihn abzuwehren, aber sie ließ sich doch
von ihm weiter seitwärts ins Zimmer hineindrängen, so daß ich jetzt nichts
mehr sah als undeutliche Schatten an der Wand - -

Meine Situation können Sie sich vorstellen, meine Herren! Ich war außer mir
vor Wut und wollte schon das Fenster einschlagen, um mit Gewalt ins Zimmer
zu dringen; aber ich hielt an mich, denn ich fühlte mich auch vor mir
selbst beschämt, und glitt lautlos auf den Boden hinab. Dort raffte ich
eine Handvoll Sand zu einem kräftigen Wurf nach den Scheiben auf; denn
ihren Schrecken sollten die Sünder doch haben.

Schlafen konnte ich begreiflicherweise nicht und wälzte noch allerlei
unsinnige Entschlüsse im Kopf herum, die ich am Morgen wieder fallenließ.
Als uns aber beim Abzuge der Küfer mit sichtlich verstörter Fratze gerade
noch in den Wurf kam, versetzte ich ihm einen Rippenstoß, daß er an die
Wand taumelte, und raunte ihm zu: >Ich weiß alles, du alter Schurke!<

Nun wird das Pärchen doch in beständiger Angst leben, dachte ich, und
später wandelte mich auch noch die Lust an, dem Brauer irgendeine anonyme
Mitteilung zukommen zu lassen. Aber ich tat es nicht und fand schließlich
eine gewisse Befriedigung bei dem Gedanken, daß der ausbündige Großtürke
von seinem Eunuchen - obwohl diese Bezeichnung im eigentlichen Sinne hier
nicht zutraf - gehörnt werde.< «

»Also der Brauer hatte doch recht mit dem Kinde«, sagte ich, als der Doktor
schwieg.

»Nein, er hatte nicht recht. Und das ist ja das punctum saliens der
Geschichte. Das Kind war wirklich das seine. Darüber habe ich im vorigen
Jahre vollständige Gewißheit erlangt.«

Ich blickte ihn verwundert an.

»Sehen Sie, ich bin ein großer Obstfreund. In unserer Gegend gedeiht nicht
viel Gutes, und so pflege ich meine Einkäufe gelegentlich auf dem Brünner
Markte zu machen. Das geschah auch einmal im verflossenen Sommer, gerade
zur Zeit der Melonen, von denen ich ein besonderer Liebhaber bin. Wie ich
mich nun auf dem weiten, herrlich von Blumen und Früchten durchdufteten
Platz umsehe, gewahre ich eine Händlerin, deren Äußeres eine solche
Ä hnlichkeit mit dem des Brauers hat, daß ich glaube, er sitze, beiläufig um
ein Drittel verkleinert, in Weiberkleidern da. Ich gehe auf die Händlerin
zu, die sich in der Nähe weit jünger ausnimmt als vom weiten, und frage:
> Na, Frauchen, haben Sie schöne Melonen?<

>Freilich<, erwiderte sie mit gequetschter, gleichsam in Fett erstickender
Stimme. >Sie sehen sie ja. Sind aus Wischau.<

>Aus Wischau? Sie beziehen sie also von dort?<

>Wir ziehen sie selbst. Mein Mann ist Handelsgärtner, und um die
Zwischenhändler zu ersparen, hab' ich mir die Erlaubnis verschafft, viermal
die Woche hier meinen Stand aufzuschlagen.<

Sie war offenbar eine gute Seele, die sich mit den Käufern gern in ein
Gespräch einließ. >Haben Sie Kinder?< fuhr ich fort.

>Natürlich. Drei Stück.<

>Und was machen denn die, wenn Sie so oft vom Hause weg sind?<

>Auf die Kinder gibt die Mutter acht. Sie hat ein Wirtsgeschäft.<

>Und führt sie das allein?<

>Mit ihrem zweiten Mann. Von dem hat sie aber keine Kinder.<

>Sie sind also aus erster Ehe?<

Das fortgesetzte Verhör schien sie nun doch schon zu befremden. >Freilich<
versetzte sie etwas barsch. >Warum fragen Sie denn?<

>Weil ich glaube, daß ich Ihren Vater gekannt habe. War der nicht ein
Brauer?<

[Image]

>Ja, in Habrovan. Und dort bin ich auch geboren. Aber kaufen Sie Melonen?<«


 

 

 

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