Taraniel
- Tír
dorcha - Inseln in der Dunkelheit
Erstes Buch
Tír na mBan - Insel der Frauen
Wütend
Das Wasser aus der geborstenen Regenrinne über den Dach des Wartehäuschen
schoss wie ein Sturzbach hervor. Die Erschütterung ließ die
Luft vibrieren.Aus Sam´s Mund entwichen bei jedem Atemzug kleine,
weiße Wölkchen.Es war sehr kalt für Anfang November.Ob
den anderen Leute sich gegenseitig wärmten, wenn sie so dich gedrängt
unter dem Schutz des Daches standen? Auch aus ihren Mündern stieg
dampfender Nebel empor.
Ihr war kalt. Sie zitterte leicht, obwohl sie bemüht war, es zu
unterdrücken. Um ihr herum bildeten die Leute eine berührungsfreie
Zone.
Sonst dicht gedrängt, hielt man immer Abstand zu ihr.Eine ältere
Frau flüchtig Sam´s nach oben gerichtete Hand, als sie, sich
in die Masse hinein drängelnd, einen Platz erkämpft hatte.
Sie war versucht eine Entschuldigung zu murmeln und Sam hatte eine nichtssagende
Entgegnung auf den Lippen. Aber als ihr Blick auf die Hand fiel, zuckte
sie zurück, als hätte sie sich verbrannt.Immer wieder rieb
sie sich verstohlen ihre Hand.
Sam´s Augen füllten sich mit Wasser.Sie versuchte den Tränenschleier
wegzublinzeln.
Alle schwiegen.
Nur der Regen veränderte, je nach Windrichtung, die Lautstärke
und Tonhöhe des herabfallenden Wassers.
"
Er kommt", sagte jemand aus der Menge."Der Bus kommt." Die
menschliche Masse strömte zur Straße. Sam fiel schnell zurück.
Mühsam, mit der Hand ihr linkes Bein unterstützend, bewegte
sie sich ruckartig vorwärts. Der Bus hielt und öffnete die
Türen.Sam hatte erst die Hälfte der Strecke zurückgelegt,
als der Großteil der Fahrgäste im Inneren des Busses verschwunden
waren. Ihrem Gesicht war die Anstrengung anzusehen. Der Regen bildete
langsam in ihrer unnatürlich nach oben gedrehten Hand ein Pfütze.
Sam war halbseitig spastisch gelähmt. Ihr linker Fuß war weit
nach innen verdreht und stand fast im rechten Winkel zu dem anderen.
Der rechte Arm war normal entwickelt. Am linken Arm wurden, da Sam ihn
nicht benutzen konnte, nur wenige Muskeln gebildet und sah so sehr dünn
und kindlich aus.
Die nach oben gerichtete, zu einem Hohlraum verkrümmte Handfläche,
vermittelte einen bettelnden Eindruck.Ihr langes blondes Haar war nass
und der Wind peitschte ihr die Strähnen übers Gesicht. Ihre
mandelförmigen Augen ließen auf asiatische Vorfahren schließen,
obwohl ihr nichts davon bekannt war.Ihr Vater sei ein normale kaukasischer
Typ gewesen und sie hätte die braunen Augen eines Rehes, behauptete
ihre Mutter.Sam erinnerte sich gerne an ihre Mutter. Sie war schon achtzehn
Jahre alt, als die Erkrankung bei ihr diagnostiziert wurde. Das war in
dem Jahr, als sie an ihrer Schule zum hübschsten Mädchen gewählt
wurde. Plötzlich dann die Krankheit. Keine Partys mehr, auf denen
sie der Stargast war, keine Jungs mehr, die hier hinterher pfiffen.Keine
ihrer früheren Freundinnen lud sie zum Geburtstag ein. Die zwei
restlichen Jahre auf der Schule waren die Hölle. Danach hatte sie
Kunst studiert. Ihre rechte Körperhälfte sich normal entwickelt
und Sam konnte ganz phantastisch zeichnen. Heute arbeitete sie in ihrer
Wohnung als Illustratorin für Kinderbücher, in ihrem eigenen
Apartment.Ihre Mutter konnte die Veränderungen von Sam´s Körper
nicht ertragen, ihr ins Gesicht zu sehen, denn die linke Hälfte
hatte sich durch die Lähmung zu einem gespenstischen, eingefrorenen
Lachen verzerrt. Sie hatte in ihrer Tochter immer etwas besonderes gesehen,
war stolz auf ihre Schönheit. Auch Sam war stolz gewesen. Sehr sogar.
Sie träumte oft von den Zärtlichkeiten ihrer Mutter. Gerne
würde Sam sie wiedersehen.Einmal begegneten sie sich Supermarkt.
Einen Moment schien sie zu erstarren und dann auf ihre Tochter zugehen
zu wollen, aber die Hand an ihren Arm drückte und zog sie weiter.
Der Mann, der mit ihrer Mutter zusammen lebte, war ein bekannter Immobilienmakler,
der in solch einer Stieftochter einen Makel in ihrer Reputation sah.
Ihren leiblichen Vater lernte Sam nie kennen, da er vor ihrer Geburt
bei einem Autounfall starb.
Manchmal träumte sie auch von ihm. Weiß verschleierte Augenblicke,
mit lieblicher Musik, so zart, dass es unmöglich war die Melodie
zu erkennen, aber man war sie war sich sicher, das Lied schon einmal
gehört zu haben.
In diesen Bildern konnte sie fliegen und sie lebte auf einer riesigen,
unnatürlich grünen Wiese. Ihr Vater, ein großer, kräftiger
Mann, winkte sie zu sich heran. Er trug eine gewaltige, schwarze Mähne,
fast wie ein Löwe. Freundlich sprach er zu ihr, aber der Sinn seiner
Worte blieb ihr verschlossen. Nur ein Fragment blieb immer zurück,
wenn sie erwachte.
"
..eines Tages wirst du mich verstehen.."Oft kam der Traum gegen
morgen und Sam lag dann wach bis sie aufstehen musste. Ihre Mutter reagierte
allergisch auf Nachfragen bezüglich ihres Vaters. Mit den Jahren
bezweifelte sie die Theorie von dem Autounfall und zog ihre Variante
der ihrer Mutter vor. Sam vermutete Selbstmord.
Heute war sie auf dem Weg zum Arzt. Da sie Medikamente gegen Epilepsie
nahm, durfte sie keine Auto fahren. Und da sie bei dem Regen kein Taxi
bekam, hatte sie sich entschlossen mit dem Bus zu fahren.Der Busfahrer
ließ den Motor ein paar Mal aufheulen. Alle Personen waren eingestiegen.
Nur Sam humpelte noch heran.Einen Meter entfernt, grinste der Busfahrer
plötzlich, schloss die Türen, gab Vollgas und schoss davon.Die
Hinterräder schlugen mit großer Wucht in die Pfütze ein,
die sich unter den Bus in einem Loch am Rinnstein gebildet hatte.Sam
wurde von oben bis unten mit schmutzigen, braunen Wasser überschüttet.
Fassungslosigkeit zeigte sich auf ihrem verzerrten Gesicht, während
ihr das Schmutzwasser in die Augen lief.Dann verwandelte sich der Ausdruck
im Wut. Die rechte Hand ballte sich zur Faust.Ihre Linke zitterte vor
Anstrengung.Die Muskeln des rechten Beines begannen zu zucken und gaben
schließlich nach. Sie fiel auf die Knie, der Kopf nach oben gerichtet,
und ein Schrei brach aus ihr hervor.
Sam brüllte.
Sie schrie vor Wut auf die Welt, vor Ohnmacht über ihr eigens Unvermögen,
aus Ärger über Ihren verkrüppelten Körper, vor Verlangen
nach einem lebenswerterem Leben.Irgendwann war nur noch nur ein Keuchen übrig
war.Schwer amtend kniete sie im strömenden Regen, inzwischen völlig
durchnässt.Doch der Schrei hatte ihre Wut nicht vermindert. Sie
brannte in ihr weiter. Wie ein kleiner glühender Kern fühlte
sie es in ihrem Brustkorb.Die Pfütze in ihrer linken Hand war nicht
mehr klar, sondern schillerte in allen Farben dieser Welt.
Das Wasser rann aus ihrer Hand und damit verschwand der Regenbogen langsam.
Ihre Finger hatten sich bewegt. Wärme strömte aus dem Inneren
des Körpers in die Hand. Die Muskeln auf der Unterseite des Armes
spielten kontrahierten hektisch und Sam bekam Angst. Wenn dies ein epileptischer
Anfall würde, musste sie weg von der Pfütze. Ein neunjähriges
Mädchen aus dem Nachbarhaus war letztes Jahr während eines
Anfalles in der Badewanne ertrunken. Die Spannungen dehnten sich über
den ganzen Körper aus. Mit aller Kraft warf sie sich in entgegen
der Richtung des Rinnsteins. Ihr in der Lähmung gefangener Körper
schüttelte sich unter dem Joch der Behinderung. Muskelstränge
rebellierten unter der Haut und immer mehr Wärme strömte in
den Unterarm.
Langsam, fast zögerlich bogen sich die Finger der linken Hand, erst
zitternd der Zeigefinger und dann einer nach dem anderen, bis die Knöchel
weis hervortraten.
Ihre gelähmte Hand ballte sich langsam zur Faust.
Verwundert
Sonnenlicht fiel durch die Gardinen und ließ Schatten auf Sam´s
geschlossenen Lider tanzen. Ein Gefühl zwischen Vorfreude und Angst
hielt sie zurück, die Augen zu öffnen.Die gelähmte Hand
lag oben auf der Bettdecke. Sam hatte wie ein Stein geschlafen, als sie
endlich zu Hause angekommen war. Wie lange sie nach einem Taxi gesucht
hatte, wusste sie nicht mehr. Als sie ihre Wohnung erreicht hatte, wollte
sei nur noch duschen und ins Bett. Ein großes Glas Maltwhiskey
half ihr beim Einschlafen. Nun lag diese Hand auf dem Bettbezug. Sam
traute sich immer noch nicht die Augen auf zu machen. Innerlich begann
sie von fünf an rückwärts zu zählen und riss bei
null die Augenlider hoch. Erleichtert und zugleich enttäuscht sah
sie ihre braun gebrannte Hand in der für sie normalen, bettelnden
Stellung auf der weißen Bettwäsche liegen. Sam schloss wieder
ihre Augen und stellte sich vor ihre Finger zu krümmen.
Vorsichtig, erst den Daumen ein wenig, dann den Zeigefinger und fast
gleichzeitig die restlichen Finger, bis der Daumen von ihnen umschlossen
wurde. Und es kam ihr so vor, als wäre es Wirklichkeit.Blinzelnd
sah sie durch eine Spalt auf ihre Hand und stemmte sich dann ruckartig
mit den anderen Arm hoch. Bewundernd starrte sie auf ihre Faust. Ihr
Physiotherapeut bewegte einen Finger nach dem Anderen und ließ Sam
dann die gleiche Bewegung nachvollziehen. Immer wieder schüttelte
er den Kopf.
"
Unglaublich", murmelte er vor sich hin."Was hat dies Veränderung
ausgelöst?" Er sah sie fragend an."Miss Hawkings?"
Sam blickte von ihrer Hand hoch, während sie immer wieder die Finger
zur Faust ballte und wieder öffnete. Dr. Jacobs war frührer
bei verschiedenen Tennisvereinen als Physiotherapeut tätig gewesen
und hatte im Leistungssport immer noch einen guten Namen, obwohl schon
einige Jahre eine eigene Praxis betrieb. Sam war seit ihrer Lähmung
bei ihm in Behandlung. "Ich weiß nicht...wirklich nicht" Sam
sah wieder lächelnd ihre Finger an. "Ich war wütend, traurig,
enttäuscht und so.." Sie suchte nach den richtigen Wort. "So
hilflos" Beruhigend legte Dr. Jacobs seine Hand auf ihre. "Überanstrengen
sie nicht ihre Sehnen und Muskeln. Sie sind seit Jahren nicht bewegt
worden. Morgen werden sie eine tüchtigen Muskelkater in der Hand
verspüren. Aber üben sie ruhig weiter. Physiologisch ist ihr
Bewegungsapparat vollkommen normal." Sam erhob sich. Sie verabschiedete
sich und blieb kurz vor der Tür noch mal stehen und drehte sich
humpelnd um. "Dr. Jacobs.." begann sie zögernd. Er sah
von der Patientenakte auf.
"
Wissen sie auch nicht, warum ich die Hand plötzlich bewegen kann?
Ich meine, ist ihnen solch ein Fall wie ich bekannt?" Kopfschüttelnd
antwortete der Arzt."Ich betreute noch keinen Patienten mit einer
ungewöhnlichen Heilung wie dieser. Es gibt aber immer wieder Fälle
in denen Außerordentliches geschieht. Beobachten sie ihren Körper.
Vielleicht verändern sich noch andere Muskeln."
Unwillkürlich strich sich Sam mit der Hand über ihre verzerrte
Gesichtshälfte.
Verletzt
Zwei Wochen war es her seit dem letzten Versuch Bus zu fahren und heute
war es wie immer. Ein paar Kinder tuschelten und zeigten mit dem Finger
auf sie. Erwachsene schauten meisten durch sie hindurch oder starrten
interessiert, aber verstohlen auf Sam´s verkrüppelten Gliedmaßen
und das entstellte Gesicht. Diesmal jedoch triumphierte sie innerlich
und behielt ihre Hand zur Faust geballt.. Vergnügt schob sie ihren
linken, verdrehten Fuß vor sich her und freute sich auf ihre heutiges
Arbeitspensum und das chinesische Essen, welches sie sich am Stand an
der Ecke ihres Hauses gekauft hatte. Die Plastiktüte in der rechten
Hand öffnete sie stolz die doppelflüglige Tür zum Apartmenthaus
und zwar mit der linken. Es bereitete noch Schwierigkeiten die linke
Hand ein zusetzen, da ihr Arm leider nach wie vor gelähmt und im
rechten Winkel an den Körper gepresst war, aber die Hand nutzen
zu können, versetzte Sam immer in Hochstimmung. Als sie die Schiebetüren
des Aufzugs auseinander glitten, wollte Sam das Essen in ihre linke Hand
nehmen um mit der Rechten die Tür offen zu halten bis sie ausgestiegen
war.
In diesem Moment traf sie ein Schlag gegen die rechte Hand, welche sich
sofort taub anfühlte. Die Verpackung des Essens zerriss und der
Inhalt verteilte er sich an der Wand der Kabine. Sojasprossen landeten
halbrund im oberen Teil und das süßsaure Schweinefleisch fiel
zum größten Teil zu Boden. Ein paar Stücken bleiben an
der Metallwand kleben. Die Soße bespritze dem unteren Teil. Für
einen Augenblick war es Sam so, als blickte sie in ein Gesicht aus chinesischen
Essen.
Etwas Großes und Schweres traf sie an der Seite und brachte sie
zur Fall.
Sam fiel auf dem Bauch, sich mit der rechten Hand abstützend. Ihr
rechtes Handgelenk musste das gesamte Körpergewicht abfangen und
war der Belastung nicht gewachsen. Ein heftiger Schmerz, als wen flüssiges
Feuer in ihren Ader entlang raste, vom Gelenk bis zum Gehirn, so durchzuckte
es sie. Im gleichen Moment wusste sie, das es gebrochen war. Ohne die
abfedernde Wirkung ihre Arme knallte ihr Kopf auf den Aufzugboden. Der
Schmerz auf der Stirn blendete sie kurz. Danach lief ihr Blut aus der
Stirnwunde in die Augen. Ihr Umhängetasche wurde ihr brutal über
den Kopf gezerrt. Mit dem rechten Unterarm versuchte sie das Blut aus
den Augen zu wischen. Sam richtete ihren Oberkörper halb auf, stieß sich
mit dem Füßen vom Boden ab, versuchte in eine Ecke zu rutschen.
Der Mann, der vor ihr stand, erschien ihr in dieser Situation sehr groß.
Er schütte der Inhalt ihrer Tasche auf den Boden und stecke sich
hastig Geld, Schlüssel, Handy und Kreditkarten ein. Als er sie ansah,
blieb der Blick auf ihrer Brust ruhen. Ein Grinsen schlich sich auf sein
Gesicht. Er griff in die Tasche seiner Hose und zog ein kleines Schlüsselbund
hervor, steckte einen davon in die manuelle Steuerung des Aufzuges. Dann
tastete er das Fahrziel Tiefgarage ein. Bis zu diesem Augenblick war
außer Sam Keuchen vor Schmerzen kein Wort gefallen. Der Räuber
ließ sich nach vorne auf die Knie sinken, wobei mit Seinen ihre
Beine langsam öffnete. Er beugte sich vorn und sprach halb gehaucht
zu Sam.
"
Ich habe noch nie einen Krüppel gefickt." Sam zuckte vor seinem
Atem zurück.
Wieder versuchten ihre Füße sie weiter in die Ecke zu schieben.
Doch hinter ihr war nur noch die glatte, kalte Metallwand. Ihre Absätze
schabten über den geriffelten Boden und machten ein rhythmisches
Geräusch.
Mit seinen Hände fasste er ihr in die Bluse und riss beide Seiten
aus einander. Knöpfe flogen durch die Kabine und machen klingelnde
Töne an dem Metall.
"
Und so´n hübschen Krüppel auch noch."
Sein Blick war wieder auf ihre Brüste gerichtet, welche nun unbedeckt
vorn ihm lagen. Dann schob er eine Hand in ihre weiten Seidenhose, zerriss
dabei den Reisverschluss und versuchte, sie gänzlich zu entkleiden.
Sam begann sich zu wehren. Sie wand sich, unfähig ihr Hände
zu benutzen, versuchte der Mann mit den Knie an seiner empfindlichsten
Stelle zu treffen. Doch der wich lachend aus und riss ihr die Hose in
Fetzen, presste seine linke Hand gegen ihren Oberschenkel ihres gesunden
Beines und spreizte sie so.Er bemerkte das ihr anderes Bein steif und
verdreht war.
Laut auflachend sagte er, "Das ist ja einfacher als bei ´ner
normalen Braut." Er presste seinen Körper auf den ihren. Sam
versuchte mit dem Ellenbogen ihres verletzten Armes auf ihn ein zu schlagen,
was ihm nur ein zu Grunzen veranlasste. Er nahm ihren gelähmten
Arm, hob ihn brutal an, um legte ihn sich um den Hals.
"
Komm umarm mich, meine Süße."
Die für Sam unnatürliche Stellung ihres Armes bereitete ihr
starke Schmerzen. Bunte Flecken tanzten vor ihren Augen. Ihr Atem ging
nur noch stoßweise. Als er in sie eindrang, klärte sich ihr
Blick plötzlich. Alles um sie herum schien in Zeitlupe abzulaufen,
das Gesicht aus Essensresten an der Wand hatte sich in ein Grinsen verwandelt.
Sam war noch Jungfrau, hatte zwar einige Pettingerfahrung, aber zum eigentlichen
Akt war es nie gekommen. Und nach dem Ausbruch der Krankheit erst recht
nicht. Bis zu diesem Moment war Sam still gewesen, nun aber brach der
Schmerz und die Demütigung aus ihr hervor.
Sam schrie.
Aus vollen Leib.
Angst und Peinigung ließen die Wut in ihr wachsen. Ihr linken Arm
um den Hals ihres Peinigers begann zu zucken. Und er drang tiefer in
sie ein. Er versuchte seinen Oberkörper aufzurichten und ihren Arm
nach hinten zu drücken und der Schmerz ließ sie nach lauter
und höher schreien.
Er begann zu keuchen.
Sein Kopf neigte sich ihr wieder zu. Doch diesmal nicht freiwillig. Eine
ungewöhnliche Kraft wuchs in ihren Muskeln und presste ihn an sich.
Wärme durchfloss den Arm, gab ihm Kraft, drückte den Kopf gegen
ihre Schulter.
Er versuchte mit aller Anstrengung den Griff zu entkommen. Doch sein
Kraft reichte nicht aus. Immer stärker wurde der Druck, bis schließlich
ein grässliches Knacken den Kampf beendete.Das letzte was Sam sah,
war das Sojasprossengesicht an der Fahrstuhlwand, welches die Lippen
spitzte und ihr eine Kuss zu zuhauchen schien.
Geheilt
Die Woche Krankenhaus hatte zwar ihre körperlichen Schmerzen gelindert,
aber in Sam sah es verheerend aus. Der linke Arm war wieder voll funktionstüchtig.
Keiner der Ärzte wusste ein plausible Erklärung dafür.
Der Schock oder die physische Notsituation hätten die Veränderung
herbeigeführt. Der Gips an der rechten Hand sollte in 4 Tagen entfernt
werden. Ein glatter, unkomplizierter Bruch war diagnostiziert wrden.
Schlimmer als ihre Verletzungen machte sich das schlechte Gewissen bemerkbar,
einen Menschen getötet zu haben. Jede Nacht schreckte Sam aus dem
Schlaf hoch, mit dem knackenden Geräusch im Ohr, dem Laut eines
gebrochenen Genickes. Stundenlang nach dem Alptraum humpelte sie durch
ihr Appartement und fand keinen Schlaf mehr. Ihre Arbeit blieb liegen.
Irgendetwas in ihr war aufgebrochen worden. Eine Veränderung ging
mit ihr vor, die sie einerseits neugierig machte aber andererseits sie
erschrecken lies. Von der Polizei hatte man ihr eine psychologische Betreuung
an die Seite gegeben, einen jungen Mann, zwei Jahre älter als sie
und gerade mal ein Jahr im Polizeidienst. Er war ehrgeizig und gab sich
besondere Mühe, alle erlernten Kenntnisse bei Sam anzuwenden. Eigentlich
fand sie ihn nett. Aber immer wenn ihre Gedanken sie allzu sehr mit Phillip
beschäftigten, schüttelte sie die Versuchung aus ihrem Kopf
hinaus. Sie war ein Krüppel und er ein gutaussehender Mann mit blauen
Augen, blondem Haar, beeindruckenden Muskeln und einem angenehmen Wesen.
Jede Unterhaltung mit ihm bereitete Sam Freude. Heftig schüttelte
sie wieder den Kopf. Nein. Es hatte keine Zukunft und eine Mitleidsbeziehung
wollte sie auf keinen Fall. Sam war auf dem Weg nach Hause. Den Aufzug
benutzte sie nicht mehr seit ihren unheilvollen Erlebnisses. Langsam
stieg sie die Treppen hoch. Hastig hüpfte sie auf dem rechten Bein
an den Fahrstuhltüren vorbei. Schneller als hüpfen konnte sie
sich nie fortbewegen. Sam besaß mit den Jahren eine sehr gut durchtrainierte
rechte Seite, aber das linke Bein blieb nutzlos.Als sie die Wohnungstür
hinter sich geschlossen hatte, atmete sie auf, hängte ihre Sachen
an die Garderobe und ging langsam in die Küche. Als sie mit einen
Glas Orangensaft in ihr Wohnzimmer zurückkehrte, blinkte auf dem
Display des Computer die E-Mail Anzeige.
Sie setzte sich in den Erker vor dem mannshohen Fenster auf ihre Lieblingscouch,
die aussah wie eine römische Liege und öffnete das Postfach
mit einem Tastendruck. Phillip hatte eine Voicemail geschickt.Sam schaltete
die Stereoanlage an und seine Stimme erfüllte den Raum. "Hallo
Miss Hawkings, ich .. Ich hoffe sie nehmen es mir nicht übel ..
also ich wollte sie fragen, ob sie mit mir.. na ja ich wollte sie zum
Essen einladen ..hoffe sie lehnen nicht ab."
Verliebt
Die nächsten zwei Monate vergingen wie im Traum. Seit Jahren war
in ihr nicht mehr soviel Fröhlichkeit gewesen. Ihre Behinderung
am Bein gab zwar immer noch einen Wermutstropfen in Sam´s Freude
ab, aber Phillip verstand es geschickt, nur Verabredungen zu organisieren,
die für sie kein Hindernis darstellten. Und obwohl ihr ein wenig
mulmig im Bauch war, hatte Sam zu gestimmt mit ihm eine Reise nach Irland
zu machen. Schon immer schwärmte sie von dieser Insel, aber bisher
hatte sie keine Möglichkeit gehabt, sie zu besuchen. Vorfreude wärmte
ihr das Herz, als sie am Morgen des ersten Urlaubstages in London-Heathrow
standen, mit gepackten Koffern und Phillip das Check-in für beide
erledigte.Sam lies sich überreden, sich in einen Rollstuhl zu setzen,
weil die weiten Wege im Flughafen zu anstrengend für sie waren.
Sie flogen direkt nach Dublin und dort mietete Phillip einen BMW, mit
dem sie bis zur Westküste der Insel fuhren. Phillip hatte die Route
ausgearbeitet und entlang der Strecke viele Sehenswürdigkeiten als
Haltpunkte eingeplant und die Nächte verbrachten sie in kleine Landgasthöfen,
wobei Sam die Abende am Kamin mit einem Glas Maltwhiskey in der Hand
am meisten liebte. Vier Tage vergingen wie im Flug und wenn sie die Küstenstrasse
Entlangfuhren, vergaß sie bei dem Anblick ihr Bein völlig.
Am Abend des fünften Tages erreichten sie ihr Ziel, ein kleines
Hotel in der Nähe von Powerscourt Gardens in den Bergen von Willow.
Es war alt, aber gut gepflegt worden. Jetzt im Herbst waren fast alle
Zimmer unbelegt, nur ein älteres amerikanisches Ehepaar logierte
im Hotel. Der Wind heulte unter ihrem Fenster und Sam genoss den Ausblick
auf das Meer, sah wie die Wellen an die Felsen brandeten. Die Luft schien
mit kleinen Salzwassertröpfchen erfüllt. Sie atmete tief durch
und schloss das Fenster, lies sich rückwärts aufs Bett fallen
und war glücklich. So lange Jahre, bemerkte Sam, hatte ihr dieses
Gefühl gefehlt, war abhanden gekommen in ihren Wust aus Ärger,
Angst und Wut. Jetzt war es da.
Sam lächelte.
Am nächsten Morgen, nach einer langen nächtlichen Unterhaltung
mit Phillip und einem ausgiebigen Frühstück, fuhr Phil sie
zu einem ganz besonderem Platz, wie er geheimnisvoll lächelnd bemerkte.
Sam drängte ihn während der Fahrt ihm mehr zu verraten. "Los
komm erzähl es mir!", forderte sie.
"
Warte bis wir da sind. Es ist genau der Platz, den du dir gewünscht
hast."
"
Gewünscht?", erwiderte Sam. "Ja die Beschreibung stimmt
fast haargenau." Phillip lächelte sie an. "Ich hab eine
Weile suchen müssen. Aber der Wirt wusste gleich welchen Ort ich
meine. Die Wasserfälle von Powerscourt."
Sam war verwirrt. "Was hab ich mir gewünscht?"
"
Na komm Sam." Phillip lachte belustigt.
"
In deiner E-Mail hattest du doch alles genau beschrieben, das Hotel.." Sam
fiel ihm ins Wort.
"
Hotel? e-mail? Wovon redest du, Phillip?" Er drosselt die Geschwindigkeit
des Wagens. "Sam, du hast mir doch die E-Mail mit der Idee der Irlandreise
geschrieben. Du hast das kleine Hotel beschrieben und dem Wasserfall
zu dem wir unterwegs sind. Du schwärmtest von dem mystischen Ort
und das mich da eine Überraschung erwartet."
"
Nein.", entfuhr es Sam. "Keine Überraschung?"
"
Nein, nein. Ich habe keine E-Mail mit so einem Inhalt an dich geschrieben.
Die Idee kam von dir, ich wollte immer schon nach Irland und hab mich
wahnsinnig gefreut, als du mich eingeladen hast, aber ich habe nichts
beschrieben." Sam blickte verwirrt. "Und was für ein Wasserfall?",
fragte sie.Phillip lenkte das Auto an den Straßenrand, lockerer
Kies klapperte an den Boden, er bremste und wandte sich ihr zu, als sie
zum stehen kamen.
"
Aber Sam.. wer...wenn nicht du?", stammelte er. "Jemand der
uns zusammen bringen wollte?", fragte er und blickte ins Sam´s
Augen. "Ich wüsste nicht.." Durch ihren Kopf schossen
Namen von Bekannten, die zu so etwas fähig waren, aber es fiel ihr
keine ein.Phillip hatte ihr linke Hand in Seine genommen und blickte
sie immer noch erwatungsvoll an. "Vielleicht ist das jetzt ein Moment
wo ich.."
"
NEIN", entfuhr es ihr barsch. Im nächsten Moment tat es ihr
leid.
Innerlich hoffte, sehnte sie die Bedeutung eines solchen Augenblickes
herbei, aber gleichzeitig flogen ihre Gedanken in die Zukunft und die
Angst enttäuscht zu werden lies sie sich in ihrem Sitz versteifen
und ihre Hand aus seinen nehmen.Phillip lehnte seinen Kopf zurück
und atmete tief ein und aus.
"
Fahr bitte.", sagte Sam leise. Phillip begann zu sprechen. "Sam
du kannst nicht.."
"
Nicht hier und nicht jetzt. Bitte.", unterbrach sie ihn. "Lass
mir Zeit.", fügte sie leise hinzu. Nickend lenkte er das Fahrzeug
wieder auf die Strasse."Und nun erzähl mir von dem Wasserfall." Sam
blickte nach unten, zwischen ihre Füsse und ein lächeln stahl
sich in ihr Gesicht.
"
Begegnen wir dort einer Fee?", fragte sie mit einem Brustton der Überzeugung
und dem erstaunten Gesicht eines Kindes.
Verträumt
"In den Bergen von Willow", dozierte Phil, als sie das Auto
verließen, "fließt der Dargle über eine Felskante
und stürzt 120m in die Tiefe. Die ist der größte Wasserfall
Irlands." Es war ein regelrechter Wald aus Rhododendrenbüschen,
durch die sie schritten. Sie atmeten den betäubenden Duft der vielen
Blühten ein. Ein tiefes Rauschen schien durch seinen einförmigen
Ton die Luft zum Vibrieren zu bringen und erzeugte ein Gefühl der
Unruhe im Magen. Der Powerscourt Fall beeindruckte Sam außerordentlich.
Das Geräusch des Wasser brachte etwas in ihr zum Zittern.
Nein es war mehr eine Unruhe, eine Sehnsucht, die sie zum Wasserfall
zog.
Ü
berall auf den Blättern lagen winzige, kleine Wasserdiamanten und
funkelten in der Sonne. Die Felsen waren voller grünen, weichem
Moos und in der Luft wirbelten Myriaden feiner Wassertröpfchen herum,
so dass es wie ein weicher, grünlicher Schleier schien, der sich
auf Sam´s haut legte, sie einhüllte und ihre Gedanken verschwimmen
ließ. Sonnenstrahlen durchbrachen wie Lichtspeere diesen Traum,
auf dem grasbedeckten, moosdurchsetzten Boden wirbelten Muster, geschaffen
durch Sonnenlicht, Blätter und sanftem Wind. Sam´s Körper
schwebte in Richtung des Wasserfalls. Sie versuchte einen klaren Gedanken
zu fassen. Vernunft stieg in ihr hoch, versuchte die Gefühle zu
verdrängen und verschwand wieder mit ein Hauch des feuchten, warmen
Windes. Immer höher stieg sie dem donnernden Wasser entgegen, konnte
es fast berühren. Phil blitzte wie einer ferne Erinnerung durch
ihren Kopf. Unwirklich sah sie sein Gesicht für eine Sekunden, versuchte
den Gedanken zu halten und glitt immer weiter in Richtung Wasser. Mit
einer unsicheren, suchenden Handbewegung tastete sie nach Phillip und
bemerkte plötzlich das Gras unter ihren nackten Beinen, spürte
den Untergrund, der sich an sie presste und nun begriff sie, dass sie
auf dem Boden lag. Phil kniete vor ihr und hielt ihren Kopf in beiden
Händen und schaute auf das herabstürzende Wasser. Sein Gesicht
wirkte entrückt, große Augen und der halb offene Mund zeugten
von geistigen Abwesenheit.Sam drückte seine Hand.
Ein Zucken durchlief seinen Körper wie eine Welle. Ein tiefes Brummen,
halb Enttäuschung, halb Verwunderung klang aus seiner Brust. "Was
war das?", flüsterte er fast unhörbar, mehr zu sich selbst
als zu Sam, den Blick immer noch auf das entfesselte nasse Element gerichtet.
Phil senkte den Kopf und betrachtete Sam Gesicht in seinen Händen. "Ist
die schwindelig?", fragte er besorgt. "Ja...", hauchte
Sam. "Ich hatte das Gefühl auf den Wasserfall zu zuschweben..
war gefangen von seinem Geräusch, dem Geruch und dem Anblick, bis
ich dein Gesicht erblickte.
Daran hielt ich mich fest."
Ein Träne machte sich auf dem Weg aus ihrem rechten Augenwinkel über
das Jochbein. Phil berührte sanft die salzige Flüssigkeit mit
seinem Finger.
Er legte Sam´s Kopf sanft in Gras."Du flogst vor mir in den
Wasserfall und ich hatte Mühe dich zu erreichen. Durch die Berührung
deines Haares, als ich dich endlich eingeholt hatte, fand ich mich hier
wieder." Phil´s Lächeln schien in ihr etwas aufzusprengen.
Während des Fluges auf den Wasserfall zu, war ihre Behinderung vollkommen
verschwunden. "Du..", Phils Augen weiteten sich wieder. "warst
nicht mehr gelähmt."
"
Ich weiß!", flüsterte Sam, so leise, das nur sie es hören
konnte. Und dann so laut, das es seine Ohren vernehmen konnten, "Ich
liebe dich." Die ersehnte Antwort kam, verschwunden war die Angst
vor Ablehnung, das verletzte Selbstwertgefühl, der Rest dummer Stolz
und auch die Einsamkeit, die Leere in ihren Leben. Ausgefüllt mit
Liebe fühlte sie sich.
"
Ich liebe dich auch!", waren die erhofften Worte. Seine Mund kam
dem Ihren immer näher, öffnete sich langsam zum Kuss. Als Sam
die Augen schloss drückte sie, noch eine Träne hervor. Diese
floss schnell an ihrer Schläfe hinab und verschwand in ihrem Ohr.
Verirrt
Phil´s Mund hatte den Ihren noch nicht erreicht, schwebte eine
Zungenspitze von den Lippen entfernt über ihr.
Er schien still zu stehen.Dann fiel der Kopf ruckartig nach vorn. Die
Lippen prallten kurz auf einander, flüchtig, wie ein unabsichtlicher
Kuss.
Sein schwarzes Haar wischte ihr über ihr Gesicht und als sie nach
einem Augenblick wieder sehen konnte, bemerkte sie erschrocken, das sich
die Haltung seines Körpers nicht verändert hatte.
Ruckartig blickte Sam nach links. Philips Kopf kullerte, lustig hin und
her springend, ein paar Meter abwärts, blieb senkrecht stehen und
sah sie erstaunt an. Plötzlich blinzelten seine Augen und der Mund öffnete
sich zu einem stummen Schrei. Doch nur ein leises Gurgeln drang hervor.
Sam drehte den Kopf zurück und sah in Philips Hals. Sie erblickte
die durchtrennten Sehnen, die zuckten, Muskeln, die sich hektisch kontrahierten
und das Rückenmark, welches mit farblosen Tropfen auf ihr Kinn fiel.
Blut sah Sam nicht, stellte sie verwundert fest und wunderte sich gleich
wieder über ihre nüchterne Einschätzung. Ein riesiger
Schwall roter Flüssigkeit schoss in diesem Augenblick aus dem Inneren
des Körpers hervor. Sam gelang es nicht rechtzeitig den Mund zu
schließen, als das Herz das Blut herauspumpte. Entsetzt wälzte
sie sich hustend und spuckend zur Seite.
Phil Augen folgen ihr, als sie sich hinkniete. Sein Rumpf war vorne über
gekippt und hielt sich noch ein paar unendliche Sekunden, fiel dann auf
die linke Seite.
Hektisch wischte sich Sam das klebrige Blut aus den Augen. In ihrem Mund
brannte der metallische, salzige Geschmack. Ihre Zunge bekam einen pelzige Überzug.
Immer wieder ausspuckend und würgend erhob sie sich. Ein Krampf
in ihrem Magen pumpte den Inhalt hervor und sie erbrach sich mit einem
riesigen Schwall. Geronnenes Blut, vermischt dem Resten der Frühstückes,
flog durch den grünlichen, feuchten Nebel und klatsche ins nasse
Gras.
Phil´s Mund öffnete sich wie bei einem Fisch, der auf dem
Trockenem liegt.
Es schien, als hätte ihn jemand bis zum Kopf eingegraben oder als
würde es normal sein, das auf dieser Wiese Köpfe wachsen. Worte
wie Infektionsgefahr und Wundbrand schossen ihr durch den Kopf. Mit einem
Lidschlag beendete sie das sinnlose Nachdenken darüber. Die durchtrennte
Luftröhre machte leise furzende Geräusch bei dem Versuch einzuatmen.
Erst jetzt sickerte das Begreifen ihren Geist, wie der Tropfen Kaffee
einen Zuckerwürfel langsam braun färbt.
Wer war der Angreifer?
Hektisch rollte sie sich ein paar Mal um ihre Körperachse, um aus
der Reichweite der Bedrohung zu kommen, sprang mit aller Kraft auf die
Beine und wandte sich in der Bewegung ihrem Feind zu. Was sie erblickte
lies sie erstaunt innehalten. Doch im nächsten Augenblick hatte
das scharfe, rot gefärbte und stellenweise silbern blitzende Schwert
ihre Unterarm erreicht, den sie im Reflex hoch hielt, um sich vor dem
Schlag zu schützen. Während sie ihrer Hand nach sah, die im
hohen Bogen durch den Nebel segelte, wurden ihr drei Dinge bewusst.
Erstens hatte der Angreifer lange gewartet, bis er sie angriff. Bis zu
diesem Moment hätte man Sam schon einige Male zerhacken können,
aber der Angreifer wartete auch jetzt ab und setzte mit keinem tödliche
Schlag hinterher. Also töten wollte man sie nicht. Phillip folgte
immer noch ihren Bewegungen mit den Augen. Wie lange dauerte es bis man
starb, ohne Kopf? Gab es eine zeitlichen Unterschied zwischen Rumpf und
dem Haupt? Zweifel begannen in ihr zu wachsen.
Zweitens waren alle Behinderungen verschwunden. Ein Reflex hatte sie
aufspringen lassen. Mit ihrer Lähmung hätte sie mehrer Minuten
gebraucht um aufzustehen. Kraft schien in alle Muskeln zu pulsieren.
Sehnen und Bänder waren im Hochform. Auch ohne rechte Hand durchströmte
das Gefühl ihrer eigenen Macht Sam. Als ihre Hand in ihre eigenes
Erbrochens klatschte, erlosch dieses innere Leuchten. Leere und Dunkelheit,
Einsamkeit und Verlorenheit flossen in ihren Geist. Sam erschlaffte,
die aufgebaute Spannung lies nach und sie klappte zusammen, wie ein Taschenmesser.
Wasser füllte ihre Augen.
Und Drittens: Der Angreifer war ein Frau! Vor ihr stand, mitleidig lächelnd,
eine wunderschöne Frau. Sie über ragte Sam um einen Kopf. Die
nackten, perfekt geformten Beine wurden nur von einem nebelhaftem Schleier
verdeckt. Langes blondes Haar wallte bis über ihren Gesäß.
Ideal gewachsene Brüste und ein wundervoller Gesicht ließen
eine Aura von perfekter Schönheit um dieses Wesen fließen.
In ihrer herabgesunkenen Hand befand sich das riesige Schwert, von dem
Blut in Gras tropfte. Anscheinend schien sie nicht die Absicht zu haben,
Sam weiter zu zerkleinern. Sam´s linke Hand umklammerte den Armstumpf,
aus dem nun auch Blut sprudelnd hervor quoll. Merkwürdigerweise
spürte sie keinen Schmerz. Sie lies sich auf die Knie fallen, hob
den Kopf und blickte die fremde schöne Frau fragend an. Mit einer
abwertenden Handbewegung drehte sich diese von Sam weg, hob mit spitzen
Fingern die abgeschlagene Hand auf und warf dieses Sam im hohen Bogen
zu. Mit einem entsetzten, leisem Aufschrei versuchte Sam der Kollision
zu entgehen, sich wegzudrehen, aber die blutige und mit Erbrochenem beschmierte
Hand patschte ihr dadurch nur auf die Schulter und kullerte danach über
ihre Brust in ihren Schoß. Die perfekte Frau schüttelte traurig
den gesenkten Kopf. Dann blickte sie zornig in den Himmel, breitete die
Arme aus, immer noch das blutige Schwert in der Hand und schrie zornig.
"
Ein Mensch?" Ungläubig starrte sie Sam in die Augen und rief:"Ein
Mensch soll uns helfen?" Sie hieb mit den Schwert zischend durch
die Luft, so das Sam sich duckte.
"
Sag mir, wie soll dieser ängstliche Haufen Fleisch uns nützlich
sein?", rief sie wieder den Oberkörper trotzig gen Himmel reckend.
Wütend ging sie auf Sam zu, die hastig versuchte rückwärts
zu kriechen. Die Hand lag nun im Gras und zuckte merkwürdig.
"
Nun nimm endlich deine Hand und setz sie wieder ran, sonst beginnt sie
zu leben."
Unwirsch schob sie mit der Spitze des Schwertes Sam die abgetrennte Gliedmaße
zu. Widerwillig ergriff Sam ihre eigene Hand, welche sich sofort mit
einem festen Händedruck an dem linken Pendant festklammerte. Wieder
entfuhr Sam ein leiser Aufschrei. "Drück sie gegen die Wunde!" fuhr
die fremde Frau Sam harsch an. Als Sam auf die offene Stelle ihres Armes
blickte, begann sich schon zarte rosa Haut auf dem blutigen Fleisch zu
bilden. Entschlossen presste Sam die durchtrennten Teile aufeinander.
"
Warte bis es warm wird, dann noch ein paar Minuten Ruhe und schon bist
du um eine Erfahrung reicher." Der spöttische Unterton zeigte
Sam die Verachtung, welche dieses weibliche Wesen für sie empfand.
Wärme strömte jetzt aus ihrem Arm in die Hand. Wie in einem
Zeitraffer schlossen sich die Wundränder und Sam bekam langsam die
Kontrolle über ihre Hand zurück.
"
Los und nun dein Freund.", herrschte sie Sam an. "Mach schon!" Mit
einem brutalen Fußtritt beförderte sie Phil´s Kopf in
Richtung Rumpf. Als der zu seinem anderen Teil heran gerollt war, hing
ihm ein Auge am Sehnerv aus der Augenhöhle. Und das andere blinzelte."Nun
sei nicht so zimperlich, Mensch!" Sie sprach es wie ein Schimpfwort
aus.
Sam nahm all ihren Mut zusammen und packte Phillips Kopf an der Ohren,
wo sonst hatte sie überlegt, kniete sich über den Rumpf und
drückte beide fest zusammen.Nach wenigen Sekunden hustete Phil blutigen
Schleim über ihre Hände und zuckte ein paar Mal. Sam schob
das Auge, welches sehr langsam in die Augenhöhle zurück gezogen
wurde, mit sanften Druck in die ursprüngliche Position.
"
Danke..", röchelte Phil. Sam war unfähig zu sprechen.
Sie nickte ihm nur zu und lies den Kopf los. Sie stand auf und wandte
sich der unbekannten, brutalen und doch faszinierend schönen Frau
zu.
"
Menschen", abfällig dieses Wort wiederholend lief sie immer
wieder im Kreis und zog das Schwert hinter sich her. "Warum bekomme
ich statt Hilfe einen unfähigen Menschen?"
"
Zwei.."
Sam ließ die Berichtigung im Raum hängen, denn der gefährliche,
blonde Engel drehte sich abrupt zu Sam um. "Dich hab ich nicht gemeint.
Kein Ahnung, warum du hier bist." Sie zeigte mit einer heftigen
Bewegung des blutigen Schwertes in Phil´s Richtung, der zurückzuckte,
als ein paar Blutstropfen in seinem Gesicht spritzten.
"
Was willst du hier?", fuhr die Frau Sam wieder an. "Wie hast
du den Übergang geschafft? Nur auf ihn hab ich gewartet!" Sie
wandte sich wieder Phil zu.
"
Und was hab ich bekommen?" Sie war ein paar Schritte auf Phil zu
gegangen, der sich ängstlich duckte und ihn die Hocke ging.
"
Na was?", schrie sie ihn an.
"
Ich heiße Phillip..", flüsterte er, den Kopf gesenkt.
"
Ein menschliches Stück Scheiße, einen ängstlichen Fleischhaufen!
Du bist es nicht wert einen Namen zu tragen", wieder reckte sie
die Arme wütend zum Firmament und schüttelte die Hiebwaffe.
Als sie die Arme herabsanken, schnellte Phil mit einem Mal aus der Hockstellung
wie eine Sprungfeder hervor und führte mit der rechten Faust einen
harten, gezielten Schlag gegen das rechte Handgelenk der Frau. Bevor
das Schwert im hohen Bogen durch den Nebel fliegen konnte, hatte Phil
mit einem blitzschnellen Griff der linken Hand das scharfe Ding gepackt
und rollte katzenhaft im weichen Gras ab. Dem Schwung ausnutzend landete
er auf den Füßen und führte mit dem Schwert einen furchtbaren
Schlag hinter sich, ohne sich um zu wenden.
Die schöne Frau hatte ihn im selben Moment nachgesetzt, als Phil
die Waffe an sich gebracht hatte und wehrte den Hieb mit ihren elfenbeinfarbenen
Unterarmschonern ab und wirbelte, sich um die eigene Körperachse
drehend, um Ihren Gegner den linken Ellenbogen ins Gesicht zu rammen.
Doch auch Phil hatte sich umgedreht und schlug aus der Hüfte in
Richtung ihres Bauches. Ihr Schlag ging ins Leere, denn der rechte Arm
wehrte den Angriff wieder ab. Gleichzeitig mit dem Krachen des Schwertes
auf die Rüstung, trat Phil ihr mit dem Fuß in die linke Kniekehle,
so das es einknickte.
Doch diese Energie nutze sie sofort aus und rollte durch das Gras und
um mit einer eleganten Bewegung gleich darauf in einer kampfbereiten
Pose zu erstarren, dann auch Phil setzte ihr nach und trieb ihr mit heftigen,
unnachgiebigen Schub die Waffe bis zum Heft in den Oberkörper.
Als es auf der anderen Seite austrat, schien das Schwert sauber zu sein.
Sam wartete auf das Blut, aber nichts passierte. Im Gegenteil. Die Frau
lächelte und packte die Waffe mit beiden Händen und zog sie
mit kurzen Ruck aus ihren Körper. Phil war zurückgetreten und
blickte ihr schweratmend, aber selbstbewusst, ins Gesicht. Die Wunde
zwischen ihren Brüsten schloss sich innerhalb von Sekunden.
"
Nicht schlecht...für einen Menschen. Ich hatte lange keinen ebenbürtigen
Gegner zu unseren Reihen.", sagte sie.
Phil sprach immer noch kein Wort. Sam wandte zwischen den Beiden ihren
Kopf immer hin und her. Langsam erhob sie sich, räusperte sich und
als immer noch keiner der beiden ein Wort sprach, fing sie an.
"
Also...ich weiß nicht so richtig...ich meine...was ich hier soll.
Wo sind wir hier? Und warum?" Phil und die fantastisch aussehende
Frau starrten sich immer noch wortlos in die Augen. Sam wurde mutiger.
"
Na ja.. jedenfalls scheint ihr euch ja irgendwie zu kennen. Ich meine
nach der Vorführung eben." Sie trat einen Schritt näher
heran und sah beiden abwechselnd in Gesicht.
"
Aber könnte mich bitte einmal jemand aufklären?" Die Zuversicht
in ihr wuchs stetig, Mut und Stärke schienen sich aus ihrer Mitte
heraus auszubreiten.
"
Was soll ich ihr?" Sie schrie die Frage fast.
"
Schweig Mensch !", befahl ihr die Frau. In Sam´s Seele explodierte
eine Sonne.
"
Nein!", kreischte sie zurück. "Ich will jetzt wissen.
warum ihr hier bin, wer ihr seid und was das Kämpfen, das Abschlagen
von Köpfen und Händen und das Festwachsen zu bedeuten hat." Kraft
strömte ihr in die Hände, lies Wärme in den Armen pulsieren.
Sam war wütend.
"
Du Mensch wagst es so mit einer Fee zu reden?" Das letzte Wort spie
sie Sam entgegen, dabei holte mit dem Schwert Schwung.
"
Ich, wenn du hier sterben könntest, würde dich jetzt gerne
töten. Aber ich kann dich wenigstens für eine Weile ruhig stellen!"
Das Schwert sauste mit der flachen Seite auf ihren Kopf zu. Sie kniff
die Augen zu und versuchte sich zu ducken. Farben explodierten vor ihren
geschlossen Augen. Sterne sprangen hoch, zerplatzten in tausende neue
Formen, verwischten sich zu bunten Schlieren.Den Schmerz registrierte
sie erst, als sich der dunkle Hintergrund langsam rot färbte. Erstaunt
riss sie die Lider hoch. Doch jetzt senkte sich der wohltuende Schleier
der Bewusstlosigkeit über ihre Schmerzen.
Einsam
Phils Worte tropften durch ihren Traum, trieben wie Blätter auf
einem Fluss davon, ohne das sie eine Bedeutung erfassen konnte. Als nächstes
nahm sie das Licht war außerhalb ihre geschlossenen Lider war.
Vorsichtig öffnete sie die Augen einen Spalt und sah Phil an Fenster
stehen. Wie bei einer Sanduhr rann die Erinnerung zurück in ihr
Aufwachen. Irland, Reise, das Hotel...ja sie befand sich im Hotelzimmer,
die Fahrt zur Quelle..Sie atmete schneller. Der flüchtige, nicht
erfolgte Kuss fiel ihr ein, der abgetrennte Kopf und Blut, Blut, viel
Blut.
Schmerzen im Kopf bestätigten ihr die Wahrheit der Geschichte. Mühsam
versuchte sie sich aufzusetzen. Das Gehirn schien auf einem Nagelbrett
hin und her zu rollen. Schwer ausatmend lies sie sich zurück sinken. "Hilf
ihr!", forderte Phil jemanden nachdrücklich auf. Eine Hand
legte sich auf Ihren Kopf und Wärme floss in ihren Körper.
Binnen Sekunden füllte sie sich mit Sonnenlicht, glühte innerlich.
Die Erkenntnis aber, wer ihr dort half, brachte Sam dazu, aus dem Bett
zu springen.
Die Fee!
Mitleidig lächelnd stand sie am Kopfende der hölzernen, mit
malvenfarbene Gardinen verhangenem Himmelbettes. Sam presste sich in
die äußere Ecke des kleinen Zimmers, zwischen eine handgeschnitzte
Vitrine und einer altertümlichen Kommode. Schweißtropfen bildetet
sich auf ihrer Stirn. Phil trat auf sie zu, legte ihr beruhigend die
Hände auf die Schultern und führte sie sanft zu einem in der
Nähe stehenden Sessel, drückte sie in das Polster.
"
Das ist Kadyaríel.", sagte er auf die Frau weisend. "Die
Fee der Quelle.
Sie hat dort auf mich gewartet." Er trat zurück und setzte
sich ebenfalls in einen Sessel.
"
Sam die Quelle.. na ja die Kelten glaubte früher.." Kadyaríel
unterbrach ihn.
"
...wussten, mein lieber Cúchulainn, sie wussten es!" Im diesem
Moment öffnete sich die Zimmertür und ein Pärchen trat
ein. Ohne eine Notiz von den Anwesenden zu nehmen, versanken sie in einem
innigen, feuchten Kuss und begannen mit gegenseitige Unterstützung
die Kleider abzulegen. Sam starrte abwechselnd auf Phil, Kadyaríel
und das Pärchen. "Gut, ja ich weiß es ja selbst. Die
Quellen sind Tore zur Totenwelt. Deshalb sind wir auch nicht an den schrecklichen
Verletzungen gestorben. Weil...na ja hier sind schon alle tot!" Phil
lächelte verlegen.
"
Ich weiß, was du jetzt denkst...du träumst oder halluzinierst.
Aber glaub mir, es ist wirklich wahr. Schmerzen, Essen und Trinken, sowie
alle Körperbedürfnisse sind genauso vorhanden, wie in der realen
Welt."
Das Pärchen war jetzt nackt. Sam schätzte das Alter auf kurz
vor der Rente und beide Partner waren doch schon arg aus der ursprünglich
von Gott angedachten Form geraten. Ihre Massen klatschten aufeinander,
als sie auf das Bett plumpsten, auf dem Sam noch eben gelegen hatte.
"
Gott...ja wo ist Gott?", fragte sie geistesabwesend.
"
Nun Sam, also der einzige Gott, den du zu kennen meinst, an den du zu
glauben gelernt hast...den gibt es hier nicht. Hier existieren eine Vielzahl
von Göttern und wir sind im Totenreich."
Kadyaríel trat einen Schritt auf Sam zu, beugte sich zu ihr und
sagte leise, "Im Reich von Morrígan!", dann warte sie
auf eine Reaktion Sam´s, als müsste ihr der Name einen Schrecken
einjagen, aber sie hatte das Wort noch nie gehört.
"
Kadyaríel, warte sie ist ein Mensch. Woher soll sie es wissen?"
"
Du kennst es auch!"
"
Ich gehöre auch hierher. Und meine Verbannung ist durch dich beendet
worden. Warum auch immer!"
"
Meine Aufgabe bestand darin, jemanden in das Reich zu holen. Ich wusste
weder wen, noch das es auf einmal zwei sind, nur das uns jemand helfen
wird, gegen Sie anzutreten.", entgegnete sie ihm.
Der korpulente Mann begattete inzwischen heftig die fette Frau, wobei
er, obenliegend, leise furzte, wenn er in sie eindrang, worauf sie quietschende
Geräusche von sich gab. Mit jedem Stoß prallte das Bett gegen
die Wand, woraufhin von der Glaßcheibe des Bildes über ihnen
ein helles Klappern ertönte.
Sam konnte den Blick nicht von ihnen abwenden. Irgendwie wurde die Situation
zu unwirklich. Langsam, ohne den wegzusehen, legte sie ihre Hand auf
Phils Arm. "Siehst du sie auch?", flüsterte sie, nachdem
er den Kopf gesenkt hatte und ihr dann fest in die Augen blickte. "Ja.",
hauchte er zurück.
"
Sie leben...Sam. Wir können sie sehen, aber sie uns nicht.."
Er holte tief Luft, hielt sie ein paar Sekunden bedeutungsschwanger an,
atmete aus und erklärte ihr mit seiner letzten Luft, fast tonlos: "Wir
sind tot..."
Das Satz blieb in der Luft hängen. Phil sah ihr ins Gesicht, wartete
auf eine Reaktion. Kadyaríel verzog den Mund zu einem spöttischen
Lächeln und Sam wusste genau, was sie erwartete. Doch den kurzen
hysterischen Anflug unterdrücke sie leicht. Zustimmend und akzeptierend
nickte sie langsam und vorsichtig.
"
Du bist ein Elf und heißt...Cúchulainn...gut. Sie ist eine
Fee, die Hüterin der Quelle und heißt Kadyaríel."
Sam starrte weiter auf die Koitus vollziehenden Rentner. Wieder nickte
sie bedächtig.
"
Und wann hören die auf zu ficken?, fragte sie leise.
Aus Kadyaríel brach ein schallendes Lachen hervor. "Eines
können wir nicht, Einfluss auf die Lebenden nehmen. Wir sind unsichtbar
für sie. Nur an den Quellen sind Übergänge erschaffbar,
durch die Macht der Feen. Aber immer nur ins Totenreich. Es existiert
keine Möglichkeit zurückzukehren."
"
Aber sie sollen endlich aufhören..!" Sam´s Kopf füllte
sich mit Wut, Hitze schien sich, wie für einen Vulkanausbruch, in
ihrem Bauch zu sammeln und langsam aufzusteigen. Ohnmacht wallte in Schüben
nach oben. Sam schrie ihr Wut heraus.
"
Sie schlug mir heute die Hand ab und sie wuchs wieder an und davor bin
ich fast am Blut meine Freundes ertrunken, dem einige Zeit der Kopf fehlte,
ihr hab mir erklärt, ich sei tot und nun Vögeln in meinem Hotelbett
zwei Menschen, die meine Großeltern seien könnten!" Sie
steigerte ihre Erregung, ihren Zorn mit jeden Wort. Am Schluss schrie
sie.
"
Hört endlich auf!"
Der dicke Mann schien etwas gehört zu haben. Als Sam Schrei ertönte
hielt er plötzlich inne, atmete tief ein und lies sich dann auf
seine Partnerin sinken. Kadyaríel begann zu langsam klatschen.
Leise lachend und den Kopf schüttelnd honorierte sie Sam´s
Wutausbruch. "Ich gratuliere dein Schrei treibt alte Männer
zum Orgasmus." Sam hatte den Kopf gesenkt schämte sich für
ihre Unbeherrschtheit. Sie war nun wütend auf sich selbst, über
ihren ungezügelten Ausbruch, denn innerhalb von Sekunden war ihr
Zorn verraucht, ebenso schnell, wie sie gekommen war. Alle in Raum waren
still.
Bis auf die fette Frau. Denn plötzlich begann sie zu schreien. Hysterisch
versuchte sie unter dem Mann hervor zu kriechen. Sam und Phil schauten
sich verwundert an und erhoben sich. Auch Kadyaríel´s Gesicht
nahm einen ungläubigen Ausdruck an. Die Erkenntnis, das der alte,
verfettet Mann tot war, traf Sam wie eine Keule. Ein Schwindelgefühl
zwang sie dazu, sich am Bettpfosten festzuhalten. In seinem Todeskrampf,
dem alle, wohl auch die alte Frau, für einen Orgasmus gehalten hatten,
entleerte sich sein Darm.
Der Kot war nun verteilt über Bauch und Beine der nackten Frau und
verhinderten mit ihrer Glitschigkeit, ein schneller Hervorwinden unter
dem toten Körper. Inzwischen leise wimmernd kroch sie mühsam
aus dem Bett.
"
Ich hab ihn getötet", flüsterte Sam. "Mein Gott...ich
hab ihn umgebracht!" Entsetzen erfüllte Sam. Wie bei einem
Sturz aus großer Höhe fühlte sich ihr Inneres an, zwang
sie zum verkriechen in die Einsamkeit des Schuldgefühles. Eine Hand
an ihrem Kinn brauchte sie zur Besinnung.
"
Dummes Huhn! Glaubst du, du bist ein Gott? Die Welt der Lebendigen beeinflussen
kannst du?"
Hart stieß die Fee sie zurück, so dass Sam zurück taumelte
und um ein Haar den Sessel verfehlt hätte. Kadyaríel beugte
sich zu ihr herunter. "Du bist ein Mensch und genauso tot, wie der
Berg Fleisch dort. Und keine Macht der Welt bringt dich zurück,
es denn..." Sie hielt inne. "Es sei denn Morrígan will
es so!" Ein Gedanke erstand in Sam´s Kopf, formte sich zu
einer Frage, quoll aus ihrem Mund. "Und warum ist er jetzt nicht
hier, wenn er tot ist?" Trotzig und überlegt sollte es klingen,
aber als es ausgesprochen wurde, kam es ihr zögernd und schüchtern
vor. Kadyaríel schnaubte nur kurz. "Er wird sich in den Räumen
von Morrígan aufhalten. Es wird gerichtet über ihn. Danach
kann er gehen, wohin er will." Sie wandte sich Phil zu. "Genug
geplaudert. Cúchulainn komm. Wir haben wichtigeres zu tun."
Kadyaríel erhob sich. "Soll sie mit uns reisen? Oder willst
du sie hier lassen?"
In Sam stieg Panik hoch. Was sollte sie anfangen in diesem Hotelzimmer?
Allein mit einer verstörten Alten und einem toten Mann. Aber Phil,
oder besser Cúchulainn, lächelte ihr zu. "Sie kommt
mit uns.", antwortete er bestimmt. Dankbar erfasste Sam seine Hand,
als er zu ihr herantrat.
"
Dann berührt mich für die Reise." Cúchulainn und
Sam traten zu der Fee und er ließ seine Hand auf ihre Schulter
sinken. Sam zögerte. Erst als Kadyaríel spöttisch das
Wort Mensch zischte, packte sie ebenfalls den Oberarm des übernatürlichen
Wesens. Ein Ton erfüllte den Raum wie ein mehrstimmiger Gesang und
kurz darauf, wurde die Welt um sie herum unscharf, schien sich in bunten
Schlieren aufzulösen. Wind kam auf, wirbelte um die Drei, Oben und
Unten drohten zu verschwinden. Dann festigte sich das Bild wieder und
die Quelle ertönte mit ihrem Rauschen.
Die Fee sank ins Gras, breitete ihr wundervolles Blondhaar über
das Grün und blickte zu den Beiden empor, die sie erwartungsvoll
anstarrten.
"
Willst du dies Menschlein wirklich mitnehmen? Sie wird dir nur hinderlich
sein bei deiner Aufgabe, deine Reise verlängern." Ein schelmisches
Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. "Oder willst du sie als
Bettgenossin? Oh Cúchulainn dann enttäuscht du mich. Sie
war bis vor kurzem noch ein Krüppel. Vergleiche mich mit ihr!" Verächtlich
spukte sie das letzte Wort aus.
"
Ich kann die Erholung, Freude und Entspannung vor deiner beschwerlichen
Reise bieten. Lass sie bei mir, dann hab ich hier was zum spielen."
Unbehagen erfüllte Sam. Doch Cúchulainn lachte nur. "Oh
Fee du bist sehr von dir überzeugt. Nun dann schau sie doch mal." Er
deutete auf Sam.
"
Glaubst du nur weil du halbnackt über dein Reich herrschst, ist
Sam weniger schön? Wenn sie gebadet und ihr Haar gebürstet
ist, ist sie dir ebenbürtig!"
Ein fast ungesunde rote Farbe breitet sich in Sam´s Gesicht aus.
Verlegen schaute sie ihren Verehrer an. So hatte noch nie ein männliches
Wesen über sie gesprochen. Sie selbst dachte von ihrem Körper
seit ihrer Erkrankung schlecht, fühlte sich unvollkommen und abstoßend.
Und nun ein Kompliment.
Der heutige Tag brachte ihr ein unglaubliches Wechselbad der Gefühle.
Ein warme Welle der Zuneigung für Cúchulainn flutete durch
ihren Leib. Doch auch Kadyaríel hatte ihre Gesichtfarbe verändert,
allerdings mehr in grünliche und nicht aus Liebe, sonder vor Wut.
"
Gut!", stieß sie heraus. "Dann hört die Instruktionen,
die ich euch geben soll."
"
Dies Schwert und die Rüstung gehört euch Cúchulainn.
Mit einem mehrstimmigen Summton erschienen mit hölzernen Nieten
beschlagene Arm- und Beinschoner aus braunem, gehärtetem Leder.
Eine hirschledernes Wams, mit einer Vielzahl vom Runensymbolen verziert,
manifestierte sich auf der Wiese. Cúchulainn begann sofort die
Sachen anzulegen. Sein Jeans wirkten störend auf das Gesamtbild
und mit einem weiteren musikalischem Accord der Stimme der Fee verwandelten
sich seine Beinkleider in Lederleggins und Sportschuhe in feine, handgenähte
Schaftstiefel.
"
Es wurde mir aufgetragen dir diese Waffe zu übergeben." Im
Gras erschienen ein blitzender eiserner Dolch, verziert mit Runen auf
der Klinge, ein mittleres Schwert, ebenfalls graviert und ein Bogen mit
einem Köcher voller Pfeile. "Benutzt die Peile mit Bedacht!"
Kadyaríel nahm den Köcher auf und gab ihn Cúchulainn. "Ihr
wisst warum?"
"
Oh ja, Es ist ein wertvolles Geschenk und ein Gefährliches!" Cúchulainn
legte sich alle Waffen an. Sam stand daneben und sah hilflos zu. Sie
fühlte sich überflüssig und dies brachte ihren Magen in
Aufruhr.
"
Ach ja, was machen wir denn mir dir?", wandte sich Kadyaríel
ihr zu. Nach eine Hand Bewegung und der Andeutung eines Tones aus dem
Mund der Fee verwandelte sich ihre Sachen in ein grobes, erdfarbenes
Leinenkleid und ein dunkelblaues Kopftuch. Die Schuhe wurden zu bequemen
Holzschuhen. Sam stellte fest, das sie nicht einmal mehr Unterwäsche
an hatte und das das grobe Tuch entsetzlich kratzte.
"
Ja so gefällt sie mir schon besser. Sie ist halt eine Bäuerin.
Darin fühlst du dich doch wohl drin oder?", fragte die Fee
spöttisch.
"
Kadyaríel!", schritt Cúchulainn nun ein. "Ich
denke, wir haben eine lange Reise vor uns. Sie braucht auch Leder." Missmutig
summte Kadyaríel und auch Sam war daraufhin in Leder gekleidet
(allerdings immer noch ohne Unterwäsche).
"
Aber baden wollten wir euch noch...", schmunzelte sie gehässig.
Ein heller Laut aus der Kehle der Fee und ein unsichtbarer Stoß gegen
ihren Brustkorb hob Sam eine Handbreit in die Luft und schleuderte sie
in einen sanften Bogen in das Becken des Wasserfalls. Die Kälte
nahm ihr erst den Atem, aber als sie das Ufer wieder erreicht hatte,
pumpte ihr Körper rasend schnell die Luft in die Lungen. Sie zitterte
und wusste nicht, ob sie nun wütend oder traurig sein sollte, aber
eins war sie gewiss, halb erfroren. Die Temperatur des Wassers betrug
sicher nicht mehr als 10 Grad Celsius. Sam kauerte sich zusammen und
setzte sich neben die schamlos grinsende Kadyaríel. Sie hatte
sich vorgenommen nicht mehr auf die Provokationen der Fee zu reagieren.
"
Zitterst du aus Angst vor mir?", fragte diese wieder spöttisch.
Cúchulainn unterband weiteren Gehässigkeiten.
"
Genug jetzt! Wir haben Wichtigeres zu besprechen! Mach uns ein Feuer
und dann erzähl uns den Grund unseres Hier seins." Er hatte
sich, während er dies sprach, erhoben und ein paar Äste eingesammelt,
allesamt nicht sehr trocken, so das es mehr rauchen als wärmen würde.
Er stapelte das Holz auf und Kadyaríel entzündete es mit
einem tiefen summenden Ton.
"
Gut.", sprach die Fee leise und angespannt.
"
Es ist viel passiert, Cúchulainn, seit ihr von Morrígan
verbannt wurdet.
Ich hoffe, es ist euch gut ergangen in der Fremde. Hier ist viel Schlimmes
passiert. Schon oft geschah es, das sich die Fürsten Mag da Chéo´s
bekriegten, doch immer wieder versiegten diese Geplänkel in dem
Lauf der Zeiten. Niemand konnte alle Fürstentümer beherrschen
und alle zu vereinigen ebenso wenig. So war es seit Anbeginn der Ebene
der zwei Nebel.
Ellén, diese grässliche, dreiköpfige Ungeheuer vor vielen,
vielen Jahrhunderten von Fionn getötet worden. Oft war es als Waffe
gegen Irland eingesetzt worden, hat Tod und Verwüstung den Fürsten
der Anderswelt gebracht. Seine Asche aber sammelte Morrígan ein
und heimlich begann sie an ihrem eigenen Reich zu arbeiten. Sie schuf
sich eine Armee von Ungeheuern. Jahrhundertlang saß sie in Cruachan
und dachte nur an Rache für die Abweisung, dir ihr erteiltet. Aller
Welt hatte sie von euren Tod erzählt und euch dabei nur verbannen
können, in die Welt der Lebenden." Sie hielt kurz inne und
blickte ihn an.
"
Cúchulainn, ist euch bewusst, wie lange ihr fort wart?"
"
Nein, ich habe keine Erinnerung mehr an das, was geschah, als ich in
die Welt der Lebenden verbracht wurde."
"
Es sind über zweitausend Jahre vergangen, die ihr dort gelebt habt.
Morrígan hoffte wohl, ihr wäret sterblich, aber Aed hielt
seine Hand über euch. Er hielt die Göttin zurück, Schlimmeres
zu tun. Doch auch seinen Macht wurde gebrochen." Kadyaríel
starrte, während sie erzählte, fast die ganze Zeit ins Feuer,
ohne den Blick länger abzuwenden. Sam sah den Schein der Flammen
in den großen, blauen Augen tanzen. Langsam schlich sich die Dunkelheit
an diesen idyllischen Ort, verdrängten Schatten die sonnigen Flecken
und dir Kühle senkte sich wir eine Decke über die Drei. Sam
zitterte oder besser gesagt wieder, denn ihre Kleider waren am warmen
Feuer getrocknet, aber die Nacht legte sich auf ihrem Rücken, wie
ein kühles, nasses Betttuch.
"
Was wird von mir erwartet?" Cúchulainn hatte sich erhoben
und schritt nachdenklich im Kreis um die Feuerstelle.
"
Wer hat mich zurückgeholt? Aed hätte die Macht, aber er wäre
zu meiner Begrüßung selber erschienen."
"
Bé Find, die weiße Göttin beauftragte mich. Sie hätte
es sich nicht nehmen lassen euch willkommen zu heißen, aber es
sind schwere Zeiten in Andersland. Aed ist verschollen und seine Gattin,
Bé Find, befürchtet, dass Morrígan ihre Finger im
Spiel hat. Darum wollte sie die gefährliche Reise nicht unternehmen.
Es wimmelt im Land von der Geschöpfen dieser bösen Frau."
"
Aed ist verschwunden?", Cúchulainn sah Kadyaríel ungläubig
an. "Wer verfügt über solche Macht den Herrscher der Götter,
den Gott des Blitzes und des Donners, zu bedrängen, ja ihn gar verschwinden
zu lassen." Er blieb abrupt stehen und legte seiner Gesprächspartnerin
die Hand auf die Schulter.
"
Ist er verbannt? In die Welt der Lebenden?"
"
Ach.." Die Fee wiegte traurig den Kopf ihn und her. "Wenn wir
es nur wüssten!" Sie seufzte.
"
Viele von uns haben Nachforschungen angestellt und wir vermuten ihn dort.
Es gab eine mächtige magische Zeremonie und mehrere der Fürsten
Mag da Chéo´s taten sich zusammen, um zu rebellieren. Schon
seit Anbeginn von Mag da Chéo´s bekriegten sich die Fürsten.
Nun taten sich fünf von ihnen zusammen, um alles unter sich zu teilen.
Doch Aed stand ihnen im Weg. Nie hätte er diese Verschwörung
geduldet, also lies man ihn verschwinden. Wir vermuten ihn in der Welt
der Lebenden. Doch wer, außer euch kann ihn zurück holen?
Ohne seinen Einfluss werden wir kaum einen der kleinern Fürsten
bewegen können, sich auf unsere Seite zu schlagen. Diese Feiglinge
unterstützen immer den vermeintlich Stärkeren." Cúchulainn
hatte sich wieder gesetzt.
"
Morrígan hat den Kessel.." Kadyaríel stieß die
Worte hervor, als ob sie ihr Schmerzen bereiten würden.
"
Nur mit seiner Macht bekommen wir Aed wieder zurück, damit er uns
führen kann." Sam konnte nicht mehr länger an sich halten.
"
Kessel? Was für einen Kessel? Phil woher kennst du das alles, wo
du doch eben noch mein Physiotherapeut warst, mich von ein paar Stunden
noch küssen wolltest und nun auf einmal ein halber Gott im so einem
Totenreich, mit Ungeheuren, Feen und wieso bin ich hier, muss mich demütigen
lassen von einer wildfremden Frau? Was ist deine Rolle in diesem Stück
und was meine? Ich gehöre hier nicht her!" Da Gesicht von Kadyaríel
verzog sich wieder.
"
Du glaubst, es hat keinen Sinn, das du hier bist? Oh doch!", fuhr
sie sie an. "Ohne eine Vorbestimmung wärst du nicht hier, aber
ich kann nicht wissen, welche Rolle dir zugedacht ist. Vielleicht Cúchulainn
in den kühlen Nächten zu wärmen?" Cúchulainn
legt seine Hand auf die Schulter der Fee um sie zu beruhigen. "Woher
soll sie es wissen? Ich erkläre ihr, soweit ich es weis." Er
schaute Sam in die Augen, die sich mit Wasser gefüllt hatten, sich
nun leerten und senkrechte, aber keine geraden Striche in ihr Antlitz
malten.
"
Ich war..."
"
Er ist!", fiel ihm Kadyaríel ins Wort. Cúchulainn
lächelte.
"
war.. ein berühmter Held, bestritt viele Kämpfe, aber eine
Kampf verlor ich. Eben jene besagte und nun gefürchtete Morrígan
bot mir, einem Sterblichen, an, ihr Lager zu teilen. Ich lehnte ab und
würde es wieder tun, zu grausam waren alle ihre Taten. Aus Rache
für meine Ablehnung schwor sie ewige Feindschaft. Sie nahm mir mein
Gedächtnis und verbannte mich, der sich frei zwischen Mag da Chéo
und der Welt der Lebenden bewegen konnte von hier. So lebte ich ein ewiges
Leben, ohne zu ahnen, wer ich wirklich war. Sam rutschte unruhig hin
und her. "Wie lange ist dies her? Ich meine ich kann es kaum glauben,
denn ich kenne dich schon viele Jahre."
"
Ach Sam, dies ist vor langer Zeit gewesen. Ich kann nicht altern. So
ich doch ein Sohn von Göttern bin, aber sehr wohl kann ich sterben."
"
Ich dachte man kann hier nicht sterben...im Totenreich, weil man schon
tot ist."
"
Man kann durchaus getötet werden. Aber nur durch ein Element. Die
Wirkung der Zauber basiert immer auf einem der vier Elemente Erde, Wasser,
Luft und Feuer. Nur das letztere kann uns so vernichten, das uns keine
Macht der Welt zurückzuholen vermag." Sam wiegte den Kopf. "Dieser
Kessel, was hat es damit auf sich?"
"
Dieser Kessel, ach, das Morrígan ihn hat, erfüllt mich mit
größter Sorge.
Dieses Gefäß verleiht seinem Besitzer unheimliche, magische
Macht. Durch ihn kann man dunkle Kreaturen erschaffen, Tote lebendig
machen oder auch Götter in die Welt der Lebenden verbannen. Morrígan
wird ihn benutzen ihre Macht auszudehnen. Sie erhält zwar Unterstützung
von anderen Göttern, doch auch diese könnten sich zusammen
schließen und Morrígan versuchen zu vernichten. Sie wird
gezwungen sein, eine Armee ihrer Geschöpfe aufzustellen, um ihre
Verbündeten auszuschalten. Dies beschäftigt sie eine Weile.
Eines Tages vollendet sie ihr Werk und wenn wir dann nicht gewappnet
sind, haben wir auf lange Zeit keine Möglichkeit mehr, ihr wirksam
entgegen zu treten. Sam glaub mir, Morrígan wird mit Angst und
Schrecken herrschen und das fröhlich Lied in Mag Mell, der Welt
der Freuden, wird sich in eine schwermütige Weise verwandeln."
Kadyaríel hatte schweigend zu gehört und nickte zustimmend.
"
Cúchulainn hat recht, es ist bitter dies als eine der mächtigste
Feen Mag da Chéo´s sagen zu müssen. Unsere Chancen
sind sehr schlecht. Cúchulainn sucht Nemain in Tír na mBan,
der Insel der Frauen, auf und überzeugt sie, sich unserer Sache
anzuschließen."
"
Ha.." Cúchulainn war aufgesprungen und hieb mit einen Streich
seines Schwertes einen unsichtbaren Gegner in zwei Hälften.
"
Nemain, den Rausch des Krieges. Sie ist ein äußerst wehrhafte
Göttin und sie regiert jetzt das Land der Frauen? Oh ich bin gespannt,
was mich dort erwarten wird. Ich kämpfte einst gegen sie und verlor.
Damals trieb ich meine Männer mit einem Schlachtruf vorwärts
in den Kampf, der ihre Kräfte vervielfachte und den Feinden Angst.
Doch Nemain antwortete mit einem Schrei, dem Rausch des Krieges, der
ihrer Krieger in Raserei versetzte und ihnen unmenschliche Fähigkeiten
verlieh. Ihr soll ich nach langer Zeit gegenüber treten und sie
bitten, an meine Seite zu treten? Es ist unmöglich, was ihr verlangt."
Während er seine Worte sprach, hielt er die Luft mit dem Schwert
in Bewegung. Seine Anspannung stand ihn ins Gesicht geschrieben. Die
Adern und Sehnen am Hals traten deutlich hervor und die Kaumuskeln huschten
in den Pausen in seinem Gesicht hin und her.
"
Es ist die naheliegenste Möglichkeit und sollte es nicht gelingen,
sie vom unsere Sache zu überzeugen, so könnt ihr vielleicht
erfahren, wohin man Aed geschickt hat, wie er heißt und aussieht
in der Welt der Lebenden." Cúchulainn lies sein Schwert sinken
und blickte auf Kadyaríel hinab.
"
Glaubst du wirklich, ich könnte nach Tír na mBan reiten und
Nemain sagen, hallo wie geht's, machst du mit gegen Morrígan?
Wäre echt nett von dir...Oh nein...Man wird mich an den Grenzen
der Insel schon gebührend empfangen, wenn ich mit meinen Kriegern
erscheine.." Kadyaríel strich sich verlegen das lange Haar
aus der Stirn.
"
Ich habe keine Armee zur Verfügung? Wie soll ich die Grenzen nach
Tír na mBan überwinden mit einer Handvoll Männer?"
Kadyaríel sah ihn immer noch schuldbewusst an. "Cúchulainn
versteh doch.
Du musst heimlich auf die Insel der Frauen, die Macht von Nemain ist
zu groß, als das wir ein Heer an Kriegern und Kreaturen ausheben
könnten, das stark genug wäre, die Insel zu erobern. Misstrauen
herrscht in unseren Ländern, niemandem wird vertraut und auch dir
wird man nachsagen, es gelüste dir nach Macht, wenn du mit einer
Armee nach Tír na mBan unterwegs wärst. Nur in persönlichen
Gespräch mit Nemain kann es dir gelingen, sie zu überzeugen."
"
Zweikampf wäre das treffendere Wort für diese Unterhaltung.",
erwiderte er bitter. Abschätzend neigte die Fee den Kopf und blickte
Cúchulainn fest in die Augen. "Auch dafür musst du gerüstet
sein."
"
Sieh!" Durch eine kurze Folge gesummter Töne erschien vor Cúchulainn
in der Luft eine Speer.
"
Gae Bulga, meine Lieblingswaffe, lange habe ich sei ihn nicht mehr in
der Hand gehalten." Cúchulainn steckte sein Schwert in die
Scheide und griff den Speer aus die Luft. "Doch was nützt mir
so etwas gegen einen unsterblichen Gott?"
"
Nicht so voreilig Cúchulainn...Viele unsere zauberkundigen Helfer
haben eurer Waffe eine Macht angedeihen lassen, die sie zum mächtigsten
Kriegswerkzeug Mag da Chéo´s macht. Probier es aus, aber
sei vorsichtig.
Cúchulainn hob Gae Bulga hoch ich den dunklen Abendhimmel. Mit
einem schnellen Dreh am Griff entfaltete sich urplötzlich und ruckartig
die Spitze zu einem Kranz scharfer und spitzer Krallen mit Widerhaken.
Das metallische Geräusch war noch nicht verklungen, als die Spitze
zu glühen begann. Erst rot und zum Schluss weiß wie die Sonne.
Die Explosion war von der Lichtintensität mit dem strahlendem Himmelskörper
vergleichbar. Sam tanzten Flecken von den Augen. Die Hitze erreichte
sie nur Sekundenbruchteile später. Der Donner erzeugte ein unangenehmes
Gefühl im Bauchraum.
"
Damit kannst du sogar einen Gott vernichten." Kadyaríel sah
traurig aus.
"
Soweit sind wir gekommen, das wir uns gegenseitig vernichten wollen." Cúchulainn
rammte den Speer in den Boden.
"
Doch genug geredet. Die Zeit rinnt uns durch die Finger. Es ist die wahrscheinlichste
Variante die Anderwelt zu befreien. Wenn ich gegen Nemain kämpfen
muss, dann soll es so sein." Entschlossen rückte er seine Rüstung
zurecht.
"
Wie werden wir Tír na mBan erreichen?" Kadyaríel erhob
sich ebenfalls.
"
Wird uns Manannán mac Lir, der Gott des Meeres die Fahrt über
sein Reich verweigern?"
"
Davon gehe ich nicht aus. Er war immer neutral und hat sich auch diesmal
aus sämtlichen Streitereien heraus gehalten. Unterstützung
dürfen wir von ihm nicht erwarten. Er ist launisch und könnte
uns Schwierigkeiten machen, wenn er der Meinung ist, wir stören
ihn." Cúchulainn nickte zustimmend. "Woher bekommen
wir ein Schiff?"
"
Auch daran ist gedacht worden. Es ankert direkt vor der Küste. Seine
Besatzung sind ausgesuchte Krieger des Aed, erfahrene Kämpfer. Allerdings
begleiten sie euch nur bis vor die Küste Tír na mBan´s.
Dort werden sie euch wieder aufnehmen, wenn ihr zurückkehrt von
eurer Mission."
Sam stand nun auch auf. "Moment mal. Ihr sprecht immer von IHR...meint
ihr nun Phillip in der dritten Person oder seid ihr etwa der Meinung,
ich würde mitgehen? Oh da habt ihr euch aber geschnitten. Schiffsreisen
waren noch nie mein Ding. Jedes Mal hab ich mich halbtot gekotzt. Nein...nein.
Nie und nimmer bekommt ihr mich darauf.." Cúchulainn unterbrach
ihren Redefluss.
"
Sam, ich glaube nicht, das du unbedingt die Reise mit mir.." Jetzt
unterbrach Kadyaríel ihn.
"
Ich bin überzeugt, das sie mit dir reisen sollte. Warum ist sie
sonst hier? Es gibt einen Grund für ihre Anwesenheit!" Sie
streichelte Sam, die sich angewidert nach hinten lehnte, sanft über
die Wange.
"
und glaub mir...halbtot an Bord eines Schiffes ist besser für dich,
als hier mit mir zurückzubleiben.." Dabei lächelte schelmisch
und erzeugte in Sam´s Magen ein unheimliches und übelerregendes
Gefühl.
"
Aber Phil..." "Er heißt Cúchulainn!", herrschte
Kadyaríel Sam an, woraufhin die den Kopf einzog, wie bei Erwartung
eines Schlages.
"
Cúchulainn eben, was ist deine Meinung?", flehend hatte sie
seine linke Hand ergriffen.
"
Ich glaube Kadyaríel hat recht. Zurück kannst du nicht, jedenfalls
nicht durch unsere Macht. Nur Aed oder Morrígan wären im
Besitz von derartigen Kräfte, um dir dein Leben wiederzugeben."
"
Aber ich bin doch nicht tot.."
"
Doch...das bist du hier." Cúchulainn lächelte. "Und
es gar nicht so schlecht oder? Fühl doch nur deinen Körper.
Er hat sich aller Krankheiten entledigt. Begleite mich auf meiner Mission.
Es wird vielleicht gut sein mit einer Frau im Land der Frauen zu reisen.
Wer weiß. Möglicherweise rettest du mir sogar das Leben."
Das er die letzte Äußerung nicht ernst gemeint hatte, ärgerte
Sam, aber zugleich spornte sie dies auch an, ihn zu begleiten. Die Aussicht
in ihren gelähmten Körper zurückzukehren übte eine
große Überzeugungskraft, Phil oder, na ja, Cúchulainn
zu helfen. Vielleicht war sie ja wirklich nützlich in so einem Frauenland.
In ihrer Phantasie stellte sie sich vor, das die komplette Rollen vertauscht
wären. Das weibliche Geschlecht dominierte und die Männer wären
an den Herd verbannt. Frauen regierten und setzten ihre Interessen durch.
Gleichzeitig mit dieser Vorstellung stellte sich die Erkenntnis ein,
dass sich dann die Frauen genauso schlecht verhalten würden, wie
die Männer heute. Eine solche Gesellschaft, schien es ihr, sei nur
auf Rache an den Männer aufgebaut. Cúchulainn wartete immer
noch auf eine Antwort und blickte gebannt auf Sam´s Mienenspiel.
"
Gut..", stieß sie hervor. "Ich unterstütze dich...mir
ist jetzt schon schlecht, wenn ich an das Schiff denke." Erleichtert
drehte sich Cúchulainn zu der Fee um.
"
Dann bringt uns zum Schiff." Sanft berührte er die Hand Kadyaríel´s.
Diese ergriff schroff Sam´s Unterarm. Der Nebel um sie herum verdichtete
sich, das Feuer verblasste und Sekunden später ertönte das
Rauschen des Meeres. Hart schlugen die Wellen gegen die Felsen.
"
Dort ist euer Boot, welches euch nach Tír na mBan bringt." Der
Schattenriss eines Schiffes war auszumachen. Der Mast ragte hoch in die
Luft, leise war das Knattern der Segel zu hören.
"
Die Krieger erwarten euch. Die Flut beginnt in zwei Stunden." Aus
dem Dunklen näherten sich Schritte im knirschenden Kies des Strandes.
Cúchulainn legte seine Hände in die der Fee und blickte ihr
in die Augen.
"
Dank für die Erinnerung an mein wahres Leben. Du musstest lange
Warten auf diesen Tag und nun ist er so schnell wieder vergangen." Ruppig
entwand Kadyaríel ihre Hände Cúchulainn´s Griff
und drehte sich von den beiden weg. "Ja, ja... geht jetzt.." Die
Worte sprach sie mit erstickter Stimme.
Sie versuchte den Tränenschleier wegzublinzeln. In diesem Moment
fühlte Sam fast Mitleid mit den göttlichen Wesen. Sie wandte
sich ab, um die beiden bei ihrem Abschied nicht zu stören. Das Wesen,
welchem Sam in diesem Moment gegenüberstand, war wohl das Schrecklichste,
was sie in ihrem Leben gesehen hatte. Den Mund weit geöffnet, schrie
sie ihre Überraschung und den Schreck aus sich hinaus. Die Augen
des Wesen waren entfernt worden, aber auf ein brutale Art und Weise,
so das noch Teile des Sehnervs aus den Höhlen hingen. Die schmerzhafte
Prozedur schien schon ein Weile her zu sein, denn die trockenen Enden
flatterten im Wind. Überhaupt wirkte sein Antlitz vollkommen verbrannt.
Als Lippen konnte man nur noch verkohlte. schwarze Linien erkennen, aber
die Zähne sehen noch gut erhalten aus, wobei einige fehlten. Diese
Lippenlosigkeit verlieh ihm ein unglaubliches und übelerregendes
Lächeln. Sam hatte sich für männlich entschieden, da die
primären Geschlechtsmerkmale eine Frau fehlten und das Gesicht nun
beim Willen nicht mehr als Entscheidungskriterium dienen konnte.
Dieses Wesen hatte ungefähr ihre Größe, war bekleidet
mit wetterfester Lederbekleidung, die auch schon bessere Tage gesehen
hatte. Die meisten der Löcher und Einschnitte waren bestimmt tödlich
gewesen. Es legte den Kopf auf die Seite, als Reaktion auf Sam´s
Schrei. Kleine Speichelpartikel flogen aus ihrem Mund in das rudimentäre
Gesicht ihres Gegenüber, was Sam peinlich war und sie dazu brachte
den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen.
Hinter ihr lachte Kadyaríel lauthals über Sam. Sie nutzte
die Gelegenheit, die Tränen der Trauer als Freudentränen über
Sam´s Erschrecken umzumünzen.
|